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Dezembergedanken

Ich bin seit sechzehn Jahren in meiner eigenen Praxis als Kinder- und Jugendarzt tätig, das Zählwerk meines PC-Medizin-Praxis-Programms zeigt über 27000 Patienten an, die sich einmal oder meist mehrmals in dieser Zeit in meiner Praxis vorgestellt haben.

Ich war vorher acht Jahre in einer großen Kinderklinik tätig, habe die letzten 1,5 Jahre nonstop auf der Intensivstation gearbeitet mit teils täglichen Kreißsaaleinsätzen, Mini-Frühgeborenen von 600 Gramm aufwärts und mehreren Reanimationen.

Ich habe sicher ein paar Kinder gesünder gemacht, Eltern beraten und Familien durch Impfungen geschützt. Bestimmt habe ich auch Fehler gemacht und wünschte, dass sie nie geschehen sind, und dass niemand bisher durch mich zu ernsthaftem Schaden gekommen ist. Primum non nocere.

Ich bleibe unsicher. Ich habe morgens weiter Bauchweh. Ich leide, wenn ich kassenärztlichen Notdienst habe. Ich bin verunsichert, wenn ich mich entscheide, das Blut zu untersuchen, weil vielleicht mein eigenes Urteilsvermögen hinkt. Und schwitze, wenn ich die Werte in Augenschein nehme.

Ich vertraue meinem Sachverstand. Ich schwöre auf mein Bauchgefühl. Aber ich misstraue dem Teufel namens Versäumnis, der bitch namens Verpassen und der Stolperfalle namens Übersehen. Die Eltern kommen zu mir, weil sie meinen Fähigkeiten vertrauen. Und wenn ich nun aber einen Fehler mache?

Dann bin ich Mensch.

Ist das so einfach in unserem Beruf? Ist es nicht.

(c) Bild bei pixabay/stockSnap (unter CC0 Lizenz)
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Cem und die AfD

Aus Gründen:

Multitasking auf dem Spielplatz

Er hat die ganze Zeit sein Klapphandy am Ohr und spricht in lauten Wortsalven auf sein Gegenüber ein – Sprache irgendwie Russisch Polnisch Suaheli – könnte aber auch Schwäbisch Hessisch Berlinisch sein, ist doch austauschbar. Zwischendrin macht er Pause, drückt umständlich auf den Tasten des Handys herum, um Sekunden später wieder lautstark ein Telefonat zu führen.

Platziert hat er sich auf einem der Bänke, die rund um den Sandkasten aufgebaut sind, breitbeinig, zurückgelehnt, den Handyarm lässig auf die Lehne der Bank gestützt, die Rechte – kippequalmend – wird ab und an in theatralischen Bewegungen gefuchtelt. Als sehe der andere diese Gestiken. 

Pepi-Ivan-Moritz versucht währenddessen, die Treppe der Rutsche zu erklimmen. Auch wenn man ihn nur von hinten sieht, erahnt man den Schnodder, der ihm aus der Nase gen Mund rinnt, erahnt man die Nuckiflasche mit dem undefinierbaren orange-grellen Multivitamingesöff, welche geschickt zwischen den Zähnen getragen wird, weil die Hände schließlich zum Klettern benötigt werden.

Er schafft es nicht. Die Sechsfach-Tasking-Kiste mit Händen und Füssen, Schnodder und Flasche ist einfach zuviel für ihn. Irgendwann gibt er frustriert auf, Schwäche überkommt ihn, er setzt sich auf den Hosenboden. Ein kurzer blick zu „Handy“, seine Augen füllen sich mit Tränen, laufen über die Wangen, vermischen sich mit dem Schnodder. Erst leise, dann lauter weint er.

Handy blafft etwas ins Telefon, hält den Hörer an die Brust, hebt die bekippte Hand, streckt den Arm gen Pepi-Ivan-Moritz und blafft in diese Richtung. Sprachlich unverständlich, aber sicher im Sinne von sich-nicht-so-anstellen oder heul-nicht. Ohne Erfolg natürlich. Handy murmelt nochmal etwas in dasselbe, klappt es dann tatsächlich zu – Hoffnung keimt auf – und erhebt sich.

Mit breiten Schritten geht er auf Pepi-Ivan-Moritz zu, der ein wenig stiller wird in seinen Bemühungen, Handy hat jetzt beide Hände geöffnet und hält sie dem Jungen entgegen. Tiraden über Tiraden kommen aus seinem Mund. Eher harte Worte, kein weichen, tröstenden.

