Ich war mal wieder analog

Die ehrenwerte „Stuttgarter Zeitung“, genauer Nadine Funck, Redakteurin der Sonntagsbeilage für die StZ und die „Stuttgarter Nachrichten“, hat mich gebeten, für ein Interview zur Verfügung zu stehen.

Irgendwie interessieren sich vor allem die Sonntagsausgaben für Pädiatrie, so mein Eindruck. Schließlich kommt auch die Monatskolumne des Berliner Tagesspiegel sonntags raus. Vermutlich hat die potentielle Zielgruppe der Eltern nur am Sonntag Zeit, analog Zeitung zu lesen.

Jedenfalls hat mir das Interview großen Spaß gemacht, es gibt leider keine Online-Verwertung des Artikels, wer möchte, kann aber hier das Interview nachlesen:

Der Doktor und die lieben Eltern (pdf)

(c) bei Nadine Funck/Sonntag aktuell/kinderdok

Die Zähne und die Küsschen

Jumping in Puddles

Sie haben ihren drei Mädchen und zwei Jungs lustige Namen gegeben, jede/r drei davon. Immer beim Aufruf der Karteikarte frage ich mich, ob sie das gemacht haben, damit sich die Kids später einen der drei als Lieblingsnamen aussuchen können. Es gibt viel Ypsilons in den Namen, viele anglophile Anleihen und ein oder zwei französische (für die Mädchen).

An den Zähnen kannst Du einiges erkennen. Nur die Mädchen, ganz Klischee, haben noch keine überkronten Milchzähne. Der älteste Sohn hatte bereits zwei Zahn-OPs hinter sich, jetzt in der Grundschulzeit wurden diese in die Ferien verlegt, damit er nicht soviel vom Unterricht verpasst. Da fehlt er nämlich oft genug, weil er die ganzen banalen Infekte mitfährt, die ihm die jüngeren Geschwister aus dem Kindergarten anschleppen. Auf wundersame Weise war er in seiner Kleinkindzeit kaum krank, jedenfalls habe ich ihn da kaum gesehen, vielleicht war die Familie aber vorher bei einem anderen Kollegen.

Das erste Mal sah ich sie vor vier Jahren. Da gab es nur vier von ihnen, Nummer fünf ist erst vor zwei Jahren zur Welt gekommen. Die vier saßen wie die Hühner auf der Stange auf der Untersuchungsliege, null Angst vor dem Doktor, sehr lieb und freundlich alle vier machten sie einer nach dem anderen den Schnabel auf, um den Rachen zu inspizieren (diese Zähne!) und ließen sich brav abhören. Immer hatten sie alle das Gleiche, mal fing der Kleinste an, mal ein mittlerer, selten eben der Große. Und Mutter saß stets daneben, genauso verrotzt.

Mama ist immer krank und ist gar nicht übergewichtig, wie es das Klischee verlangt. Blaß ist sie, dunkle Augenringe, sehr dünn. Der bescheidene pädiatrische Blick sieht eine erwachsene Anorektikerin vor sich, aber immerhin fünf Kinder bekommen. Die Pfunde trägt der Vater in der Familie, sicher drei Zentner, verteilt auf knappe zwei Meter. Er erzählt stets von sich, wie krank er sei, was er alles arbeiten müsse, dass er demnächst viel Geld erben werde. Dann wird alles anders.

Der Kontakt mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst begann nach der Geburt des letzten Kindes, die amtliche Mitarbeiterin meldete sich über e-mail, eine Schweigepflichtsentbindung sandte sie gleich mit. Die jüngeren seien seltener in den Kindergarten gekommen, der älteste habe so einige Fehltage in der Schule. Zuhause sehe es aus wie „d´Sau“, sagt die amtliche Mitarbeiterin, und Nachbarn sei der Krach aufgefallen im Haus. Kinderkrach. Nein, die Eltern habe man nicht gehört. Vielleicht noch den Hund, aber was kann man da schon machen? Hunde bellen nun einmal.

Die Anfragen sind immer die gleichen: Kommen die Eltern mit den Kindern regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen? Sind alle Impfungen erfolgt? Ob ich Vernachlässigungsspuren sehen würde? Oder gar Misshandlungszeichen? Seien die Kinder schlecht genährt? Wie sind die Zähne?

Ich denke an meine Impfgegnereltern, die eigentlich gar nicht mehr in meine Praxis kommen, deren Kinder aber weiter nicht geimpft sind. Ich denke an meine schlechtdeutschsprachigen Miteltern, die nicht verstehen, dass eine Vorsorgeuntersuchung nur in bestimmten Zeiten stattfinden darf und danach eben nicht mehr. Die Zähne mancher Kinder sind kaputt, weil Süßgetränke und Flasche und Schnuller, und Zähneputzen ist so nervenaufreibend, weil „er mag das nicht“. Und ich denke, dass ich weiß, dass das Zusammenkommen vieler Indizien und Aufpoppen einzelner hellhörig werden lässt.

Bei dieser Familie? Ja: Die Zähne. Und die Vorsorgen werden gerne mal „vergessen“. Und bei No. 2 fehlen noch alle Impfungen jenseits des ersten Geburtstags, dafür sind No. 4 und 5 wieder komplett durchgeimpft. Außerdem kommen sie, wenn die Kinder krank sind, auch wenn ich dann mehr über Beruf und Krankheiten des Vaters („ich habe da diese Beule am Ellenbogen, könnten Sie mal kurz?“ – „Äh, nein.“) erfahre als über die Schulperformance des Ältesten. Die amtliche Mitarbeiterin möchte, dass der Große jetzt jedesmal vorgestellt wird, wenn er wegen Krankheit nicht in die Schule kann, „um das im Blick zu behalten“. Ich denke mir, damit werde ich als Arzt zum Amt und der Große nicht schneller gesund. Und Verantwortung zeigen die Eltern auch so genug.

