Die Vorsorgeuntersuchungen – U7a

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Was machen wir bei Kindern mit drei Jahren?
– Körpermaße mit Blutdruck
– Sehtest
– Diverse Fragebögen an die Eltern
– Sprachtest zum Wortschatz
– Diverse Steck- und Klötzchenbauspiele
– Körperliche Untersuchung

Das ist schon ein ganz ordentliches Programm in diesem Alter, aber der Tatsache geschuldet, dass bei der U7a in aller Regel die Kinder erstmals so richtig mitmachen. Wenn sie mitmachen. Denn mit drei Jahren verharren manche noch gerne im Trotz- und Trollalter, bewegen sich erst zögerlich aus ihrer Kleinkindrolle hinein ins Kindergartenalter.

Kindergartenkind bedeutet, erste Aufgaben zu übernehmen und selbständig etwas zu tun, also z.B. sich an- oder auszuziehen, Tisch zu decken oder Wäsche zusammen zu legen, im Garten helfen, in der Werkstatt, beim Kochen helfen. Und zwar, das ist wichtig: Diese Aufgaben mitzumachen, auch wenn das Kind die Lust verliert, also auch eine Aufgabe zu Ende zu bringen. Natürlich alles im überschaubaren zeitlichen Rahmen.

Die Sprache: Ein wichtiger Entwicklungsschritt. Dreijährige dürfen jetzt einen grossen Wortschatz haben, auch längere Sätze bilden, sie sollten – so fragen die Kinderrichtlinien – auch von anderen gut verstanden werden. Dabei spielt es keine Rolle, wenn so manche Konsonanten noch sehr unsauber gesprochen werden oder auch gar nicht. Das /K/, das /G/, das /R/, allemal das /S/ und /SCH/ werden erst später gebildet. Üben können das die Eltern sowieso nicht, insbesondere zweisprachige Familien dürfen weiterhin ihre Muttersprache üben. Die Kommunikation steht an vorderster Front, noch nicht die absolute rhetorische Feinrede.

Motorisch darf ein/e Dreijährige/r jetzt auf einem Bein stehen, von einer Treppenstufe hüpfen, schon mal das Laufrad oder Dreirad beherrschen und natürlich selbständig Essen. Mit einem Stift werden einfache Formen nachgemalt, meist aber noch Kritzelkratzel, die Stifthaltung ist egal. Knöpfe können zugemacht werden (wenn sie groß genug sind und überhaupt vorhanden), Puzzle sind eine einfache Aufgabe, Steckspiele werden langweilig.

Und der Spaß beim Kinderdok, denn das wollen ja alle hier lesen? Die U7a macht Spaß, so die Kinder den Schritt ins Kleinkindalter nicht verpasst haben, sondern noch im egozentrischen Weltbild verharren. Sie fangen jetzt an, Dinge zu präsentieren, stolz zu sein, setzen problemlos kleine Aufforderungen um und benennen viele Bilder auf unserem Sprachbogen. Endlich sagt einmal ein Kind, es möchte jetzt noch nicht gehen, weil die Untersuchung so Spaß gemacht hat. Die wenigen, die an diesem Tage nicht so begeistert sind, kommen einfach nach einem Monat wieder und – Oh Wunder! – plötzlich klappt alles problemlos. Tagesform ist etwas Wunderbares.

Aus dieser Reihe:
Die Vorsorgeuntersuchungen – U1
Die Vorsorgeuntersuchungen – U2
Die Vorsorgeuntersuchungen – U3
Die Vorsorgeuntersuchungen – U4
Die Vorsorgeuntersuchungen – U5
Die Vorsorgeuntersuchungen – U6
Die Vorsorgeuntersuchungen – U7

(c) Bild bei pixabay/titoikids (unter CC0-Lizenz)

kinderdok kocht

Ich schnipple das Suppengrün nur grob, die Zwiebel wird halbiert und kurz mit der angeschnittenen Seite nach unten im Topf angebräunt. Dann zwei Liter Wasser dazu, hei, das zischt. Den Hahn hinein, das grobe Gemüse dazu, wenig Salz, ein wenig Pfeffer – so. Einmal aufkochen. Das darf knappe zwei Stunden köcheln. Temperatur dabei weit runter nehmen.