Pepi-Ivan-Moritz ist trotzdem froh, das sein Vater bei ihm ankommt. Der hebt ihn auf die Füße, wischt mit dem Ärmel seiner Bomberjacke gleichzeitig über Augen, Nase und Mund des Kleinen. Jetzt spricht er ganz leise, ganz liebevoll.

Nimmt ihn an der Hand und geleitet ihn hinüber zu der Kleinkinderschaukel, die mit dem Sicherheitssitz. Pepi-Ivan-Moritz steckt sich wieder die Nuckiflasche zwischen die Zähne, trotz greinenden Augen sieht er ein wenig zufriedener aus. Vater schubst die Schaukel mit seinem Sohn tatsächlich an.

Zieht das Handy aus der Jacke und geht im Multitasking auf: Rechte Hand schubst Pepi-Ivan-Moritz an, mit der Linken hält er das Handy ans Ohr und spricht hinein, mit kippebewehrter verqualmter Stimme. Irgendwie Russisch Polnisch Suaheli – könnte aber auch Schwäbisch Hessisch Berlinisch sein, ist doch austauschbar.

(c) Bild bei pixabay/Photorama (unter CC0 Lizenz)

Sprachbegabung dank Mehrsprachigkeit

Spracherwerb: Mehrsprachig aufwachsende Kinder brauchen länger, denn sie lernen mehr

 

„Kinder hören in einer Sprache weniger Worte und Sätze als Kinder, die alles in einer Sprache wahrnehmen. Infolgedessen entwickeln zweisprachige Kinder jede Sprache langsamer, weil ihr Lernen auf zwei Sprachen verteilt ist. Eltern sollten sich deshalb keine Sorgen machen“, erklärt Dr. Ulrich Fegeler, Kinder- und Jugendarzt sowie Mitglied des Expertengremiums des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Dies belegt eine aktuelle Studie der Florida Atlantic University, die in „Child Development Perspectives“ veröffentlicht wurde.

Wichtig ist es allerdings, dass Eltern auf die Qualität der jeweiligen Sprache achten, die die Kinder hören, und mit ihren Kindern viel sprechen. Denn die Geschwindigkeit des Spracherwerbs hängt davon ab, wie viel und was Kinder hören und wie oft sie selbst mit andern üben. Ein Beispiel dafür ist, dass Eltern, deren Muttersprache Spanisch ist, in den USA mit ihren Kindern oft spanisch sprechen, die Kinder aber häufig englisch antworten. Da die Kinder im Spiel mit anderen Kindern oder im Kindergarten englisch sprechen, können sie sich auch in dieser Sprache deutlich besser ausdrücken. Deshalb verstehen diese zweisprachig aufwachsenden Kinder sowohl Englisch als auch das zu Hause gesprochene Spanisch sehr gut, sie erweiterten ihren englischen Wortschatz aber schneller. „Eltern sollten mit ihrem Kind in der Sprache sprechen, die sie am besten beherrschen. Denn Kinder sollten jede Sprache von den Menschen lernen, die darin ‚zu Hause‘ sind. Dabei sollten Eltern aber nicht erwarten, dass ihr Kind beide Sprachen wie seine Muttersprache beherrschen wird“, ergänzt Dr. Fegeler. Aber haben Kinder im Alltag die Möglichkeit, beide Sprachen zu verwenden, unterstützt dies die zweisprachige Entwicklung, so dass sich die Kinder später nahezu perfekt in beiden Sprachen ausdrücken können.

Kinder aus Familien mit ausländischen Wurzeln sind stark gefordert, denn sie sollten die Sprache des Landes, in dem sie leben, gut lernen, um in der Schule erfolgreich zu sein. Aber sie müssen i.d.R. auch die Sprache des Herkunftslandes ihrer Familie beherrschen, um sich mit Eltern und Verwandten unterhalten zu können.“

Quelle: Child Dev Perspect, Dev Sci. , Florida Atlantic University, HealthNewDigest


Eine Pressemitteilung des BVKJ

Ich finde ja, das hat schon philosophische Bedeutung in der internationalen Verständigung – Migration als Erweiterung des Wissens und der Sprachbegabung. Vielleicht sollte die AfD sich dran machen, den Fremdspracheunterricht in den Schulen abzuschaffen, um konsequent in der eigenen Denke zu bleiben.

Gibt es hier Leser, deren Kinder zweisprachig aufwachsen? Habt Ihr ähnliche Erfahrungen gemacht?

Hier auch was dazu

Servicewüste Deutschland – die Ärzte (BILD prangert an!)