Die fünf lachen jedes Mal, wenn sie bei mir sitzen, wie die Hühner auf der Stange. Auch wenn das Lachen zahnlückig ist. Die Großen helfen den Kleinen beim Anziehen. Jedes Mal. Und jedes Mal gibt es am Ende ein Küsschen von der Mama oder ein liebes Wort vom Papa. Wie toll sie bei mir mitgemacht haben und wie lieb sie waren. Für jeden der fünf.

 

(c) Bild bei flickr/Jimee, Jackie, Tom & Asha: Jumping in Puddles (CC Lizenz BY-SA 2.0)

Die Vorsorgeuntersuchungen – U7

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Die U7 oder „Die unbeliebteste Vorsorgeuntersuchungen aller“ oder „Heute gehts schnell“ oder „Seufz“.

Marc-Anton schreit bereits die gesamte Praxis zusammen, im Zimmer zum Vermessen redet die „Tante“ (die fMFA) und die Mutter mit Engelszungen auf den Kerle ein, damit er sich wenigstens für ein Sechzehntel einer Sekunde vor den Körpermessstab stelle. Das Wiegen auf der Waage gelingt auf dem Arm der Mutter, die dafür aber das eigene Körpergewicht preisgeben muß (Gesamtgewicht minus Muttergewicht… schon klar, oder?).
„Viel Spaß“, grinst meine fMFA, „ich war schon die doofe Tante, jetzt gehört er ganz Ihnen, Chef.“ – „Heute gehts schnell“, denke ich hingegen und betrete das Untersuchungszimmer. Die U7 ist bei allen Beteiligten die unbeliebteste Vorsorgeunteruschungen aller, die Mutter ist angespannt, dass das Bobele ausreichend korrekt performed, der Doktor versucht, all seine Motivationskünste aufbieten zu können, und Marc-Anton selbst bewegt sich irgendwo im kindlichen Bermudadreieck der Trotzphase, der Selbstbestimmung, und dem Gefallen der Mutter. Vor allem aber hat er keinen Bock. Angst hat er nicht.

„Komm, Marci, hab´ keine Angst, der Mann tut Dir nichts“, versucht die Mutter des Sohnes Gebrülle zu durchdringen. „Wissense, seit der Impfungen hat er immer sooo eine Angst vor den Ärzten. Und dann war er ja letztens bei dem Vertretungsdoktor, das fand er gar nicht gut und beim Zahnarzt hat er den Mund auch nicht aufgemacht.“ Ja. Aber das kennen eigentlich alle Kinder, und alle Kinder sind unterschiedlich. Ich kenne meine Pappenheimer bei der U7, und die haben erstmal einfach keine Lust. Gut, wenn sie wenigstens zuhause auf das Geschehen beim Kinderarzt vorbereitet werden.

„Ich habe schon extra nicht gesagt, dass wir heute zu Ihnen kommen“, sagt die Mutter,  „sonst wäre er gar nicht erst ins Auto eingestiegen“.

Was versuche ich also bei der U7? Nach dem erfolgreichen Bestimmen der Körpermaße (Gewicht, Größe, Kopfumfang – bei guter Stimmung gibts einen Blutdruck als Bonusgabe) wird improvisiert: Hochgestimmte Kinder wie Marc-Anton bleiben erstmal bei Mutter (oder Vater) auf dem Schoß sitzen, wir machen smalltalk. Seit wann läuft das Bobele (bis 18 Monate? Alles gut), was plappert er schon (Zweiwortsätze und viele viele Einzelworte? Prima), isst er schon alleine am Tisch mit, bestenfalls mit Messer und Gabel und wird vor allem nicht gefüttert. Geht das Spielen inzwischen ins Miteinanderspielen über, weg vom Parallelspiel oder Bespieltwerden? Ja, alles prima. Treppensteigen? Check. Bobbycar oder Dreirad? Ja. Noch Windel tags und nachts? Normal. Mehr „Ich“-Sagen als „Marc-Anton“? Ok. Das klingt doch alles bestens.

Inzwischen hat sich der Held ein wenig runtergefahren, er hat es sich auf dem Schoß der Mutter gemütlich gemacht, wirft mir ab und zu einen Blick zu, erwidert mein Grinsen oder Augenzwinkern. Dann zünden wir mal die nächste Stufe. Ich rutsche mit dem Rollhocker näher an den Mann heran, reiche ihm mein Stethoskop (oder die Spatel oder Klötzchen oder die Bilderkarte). Nimmt er es, prima. Kriecht er wieder in die Mutter hinein, Geduld. So nähern wir uns langsam aneinander an. Die körperliche Untersuchung ist dabei echt zweitrangig, in diesem Alter sehe ich die Kinder meiner Praxis sowieso fünf- bis zehnmal pro Jahr, die Infekthochzeit, dank der Kita ab einem Jahr sogar noch häufiger. Aber ein kurzes Auskultieren muss sein, allein schon für die Eltern, ein Blick auf den Zahnstatus, ein Blick auf das Laufbild und natürlich ein Blick zu den „private parts“, die Hoden müssen jetzt am allerallerallerendgültigsten „unten“ tastbar sein. Nebenblicke gelten dem Pflege- und Ernährungszustand des Kindes, Hauptblicke der Interaktion zwischen Mutter/Vater und Kind.

Die Sprache wird – wenn Marc-Anton nicht redet – per Fragebogen abgeprüft, da gibt es ganz gute Vorgaben, die die Sprachentwicklung prognostisch erschließen. Plappert der Proband, ist es am einfachsten: Da braucht es keine Statistiken oder Wortmengen, sondern einfach nur das erfahrene Pädiaterohr. Der Anteil der so genannte „latetalker“, also Kindern, die erst später mit der spontanen Sprache starten, ist relativ hoch, vor allem bei den Jungs. Sie gilt es zu erkennen und eventuell noch vor der nächsten Vorsorgeuntersuchungen U7a zu überprüfen. Eine relevante Sprachverzögerung benötigt bereits jetzt eine weitere pädaudiologische Abklärung und eine Sprachförderung im Kindergarten, manche sogar eine logopädische Förderung von Kind und Eltern (z.B. das Heidelberger Elterntraining).

