Besuche, wie sie nie stattfinden dürfen*

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Mutter: „Ja, ich wollte mal diesen Ausschlag anschauen lassen.“
Ich: „Oh Gott…“
Mutter: „Wie jetzt?“
Ich: „Das sind Masern!“
Mutter: „Wirklich? Aber sie hat gar kein Fieber.“
Ich: „Ach nein? Dann sind es Windpocken!“
Mutter: „Aber sie hat gar keinen Juckreiz.“
Ich: „Achso… Dann vielleicht Scharlach?“
Mutter: „Aber sie hat gar keine Halsweh.“
Ich: „Ich habe mich geirrt! Es ist Neurodermitis! So!“
Mutter: „Oh nein! Das hatte ich befürchtet. Oh Gottogott.“

Kurze Kunstpause, um das Gesagte sich setzen zu lassen.
Ich: „Ich habe doch nur Spaß gemacht. Das sind…“
Mutter: „…ja?“
Ich: „Ganz normale…“
Mutter: „…ja?“
Ich: „Hitzepickel.“

*Achtung: Satire. Ganz so unprofessionell verhalten wir uns nicht. Aber bei manchen harmlosen Haut“dingen“ sind es genau diese Differentialdiagnosen, die ergooglet werden oder von der besten Nachbarin vom drüben ins Spiel gebracht werden.

In diesem Zusammenhang

(c) Bild bei pxhere (CC0 Lizenz)

Wochenendkarriere

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Eltern machen sich Sorgen, wenn ihre Kinder krank sind. Niemand versteht das besser, als ein Kinderarztvater. Das Folgende erlebte dieses Kind am Wochenende:

Sunja-Marie (2,5 Jahre) hat am Samstag Nachmittag zweimal erbrochen. Die Eltern fuhren mit ihr daraufhin in die nahegelegene Kinderklinik, trafen dort – schließlich war es schon 23:23 Uhr – auf den diensthabenden Arzt der Kinderklinik (Zweites Jahr Pädiatrie).
Untersuchung des Kindes. Eintrag des Kollegen: „Guter AZ, Gastroenteritis. Kind weint viel bei Untersuchung. Keine spezifische Therapie.“
Die Eltern fahren nach Hause. Sunja-Marie liegt um kurz vor 1 Uhr nachts in ihrem Bett.

Am nächsten Tag, Sonntag, isst sie „nichts“, so die Eltern. Auf genaueres Nachfragen am Montag (siehe weiter unten) trank sie morgens eine Flasche Kuhmilch. Aus der Flasche. Kuhmilch. Noch im Bett.
Bis zum Mittag wollte sie nichts essen.
Das Mittagessen verschmäht sie, sie bekommt noch ein Flasche Milch.

Da das Kind auch am Abend „nichts“ gegessen hat, denken die Eltern, man könne mal Fieber messen. Sie hat „Fieber“ (wieder die Eltern am Montag, siehe unten), genauer „Achtunddreißigzwo, im Po“.
Man fährt wieder in die nahegelegene Kinderklinik, diesmal etwas früher am Abend, immerhin 20:15 Uhr, sie treffen auf die diensthabende Kollegin aus der Niederlassung.
Untersuchung des Kindes. Eintrag der Kollegin auf dem Vertretungsschein: „Kind esse nicht. Erbrechen am Vortag. Brüllt während der gesamten Untersuchung. Kein pathologischer Befund. Temperatur normal.“
Die Eltern fahren nach Hause. Schlafen gegen 23 Uhr.

Montag.
Die Eltern fahren mit Sunja-Marie in unsere Praxis. Ohne Termin. Hier verbringen sie zwei Stunden, da zwischen 9 Uhr und 11 Uhr am Montagmorgen üblicherweise in Kinderarztpraxen der Punk abgeht. Allerdings mit geplanten Terminen.
Die Eltern berichten alles, wie oben beschrieben. Auf meine Frage, was ich heute für sie tun kann, da schon zwei Kollegen am Wochenende das Kind gesehen haben: „Sie hat heute morgen nur ein halbes Toast gegessen. Und eine Flasche Milch. Außerdem nochmal checken, ob alles in Ordnung ist.“
Untersuchung des Kindes. Nicht angenehm für Sunja-Marie. Sie möchte keine Ärzte mehr sehen, möchte nicht mehr untersucht werden. Sie macht einen sehr vitalen (also abwehrigen, brüllenden, zornigen) Eindruck. Ich finde nichts Pathologisches an ihr.

