Tut mir leid

„Wissen Sie, sie hat es nicht so mit Männern.“

Die Vierjährige sitzt im Kuschelkreis auf dem Schoß der Mama und weint bereits, als ich durch die Tür komme. Es geht um Fieber, Halsweh, Husten, Schnupfen, das übliche Angebot derzeit.

„Wer geht schon gerne zum Arzt“, sage ich. „Und dann auch noch krank.“

Die Tochter zappelt und windet sich inzwischen, die Mama spricht beruhigend auf sie ein, ich verstehe nicht alles, es ist von „alles nicht so schlimm“ und „gehen nachher Eisessen“ die Rede, alles legitime Aussichten angesichts der töchterlichen Abneigung.

„Jetzt schauen wir mal, wieviel ich untersuchen darf.“

Ich rolle mit meinem Arztschemel Richtung Kuschelrunde, lächele, schäkere, zeige das Stethoskop, den netten Teddy, simuliere mit der mitgebrachten Püppi, erkläre alles genau, was man eben so tut. Je konkreter aber die Untersuchung naht, umso intensiver wird das Weinen. Inzwischen wedeln die Arme, die Mutter geht in Deckung.

„Sie dürfen Sie etwas festhalten, das Shirt hochziehen, dann kann ich abhören.“

Das Kassendreieck wird gelupft, bei uns Kinderärzten eher Gnade des Patienten denn mangelnde Zeit, die Tochter zerrt es wieder runter, hoch die Mama, runter das Kind. Die Beine gehen hoch, die Knie stampfen, ich weiche aus, mache lange Arme.

„So, dann noch Mund und Ohren, Hals abtasten.“

Ich bitte die Mama, etwas die Arme und den Kopf zu halten, um HNO zu untersuchen. Da passiert es. Das Mädchen strampelt, schreit, schlägt um sich, rutscht Mama aus dem Griff und erwischt beinahe gleichzeitig mit der Hand meine Brille und mit dem Fuß mein Knie.

„Tut mir leid, tut mir leid“, ruft die Mutter.

Ich halte mir das Schienbein und sammle die Brille wieder auf, zucke mit den Schultern. Kommt ja häufiger vor.

„Nicht so schlimm“, sage ich. „Kann passieren, Berufsrisiko“, und was ich noch so plappere.

„Tut mir leid, tut mir so leid“, spricht weiter die Mutter.

„Schon ok, schon ok“, sage ich.

Und merke erst jetzt, dass sie gar nicht mit mir spricht, sondern mit der Tochter, die weiter mehr brüllt und schreit als weint:

„Tut mir so leid, mein Schatz, tut mir so leid, dass der Mann Dich untersucht hat. Und dass ich das auch noch zulasse. Aber jetzt ist es ja vorbei. Alles wird gut.“

(c) Bild bei Flickr/Luis Marina (unter CC BY 2.0 Lizenz)

25 Kommentare zu „Tut mir leid

  1. … nächstes Mal DEINE Mama auch mitnehmen, lieber Kinderarzt, die würde nicht nur dich (zu Rech!) trösten, sondern hätte vielleicht auch den Hausverstand, der heute manchmal fehlt. DIe könnte vielleicht die Jung-Mama ein bisschen einnorden: Wer nicht mal eine harmiose Untersuchung durchsteht, wie soll der/die das Leben meistern grübel?
    LG
    Anna,
    Vielfach-Mutter

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  2. Ernsthaft? Ein Kind hat es nicht so mit Männern? DAS habe ich über meine Dogge auch gesagt, ein Tierheim-Tier, daß den männlichen Teil der Bevölkerung gern gebissen hat.
    Und dann tröstet sie das Kind? Sicher, das es eins war? Wie gesagt, die Dogge und ich…

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    1. Ich lauere ja immer noch auf den Augenblick, wo jemand seinen Westhighland-Größe-Hund zum Schutz vor meinem Großen-Schweizer-Sennen auf den Arm nimmt und mich böse anschaut… und ich dann die 42kg des Großen-Schweizer mir selbst auf die Arme wuchte und loszetern kann: Nehmen Sie Ihren Hund weg! Meiner hat Angst vor dem! Ein Testlauf (ohne „Gegner“) hat schon stattgefunden, allerdings hat meiner ziemlich dumm geschaut, als er plötzlich getragen wurde… 🙂

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  3. So ähnlich wurde ein Kind in unserem Freundeskreis auch behandelt. Jetzt ist dieses Kind 14 und die Mutter kann ihn nicht mehr bändigen. Jetzt hat sie sogar stellenweise Angst vor dem eigenen Kind. Leider wird viel zu oft übersehen, dass hilfsbedürftige Babies zu kleinen manipulativen Kindern heranwachsen und das eigene Verhalten angepasst werden muss.

