Kein Kind muss schlafen lernen (Eine seltsame BVKJ-Pressemitteilung)

„Herr Doktor, wir sind völlig verzweifelt, die kleine Marie will immer noch nicht alleine in ihrem Bett schlafen.“
„Aber sie ist doch auch erst vier Monate alt.“
„Aber in der Krabbelgruppe schlafen alle schon alleine. Und auch durch.“

„Herr Doktor, was sollen wir nur tun. Der Josip kommt jede Nacht dreimal. Dann weint er ganz viel. Und am Ende lege ich mich zu ihm, dann kann er ruhig schlafen.“
„Schlafen Sie denn dann alle besser?“
„Ja, auf jeden Fall. Dann schlafen wir alle durch.“

„Herr Doktor, seitdem das Baby auf der Welt ist, möchte Emmaluise wieder zu uns ins Bett. Das geht doch nicht.“
„Warum denn nicht?“
„Jedes Kind muss doch irgendwann mal schlafen lernen, oder?

So oder ähnlich fragen viele Eltern in der Praxis nach. Sie suchen dann im Internet nach Hilfe und finden am Ende vielleicht diese Pressemitteilung unseres Berufsverbandes:


„Ein- und Durchschlafprobleme sind häufig bei Kindern. Bereits ein Baby kann, ohne dass es Eltern bemerken, Gewohnheiten entwickeln, die zu Schlafproblemen führen. Schrittweise kleine Veränderungen können dann helfen, dieses Verhalten zu verändern.

 „Wenn ein Baby sich daran gewöhnt hat, nur einzuschlafen, wenn Vater oder Mutter neben ihm liegt, so fordert es dieses Ritual immer ein – auch wenn es zwischendrin aufwacht. Hier sollten Eltern das Kind schrittweise ‚entwöhnen‘. Dabei sollte ein Elternteil anfangs nicht mehr im Bett liegen, sondern auf dem Bett sitzen, dann zu einem Stuhl wechseln, um schließlich ganz aus dem Zimmer zu gehen und das Kind alleine einschlafen zu lassen“, erläutert Prof. Dr. Hans-Jürgen Nentwich, Kinder- und Jugendarzt sowie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats beim Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) das Vorgehen.

Eltern sollten sich über das Schlafbedürfnis in den verschiedenen Altersstufen informieren und bei individuellen Unterschieden von ihrem Kinder- und Jugendarzt beraten lassen. Über das individuelle Schlafbedürfnis eines Kindes kann die Dokumentation des Schlafverhaltens Auskunft geben. Viele Eltern wissen zum Beispiel nicht, dass es normal ist, wenn Vorschulkinder etwa 20 Minuten und Grundschulkinder und Jugendliche etwa 30 Minuten brauchen, bis sie einschlafen können. „Bei größeren Kindern ist es u.a. wichtig, dass sie das Bett nur zum Schlafen nutzen und nicht für andere Aktivitäten, wie z.B. fernsehen oder Hausaufgaben machen“, erklärt Professor Nentwich. Entspannung kann das Einschlafen erleichtern. Bei kleinen Kindern kann eine Kindermassage schlaffördernd wirken und bei größeren Kindern die progressiv Muskelentspannung nach Jacobson, manchmal ist auch eine kognitive Verhaltenstherapie zielführend.

Folgende Maßnahmen gehören zu einer guten Schlafhygiene:

  • Regelmäßige Schlaf-Wach-Zeiten einhalten.
  • Vor dem Einschlafen gleichbleibendes Ritual pflegen (z.B. Vorlesen, Vorsingen usw.)
  • In der letzten Stunde vor dem Zubettgehen Reizeinwirkung verringern (keine lauten Geräusche, kein grelles Licht usw.).
  • Für eine ruhige und abgedunkelte Schlafumgebung sorgen. Wenn Kinder in der Nacht aufwachen, sollten Eltern ebenso auf geringe Reizeinwirkung achten.
  • Ab fünf Jahren sollten Kinder nicht mehr tagsüber schlafen. Wollen Jugendliche sich kurz hinlegen, sollten sie dies nicht am späten Nachmittag und maximal nur für 20 bis 30 Minuten tun.
  • Leiden Kinder unter länger anhaltenden Schlafstörungen oder/und zeigen ungewöhnliche Verhaltensweisen im Schlaf, sollten Eltern in jedem Fall mit ihrem Kind zum Kinder- und Jugendarzt.

Dies war eine Pressemitteilung des BVKJ –

Welche Erfahrungen habt Ihr mit Ritualen, Schlafproblemen und „Guten Ratschlägen“ von allen Seiten gemacht?

Wer gab den entscheidenden Hinweis? Geht Ihr mit Schlafproblemen zum Kinderarzt?

Ich persönlich finde vor allem den ersten Absatz des „wissenschaftlichen Beirats“ bedenklich, dass wir wieder zurückkehren zum „Entwöhnen“ der Babys, zurück zu „Jedes Kind kann Schlafen lernen“. Das ist doch sehr anachronistisch, oder? Es ist sehr schade, dass eine Institution wie unser Berufsverband solche Empfehlungen abgibt.

Schließlich ist es auch Teil der Vorbeugung des Plötzlichen Kindstodes, dass vor allem Säuglinge im Schlafzimmer der Eltern schlafen sollen. Aber das alleine ist es ja noch gar nicht: Zuviel Druck lastet auf den Eltern, wenn ihnen suggeriert wird, dass Kinder ab einem bestimmten Alter alleine einschlafen oder durchschlafen müssen. Ich dachte in den letzten Jahren, dass wir uns von diesen alten Vorstellungen gelöst hätten.

Eltern sind jedenfalls in der Praxis sehr beruhigt und viel gelassener, wenn ich ihnen empfehle, eine ureigenen Weg zu finden, wie alle ruhiger schlafen können. Ob das am Ende das gemeinsame Familienbett ist oder das Schlafen im eigenen Bett und eigenen Zimmer, bleibt doch jeder Familie selbst überlassen, oder? Es hakt immer erst dann, wenn ein Part schlechter wegkommt: Wenn die Kinder nicht schlafen können oder auch die Eltern. Im schlimmsten Fall beide. Echte Schlafprobleme, wie sie in der Pressemitteilung suggeriert werden, entstehen nicht durch das Co-Sleeping, sondern durch andere Probleme oder Schwingungen in der Familie.

Etwas mehr Gelassenheit würde der Diskussion auf jeden Fall gut tun, die Wissenschaft sollte man hier besser nicht bemühen, es geht doch vielmehr um Nähe, Beziehung und Geborgenheit.