„BILD prangert einen der schlimmsten Missstände in unserem Land an“*

Das hätte ich auch niemals gedacht, dass ich einmal die BILD-Zeitung zum Thema mache oder sie gar zitiere, aber die heutige Headline ließ mich aufhorchen:

Besorgt, dass es sich um böse Kinderärzte handelt, habe ich mir das Pamphlet gekauft und genauer recherchiert. Beruhigung: Es geht um böse Hautärzte. Die liebe Kinderärztin hat ja zum Glück gleich weiter verwiesen.

„Ich weiß, Deutschland hat viele Probleme. Ich erzähl Ihnen mal, was meine Familie seit Wochen beschäftigt: Meine Tochter Pauline (5) hat eine Warze am Fuß.“*

Da darf man ruhig kurz schmunzeln. Mit welch feinsinninger Ironie die BILD-Redakteurin hier die Sorgen der Menschen mit der eigenen persönlichen Last konterkariert. Respekt.

Eine Warze ist ansteckend, eine Warze sei gefährlich, eine Warze gehört therapiert, um dem Kinde weiteres Leiden zu ersparen. Und ebenso feinsinnig wird der Notfall relativiert: „Soll ich die Notaufnahme mit einer Warze blockieren?“* – „Nein!“, möchte man der Mutter zurufen, „Und auch nicht die ambulanten Praxen!“

So sei es. Auf der Suche nach dem rettenden Facharzt mit der eisigen Therapie („am besten mit hochdosiertem Stickstoff“*) kann die liebende Mutter schon mal verzweifeln. Drei Hautärzte werden konsultiert, eher gar nicht erreicht, der einzig mögliche Termin ist in dreieinhalb Monaten.

Reflexartig wird die Schande des gesetzlich Versichertsein („krank zweiter Klasse“*) als Ursache ausgemacht, schließlich würde Mama in der Privathautarztpraxis, „zu der mein Mann geht“* (!), am gleichen Tag einen Termin bekommen. Unerwähnt bleibt, dass Privatpraxen genau diese Patienten mit Kußhand annehmen, weil sie die teure Stickstoffkryotherapie finanzieren, der kassenärztliche Dermatologe jedoch mit diesen Banalitäten tagtäglich zugeschüttet wird.

Glücklicherweise bietet die BILD-Zeitung itself Abhilfe: Nicht die weiter oben in diesem Blog zitierte 116 117, sondern die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen können die Rettung bringen: Schließlich muss diese zeitnah einen Facharzt anbieten, auch wenn die Warze dafür eventuell 50 Kilometer fahren muss.

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Deutschland hat andere Probleme. Fürwahr. Auch das Gesundheitssystem hat andere Probleme. Und Familien in Deutschland mit kleinen Kindern im Gesundheitssystem haben andere Probleme. Es fehlt an Kinderärzten, die die Betreuung der Kleinen von Geburt an übernehmen können, fußend auf Bedarfsplanungen der Neunziger Jahre und fehlendem Nachwuchs bei anachronistischen Vergabeverfahren der Studienplätze. Es fehlt an Psychotherapieplätzen, an geriatrischer Versorgung, in der Pflege, an ambulanten Diensten, an Palliativplätzen, an akutfachärztlicher Versorgung. Und ja, vielleicht fehlt es auch an Hautärzten.

Aber was ganz sicher nicht fehlt: Die hyperdringende notfällmäßige Versorgung einer selbstlimitierenden banalen Hautinfektion! Schade, BILD-Zeitung, da wurde ein wichtiges Thema mit einer völlig unterbelichteten Story satirisch zerschossen.

*alle Zitate aus der BILD-Zeitung vom 15.11.2018 (online)

(c) Bilder selbstgeschossen bei kinderdok

116117

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Die ehrenwerte Kassenärztliche Bundesvereinigung hat mich tatsächlich angeschrieben, ob ich nicht auf meinem Blog die bundeseinheitliche Nummer 116117 promoten möchte. Nicht, dass ich mir darauf etwas einbilde, vermutlich war es sowieso nur ein Bot, der alle medizinisch klingenden Websites anschreibt, aber dennoch: Die Idee ist eigentlich ganz gut.

