Lesepotpourri August/September

Liebe Blogleser,

diesmal ein Rückblick auf zwei Monate, es hat sich ein wenig angesammelt, das lag auch an den Sommerferien, bei uns war wenig Action angesagt, viel Meer, Sonne und Ferienhaus, und das bedeutet für mich – viel Lektüre. Enjoy.

Die Stadt der träumenden Bücher – Walter Moers
Erstaunlich, dass ich die „Stadt der Träumenden Bücher“ erst jetzt gelesen habe, obwohl ich eigentlich ein riesiger Moers-Fan bin. Der Blaubär ist in unserer Familie mindestens fünfmal gelesen und vorgelesen worden, Rumo und Ensel fand ich genial. (Interessanter Nebenschauplatz: Ich habe im Urlaub den Rumo wieder angefangen und festgestellt, dass mir Dirk Bach den schon einmal vorgelesen hat.). Die „Stadt“ ist ein Liebesroman an die Bücher und an die Leser, ein Seitenhieb auf den Buchhandel und das Feuilleton, dazu noch ausreichend spannend und mit Lust auf mehr. Dieses Mehr in Form des „Labyrinthes“, dem zweiten Band (auf den dritten wartet die Fangemeinde wohl noch Jahre), liegt hier auch, aber ich werde wohl genauso lange dazu brauchen, diesen anzufangen, wie es bei der „Stadt“ dauerte. Die „Stadt der Träumenden Bücher“ darf aber jeder lesen, der auch nur ein wenig Spass am Fabulieren hat. Keine Weltliteratur, aber auf jeden Fall Teil der deutschen Buchgeschichte. Viel Spaß beim Enträsteln der zahlreichen Anagramme von berühmten Schriftstellern. (5/5)

Erbarmen, Schändung und Erlösung – Jussi Adler-Olsen (Übersetzt von Hannes Thiess)
Urlaubszeit ist bei mir Krimizeit, und die beste Ehefrau von allen hat schon alle Adler-Olsen-Romane vor Jahren gelesen, also stand das bei mir auch einmal an. Zudem fand der diesjährige Sommerurlaub in Dänemark statt, was lag da näher, als Carl Morck, den unangenehmen Kommissar der Reihe, ein Tete-a-tete zu gönnen. Tolle Krimis, unglaublich spannend, fiese Charakter, fiese Ermittler, dennoch Anspielungen auf das politische und Alltagsleben in Dänemark. Zu Recht eine der erfolgsreichsten Serien im Krimisektor. Schade nur, dass Krimiautoren scheinbar bei jedem Band hundert Seiten draufpacken müssen, so hatte Band Drei schon ein paar Längen, die man hätte vermeiden können. Aber das kannte ich schon von Mankell. (4/5)

Luka und das Lebensfeuer – Salman Rushdie (Übersetzt von Bernnhard Robben)
Mein erstes Buch von Salman Rushdie, ich war schon immer sehr neugierig auf diesen britischen Autor. Luka gilt als guter Einstiegsroman in die Welt Rushdies, märchenhafter Realismus, ähnlich Marquez, für mein Geschmack ein wenig zu blumig und orientalisch, zu symbolüberfrachtet und … cheesy. Das Buch wurde von Salman Rushdie für seinen Sohn geschrieben, es dürfte daher als Jugendliteratur gelten. Geschichte hübsch, nett erzählt, aber für ich kein Hook für weitere Rushdie-Romane. Vielleicht ein anderes Mal wieder. (2/5)

Die Farm – Tom Abrahams (Übersetzt von Andreas Schiffmann)
„Die Farm“ war ein Spontankauf bei … Amazon, als ebook schnell heruntergezogen, wiel die Ferienlektüre erschöpft war. Das Buch ist der Beginn einer Reihe postapokalyptischer Romane (die Traveller Reihe), wie sie momentan gerne geschrieben werden. Es geht um einen einsamen Familienvater, der sich auf seiner Farm verschanzt hat, dort bereits lange nach der „Katastrophe“ alleine überlebt, und – wer hätte es anders erwartet – doch Kontakt bekommt mit der Außenwelt, den bösen Jungs. Der Familienvater ist Ex-Marine, logisch, hat viele Waffen, Überraschung, und ist stets ein Spur schlauer als die anderen. So weit, so Walking Dead. Hübsch für zwei Tage Lesen zwischenrein, mehr aber auch nicht. (3/5)

