Gesunde Einstellung

Markus kenne ich noch nicht. Ich mache Vertretung für Dr. Nebenan aus dem Nachbarort, und Markus wird von seiner Mutter vorgestellt, er ist acht Jahre alt. Er hat Schnupfen.

Ich: „Guten Morgen, um was gehts denn?“
Mutter: „Er hat Schnupfen, ein bisschen Husten.“
Ich, gebe Markus die Hand: „Morgen, Markus, alles klar?“
Raunt mir die Mutter zu: „Wissensie, er ist geistig behindert.“
Markus: „Jaa!! Ich bin geistig behindert!!“ Lautstark.
Ich: „Alles klar. Und, Markus, hast Du Schnupfen, oder?“
Markus: „Jawoll, Dokter. Und ich bin geistig behindert!!“
Ich: „Prima. Und hast Du denn auch Halsweh?“
Markus: „Ja! Tut echt weh! Und ich bin geistig behindert!!“
Mutter: „Da legt er wirklich Wert drauf.“
Ich: „Den Eindruck habe ich auch.“
Markus: „Ja!! Doktor! Ich bin…“
Mutter schon etwas genervt: „… Markus!“
Ich: „Schon gut. Fieber hat er ja nicht, Schnupfen, der Hals ist etwas rot. Sicher nichts schlimmes.“
Mutter: „Dann ist ja gut.“
Markus: „Prima! Aber ich bin …“
Er holt nochmal richtig Luft: „… geistig behindäääärt!“

33 Kommentare zu „Gesunde Einstellung

  1. Tja, einige Einschränkungen/Krankheiten ergeben sich eben vor allem aus einem ständigen Erwähnungszwang und dem Glauben daran…
    Deshalb bekommt auch nicht sofort jedes LRS-Kind an unserer Schule den Nachteilsausgleich. Führt nur dazu, dass es dann immer nur heiß „Das muss ich nicht können, ich hab LRS.“ Dann lieber versuchen bewusst zu fördern und versuchen vor Überforderung zu schützen, ohne gleich die Jokerkarte als Ausrede für alles übermäßig oft zu verteilen…

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    1. Wiso?
      ist es weniger schlimm wenn er wirklich behindert ist ihm seine defizite ständig unter die Nase zu reiben und quasi mit der Tatsache als solches, jeden gleich vor ihm zu warnen?
      Heisst das wenn er nicht behindert wäre würde das etwas mit ihm machen was es nicht macht wenn er behindert ist?

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        1. Das freut mich das ich´s falsch verstanden habe!
          Und das du anscheinend versuchst den letzten Satz zu verstehen…ist mehr als viele tun würden!

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    1. ja, die Überschrift irritiert, das habe ich nach dem „Abschicken“ des Posts auch gemerkt. Markus war einfach gut drauf. Er war nett und freundlich und posaunte seinen „Behindert“-Ruf so selbstbewußt heraus – als sei er besonders stolz besonders zu sein. Deshalb vielleicht die „Gesunde Einstellung“.
      Alternativ begabte Kinder sind meist im Herzen dermaßen offen und freundlich einnehmend – ich mag das sehr. Zuviel Intelligenz macht unglaublich griesgrämig.

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      1. „Zuviel Intelligenz macht unglaublich griesgrämig.“

        Nein. Zuviel Intelligenz macht erstmal gar nichts. Das Zusammensein mit anderen macht dann häufig griesgrämig, weil beide Seiten Schwierigkeiten haben, miteinander klar zu kommen.

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  2. jokerkarte? Schon mal was von einer Diagnostik gehört? Ohne Diagnostik keine LRS, ohne LRS kein Nachteilsausgleich. Bei einer richtigen LRS können Sie fördern bis sie schwarz werden… ohne große Erfolge zu verzeichnen. Dafür aber jede Menge Frustration fürs Kind.

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    1. Solange meine (von mir selbst diagnostizierte) Dyskalkulie nicht rückwirkend für alle meine Zeugnisse berücksichtigt wird, bin ich sowieso dagegen, sowas wie LRS in einer Schule zu berücksichtigen.

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    2. Da gehen die Meinungen in der Fachliteratur enorm auseinander. Außerdem kommt im Moment echt jeder zweite Junge mit vielen Rechtschreibfehlern mit einem Gutachten von irgendeinem Experten an, das LRS nach ausgiebiger Diagnostik bescheinigt. Dabei trifft das dabei in den seltensten Fällen zu. Nicht jeder, der in der Hamburgerschreibprobe alles falsch schreibt hat LRS. Viele kennen es nur aus der Grundschule nicht (weil es dort nicht gelehrt wird), dass es wichtig ist, fehlerfrei zu schreiben. Diese Schüler meine ich mit Sicherheit nicht.
      Aber auch viele Schüler mit einer richtigen, fundierten Diagnose machen bei passender Förderung echte Fortschritte, wenn sie denn Hilfe bekommen und vor allem wenn sie wollen und ihnen nicht ständig eingeredet wird, dass sie es eh nicht schaffen können, weil sie da ja eine Schwäche haben. Je früher die richtige Diagnose gestellt wird und die Förderung beginnt, desto besser. Ein Mädchen in meiner 7. Klasse wurde direkt ab der dritten Klassen sehr intensiv gefördert. Heute bereitet ihr das Lesen noch immer deutlich mehr Schwierigkeiten als ihren Mitschülern, aber sie hat ein unglaublich umfangreiches Sprachwissen aufgebaut. Dadurch schreibt sie mittlerweile deutlich fehlerfreier als ihre Mitschüler, wenn eben auch langsamer. Und damit ist sie sicher kein Einzelfall, vielmehr gibt es viele Leute, die durch intensives Training große Teile dieser Schwäche ausgleichen. Aber das bedeutet eben harte Arbeit und das wollen viele und vor allem auch viele Eltern nicht…