Unter 112 kommt das Blaulicht und die Sirene angefahren, jetzt brennt es wirklich, ob Haus oder Hof oder eben der Körper. Dass viele Patienten jedoch diese Nummer wählen, wenn sie nur kleinere Wehwechen haben, hat sich mittlerweile rumgesprochen, die Klagen der Rettungsdienste und Anekdoten über unsinniges Ausrücken des Notarztes sind Legion. Das hat auch die versammelte Ärzteschaft gesehen und bereits vor Jahren Notfallpraxen für Abende, Feiertage und Wochenenden etabliert, weitestgehend flächendeckend in der Republik. Hier kann jeder Patient zu Unzeiten, wie es so schön heisst, also außerhalb der Sprechzeiten des eigenen Hausarztes, vorbeischauen, um endlich einmal den roten Fleck zu begutachten, der schon seit drei Wochen das Antlitz ziert oder den Husten, der nachts nicht mehr schlafen lässt*. Für Kinder gibt es in vielen Regionen einen eigenen Notdienst mit eigenen Praxen, idealerweise oft an Kinderkliniken angegliedert, dann müssen die Eltern nicht so lange suchen.

Über die Jahre fiel nun aber auf, dass die Leute gar nicht mehr so oft die 112 wählen, sondern lieber die Notfallpraxen in den Unzeiten nutzen, um Dinge abzuklären, die eigentlich in die Sprechzeiten der Hausärzte gehört. Jetzt können wieder die Belegschaften der Notfallpraxen ein Lied singen, wie verstopft an manchen Tagen die Räume sind für Lappalien.

Nun also eine Telefonnummer. Hier erfährt der fragende Patient, wo die nächste Notfallpraxis in der Region ist. Interessant finde ich die Definition, die auf der 116117-Seite zu finden ist, wann der Bereitschaftsdienst beispielsweise aufgesucht werden kann:

„Beispiele für Erkrankungen, die vom ärztlichen Bereitschaftsdienst versorgt werden können:

  • Erkältung mit Fieber, höher als 39 °C
  • anhaltender Brechdurchfall bei mangelnder Flüssigkeitsaufnahme
  • starke Hals- oder Ohrenschmerzen
  • akute Harnwegsinfekte
  • kleinere Schnittverletzungen, bei denen ein Pflaster nicht mehr reicht
  • akute Rückenschmerzen
  • akute Bauchschmerzen“

Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, dass auch am Telefon beraten wird. Das erleben wir in der Praxis unter der Woche ja ähnlich: Manches lässt sich durch ein paar gezielte Fragen am Telefon klären, manchmal tun es ein paar warme Worte eines medizinischen Profis, der die Sachlage gut einschätzen kann, ein Hausmittel empfiehlt, oder dann doch den Besuch in einer Notfallpraxis empfiehlt.

Habt Ihr Erfahrungen mit der 116 117 gemacht? Wurde Euch schon einmal dort geholfen? Auch seitens der Krankenkassen gibt es inzwischen Ähnliches, hat das schon einmal jemand genutzt?

Dies hier also als Promotion für die Notfallnummer 116 117.

 


*Das ist ein SCHERZ! Natürlich sind auch die Notfallpraxen NOTFALLpraxen und keine gerade passende Sprechstunden am Wochenende, weil mal Zeit ist oder Papa das Auto aus der Garage holt. Man darf sich also nicht wundern, wenn die Triage in den Notfallpraxen greift und die lange Wartezeit signalisiert, dass das eigene Problem scheinbar doch nicht so notfallmäßig gesehen wird.

 

Am kurzen Bändchen

Letztens hatte ich einen „geheimen Termin“, so nennen wir etwas kryptisch die Termine, wenn Eltern nicht sagen wollen, um was es geht (übrigens schwierig für die fMFA, weil die ja abschätzen muss, ob sie einen kurzen, mittleren oder langen Termin vergeben muss).

Jedenfalls war es ein junger Mann von 16 Jahren, der sich vorstellte, weil er „Schmerzen da unten“ habe. Genauer beim Masturbieren und, ja auch, beim Geschlechtsverkehr. Mit sechzehn muss er schon ziemlich lange gewartet haben, bis er nun zum Arzt kommt, aber vielleicht wurde es mit der ersten Freundin nun wirklich unangenehm.

Ich habe ihn jedenfalls beglückwünscht, dass er den Mut und die Weitsicht hatte, vorbeizukommen, mit seinen Eltern wollte er jedenfalls nicht darüber reden. Den Termin hat er bei uns allein ausgemacht. Genau das wünschen wir uns als Kinder- und Jugendärzte, dass sich in unserer Betreuung die Jugendliche zu eigenverantwortlichen Menschen entwickeln, im Vertrauen auf Ärzte. Er hätte ja auch googeln können (hat er nicht).

