Jahresrückblick 2018 I – Lesepotpourri Oktober, November, Dezember

Jetzt beginnt die busiest time of the year, das vierte Quartal des alten Jahres und das erste des neuen Jahres, daher sind die Leseergebnisse nicht so üppig ausgefallen wie im Sommer. Hier sind sie:

Der Freund der Toten von Jess Kidd (übersetzt von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel

Ein etwas anderer Krimi. Der Weltenstreuner Mahony reist zurück in das Dorf seiner Kindheit, auf der Suche nach dem Mörder (?) seiner Mutter. Dabei trifft auf die skurrilen und sympathischen und seltsamen Bewohner des Ortes, geht Liebeleien ein und ist doch nur ein Durchreisender. Ein Theaterstück spielt eine Schlüsselrolle, aber es sind vor allem die Toten, die Mahony bei der Suche helfen. Der Typ kann Verblichene sehen, kann sie hören, kann mit ihnen kommunizieren. Ein Gruselfilm ist es trotzdem nicht. Ein paar Längen, aber, wer sich auf die blumige Sprache einlässt, bekommt ein nettes Lesevergnügen serviert. (4/5)

Spademan von Adam Sternbergh (Übersetzt von Alexander Wagner)

Ich war im Oktober in New York und gerne lese ich anderen Orten Krimis aus der entsprechenden location. „Spademan“ war ein Tipp aus Twitterkreisen, und es hat sich wirklich gelohnt. Mir hat der Thriller um den Auftragskiller Spademan sehr gut gefallen, ein Rush durch die Stadt, eine persönlich Aufgabe, die den abgebrühten coolen Typ schnell an die Grenze der Belastung bringen. „Spademan“ spielt irgendwo zwischen der Gegenwart und der weiteren Zukunft, New York ist ein noch größeres Moloch als es jetzt schon ist. Religionswahn und Technik gepaart mit einem schönen hardboiled Krimi noir – jetzt habe ich alle Anglizismen durch. Die Fortsetzung liegt schon auf meinem SuB. (5/5)

Der Teufel von New York von Lyndsay Faye (übersetzt von Michaela Meßner)

Und noch ein Buch, das in New York spielt, jetzt aber in der Vergangenheit des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Es wird die neue Polizei von New York gegründet, das NYPD, ein Flüchtlingsstrom aus Europa schwappt über die Neue Welt und ein Kindermörder treibt sein Unwesen. Der eigentliche Barkeeper Timothy Wilde wird zum Polizisten und Detective ernannt und sieht sich einer Verstrickung aus Bordellbesitzern, Politikern, der Kirche und seinem eigenen Bruder gegenüber. Brilliant und spannend geschrieben, mit viel Lokalkolorit und – natürlich – geographischer Raffinesse, wie NY früher einmal war. Auch hier gibt es Fortsetzungen – ich bin gespannt. (5/5)

Elevation von Stephen King

Ein kleiner schmaler Band des Bestsellerautors und doch ein typischer Stephen King: Eben kein Horror, keine Gruselgeschichte, keine Monster. Und trotzdem eine seltsame Story über den älteren Herren Scott Carey, der … immer mehr Gewicht verliert. Aber das ist nur die halbe Geschichte, denn es geht hier nicht um Magersucht. Im Deutschen heißt das Buch Erhebung, was den Titel nicht hinreichend übersetzt. Es geht um Überhöhung, um Leichtigkeit, um das Verlieren des Bodens unter den Füßen. Nach ein paar Hängern der letzten Jahre mit spannenden, aber durchschnittlichen Krimis, hier ein ganz großer Wurf von Stephen King, eine Novelle, die er aber wohlweißlich nicht in irgendeiner Anthologie versenkt hat, sondern eine eigene Veröffentlichung gönnte. Lesetipp. Wer Sorge hat, dass er dem Trivialen verfällt – einfach den Namen King ausblenden. (5/5)

Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede von Haruki Murakami (Übersetzt von Ursula Gräfe)

Eine nette Sammlung von Geschichten um das Laufen und das Schreiben. Der passionierte Läufer (incl. Marathon) Murakami erzählt aus seinem Leben, wie es zum Laufen kam und zum Schreiben und welche Verbindung es hier gibt. Wohl mehr was für Fans des einen oder des anderen, aber ganz unterhaltsam. Das Buch motiviert zum Laufen, zum Schreiben, zum Lesen von Murakami. Pflicht erfüllt. (4/5)

Alles halb so schlimm von Stephan Nolte

Mal wieder ein Sachbuch zum Empfehlen. Nolte ist ein kinderärztlicher Kollege aus dem Hessischen, der sich in Fachbereichen gerne einmal einbringt mit unorthodoxer Sichtweise auf unseren Medizinbetrieb. So weit, so sympathisch. Er kann gut schreiben, das hat er an anderer Stelle schon bewiesen. Nun legte er ein Buch vor, das jeder Kinderarzt selbst gerne geschrieben hätte: Der Titel ist Programm.