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  4. Hm ja… Entweder sie hat ein tiefergreifendes Problem oder bei der Erziehung läuft echt was falsch. Wir hatten nie Probleme beim Kinderarzt, auch nicht wenn Spritzen oder sowas anstehen. Ich bereite sie immer darauf vor und sag dann schon mal sowas wie: Ich weiß, dass ist jetzt doof, aber das muss jetzt sein, damit deine Blutpolizei ganz stark wird.

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    1. So machen wir das auch! „Blutpolizei“ ist mir aber nicht eingefallen 😀 wir spielen vorher immer mit dem Arztkoffer und ich erkläre vorher was passieren wird und warum… Hier und da wurde bei uns schon mal geweint, aber mit ein paar lobende Worten hinterher war das meist alles wieder vergessen. Komische Mutter da in dem Beitrag.

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      1. Die Blutpolizei zieht echt gut, das können die sich bildlich vorstellen, wie die dann gegen Viren und Bakterien kämpft. Wir hatten auch bloß einmal etwas Theater, als wir spät noch zur Notfall Praxis fuhren, das Kind nicht vorbereitet war und obendrauf total krank und fertig.

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    2. Da haben sie aber trotz allem auch eine ordentliche Portion Glück. Ich spreche immer vorher mit meinen Kindern, erkläre alles, bin auch völlig konsequent darin, dass Untersuchungen/Impfungen/Behandlungen beim Arzt nunmal einfach sein müssen. Aus diesen oder jenen Gründen. Das eine Kind hat zwar trotzdem manchmal etwas Angst und da fließt auch mal ein Tränchen, wenn Blutabnehmen oder ähnliches im Spiel ist, aber es macht wenigstens immer mit. Das andere Kind läßt sich extrem ungern untersuchen und zeigt das auch. Und bei der letzten Impfung hat es die komplette Praxis zusammen gebrüllt, während ich ihn fest halten musste, damit der Arzt überhaupt impfen konnte.

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    3. Wir machen immer nie eine Vorbereitung und es klappt trotzdem immer. Bei beiden Kindern, bei jedem Arzt.
      Selbst, wenn man nichts sagt, kann man etwas ausstrahlen. Ruhe zum Beispiel. Oder Hysterie.

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      1. Ja klar, dass man als Elternteil ruhig ist, ist das wichtigste überhaupt.
        Ich bin als Kind immer ohne Vorbereitung geimpft worden und fand das schrecklich und ich kann mich auch erinnern, dass ich immer die Praxis zusammen gebrüllt habe. Ich habe mich da immer total ausgeliefert gefühlt. Ich denke, dass es zumindest gut ist, wenn sie verstehen was passiert und warum was gemacht wird. Aber jedes Kind ist anders und wenn es bei euch funktioniert, ist es doch klasse.

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      2. Genau: „Kinder kann man nicht erziehen, früher oder später machen sie einem doch alles nach.“ Mit Gelassenheit und Selbstverständlichkeit hat es bei uns bisher immer geklappt.

        Ergebnis: Die Kinder sind gelassen und können ruhig das Geschehen beobachten und sie bekommen immer mit was passiert und lernen noch viel dabei. Sie sind für Erklärungen des Arztes empfänglich und dadurch vorbereitet auf was auch immer. Selbst vor der OP haben sie sich mit zwei Jahren wach den Zugang in die Hand legen lassen und dabei interessiert zugeschaut.

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  5. Na ja, ich weiß das auch kleine Kinder meine (Tochter 4 ) es schaffen mit dem Arzt zu sprechen wo es ihnen weh tut. Klar mit etwas Unterstützung. Aber mir als Mama tut ja nichts weh das können die kleinen schon gut beschrieben.
    Und sind wir mal ehrlich wenn ich merke das der Kinderarzt nicht so auf meine Kinder eingehen kann wie ich es mir wünsche muss ich mir einen anderen suchen.
    Was nicht heißen soll das sie ein schlechter Arzt sind nur manchmal passt die Chemie nicht.
    Wir gehen in eine Gemeinschafts Praxis und mir ist der eine auch lieber als der andere.
    Aber mit den Kindern im kontakt sind beide Super.
    Aber hier ist die Mama einfach drüber.