Der Junge hatte ein so genanntes Frenulum breve preputii, ein verkürztes Penisvorhautbändchen, das bei der Erektion und natürlich beim Geschlechtsverkehr sehr unangenehme Schmerzen machen kann, da die Vorhaut nicht ausreichend zurückziehbar ist oder sogar die gesamte Peniseichel nach unten verzogen wird. Eine Frenulotomie (Durchtrennung des Bändchens) oder ein Frenuloplastik oder Frenulektomie (bei der das Bändchen komplett entfernt wird, um ein kosmetisch schöneres Ergebnis zu erhalten) is vonnöten. Viele Urologen führen gleichzeitig eine Beschneidung, also Zirkumzision der Vorhaut durch, was aber nicht zwingend notwendig ist und vermieden werden sollte.

Dem Jungen ging es wie allen Patienten: Er war froh über die schnelle Diagnose und dass „das“ auch bei anderen vorkommt. Er hatte wirklich Zweifel, ob alles bei ihm normal verlaufe, und ob er nun sein Leben lang Beschwerden beim Geschlechtsverkehr habe (worunter viele Männer leiden, die nicht um Rat bitten). Zwei Wochen später war er operiert.

Das Frenulum breve. Ein eher unbekanntes Phänomen.

Infobroschüre des BVKJ zu allem rund um den Penis

(c) Bild bei flickr/Dennis Skley (Creative Commons Lizenz CCBY-ND 2.0)

Funny Shorty Globuli

Kugeln

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Mutter: „Sie hat da so einen Erguß hinter dem Trommelfell, deshalb hört sie dann so schlecht, sagt der HNO-Arzt. Wir sollen nochmal in drei Monaten wiederkommen.“
Ich: „Ja, oft gibt sich das von alleine.“
Mutter: „Nein, nein, nicht von alleine, Medikamente haben wir trotzdem bekommen.“
Ich: „Ja, was denn?“ Abschwellende Nasentropfen, Valsalva-Ballon?
Mutter: „So ganz ganz kleine Tabletten.“
Ich: „Aha.“
Mutter: „Ja, die kann man kaum sehen, die rollen auch weg.“
Ich: „Aha.“
Mutter: „Die soll sie unter die Zunge legen, jeden Tag.“ – Die Dreijährige… „Das ist ganz schön schwierig. Dass sie die nicht einfach runterschluckt.“

Zitat HNO-Kollege im Brief über die Behandlung:
„Zunächst konservative Therapie der Tubenbelüftung. Kontrolle in 3 Monaten.“

(c) Bild bei pixabay/Antranias (unter CC0 Lizenz)

Lesepotpourri August/September

Liebe Blogleser,

diesmal ein Rückblick auf zwei Monate, es hat sich ein wenig angesammelt, das lag auch an den Sommerferien, bei uns war wenig Action angesagt, viel Meer, Sonne und Ferienhaus, und das bedeutet für mich – viel Lektüre. Enjoy.

Die Stadt der träumenden Bücher – Walter Moers
Erstaunlich, dass ich die „Stadt der Träumenden Bücher“ erst jetzt gelesen habe, obwohl ich eigentlich ein riesiger Moers-Fan bin. Der Blaubär ist in unserer Familie mindestens fünfmal gelesen und vorgelesen worden, Rumo und Ensel fand ich genial. (Interessanter Nebenschauplatz: Ich habe im Urlaub den Rumo wieder angefangen und festgestellt, dass mir Dirk Bach den schon einmal vorgelesen hat.). Die „Stadt“ ist ein Liebesroman an die Bücher und an die Leser, ein Seitenhieb auf den Buchhandel und das Feuilleton, dazu noch ausreichend spannend und mit Lust auf mehr. Dieses Mehr in Form des „Labyrinthes“, dem zweiten Band (auf den dritten wartet die Fangemeinde wohl noch Jahre), liegt hier auch, aber ich werde wohl genauso lange dazu brauchen, diesen anzufangen, wie es bei der „Stadt“ dauerte. Die „Stadt der Träumenden Bücher“ darf aber jeder lesen, der auch nur ein wenig Spass am Fabulieren hat. Keine Weltliteratur, aber auf jeden Fall Teil der deutschen Buchgeschichte. Viel Spaß beim Enträsteln der zahlreichen Anagramme von berühmten Schriftstellern. (5/5)