Mehr dazu:Renz-Polster zum „Durchschlafen“

(c) Bild bei PublicDomainPictures/ Petr Kratochvil (unter CC0 Lizenz)

Willkommen im #Twankenhaus

Es begann mit einem Hashtag auf Twitter – die Vorstellung, in einem Krankenhaus zu arbeiten, in dem es faire Arbeitszeiten gibt, faire Chefs, Zeit für den Patienten und Gleichberechtigung zwischen Geschlechtern und den verschiedenen Arbeitsgruppen.

Der Hashtag wurde aufgegriffen und immer wieder bemüht, wenn es eine neue Story aus dem Medizinbetrieb zu berichten galt. HeilmittelerbringerInnen schlossen sich an, KrankenpflegerInnen, noch mehr ÄrztInnen. Der Austausch wurde intensiver, schließlich gab es das erste Treffen im RL in Hamburg. Man sagt, es war fröhlich ausgelassen (ich konnte leider nicht dabeisein), aber vor allem war es konstruktiv:

Die Gründung des virtuellen #Twankenhaus wurde beschlossen. Der erste konsequente Schritt war ein eigener Twitteraccount, dem binnen drei Tagen über 3000 Personen folgten, inzwischen sind es 4700.

So organisierten sich via Slack im letzten Monat knapp fünfzig Twitterer und diskutierten in Channels wie Gesundheitsbildung, Vereinbarkeit, Arbeitsbedingungen und zu allgemeinen Zielen und der Öffentlichkeitsarbeit. Über alle Beweggründe und Ideen des Twankenhauses hier zu berichten, würde die wegweisende Zusammenfassung von Schwesterfraudoktor schmälern – es lohnt die Lektüre dort.

Eine Vereinsbildung steht unmittelbar bevor.

Derzeit läuft die erste Themenwoche auf Twitter: #Vereinbarkeit und #Twankenhaus4change sind die leitenden Hashtags, wir diskutieren mit allen Interessierten über das gute Zusammenspiel von Familie und Arbeit, Freizeit und Arbeit, die viel zitierte Work-Life-Balance. Mit Selfies und dem passenden Schild möchte das #Twankenhaus zeigen, dass die Solidarität in der Vereinbarkeit durch alle Berufsgruppen geht.

Seid eingeladen, daran teilzunehmen – als MitspielerInnen im Gesundheitssystem oder als PatientInnen oder sonst wie Interessierte.

#Vereinbarkeit auf Twitter

#Twankenhaus4change auf Twitter

@Twankenhaus

Und wer sich nicht neben Pinterest, Instagram, WhatsApp und Trello mit noch einer Social-Media-Plattform namens Twitter beschäftigten will, sei hiermit eingeladen, der Website des Twankenhauses zu folgen: www.twankenhaus.de

(c) Logo beim Twankenhaus

Jogginghosen und Koksen

Unsere Schule will jetzt den Schülern verbieten, Jogginghosen zu tragen. Das sei nicht repräsentativ, heißt es, würde ein schlechtes Bild auf die Schüler und damit die Schule werfen, sagen sie, und außerdem sehe es nicht gut aus.

Streiten wir also über Hotpants, Kopftücher, Goldkettchen, Piercings, Ohne-BH oder Baggy Pants mit Blick auf die Unterhose. Und damals stritt man sich über Blue Jeans, Muscle-Shirts, Base-Caps, Ohrringe, Kaugummikauen und Birkenstocks mit Latzhose. Jeder Zeit ihre Kostüme, Uniformen, Trends und Moden. Aber geht es da überhaupt um die Jogginghose? Bei Kleidung, die die Phantasien von LehrerInnen anregen, oder am deutschen Leitbild kratzen, mag ja noch ein Grund konstruierbar sein, erst recht beim Rauchen oder Alkohol auf dem Schulgelände. Da geht´s ja sogar um die Gesundheit.

Aber Jogginghosen? Die sind wenigstens bequem und lassen viel Luft im Schritt. Wirklich gesundheitsschädlich sind sie nicht, abgesehen vielleicht vom ständigen Kopfschütteln rückständiger Lehrkräfte, die die Hosen immer noch im Sport verorten und nicht im Alltagsoutfit der heutigen Jugend.

Achja, die Gangster-Rapper tragen auch gerne Baggy-Trousers, Jack & Jones und Champions, ganz im neuen Athleisure-Style, gerne kombiniert mit Windjacken oder Hoodies. Das fordert die peer group wie anno damals die Popper-, Mods oder der Punk. Also rücken wir die Jugendlichen lieber näher an die Kriminellen-Szene, damit rechtfertigen wir die Ablehnung der aktuellen Moden und verharren selbst im Neunziger Timberland- und Fjäll-Räven-Outdoor-Völlig-Out-Trend.

In der Mittelstufe „unseres“ Gymnasiums gab es just einen Fall von Alkoholexzess während der Unterrichtszeiten. Der Junge – völlig im Klischee mit alleinerziehendem Vater und einmal sitzengeblieben – musste gar mit dem RTW ins Regionalkrankenhaus. Da erinnere ich stets Schwester Elisabeth (oder Ingrid oder Melanie), die den Armen im Tiefstsuff nur das Krankenhausleibchen mit Einmalslip anzogen, immer im Clinch mit dem Assistenzarzt, wieviel Zuckerinfusion man dem Delinquenten nun zugesteht, damit es zu keiner Entgleisung komme, aber doch ein ausreichend dicker Hangover übrig bliebe.

In der Schule waren alle in heller Aufregung, wieviel nun mit den Schülern und den Eltern besprochen werden müsse, ob der Sozialpädagoge ausreiche oder ob man nicht lieber doch die Drogenberatung aus der Großstadt hinzuziehen solle. Die Schule macht eben lieber Elternabende zu Risiken der Handy-Nutzung und der „drohenden“ Digitalisierung, zur Sexualaufklärung (aber nur nach Einverständnis *aller* Eltern). Es gibt keine Routine, dass alle Mittelstufen etwas über Nikotin, Alkohol oder Koks hören. Oder schon gar nicht jetzt, da wirklich etwas passiert ist. Beschäftigen wir uns lieber mit Jogginghosen.

„Man hatte Sorge, dass das die Kinder erst recht für Drogen interessiert“, OT Fachbereichsleiter Gesellschaftskunde.

(c) Bild bei Wikimedia/ Elvir Omerbegovic (unter CC-BY 2.0 Lizenz)

Urlaub steht bevor

Heute gibt es mal etwas Schönes zu berichten, nachdem soviel Twittermüll über ÄrztInnen ausgegossen wird, die darüber schreiben, dass in ihrer Sprechstunde Menschen auftreten, die von anderen begleitet werden. Das Schöne ist: Es steht ein kleiner Frühjahrsurlaub vor der Tür. Keine große Sache, aber immerhin ein paar Tage frei.

