Weniger Infekte dank Corona?*

Katze mit Brille (lediglich als Lockmittel abgebildet)

Im vergangenen Jahr hat sich so einiges verändert. Dazu zählen auch die Besuchsgewohnheiten beim Kinder- und Jugendarzt. Bereits während des ersten Lockdowns haben wir in den Praxen einen deutlichen Rückgang der Patientenzahlen gespürt. Im März und April sind wir zwar selbst aktiv geworden und haben Vorsorgeuntersuchungen und planbare Impftermine verschoben, manche Dinge wie Kontrollen der Sprach- oder Motorikentwicklung für Heilmittel gänzlich abgesagt – Logopädie und Ergotherapie fanden in den Praxen nicht mehr statt. In der Zwischenphase des Sommers, als alles so gut aussah, konnten wir die ganzen Termine abarbeiten und nachholen, der Sommer in der Kinderarztpraxis ist grundsätzlich entspannter.

Aber da sind immer noch die Akutpatienten, Kinder sind infektanfällig, sie gehen in Kitas und Schulen, sie nehmen alles mit, entspannte Zeit über die warme Jahreszeit, Hochsaison im Winter. Eltern kennen das. Die berühmten zehn bis zwölf Virusinfekte im Jahr sind da ganz normal. Aber 2020 war alles anders. Ich habe einmal die Statistik bemüht und vier typische Infektionskrankheiten herausgegriffen: Den Scharlach (mit allen Unterkategorien der Streptokokkeninfektion), den Magen-Darm-Infekt, den Läusebefall (jaja…) und die allgemeinen Luftwegsinfekte der oberen Atemwege (mit Fieber, ohne Fieber, Husten, Schnupfen, Heiserkeit).

Die ersten Zahlen zeigen die Krankheitsfälle des Jahres 2019, die zweiten die von 2020. Noch plastischer wird es, wenn wir die Statistik vom 1.4. – 31.12. betrachten (Die Kita-Schliessungen begannen zwar schon Mitte März, aber so lässt es sich leichter berechnen).

  • Scharlach
  • 287 Fälle in 2019, 104 Fälle in 2020 (Rückgang um 64%)
  • 238 Fälle Q2-Q4 2019, 40 Fälle Q2-Q4 2020 (Rückgang um 84%)
  • Gastroenteritis
  • 402 Fälle 2019, 157 Fälle 2020 (Rückgang um 61%)
  • 304 Fälle Q2-Q4 2019, 85 Fälle Q2-Q4 2020 (Rückgang um 73%)
  • Läuse
  • 61 Fälle 2019, 29 Fälle 2020 (Rückgang um 53%)
  • 39 Fälle Q2-Q4 2019, 13 Fälle Q2-Q4 2020 (Rückgang um 66%)
  • Luftwegsinfekte
  • 1945 Fälle 2019, 1536 Fälle 2020 (Rückgang um 22%)
  • 1392 Fälle Q2-Q4 2019, 620 Fälle Q2-Q4 2020 (Rückgang um 56%)

Auch die Gesamtzahl unserer Patienten ist im Jahr 2020 um 18% zurückgegangen, in den Quartalen 2 bis 4 sogar um 24%.

Die Gründe sind einfach: Kitas und Schulen waren zeitweise geschlossen. Kontakte wurden eingeschränkt. In den Einrichtungen wurde mehr auf Hygiene und Abstand geachtet. Zu beachten ist die Verbreitung der verschiedenen Krankheiten: Die absoluten Fälle für Luftwegsinfekte sind naturgemäß höher, es gibt einfach genug Erreger auch neben dem CoVid19. Für Läuse braucht es sehr innigen Kontakt, deshalb hier ein stärkerer Rückgang als z.B. bei den Luftwegsinfekten, die auch über Handkontakt oder die Luft übertragen werden.

Nicht berechnen lässt sich der Effekt, dass Eltern in dieser Zeit aus Sorge vor Infektionen ungerner in eine Arztpraxis gehen. Vielleicht haben die Eltern mehr prorisiert: So krank ist mein Kind nicht, dass ich in eine Praxis muss. Meine fMFA haben eine tolle Arbeit am Telefon geleistet: Viele Eltern liessen sich durch die Fernberatung beruhigen, erst einmal abzuwarten. Der Haupteffekt der Infektionen ist jedoch: Bessere Hygiene und Kontakteinschränkungen wirken auch bei anderen Krankheiten.