Gespräch mit den Eltern über Krankheitsverläufe bei Kleinkindern, mangelndem Appetit, Fehlernährung im Kinderkrippenalter und Versicherung, dass das Kind vermutlich kerngesund sei.

Vater: „Dann kommen wir vielleicht am Mittwoch nochmal. Zur Sicherheit.“

 

(c) Bild bei pxhere (CC0 Lizenz)

#wirliebenblogs

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Eine kleine feine nette Aktion, um die Blogosphäre mal wieder neu zu entdecken und alte graue Perlen in neuem frisch gelesenen Glanz erstrahlen zu lassen.

Hier meine alltime-favorites – ich weiß, es gibt noch tausende mehr, aber hier kommen regelmäßig hin zum Lesen.

Frau Nessy – mein „Klassiker“, vielfältig, nett, freundlich, eine Menschenfreundin, immer wieder überraschende neue Seiten.

Pharmama – da lerne ich stets was Neues hinzu, Pharmama ist produktiv und wissend, zum Festlesen.

Taxi – Durch die Straßen von Berlin, auch ein Klassiker unter den Berufsblogs, wer Sash noch nicht kennt, hat was verpennt.

Skizzenblog – ich habe ja ein faible fürs Zeichnen, wahrscheinlich weil ich es selbst nur amateurhaft kann – Claus ist der zeichnende Blogger – Zogger?

Buddenbohm – auch so ein Dauerbrenner. Jetzt hat er auch noch die eigenen Kinder angefixt, in die grossen Blogfusstapfen des Papas zu klettern.

ReadOnMyDear – meine Entdeckung dieses Jahres – Mademoiselle bei den Goldenen Bloggern kennen und schätzengelernt, jetzt mit Nachwuchs. Ein Blog, sprachlich zum Verlieben, inhaltlich zum Weltenverändern.

Tipps als Senf weiter unten? Bitte? Danke.

Ja, aber… (Achtung: Catcontent)

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Mutter: „Ja, wir möchten uns gerne eine Katze anschaffen, aber die Lira-Lara reagiert bei der Freundin immer mit Hautjucken, wenn sie da die Katze auf dem Arm hat. Kann man da mal einen Allergietest machen?“
Ich: „Das ist der perfekte Test. Nochmal probieren, wenn sie weiter auf die Katze dort reagiert, können Sie auf einen Test verzichten. Dann sollten Sie sich aber auch keine anschaffen.“
Mutter: „Ja, aber die Kinder möchten so gerne…“
Ich: „Ganz schön hart für ein Haustier, wenn es die Familie wieder verlassen muss, weil jemand allergisch reagiert.“
Mutter: „Ja, aber schön sind Katzen ja schon…“
Ich: „Und nicht ganz ungefährlich. Manchmal bleibt es nicht bei einer Hautreaktion, sondern Ihre Tochter könnte auch mit der Atmung reagieren.“
Mutter: „Ja, aber können wir nicht vielleicht doch…?“
Ich habe abgelehnt. Unsinnige Diagnostik.

Zwei Wochen vergehen…
Fax vom HNO-Arzt: Pricktest durchgeführt. Positiv auf Katze.

Dann hoffe ich doch mal, dass das nächste Fax nicht aus der Kinderklinik kommt: Anaphylaktischer Schock.

(c) Bild bei pixabay/itsneal (CC0 Lizenz)

HPV-Impfung auch für die Jungs

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Na endlich, denken sich alle, die Impfungen befürworten und sich schon länger fragten, warum die HPV-Impfung nur etwas für die Mädchen sei. Nun ist es aber (vor-)amtlich: Die STIKO wird in ihrem nächsten Epidemiologischen Bulletin die Impfung auch für die Jungs empfehlen. Die wissenschaftliche Begründung ist immer etwas ausführlicher, gerade für die impfkritischen Zeitgenossen, daher wird diese erst im übernächsten Journal nachgeschoben.

Verhütung ist schließlich auch nicht nur Mädchen/Frauen-Sache, banale Feststellung, also warum sollte der Gesundheitsschutz nur den Frauen aufgebürdet werden? Ok, diese bekommen nachher den Gebärmutterhalskrebs (der als Spätfolge einer HPV-Infektion im Genitalbereich gilt), aber die Überträger sind nun einmal die Männer beim Geschlechtsverkehr.