Das Buch soll Eltern vermitteln, dass das Großziehen von Kindern und die Auseinandersetzung mit den Wirrungen dieser Zeit „halb so schlimm“ ist, dass die Eltern wieder mehr auf ihren Instinkt vertrauen und nicht helikoptern sollen. Das Buch versteht sich auch als gesellschaftliche Kritik, am Medizinbetrieb, aber auch z.B. an der frühen Kitaisierung unserer Kinder.

Eine Stern Abzug bekommt Nolte für seine (wenn auch moderate) impfkritische Einstellung und die pseudoverbrämte Liebe zur Homöopathie – mit solch vernünftigen Einsichten sollte sich der Kollege lieber von der Glaubulisierung unserer Eltern abwenden. Keine Ahnung, ob Kollege Nolte meinen Blog kennt, aber so weit voneinander entfernt sind wir vermutlich nicht. (4/5)

Der dunkle Prinz von Enrico Marini (Übersetzt von Monja Reichert)

Ich bin Batman-Fan. Von allen Superhelden ist er mein Hero: Viel Geld, viele Muckis, eine spannende Backgroundstory, die jeder inzwischen kennt, mit dem Joker ein fantastischer Antagonist. Schon oft ist die Geschichte neu gezeichnet oder gefilmt worden. Legendär die peinlichen Auftritte eines Michael Keaton oder Val Kilmer in den 90er (trotzdem Kult!) und die Neuerfindung durch die Nolan-Filme. Und klar: Auch in den Comics gibt es stets neue Versuche. „Der dunkle Ritter“ von Frank Miller setzte Maßstäbe des Genres, nun ein neuer Start von Enrico Marini. Der Joker ist dabei, Harley Quinn und eine sehr persönliche Verstrickung des schwarzen Rächers. Unglaublich gut koloriert mit wunderbar dynamischen Bildern, Panels wie im Film. Ich bin durch und habe nochmal von vorne angefangen. (5/5)

Spirou in Berlin von Flix

Jaaa – der Flix hat ein neues Album veröffentlicht. Naja, das hier ist inzwischen schon älter, aber ich komme doch jetzt erst zum Besprechen. Ich durfte Flix auf seiner Tour sehen (wer noch die Möglichkeit hat: Macht es, es ist ein gaaanz anderes Erleben des Comics), der Mann selbst ist so sympathisch, und das setzt sich in seinen Comics durch. Ich war bisher kein großer Spirou und Fantasio Fan, aber jetzt bin ich am Haken. Es ist alleine eine Auszeichnung, dass die belgischen Lizenzgeber einem deutschen Zeichner diese Verantwortung übergeben, einen „deutschen Spirou“ zu zeichnen – und Flix meistert das mit Bravour. Es macht schlicht Spaß, den Comic zu lesen, versteckte Botschaften zu finden und sich von der Geschichte mitreissen zu lassen. Ein Comic dieses Jahr? Nemmt Spirou in Berlin! (5/5)

Bonus: Meine drei Lieblingsbücher dieses Jahr:

In vier Überblicken habe ich dieses Jahr meine gelesenen Bücher Revue passieren lassen (Hier und heute) – es waren insgesamt 43 Bücher, Hörbücher oder Comics, sicher habe ich noch eines oder zwei vergessen, eigentlich ein mieser Schnitt. Aber meine drei Highlights waren (mit Link zur Besprechungsseite):

Tyll von Daniel Kehlmann

Von dieser Welt von James Baldwin

Die Stadt der träumenden Bücher von Walter Moers

Alles keine Neuerscheinungen in diesem Jahr, aber den Anspruch habe ich ja auch nicht. Viel Spaß im neuen Jahr – lest fleißig, dann bleibt Ihr schlau.

[Der Text enthält so genannte Affiliate Links zu Amazon]

3 Kommentare zu „Jahresrückblick 2018 I – Lesepotpourri Oktober, November, Dezember

  1. Hallo Kinderdok,
    Herr Nolte beantwortete damals unsere Frage, ob er auch ohne Homöopathie behandle, leider nicht. Stattdessen wurden wir hinauskomplimentiert. Da im Wartezimmer auch das Erziehungsbuch von Eva Hermann im Regal stand, war uns das rückblickend aber nur recht. Nun sind wir bei einem sehr entspannten Kollegen wunderbar aufgenommen, bei dem ich schon so manches Mal überlegte, ob er auf diesem Blog schreibt.

    LG und guten Rutsch
    Katrin

    Gefällt 1 Person

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