Wir haben uns das in der Praxis so angewöhnt: Zwei Woche pro Quartal die Praxis komplett zu schließen. Ok, mal kürzer, mal auch länger (Sommerferien). Der Rhythmus tut dem ganzen Team gut, er scheint dem Überarbeitetsein vorzubeugen, außerdem gibt es etwas zu tun, wenn es nicht ums Kinderretten geht.

Urlaub bedeutet nur „Patientenfreie Zeit“, so wie es das im Studium gab. Vorlesungsfreie Zeit, nicht etwa Ferien. Da konntest Du auch nicht nur Rumsitzen und auf Partys gehen (die gab es sowieso eher während der Vorlesungszeit), sondern es gab Praktika zu absolvieren, in der Medizin „Famulaturen“ genannt, außerdem musste immer etwas vorbereitet werden. Nach dem Staatsexamen war vor dem Staatsexamen. Famulatur kommt übrigens von Famulus, lateinisch Knecht, aber dazu ein anderes Mal mehr.

Heuer ruft die EDV. Oder die Abrechnung. Oder der Wasserhahn im Unisex-Personal-Klo. Oder die EDV. Oder die wichtigen Dokumente fürs Qualitätsmanagement. Oder die EDV. Die ist echt wichtig. In der Praxis haben wir inzwischen zwölf Arbeitsplätze, die gewartet werden wollen, da hat es immer einen Bildschirm, der plötzlich so seltsames Flirren zeigt oder ein Betriebssystem, das in die Jahre kommt, oder einen Drucker, der mal systematisch eingenordet werden muss, weil er nur jedes zweite Rezept druckt.

Die Woche vor dem Urlaub, also jetzt (huch, nur noch drei Tage, also eigentlich zweieinhalb) vergeht stehts am langsamsten, wer kennt das nicht. Die Zeit scheint zäher zu fließen, die Stunden sind derer mehr am Tag. Der Schreibtisch wird voller, ich werde fauler am Abend, ist doch der Reflex vorherrschend, ich komme sowieso im Urlaub mal vorbei, da werde ich das erledigen. Und der Wasserhahn im Personalklo tropft schneller als letzte Woche.

Für die Patienten ist so eine Woche vor dem Urlaub sehr unentspannt, denn mit dem Urlaub beginnt die „Arztfreie Zeit“, jedenfalls die ohne ihren Hauskinderarzt, denn Vertretungen sind selbstredend noch und nöcher organisiert. Die Frequenz der Kindervorstellung steigt mit dem Näherrücken des Urlaubs, so der subjektive Eindruck des Besuchten, es ist sicher nicht so. „Sie sind ja dann im Urlaub“, wird zur ultimativen Erklärung der Patientenvorstellung, als ob ich im Präurlaub verhindern könnte, dass das Bobele periurlaub krank wird. Zu Schulferienzeiten variiert die Ansage übrigens zu „Wir fahren ja dann in Urlaub“. Mit ähnlichem Negativeffekt.

Jedenfalls kommt der Freitag, die letzte Stunde der „Sprechstunde“ (aktuell übrigens näher der Tagesschau denn der heute-Sendung), der letzte Patient, die Papierberge des Schreibtisches werden hübsch ordentlich zu einem zusammengekehrt, alle Heizungen aus, alle PC runtergefahren, Server abgeschlossen. Der Kapitän verlässt als letzter das Schiff, ich werde die Praxis abschließen, auf den kleinen Vorplatz treten, ein Blick in den hoffentlich klaren Nachthimmel werfen und tief durchatmen. Urlaub.

… dass ich wieder vergessen habe, den Anrufbeantworter zu besprechen, wird mir dieses Jahr nicht passieren. Sonst bin ich am Samstag wieder hier.

(C) Bild bei Yinan Chen, publicdomainpictures.net (free download)

10 Gründe, warum Ärzte-Bewertungsportale zum Kotzen sind

Im Internet wird viel gewertet. Daumen hoch, Daumen runter, Likes und Dislikes, Kaufen oder nicht kaufen. Sind Bewertungen von Menschen aber sinnvoll? Hier meine zehn Gründe, warum ich Bewertungsportale für ÄrztInnen doof zum Kotzen finde:

  1. Die Bewertungkriterien sind nicht einheitlich

Auf den Plattformen werden Dinge bewertet wie „Öffnungszeiten“, „Parkmöglichkeiten“, „Behindertengerecht“ oder „Alternative Heilmethoden“. Alleine diese vier sind sehr subjektiv konnotiert. Es gibt Menschen, die es schätzen, bereits um 7.30 Uhr beim Arzt/Ärztin zu sitzen, andere wiederum um 20 Uhr. Es gibt Patienten, die es hassen, Termine zu vereinbaren und andere, die darauf pochen. Parkplätze werden oft nicht wahrgenommen oder die Patienten haben unterschiedliche Auffassungen von Bequemlichkeit. Parkplätze im Parkhaus auf der anderen Straßenseite empfinden manche als nicht zumutbar, andere finden das praktisch.

Der Behindertenaufzug ist mit einem Schloß gesichert? Oder liegt im anderen Treppenhaus und die Verbindung findet erst im zweiten Stockwerk statt? Die Behindertentoilette ist in der normalen Toilette zu finden? Das mag stören, ist aber gesetzeskonform. Es gibt Menschen, die möchten evidenzbasiert behandelt werden, die suchen bewußt ÄrztInnen ohne alternative Heilmethoden. Ist nun die Note 1 auf diesem Punkt gut oder die Note 6?

Wer sauer ist mit dem Arzt oder der Ärztin, wird dazu tendieren, alle Einzelkriterien abzuwerten, ohne sie im einzelnen wirklich zu prüfen. Wer zufrieden ist, wird dazu tendieren, jeden Punkt mit einer „1“ zu werten, auch wenn die Praxis z.B. gar keine „alternativen Heilmethoden“ anbietet.

2. Bewertungen von Ärzten können nie objektiv sein

Die Arzt/Ärztin-PatientInnen-Beziehung ist per se eine subjektive Beziehung, eine Kommunikationsbeziehung. Jeder Patient ist anders, jedes Krankheitsbild muß individuell bewertet werden, nur sehr wenige Erkrankungen lassen sich objektiv oder automatisiert beurteilen. Deshalb werden auch Apps oder Medizincomputer letztendlich scheitern.

Was dem einen Patienten gut tut, mag dem anderen schaden. Die einen Eltern wissen es zu schätzen, wenn sie nicht bei jedem Wehwehchen ein Rezept bekommen, sondern kompetent beraten werden, andere wollen immer einen Hustensaft, auch wenn dieser nichts bringt („Der schreibt ja nie etwas auf.“). Sie wollen keine Lebensberatung, sondern schnelle Abhilfe.