Dann gibt es auch noch diese unschönen Genitalwarzen, die eigentliche offensichtliche Infektion mit dem Humanen-Papilloma-Virus (Papilloma = Warze). Und die können die Jungs selbstverständlich auch bekommen. Ganz abgesehen von der Ästhetik der Warzen im Genitalbereich – wer will die schon? – , haben diese bei Jungs ähnlichen Prädilektionsstatus für z.B. Penistumore wie beim Gebärmutterhalskrebs. Tumore im Rachen- und Mundbereich (bei Infektion im Oralverkehr) haben auch ihre Ursache in den HPV-Viren.

Nun also die Umsetzung.
Auf die Empfehlung der STIKO folgt in aller Regel irgendwann – wenn es die Gremien zulassen – die Bestätigung der Impfempfehlung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss G-BA aus Krankenkassen und Ärzten, welcher über die Kostenübernahme entscheiden muss.
Wie war das bei der Einführung der HPV-Impfung für Mädchen?
– Die STIKO empfiehlt – jetzt also mit dem neuen Bulletin zum August 2018.
– Die Eltern müssen die Impfung zunächst privat tragen (immerhin damals 3 x 150 € pro Impfzyklus und Arztkosten)
– Dann kommt die Kostenübernahme einzelner Kassen durch die so genannte Kostenerstattung
– Schließlich die offizielle Übernahme und damit Abrechung „auf Karte“ – vermutlich erst zum Jahreswechsel 2018/2019.

Vielleicht geht es diesmal schneller, immerhin haben wir das schon einmal durchexerziert. Was auf jeden Fall gilt: Die Impfung wird empfohlen zwischen dem 9.-14. Lebensjahr. Das entspricht der Empfehlung bei den Mädchen. Die zweite Impfung sollte 4-6 Monate nach der ersten Gabe wiederholt werden, spätestens bis zum 17.Lebensjahr.

Der Sohn hier im Haus „freut“ sich schon.

(c) Bild bei Pixabay/derneuemann (CC0 Lizenz)

Quickblogging von heute

My Real Facepalm

Was hatten alle diese Kinder gemeinsam?

– Dreijähriger mit eitrig laufender Mittelohrentzündung
– Fünfjährige mit Ohrenschmerzen (Trommelfell nur rot, Kind aber unter Tränen)
– Viereinhalbjähriger mit Bindehautentzündung
– Vierzehn Monate mit 39,2 Grad Fieber (und Erkältung)
– 12jährige mit Sonnenbrand, also Verbrennung I. Grades am ganzen Rücken

… Na?

Eine/n Mutter/Vater, die/der nach der Anamnese, Untersuchung, Therapie und Beratung die rethorische Fragen stellte:
„Aber heute nachmittag ins Freibad, das geht schon?“

(c) Bild bei Flickr/Joe Loong (unter CC Lizenz BY-SA 2.0)

Soja? So: No.

Säuglingsnahrung aus Sojamilch nicht empfehlenswert

Kinder- und Jugendärzte raten davon ab, Formulanahrung auf Sojabasis zu verwenden, wenn keine Notwendigkeit dafür besteht.

„Zum einen ist der Nährstoff- und Energiegehalt wesentlich geringer als in Mutter- oder Kuhmilch und zum anderen enthält Soja hormonähnlich wirkende Isoflavone, deren langfristige Wirkungen noch nicht geklärt sind. Sojanahrung sollte deshalb nur unter ärztlicher Aufsicht gegeben werden“, erklärt Prof. Dr. Hans-Jürgen Nentwich, Kinder- und Jugendarzt sowie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats beim Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) mit jahrelanger Klinikerfahrung. Die im Soja enthaltenen Isoflavone Genistein und Daidzein haben eine ähnliche Struktur wie das weibliche Hormon Estrogen. Zudem kann Sojanahrung auch die Aufnahme von Mineralstoffen und Spurenelementen beeinflussen.