Schnitt. Kurzer Test, das Fleisch fällt sanft. Also: Hahn raus, Grünzeug raus, Brühe durchsieben in einen zweiten Topf. Die Fettaugen vorsichtig abschöpfen – genug Kraft ist da sowieso drin, brauchts nicht auch noch igitt. Der Hahn wird mit scharfem Messer und Gabel zerteilt, die Haut kommt weg (bzw. zur Katze, die kann ein bisschen was auf den Rippen vertragen im Winter), das weiße Fleisch kleingerupftgeschnitten. Zurück zur Brühe. Das Grünzeug kurz kleiner geschnitten (kann man auch schon vorher machen – egal). Zurück zur Brühe. Nochmal aufkochen und gut ist.

Für die Kids gibts Buchstabennudeln dazu – die haben jetzt auch den Klammeraffen („schau mal Papa, ein Ät“) und das Eurosymbol – nett. Die Nudeln gibt man in kochendes Wasser in den ersten Topf, lässt sie dort nach Empfehlung gar werden, abgießen, und gibt soviel Suppe bei, wie aktuell gegessen wird. Nicht die ganzen Nudeln zur Suppe geben, sonst haste nachher Nudelsuppe – ist aber eine Hühnersuppe. Die nämlich (ohne Nudeln) geht in den Kühlschrank – kannste nachher noch bequem das Fett abheben. Oder in Tupper in den Tiefkühler.

So. Jetzt soll mal die Grippe kommen. Nicht zu mir.

Original in-vitro-Studie

Chicken Soup for a cold – das Rezept der Forscher

—–
recycled, da stets aktuell (19.1.2013)

Ein Sturz, … und die Ärzte versammeln sich

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Jugendlicher, 14 Jahre alt, stolpert in der U-Bahn und stösst sich an der Stuhllehne den rechten Rippenbogen. Es entsteht ein blauer Fleck. Was passiert dann?
– Tag 1: Jugendliche stellt sich in der (Erwachsenen-)Notfallpraxis vor. Kontakt zu einem Allgemeinarzt (Doc 1). Dokumentiert das Hämatom und verweist an die Unfallchirurgie im Haus.
– Gleicher Tag: Vorstellung Unfallchirurgie bei Doc 2: Bestätigt o.g. Befund, verzichtet auf Röntgenbild, empfiehlt „morgen Kontrolle bei Kinderarzt“.
– Tag 2: Vorstellung bei niedergelassenem Unfallchirurg (Doc 3), weil immer noch Schmerzen. Bestätigung des o.g. Befundes. Empfehlung: Vorstellung beim Kinderarzt „um mal abzuhören“ (sic!)
– Tag 3: Vorstellung bei Kinderdok (Doc 4) – Auskultation ohne Befund. Hämatom wie oben (ca. 2-Euro-Stück-gross), weiter Schmerzen an der Stelle. Beratung, Ibuprofen bei Bedarf, Bitte um Wiedervorstellung *nur* bei Atemnot.
Frage der begleitenden Mutter: „Sollen wir dann morgen doch nochmal in die Klinik zum Röntgen? Zur Sicherheit?“

Ich habe verneint.

Was würde passieren, wenn Patienten bei jeder Arztvorstellung eine Gebühr zahlen müssten? Was wäre passiert, wenn der erstbehandelnde Allgemeinarzt eben nicht nach forensischem Sicherheitsstreben gehandelt hätte, sondern mit gesundem medizinischen Sachverstand? Und die Harmlosigkeit eines kleinen Hämatoms hervorgehoben, den absehbaren Verlauf geschildert, eine Schmerzmedikation verordnet und Empfehlungen zur Dringlichkeit einer Wiedervorstellung gegeben hätte, sprich: Eine Beratung durchgeführt hätte? Fahrradkette.

(c) Bild bei Pixabay/geralt (Creative Commons CC0)

Diagnosen-Top-Ten

list-2389219_960_720Die TopTen der akuten Vorstellungen in diesen ersten zwei Monaten 2018. Wen es interessiert.

