ثنائية اللغة, ku duzimaniya, διγλωσσία, билингвизм… – über Zweisprachigkeit

Sprache ist Verbindung

Beobachtet man Kinder im Urlaub, am Strand, auf dem Campingplatz, weg von den gestressten Eltern, hingegeben der Suche nach Sozialkontakten und Spielen: Alle Kinder, egal welcher Sprache, verstehen sich. Sie verstehen sich im Spiel,sie verstehen sich durch Gesten, durch blitzschnelle Aufnahme von fremder Sprache. Durch Zwischenmenschlichkeit.

Sprache ist für Kinder essentiell, welch banale Feststellung, die Sprachentwicklung ist, so unterschiedlich sie verlaufen kann, am Ende vielleicht die wichtigste Entwicklungsphase eines Kindes, schließlich prägt sie das Sozialgefüge.
Umso toller, was die Natur den Kindern mitgegeben hat, um ihre Sprache zu finden, ihre eigene, universelle, am Anfang und am Ende eventuell gar die der Eltern. Universialität. Kann man das so nennen? Die Fähigkeit, sich in welcher Sprache auch immer zu verständigen.*

Spracherwerb in der Zweisprachigkeit

Zum Sprachererwerb sind Voraussetzungen wichtig, hier genauer formuliert für die Zweisprachigkeit:
– Die Eltern sprechen mit ihren Kindern die Sprache, in der sie sich selbst wohlfühlen, in der sie selbst am besten ihre Gefühle ausdrücken können.
– Sprechen die Eltern verschiedene Sprachen, gilt das gleiche, d.h. das Kind wächst nun schon zweisprachig auf.
– Die Kinder „baden“ von Anfang an in der „Haussprache, sie sollten ständig von Sprache umgeben sein, in Gesprächen, Fragen, Liedern oder Abzählreimen. Medien spielen dabei eine völlig untergeordnete, wenn auch in der Realität überschätzte Rolle.
– Beginnt der Kontakt zur „Landessprache“, sprechen die Eltern weiter ihre eigene Sprache, sie brauchen nicht übersetzen im Gespräch mit dem Kind. Allenfalls, wenn alle in einer „Landessituation“ sind, wird diese auch von den Eltern gesprochen.
– Jede Sprache in der Familie wird gleichberechtigt emotional gewertet. Dass sich trotzdem eine Sprache als Haupt- und eine als Nebensprache entwickeln wird, ist normal.
– Das Anlernen von fremder Sprache durch die Eltern hat wenig Sinn, auch der sehr beliebte „english talk“, um dem Bobele es später „leichter zu machen“.

Zweitspracherwerb

Wachsen Kinder in einer anderen Sprache auf, als die, welche im Land gesprochen wird, in dem sie sich gerade zufällig aufhalten, lernen sie die Landessprache ähnlich schnell wie die Muttersprache, sobald sie müssen, sobald sie ein neues Bad in der neuen Sprache nehmen. Mitunter geht es sogar noch schneller, weil die Fähigkeit zum Sprachelernen bereits „gespurt“ ist.
Manchmal lese ich bei älteren Kollegen in Einträgen im Vorsorgeheft Bemerkungen wie „spricht noch kein deutsch“ oder womöglich „sollte jetzt mehr deutsch lernen“. Das ist eine anachronistische Sicht der Sprachentwicklung bei Zweisprachigkeit und aus der Sorge geboren (die sich auch bei vielen nichtdeutschsprachigen Familie hält), dass die Kinder ausgegrenzt würden. Würden wir in Papua-Neuguinea nicht auch weiterhin deutsch mit unseren Kindern sprechen?

Kinder sind so unendlich international, so großzügig, so rücksichtsvoll, wenn sie jemandes Kind gegenüber treten, das die eigene Sprache nicht kennt. Sie improvisieren, sie zeigen, sie helfen, oberste Maxime ist das gegenseitige Verstehen, nicht das Verstehen der eigenen Position. Zweisprachige Kinder sind tolle Dolmetscher, oft wertvoll für die Familien, im allerpositivsten Sinne. Letztendlich erweitert die Mehrsprachigkeit nicht nur den linguistischen Horizont, sondern das Verständnis für andere Kulturen und andere Denkweisen und damit das Zusammenleben aller.