Gelobtes Land – Christine Heimannsberg
Noch ein postapokalyptischer Roman, diesmal von einer Deutschen geschrieben, diesmal aber – wow, richtig gut! „Gelobtes Land“ ist auch der erste Teil einer Trilogie, wieder ist es eine Reise durch eine unbekannte Zukunft, diesmal jedoch viel politischer, da in einer frauenfeindlichen Gesellschaft. Lore muss mit ihrem jüngeren Bruder die Obhut der eigenen Familie Hals über Kopf verlassen, und sucht nach dem „Gelobten Land“, in dem alles besser werden soll. Sie treffen auf ihrer Reise viele seltsame Fremde, ständig unter der Angst, entdeckt zu werden „von denen da oben“, die mit geheimnisvollen Sonden nach ihnen suchen. Sie finden eine Parallelgesellschaft, die so ganz anders ist als die im Rest des Landes. Was das Buch ausmacht ist der Spiel mit der Ungewissheit: Der Leser weiß nie, was hinter der nächsten Buchseite passiert, genau wie Lore. Auch die Bedrohungen bleiben seltsam unbestimmt und damit umso schrecklicher. Ich werde hier unbedingt weiterlesen. Zudem ist das Buch ein „No-ager“, spannend schon für junge Leser, aber genauso fesselnd wie für alte Knacker wie mich. (5/5)

Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein – Ulli Lust (Graphic novel)
Nach „Heute ist der letzte Tag vom Rest meines Lebens“ war ich neugierig, wie es mit Ulli nach der Italienreise weitergeht, irgendwie war ich auch ganz angetan von ihrem schrullig-naiven Zeichenstill. Der „gute Mensch“ handelt davon, wie Ulli mit zwei Männer leben und lieben möchte, einem bodenständigen anständigen Künstler, der aber keinen Sex mit ihr haben kann und einem Flüchtling, der ihr zwar den besten Sex ihres Lebens bereitet (wie man den eindeutigen Bildern entnehmen kann), aber ganz andere, brutalere Probleme bringt. Viel Kopfschütteln, wie Ulli das so alles hinbekommt, aber auch Neugierde, wo das alles hinführt. Inzwischen ist Ulli Lust eine anerkannte Comic-Autorin, ich bin gespannt, ob ihre autobiographischen Graphic Novels weitergehen. (5/5)

Tungsteno (Graphic novel) – Marcelo Quintanilha
Ein Krimi in Graphic Novel Format, interessant gezeichnet, der Plot etwas undurchdringlich. Ein wenig Film noir, ein wenig Karibik-Feeling, spannend sind die zwei Ortsebenen, in denen der Comic erzählt wird. Ganz hübsch zu lesen, aber kein Burner. (2/5)

 

Fahrradmod – Tobi Dahmen
Tobi Dahmen erzählt seine eigene Geschichte, vermute ich mal, angelehnt an seinen Musikgeschmäckern von der Schule über Abitur bis ins Erwachsenenalter. Mods, Punks, Skins, Scooterboys, sie alle kommen in dieser dicken Graphic novel vor. Es dreht sich viel um Mixtapes, das Gefühl der Achtziger und Verwirrungen der Jugend. Das Buch wurde vor einem Jahr in der Szene sehr gehyped, es lag stapelweise in den Comicläden der Republik. Richtig toll und detailverliebt gezeichnet. Mich hat das Buch aber nicht wirklich in die Geschichte gezogen, vielleicht auch, weil ich mir dem Musikstil und den Verkleidungen der Kids nichts anfangen kann. Ich stand in den Achtzigern eher auf Hard Rock und Heavy Metal. Aber da trägst Du ja auch Uniform. (2/5)

Heimkehren – Yaa Gyasi (Hörbuch gelesen von Bibiana Beglau, Bjarne Mädel, Wanja Mues usw., Übersetzung von Anette Grube)
Was für eine Geschichte. Beginnend in Afrika, eine Historie der Sklaverei, erzählt anhand einer einzigen Familie, wie alles begann, wie alles endete. Endete es je? Heimkehren nach Afrika aus New York nach Jahrzehnten der Grausamkeiten und Unrechten – im Hörbuch erzählt durch verschiedene Vorleser, die stets ein Mitglied der weit verzweigten Familie darstellen. Manche Kapitel (und Vorleser) sind fesselnd, manche ermüdend, manche überflüssig. In der ganzen Summe aber ein literarischer Meilenstein. (4/5)