Fieberhafter Grippaler Infekt* 778 Fälle
Luftwegsinfektion 507 Fälle
Gastroenteritis 83 Fälle
Harnwegsinfektion 76 Fälle
Bronchitis beim Kind 70 Fälle
Husten 51 Fälle
Pneumonie 44 Fälle
Otitis 42 Fälle
Konjunktivitis 38 Fälle
Bauchschmerzen 29 Fälle
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.
.
Scharlach 16 Fälle

Bevor jetzt alle anfangen zu rechnen: Es gibt noch x andere Diagnosen, Patienten kommen oft wegen der gleichen Diagnose häufiger, und manche Patienten haben mehrere Diagnosen. Verdachtsfälle („Verdacht auf…“, z.B. bei Pneumonie oder Harnwegsinfektion) gehen ebenfalls mit in die Statistik ein.
Aber die Relation ist eindeutig.

*Wir machen übrigens keine Influenza-Abstriche. Sie sind irrelevant für die Therapie, wir sind keine Studien- oder Sentinelpraxis und kein Gesundheitsamt.

@BVKJ: Info und Schulung der Betreuer von Kindern mit Krampfanfällen wichtig

„Leidet ein Kind unter Epilepsie, sollte das Personal des Kindergartens und später Lehrer über Notfallmaßnahmen informiert sein.

„Die wenigsten wissen, dass sie bei einem Anfall dem Kind nichts Hartes in den Mund stecken oder es fixieren dürfen. Idealerweise erhält das betreuende Personal eine Schulung, wie es sich im Notfall verhalten sollte. Dazu gehört, dass sie bei einem länger als fünf Minuten dauernden Anfall z.B. Benzodiazepin verabreichen sollten, um einen lebensgefährlichen Status epilepticus zu verhindern. Dies muss aber mit den Eltern bei Aufnahme eines Kindes mit der Diagnose Epilepsie abgesprochen und schriftlich festgelegt werden“, rät Prof. Dr. Hans-Jürgen Nentwich, Kinder- und Jugendarzt sowie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats beim Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) mit jahrelanger Klinikerfahrung.

Dass ein Kind unter Epilepsie leidet, ist auch eine wichtige Information, um Unfälle zu vermeiden. So haben Betroffene ein wesentlich höheres Risiko, beim Schwimmen zu ertrinken und sollten deshalb in Bezug auf Badeausflüge besonders vorsichtig sein. „Kinder mit Epilepsie können evtl. in Absprache mit dem Facharzt sogar ins Schwimmbad gehen, wenn sie medikamentös gut eingestellt sind und etwa ein Jahr keinen Anfall hatten, doch sollte immer eine lückenlose Einzelaufsicht gewährleistet sein, um im Notfall helfen zu können“, so Prof. Nentwich.

Quelle: Acta Paediatrica, Archives of Disease in Childhood“
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Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

Das ist eine schöne Forderung, die unser Berufsverband da ausspricht, die PM sorgt vielleicht dafür, dass dieses Thema auch in den Focus von Kinderkrippen und Schulen gerät. Regelmäßig gibt es Kinder, die an Epilepsie leiden, mit Medikamenten eingestellt sind und bei denen es eventuell zu Notfällen kommen kann. Meine Erfahrung ist: Sind die Betreuer gut (durch uns Kinder- und Jugendärzte) informiert und geschult, fällt die Angst vor einer Notfallsituation in sich zusammen. Außerdem sind die Tageseinrichtungen vorbereitet für das nächste Kind.

Dabei hat Epilepsie hat nichts mit Fieberkrämpfen zu tun, die Betreuung ist eine andere, die Notfälle sind andere.

Schwierig ist es nur, wenn noch nie ein Kind mit Epilepsie betreut wurde oder das Personal durchwechselte, ohne je die Erfahrung gemacht zu haben. Habt Ihr Erfahrungen mit Kindern mit Epilepsie? Wie reagieren die ErzieherInnen und LehrerInnen bei Euch? Wie geht Ihr als Betreuer damit um?

 

 

Ich war mal wieder analog

Die ehrenwerte „Stuttgarter Zeitung“, genauer Nadine Funck, Redakteurin der Sonntagsbeilage für die StZ und die „Stuttgarter Nachrichten“, hat mich gebeten, für ein Interview zur Verfügung zu stehen.

Irgendwie interessieren sich vor allem die Sonntagsausgaben für Pädiatrie, so mein Eindruck. Schließlich kommt auch die Monatskolumne des Berliner Tagesspiegel sonntags raus. Vermutlich hat die potentielle Zielgruppe der Eltern nur am Sonntag Zeit, analog Zeitung zu lesen.