Zweisprachigkeit.net – ein Füllhorn an Informationen
Die offizielle Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Broschüren für nichtdeutschsprachige Eltern

Mehr zum Thema und anderes:
Schnuller und Spracherwerb
Heimat
Der Zollstock und Helene Fischer

(C) Bild bei flickr/thejbird (Creative Commons License CCBY2.0)

*ergänzend meine ich Sprache hier über das verbale hinaus, auch das ist banal: Spontane Gesten des noch nicht sprechenden Säuglings, Gebärdensprache, Nonverbales usw.

Tolle Twin-Tests zur Sprachentwicklung

scream and shout Eines der spannendsten, weil umstrittensten, weil variabelsten Themen in der Entwicklung von Kindern ist die der Sprache. Viele Berufene erteilen den Eltern Ratschläge, wann welche Sprache noch ok ist, wie sich Sprache entwickelt und wann man doch bitte „sofort zum Logopäden“ gehen sollte, damit dieser schaut, „ob auch alles noch gut ist“.

Ich möchte zwei einfache Fragebögen vorstellen, die im Internet zu finden sind, wissenschaftlich fundiert, und eine sehr gute Orientierung bieten, um die Sprachentwicklung des Zwei- oder Dreijährigen normal verläuft. Denn um diese Altersgruppe geht es: Ab Zwei werden die ersten Wörter deutlich und sinnbezogen gesprochen, die ersten Wörter zu Sätzen kombiniert, die aktive sprachliche Kommunikation des Kleinkindes tritt in ihre entscheidende Phase.

Ein halbjähriges Kind brabbelt, lautiert, blubbert, „erzählt“, ein Einjähriger verdoppelt die Silben zu Mama, Papa, Dada, Dudu und NeinNein. Das sind die ersten Grenzsteine der Sprachentwicklung. Sie sind extrem variabel, hängen von der Sprachkompetenz der Eltern ab (wird überhaupt gesprochen?), von Geschwistern, von Großeltern. Keinen Einfluß hat logischerweise Zweisprachigkeit: Das Kind wird sich meist die Sprache rauspicken, die es am meisten hört, die „Muttersprache“. Ist diese durchsetzt mit Akzent oder eine Sprachmischung, wird auch das das Kind kopieren. Also: Jedes Eltern spricht die Sprache, die er/sie am besten kann.

Bei Zweijährigen kreist alles um den Wortschatz. Eine ominöse Zahl wird immer genannt: 50 Wörter. Aber was bedeutet das? Es bedeutet, das Kind spricht aktiv 50 Wörter in seiner Sprache, in seiner Aussprache, in seinem Sinnzusammenhang, d.h. das „Wort“ Dudu für Auto, wenn es immer so für Autos benutzt wird, zählt als gesprochenes Wort.

Die Arbeitsgruppe um Suchodoletz und Sachse hat zur Orientierung den SBE-2-KT entwickelt, ein Fragebogen, den wir allen Eltern bei der U7 vorlegen. Er fragt vor allem den Wortschatz ab, denn darauf kommt es mit 2 Jahren an. Die Aussprache ist egal, die Grammatik spielt noch eine untergeordnete Rolle. Hier findet man ihn in deutscher Sprache und vielen anderen Sprachen, nebst Anleitung und Auswertung. Ich finde, eine gute Möglichkeit, um Spätsprachentwickler (so genannte Late Talker) zu fischen. Sie brauchen für die Zukunft ein größeres Augenmerk, manche holen auf, manche zeigen bereits jetzt, dass sie später Probleme haben werden. Kinder, die beim SBE-2-KT den Cut nicht schaffen, bestellen wir nach einem halben Jahr wieder ein, irgendwann während dieser Zeit erfolgt eine pädaudiologische Untersuchung. Ergibt sich keine Dynamik in der Sprachentwicklung – ab zum Logopäden.