Fleckenteufel – Heinz Strunk (Hörbuch gelesen vom Autor)
Heinz Strunk ist witzig, schreibt komisch, ist selbst ein Urgestein Hamburgs und schreckt auch vor der eigenen Peinlichkeit nicht zurück. „Fleckenteufel“ erzählt von der Wochenfahrt mit der christlichen Jugend nach Scharbeutz an der Ostsee. Ja genau, diese Peinlichkeiten passieren dann. Dass der „Fleckenteufel“ der männliche Gegenentwurf zu „Feuchtgebiete“ sein soll, ist schon wieder Teil des Witzes. Pickelige Jugendliche entdecken Schmuddelphantasien, das Saufen und die doofen begleitenden Erwachsenen. Unglückliche Liebe, die Liebe zur Natur (!) und dank der Ich-Perspektive erfahren wir auch, wie unreflektiert hochnäsig und abschätzend wir alle als Jugendliche gewesen sind oder hätten sein können, wenn wir nicht so nett gewesen wären. Dass Heinz Strunk das Buch selbst einliest – genial. (5/5)

Von dieser Welt – James Baldwin (Hörbuch gelesen von Wanja Mues, Übersetzung von Miriam Mandelkow)
Irgendwie habe ich dieses Jahr viel über die Geschichte der Afroamerikaner gelesen und gehört, nach „Heimkehren“ nun noch diesen Klassiker von James Baldwin, dem literarischen Gewissen der Schwarzenbewegung nach dem zweiten Weltkrieg in den USA. Der Roman setzt da an, wo „Heimkehren“ beinahe aufhört: Die Geschichte einer Familie in Harlem, in der die Sklavenbefreiung noch sehr präsent ist. Aber eigentlich spielt das alles gar keine Rolle, sondern es geht um die persönliche Erweckung des Jungen John, der von seinem Vater missachtet wird, aber selbst schlauer ist als alle um ihn herum. Der Roman ist stark geprägt von der Religiösität in der Familie, wohl auch autobiographisch, einschließlich der sexuellen Unschlüssigkeit, in der sich John befindet, und die auch James Baldwin Zeit seines Lebens prägte. Ein schwer lesbares Buch, ich bin froh, dass es mir so genial von Wanja Mues vorgelesen wurde, sonst hätte ich es wohl nicht durchgestanden. Man hört ein Stück Weltliteratur, ganz sicher, aber das Buch verstört auch sehr aufgrund der erdrückenden Frömmigkeit innerhalb der Familie, die sehr gut die Überreligiösität der amerikanischen Gesellschaft illustriert, die trotz aller propagierten Freiheiten der Vereinigten Staaten in letzter Instanz den Konservatismus fördert und die freie Entfaltung des Einzelnen hemmt. (5/5)  

[Der Text enthält so genannte Affiliate Links zu Amazon]

Lesepotpourri April – Juli

Die Abstände werden größer, in denen ich meine Lektüren der letzten Monate präsentiere. So what, schließlich ist das ein Kinderarztblog und das „me“ im Titel muss eben manchmal zurücktreten. Problematisch ist nur, dass ich manchmal im Rückblick nicht mehr weiß, was ich alles gelesen habe. Mal sehen:

Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer
Das war eine Empfehlung aus Euren Reihen, vielen Dank, ich habe die Lektüre sehr genossen. Es geht um ein Kindergenie, ein Mathematik- und Überhaupt-Genie, William James Sidis, dessen Vater ihn mittels zweifelhafter Erziehungsmethoden zu einem Genie formte. Die Theorie: Jeder Mensch kann zu einem Genie werden, wenn er nur frühzeitig entsprechend gefördert, sprich: gedrillt, wird. Es kommt, wie es kommen muss. William rebelliert, William wird anders, als seine Eltern es sich wünschen. Wird er glücklich? Spät. (4/5)

Bis an die Grenze von Dave Eggers (Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Zimmermann
Dave Eggers Stil ist schon mein Ding, ich mag die Flüssigkeit und Poesie seiner Bücher und auch den Bezug zu wichtigen Dingen der heutigen Zeit, „The Circle“ halte ich für eine Offenbarung der Zukunft. Aber das vorliegende Buch war nicht meines, vielleicht hat mich das Sujet (reisende alleinerziehende Frau mit Kindern) nicht gepackt, jedenfalls war der Spannungsbogen der ersten Kapitel so schwach gezogen, dass ich es abgebrochen habe. (1/5)