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      1. Richtig, nach heutigen diagnostischen Kriterien hatte/habe ich eindeutig eine LRS, das hat sogar damals (70er) einer meiner Deutschlehrer vermutet, es gab allerdings sowieso keine Nachteilsausgleiche, sondern es hat mich immer mindestens ein bis zwei Notenstufen in Deutsch gekostet. Mittlerweile lese ich sicher nicht weniger schnell als andere und kann, mit entsprehendem Aufwand und entsprechend sorfältiger nachträglicher Korrektur durchaus weitgehend fehlerfreie Texte zustande bringen. (Selbst-)förderung, Sorgfalt und Training können einen sehr wohl, auch als Erwachsenen noch, vorwärts bringen, auch wenn es immer sehr mühsam bleiben wird. Ich genehmige mir allerdings im Alltag, dort wo es weniger auf Korrektheit als darauf ankommt, dass der Inhalt weitgehend verstanden wird, schon ein wenig mehr Freiheit.

        Es wird schwierig bleiben, LRS-betroffenen Kindern einerseits genug Frustration und Nachteile zu ersparen sie aber andererseits nicht durch ständiges Ausstellen von Freifahrtscheinen von jeglicher Initiative zur zumindest teilweisen Überwindung ihrer Schwäche abzuhalten.

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        1. Sehr schön gesagt, in den Niederlanden ist in vielen Haupt- oder Realschulklassen fast jedes dritte Kind dyslektisch. Das führt dort, wo Behinderte mehr am öffentlichen Leben teilnehmen als in Deutschland, in diesem Fall leider nur dazu, dass die Kinder den Lehrkräften eine lange Nase drehen. In der Pubertät ist es auch wirklich gemütlicher, sich nicht für die Schule anstrengen zu müssen, und wenn man sowieso „freigestellt“ ist.. 😉

          Natürlich muss es aber im Härtefall Ausnahmen geben, schlechtere Noten muss man auch nicht akzeptieren – aber wo zieht man die Grenze?
          Finde das ein schwieriges Thema.

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        2. Es geht ja im Wesentlichen darum, dem Betreffenden das Handwerkszeug mitzugeben, dass er später trotz der LRS gut durchs Leben kommt. Ihn jeder Verantwortung für Fehler zu entbinden ist sicher nicht der Weg.
          Ich weiß nicht, was aktuell bei solchen Kindern getan wird, aber ich könnte mir vorstellen, dass es zum Beispiel hilft, dem Kind nach einem Diktat oder Aufsatz zu erlauben, zum Korrekturlesen ein Wörterbuch zu benutzen. Damit hat es die Möglichkeit, aus eigenem Antrieb seine Leistung zu verbessern, und dabei lernt es eine Strategie, die es später anwenden kann wenn es irgendwann Bewerbungen schreiben muss.

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      2. „Viele kennen es nur aus der Grundschule nicht (weil es dort nicht gelehrt wird), dass es wichtig ist, fehlerfrei zu schreiben. “ Zitat Ende

        Als ich davon das erste Mal gehört habe, habe ich es noch für einen (schlechten) Witz gehalten. Mittlerweile (mit eigenem Kleinkind) bekomme ich dabei regelmäßig Schnappatmung. Und an meinen Neffen kann ich sehen, wie sich das jetzt schon in der Praxis fatal auswirkt.

        Und dann suchen die Eltern oft das Problem eben nicht im Schulsystem, sondern bei irgendeiner Krankheit, die es ja trotzdem unbestrittenermaßen gibt. Damit ist dann weder den Kindern mit noch ohne Dyslexie geholfen… .

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    1. Was ist daran eine selbterfüllende Prophezeihung? Er ist behindert, ob er es ausspricht oder nicht. Ich finde es besser, er weiß es und akzeptiert es als Teil von sich, als wenn es immer nur hinter seinem Rücken getuschelt wird.

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  3. Was habe ich denn alles versäumt in den letzten 20 Jahren? Was ist LRS überhaupt? Wenn ich bei jedem Schnupfen, Husten, Fieber oder Durchfall mit meinen Kindern beim Arzt gewesen wäre, wäre ich aus der Ordination überhaupt nicht mehr herausgekommen.

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    1. Zusammengereimt aus den Kommentaren: Lese-Rechtschreib-Schwäche. Und ich glaube, da gibt es dann mehr Zeit bei Klassenarbeiten oder die Fehler zählen weniger.

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  4. Gut, der Junge entschuldigt sich wenigstens nicht dafür, daß er überhaupt da ist. Aber ich hab schon den Eindruck, da hat sowas wie ne Engführung stattgefunden. „Geistig behindert“ ist offenbar für ihn DAS Identitätsmerkmal schlechthin geworden. Natürlich nimmt das den „Ist der geistig behindert?“-Tuschlern den Wind aus den Segeln, aber die Stigmatisierung findet genauso statt. Das Leben bleibt also ein IKEA-Regal, in das er sich einzuordnen hat. Und das kann ein Achtjähriger einfach noch nicht überblicken, deshalb sollten da Erwachsene korrektiv eingreifen. Schließlich hat ihm jemand dieses Herausposaunen auch beigebracht.

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