Impfpflicht gegen Masern – ist das praktikabel?

Masern

Über die Impfpflicht im allgemeinen ist in den letzten Tagen viel geschrieben worden, in Bundestagsdebatten ist das Thema meines Wissens noch nicht angekommen, auch wenn sich der Gesundheitsminister in der Öffentlichkeit (gemeinsam mit seinem Nebenmann Lauterbach von der SPD) dafür stark macht. Immerhin hat der Brandenburger Landtag sich heuer mit dem Thema beschäftigt und die Impfpflicht gegen Masern beschlossen.

Der Hintergrund ist bekannt: Deutschland liegt im internationalen Vergleich zurück, was die Impffreudigkeit, besser -disziplin, im Allgemeinen angeht. Insbesondere jedoch bei Masern hinken wir hinterher, Experten gehen davon aus, dass mit den derzeitigen Impfraten keine Elimination der Masern in Deutschland erzielt werden kann. Andere Länder wie die USA sind da schon viel weiter. Dass eine Impfung gegen eine der gefährlichsten Kinderkrankheiten sicher und wirksam ist, dürfte allgemein bekannt sein, darüber soll hier auch nicht diskutiert werden. Wirre Theorien und krude Behauptungen geistern durch das Netz und die Köpfe der Impfgegner, vernünftigerweise kann niemand die Impfung ernsthaft ablehnen.

Wie wird eine Impfpflicht gegen Masern in der Praxis funktionieren?