Niemals von Andreas Pflüger
Schnappatmung beim zweiten Thriller rund um die blinde Topagentin/polizistin Jenny Aaron, nach „Endgültig“, der auch schon sensationell war. Der Stil ist beeindruckend, die Stimmung der Sicht der Blinden erdrückend, die Fähigkeiten von Aaron bewundernswert. Ihr nimmt man das Supergirl sofort ab, gönnt es ihr in allen Facetten, und ergötzt sich an der Schnoddrigkeit ihrer Kollegen der Polizei. Hoffentlich kommen da noch mehr Thriller hinterher. Man darf das hier verraten: Es könnte einen Weg für Aaron aus der Blindheit geben, das ist logisch im Plot, logisch für die Entwicklung, aber sicher das Ende dieser Reihe. Ich warte auf den nächsten Band. (5/5)

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde (Übersetzt von Ursel Allenstein)
Ich tue mich immer schwer mit „Das musst Du lesen“. Wieder so ein Buch, an dem ich gescheitert bin, weil es mir so dringend empfohlen wurde. Klar, das Thema ist wichtig: Das Sterben der Bienen. Geschenkt. Der passende Ökothriller zur Zeit. Vielleicht bin ich mit den drei Erzählsträngen nicht zurecht gekommen, das war mir zuviel „Cloud Atlas“, vor allem wenn es in die Zukunft geht (wobei, das noch die spannendste, weil traurigste der drei Erzählungen war). Es war mir zu anstrengend, mich jedesmal wieder in den Stil der jeweiligen Zeit einzudenken, so etwas kann ich nicht während Zeiten, wo ich arbeite. Vielleicht mal im Urlaub. Hier und jetzt: abgebrochen. (2/5)

Der Trost von Fremden von Ian McEwan (Übersetzt von Michael Walter)
Erwähnte ich, dass ich bekennender McEwan-Fan bin? Er ist mein bay, gleich nach John Irving, aber mit mehr Konstanz und mehr für mich noch zu entdecken. „Der Trost von Fremden“ ist ein älteres Buch, dass ich im Antiquariat gefunden habe, schön knapp und schnell zu lesen, aber wie immer bei McEwan dankbar. Der Roman liest sich wie eine Skizze anderer Romane von ihm, es finden sich schon die klassischen Ideen der zerrütteten Beziehungen und der Einflussnahme von Außen auf das glückliche Paar. Hier besonders verstörend, am Ende sogar dramatisch. So distilliert schreiben können, mit soviel Beobachtungskraft und Witz, toll. Schade, dass ich mit meinem Englisch stets an McEwan scheitere, das muss noch cooler sein. (5/5)

Ready Player One von Ernest Cline (Übersetzt von Sarah und Hannes Riffel)
Ein schönes Buch für den Urlaub: Gut abgehangen, schnell zum Blättern und Lesen, also pageturnen, nett erzählt, auch packend. So habe ich das mal ganz gerne. Hinterlässt jetzt keine Lösung der Weltprobleme oder einen Hangover, ist dafür aber gespickt mit Bezügen auf die Achtziger und die Welt des Gameplays. Letzteres ist nicht so meins, deshalb gehen mir wahrscheinlich ein oder zwei Witze flöten, dafür genoss ich die Songs aus den Achtzigern. Eine passende Spotify-Playlist gibt es auch. Den Film habe ich noch nicht gesehen. Soll ja ein Kultbuch sein. Nunja. as mir auf den Keks ging, war die gönnerhafte Hochnäsigkeit des Protagonisten, da hätte dem Plot einen heftigeren Downfall vor der Auflösung gut getan. (4/5)

Hologrammatica von Tom Hillenbrand (Hörbuch, gelesen von Oliver Siebeck)
Ein Zufallsfund auf Spotify, ein Science Fiction zum Fingerlecken. Die Story des Questors Galahad Singh, wie er in der Zukunft eine Person wiederfinden muß, denn das ist sein Job. Es geht um neue Identitäten, vertauschte Körper, Gefäße und Klone, dass die Welt anders aussieht, als wie sie von außen, überlagert von der Hologrammatica, wirkt. Sehr spannend und konsequent technologisch in die Zukunft gedacht, viel härter und kompromissloser als „Qualityland“, dem Spass-SF der heutigen Zeit. Ich habe das Gefühl, hier gibt es eine Fortsetzung.
Hörbuch perfekt eingelesen von Mr. Hörbuch Siebeck. (5/5)

Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens von Ulli Lust
Eine autobiographische Graphic Novel der Ulli Lust, wie sie als junge Punkerin von Wien über die Alpen bis nach Sizilien reist, ihre kleine, zu große Welt entdeckt, erste Erfahrungen mit anderen Menschen und den Männern macht, ersten Sex und Vergewaltigungen erlebt. Der Leser träumt mit ihr naiv durch Italien und wird brutal zu Boden gezogen dank verzweifelter und trauriger Linienführung. Auch wenn stets der letzte Tag vom Rest deines Lebens ist, so haben wir immer Angst, dass dies überhaupt der letzte Tag ist. (5/5)

Schattenspringer: Per Anhalter durch die Pubertät von Daniela Schreiter
Ich hatte das Glück, Fuchskind auf der ComicCon 2018 in Stuttgart zu treffen, habe mir nicht nehmen lassen, den zweiten Band der Schattenspringer-Reihe signiert zu bekommen, und, was bleibt? Am nächsten Tag hatte ich das Buch schon durch. So toll. So schön. So lustig. So lehrreich. Es wäre großspurig zu behaupten, dass ich Autisten kenne, aber in meinem Beruf sehe ich vielleicht die ersten Entwicklungen. Für Eltern können die Schattenspringerbücher eine Hilfe sein, ihre Kinder so zu nehmen, so toll sie eben sind. Für Autisten selbst sind die Bücher sowieso eine Bereicherung. In Band 3 kommen von Daniela interviewte Autisten zu Wort. Sehr gespannt darauf. (5/5)

Saga 4-5 von von Brian K Vaughan und Fiona Staples
Es geht weiter in der Comic-Saga um den Gehörnten und die Beflügelte, die in ihrer Romeo-und-Julia-Beziehung durch die Galaxien dieser Welt flüchten. Nun auch noch mit Kind. Bombastisch. (5/5)

 

 

[Der Text enthält so genannte Affiliate Links zu Amazon]

Lesepotpourri Januar – März

Oh, hui, es ist ganz schön was zusammen gekommen in diesen drei Monaten, trotz Grippewellen und unglaublich viel Patienten in der Praxis. Wir hatten nur zwei Wochen geschlossen, vermutlich habe ich da durchgelesen, außerdem liebe ich mein Ritual vor dem Einschlafen, noch zwei oder drei Kapitel des aktuellen Lesestoffes zu verschlingen (während die beste Ehefrau von allen bereits nach zwei Seiten einschläft). Hier meine Bücher dieses Quartals:

Der nasse Fisch von Volker Kutscher
Die Krimis, oder eigentlich Romane mit Krimi von Volker Kutscher rund um den Berliner Kommissar Gereon Rath erfreuen sich großer Beliebtheit, inzwischen sind sie teilweise als Serie verfilmt. Alle lieben die Verquickung aus historischem Berlin Anfang des letzten Jahrhunderts mit Kriminalfällen, der Hauch des aufkommenden Nationalsozialismus und das Lokalflair. Ja, das liest sich ganz nett. Mir persönlich war die Figur Rath zu kompliziert, ich verstand seine Motivationen, dies oder jenes zu tun, nicht so ganz. Starker Beginn, solides Mittelfeld, Ende öde. Hier liegt noch der zweite und dritte Band, aber dafür brauche ich viel Lektürevakuum, und dazu ist der restliche SuB doch zu hoch. (3/5)

Endland von Martin Schäuble
Ein blinder Pick über die Amazon-Kindle-Shop-Seite, kurz in die Leseprobe reingeschnuppert und angefixt. Ein interessanter Roman über ein Deutschland jenseits der AfD, mit abgeschotteten Grenzen und offenem Fremdenhass. Hauptakteure sind ein junger Grenzsoldat und eine Migrantin aus Afrika, deren Wege sich unweigerlich zur Würze des Romans kreuzen müssen. Ein flüssig geschriebener Roman, ein Pageturner, wie die Amerikaner sagen, natürlich enorm konstruiert, mit dem unweigerlichen „Das kann ja so gar nicht sein“-Faktor, aber auch einem „Und wenn es nun doch so wird?“. (4/5)