Jedenfalls hat mir das Interview großen Spaß gemacht, es gibt leider keine Online-Verwertung des Artikels, wer möchte, kann aber hier das Interview nachlesen:

Der Doktor und die lieben Eltern (pdf)

(c) bei Nadine Funck/Sonntag aktuell/kinderdok

Die Zähne und die Küsschen

Jumping in Puddles

Sie haben ihren drei Mädchen und zwei Jungs lustige Namen gegeben, jede/r drei davon. Immer beim Aufruf der Karteikarte frage ich mich, ob sie das gemacht haben, damit sich die Kids später einen der drei als Lieblingsnamen aussuchen können. Es gibt viel Ypsilons in den Namen, viele anglophile Anleihen und ein oder zwei französische (für die Mädchen).

An den Zähnen kannst Du einiges erkennen. Nur die Mädchen, ganz Klischee, haben noch keine überkronten Milchzähne. Der älteste Sohn hatte bereits zwei Zahn-OPs hinter sich, jetzt in der Grundschulzeit wurden diese in die Ferien verlegt, damit er nicht soviel vom Unterricht verpasst. Da fehlt er nämlich oft genug, weil er die ganzen banalen Infekte mitfährt, die ihm die jüngeren Geschwister aus dem Kindergarten anschleppen. Auf wundersame Weise war er in seiner Kleinkindzeit kaum krank, jedenfalls habe ich ihn da kaum gesehen, vielleicht war die Familie aber vorher bei einem anderen Kollegen.

Das erste Mal sah ich sie vor vier Jahren. Da gab es nur vier von ihnen, Nummer fünf ist erst vor zwei Jahren zur Welt gekommen. Die vier saßen wie die Hühner auf der Stange auf der Untersuchungsliege, null Angst vor dem Doktor, sehr lieb und freundlich alle vier machten sie einer nach dem anderen den Schnabel auf, um den Rachen zu inspizieren (diese Zähne!) und ließen sich brav abhören. Immer hatten sie alle das Gleiche, mal fing der Kleinste an, mal ein mittlerer, selten eben der Große. Und Mutter saß stets daneben, genauso verrotzt.

Mama ist immer krank und ist gar nicht übergewichtig, wie es das Klischee verlangt. Blaß ist sie, dunkle Augenringe, sehr dünn. Der bescheidene pädiatrische Blick sieht eine erwachsene Anorektikerin vor sich, aber immerhin fünf Kinder bekommen. Die Pfunde trägt der Vater in der Familie, sicher drei Zentner, verteilt auf knappe zwei Meter. Er erzählt stets von sich, wie krank er sei, was er alles arbeiten müsse, dass er demnächst viel Geld erben werde. Dann wird alles anders.

Der Kontakt mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst begann nach der Geburt des letzten Kindes, die amtliche Mitarbeiterin meldete sich über e-mail, eine Schweigepflichtsentbindung sandte sie gleich mit. Die jüngeren seien seltener in den Kindergarten gekommen, der älteste habe so einige Fehltage in der Schule. Zuhause sehe es aus wie „d´Sau“, sagt die amtliche Mitarbeiterin, und Nachbarn sei der Krach aufgefallen im Haus. Kinderkrach. Nein, die Eltern habe man nicht gehört. Vielleicht noch den Hund, aber was kann man da schon machen? Hunde bellen nun einmal.

Die Anfragen sind immer die gleichen: Kommen die Eltern mit den Kindern regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen? Sind alle Impfungen erfolgt? Ob ich Vernachlässigungsspuren sehen würde? Oder gar Misshandlungszeichen? Seien die Kinder schlecht genährt? Wie sind die Zähne?

Ich denke an meine Impfgegnereltern, die eigentlich gar nicht mehr in meine Praxis kommen, deren Kinder aber weiter nicht geimpft sind. Ich denke an meine schlechtdeutschsprachigen Miteltern, die nicht verstehen, dass eine Vorsorgeuntersuchung nur in bestimmten Zeiten stattfinden darf und danach eben nicht mehr. Die Zähne mancher Kinder sind kaputt, weil Süßgetränke und Flasche und Schnuller, und Zähneputzen ist so nervenaufreibend, weil „er mag das nicht“. Und ich denke, dass ich weiß, dass das Zusammenkommen vieler Indizien und Aufpoppen einzelner hellhörig werden lässt.