Überflüssig zu sagen, dass ich den Impfstatus überprüfe, in aller Regel lief die letzte Impfung mit fünfzehn Monaten, in seltenen Fällen, wenn das Kind dauerkrank war oder aus anderen Praxen oder Städten zu uns gewechselt ist, ist die eine oder andere Impfung nachzuholen. Das machen wir an einem neuen Termin. Da Marc-Anton von der heutigen Untersuchung nichts wusste, kann ich davon ausgehen, dass auch eine Impfung nicht angekündigt wurde.

Marci und ich sind heute keine Freunde mehr geworden. Das Ablehnen ging zum Ende in einen stillen Schmollmund über, was soll´s? Die Mutter ist selbst mit seiner Entwicklung zufrieden, warum sollte ich es also nicht sein? Und eines ist sicher: Die grössten Trotzer sind später die witzigsten U8- und U9-Patienten.
Also: Meist.

Aus dieser Reihe:
Die Vorsorgeuntersuchungen – U1
Die Vorsorgeuntersuchungen – U2
Die Vorsorgeuntersuchungen – U3
Die Vorsorgeuntersuchungen – U4
Die Vorsorgeuntersuchungen – U5
Die Vorsorgeuntersuchungen – U6

(c) Bild bei pixabay (CC0 Lizenz)

Der Fünf-Minuten-Grippeappell

Wir ertrinken in Patienten, in besorgten Eltern, in Husten, Schnupfen, Fieber, „so krank war er noch nie“, „wird denn das gar nicht besser“ und „wir machen uns Sorgen“. Das Personal ist am Limit, selbst dezimiert wegen eigener Rotzenasen oder eigener -kinder, die Kindergärten machen Kleingruppenunterricht oder schließen komplett, weil die Erzieherinnen fehlen. Die Schulen verlangen Krankenatteste wegen der Grippewelle, als merke man dasnichtauchso bei dem Hustengeräuschepegel im Unterricht. Geplante Termine wie Impfungen oder Vorsorgeuntersuchungen versuchen wir auf ruhigere Monate zu verschieben, wenn das geht (aber Säuglings-Us kannst Du eben nur jetzt machen), damit die Gesunden sich bei uns nichts holen, die erhaltenen Termine zu Impfungen und Vorsorgen werden nicht wahrgenommen (aber auch nicht abgesagt), die Kinder waren eben kurzfristig krank (und das Telefon wohl defekt). Die fMFA schichten mit Früh- und Spätdienst, teils mit „Kernzeit“, um den größten Run abzufedern, wir Docs schaffen sogutesebengeht durch, in den letzten drei bis vier Wochen mit einer Wochenarbeitszeit von ca. 50-60 Stunden. Die ersten drei Tage der Woche sind die schlimmsten, kein Feierabend vor 20 Uhr, Montag kommen die „vom Wochenende krank“ und die „Kinder-Krank-Schein“-Nachfrager, Dienstag die Verschobenen vom Montag, Mittwoch die Vertretungen, Donnerstag ebbt es kurz ab und Freitag schließlich die „vor dem Wochenende, falls es schlimmer wird“. Alle sind sie krank, keine Frage, am Telefon versuchen die fMFA, in der Triage die dringlichsten Fälle herauszufiltern, aber wer will das am Telefon schon entscheiden? Sie versuchen, allen Termine zu geben, heute oder gleich morgen, vielleicht erst um Neunzehnvierzig (was sollen wir schon machen), bitten um Geduld und Entschuldigung, bekommen Verständnis und Ungeduld. Auch wenn sich die Fälle wiederholen, auch wenn die Eltern nach den berühmten drei Tagen erneut kommen, weil „immer noch nicht besser“ („ja, aber eine Grippe dauert nun mal sieben bis zehn Tage“ – „ja, schon, aber  können Sie nicht doch ein Antibiotikum…?“), auch wenn für *jede* Familie ihr *eigenes* Kind das wichtigste ist und der Drehpunkt aller Krankheiten:

Leute…! Es. Sind. Alle. Krank. Und alle wollen Rettung.

Und Leute…! Es wird besser. Es wird immer besser. Jedes. Jahr.

(c) Bild bei Flickr/William Brawley (Creative Commons CCBY2.0)

Sprechen wir mal über Strumpfhosen

Nach den Turbulenzen der Hauptstadt hat mich der Alltag der Praxis wieder feste im Griff, die Grippesaison ist nun da, so dass wir nicht mehr unterscheiden, ob Grippe oder grippig, krank sind sie alle.
Aber wer will schon jammern? Zur Auflockerung ein Quickie von vorgestern:

Nachdem ich Joline-Marie fertig untersucht hatte, Vier-Jahres-Check, alles in Ordnung, bis auf die wiederholten „Steuer“-Versuche der jungen Dame, setzte ich mich an den Schreibtisch, die Mutter zog ihre Tochter an. Es entwickelte sich folgender Dialog:

Mutter: „Oh, Joline-Marie, jetzt haben wir die Strumpfhose vergessen. Naja, ist jetzt auch egal, oder?“
JM: „Mag keine Strumpfhose.“
Mutter: „Magst Du keine Strumpfhose?“
JM: „Mag keine Strumpfhose.“
Mutter: „Aber draußen ist es kalt. Sollen wir Dir noch die Strumpfhose anziehen?“
JM: „Nein!“
Mutter: „Wäre aber schon besser, oder?“
JM: „Keine Strumpfhose.“
Mutter: „Na komm, wir ziehen sie schnell an, ok?“
JM: „Nein.“

Mutter: „Also gut. Dann eben nicht. Wir sind ja auch gleich am Auto. Dann lassen wir die Strumpfhose weg, oder?“
JM: „Strumpfhose anziehen!“

Woran mich das erinnert? Hier (Retro-Kinderdok-Klassiker).