Das Buch der Spiegel von E.O. Chirovici (übersetzt von Werner Schmitz und Silvia Morawetz)
Ein Literaturagent bekommt ein Manuskript eines Studenten, unvollständig, über seinen Professor an der Uni, dessen Liebesleben, dem Mord an demselben und wie dieser und jener und diese darin verstrickt sind. So far, so complicated. Was das Buch fasziniert, ist das Austersche Spiegeln und Verweben der verschiedenen Erzählstränge, jede Person bringt einen neuen Blick auf die Vergangenheit, Rashomon im Buch, aber doch nicht ganz so sophisticated. Ein Spiel mit der Sprache, und wieder eine Mischung aus Krimi und Erzählung. (4/5)

QualityLand von Marc-Uwe Kling
Nein, ich mochte die Känguru-Chroniken nicht. Mir war das zu redundant, ich konnte dem Hype mit den Hörbücher gar nicht folgen, mir war das zu sehr Schmalspurkabarett. Tut mir leid. Ich bin nicht die Zielgruppe. „QualityLand“ habe ich gelesen, weil ich das Thema reizvoll fand und unausweichlich: Wie wird unsere Zukunft aussehen, wenn wir mit den Likes und Dislikes, der Suche nach digitaler Anerkennung und Selbstoptimierung durch andere (sic!) so weitermachen, wenn das digitale Leben uns komplett steuert. Und das hat Herr Kling wirklich gut umgesetzt, sehr konsequent, sehr überspitzt natürlich, aber bis zum lehrreichen Exzess. Der Gipfel der Digitalisierung ist der Androide-Politiker, der uns die Moral vor die Nase hält und uns zurückführt zur Entsagung. Ob das so funktioniert, ist fraglich, ich hoffe doch sehr auf ausreichend konservative Politiker, die die Übernahme des Lebens durch das Internet zu verhindern wissen. Nieder mit dem Breitbandausbau!
Nette Spielchen mit dem Internet, viele Nerd- und Insiderwitze, das Kängaru kommt leider auch vor und am Ende bleibt ein wenig Hoffnung. Keine Dystopie wie „1984“ oder „Brave New World“, die viel eleganter, dafür nachhaltiger mahnen, „Qualityland“ ist schon eher der Zaunpfahl, aber dennoch: (4/5)

Wo die Löwen weinen von Heinrich Steinfest
Du musst unbedingt mal Heinrich Steinfest lesen, haben sie gesagt. Also gut. Die Amazon-Kritiken waren sich über diesen Roman rund um Stuttgart-21 nicht ganz einig, aber es war der einzige, den die Onleihe hier ausgespuckt hat. Steinfest hat einen tolle Sprache, virtuos setzt er Nebensatz neben Nebensatz, funkelnde Adjektive und nette Pointen am Ende eines jeden Absatzes. Immer fragst Du Dich, ob Du zu wenig intelligent bist, um allen Schlüssen zu folgen. Als Krimi wirklich öde, wenig Spannung, als Seitenhieb auf alles rund um das Thema „Stuttgart-21“ allerdings sehr lesenswert und hübsch analytisch, wer alles seine Finger im Spiel hat. Mal sehen, ob Steinfest noch anderes schreibt, was mich mehr überzeugt. (2/5)

Die Kieferninseln von Marion Poschmann
Stand immerhin auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Außerdem gehts um Japan, was ich an sich schon interessant finde. Also gut: Ein Mann flüchtet sich aus der Beziehung zu seiner Frau nach Japan, um dort auf den Spuren eines Nationaldichters das Land zu Durchreisen, Ziel sind die Kieferninseln, ein mystischer Ort. Er trifft auf eine jungen suizidgefährdeten Japaner, und findet mit diesem den Sinn allen Daseins. Hä?
Ja. Das habe ich am Ende auch gedacht. Schade drum. Ich bin wahrscheinlich zu doof für Bücher, die für irgendwelche Buchpreise nominiert sind. (2/5)

Und die Hörbücher:

Hier bin ich von Jonathan Safran Foer (Übersetzt von Henning Ahrens, gelesen von Christoph Maria Herbst)
Julia und Jacob und Ihre Söhne. Es geht um jüdisches Leben in den USA, Coming-of-age und dem Krieg im Nahen Osten. Themen, die uns in Europa nicht unmittelbar berühren, vermutlich wäre mir das Buch, wenn gelesen, zu lange geworden. Gelesen von Christoph Maria Herbst entfalten aber vor allem die Dialoge einen Lesesog, dem man gerne folgt. Ich habe das Hörbuch im Januar gehört, jetzt, zwei Monate später, kann ich die Handlung schwerlich wiedergeben. Das spricht wohl nicht für das Buch (oder mich). (3/5)