Erbarmen, Schändung und Erlösung – Jussi Adler-Olsen (Übersetzt von Hannes Thiess)
Urlaubszeit ist bei mir Krimizeit, und die beste Ehefrau von allen hat schon alle Adler-Olsen-Romane vor Jahren gelesen, also stand das bei mir auch einmal an. Zudem fand der diesjährige Sommerurlaub in Dänemark statt, was lag da näher, als Carl Morck, den unangenehmen Kommissar der Reihe, ein Tete-a-tete zu gönnen. Tolle Krimis, unglaublich spannend, fiese Charakter, fiese Ermittler, dennoch Anspielungen auf das politische und Alltagsleben in Dänemark. Zu Recht eine der erfolgsreichsten Serien im Krimisektor. Schade nur, dass Krimiautoren scheinbar bei jedem Band hundert Seiten draufpacken müssen, so hatte Band Drei schon ein paar Längen, die man hätte vermeiden können. Aber das kannte ich schon von Mankell. (4/5)

Luka und das Lebensfeuer – Salman Rushdie (Übersetzt von Bernnhard Robben)
Mein erstes Buch von Salman Rushdie, ich war schon immer sehr neugierig auf diesen britischen Autor. Luka gilt als guter Einstiegsroman in die Welt Rushdies, märchenhafter Realismus, ähnlich Marquez, für mein Geschmack ein wenig zu blumig und orientalisch, zu symbolüberfrachtet und … cheesy. Das Buch wurde von Salman Rushdie für seinen Sohn geschrieben, es dürfte daher als Jugendliteratur gelten. Geschichte hübsch, nett erzählt, aber für ich kein Hook für weitere Rushdie-Romane. Vielleicht ein anderes Mal wieder. (2/5)

Die Farm – Tom Abrahams (Übersetzt von Andreas Schiffmann)
„Die Farm“ war ein Spontankauf bei … Amazon, als ebook schnell heruntergezogen, wiel die Ferienlektüre erschöpft war. Das Buch ist der Beginn einer Reihe postapokalyptischer Romane (die Traveller Reihe), wie sie momentan gerne geschrieben werden. Es geht um einen einsamen Familienvater, der sich auf seiner Farm verschanzt hat, dort bereits lange nach der „Katastrophe“ alleine überlebt, und – wer hätte es anders erwartet – doch Kontakt bekommt mit der Außenwelt, den bösen Jungs. Der Familienvater ist Ex-Marine, logisch, hat viele Waffen, Überraschung, und ist stets ein Spur schlauer als die anderen. So weit, so Walking Dead. Hübsch für zwei Tage Lesen zwischenrein, mehr aber auch nicht. (3/5)

Gelobtes Land – Christine Heimannsberg
Noch ein postapokalyptischer Roman, diesmal von einer Deutschen geschrieben, diesmal aber – wow, richtig gut! „Gelobtes Land“ ist auch der erste Teil einer Trilogie, wieder ist es eine Reise durch eine unbekannte Zukunft, diesmal jedoch viel politischer, da in einer frauenfeindlichen Gesellschaft. Lore muss mit ihrem jüngeren Bruder die Obhut der eigenen Familie Hals über Kopf verlassen, und sucht nach dem „Gelobten Land“, in dem alles besser werden soll. Sie treffen auf ihrer Reise viele seltsame Fremde, ständig unter der Angst, entdeckt zu werden „von denen da oben“, die mit geheimnisvollen Sonden nach ihnen suchen. Sie finden eine Parallelgesellschaft, die so ganz anders ist als die im Rest des Landes. Was das Buch ausmacht ist der Spiel mit der Ungewissheit: Der Leser weiß nie, was hinter der nächsten Buchseite passiert, genau wie Lore. Auch die Bedrohungen bleiben seltsam unbestimmt und damit umso schrecklicher. Ich werde hier unbedingt weiterlesen. Zudem ist das Buch ein „No-ager“, spannend schon für junge Leser, aber genauso fesselnd wie für alte Knacker wie mich. (5/5)

Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein – Ulli Lust (Graphic novel)
Nach „Heute ist der letzte Tag vom Rest meines Lebens“ war ich neugierig, wie es mit Ulli nach der Italienreise weitergeht, irgendwie war ich auch ganz angetan von ihrem schrullig-naiven Zeichenstill. Der „gute Mensch“ handelt davon, wie Ulli mit zwei Männer leben und lieben möchte, einem bodenständigen anständigen Künstler, der aber keinen Sex mit ihr haben kann und einem Flüchtling, der ihr zwar den besten Sex ihres Lebens bereitet (wie man den eindeutigen Bildern entnehmen kann), aber ganz andere, brutalere Probleme bringt. Viel Kopfschütteln, wie Ulli das so alles hinbekommt, aber auch Neugierde, wo das alles hinführt. Inzwischen ist Ulli Lust eine anerkannte Comic-Autorin, ich bin gespannt, ob ihre autobiographischen Graphic Novels weitergehen. (5/5)