Einen erweiterten Test zur Sprachentwicklung, den SBE-3-KT entwickelte die Arbeitsgruppe auch, er hat sich m.W. noch nicht ganz so durchgesetzt als Screeninginstrument, meist ist mit drei Jahren bereits eine Therapie eingeleitet oder zumindest ein Bewußtsein über die verzögerte Sprachentwicklung entstanden. Der SBE-3-KT beschäftigt sich nun auch mit Grammatik, Fragewörtern und Satzverknüpfungen. Wir setzen ihn vor allem dann in der Praxis ein, wenn kein Gespräch mit dem dreijährigen Kind möglich ist. Der Goldstandard ist natürlich immer die direkte Kommunikation zwischen Doc und Kind – das funktioniert bei der U7a mit drei Jahren oft erstaunlich gut.

Weder SBE-2-KT noch SBE-3-KT können in 100% die Sprachentwicklung vorhersehen. Manche zeigen in beiden Tests grottenschlechte Ergebnisse und knabbern dem Arzt mit 4 Jahren trotzdem das Ohr ab – in sauberer Grammatik und mit Riesenwortschatz. Aber: Fallen beide Tests sehr gut aus, bedeutet das für die Eltern und Erzieherinnen einen guten Anhaltspunkt für eine normale Sprachentwicklung. Weiteres bringen U8 und U9 in den Vorsorgeuntersuchungen und die Schuleingangsuntersuchung. Durch die Lappen sollte dabei kein Kind mehr gehen.

(c) Foto bei Flickr/Mindaugas Danys

 

Behindern Schnuller den freien Spracherwerb?

window to the soul

Aus der Praxis haben wir Kinderärzte uns das schon immer gedacht: Schnuller behindern möglicherweise das Sprechenlernen.

Eine Beobachtungsstudie aus Kanada lässt die Wissenschaftler philosophieren: Für den guten Spracherwerb eines Kleinkindes braucht es nicht nur ein gutes Gehör, sondern wohl das freie Spiel der Zunge, um Laute besser differenzieren zu können. In der Studie wurden sechs Monate alten Säuglingen Zahnungshilfen wie Beißringe gegeben und beobachtet, wie die Kinder Laute unterschieden konnten – behinderten diese Zahnungshilfen die Zungenbewegungen, konnten die Laute nicht mehr unterschieden werden.

Dr Alison Bruderer, eine der Studienleitungen, formuliert es vorsichtig, wie sich das für einen Grundlagenforscher gehört: Es bedeute nicht, das Eltern nun ihren Kindern Zahnungshilfen oder Schnuller vorenthalten sollten, aber es werfe doch die Frage auf, wieviel Zeit das freie Zungenspiel bei in der Sprachentwicklung befindlichen Kleinkindern benötige, um eine normale Sprachaufnahme zu ermöglichen, so der Artikel.

In der Praxis des Kinderarztes sehen wir das praktischer: Viele Kinder, die mit zwei Jahren noch wenig aktive Sprache produzieren, „hängen“ noch an Saugern, Flaschen oder Schnullern. Manche brabbeln daran vorbei, bei manchen stöpselt der Schnuller die Sprache regelrecht zu. Die vorliegende Studie könnte eine grundlegende Erklärung dafür bieten.

Wem die Gründe „Offener Biß“, „Kariesrisiko“, „Zunahme von oberen Luftwegsinfekten und Ohrenentzündungen“ nicht ausreicht, denn auch das macht das Schnullern: Für eine gute Sprachentwicklung sollten die Sauger weg.

Empfehlungen aus der Praxis:
– Ein Schnuller im Säuglingsalter ist unproblematisch – Forscher zum Plötzlichen Kindstod empfehlen sogar den Schnuller als Schutzfaktor, wenn das Kind daran gewöhnt ist.
– Ab erstem Geburtstag sollte der Schnuller tagsüber weggepackt werden, jetzt beginnt die wichtigste Zeit des aktiven Spracherwerbs
– Schnullerketten als Unterstützung des Wiederfindens gar nicht erst anfangen
– Bis zum zweiten Geburtstag den Schnuller auch nachts komplett weg lassen

Keine Frage: Es ist schwer, einen Schnuller abzugewöhnen. Aber wie vieles in der Kindererziehung – den Schritt müssen die Eltern tun.