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  6. Bin ich die einzige, deren Alarmglocken hier klingeln???

    Bei so einer ausgeprägten Abneigung gegen das Anfassen durch einen Mann, wäre meine Sorge eher, dass das Kind hier einen bestimmten Erfahrungsschatz mitbringt?!
    Sicher muss man nicht den Teufel an die Wand malen- aber
    leider kommt das ja öfter vor, als uns allen lieb ist.
    Und dieses Kind scheint ja fast schon traumatisiert zu sein.

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    1. Ja, das wäre natürlich auch eine denkbare Möglichkeit. Aber so wie die Geschichte weiter geht, klingt es doch eher nach einer Übertragung der Mutter auf das Kind.
      Was auch immer die Mutter dahin gehend oder auch nicht erlebt haben mag.

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  7. Tja lieber Kinderdoc, was mich ja brennend interessiert: Was machst du da? (Klar ist die Pointe so spitzer ;))
    Wie sprichst du die Mutter darauf an, dass du ihr einr andere Herangehensweise dringend ans Herz legst?

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  8. …ich muss zugeben, ich habe mich auch schon bei meinem Sohn (5.5 Monate) entschuldigt, dass ich ihn impfen lasse (weils wehtut. Und weil er anschliessend jedes Mal fiebert. Aber ich sag ihm auch, dass das das kleinere Übel ist, weil Kranksein noch viel, viel weniger schön ist). Ich hab mich tatsächlich sogar dafür entschuldigt, dass er jetzt zum ersten Mal krank ist, weil ich wieder arbeiten will und er deshalb jetzt bei der Krippeeingewöhnung ist (wir haben in der Schweiz leider einen SEHR bescheidenen Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen und ewig kann ich nicht unbezahlt verlängern…). Aber dafür, dass er vom Arzt untersucht wird? Dafür werde ich mich nie entschuldigen, ausser ich habe das Gefühl, der Arzt sei übergriffig. Dann wäre ich aber auch das letzte Mal dagewesen.

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  9. Klingt auch für mich nach Panikübertragung von Mitter auf Kind. Im ersten Moment kamen mir auch andere Gedanken, aber die Entschuldigung am Ende klingt nach extremstem (Selbst)schutz. Damit tut sie dem Kind keinen Gefallen.

    Ich hatte zwischenzeitlich auch ein Kind, das sich nicht gern anfassen ließ. Schwerkrank, monatelang Klinik – das hinterlässt Spuren. Und führte halt auch zu Tränen, Verweigerung, um sich schlagen. Wir haben dann abgewägt was nötig ist und was nicht. Und was nötig war, da habe ich das Kind vorbereitet und mich durchgesetzt. Habe mir und dem Kind aber auch die Freiheit gegeben, Dinge wie z.B. die wildfremde Frau vom Gesundheitsamt im KiGa abzulehnen.Ich hatte ihr eine grobe Erklärung gegeben, Details gingen sie meiner Meinung nach nichts an. Fand selbige verständlicherweise nicht lustig, faselte was von antiautoritär und Psychologen.

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  10. Ich wollte mein ganzes Studium lang Kinderarzt werden, von vornherein. Sicherlich gab es immer mal schwierige Eltern oder schwierige Kinder. Alles kein Problem. Kurz vor Ende meines Studiums, im letzten Tertial meines praktischen Jahres war ich mal wieder in einer Kinderklinik – das war dann zu viel. Uneinsichtige Eltern, Helikoptereltern und Eltern auf dem Bio-Öko-Vegan-Trip. Es waren nicht so viele, aber dass Eltern dermaßen ihre Kinder schädigen dürfen und wir außer gut zureden nichts machen können – damit kann ich nicht umgehen. Jetzt bin ich in der Inneren. Klar habe ich wieder die volle Bandbreite an Angehörigen, aber meine Patienten sind meist am anderen Ende des Lebenslaufes angekommen. Da ist der Schaden dann deutlich kleiner.

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