3. Ärzte-Bewertungsportale sind manipulierbar

Es ist ein Einfaches, Fake-Accounts anzulegen. Für die Patienten. Für die ÄrztInnen. Inzwischen müssen die Plattformen auf Nachfrage nachweisen, dass ein Arzt-Patienten-Kontakt stattgefunden hat. Auf Nachfrage. Es hat aber bereits Fälle gegeben, bei denen Ärzte sich untereinander auf Plattformen über Fake-Accounts schlechte Bewertungen zugeschrieben haben. Ebenso empfehlen Praxisbetreuer, die Bewertungsportale zum eigenen Vorteil zu nutzen, und Familienmitglieder oder zufriedene Patienten zu motivieren, positive Wertungen zu hinterlassen.

„Schreiben Sie über uns auf Facebook und bekommen Sie einmal Antibiotika umsonst.“

4. Ärztliche Kunst wird von Laien beurteilt

„Wir waren zwei Tage später im Krankenhaus und die haben eine gaaanz schwere Lungenentzündung festgestellt. Warum wir nicht schon viel früher gekommen seien.“ So oder ähnliche Geschichten hört jede/r Arzt/Ärztin einmal. Immerhin wurde die rettende Diagnose womöglich vom jüngsten Assistenzarzt/ärztin in der Klinik gestellt, der zudem auch noch einen schlauen Spruch machen musste.

Krankheiten verändern sich. Ohrenschmerzen können heute sein und zwei Tage schwere eine Entzündung anzeigen. Nur weil der eine nachbehandelnde Arzt eine Expertise gibt, bedeutet das nicht automatisch, das diese richtig ist, nur weil es die zweite in der Folge ist.

Krankheiten lassen sich nicht per Google diagnostizieren. „Im Internet steht aber…“, trotzdem gibt es Differentialdiagnosen, Kardinalsymptome und Leitlinien. Gerade, weil sich ärztliche Kolleg*innen manchmal nicht dran halten, wird das für den Laien nicht einfacher.

Wissen ist Wissen und keine Meinung. Das medizinische Wissen umzusetzen in die reale Welt bedeutet, ärztlich tätig zu sein.

5. Gesetz der großen Zahl ist nicht anwendbar

Das verhindert die Subjektivität der Bewertungen. Wenn ich einen Kopfhörer bei Ama.zon schlecht bewerte, so kann das daran liegen, dass ein Draht nicht richtig eingelötet wurde. Wenn aber der gleiche Fehler zehnmal schlecht bewertet wurde, ist der Kopfhörer kein Montagsmodell, sondern die Produktion ist schlecht.

Auch über Geschmack lässt sich streiten. „Esst mehr Sch…, Zehntausend Fliegen können nicht irren“, ist dann ein beliebter Spruch. Aber wenn eine neue Ha.ri.bo.geschmacksrichtung von hundert Menschen abgewertet wird und nur bei einem gut ankommt, dürfte etwas dran sein.

Wenn einem Patient beim Arzt nicht gefällt, dass er sein Auto nicht parken kann und beim nächsten, dass die fMFA unfreundlich waren, und der dritte aufdeckt, dass dem Arzt ein Kunstfehler unterlaufen ist, so werden alle drei Punkte als gleichwertig gewertet.

Wer viele Patienten betreut, erhöht die Anzahl derer, die die Arztpraxis potentiell bewerten können. Bewertungsportale errechnen eine Durchschnittsnote. So bekommt der Arzt mit zwei sehr guten Bewertungen (bei nur zwei Bewertungen in der Gänze) ein besseres Ranking als die Ärztin mit zwanzig sehr guten Bewertungen und einer mangelhaften (bei insgesamt einundzwanzig Bewertungen).

6. Ja.me.da und Co. sind Werbeplattformen für Ärzte

Viele Portale erlauben den Ärzten, ein Profil anzulegen, diese müssen sich dafür bei den Portalen „einkaufen“, teils mit Einfach-, Premium- oder Excellence-Profilen. Dann können sie die Beurteilungen kommentieren, einfacher löschen lassen und werden im Ranking nach oben gespült. Dies finanziert die Plattformen, manipuliert aber die beworbene Objektivität. Niemand sollte denken, dass Ärzte-Bewertungsportal-Betreiber selbstlose Meinungsvermittler sind.

Diese Werbemöglichkeit für Ärzte wird von den Plattformen massiv an die ÄrztInnen beworben. Besonders pervertiert sind Plattformen, bei denen ÄrztInnen andere ÄrztInnen bewerten sollen. Siehe Focus-Listen.

7. Mundpropaganda ist etwas anderes

Bewertungen werden gerne gepriesen als die moderne Form der Mundpropaganda. Ich glaube nicht, dass das vergleichbar ist. Deine Bekannten kennst Du gut, die Nachbarn, Deine Freunde, vielleicht auch die Eltern in der Pekip-Gruppe oder beim Babyschwimmen. Deine Hebamme kann vielleicht ganz gute Tipps geben. Aber diese Menschen kannst Du einschätzen, Du kennst ihre Vorbehalte, ihren Geschmack, Du spürst vielleicht, ob Du ihrem Urteil trauen kannst.

Auf Bewertungsportalen kennst Du niemanden. Du weißt nicht, ob ein Troll oder Hater gerade kommentiert oder die Ehefrau des Praxisinhabers. Bewertungsportale gaukeln uns vor, dass Menschen mit den gleichen Interessen nach dem gleichen suchen wie wir, aber das ist nicht unbedingt so, sondern Bewertungen sind immer emotional gesteuert, der Mensch dahinter nicht sichtbar.

8. Bewertungen sind immer ad-hoc Bewertungen

Es ist auch bei Bewertungen von Gegenstände offensichtlich, dass mehr Menschen geneigt sind, eine schlechte Bewertung abzugeben, wenn sie unzufrieden sind, als eine gute, wenn alles in Ordnung war. Die Firmen haben das erkannt und schicken uns per email eine Erinnerung, wir sollen doch gute Bewertungen abgeben, wenn wir zufrieden sind. Nach schlechten Bewertungen braucht niemand zu fragen.

Die Bewertungen zu meiner Praxis gehen immer in beide Extreme: Sehr gut oder grottenschlecht. Das ist doch klar: Wenn wir begeistert sind, wollen wir vielleicht mal Lob loswerden, wenn wir enttäuscht wurden, wollen wir den Ruf der Praxis zerstören. Beides funktioniert nur durch Extrembewertungen. Es finden sich kaum Noten zwischen 2 und 4 bei Arztbewertungsportalen, die 1 und 6 überwiegt.

Schaue ich meine Bewertungen durch, so bekam ich immer dann eine Abwertung, wenn Eltern „etwas nicht bekommen haben“, ein Heilmittelrezept, einen unnützen Hustensaft oder einen Kurantrag, „weil andere ja auch mit ihren Kindern in den Urlaub fahren“. Patienten, die jahrelang zufrieden waren, haten ad-hoc, weil ihr Willen nicht erfüllt wurde. Das ist sehr schade und bildet nur ein momentum ab und keinen Zustand.