Momentum von Roger Willemsen
Schnipsel nannte das mal Kurt Tucholsky, Tagebucheinträge, scheinbar unzusammenhängend. Nennen wir es eine Gedankenanthologie. Schwerlich als Hörbuch zu folgen, weil der rote Faden immer wieder ausfasert, aber schließlich endlich und letztendlich das Erbe eines großen Journalisten und Schriftstellers und Denkers. Alle zehn Minuten spontan geheult, weil Willemsen zu früh gestorben ist. (4/5)

Tyll von Daniel Kehlmann (Hörbuch gelesen von Ulrich Noethen)
Ok, dies ist mein Gewinner des Quartals. Überall hochgelobt, zurecht, denn ein toller Roman, Kehlmann kehrt zu seinen alten Fähigkeiten des Fabulierens über historische Stoffe zurück. Ganz unaufgeregt schildert er die schillernde Figur des Till Eulenspiegel, versetzt ihn in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges und lässt uns nebenher einen tiefen Schluck Historie tanken. Ich habe keine Ahnung von dieser Zeit, als typischer Gymnasiast mit den Griechen und den Römer und dem Nationalsozialismus belehrt, fand der Dreißigjährige Krieg bei uns nicht statt, dabei veränderte er die europäische Geschichte wie kein anderer.
Viel hören wir über die Praktiken der Hexen/r-Verfolger, über Folter und Angst, über das nackte Überleben im Krieg. Der Eulenspiegel ist dabei zwar die Hauptrolle, agiert aber wie im Hintergrund und beobachtet die Szenerie als schelmischer Weiser aus der Distanz. Ulrich Noethen als Erzähler klang mir anfangs viel zu alt für den jungen Kehlmann und den jungen Tyll, aber er ist die perfekte Besetzung in all seiner sprachlichen Schauspielkunst. Lesen! Hören! (5/5)

Comics
Faust von Flix
Selten lese ich Comics oder Graphic Novels ein zweites Mal, aber beim „Faust“ von Flix mache ich eine Ausnahme und lustig: Es war wie eine Neuentdeckung, als sehe ich die Zeichnung neu vor mir, als habe ich sie noch nie vor mir gehabt. Vielleicht habe ich das Buch früher anders wahrgenommen, Nebenrollen nicht so gesehen, jedenfalls: Der Flix´Faust ist ein großer Wurf. (5/5)

 
Saga 3 von Brian K Vaughan und Fiona Staples
Der dritte Band der Saga „Saga“ – eigentlich ein typischer Mittelband in einer langen Folge von Büchern, er fällt etwas ab zu den ersten zwei Bändern, die der Darstellung der Hauptakteure galt. Aber egal – weiterlesen. (5/5)

 

[Der Text enthält so genannte Affiliate Links zu Amazon]

Weihnachtsbuchtipp No.1

Ok, das ist jetzt ein amerikanisches Buch, übersetzt ins deutsche, und auch in seiner Urausgabe bereits von 1980, aber was an So sag ich’s meinem Kind: Wie Kinder Regeln fürs Leben lernen von Adele Faber und Elaine Mazlish so cool ist, sind die vielen vielen skurrilen (weil ungewohnt einfachen) aber einprägsamen Zeichnungen, die den eher trockenen Text zu Erziehungstipps aufwerten. Man blättert schnell einmal hinein, liest sich fest, und bleibt doch vor allem an den Bildern hängen.

In diesem Buch gehts zweitrangig um Regeln. Der Untertitel wurde wohl auch nur für die deutsche Leserschaft eingeführt. Im Englischen geht es um „How to talk so kids will listen and listen so kids will talk“. Anschaulich werden die bekannten Thesen von Thomas Gordon des aktiven Zuhörens verdeutlicht. Man vermittle ich-Botschaften, man motiviere sein Kind zur Zusammenarbeit, nicht Konfrontation, man fördere die Selbständigkeit und lobe, man lerne, ohne Strafen auszukommen. Hehre Ansätze, die sich mit vielen Übungen (auf die das Buch viel Wert legt) in der Familie umsetzen lassen.image