Tungsteno (Graphic novel) – Marcelo Quintanilha
Ein Krimi in Graphic Novel Format, interessant gezeichnet, der Plot etwas undurchdringlich. Ein wenig Film noir, ein wenig Karibik-Feeling, spannend sind die zwei Ortsebenen, in denen der Comic erzählt wird. Ganz hübsch zu lesen, aber kein Burner. (2/5)

 

Fahrradmod – Tobi Dahmen
Tobi Dahmen erzählt seine eigene Geschichte, vermute ich mal, angelehnt an seinen Musikgeschmäckern von der Schule über Abitur bis ins Erwachsenenalter. Mods, Punks, Skins, Scooterboys, sie alle kommen in dieser dicken Graphic novel vor. Es dreht sich viel um Mixtapes, das Gefühl der Achtziger und Verwirrungen der Jugend. Das Buch wurde vor einem Jahr in der Szene sehr gehyped, es lag stapelweise in den Comicläden der Republik. Richtig toll und detailverliebt gezeichnet. Mich hat das Buch aber nicht wirklich in die Geschichte gezogen, vielleicht auch, weil ich mir dem Musikstil und den Verkleidungen der Kids nichts anfangen kann. Ich stand in den Achtzigern eher auf Hard Rock und Heavy Metal. Aber da trägst Du ja auch Uniform. (2/5)

Heimkehren – Yaa Gyasi (Hörbuch gelesen von Bibiana Beglau, Bjarne Mädel, Wanja Mues usw., Übersetzung von Anette Grube)
Was für eine Geschichte. Beginnend in Afrika, eine Historie der Sklaverei, erzählt anhand einer einzigen Familie, wie alles begann, wie alles endete. Endete es je? Heimkehren nach Afrika aus New York nach Jahrzehnten der Grausamkeiten und Unrechten – im Hörbuch erzählt durch verschiedene Vorleser, die stets ein Mitglied der weit verzweigten Familie darstellen. Manche Kapitel (und Vorleser) sind fesselnd, manche ermüdend, manche überflüssig. In der ganzen Summe aber ein literarischer Meilenstein. (4/5)

Fleckenteufel – Heinz Strunk (Hörbuch gelesen vom Autor)
Heinz Strunk ist witzig, schreibt komisch, ist selbst ein Urgestein Hamburgs und schreckt auch vor der eigenen Peinlichkeit nicht zurück. „Fleckenteufel“ erzählt von der Wochenfahrt mit der christlichen Jugend nach Scharbeutz an der Ostsee. Ja genau, diese Peinlichkeiten passieren dann. Dass der „Fleckenteufel“ der männliche Gegenentwurf zu „Feuchtgebiete“ sein soll, ist schon wieder Teil des Witzes. Pickelige Jugendliche entdecken Schmuddelphantasien, das Saufen und die doofen begleitenden Erwachsenen. Unglückliche Liebe, die Liebe zur Natur (!) und dank der Ich-Perspektive erfahren wir auch, wie unreflektiert hochnäsig und abschätzend wir alle als Jugendliche gewesen sind oder hätten sein können, wenn wir nicht so nett gewesen wären. Dass Heinz Strunk das Buch selbst einliest – genial. (5/5)

Von dieser Welt – James Baldwin (Hörbuch gelesen von Wanja Mues, Übersetzung von Miriam Mandelkow)
Irgendwie habe ich dieses Jahr viel über die Geschichte der Afroamerikaner gelesen und gehört, nach „Heimkehren“ nun noch diesen Klassiker von James Baldwin, dem literarischen Gewissen der Schwarzenbewegung nach dem zweiten Weltkrieg in den USA. Der Roman setzt da an, wo „Heimkehren“ beinahe aufhört: Die Geschichte einer Familie in Harlem, in der die Sklavenbefreiung noch sehr präsent ist. Aber eigentlich spielt das alles gar keine Rolle, sondern es geht um die persönliche Erweckung des Jungen John, der von seinem Vater missachtet wird, aber selbst schlauer ist als alle um ihn herum. Der Roman ist stark geprägt von der Religiösität in der Familie, wohl auch autobiographisch, einschließlich der sexuellen Unschlüssigkeit, in der sich John befindet, und die auch James Baldwin Zeit seines Lebens prägte. Ein schwer lesbares Buch, ich bin froh, dass es mir so genial von Wanja Mues vorgelesen wurde, sonst hätte ich es wohl nicht durchgestanden. Man hört ein Stück Weltliteratur, ganz sicher, aber das Buch verstört auch sehr aufgrund der erdrückenden Frömmigkeit innerhalb der Familie, die sehr gut die Überreligiösität der amerikanischen Gesellschaft illustriert, die trotz aller propagierten Freiheiten der Vereinigten Staaten in letzter Instanz den Konservatismus fördert und die freie Entfaltung des Einzelnen hemmt. (5/5)  

[Der Text enthält so genannte Affiliate Links zu Amazon]

Kopfstreicheln.