9. Ärzte sind nicht vergleichbar

ÄrztInnen sind keine Sachen, die immer gleich sind, die aus der Fabrik kommen und genormt produziert werden. Montagsmodelle wie dem nicht sauber gelöteten Kopfhörer sind Fehler im System, ÄrztInnen sind nicht so. Alleine deswegen kann man sie nicht bewerten.

ÄrztInnen haben verschiedene Auffassungen von Medizin. Sie sind wie Musiker, die die Noten, die ihnen die wissenschaftliche Medizin vorgibt, sehr verschieden interpretieren, zeitlich, wie fachlich. Der/die eine wartet mit Antibiotika ab und bestellt Patienten kurzfristiger wieder ein, die andere behandelt sofort. Die eine erklärt, dass eine Vielzahl der Alternativmedizinen nur Placebowirkung haben, der andere setzt genau diese Wirkung ein und die dritte „verkauft“ die Alternativen als einzige Wahrheit über allem anderen.

Patienten sind nicht vergleichbar. Manche möchten genau das so und andere gerade anders. Deshalb sind Patienten auch keine Kunden und ÄrztInnen keine reinen Dienstleister, sondern die Arzt-Patienten-Beziehungen ist die des Deckels und des Topfes. Wenn es nicht passt, dann passt es nicht. Das lässt sich nichts zusammenlöten.

Und der 10. und wichtigste Punkt, warum Arztbewertungsportale zum Kotzen sind:

10. Ärzte sind keine Dinge, sondern Menschen

Bewertungsportale sind ein Teil der Internetkultur, daran kommen wir nicht vorbei, jeder nutzt sie, ob passiv oder aktiv. Ama.zon, Trip.advisor, Restaurants, Bücher, das neueste Auto oder der hippeste Rasierer, alles muß geprüft und bewertet, zerrissen oder gelobt werden.

Aber ÄrztInnen sind Menschen. Sie machen Fehler, sie senden Sympathie oder Antipathie. Auf Bewertungsportalen wird viel Zwischenmenschliches abgebildet, was immer abhängig ist von der Tagesform des Senders, wie des Empfängers. Ärzte sollten professionell handeln und ihre eigenen Sorgen und Ärger vor der Praxistür lassen. Aber wer kann das schon?

Also wird es auch Tage geben, an denen die Performance der Arztpraxis so ist und andere Tage, wo sie anders ist. Da Bewertungen aber oft Reflexe sind, bilden diese vielfach Einzelerfahrungen ab. In der aktuellen Grippesaison beschweren sich in allen Praxen alle Patienten, dass telefonisch kein Durchkommen ist. Das kann man mit etwas Empathie verstehen, aber Ärgern darf man sich auch, wenn das eigene Kind gerade mit Ohrenschmerzen im Bett liegt. Aber ist das eine 6er Bewertung im Portal wert?


Ich persönlich habe ein dickes Fell, Bewertungen auf den einschlägigen Plattformen perlen ab, trotzdem freuen mich positive Bewertungen naturgemäß mehr, als dass ich negative konstruktiv abarbeite. Mich ärgert, dass Patienten ungefiltert und ohne Nachweis bewerten dürfen. Dass die Hürden zum Löschen von Bewertungen sehr hoch sind. Bei Google sind sie unüberwindbar.

Und trotzdem bleibt bei jeder schlechten Wertung ein sehr ungutes Gefühl zurück: Als Arzt und Profi insuffizient gearbeitet zu haben. Wenn der Eintrag zudem ungerechtfertigt, subjektiv oder kurzsichtig war, bleibt neben Ärger auch Verletzung zurück. Mimimi.

Weiterführendes:

Qualitätsanforderungen für Ärzteportale (ein Pflichtenheft der BÄK und der KBV)

Stiftung Warentest zum Thema (bereits von 2011)

Ein Zeugnis für den Doktor (via Zeit-Online)

(c) Bild bei George Hodan/PublicDomainPictures (unter CC0 Lizenz)

Tumor

Es war ein dringender Anruf am Morgen bei uns in der Praxis. Neben den vielen Grippen, Durchfällen und Scharlachen tatsächlich mal etwas anderes. Der Junge, vierzehn Jahre alt, wird vorgestellt mit “Tumor am Bauch”. Ich lese das im Terminkalender und bekomme einen Kloß im Hals.

Mutter: “Der hat seit kurzem eine Schwellung am Bauch, das möchten wir anschauen lassen.”

Junge: “Du, nicht ich.”

Ich: “Hast Du denn Beschwerden? Bauchweh? Durchfall? Verstopfung?”

Junge: “Nö, alles gut.”

Ich bitte ihn auf die Liege und untersuche den Bauch. Taste hier, taste dort, streiche, klopfe, höre, drücke tief, frage nach Beschwerden, teste die Abwehrspannung, Loslass-Schmerz, Klopfschmerz. Alles negativ.

Ich: “Und wo ist jetzt genau die Schwellung?”

Mutter: “Na, da, und da. Das ist schon auffällig.”

Junge: “Ach, Mama…”

Und ich schaue nochmal, taste nochmal, lasse den Jugendlichen kurz seine Beine gestreckt hochheben.

Mama: “Sehen Sie, sehen Sie?”

Ich: “Das… und dies… und das… ist ein so genanntes… Six-Pack.”

Junge: “Siehste Mama, habe ich gleich gesagt.”

Ich: “Machst Du grad viele Situps? Fussballer? B-Jugend? Verschärftes Training?”

Er strahlt. “Klar!”

(c) Bild bei DOD (zur freien Nutzung gekennzeichnet)

Ein wenig Alltag aus der Erkältungszeit

Stethoscope on laptop keyboard

Ich bin zurück im Alltag nach dem langen Wochenende in Hamburg, das einem ja dann wie eine Zeit- und Fernreise vorkommt, dass man gar nicht mehr nachhause will. Aber, wie mein Chef früher immer sagte: Die Arbeit macht ja sonst keiner in der Zwischenzeit (addon: … und der Schreibtisch sieht am nächsten Morgen noch so aus, wie am Abend zuvor).

Da inzwischen im Ländle die Grippe-, Erkältungs-, Durchfalls-, und weiss-nicht-was-Saison begonnen hat – das Ende vom Januar lässt uns mal wieder in der Beziehung nicht im Stich – kamen Frau Kollegin und ich diese Woche endlich mal wieder auf die angepeilten 50 Praxisanwesenheitsstunden. Ok, es gibt eine Mittagspause und hie und da springt auch ein Kaffeepäuschen raus, aber schließlich hängen wir immer noch eine halbe bis ganze Stunde Schreibtischjob hintendran, denn: siehe oben das addon.