Goldiges Wochenende

Um der Dokumentationspflicht dieses Blogs nachzukommen, muss ich Euch noch mit den Ereignissen des vergangenen Wochenendes langweilen belästigen quälen vertraut machen.

Wie der Zufall es wollte, gab es zwei wichtige Events für mich in Sachen Bloggen an diesem Wochenende. Zum einen ein Treffen der Medizinblogger, die sich auf der Plattform Doccheck vereinen, zum anderen am Montag die Verleihung der Goldenen Blogger, für die ich in der Kategorie „Blogger mit Engagement“ nominiert war. Kurzerhand – wer fährt schon gerne zwischendrin nach Hause – blieb ich gleich die ganzen vier Tage in Berlin. Danke an E. Fürs Rückenfreihalten in der Praxis.

Der Freitag

Anreise mit dem ICE, vergessen wir das Gekruschtel und Telefonieren im Ruhebereich, ich werde schon zum Geräuschspießer, schnell am Nachmittag im Hotel eingecheckt und, das brauche ich immer in einer neuen Umgebung, den Kiez entdeckt. Rumlaufen, in die Fenster gucken, Geschäfte abbummeln, abklären, wo es was zu Futtern gibt.

Dann schummelte ich mich langsam Richtung Prenzlauer Berg, wo das erste Treffen stattfinden sollte. Übrigens echt stilsicher in einer „Coworking location“ namens „Lovers“, das gibt es wohl jetzt viel in Berlin.

Wer war alles da? Die Pharmama. Der Medizynicus . Der 5-Foraminologe. Das PTAchen vom Apothekentheater (habe ich eben doch nicht verwechselt, menno!). Die Medizinjournalistin Alexandra. Die Hüterin des Rechts. Jan von psychiatrietogo und Alex vom Psychosomatik-Blog, noch besser bekannt als die Psychcaster. Der Rettungsmann von save yourself. Und dazu Mira von DocCheck und die beiden Gäste – Wolfgang Wodag von Transparency Deutschland und Florian Eckert von fischerAppelt. Es ging um Lobbyismus. Ich möchte Euch nicht langweilen.

Alles sehr aufregend, alle Blogs mit Gesichtern zu füllen. Und wie angenehm und wie schön! Wir zogen um zum Essen beim Italiener – Mann, war das lecker Essen. Ich bedanke mich artig bei DocCheck für die freundliche Einladung, das darf gesagt werden.

Der Samstag

Den Tag hatte ich mir für mich ausgeguckt. Shoppen. Kultur. Bummeln. Cafésitzen. Weiterbummeln. Das gelang ganz gut, nachdem ich den guten Rotwein gegen 10 Uhr ausgeschlafen hatte. Man gönnt sich ja sonst nichts so fern von daheim.

Am frühen Abend dann etwas Arbeit, NEIN!, Vergnügen! — ein spontaner Podcast mit Alex und Jan, komplett mit coolem Jingle, defektem Headset (die Störungen in den ersten Minuten gehen auf meine Kappe) und einer flüssig schönen Kommunikationsrunde mit den Zweien. Danke für die Gelegenheit, sich wieder mal auszutauschen.

Zu kurz kamen die Mitblogger vom Vortag, tut mir leid – Pharmama und Medizynicus fragten nochmal nach einem Treffen an, leider war ich an dem Abend bereits mit Kino ausgebucht.

Kleiner Profitipp am Rande: Geht am Samstag!, in Berlin!, in einen aktuellen Film!, am Potsdamer Platz!, ins Kino! Garantiert schöne Menschenschlangenstudien möglich. Ich brauchte fünfzig Minuten vom Betreten des Kinos bis zum Sitzen im Kinosessel.

Der Sonntag

Stand im Zeichen der Familie. Ich habe meinen Cousin besucht, es gab lecker Essen in Friedrichshain, ich durfte seine nette Frau kennenlernen, Tochter kannte ich ja schon. Geschnackt, gegessen, Kaffee und Wein und der gute Christstollen von der Schwiegermutter. Was braucht der kinderdok von heute mehr? Achja, am Morgen bin ich noch über die Flohmärkte der Statdt gebummelt, also zwei, am Boxhagener Platz (ja! Touri!) und am Arkonaplatz (ja! Verregnet!).

Am Abend nochmal Kultur: Ich konnte Karten für Harald Martenstein ergattern, er las in der Distel an der Friedrichsstrasse aus seinen besten Kolumnen. Super lustig, toll geschliffene Sprache, ja, umstritten, aber trotzdem gut! Buch mit Autogramm habe ich auch abgeholt.

Der Montag

So langsam kommt Müdigkeit auf, ich gebe das gerne zu. Also am heutigen Tag nur zwei Fixtermine. Aber was für welche.

Ich traf mich kurz vor Mittag mit Julia Prosinger, einer Redakteurin des Berliner Tagesspiegel, sie ist mitverantwortlich für die Sonntagsausgabe dort, mit dabei ihr Kollege Moritz Honert. Der Grund ist einfach: Ich darf seit neuestem eine monatliche Kolumne dort schreiben, wie Karin von KindundKittel schrieb: Die Evolution des Blogschreibens, vom Digitalen zum Analogen. Anfang Januar gab es die erste dieser Art, am kommenden Sonntag die Zweite.

Und dann der Abend. Was soll ich sagen?