Baby

Mutter: „Wir waren ja auch schon mal beim Osteopathen. Die hat auch gesagt, das Kind ist völlig in Ordnung.“
Wir befinden uns bei der U3, der ersten Untersuchung in der Kinderarztpraxis, ich sehe das Kind das erste Mal, vorher hat die Hebamme das Kind bei der Geburt gecheckt, sodann der kinderärztliche Kollege in der Entbindungsklinik bei der U2.
Es war eine normale Entbindung, der Apgar war wunderbar, das Gedeihen gut.

Ich: „Was hat Sie da hingebracht?“
Keine Ahnung, warum das in den letzten Jahren so zunimmt. Seit Jahrtausenden kommen Kinder ja so auf die Welt. Ok, die Medizin macht Fortschritte, aber leider auch das Geldverdienen damit.

Vater: „Die Hebamme meinte, das sei eine gute Idee, schließlich war es eine lange Geburt.“
… die nach Angaben der Eltern drei Stunden ging, von Eintreffen in der Klinik bis zum Abnabeln.

Mutter: „Und das Geburtstrauma, und so.“
Ich kann mich diesem Begriff so gar nichts anfangen. Es gibt lange Entbindung über mehrere Hebammenschichten hinweg, meine Frau kann auch ein Lied davon singen. OK. Auch eine Saugglockenentbindung ist kein Spaziergang für das Kind. OK. Oder eine Schulterdystokie. OK. Aber eine dreistündige Geburt mit einem anschließenden Apgar von 9/10/10 und einem Nabelschnur-pH von 7,4?

Ich: „Was wurde da gemacht?“
Ich war noch nie bei einer osteopathischen Behandlung dabei. Ich kenne das nur von Videos und Erzählungen der Eltern, aber meist ähnelt es sich ja.

Mutter: „Sie hat so ein wenig am Kopf gestreichelt und am Rücken. Dann noch die Beine ausgestrichen, so nannte sie das. Ist aber alles in Ordnung.“
Ja, das konnte ich bei der U3 auch feststellen. Ein quietschfideles, vitales, lautes Mädchen. Es hat interessiert geschaut, hat sich toll bewegt, konnte den Kopf prima halten, alle Untersuchungsparameter waren perfekt.

Ich: „Das ist doch schön. Hat Sie das dann beruhigt?“
Mutter: „Ja, man ist ja dann schon sicherer, wenn jemand sagt, das Kind ist in Ordnung. Meine Freundin sagte, die Kinder können nach der Geburt ganz schön durcheinander sein. Da kann die Osteopathin helfen.“
Oder die Zeit. Oder eine erfahrene beruhigende Hebamme. Oder die tägliche Routine. Oder die Zeit.

Liebe Eltern.
Lasst Euch nicht anstecken vom Verunsicherungszeitgeist. Kinder kommen in vielen Ländern, in vielen Entbindungskliniken seit vielen Jahren durch Hilfe von vielen Hebammen zur Welt. Ihr Mütter könnt das auf natürliche instinktive Weise sehr gut! Die Kinder schaffen das auch. Geburt ist Stress, keine Frage, aber habt mehr Vertrauen in die Resilienz Eurer Babys. Die halten schon Einiges aus.
„Wir wollen ja nichts verpassen“ als Devise kann ich gut verstehen, mir ging es bei unseren Kinder ähnlich. Aber neu erfundene Diagnosewege für imaginäre Krankheiten, die sich auf wundersame Weise, vulgo dank der Natur, selbst kurieren, verursachen bei Euch nur Unsicherheiten.
Niemand kann wissen, wie unsere Kinder sich entwickeln. Osteopathische Diagnostiken werden ihr Outcome jedenfalls nicht beeinflussen, sondern nur Euren Geldbeutel leeren.

 

(c) Bild bei Flickr/Ann Marie Brasco (Lizenz Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0)

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