Amerikanische Forscher haben bei weiblichen Babys, die mit Soja ernährt wurden, Veränderungen in der Entwicklung der Gebärmutter und des Scheidengewebes beobachtet und bei männlichen Babys eine veränderte Entwicklung der Brustknospung. Bei Tieren wirkte sich Soja auf die Fruchtbarkeit aus. „Nur seltene Fälle von angeborenem vererbten Laktasemangel und die Stoffwechselstörung Galaktosämie können das Ausweichen auf eine Ernährung auf Sojabasis erforderlich machen. Eine Milchzuckerunverträglichkeit (Laktoseintoleranz) ist in der Regel kein Grund, auf Säuglingsnahrung aus Soja auszuweichen. Auch Magen-Darm-Beschwerden sollten kein Anlass für Eltern sein, eigenständig auf Soja umzusteigen“, warnt Professor Nentwich.

Quelle: JCME, CHOP News, Springermedizin.de, BfR


Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

The first cut is the deepest – über Platzwunden

Das Kind ist gestürzt und hat eine Platzwunde, und nun? Muss das nun versorgt werden oder nicht? Macht das eigentlich der/die Kinder- und Jugendarzt/ärztin oder gehen die Eltern damit ins Krankenhaus? ChirurgInnen machen doch sowas, oder? Hier ein paar Tipps zur Vorgehensweise:

Wo ist es passiert?
War der Unfall in der Freizeit, kann rein versicherungstechnisch die Versorgung von jedem Arzt erfolgen. War es jedoch ein Unfall im Kindergarten oder der Schule (einschließlich der Wege dahin oder daher), dürfen nur ÄrztInnen, die eine berufsgenossenschaftliche Zulassung haben, die Erstversorgung übernehmen. Dies sind in aller Regel alle niedergelassenen ChirurgInnen oder AmbulanzInnen, aber auch manch normaler Kinderarzt, d.h. er/sie kann eine Versorgung bis zu einer Woche übernehmen.

Wie groß ist die Wunde?
Es gibt keine gute Zentimetergrenze, ab wann eine Platzwunde beim Chirurgen versorgt werden muß, d.h. genäht werden muss (natürlich gibt es auch viele kinderärztliche KollegInnen, die mit Nadel und Faden hantieren, aber es wird die Ausnahme sein – außerdem, hüstel, wer hat wohl mehr Routine?). Ich lernte mal, zwei Zentimeter seien eine gute Grenze, aber ich habe auch schon größere Wunden kleben können und kleinere zum Chirurgen geschickt, die trotz primärer Wundstillung weiter geblutet haben.

Was „macht“ die Wunde?
Ist die Haut geöffnet/geplatzt und blutet, so sollte der Ersthelfer, also Ihr, liebe Eltern, versuchen, die Wunde zu stillen. Dazu nimmt man ein sauberes Tuch (aus dem Erste-Hilfe-Koffer), es tut auch ein Papiertaschentuch (unbenutzt), oder wie im Film das in Streifen gerissene weisse Hemd des Vaters. Es reicht völlig, die Wunde damit abzudecken und leicht anzudrücken. Bitte nicht wischen oder ständig darunter schauen, damit entfernt man die ersten Blutplättchen und Gerinnungsflüssigkeiten, die versuchen, die Wunde selbst zu schließen – es dauert länger.
Blutet es trotz Erstmaßnahmen weiter, ab zum Arzt. Blutet es auch bei uns in der Praxis weiter trotz sachgemäßer Kompression, muss eine Naht gesetzt werden, feuchte Wunden werden nicht geklebt.

Wie versorgen wir die Wunde?
– Säuberung von groben Schmutz, mit viel sterilem Wasser oder Kochsalzlösung
– Desinfektion mit z.B. Octe.ni.sept (jetzt kann es wieder bluten, also nochmal warten)
– Kleben der Wundränder mit so genanntem Gewebekleber
– Eventuell zusätzlich oder ausschließlich mit Klammerpflaster adaptieren
– Bedecken der Wunde mit einem sauberen Wundpflaster (kann man am Kopf, in den Haaren, auch weglassen)

Was macht der/die Chirurgin?
Das gleiche wie oben, wenn er/sie die Wunde für klebbar hält, ansonsten
Betäubung der Wundränder mit einem Lokalanästhetikum (mit einer entsprechenden Salbe oder ja, einer Spritze) und
Vernähung der Wunde mit 1 bis x Einzelknopfnähten

Wie geht´s dann weiter?
Alle Kinder mit Platzwunden, die extern versorgt werden, sehen wir noch einmal. Das hat wohl versicherungstechnische Gründe, die Notfallmediziner kennen die Eltern wenig, also ist Kontrolle besser. Ich selbst bitte die Eltern um tägliches Wechseln des oberen Wundpflasters (da geben wir etwas mit) und um Vorstellung
– wenn die Wunde sich darunter stark rötet oder
– wenn die Wundränder sehr verschwellen oder
– wenn die Haut „spannt“ oder Schmerzen bereitet oder
– wenn Eiter zu sehen ist
Bei letztem kommt es zu häufig falschem Alarm, weil manch eine Wunde sehr stark sezerniert, d.h. Fibrin absondert, was mal weißlich aussieht und mit Eiter verwechselt wird.