Die Verleihung des Goldenen Bloggers stand auf dem Plan, ich war nominiert, und habe den Pott geholt! Meine Sparte „Blogger mit Engagement“ war zum Online-Voting geschaltet und dazu gleich die erste Kategorie, deren Preis vergeben wurde. Ich danke Euch allen fürs feste Abstimmen, Ihr wart mein Gewinn. Ob ich bei einem Jury- oder Saalvoting gewonnen hätte? Keine Ahnung, die Konkurrenz war so toll und lohnt das Vorbeischauen: Isa Sonnenfeld von den RoleModels und GermanLifeStyle GLS.

Die Veranstaltung war busy, Kameras gab es viele, neben 300 Menschen auf der Gästeliste ca. 80 rund um die Nominierten und an die 100 akkreddiietiren (oder wie man das schreibt) Journalisten. Tagesthemen und HeutePlus hat berichtet. Wow.

Und wen man dann so kennenlernen darf, welche Blogs es zu entdecken gibt und wie nett die alle sind: MlleReadOn (lest mal die Banane) und Sash von GNIT, Tim von TimSchraubtBass (mit der ganzen Familie!) und die Notaufnahmeschwester (lest mal Ihr Lappen!) und und und.

Ich bin noch immer, obwohl ein Tag später, nicht sicher, ob das alles überhaupt stattgefunden hat, so schnell flog die Zeit und rasten die Eindrücke an mir vorbei. Dank R., der mich begleitet hat, blieb ich zumindest zwischenzeitlich auf dem Boden der Tatsachen.

Der Dienstag

Heimreise. Not much to mention. Außer diesem mondänen fetten hochpreisigen dekadenten Frühstück im Hotel NH Collection, in dem wir Goldene-Blogger-Nominierten freundlicherweise untergebracht waren. Warum musste ich nur so früh zum Zug?

Oh Mann, was ein Wochenende, mit so netten Leuten, so vielen freundlichen Gesichtern, ob Blogger, Familie oder die Berliner – nun hat mich der Alltag wieder, morgen ab in die Praxis. Neue Geschichten finden für Euch, fürs Blog.

Euer kinderdok

Ein paar Bilder? Kommen noch.

ثنائية اللغة, ku duzimaniya, διγλωσσία, билингвизм… – über Zweisprachigkeit

Sprache ist Verbindung

Beobachtet man Kinder im Urlaub, am Strand, auf dem Campingplatz, weg von den gestressten Eltern, hingegeben der Suche nach Sozialkontakten und Spielen: Alle Kinder, egal welcher Sprache, verstehen sich. Sie verstehen sich im Spiel,sie verstehen sich durch Gesten, durch blitzschnelle Aufnahme von fremder Sprache. Durch Zwischenmenschlichkeit.

Sprache ist für Kinder essentiell, welch banale Feststellung, die Sprachentwicklung ist, so unterschiedlich sie verlaufen kann, am Ende vielleicht die wichtigste Entwicklungsphase eines Kindes, schließlich prägt sie das Sozialgefüge.
Umso toller, was die Natur den Kindern mitgegeben hat, um ihre Sprache zu finden, ihre eigene, universelle, am Anfang und am Ende eventuell gar die der Eltern. Universialität. Kann man das so nennen? Die Fähigkeit, sich in welcher Sprache auch immer zu verständigen.*

Spracherwerb in der Zweisprachigkeit

Zum Sprachererwerb sind Voraussetzungen wichtig, hier genauer formuliert für die Zweisprachigkeit:
– Die Eltern sprechen mit ihren Kindern die Sprache, in der sie sich selbst wohlfühlen, in der sie selbst am besten ihre Gefühle ausdrücken können.
– Sprechen die Eltern verschiedene Sprachen, gilt das gleiche, d.h. das Kind wächst nun schon zweisprachig auf.
– Die Kinder „baden“ von Anfang an in der „Haussprache, sie sollten ständig von Sprache umgeben sein, in Gesprächen, Fragen, Liedern oder Abzählreimen. Medien spielen dabei eine völlig untergeordnete, wenn auch in der Realität überschätzte Rolle.
– Beginnt der Kontakt zur „Landessprache“, sprechen die Eltern weiter ihre eigene Sprache, sie brauchen nicht übersetzen im Gespräch mit dem Kind. Allenfalls, wenn alle in einer „Landessituation“ sind, wird diese auch von den Eltern gesprochen.
– Jede Sprache in der Familie wird gleichberechtigt emotional gewertet. Dass sich trotzdem eine Sprache als Haupt- und eine als Nebensprache entwickeln wird, ist normal.
– Das Anlernen von fremder Sprache durch die Eltern hat wenig Sinn, auch der sehr beliebte „english talk“, um dem Bobele es später „leichter zu machen“.

Zweitspracherwerb

Wachsen Kinder in einer anderen Sprache auf, als die, welche im Land gesprochen wird, in dem sie sich gerade zufällig aufhalten, lernen sie die Landessprache ähnlich schnell wie die Muttersprache, sobald sie müssen, sobald sie ein neues Bad in der neuen Sprache nehmen. Mitunter geht es sogar noch schneller, weil die Fähigkeit zum Sprachelernen bereits „gespurt“ ist.
Manchmal lese ich bei älteren Kollegen in Einträgen im Vorsorgeheft Bemerkungen wie „spricht noch kein deutsch“ oder womöglich „sollte jetzt mehr deutsch lernen“. Das ist eine anachronistische Sicht der Sprachentwicklung bei Zweisprachigkeit und aus der Sorge geboren (die sich auch bei vielen nichtdeutschsprachigen Familie hält), dass die Kinder ausgegrenzt würden. Würden wir in Papua-Neuguinea nicht auch weiterhin deutsch mit unseren Kindern sprechen?

Kinder sind so unendlich international, so großzügig, so rücksichtsvoll, wenn sie jemandes Kind gegenüber treten, das die eigene Sprache nicht kennt. Sie improvisieren, sie zeigen, sie helfen, oberste Maxime ist das gegenseitige Verstehen, nicht das Verstehen der eigenen Position. Zweisprachige Kinder sind tolle Dolmetscher, oft wertvoll für die Familien, im allerpositivsten Sinne. Letztendlich erweitert die Mehrsprachigkeit nicht nur den linguistischen Horizont, sondern das Verständnis für andere Kulturen und andere Denkweisen und damit das Zusammenleben aller.