(Danke an @dieterjosef für den Link)

(c) Foto bei Flickr/chris

Zeig mir mal, was ist denn das? II

Um Euch nicht weiter auf die Folter zu spannen, hier das Originalblatt des Sprachfragebogens. Klar war die Version vor zwei Wochen ein Fake, aus der Erinnerung ausgefüllt mit den lustigsten oder häufigsten Benennungen, die mir die Kinder hier geliefert haben.
Ich fands allerdings schön, wie das hier manche Leser interpretiert haben: „Ich nehme einfach mal an, das ist um die Kinder zum Sprechen zu animieren? Du sagst das Falsche, und sie fühlen sich genötigt, dich zu verbessern.“ (sakasiru) – „Also meine Vermutung wäre, dass die falschen Begriffe oben drüber der mögliche Hinweis sein soll, falls das Kind nicht von allein auf die Bezeichnung kommt. So nach dem Motto “Das ist so etwas ähnliches wie eine Birne” für “Apfel” und “Nachts scheint der Mond und tagsüber?” die “Sonne”…“ (Susann)

Vielen Dank fürs Mitraten, aus dem Urlaub heraus (mit seltenst Internet) schön zu verfolgen. Abschließend bleibt die erschreckende Erkenntnis, das manche Kollegen wohl die Sprache bei U7a nicht überprüfen und (zumindest hier) dennoch die Gelassenheit zur Sprachentwicklung überwiegt. So sei es recht.

Ansonsten ist die Praxis wieder am Brummen, bald gibts dadurch so hoffentlich wieder neue Stories.

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hier wird nicht gelacht!

die mutter und ich unterhalten uns über die sprachverzögerung des gut zweijährigen bobeles, was sie tun kann, um das sprechen zu fördern, dass die drei stunden fernsehen am tag sicher nicht gut sind und dergleichen. dabei untersuche ich das kind und um seine stimmung etwas zu heben, kitzele ich an den fußsohlen, während ich die beine durchbewege.

mutter: „was machen sie denn da?“
ich: „ich untersuche den justin-marian.“
mutter: „ja aber an den füßen.“
ich: „ja?“
mutter: „da darf man die kinder doch gar nicht anfassen, und doch gar nicht so kitzeln.“
ich: „achja?“
mutter: „mir hat man gesagt, kinder sprechen wenig, wenn man sie ständig kitzelt.“
ich: „so?“
mutter: „jaja, das hat was mit´m zwerchfell zu tun, dann verkrampft das und die kinder schwätzen nix.“
ich: „interessante these. und wer sagt das?“
mutter: „meine freundin, die hat schon drei kinder, und deren mutter hat das mal eine logopädin sagen hören.“
ich: „alles klar.“
worauf ich´s bobele noch mal ordentlich durchgekitzelt habe. der stimmung wegen. der kleine fand´s super. und im anschluss haben wir dann auch dieses gerücht aus der welt geschaffen.

schnelle heilung

mutter: „herr dokter, wir haben bei unserem achtjährigen diesen termin so dringend ausgemacht, weil die lehrerin sagte, der brauche uuuunbedingt logopädie. der kann nämlich kein sch sprechen, der sagt immer s-metterling statt schmetterling.“
ich: „ok. mehmet, sag mal schmetterling.“
mehmet: „schmetterling.“
ich: „schuh?“
mehmet: „schuh.“
ich: „busch?“
mehmet: „busch.“
ich: „schneemann?“
mehmet: „schneemann.“
prima. geheilt.
merke: wenn ein kind einen bestimmten buchstaben auch nur ab und zu mal richtig spricht, spricht es den buchstaben richtig. und braucht keine therapie.
merke auch: wenn dir die erzieherinnen pekip-bevollmächtigten lehrer irgendetwas pathologisches über dein kind einreden wollen, schau es dir immer erstmal selber an.

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