Bei dieser Familie? Ja: Die Zähne. Und die Vorsorgen werden gerne mal „vergessen“. Und bei No. 2 fehlen noch alle Impfungen jenseits des ersten Geburtstags, dafür sind No. 4 und 5 wieder komplett durchgeimpft. Außerdem kommen sie, wenn die Kinder krank sind, auch wenn ich dann mehr über Beruf und Krankheiten des Vaters („ich habe da diese Beule am Ellenbogen, könnten Sie mal kurz?“ – „Äh, nein.“) erfahre als über die Schulperformance des Ältesten. Die amtliche Mitarbeiterin möchte, dass der Große jetzt jedesmal vorgestellt wird, wenn er wegen Krankheit nicht in die Schule kann, „um das im Blick zu behalten“. Ich denke mir, damit werde ich als Arzt zum Amt und der Große nicht schneller gesund. Und Verantwortung zeigen die Eltern auch so genug.

Die fünf lachen jedes Mal, wenn sie bei mir sitzen, wie die Hühner auf der Stange. Auch wenn das Lachen zahnlückig ist. Die Großen helfen den Kleinen beim Anziehen. Jedes Mal. Und jedes Mal gibt es am Ende ein Küsschen von der Mama oder ein liebes Wort vom Papa. Wie toll sie bei mir mitgemacht haben und wie lieb sie waren. Für jeden der fünf.

 

(c) Bild bei flickr/Jimee, Jackie, Tom & Asha: Jumping in Puddles (CC Lizenz BY-SA 2.0)

Die Vorsorgeuntersuchungen – U7

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Die U7 oder „Die unbeliebteste Vorsorgeuntersuchungen aller“ oder „Heute gehts schnell“ oder „Seufz“.

Marc-Anton schreit bereits die gesamte Praxis zusammen, im Zimmer zum Vermessen redet die „Tante“ (die fMFA) und die Mutter mit Engelszungen auf den Kerle ein, damit er sich wenigstens für ein Sechzehntel einer Sekunde vor den Körpermessstab stelle. Das Wiegen auf der Waage gelingt auf dem Arm der Mutter, die dafür aber das eigene Körpergewicht preisgeben muß (Gesamtgewicht minus Muttergewicht… schon klar, oder?).
„Viel Spaß“, grinst meine fMFA, „ich war schon die doofe Tante, jetzt gehört er ganz Ihnen, Chef.“ – „Heute gehts schnell“, denke ich hingegen und betrete das Untersuchungszimmer. Die U7 ist bei allen Beteiligten die unbeliebteste Vorsorgeunteruschungen aller, die Mutter ist angespannt, dass das Bobele ausreichend korrekt performed, der Doktor versucht, all seine Motivationskünste aufbieten zu können, und Marc-Anton selbst bewegt sich irgendwo im kindlichen Bermudadreieck der Trotzphase, der Selbstbestimmung, und dem Gefallen der Mutter. Vor allem aber hat er keinen Bock. Angst hat er nicht.

„Komm, Marci, hab´ keine Angst, der Mann tut Dir nichts“, versucht die Mutter des Sohnes Gebrülle zu durchdringen. „Wissense, seit der Impfungen hat er immer sooo eine Angst vor den Ärzten. Und dann war er ja letztens bei dem Vertretungsdoktor, das fand er gar nicht gut und beim Zahnarzt hat er den Mund auch nicht aufgemacht.“ Ja. Aber das kennen eigentlich alle Kinder, und alle Kinder sind unterschiedlich. Ich kenne meine Pappenheimer bei der U7, und die haben erstmal einfach keine Lust. Gut, wenn sie wenigstens zuhause auf das Geschehen beim Kinderarzt vorbereitet werden.

„Ich habe schon extra nicht gesagt, dass wir heute zu Ihnen kommen“, sagt die Mutter,  „sonst wäre er gar nicht erst ins Auto eingestiegen“.