Zweisprachigkeit.net – ein Füllhorn an Informationen
Die offizielle Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Broschüren für nichtdeutschsprachige Eltern

Mehr zum Thema und anderes:
Schnuller und Spracherwerb
Heimat
Der Zollstock und Helene Fischer

(C) Bild bei flickr/thejbird (Creative Commons License CCBY2.0)

*ergänzend meine ich Sprache hier über das verbale hinaus, auch das ist banal: Spontane Gesten des noch nicht sprechenden Säuglings, Gebärdensprache, Nonverbales usw.

Wie ist das mit der Meningokokken-B-Impfung?

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Davor haben wir Kinderärzte alle, alle, alle Angst: Im hessischen Lindenfels ist in dieser Woche ein Kindergartenkind an einer Meningokokken-B-Infektion gestorben.
Dies soll der traurige Anlass sein, nochmal etwas über die mögliche Impfung gegen diese Bakterien zu schreiben:

Meningokokken B werden von Mensch zu Mensch übertragen (als typische „Tröpfchen“-Infektion), können ohne großartige Symptome abgewehrt werden, verlaufen aber auch nicht selten fulminant. Im Gegensatz zu anderen Meningokokkenstämme (z.B. Meng C, die in Deutschland häufiger vorkommt, und ja auch seit Jahren mit einem Lebensjahr geimpft wird), können sie zu schwersten Hautblutungen führen und leider oft auch zum Tode.

Kommt es zu einem bekannten Fall in einer Einrichtung, werden alle Kontaktpersonen vom Gesundheitsamt identifiziert und in aller Regel prophylaktisch mit einem Antibiotikum behandelt (Rifampicin, macht schönen roten Urin), damit lassen sich Ausbrüche recht schnell eindämmen. Ich selbst habe einen Fall als junger Assistenzarzt erlebt, auch als behandelnder Arzt muss man diese Prozedur über sich ergehen lassen. Auch beim Erkrankten gilt: Alleine die frühzeitige Behandlung mit einem Antibiotikum kann den letalen Verlauf aufhalten. Kinderklinikambulanzen, auch wir Kinderärzte, bevorraten das empfohlene Notfallantibiotikum Cefotaxim iv, alleine bei Verdacht könnte ich das bereits geben. Mitunter ist sonst bereits die Zeit zu lang, die zur Sicherung der Diagnose vergeht (Fahrt in die Klinik, Aufnahme, Lumbalpunktion).

Seit 2013 gibt es Impfstoffe gegen die Meningokokken B, warum gibt es aber bisher keine generelle Empfehlung der Ständigen Impfkommission, allen Kinder diese Impfung zu geben?

Man versucht Krankheiten aus verschiedenen Gründen durch Impfungen einzudämmen:
– aufgrund der Häufigkeit des Erregers (Windpocken, Masern, Grippe), um die Viruslast in der Bevölkerung zu senken, den Herdenschutz zu erhöhen
– weil Krankheiten mit Komplikationen verlaufen können (z.B. Hirnhautentzündungen bei Pneumkokken, Impotenz nach Mumps)
– um Folgeschäden der Erkrankungen zu verhindern (Gebärmutterhalskrebs nach HPV-Infektionen, Leberzirrhose nach Hepatitis-B-Infektionen) oder
– um einzelne Patientengruppen zu schützen (Rota-Virus-Impfung bei Säuglingen)
Diese Gründe treffen auf viele Erkrankungen und deren Impfungen zu, bei manchen überschneiden sich die Gründe, bei manchen sind es solitäre Gründe.

Bei Meningokokken B wäre der häufig fulminant-letale Verlauf („invasive Meningokokken-Erkrankung“ = IME) ein guter Grund, die Impfung zu empfehlen. Viele Ärzte können eine Geschichte dazu erzählen, viele Ärzte empfehlen aufgrund dieser Anekdoten die Impfung, niemand sollte das erleben. Vielleicht ist es auch ein Prinzip ärztlichen Handels, grundsätzlich eine Impfung zu empfehlen, die eine Erkrankung verhindern kann, also Leiden vorbeugend zu verhindern.

Wie argumentiert die STIKO?

Die STIKO ist sich des tragischen Verlaufes vieler Meningokokken-B-Erkrankungen klar bewußt, dennoch gibt sie weiter keine generelle Impfempfehlung. Sie argumentiert, dass die Krankheitshäufigkeit in Deutschland auch ohne Impfung abgenommen habe (seit Einführung der Meldepflicht 2001 erlebt Deutschland derzeit das niedrigste Niveau an IME). Dies ist als Argument insofern interessant, weil viele Impfgegner auch andere Impfungen mit dem gleichen Argument ablehnen, viele Erkrankungen seien bereits vor der Einführung einer generellen Impfung rückläufig gewesen.
Ein zweiter Aspekt ist, dass in Deutschland die Meningokokken-B-Infektion im Vergleich zu anderen Ländern eher selten vorkomme (z.B. England 21,8 Erkrankte pro 100.000 Einwohner, Deutschland 6,0/100.000 Einw. im Jahr 2015).