Und sonst?
Überprüfung des Tetanusschutzes (es sollten mindestens drei Tetanusimpfung stattgefunden haben und die letzte nicht länger als zehn Jahre zurückliegen)! Wenn geimpft werden muss, liebe ChirurgInnen, impft bitte einen Kombinationsimpfstoff mit Keuchhusten und Diphtherie. Bitte. Danke.
Bei Kopfwunden gehört stets eine Aufklärung über eine mögliche Gehirnerschütterung dazu.

Und am Ende?
Platzwunden heilen in aller Regel nach einer Woche komplett aus, d.h. dann können die Fäden oder die Klammerpflaster entfernt werden. Ein zu frühes Entfernen kann dazu führen, dass die Wundränder sich wieder öffnen, ein zu spätes (> 14 Tage, ja, das gibts auch) fördert wohl die Narbenbildung. An stark beanspruchtem Gewebe (Gelenke) wird auch zehn Tage bis zum Fadenzug gewartet, das entscheidet der/die ChirurgIn.
Klammerpflaster dürfen die Eltern mit viel Wasser und ein wenig Abknibbeln selbst entfernen, wenn sich die Steristrips nicht schon selbst ablösen.
Fäden ziehen wir in der Praxis natürlich ohne Betäubung, was kleine Kinder oft nicht verstehen, sie denken, das Entfernen tut so weh wie das Nähen. Mit viel gutem Zureden und Ablenkung durch die fMFA gelingt aber auch das.

Ein No-Go?
Ja. Wunden, die genäht werden müssen, müssen genäht werden. Und nicht geklebt. Gar nicht geklebt. Es macht keinen Spaß, auch nicht dem Patienten, wenn Fäden entfernt werden müsse, die zusätzlich mit Kleber verbabbt wurden. Auf dass es für die Ewigkeit halte.

(c) Bild bei Flickr/Lars Plougmann (CC Lizenz CC BY-SA 2.0)

Impfdiskussionsdeeskalation

HPV Vaccination in Sao Paulo Brazil March 2014

In meinem Alter wird man altersweise, und gerade bei der Diskussion ums Impfen – und davon gibt es derer viele – bin ich nicht mehr so streng und abweisend wie noch vor Jahren. Dennoch gibt es Grenzen.

Ich bin überzeugter Impfmediziner, ich denke, das wurde aus zahlreichen Artikeln hier im Blog bereits deutlich. Meine Grundeinstellung ist es, dass Impfungen zur modernen Medizin dazugehören, sich damit ausreichende geschulte Experten in der Ständigen Impfkommission einbringen und sehr genau entscheiden, wann welche Impfung zur Empfehlung wird, und wann eine Empfehlung geändert oder gestrichen wird. Ein wenig Vertrauen gehört dazu.

Viel hängt das  mit der grundpersönlichen Einstellung zur Medizin zusammen: Ich möchte einem Schutzbefohlenen möglichst alle Krankheiten ersparen, wie ginge das besser als mit einer Impfung? Klar kann die Medizin heute viel lindern, sogar heilen, was sie vor Jahrzehnten nicht konnte, aber jede Studie zeigt: Prävention zählt in allen Bereichen, so auch in der Infektionsverhinderung. Meine Kinder sind „durchgeimpft“, wie das so schön heißt, also auch die HPV-Impfung für die Große und die FSME-Impfung für die lokalen Risiken. Das versuche ich, allen Eltern bei der U3 zu vermitteln. Ein ausreichend früher Zeitpunkt, die erste Impfung beginnt mit sechs (die Rota-Impfung) bzw. acht Wochen (der erste Rest, also Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung, Hämophilus influenzae und Hepatitis B, sowie extra die Pneumokokken), die Eltern können noch viel überlegen. Meist sind sie schon informiert, leider oft fehlinformiert. In klärenden Gesprächen bei U3 oder einem Extratermin zur Impfberatung, sonst am ersten Impftermin, geht es um weitere Aufklärung, die heutzutage meist eher der Widerlegung von Mythen und falschen Behauptung dient. Fake News Prophylaxe.