  • Zunächst einmal: Der Brandenburger Landtag hat eine Impfpflicht für Kita-Kinder beschlossen und damit eben keine allgemeine Impfpflicht, also weder für Schulkinder, geschweige denn für Erwachsene. Diesen ersten Ansatz finde ich grundsätzlich gut: Schließlich hat eine Impfung immer etwas mit dem Schutz anderer zu tun. Wer also sein Kind in eine Gemeinschaftseinrichtung geben will, in der eventuell Kinder sind, die nicht impfbar sind oder noch zu klein, sollte Sorge tragen, dass es kein Überträger der Krankheit ist. Wer nicht impfen möchte, kann eben keine (staatliche) Kita besuchen. Punkt.
  • Lösung für Impfgegner: Ich suche mir eine private Einrichtung, die mein Kind trotzdem nimmt. Es dürfte genug anthroposophische oder anders geströmte Kitas geben, die diese Möglichkeit bieten (Interessanterweise habe ich in den letzten Monaten die Erfahrung gemacht, dass es eher die privaten Tageseinrichtungen sind, die Wert legen auf einen vollen Impfpaß als die staatlichen). Reicht die Macht der Politik so weit, die Impfpflicht auch in nichtstaatlichen Kitas durchzusetzen?
  • Und: Wenn schon Impfpflicht per Dekret, warum dann nicht für alle, also auch zum Schuleintritt oder bei Erwachsenen?
  • Wie ist das mit gesundheitlichen Bedenken, mit Kontraindikationen? Es wird Kinder geben, die man nicht gegen Masern impfen kann: Wegen Allergien, wegen Immunschwächen, vielleicht auch aus vorübergehenden Gründen, weil das Kind „immer“ krank ist. Diese Dinge sind sehr selten. Ich habe in meinem gesamten Patientenstamm lediglich zwei Kinder, die wegen angeborener Immunschwäche nicht geimpft werden können, und eines, dass so heftig auf die erste Masernimpfung reagiert hat, dass wir eine Allergie vermutet haben, hier wurde die zweite Impfung stationär durchgeführt (und gut vertragen). Bei allen anderen ließ sich die Impfung bequem verschieben und nachholen, auch Kinder nach Chemotherapie kann man ab einem bestimmten Zeitpunkt wieder impfen.
  • Was machen die Impfgegner? Sicher wird die Zahl der Kinder, die „plötzlich“ aus medizinischen Gründen keine Masernimpfung bekommen können, zunehmen. Leider werden sich auch ÄrztInnen finden lassen, die das den Eltern bescheinigen. Wer sollte das schon kontrollieren? Der Amtsarzt?
  • Bisher war nur die Rede von einer Impfpflicht gegen Masern. Nun ist es aktuell leider so, dass es keinen Einzelimpfstoff Masern gibt bzw. dieser nur als Reimport erhältlich ist. Eine Masernimpfung bedeutet heute faktisch eine Impfung zumindest in Kombination mit Mumps und Röteln, bestenfalls sogar gemeinsam mit Windpocken. Bedeutet das nicht praktisch, dass wir entweder die Industrie verpflichten, mehr Einzelimpfstoffe auf den Markt zu bringen oder aber, wir müssen diskutieren, dass die Impfpflicht auch Mumps und Röteln einschließt. Wir haben bereits dato einen Engpaß bei allen Kombinationsimpfstoffen, derzeit ist der MMRV-Impfstoff wohl erst wieder im Sommer lieferbar. Wie soll das weitergehen? (Übersicht der Masernimpfstoffe)
  • Die Kritiker werden das gleiche Szenario zu den Masern auch zu Röteln und Mumps inszenieren. Schließlich werden auch diese beiden Impfungen oft als überflüssig angesehen („soll doch die Schwangere sehen, dass sie selbst einen guten Schutz hat“, „Mumps ist nun wirklich harmlos“. Das bisschen Impotenz…). Viel Spaß uns ÄrztInnen bei der nächsten Impfberatung.
  • Wie wird die Kontrolle der Impferfüllung aussehen? Werden die Kindergärten verpflichtet, die Impfbücher zu kontrollieren? Und was, wenn das Kindergartenkind keine Masernimpfung hat? Gibt es dann eine Meldung ans Jugendamt? Darf es schlicht nicht in die Kita, und das war´s? Oder kontrollieren die Kinderärzte? Bereits jetzt gibt es die Unbedenklichkeitsbescheinigung vor Kindergarteneintritt, die ein Kinder- und Jugendarzt abzeichnen muss, seit zwei Jahren muss hier auch eine Impfberatung bescheinigt werden (ohne Nachweis des Ergebnis dieser Beratung). Auf manchen Bescheinigungen konnte ich unlängst auch ankreuzen „Masernimpfung erfolgt“. Bleibt das mein Part bei der Kontrolle? Oder wird es einen Nachweis zum Jugendamt geben, wie dies in manchen Bundesländern bereits bei den Vorsorgeuntersuchungen stattfindet?
  • Wie oben schon skizziert: Finden sich für die Impfgegner Ärzte, die hier Bescheinigungen faken? Wie kritisch werden das die ErzieherInnen durchziehen (wollen)?
  • Große Impflücken der Masernimpfung gibt es bei Erwachsenen. Obwohl bereits seit langer Zeit empfohlen wird, Nach-1970-Geborene einmal gegen Masern zu impfen bzw. eine zweite Impfung nachzuholen, finde ich in praktisch jedem zweiten Eltern-Impfpass eine fehlende oder eine komplett unterlassene Masernimpfung. Liebe HausärztInnen und GynäkologInnen: Macht Ihr hier Eure Hausaufgaben nicht richtig? Das ist Euer Job! Ich denke, dass wir gerade die Älteren mehr in die Pflicht nehmen sollten – so propagiert die STIKO zwar, jeden Arztbesuch zu nutzen, die Impfungen zu überprüfen. Umgesetzt wird das jedoch kaum. Auch die BetriebsärztInnen sollten das auf dem Schirm haben.

Impfpflicht oder doch Informieren?

Ich bin mit mir uneins, ob eine Impfpflicht grundsätzlich eine gute Idee ist, die Impfquoten in Deutschland zu erhöhen. Im ersten Reflex bin ich als Mediziner dafür, mein Berufsverband sieht das auch so. Aber reagieren wir da nicht trotzig aus der tagtäglichen Diskussionshaltung gegenüber Impfgegnern? „So, genug diskutiert, jetzt redet der Staat mal Tacheles?“ Wollen wir diesen Graben zu den Impfgegnern weiter vergrößern? Gehen uns die Argumente aus? Sind wir alle Wege bereits gegangen, um die Impfquoten zu erhöhen?