Die Woche war voll mit allem, was die Kinderarztpraxis so hergibt: Turbulente Einweisungen mit Osteomyelitis, luftknappen Pneumonien und exsikkierten (d.i. ausgetrockneten) Kleinkindern, sehr lustigen Vorsorgeuntersuchungen von Vorschulkindern, die zeigen wollen, was sie schon können und etwas jüngeren U7-Kindern, die zeigen konnten, was sie alles nicht zeigen wollen. Tobsuchtsanfällen inklusive. Aber ganz bedürfnisorientierte Kinderärzte, die wir sind, versuchen wir solche Vorsorgen dann an einem anderen Tag. Nur ich konnte wieder nicht meine Klappe halten und deutete dem anwesenden Vater die Emotion seines Kindes als Wut und nicht als Angst. Wer ängstlich ist, winkt und grinst nicht am Anfang und am Ende, dachte ich mir, und reflektierte das auch. „Siehst Du, Rick-Jakob, Du brauchtest gar keine Angst zu haben, sagt auch der Mann“, sagte dann der Vater zum Abschied. Hatte ich so nicht gesagt. Hatte ich so nicht gesagt.

Dann war da noch der Säugling aus der Flüchtlingsfamilie mit der Trisomie, seit Beginn mit großen Atemproblemen, Herzfehler, Aspirationen, Sauerstoffbedarf, stationären Aufenthalten und mobiler Krankenpflege zur Unterstützung der Familie. Sie bekommen es jetzt zuhause deutlich besser in den Griff, aber die Unterstützung der Fachkräfte ist weiterhin vonnöten, alleine, um mögliche Zustandsveränderungen zu erkennen und frühzeitig zu handeln. Der Medizinische Dienst der Krankenkasse, angerufen durch die „versorgende“ Krankenkasse, bezweifelte dies und forderte bei mir einen „aktuellen Behandlungs- und Befundbericht“ ein. Das ist nicht in ein paar Worten getan, am Ende wurden es zwei Seiten. Mal sehen, was das bringt. Honoriert wird der Schrieb mit stolzen 3,25 € nach dem EBM, da rechne ich lieber nicht den Stundenlohn aus.

Ich habe dieses Wochenende herbeigesehnt, ich gestehe. Montag, 8 Uhr, gehts weiter.


Letzten Montag wurden die Goldenen Blogger 2018 vergeben. Leider war ich während des Livestreams noch in der Praxis, da ist die DSL-Bandbreite eher schlecht, wenigstens hat es zum Abstimmen gereicht. Die Macher von den Goldenen Blogger haben seit dem letzten Jahr alle ehemaligen Gewinner zur Akademie der Goldenen Blogger berufen, Danke für diese Ehre. Ein paar Entscheidungen wurden dann auch durch diese Akademiker gewählt.

Hier geht es zu den Gewinnern. Sehr lesenswert natürlich vor allem die nominierten Blogtexte: „Alle 262.000 Minuten verliebt sich kein Single über Parship“ von Frau Nessy, „Gerda stirbt“ von Jasmin und „Raus aus meinem Uterus. Der § 219a und seine Freunde.“ von Juramama. Besonders freute ich mich über die Gewinnerinnen Natalie Grams für den besten Twitterauftritt des letzten Jahres und die gute LiebeFrauNessy, die mit ihrem Tagebuchblog schon lange zu meinen Alltime-Favourites zählt. Die Lektüre ihrer Texte hat mich vielleicht zum Bloggen gebracht.

(c) Bild bei Flickr/Marco Verch (unter CC BY 2.0 Lizenz)

Was ich beim Bloggertreffen in Hamburg erlebt habe

Ein Wochenende in Hamburg, wenn das keine Freude ist. Nachdem die Praxis versucht hat, mir nicht nur einen Stein in den Weg zu legen, war ich schließlich doch im ICE nach HH unterwegs.

Der Donnerstag bedeutete nur ankommen, das Ho(s)tel entdecken, dort in der Lobby noch ein zünftiges ASTRA trinken, um dann etwas erschöpft ins Bett zu plumpsen. Am Freitag wollte ich etwas länger schlafen, auch weil Samstag und Sonntag mit Bloggertreffen und der frühen Abfahrt dies verhindern würden. Aber meine innere Uhr, ganz praxisgeprägt, warf mich aus dem Bett. Egal, dann eben ein üppiges Frühstück und raus in die Hamburger Eiseskälte von einigem unter null Grad.

Ich bin den Kiez abgelaufen, habe mich treiben lassen durchs Schanzenviertel, St. Pauli rüber zum Millerntor, nur mal Gucken, und dann mit dem Bus zur Kunsthalle. Ganz ehrlich: Um mich aufzuwärmen. Caspar David Friedrich bewundern. Viel interessanter fand ich dann allerdings alles andere: Den Rundgang, den chronologischen Aufbau der Sammlung, das altehrwürdige Gebäude und die lustigen zeitgenössischen Arbeiten. Ein Kaffe mit Apfelkuchen zum Abschluss und wieder raus, die sehr verfrorene Binnenalster bewundern.

Mein Hamburg-Spaziergang trieb mich weiter schaufensterbummelnd mit kurzem Blick in das wunderschöne Rathaus, hinüber in das Fleetviertel, dann rauf zu St. Michaelis (waren wir mit den Kindern damals schon, als gespart) und zurück ins Schanzenviertel. Sehr verfroren für eine Stunde aufs Bett gelegt, insbesondere, um die Wärme in die Knochen zu holen.

Für den Abend hatte ich eine Logenkarte für „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ im SchauSpielHaus. Hammervorstellung, Devid Striesow, der nicht so mein favourite ist, und Maria Schrader, beide in absoluter Ehestresshochform. Sie bekamen bestimmt zehn „Vorhänge“, wenn es einen solchen gegeben hätte. Anmerkung am Rande: Deutschland verliert das Halbfinale der Handball-WM, verschmerzbar nach diesem Theatererlebnis.

Am Samstag traf ich die liebe Pharmama mit ihrem Mann und Sohn und die liebe PTAchen zum Frühstück im Hotel, gleich nach einem Jahr aus Berlin wiedererkannt und sofort wieder vertraut. Das sind so freundliche und offene Menschen. Vielen Dank.

Wir sind gemeinsam zu den Landungsbrücken , um dort den 5-Foraminologen und Tobias zu treffen, die beiden „Hamburger“ führten uns durch den Alten Elbtunnel, am Fischmarkt vorbei zur Reeperbahn, zur Binnenalster und schließlich auf die neue Elbphilharmonie, eine sehr informative Führung, mit viel Lokalkolorit und -wissen. Für mich Dinge, die ich von Hamburg bisher gar nicht kannte. Unterwegs haben wir noch s’gramselet aufgegabelt, die heute erst angereist war.