Wie lange die Veränderung anhält, hängt natürlich vom weiteren Verlauf der Pandemie ab. Solange Corona wütet, bleiben Kontakte eingeschränkt, geht man ungern in die Praxis. Vielleicht etabliert sich aber ein Denken, dass auch bei anderen Erkrankungen mehr an den anderen denken lässt, mehr Händewaschen, mehr Abstandhalten. Und vielleicht muß man nicht mit jeder laufenden Nase in die Arztpraxis gehen.

*Kein catcontent = Bild wird als schamloses clickbait-pic verwandt.

(c) Bild bei pixabay (Freie Lizenz)

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21 Gedanken zu “Weniger Infekte dank Corona?*

  1. Kann man eigentlich etwas dazu sagen, ob die „verpassten“ Infekte sich langfristig negativ auf den Aufbau des Immungedächtnisses auswirken könnten in der Altersklasse unter 6?

    Bitte nicht falsch verstehen, ich bin absoluter Befürworter von Abstand, Hygiene, Home Office und hatte die Kinder monatelang zu Hause. Aber während die Große noch nie wirklich krank war (2 Fehltage in Summe vor Corona in knapp 2 Jahren Kita in Summe 😳 ), hatte der Kleine vor Corona standardmäßig einen Infekt nach dem nächsten. Jetzt gar nichts mehr.

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    1. Interessante Frage. Ich will mal von der anderen Seite her draufschauen.

      Die Frage setzt die Annahme voraus, dass ständige Infekte normal sind – was sie für unsere Verhältnisse auch sind. Aber sind sie normal für den Menschen als Art? Eher nein. Ansteckungs- und Übertragungsmöglichkeiten wie in einer Kita/Schule hatte die Menschheit für den Großteil ihrer Geschichte nicht: Familienverband, Gruppe, Hof, Dorf – die Anzahl der Haushaltskontakte der Kinder war deutlich geringer. Sie trafen auch sicherlich auf weniger vielfältige Viren als wir heute – dank der globalen, aber auch der autoschnellen regionenübergreifenden Mobilität.

      Sehe ich gar nicht als problematisch. Sonst müssten Kinder aus dem Homeschooling in den USA ja schlechtere Abwehrkräfte als andere Kinder haben.

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      1. Es gibt Studien, dass bei Erwachsenen nach Forschungsaufenthalten in der Antarktis autoimmune Reaktionen wie Allergien verstärken auftreten. Ich finde deinen Gedanken deswegen nicht aus der Luft gegriffen – besonders was die Kinder angeht, die derzeit wirklich keine Freunde treffen und kaum aus dem Haus kommen. Unsere haben zumindest viel Matsch-Kontakt 😉
        Das Ganze ist ein bisschen wie eine Feldstudie, ich hoffe, mit beruhigendem Ausgang. Vielleicht gibt es ja sogar positive Effekte wie weniger Diabetes Typ 1-Erkrankungen, die laut australischen Daten offenbar u.a. von Rotaviren beeinflusst werden können…

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    2. Ich denke du kannst unbesorgt sein. Die Kinder wachsen ja nicht steril auf und die Infekte werden wenn gelockert wird auch wieder mehr werden. Zudem trainieren Impfungen. Es gab ja schon immer Kinder die aufgrund von KH- Aufenthalten, Selbstbetreuung usw. wenig Kontakte und damit Infekte hatten.

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      1. Dass es irgendwann mal eine Einsicht geben wird, nicht bei jedem Schnupfen zum Kinderarzt zu rennen, halte ich für Wunschdenken. Die Bequemlichkeit und die Flatrate- Mentalität werden wieder siegen.
        Nach zwei Wochen Weihnachtspause hatten wir am Montag ….Achtung….4!!! akute Patienten in der Akutsprechstunde.
        Normal wären ….Nun ja…..50 wären geschmeichelt. Sicherlich ist das Infektionsgeschehen rückläufig, aber Hauptfaktor ist die Angst. Gerade bei den Säuglingspatienten merkt man das. Hier will die Elternfraktion viel per Telefon „Mal abklären““…Sofern wir den Spuk ohne bleibende psychische Schäden ( die ich inzwischen aus praxisinterner Sicht als gravierender betrachte) überstehen,wird im nächsten Herbst wieder alles beim Alten sein.

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        1. Auf alle Fälle! schon allein der Hinweis jetzt, Kliniken nur im Notfall aufzusuchen- das sollte eigentlich ganz normal sein und es gibt auch noch die KV Praxen. Viele stat. Aufenthalte hätten sich auch schon früher vermeiden lassen.

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        2. Im nächsten Herbst wird es für Kinder wohl noch keinen Impfstoff geben, Erwachsene werden hoffentlich geschützt sein, aber das Virus vielleicht weitergeben können. Ob ihr da wirklich normalen Praxisbetrieb haben werdet? Fast würde mich das freuen.