Die Hürde vor Kindergarteneintritt ist zumindest der richtige Ansatz: Es muss eine Konsequenz spürbar sein, wenn Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen wollen. Da das Argument, das eigene Kind zu schützen, scheinbar nicht fruchtet, geht der Weg eben über den Schutz der anderen (Ich mache es in meiner Praxis ähnlich). Insofern ist das ein ziviler Regulationsschritt, eine weiche Verpflichtung, im Gegensatz z.B. zu einer Strafgebühr. Leider werden Impfgegner Mittel und Wege finden, diese bürokratische Hürde zu umgehen.

Wissenschaftler, die sich mit der öffentlichen Wahrnehmung von Impfungen und Beweggründen von Impfgegner beschäftigen, warnen bei einer Impfpflicht davor, dass die restlichen Impfungen, die nicht verpflichtend werden, als weniger wichtig eingestuft werden und die krude „Selbstbestimmung“ dann dort ausgelebt wird (siehe @CorneliaBetsch). Bedeutet, die Masern bekommen wir vielleicht in den Griff, dafür bekommen wir mehr Argumentationsprobleme bei den anderen Impfungen.

Besser ist es sicher, die Impflücken vor allem auch bei Erwachsenen zu schließen, also mehr zu informieren und jeden Arztbesuch zur Überprüfung des Impfschutzes zu nutzen: „75% der Erwachsenen unter 50 wissen nicht, dass sie ihren Impfstatus prüfen sollen, 61% sagen, niemand hat es ihnen gesagt (@bzga_de)“ (Tweet von C. Betsch)

Wir sollten weiter gut informieren. Es gibt immer noch viele Eltern, die schlicht unsicher sind oder fehlinformiert. Fake News werden wie bei vielen „Verschwörungen“ auch in der Impfkritik gerne weiter verbreitet. Wir sollten klarere Bilder finden. Ähnlich wie auf Zigarettenschachteln muss das Gefährliche von Masern und anderen Erkrankungen präsentiert werden, nicht im Sinne des Angstmachens (das übernehmen die Impfgegner schon genug, wenn es um das Impfen an sich geht), sondern des Vermittelns von Realitäten und des Einforderns von Respekt gegenüber den Krankheiten.

Wir sollten „nudgen„, also anstupsen, immer wieder an Impfungen zu erinnern. Wir sollten den Zugang zu Impfungen vereinfachen, also auch über Impfungen in der Apotheke oder durch Kindergarten/SchulkrankenpflegerInnen nachdenken. Warum auch nicht? Dieses hohe Ross des Alleinimpfanspruchs durch Ärzte ist ein Bärendienst für Impfskeptiker.

Die ewig Ablehnenden, Verschwörungsfanatiker, die Nanoteilchen und politische Intrigen vermuten, auch die chronischen „Selbstbestimmten“, erreichen wir nie. Es wird immer einen Prozentsatz der absolut Unbelehrbaren geben. Aber der Rest: Uns alle eint die Sorge um das Wohl der Kinder, auf dieser Ebene mittels Empathie und Information sollten wir wenigstens die abholen, die unschlüssig sind, falsch informiert oder schlicht ängstlich.

Impfen-Info

(c) Bild bei Pixabay (Lizenz CC BY 2.0)

Vor Kita nur Impfberatung oder -check?

Die neuesten politischen Entwicklungen zur (quasi) Impfpflicht – worauf sich die Regierungskoalition geeinigt hat:
– Ausschluss von ungeimpften Personen aus Gemeinschaftseinrichtungen, wenn dort ein Masernfall bekannt wurde
– Verpflichtende Impfberatung vor Aufnahme eines Kindes in eine Kita (incl. Bußgeld bei Versäumnis)
– Überprüfung des Impfstatus von Beschäftigten in medizinischen Einrichtungen und evtl. Umsetzung des Arbeitsplatzes bei Bedarf.
– Aufnahme von Schutzimpfungen in die Bonusprogramme der Krankenkassen
– Wann ist der nächste Impftermin? – Eintrag in den Impfausweis.