Außerdem legt die STIKO in ihrem neuesten Bulletin sehr ausführlich die Ergebnisse aus anderen Ländern dar, diskutiert die Verträglichkeit des Impfstoffes (nicht so gut), die mögliche Implementierung in den aktuellen Impfkalender (kompliziert) und die Immunogenität der auf dem Markt befindlichen Impfstoffe (geht so). Sehr ausführlich, sehr detailliert. Dennoch bleibt die STIKO nach der erstmaligen Empfehlung der Impfung für Risikopatienten (z.B. mit Immundefekten oder Asplenikern) von 2014 auch dieses Jahr bei der Haltung gegen eine grundsätzliche Impfung.
Die Impfkommission zeigt im Fall der Meningokokken-B-Impfung Zurückhaltung und begründet diese gut, so schwer der Einzelfall einer IME auch sein mag, so selten kommt die Erkrankung letztendlich vor. Ob eine Senkung Erregerlast in der Gesamtbevölkerung durch eine generelle Impfung erreicht werden kann, müssen Studien aus England zeigen, wo die Empfehlung für eine generelle Impfung existiert.

Wie machen wir in der Praxis das?

Wenn Eltern in meiner Praxis nach der Impfung fragen, versuche ich genau diese Haltung zu vermitteln: Die Erkrankung an Meningokokken B kann sehr schlimm verlaufen, aber sie ist eher selten im Vergleich zu anderen Infektionen. Das Nebenwirkungsprofil der Impfstoffe ist nicht zu vernachlässigen, ob die Impfung letztendlich vor dem gerade zirkulierenden MengB-Stamm schützt, ist zudem nicht sicher (die STIKO spricht von einer Abdeckung von 82%). Wer die Impfung für sein Kind wünscht, der bekommt sie aber (Kosten ca. 300 Euro, wird nicht von allen Kassen übernommen und ist immer erst einmal eine Privatleistung), außerdem die genannten Risikopatienten.

Ich versuche, meine eigene Anekdote im Kopf zu behalten, und hätte auch Angst vor einer Infektion unter meinen Patienten, vertraue aber der Weitsicht und dem epidemiologischen Sachverstand der STIKO. Als einzelner Arzt wäre es vermessen, die Wirkung oder Nichtwirkung der Meng-B-Impfung abzuschätzen, Anekdoten waren noch nie gute Entscheidungshilfen (und eher das Instrument der Impfgegner) und nur die genaue Betrachtung der Epidemiologie in unserem Land kann eine generelle Empfehlung bringen oder eben nicht. Dann werde ich diese auch entsprechend in der Praxis umsetzen.

STIKO-Bulletin vom 18.1.2018 zu diesem Thema

(c) Bild bei pixabay/PublicDomainPictures (CC0 Lizenz)

Sprich beim Impfen mit Deinem Kind

Was Eltern vor einer Impfung manchmal so sagen:
– „Du kriegst heute keine Spritze.“
– „Der Doktor macht gar nichts.“
– „Entschuldigung, mein Kind, aber die Mama lässt Dich heute ärgern.“
– „Stell Dich nicht so an, sonst gehen wir eben wieder und müssen nochmal wiederkommen.“
– „Komm jetzt her, sonst impft der Doktor Dich in den Po/ sonst bekommst Du noch eine.“
– „Du Heulsuse/ Jammerlappen/ Weichei.“
– „Wenn Du heulst, gibts aber keine Belohnung.“
oder das Bobele wird gar nicht vorbereitet, weiß nichts vom Impfen und wird überrumpelt. Auch nicht fein.

Was Eltern besser vor einer Impfung sagen sollten:
– „Die Impfung wird Dir helfen, gesund zu bleiben.“
– „Heute gibt es eine Impfung und beim nächsten Mal keine. Mama/ Papa wird das immer sagen.“
– „Das tut kurz weh und dann ist es wieder gut.“
– „Du darfst gerne weinen, ich tröste Dich dann.“
– „Nachher gehen wir ein Eis essen/ ein Lego/ Gummibärchen kaufen.“
und vor allem bereite man das Bobele vor, zuhause, vielleicht am Tag davor, auf jeden Fall vor dem Losfahren daheim und nicht erst bei Betreten der Praxis.

Je nach Alter des Kindes darf auch über den Sinn einer Impfung aufgeklärt werden. Dabei solltet Ihr Ich-Botschaften vermitteln, dass also Ihr selbst die Impfung gut findet und nicht „weil man das eben so macht“ oder „der Doktor das will“.
Neben der Sprache ist das Nonverbale mindestens ebenso wichtig:
– Säuglinge werden im Arm gehalten (der Doktor findet schon Platz zum Impfen) und bekuschelt, vielleicht gefüttert (gestillt, auch etwas Zuckerlösung kann helfen).
– Kleinkindern sitzen auf dem Schoß der Eltern (sogar Jugendliche finden das manchmal beruhigend). Ablenkung ist ok: Kuscheltier, Seifenblasen, Pfeifen, Singen, Abzählreime.
– Impfen sollte immer vorbereitet werden, die eigentliche Aktion darf dann aber zügig vonstatten gehen, im Zimmer ist eine ausführliche Erklärung überflüssig und „steigert nur die Spannung“.
– Belohnungen dürfen auch gleich mitgebracht werden. Der Doktor hat vielleicht auch was da.
– Pflaster sind überflüssig und tun beim Entfernen weh. Außerdem kann eine Reaktion auf Pflaster an der Haut entstehen. Wir lassen sie meist weg, außer Kinder möchten sie zur Belohnung haben.

Achja: Mit Impfungen wird auch nicht gedroht. Zitat: „Jetzt mach endlich den Mund auf, sonst kommt der Doktor mit einer grossen Spritze.“
Doch. Ja. Das gibt es im Jahre 2018.

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Filterblase: Wenn Eltern anders entscheiden.

Aus aktuellem Anlass mache ich mir wieder mal Gedanken, vorher Eltern Informationen bekommen und wem sie vertrauen und nicht vertrauen. Gerade bei Neugeborenen, wenn es um das Vitamin K, die Fluorid- und Vitamin-D-Gabe und Impfungen geht, vertrauen Eltern gerne anderen Quellen als den Medizinern. Warum ist das so?

Ungefiltert informieren?