Und dann das eigentliche Bloggertreffen, sehr exklusiv gegenüber der „Elphi“ mit Blick auf dieselbe, jetzt zur Abrundung mit Maria und Mira von DocCheck und Christopher, jetzt waren wir vollständig. Wir sprachen über das gute Entwickeln vn Überschriften (ein kleiner Workshop von Maria), übers Bloggen über die Jahre (von mir), dem Weg vom Blog zum Buch (durch Pharmama) und zum Abschluss ein toller Talk von Tobias zu Trollen im Netz und dem Umgang mit ihnen. Es gab einen so üppigen Austausch, dass die Zeit rasend voranging und die Vorträge von Christopher und dem 5-Foraminologen gar nicht mehr zum Zug kamen. So schade. Aber das Essen war schon gebucht, das gab es schließlich im Rudolph’s etwas weiter „ums Eck“, aber dafür umso schmackhafter und weinseliger.

Danke an Euch alle für diesen schönen Tag, den Austausch über das Bloggen hinaus, den Einblick in Eure Arbeit und Einsichten in das Schweizer Gesundheitssystem. Trotzdem es eine so überschaubare Gruppe war, hätten wir uns sicher noch intensiver und persönlicher austauschen können, aber so sind diese Abende ja immer. Man quatscht sich fest und wollte noch soviel besprechen und erarbeiten. Schade auch um die vielen, die nicht dabei waren, wir haben Euch sehr vermisst.

Am Sonntag ein Frühstück mit Pharmama-Familie und PTAchen, und dann ging es schon mit dem ICE wieder nach Hause. Da sitze ich nun und schreibe. Und nun ist der Blogpost fertig. Raus damit. Nichts mit „gut abgehangen“…

Noch ein paar Bilder?

(PS Gnadenloses Scheitern beim Erstellen eine griffigen Überschrift)

(c) Bilder bei kinderdok und Pharmama

Impfgegner sind eine Bedrohung für die Globale Gesundheit

Luftverschmutzung und Klimawandel, Diabetes, Krebs und Herzerkrankungen, Grippepandemien, Fragile Lebensumstände, Antibiotikaresistenzen, Ebola und andere hochansteckende Erkrankungen, schwache Basismedizinische Versorgung, das Dengue-Fieber und HIV – sie sind die Hauptbedrohungen der Globalen Gesundheit, so die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Und dazu die Impfgegner.

Im Englischen nennt es die WHO die Vaccine Hesitancy, also das Herauszögern des Impfens, in ihrem Erklärungstext spricht sie deutlicher von Reluctance (Abneigung) und Refusal (Ablehnung) beim Impfen. Sehr klare Worte und eine klare Positionierung gegenüber den industrialisierten Ländern, deren so aufgeklärte Eltern den Impfungen kritisch gegenüberstehen. Gerade die katastrophale Lage bei der Masernelimination (Anstieg der globalen Fälle um 30%) wird benannt.

Zudem gibt die WHO in ihrem Bericht die Elimination des Gebärmutterhalskrebses durch eine weitere Propagierung der HPV-Impfung als Ziel aus, und sie möchte 2019 zu dem Jahr machen, in der die Kinderlähmung (Poliomyelitis) endgültig vom Erdball verschwinden soll.

Selten hat sich eine Gesundheitsorganisation international oder in einem einzelnen Land so deutlich gegen Impfgegner positioniert wie heuer. Aber genau diesen Zeitgeist braucht es: Es ist nämlich nicht chic oder hip, gegen Impfungen zu sein, sondern anachronistisch. Auch die deutsche Gesundheitspolitik täte gut daran, ihren Weichspülerkurs gegenüber Impfgegnern zu beenden. Wenn eine Impfpflicht vielleicht mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sei, so sollte ein vollständiges Impfbuch nach STIKO-Empfehlungen als Grundvoraussetzung für den Kindergarten- oder Schulbesuch gelten. Über Bußgelder nach italienischem Vorbild darf laut nachgedacht werden. Noch sind in Deutschland keine Rechtsradikale an der Macht, die das verhindern könnten.

Eine Bemerkung am Rande: Auf ihrer Homepage zeigt die WHO keine Spritze, keinen schreienden Säugling, sondern ein Baby, das vertrauensvoll auf seine Mutter blickt. Dies sollte die wichtigste Assoziation sein, die wir beim Thema Impfen hegen.

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Entwicklungsstörungen und Heilmittelverordnungen – die Jungen kommen wieder mal schlechter weg

Mehr Entwicklungsstörungen, weniger Heilmittel

Über Twitter kam letztens ja eine Meldung der AOK über die Heilmittelverordnungen im Allgemeinen und die Unterschiede bei Jungs und Mädchen im Speziellen. Die gute @KindundKittel fragte herum, wie denn die Meinung bei uns Kinderärzten dazu sei. Twitter im Allgemeinen hat sich natürlich auch dazu geäußert.

Jeder kann ja den Artikel lesen, dennoch eine kurze Zusammenfassung:

  • Die Zahl der diagnostizierten Entwicklungsstörungen bei Schulanfänger hat im Zehnjahreszeitraum zugenommen (2008 27,5% auf 2017 34,8%)
  • Im gleichen Zeitraum haben die Heilmittelverordnungen in geringerem Maße zugenommen (2008 15,6% auf 2017 16,9%). Seit 2015 seien die Verordnungen sogar zurückgegangen.
  • Spitzenreiter der „Zunahme“ sei Hamburg, am unteren Ende stünden Schleswig-Holstein, das Saarland und Bayern, hier gibt es einen Rückgang.
  • Unterschiede Jungen zu Mädchen: 2017 wurde bei Jungs in 41,3% eine Entwicklungsstörung festgestellt, bei den Mädchen hingegen nur bei 27,8%. 17,8% der Jungen erhielten Therapie bei nur 10,7% der Mädchen. Eine andere Zahl: 2017 waren 60% der AOK-Heilmittelpatienten im Kindesalter bis einschließlich 14 Jahren – Jungen.

Das Forschungsinstitut der AOK WIdO diskutiert diese Zahlen recht vorsichtig. Man sei primär zufrieden über den Rückgang der Therapien, dies liege daran, „dass Ärzte sehr genau hinschauen, wie sich ein Kind rund um die Einschulung entwickelt und wann es therapeutische Begleitung braucht“, sagt Helmut Schröder, stellvertretender WIdO-Geschäftsführer. „Gleichzeitig wandeln sich die Anforderungen von Schule und Elternhaus an die Kinder sowie das ärztliche Diagnoseverhalten und die Therapiemöglichkeiten.“

Gibt es eine Vorfilterung, eine ungenannte Bias?