Aus den Kreisen der Grünen kommt reflexhaft der Ruf nach dem Recht auf Unversehrtheit des Körpers, als ob dies nicht auch für „nicht impfbare“, chronisch kranke Kinder gelte, die stets Risiko laufen, von Ungeimpften in der Kita angesteckt zu werden. Was wiegt eigentlich mehr, das Recht der Eltern auf körperliche Unversehrtheit ihres Kindes bei einer verweigerten Impfung oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit des schutzbefohlenen Kindes, welches eine impfpräventable Krankheit bekommen könnte?
Immerhin erkennen auch grüne Politiker, dass beim Moment des Eintritts in den Kindergarten die Dimension des Gruppenschutzes erreicht ist und den Eigenschutz des Individuums überwiegt. Daher begrüßen auch sie grundsätzlich die Beratungsregelung.

Dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte geht dies nicht weit genug, er fordert einen Nachweis der Durchführung der empfohlenen Impfung gegen Masern oder fordert sonst die Eltern auf, ihr Kinder in private Einrichtungen zu geben, die evtl. ein weicheres Impfregime tolerieren.

Impfberatung vor Kita?

Heute ging es durch die Nachrichten: Laut dpa möchte das Gesundheitsministerium eine verpflichtende Impfberatung für die Eltern vor Kita-Eintritt des Kindes in das neue Präventionsgesetz aufnehmen. So kommentiert es Jens Spahn, der Aufsteiger gesundheitspolitische Sprecher der CDU und sein Minister Gröhe.

Grundsätzlich finde ich das gut. Durch die Aufnahme ins Gesetz erhält die Impfberatung und der Impfgedanke die nötige Wertigkeit. Ein richtiges Signal, bzw. „ein erster Schritt in die richtige Richtung, um die Impfquoten in Deutschland zu erhöhen“, wie der BVKJ prompt sekundierte.

Ein paar kritische Gedanken:

– Wer darf die Impfberatung durchführen? (der ÖGD? Der behandelnde Kinder- und Jugendarzt? Der Allgemeinmediziner?) Wer bescheinigt und steht dafür grade, dass die Beratung umfassend ist (alle empfohlenen Impfungen, Risiken, Verantwortung)?
– Was bedeutet Impfberatung? Wenn Herr Hirte ein impfkritischer Arzt oder gar Herr Raabe ein Impfgegner berät, dürfte das anders ausfallen, als z.B. bei mir?
– Wann findet die Beratung statt? Reicht die Beratung (wie üblich) im ersten Lebensjahr bei den ersten Impfungen und nochmals bei der zweiten „Impfrunde“ nach dem ersten Geburtstag? Erübrigt sich die Beratung, wenn das Kind sowieso mit 15 Lebensmonaten alle Impfungen bekommen hat?
– Wer bezahlt die dann gesetzlich verankerte Impfberatung? Auch eine Kindergartenuntersuchung ist schließlich keine Kassenleistung.
– Was passiert, wenn keine Impfberatung erfolgt? „no advice, no preschool“?

Bescheinigungen hat man ja gerne in Deutschland. Auch die Bescheinigung zum Kindergarteneintritt, wie es das Kindergartengesetz fordert, ist doch nicht das Papier wert, auf der sie steht. Wie wird das mit dem Impfberatungspapier werden? Wieder traut sich niemand, ganz die Hosen runterzulassen, sondern hält sich ein Feigenblatt „davor“.

Ich bezweifle, dass Impfungen in Deutschland unterbleiben, weil die Eltern die Impfungen vergessen oder nicht ausreichend informiert sind. Das Thema ist doch sehr präsent. Für viele löst genau das den Reflex aus, gerade deshalb nicht zu impfen. Was verpflichtend wird oder mit zuviel Druck gefordert, wird erst recht abgelehnt. Kennen wir auch von Trotzkindern.
Bringt also ein Impfberatungsschein mehr Information? Oder nur mehr Druck, dem man Gegendruck entgegenbringt?

Ich hätte mir einen schriftlichen Nachweis der nicht erfolgten Impfungen beim Kindergarteneintritt gewünscht. Außerdem eine verpflichtende Impfberatung für ErzieherInnen, damit dort mehr Bewußtsein gefördert wird. Vielleicht wäre eine Beratung seitens des Landes oder der Stadt besser – „kinderfreundliche Kommunen“ sollten auch das Impfen zur sozialen Verantwortung erheben.
Zur Impfpflicht, wie es der BVKJ fordert, habe ich schon geschrieben.