Ein beliebtes Gegenargument ist die frühe Impfung. So klein, so empfindlich, Neuronenentwicklung, Verträglichkeit, all dies wird angeführt, und ich verstehe die Eltern: Das empfindliche sensible unversehrte Neugeborene möchte niemand mit Nadel gestochen sehen, es ist der Eingriff in die Unversehrtheit.

Die Rota-Impfung sollte mit 6 Wochen begonnen werden und allerspätestens in der 24 Lebenswoche beendet sein, sonst entwickelt der Organismus zu wenig Antikörper und das Nebenwirkungs-Spektrum vergrößert sich (vor allem die einer Darmverstülpung). Entscheiden sich Eltern also für eine spätere Impfung, fällt diese meist schon flach. Das muss ich kommunizieren.

Die U5, also die Untersuchung mit einem halben Jahr, ist eine magische Marke. Jetzt soll erstmal alles stabiler sein, also, jetzt ist die Impfung ok. Also dann. Dann impfe ich eben erst mit sechs Monaten. Das Risiko beispielsweise einer Keuchhusteninfektion wird klar benannt: Sie kann letal verlaufen, zumindest aber wandern eigentlich alle Säuglinge ins Krankenhaus, da sie plötzliche Atemstillstände durchlaufen können. Von der späteren Bronchialempfindlichkeit ganz zu schweigen. Noch mehr kann ich erzählen zur besseren Antikörperbildung, der besseren Verträglichkeit bei früher Impfung, sicher auch dem hoffentlich schnelleren Vergessen.

Dann  möchten Eltern oft nicht alles impfen. Was sind die üblichen Verdächtigen? Eben die Rota-Impfung („hält ja nicht ein Leben lang“, „Luxus-Impfung für die Industrienationen“, „Funktioniert gar nicht, da zuviele Virusstämme“), dann die Hepatitis-B-Impfung („Wie soll das ein Säugling bekommen?“, „Heilt ja aus“, „Kann ich später noch mit Hepatits A zusammen impfen“) und mit einem Jahr die Windpocken („harmlose Kinderkrankheit“, „Habe ich auch gehabt“, „Verschiebt die Erkrankung ins Erwachsenenalter“). Über all diese Impfungen kann ich vortrefflich aufklären und diskutieren und mache das auch, schließlich bringe ich Ankedoten ein, um die Studienlage zu unterfüttern: Ich erzähle von den hohen Krankenhauszahlen der durchfallerigen Säuglingen vor nicht mal zehn Jahren und dem deutliche Rückgang, erzähle von den chronischen Verläufen bei Hepatitis B und den hautgeplagten Einjährigen, die nun noch den Juckreiz der Windpocken ertragen müssen. Mir liegt ein „Ätsch“ fern, aber nicht nur einmal haben Eltern die Verweigerung der Varizellenimpfung im Nachhinein bereut, als sie sahen, was die Infektion an der Haut anrichten kann.

Eltern möchten das Gefühl haben, selbst zu entscheiden. Paternalismus ist ein Trugschluss der heutigen Zeit, dennoch gibt es Eltern, die sich eine lenkende Beratung durch den Kinderarzt wünschen. Was wird empfohlen, warum und warum nicht, was sind die Risiken, was der überwiegende Benefit. Ich kann nur die Empfehlungen vor den Eltern ausbreiten, entscheiden müssen sie dann schon selbst.

Verunsicherte Fragen sind die, ob ich meine eigenen Kinder impfe (ja) und wie das andere Eltern sehen (über 95% der Eltern impfen ihre Kinder). Diese Eltern sind geprägt von der gefühlt falschen Wahrheit: Dass mehr und mehr Eltern Impfungen kritisch gegenüber stehen, das zeigen die Impfquoten aber keineswegs. Impfgegner haben nur die größere Klappe und sind vor allem in Social Media viel besser vernetzt.