Was versuche ich also bei der U7? Nach dem erfolgreichen Bestimmen der Körpermaße (Gewicht, Größe, Kopfumfang – bei guter Stimmung gibts einen Blutdruck als Bonusgabe) wird improvisiert: Hochgestimmte Kinder wie Marc-Anton bleiben erstmal bei Mutter (oder Vater) auf dem Schoß sitzen, wir machen smalltalk. Seit wann läuft das Bobele (bis 18 Monate? Alles gut), was plappert er schon (Zweiwortsätze und viele viele Einzelworte? Prima), isst er schon alleine am Tisch mit, bestenfalls mit Messer und Gabel und wird vor allem nicht gefüttert. Geht das Spielen inzwischen ins Miteinanderspielen über, weg vom Parallelspiel oder Bespieltwerden? Ja, alles prima. Treppensteigen? Check. Bobbycar oder Dreirad? Ja. Noch Windel tags und nachts? Normal. Mehr „Ich“-Sagen als „Marc-Anton“? Ok. Das klingt doch alles bestens.

Inzwischen hat sich der Held ein wenig runtergefahren, er hat es sich auf dem Schoß der Mutter gemütlich gemacht, wirft mir ab und zu einen Blick zu, erwidert mein Grinsen oder Augenzwinkern. Dann zünden wir mal die nächste Stufe. Ich rutsche mit dem Rollhocker näher an den Mann heran, reiche ihm mein Stethoskop (oder die Spatel oder Klötzchen oder die Bilderkarte). Nimmt er es, prima. Kriecht er wieder in die Mutter hinein, Geduld. So nähern wir uns langsam aneinander an. Die körperliche Untersuchung ist dabei echt zweitrangig, in diesem Alter sehe ich die Kinder meiner Praxis sowieso fünf- bis zehnmal pro Jahr, die Infekthochzeit, dank der Kita ab einem Jahr sogar noch häufiger. Aber ein kurzes Auskultieren muss sein, allein schon für die Eltern, ein Blick auf den Zahnstatus, ein Blick auf das Laufbild und natürlich ein Blick zu den „private parts“, die Hoden müssen jetzt am allerallerallerendgültigsten „unten“ tastbar sein. Nebenblicke gelten dem Pflege- und Ernährungszustand des Kindes, Hauptblicke der Interaktion zwischen Mutter/Vater und Kind.

Die Sprache wird – wenn Marc-Anton nicht redet – per Fragebogen abgeprüft, da gibt es ganz gute Vorgaben, die die Sprachentwicklung prognostisch erschließen. Plappert der Proband, ist es am einfachsten: Da braucht es keine Statistiken oder Wortmengen, sondern einfach nur das erfahrene Pädiaterohr. Der Anteil der so genannte „latetalker“, also Kindern, die erst später mit der spontanen Sprache starten, ist relativ hoch, vor allem bei den Jungs. Sie gilt es zu erkennen und eventuell noch vor der nächsten Vorsorgeuntersuchungen U7a zu überprüfen. Eine relevante Sprachverzögerung benötigt bereits jetzt eine weitere pädaudiologische Abklärung und eine Sprachförderung im Kindergarten, manche sogar eine logopädische Förderung von Kind und Eltern (z.B. das Heidelberger Elterntraining).

Überflüssig zu sagen, dass ich den Impfstatus überprüfe, in aller Regel lief die letzte Impfung mit fünfzehn Monaten, in seltenen Fällen, wenn das Kind dauerkrank war oder aus anderen Praxen oder Städten zu uns gewechselt ist, ist die eine oder andere Impfung nachzuholen. Das machen wir an einem neuen Termin. Da Marc-Anton von der heutigen Untersuchung nichts wusste, kann ich davon ausgehen, dass auch eine Impfung nicht angekündigt wurde.

Marci und ich sind heute keine Freunde mehr geworden. Das Ablehnen ging zum Ende in einen stillen Schmollmund über, was soll´s? Die Mutter ist selbst mit seiner Entwicklung zufrieden, warum sollte ich es also nicht sein? Und eines ist sicher: Die grössten Trotzer sind später die witzigsten U8- und U9-Patienten.
Also: Meist.

