Lesepotpourri Januar, Februar, März

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Die ersten Monate des Jahres sind üblicherweise die leseintensivsten, die Tage sind kurz, die Abend lang. Dank der Corona-Pandemie ist die Praxis merklich ruhiger als sonst um diese Jahreszeit, da bleibt mehr Zeit zum Lesen. Ich habe zum Glück nach Jahren mal wieder eine Routine im Lesen erreicht: Abends vor dem Schlafengehen mindestens eine Stunde und am Wochenende nachmittags zwei bis drei Stunden. Dazu kommt ab und zu „Die Zeit“ lesen und natürlich die Schnipsel im Internet.

Hier also die Lektüren der ersten drei Monate, ganz schön viele, sehe ich gerade ;-))

Sweet Dreams von Frank Goosen

Das Schreiben über die 70er, 80er und 90er ist so voll Frank Goosen, seine absolute Lebensaufgabe. Wer also in dieser Zeit SchülerIn oder StudentIn war, wird sich in diesem Buch wohlfühlen. Wir erinnern uns des Rockpalastes, Schulfreizeiten, dem ersten Geknutsche und natürlich den Jahrestreffen nach dem Abi. Es gibt ausreichend Reminiszenzen zur damaligen Pop- und Rock- und Punkkultur, das wohlige Gefühl des „Hach, damals“ stellt sich ein, es ist alles etwas unzusammenhängend, eben nette Anekdoten. Das wars dann aber auch. (3/5)

Nils. Von Tod und Wut. Und von Mut. von Melanie Garanin

Heftiges Buch, irgendwo zwischen Geschichte, Aufarbeitung und Kritzelei. Garanins Bilder bewegen sich, sind liebevoll, traurig koloriert und eindringlich im Ausdruck. Sie erinnern mit an Chlodwig Poth oder Marie Marcks, aber gehen viel mehr unter die Haut. Die Graphic Novel, wenn es denn eine ist, erzählt von der Familie Garanin, deren jüngster Sohn Nils an Leukämie erkrankt, aber nicht daran stirbt, sondern am Pfusch der ÄrztInnen. Unser Berufsstand kommt verständlicherweise nicht gut weg, das muß man wohl aushalten. Viele Tränen. (5/5) Homepage von Melanie Garanin.

Frau Doktor, wo ich sie gerade treffe von Ulrike Koock

Das habe ich hier schon besprochen.

Stadtgeschichten von Armistead Maupin (übersetzt von Heinz Vrchota)

Kultbuch. Steht hier schon lange rum und wollte nun endlich gelesen werden. Die LGBTQ-Szene liebt das Buch, aber es wirkt seltsam aus der Zeit gefallen, schildert es doch sehr detailverliebt das Leben im quirligen San Francisco der 70er oder 80er, ohne Handys, ohne Streaming-TV. Mit sehr viel Insider-Wissen über die amerikanische Kultur wären einige Witze besser zu verstehen, trotzdem ist das Buch als Kurzgeschichten toll konzipiert, jedes Kapitel macht mehr Lust auf das nächste. Mal sehen, ob ich die weiteren sieben (?) Bände auch noch lese. Aktuell nicht. (3/5)

American Gods von Neil Gaiman (Übersetzt von Hannes Riffel, Gelesen von Stefan Kaminski)

Nochmal Kultbuch. „American Gods“ habe ich vor zehn Jahren gelesen, musste nach 3/4 aufgeben. Die Serie bei Amazon war mir zu blutig, jetzt also eine neue Chance als Hörbuch. Ein Buch voller seltsamer Typen, mit einer Prise amerikanischer und Religionsgeschichte, mit einem einnehmenden Protagonisten, dem man alle Leiden abnimmt und alle Taten verzeiht. Der Kampf des Guten gegen das Böse, des Alten gegen das Neue, schön archaisch, Gaiman-typisch mit ausreichend Pathos. Kult eben. (5/5)

Bei mir zuhause von Paulina Stulin

Ein Tipp aus meiner Leserschaft, am gleichen Tag bestellt und in vier Tagen durchgelesen, geschaut, gelitten. Paulina lebt ihr mal Single-, dann wieder nicht Singleleben im beschaulichen Darmstadt, ihren Alltag malt sie mal detailverliebt, mal flüchtig. Bilder erzählen Geschichten und verharren im nächsten Panel in einem nachdenklichen Stilleben, Paulina lebt, Paulina leidet, Pauline weint. Eine Graphic Novel für den Lockdown. Sehr gut. (5/5)

Das zerstörte Leben des Wes Trench von Tom Cooper (Übersetzt von Peter Torberg)