Es geht um Formulierungen. Beispiele: Wie oft vermitteln wir Eltern Vorwürfe in unseren Sätzen („Willst Du die Wohnung unter Wasser setzen? Stell das Badewasser ab. Du bist unverantwortlich“), statt dessen sollten wir die Situation beschreiben („äh, das Wasser geht schon bis zum Rand.“). Statt den Schuldigen zu suchen („wer hat schon wieder die Milch draussen stehen gelassen?“) gehts um Informationsmitteilung („die Milch wird sauer, wenn du sie nicht in den Kühlschrank stellst.“) Ganz Klasse auch die Beispiele zum Zutexten der Kinder (Statt „Immer und immer wieder habe ich euch gesagt, ihr sollt Eure Schlafanzüge anziehen, ihr aber kaspert nur herum. Ihr habt versprochen, Eure Schlafanzüge anzuziehen, bevor ihr Fernsehen schaut, aber ich sehe immer noch nichts.“ besser „Kinder, in die Schlafanzüge!“) 🙂
Wirkt trivial, ist aber essentiell.

Inzwischen gibt es viele Programme, die Eltern Hilfen bei der Erziehung an die Hand geben sollen, strenge wie das Triple-P oder sanftere Methoden wie das Step-Programm. Allen sollte der Respekt vor der Persönlichkeit des Kindes am wichtigsten sein. Daher sind Bevormundungen, Beleidigungen und verdeckte Schuldzuweisungen keine probaten Mittel der Kommunikation. Dies möchte das Buch vermitteln. Schaut mal rein. Es ist vielleicht nicht für jedermanns, aber manche Eltern finden sich vielleicht angesprochen.

Erschienen bei der Geheimwaffe aller Kinderratgeberverlage, dem Oberstebrink. Etikettiert mit „die Nr.1 beim Kinderarzt“, diesmal ohne BVKJ-Siegel. Naja. Vielleicht wieder ein Fall von Etikettenschwindel, denn so verbreitet wird dieses Buch wohl doch nicht von den Pädiatern empfohlen. Zu unbekannt?

Dieser Text enthält Affiliate-Links (siehe Impressum).

wieder da (o.t.)

Eigentlich ein schwieriges Buch, da balanciere ich immer zwischen Beklemmung und Lachen, zwischen Entrüstung und Bewunderung für das Können, in dieser Diktion ein Buch zu schreiben. Ich höre ständig beim Lesen eine Stimme im Kopf, ich wußte nie, ist es Hitler selbst oder doch eher Christoph Maria Herbst als Hatler, der den Hitler liest, oder der Kessler als Stromberg mit Bärtchen. Wie nett, dass diese Irritation auch ein Thema in dem Buch ist.
Hitler wacht im Jahr 2011 in Berlin auf und ist seitdem „wieder da“, wird genauso verstanden, wie er sich gibt und doch gründlich gar nicht. Seine kranken Ideen und Ansichten haben sich nicht geändert, aber der Alltag um ihn herum ist sechzig Jahre weiter, wenn auch vielleicht nicht reifer. Also wird Hitler zum neuen Spassvogel des Privatfernsehens, zum Gesprächsgegenüber der NPD, von Sigmar Gabriel und Renate Künast. Und das Publikum ist genauso verunsichert und dann wieder begeistert, wie der Leser seiner Ansichten.
Timur Vermes hat als Ghost Writer und Magazinautor genug Einsicht in den Literaturbetrieb und vermutlich auch in die Mechanismen des Fernsehens, was diese Abläufe beinahe glaubhaft macht. Trotzdem möchte man ständig den Kopf schütteln, das das in Deutschland tatsächlich möglich sein soll. Wirklich beeindruckend ist aber die treffende Sprache von Adolf Hitler, wenn man sie überhaupt so nennen will, schön grauselig anachronistisch blumig, die armen Lektoren, die hier gerne sämtliche Höllenmetaphern und Adjektive streichen wollten. Das ist auch eine Form von Literatur: Genauso schreiben, wie jemand spricht, ohne aufzusetzen, trotzdem die Satire zu halten, ohne in die Peinlichkeit zu rutschen. Klasse.

Eine Hitlersatire wie soviele? Wie Switch/Stromberg oder Helge Schneider? Sicher. Na und? Der Reiz ist der Gegenwartsbezug, letztendlich ist es nicht die Person, die satirisch verarbeitet wird, sondern unser Zeitgeist.

Timur Vermes: „Er ist wieder da“