So kann ich im Moment Gruppen unterscheiden:
– Eltern, die einfach den Empfehlungen trauen, und alles impfen lassen.
– Eltern, die kritisch hinterfragen, die Argumente abwägen, und alles impfen lassen.
– Eltern, die das Gefühl brauchen, eine eigene Entscheidung zu fällen, ein paar Impfungen daher ablehnen oder später impfen.
– Eltern, die abwägen, immer wieder diskutieren, weil sie andere (also mich) überzeugen wollen und letztendlich nach Absolution suchen. Sie lehnen aber auch alle Impfungen ab oder fahren ein absolutes Schmalspurprogramm (Tetanus).
– Eltern, die der gesamten akademischen Medizin ablehnend gegenüberstehen, und jegliche Impfung unterlassen.
– Eltern, die gar nicht erscheinen. (Klingt lustig, ist es aber nicht. Diese gehen weder zu Vorsorgen, noch sonst zum Arzt. Sei es, weil ihnen das nicht wichtig erscheinen, oder weil sie dies aus ideologischen Gründen ablehnen.)
Die Gruppen sind nicht heterogen verteilt, zudem noch unterschiedlich in der Bevölkerung, wie auch in meiner Praxis. Die letzten beiden Gruppen erscheinen ja erst gar nicht oder haben sich informiert, dass in meiner Praxis damit kein Land zu gewinnen ist.
Die ersten zwei Gruppen machen die o.g. 95% der Eltern aus, um die beiden mittleren Gruppen müssen wir uns als Ärzte aber besonders kümmern, denn diese können wir eventuell mit guten Argumenten noch erreichen.

Mit spätestens sechstem Monat, vielleicht ohne Rota-, Hepatitis-B- und Windpockenimpfung: Darunter „mache ich es nicht“, das kommuniziere ich den Eltern. „Wir impfen nur die Kinder, die wir behalten wollen.“ So oder ähnlich geistert ein Meme durch die sozialen Medien. Dr. House hat das auf seine Weise unterstrichen, in dem er die Kindersärgeindustrie mit der der Impfgegner verbandelt sah. Bleiben wir in diesem Bild, so impfen Mediziner die Kinder, die sie gesund sehen wollen. Welchen anderen Nutzen hätte es sonst?

(c) Bild bei Flickr/PAHO (Lizenz CC BY ND 2.0)

„Wer alle Impfungen verweigert, den schmeiße ich raus“

Heuschnupfenberatung in der Apotheke, Selbstversuch

„Hallo, ich hätte gerne Azelastin als Kombipackung, zum Beispiel Aller.go.dil als Kombi.“
„Moment, muss ich erst schauen, ob wir das da haben.“ Tippeditipp. „Ja, wollen Sie das als Augentropfen oder Nasentropfen?“
„Gerne als Kombipräparat, bitte. Einzeln ist es bestimmt teurer.“
„Ich schaue nochmal.“ Tippeditipp. „Nein, leider nicht da.“
„Haben Sie denn ein anderes Kombipräparat mit Azelastin?“
„Ich schaue einmal, Moment…“ Tippeditipp. „Ja, ich weiß jetzt nicht…“
„Da hinten im Regal, das ist doch Li.vo.cab als Kombi.“
„Ja, das ist richtig. Möchten Sie das?“ Sie holt es schnell, bevor ich antworten kann.
„Eigentlich nicht, das ist ja Levocabastin, das wirkt bei mir nicht so gut.“
„Tja, dann vielleicht das einfache Chromoglicin?“
„Danke, ganz sicher nicht. Und da hinten, neben dem Li.vo.cab? Da steht doch noch Vi.vi.drin akut.“
„Ja? Möchten Sie das?“
„Ist das nicht Azelastin? Und das gibt es auch als Kombi, oder?“
„Ich schau mal…“ Tippeditipp. „Ja, das haben wir da.“
„Und was ist da der Wirkstoff?“
„Ich weiß jetzt nicht, Moment…“ Tippeditipp. „Der Wirkstoff…, der Wirkstoff… Ahja, hier: Az-e-las-tin.“
„Na, das ist doch prima. Das nehme ich.“
„Also das Vi.vi.drin akut als Kombi?“
„Genau. Azelastin als Kombinationspräparat.“
„Prima. Schön, dass ich Ihnen helfen konnte.“
„Ja, fand ich auch. Und ich Ihnen.“

Eine Packung Taschentücher gab es auch. Nein, die Apotheken-Umschau habe ich liegen gelassen. Da steht zuviel Schwurbel drin.

(c) Bild Public Domain/Wikipedia

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