Aus dieser Reihe:
Die Vorsorgeuntersuchungen – U1
Die Vorsorgeuntersuchungen – U2
Die Vorsorgeuntersuchungen – U3
Die Vorsorgeuntersuchungen – U4
Die Vorsorgeuntersuchungen – U5
Die Vorsorgeuntersuchungen – U6

(c) Bild bei pixabay (CC0 Lizenz)

Der Fünf-Minuten-Grippeappell

Wir ertrinken in Patienten, in besorgten Eltern, in Husten, Schnupfen, Fieber, „so krank war er noch nie“, „wird denn das gar nicht besser“ und „wir machen uns Sorgen“. Das Personal ist am Limit, selbst dezimiert wegen eigener Rotzenasen oder eigener -kinder, die Kindergärten machen Kleingruppenunterricht oder schließen komplett, weil die Erzieherinnen fehlen. Die Schulen verlangen Krankenatteste wegen der Grippewelle, als merke man dasnichtauchso bei dem Hustengeräuschepegel im Unterricht. Geplante Termine wie Impfungen oder Vorsorgeuntersuchungen versuchen wir auf ruhigere Monate zu verschieben, wenn das geht (aber Säuglings-Us kannst Du eben nur jetzt machen), damit die Gesunden sich bei uns nichts holen, die erhaltenen Termine zu Impfungen und Vorsorgen werden nicht wahrgenommen (aber auch nicht abgesagt), die Kinder waren eben kurzfristig krank (und das Telefon wohl defekt). Die fMFA schichten mit Früh- und Spätdienst, teils mit „Kernzeit“, um den größten Run abzufedern, wir Docs schaffen sogutesebengeht durch, in den letzten drei bis vier Wochen mit einer Wochenarbeitszeit von ca. 50-60 Stunden. Die ersten drei Tage der Woche sind die schlimmsten, kein Feierabend vor 20 Uhr, Montag kommen die „vom Wochenende krank“ und die „Kinder-Krank-Schein“-Nachfrager, Dienstag die Verschobenen vom Montag, Mittwoch die Vertretungen, Donnerstag ebbt es kurz ab und Freitag schließlich die „vor dem Wochenende, falls es schlimmer wird“. Alle sind sie krank, keine Frage, am Telefon versuchen die fMFA, in der Triage die dringlichsten Fälle herauszufiltern, aber wer will das am Telefon schon entscheiden? Sie versuchen, allen Termine zu geben, heute oder gleich morgen, vielleicht erst um Neunzehnvierzig (was sollen wir schon machen), bitten um Geduld und Entschuldigung, bekommen Verständnis und Ungeduld. Auch wenn sich die Fälle wiederholen, auch wenn die Eltern nach den berühmten drei Tagen erneut kommen, weil „immer noch nicht besser“ („ja, aber eine Grippe dauert nun mal sieben bis zehn Tage“ – „ja, schon, aber  können Sie nicht doch ein Antibiotikum…?“), auch wenn für *jede* Familie ihr *eigenes* Kind das wichtigste ist und der Drehpunkt aller Krankheiten:

Leute…! Es. Sind. Alle. Krank. Und alle wollen Rettung.

Und Leute…! Es wird besser. Es wird immer besser. Jedes. Jahr.

(c) Bild bei Flickr/William Brawley (Creative Commons CCBY2.0)

Sprechen wir mal über Strumpfhosen

Nach den Turbulenzen der Hauptstadt hat mich der Alltag der Praxis wieder feste im Griff, die Grippesaison ist nun da, so dass wir nicht mehr unterscheiden, ob Grippe oder grippig, krank sind sie alle.
Aber wer will schon jammern? Zur Auflockerung ein Quickie von vorgestern:

Nachdem ich Joline-Marie fertig untersucht hatte, Vier-Jahres-Check, alles in Ordnung, bis auf die wiederholten „Steuer“-Versuche der jungen Dame, setzte ich mich an den Schreibtisch, die Mutter zog ihre Tochter an. Es entwickelte sich folgender Dialog:

Mutter: „Oh, Joline-Marie, jetzt haben wir die Strumpfhose vergessen. Naja, ist jetzt auch egal, oder?“
JM: „Mag keine Strumpfhose.“
Mutter: „Magst Du keine Strumpfhose?“
JM: „Mag keine Strumpfhose.“
Mutter: „Aber draußen ist es kalt. Sollen wir Dir noch die Strumpfhose anziehen?“
JM: „Nein!“
Mutter: „Wäre aber schon besser, oder?“
JM: „Keine Strumpfhose.“
Mutter: „Na komm, wir ziehen sie schnell an, ok?“
JM: „Nein.“

Mutter: „Also gut. Dann eben nicht. Wir sind ja auch gleich am Auto. Dann lassen wir die Strumpfhose weg, oder?“
JM: „Strumpfhose anziehen!“

Woran mich das erinnert? Hier (Retro-Kinderdok-Klassiker).

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