Irgendwie ein Krimi, irgendwie ein Thriller, sehr sinister angesiedelt in der Bahia bei New Orleans, in der Zeit nach Hurrikan Katrina. Eine Sammlung an seltsamen Typen, vertrottelten Gelegenheitsdieben, knallharten Drogenanbauern, verkrachten Existenzen, einarmiger Goldsuchern und uralten Piraten. Unser Held ist ein junger Bursche, der nebenbei dem Elternhaus entflieht, um auf eigenen Beinen zu stehen. Upper class Krimi im Down under der amerikanischen Gesellschaft. (4/5)

Neujahr von Juli Zeh

Habe ich tatsächlich an Neujahr angefangen und am 2.1. ausgelesen. Ist ja auch nur ein dünnes Bändchen. Juli Zeh erzählt die Geschichte eines Urlaubs auf Lanzarote, der in einer Beinahekatastrophe endet, und trotzdem ist es vor allem die Aufarbeitung der Vergangenheit. Kein Epos wie „Unter Leuten“, für Juli Zeh mehr eine Fingerübung, aber für die kurze Unterhaltung zwischendurch allemal gut. (4/5)

Die einzige Geschichte von Julian Barnes (Übersetzt von Getraude Krueger)

Julian Barnes variiert *sein* Thema, dass jede kleinste Begebenheit im Leben einen Effekt auf das weitere hat. Hier geht es um eine „unmögliche“ Liebe zwischen einem jungen Mann und einer älteren Frau, im spießigen England nicht gerne gesehen. Viel Innenschau, manche Perspektivwechsel, Zeitsprünge. Das Buch fordert große Konzentration, aber liest sich vermeintlich schnell fluffig. Julian Barnes muß man mögen, ein großer Stilist ist er allemal. (4/5)

Interessengebiet von Martin Amis (Übersetzt von Werner Schmitz)

Skandal! Es geht um die Liebe im KZ, ums Frauenerobern, um Macho-Männer und bescheidene Frauen. Das angeordnet neben dem Grauen nebenan. Martin Amis lässt seine Geschichte aus drei Perspektiven erzählen: Aus der Sicht des Lagerkommandanten, der des leitenden SS-Offiziers und aus der Sicht eines jüdischen Hilfsarbeiters. Dabei benutzt er die tatsächlichen Worte der entsprechenden Protagonisten, der LeserIn wird dabei viel abverlangt, denn das Morden findet wie selbstverständlich statt, das geplante Gemetzel wie eine Alltäglichkeit. Muß ein solches Buch sein? Es gibt Grenzen. (3/5)

Cursed von Thomas Wheeler und Frank Miller (Übersetzt von Petra Koob-Pawls und Michelle Gyo)

Die Artus-Sage, variiert. Diesmal trägt eine Feenhexe das Zauberschwert Excalibur, um es zu Merlin zu bringen. Wir erleben mordende Mönche, allerlei mystische Wesen, Artus findet nebenbei statt, naja. Es ist der Roman zur Netflix-Serie oder die Serie zum Roman. Keine Ahnung. Die Bilder von Frank Miller sind hübsch anzusehen, seinen Style muß man mögen. Ich lese lieber mal wieder Marion Zimmer Bradley oder Thomas White. Diese Artus-Variante hat es nicht gebraucht. (2/5)

Befreit von Tara Westover (Übersetzt von Elke Schönfeld)

Tara Westover erzählt, wie sie wohlbehütet, misshandelt und missachtet in ihrer Mormonenfamilie lebt, religiös überfrachtet und regional eingeschränkt, schwer arbeitend und heimbeschult. Sie bricht aus, geht auf eine allgemeinbildende Schule, schließlich wundersamer Weise nach Harvard und Cambridge. Bildung ist Befreiung, im Trumpschen Amerika die entscheidende Wendung. Im Original heißt das Buch „Educated“, was es im Wortspiel viel genauer trifft. Es gibt hier keinen belehrenden Zeigefinger, kein Überheben über die Religiösität der anderen, und die Bande der Familie sind beinahe unzerreißbar. Ein Buch der Aufklärung, der Erkenntnis…. und des permanenten Kopfschüttelns. (5/5)

[Dieser Post enthält Affiliate Links zu Amazon] (c) Bild bei Flickr/Abhi Sharma (unter Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0) – Lizenz)

Ein Gedanke zu “Lesepotpourri Januar, Februar, März

  1. Ich würde Neujahr schon die volle Punktzahl geben, das Buch hat mich durchaus fasziniert. Ich bin gespannt auf ihr neues Buch und hoffe sehr, dass obwohl meine Konzentrationsfähigkeit sich gerade einem historischen Tiefpunkt nährt, ich das jetzt bald in Ruhe lesen kann. Strand wär dazu schön….

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