Sehr gut beobachtet, sehr gut geschlussfolgert. Ich denke auch, dass solche Zahlen aus verschiedenen Gründen resultieren. Die AOK bekommt ihre Prozente aus den tatsächlichen Heilmittelverordnungen für Logopädie und Ergotherapie, es werden die einzelnen Rezepte gezählt. Dagegen gestellt werden die ICD-Diagnosen, die ihr über die Abrechnungen der Ärzte via KV übermittelt werden. Mehr sagen diese Zahlen nicht.

Welchem Bias unterliegen die erhobenen Zahlen zu der Diagnosen „Entwicklungsstörung“ und „Heilmittelverordnungen“?

  • Die Diagnosen sind Grundvoraussetzung für die Ansetzung von Abrechnungsziffern, die in den letzten Jahren für Kinder- und Jugendärzte möglich wurden, die so genannten sozialpädiatrischen Ziffern. Wurde hier tendenziell mehr verschlüsselt?
  • Entwicklungsstörungen begründen auch die Einstufung eines Patienten als „Chroniker“. Hier sind wiederum die Krankenkassen interessiert: Durch eine hohe Anzahl von Chronikerpatienten erhalten Krankenkassen mehr Geld aus dem Risikostrukturausgleich. Es hat schon Aufforderungen von Krankenkassen an Ärzte gegeben, Patienten mittels Diagnosen zu „upgraden“.
  • AOK-Patienten sind von vornherein gefiltert: Beispielsweise sind Geflüchtete und Asylsuchende in der AOK versichert, auch die Lohnstruktur der AOK-Versicherten dürfte eher im unteren Spektrum liegen. Anders gesagt: Ingenieure sind bei der Techniker, Angestellte der Mittelschicht bei den BKKs, Ärzte und Anwälte privat versichert. Es ist kein Geheimnis, dass Entwicklungsprobleme bei Kindern mit dem Sozialstatus korrelieren.
  • Wie im Artikel schon vermutet: Sicher hat es in den letzten zehn Jahren eine höhere Sensibilität für Entwicklungsstörungen gegeben. Bei ÄrztInnen. Bei ErzieherInnen. Bei LehrerInnen.

Ist das alles hausgemacht? Oder eine Frage des Zeitgeistes?

Aber mal dahin gestellt, dass die Zahlen bereinigt sind und über alle Kinder repräsentativ, wie lassen sie sich erklären?

Es bleibt problematisch, dass im Schnitt ein Drittel aller Erstklässler eine Entwicklungsstörung haben und die Hälfte davon ein Heilmittel benötigen (Kinder, die eine Entwicklungsstörung haben und keine Heilmittel verordnet bekommen haben, finden sich zum einen in der Gruppe der geringen Störungen, die einfache Flrdermaßnahmen, z.B. aus dem pädagogischen Bereich bekommen oder bei sehr schwer entwicklungsgestörten Kinder, die z.B. in Betreuungseinrichtungen sind).

Ist dies ein Strukturproblem? Eine Frage der Förderung in Elternhaus und/oder der Kindertagesstätten? Oder eine Frage des Zeitgeistes, dass beispielsweise Kleinkinder viel früher mit Passivmedien wie Handys in Kontakt kommen? Oder der vielzitierte Mangel an freiem Spiel draußen unter Gleichaltrigen ohne ständige Kontrolle durch die Eltern? Werden unsere Kinder zuviel reglementiert in ihrer Entwicklung? Oder durch offene Kindergartenkonzepte mehr beobachtet als gefördert? Oder ist es doch ganz einfach, und unsere Kinder werden von mancher Seite schlechter gemacht als sie sind?

Ich kann aus den Zahlen in meiner Praxen nur feststellen, dass ich mich sowohl in der Diagnosestellung, als auch der Heilmittelverordnung weit unterhalb der o.g. Zahlen bewege. Dies kann natürlich mit der Bevölkerungsstruktur in meinem beschaulichen Örtchen zusammenhängen, vielleicht aber auch mit recht vernünftigen Heilmittelerbringern, hervorragenden Frühfördereinrichtungen und einem sehr guten Netz an sozialpädiatrischer und pädagogischer Versorgung.

Die Jungen entwickeln sich schlechter als die Mädchen

Dennoch bleibt etwas festzustellen: Jungs kommen schlechter weg. Das wird jeder Kinder- und Jugendarzt bestätigen. Bei Twitter wurde vermutet, dass die Anforderungen in Schule und Kindergarten zu sehr auf Mädchen ausgerichtet sei, und keiner beurteilt, ob die Kinder gut Fussballspielen können.

Geschenkt. Denn abgesehen davon, dass IMHO Mädchen sowieso besser Fussballspielen können, gibt es aus meiner Sicht eben keine echte Fähigkeit, die alleine von Jungen oder Mädchen als Alleinstellungsmerkmal beherrscht wird. Die Anforderungen, die unsere Gesellschaft an unsere Kinder stellt, sind vermeintlich feminine Eigenschaften: Konzentriert arbeiten, Funktionieren, Liebsein, gute Körperbeherrschung und elaborierte Sprache. Der stereotype Junge als fussballspielender Rabauke, der keine zwei Worte sauber ausspricht, hat da nur Chance mit Ergo- und Logotherapie. Und er hat immer ein ADHS.

Unsere Förderangebote sollten geschlechterunabhängig sein, um nicht in die Genderfalle zu geraten: Während es hipp ist, Mädchen in klassische Jungenbereiche zu fördern (Girls Days, Fussball, Werken), möchte ich die Jungs sehen, die eine Ballettschule besuchen oder der Mama beim Kochen helfen. Ich bediene hier ein Klischee, ich weiß, aber beim Nachfragen beispielsweise bei der U9 mit fünf Jahren gibt es hier weiterhin eine ganz klare Trennung der Geschlechter, so aufgeklärt sich die Gesellschaft auch geben mag oder so sehr uns das unsere Twitter-Facebook-Filterblase auch vorgaukelt. Nicht alle Familien sind hier im 21. Jahrhundert angekommen.

Die Pathologisierung der Kinder

Ob es nun um das „Upgraden“ von Diagnosen geht, oder dass Kinder in unseren personalschwachen Betreuungseinrichtungen nicht ausreichend gefördert werden können, oder unsere Grundschulen noch immer das Schriftbild als wichtiger ansehen denn die Individualität des einzelnen Schülers: Es wird immer Kinder geben, die schwächer sind als die anderen in diesem oder jenem Bereich.

Pädagogische Fördermaßnahmen sollten immer zunächst ausgeschöpft werden, d.h. die Kitas und Grundschulen sollten personell und finanziell besser ausgestaltet werden, um alle Kinder mitzunehmen. Zuviele Kinder schiebt man in den „kranken“ Bereich, obwohl sie schlicht ein schwache Veranlagung oder eine Teilleistungsschwäche haben, während sie in anderen Bereichen glänzen, die jedoch nicht schulisch relevant sind. Erkennen wir lieber diese Stärken, und stärken wir damit das Selbstbild unserer Kinder.