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  2. Den letzten Satz… Das würde ich wirklich gerne tun, allein ich brauch den Kindkrank-Wisch, damit ich mit dem Kind daheim bleiben kann. Sonst würd ich mit a bisserl Schnupfen (außerhalb von Corona) gar nicht aufschlagen.

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    1. Ok, verstehe ich bei Dir. Aber sei sicher: Die wenigsten kommen wegen der Krankmeldung. Das ist auch so eine urban legend, dass die meisten Kinderarztvorstellungen nur für den Kinderkrankschein stattfinden.

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  3. Ich habe es nicht in Zahlen ausgewertet, aber den gleichen Eindruck aus der Allgemeinmedizinpraxis: deutlich weniger Infekte aller Art bei Kindern (Läuse habe ich dieses Jahr sogar nur 1 Mal gesehen), aber auch bei den Erwachsenen.
    Bei beiden Patientengruppen führen die simplen Atemwegsinfekte vor Gastroenteritis und Covid19 (Erwachsene).
    Funfact: ich habe diesen Winter noch keine einzige Pneumonie und nur eine einzige Bronchitis diagnostiziert. Sehr ungewöhnlich!

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  4. Also, unsere Kinderarztbesuche, bei immerhin 4 Kindern, beschränken sich außerhalb der U Untersuchungen/ Impfungen auch auf die Notwendigkeit der Krankmeldung beim Arbeitgeber und haben wir auch immer so angekündigt. Aber bei unserem Kinderarzt gibt es keine Krankschreibung ohne Untersuchung (was ja grundsätzlich auch okay ist). Und einmal Ausschlag am ganzen Körper und einmal Borreliose….
    Aber was mich wirklich wundert, was machen die Leute den mit Läusen beim Kinderarzt? Wie soll der denn da bitte helfen. Das Nissenauskämmen dauert doch auch ohne Kinderarztbesuch schon lange genug!

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      1. Wer ist „die“? Läusemittel sind ja frei erhältlich und eine Gesundschreibung übrigens nach Infektionsschutzgesetz nicht einforderbar. Spielt doch diese Spielchen mit den Kitas oder Schulen nicht mit!

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        1. Das war eine Antwort an die fragende Person. Frei verkäuflich kostet das Läuse Mittel Geld, mit Rezept nicht. Die Bescheinigung ist auch in der Packung enthalten das stimmt. Aber es kostet eine Zehntel Sekunde diese mitzugeben. Ich nutze meine Ressourcen lieber anders als für Diskussionen um wie sie es nennen spielchen.

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        2. Unsere Kita läuft über einen privaten Träger. Die haben schon seit Jahren die Impfpässe kontrolliert. Keine MMR – Impfung? Kein Platz! 👍

          Eine wie auch immer formlose Bestätigung auf erfolgreich durchgeführte Läuse – Behandlung wollen sie aber auch. Legal? Keine Ahnung. Vor Gericht zieht deswegen jedenfalls niemand…

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        3. Nun ja, nachdem wir in einer 2. Klasse über ein dreiviertel Jahr hinweg immer wieder Läuse in der Klasse hatten (immer von einer bestimmten Gruppe Kinder ausgehend), kann ich sehr gut verstehen, dass Schulen und Kita’s sich hier absichern wollen.

          Und nein, es waren keine bildungsfernen Haushalte mit seltsamen hygienischen Vorstellungen. Vom äußeren Anschein her eher das absolute Gegenteil.

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    1. Lotti, ich hab mir sagen lassen, für das Läusesmittel kann man sich beim Kinderarzt ein Rezept holen. Ich wollte die Tierchen aber lieber so schnell wie möglich wieder loswerden. Deshalb wäre ich nicht im Traum auf die Idee gekommen, dafür erstmal zum Arzt zu marschieren, wenn es das Mittel auch ohne Rezept in der Apotheke gibt. Kann mir aber vorstellen, dass sich das nicht jeder leisten kann. Bei mehreren Kindern mit langen Haaren reicht eine Packung nicht.

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  5. Vielleicht liegt es auch mit daran, dass die Eltern weniger Krankschreibungen benötigen, weil sie eh zu Hause waren. Ich bin mit meinen Kindern äußerst selten wegen Krankheiten beim Kinderarzt, da ich Hausfrau /in Elternzeit bin und sie meist nur banale Infekte haben, mit denen sie aber nicht unbedingt in Kita und Schule können. Wäre ich angestellt, müsste ich aber damit trotzdem zum Arzt.

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