Unbestreitbar herrscht Unsicherheit vor, geboren aus Unwissen, schließlich kann man sich nicht über alles informieren oder Informationen filtern. Wenn wir Eltern werden, müssen wir mit einem Mal Experten werden für Dinge, die in den Jahren zuvor völlig unwichtig waren. Wir müssen Pädagogen werden, müssen Mediziner werden, müssen Ernährungswissenschaftler und Pflegekräfte werden. Das überfordert uns. Eigentlich wollen wir Eltern doch nur gesunde Kinder und diese gesund erhalten.

Also fangen wir an zu lesen. Im Internet, in Ratgebern, in offiziellen Broschüren der BzgA oder vom Kinderarzt. Wir bekommen Bücher empfohlen von anderen Müttern, von Hebammen oder über die Amazon-Bestenliste. Alles ungefiltert für uns und vorgefiltert durch andere, wie viele Dinge heutzutage. Schnell entstehen Fakenews, schnell befinden wir uns in einer Filterblase. Ist die Hebamme esoterisch geprägt, bekommen wir entsprechende Bücher, unterhalten uns mit gleich gesinnten Eltern, bekommen wir gleichgesinnte Homepages empfohlen.

Vielleicht ist auch ein bisschen Skepsis oder gar Protest dabei. Die etablierte Medizin ist im gültigen Zeitgeist korrupt, überwissenschaftlich, will alle mit Medikamenten zudröhnen („Vollpumpen“ ist ein beliebter Begriff) und arbeitet undifferenziert, weil schulmeisterlich schulmedizinisch. Wir möchten alles anders. Anders bedeutet heute „natürlich“, natürlich heißt ohne alles, also auch ohne Medikamente, ohne Vitamin K, Vitamin D, Fluorid, Impfungen, Antibiotika, alles Errungenschaften der Medizin, die die Säuglingssterblichkeit haben sinken lassen.

Als Kinderarzt kann ich nur auf Aufklärung setzen. Ich kann informieren, ich kann seriöse Quellen nennen, und steuere trotzdem die Eltern in meine eigene Filterblase, diesmal die wissenschaftliche, aus meiner Sicht natürlich die richtige. So prallen Welten aufeinander, vereinfacht die klischeehaft naturbelassene Hebammenwelt und die klischeehafte Medikamenten-, Maschinen- und Schulmedizinerwelt. Wofür entscheiden sich die Eltern, wenn sie beide Eltern als gleichberechtigt empfinden? Vielleicht für das Vermeiden, für das Nichtstun, für das Weglassen. Es scheint einen Tendenz im Zeitgeist zu geben.

Eine riskante Entscheidung, geboren aus dem Luxus der industrialisierten Welt: Dank der Einführung mancher Prophylaxen, wie Vitaminen, einschließlich der Impfungen, sind unsere Kinder gesünder als vor Jahrhunderten, die Säuglingssterblichkeit hat rasend abgenommen, die Krankheiten sind nicht mehr präsent. Viele Eltern entscheiden aus dem Bauch heraus, meist vom Hörensagen geleitet oder weil N=1 die leitende Statistik war. Beim ersten Kind hat’s doch geklappt, dann kann man es beim zweiten Mal auch so machen. Bei der Nachbarin hat’s funktioniert, also machen wir es auch so. Trifft die alternativ-esoterische Haltung nun noch auf die statistisch-wissenschaftliche (die ja immer fälschbar sei), geht gar nichts mehr.

Paternalismus?

Wir Mediziner neigen zum paternalistischen Verhalten, dem Folgen von Leitlinien, dem Zurschaustellen des Experten, wie wir hoffentlich als Mediziner wahrgenommen werden, und reagieren ungehalten oder unverständig, wenn Eltern sich anders entscheiden. Realisieren wir die Filterblase, in der sich die Eltern befinden, können wir die Denkweise eventuell durchbrechen. Dies braucht Zeit, noch mehr Informationen, aber auch Vertrauen in unsere Empfehlungen.

Ich gebe zu, dass ich in meiner Praxis oft rigoros reagiere: Impfgegner dürfen nach wiederholten Beratungsgesprächen und fortgesetzter Resistenz die Praxis verlassen, wer das Vitamin K bei U3 abgelehnt hat, wird gleich rausgeworfen, ich halte das für unverantwortlich. Da bin ich paternalistisch par excellence. Vielleicht eine Schwäche meinerseits, aber ich kann eben auch nicht aus meiner Filterblase und muss abends noch in den Spiegel schauen können. Ich sehe mich als Anwalt des Kindes. Auch wenn die Eltern die letzte Verantwortung haben, die ich Ihnen nicht abnehmen kann, steht die Empfehlung zum Schutz des Kindes an oberster Stelle (und der Schutz anderer Kinder, wenn wir von Impfungen sprechen).

Vermutlich gibt es keine befriedigende Lösung der Positionen. Ich kann mich als Mediziner, gerade als Kinderarzt, nicht altruistisch der Position ablehnender Eltern beugen, denn beide, Eltern und ich, sehen in unseren Entscheidungen das beste Wohl für das Kind. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber nur in gemeinsamer Überzeugung, die aber immer einer Durchsetzung meiner Meinung gleichkäme.

Patienten und Ärzte sollen heutzutage™️ Partner sein, gemeinsam Entscheidungen für die Gesundheit treffen. Leider sind die Player, auf dem Gebiet der Gesundheit inzwischen so vielfältig, oder sollen wir sie lieber Influencer nennen?, dass es schon lange keine duale Begegnung mehr ist, und damit der informativoffene Austausch zwischen Patient und Arzt kaum noch gelingen kann. Ich persönlich kann nur tagtäglich auf das Vertrauen der Eltern setzen, dass wir Kinderärzte alles zum Wohlergehen und der Gesundheit der Kinder tun, es gibt keine niederen Beweggründe für unsere Empfehlungen.

„Würden Sie das Gleiche empfehlen, wenn es Ihr Kind wäre?“ Aber sicher.

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