Für alle, die das Hirte-Impfbuch so toll finden

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Es ist immer einfach, einen Blogbeitrag zu schreiben, der auf einen anderen (externen) Blogbeitrag hinweist. Keine Sorge um den Inhalt, keine Sorge um Interpretationen, einfach nur: Lest dort.

In diesem Fall bleibt das besondere Anliegen.

Dr. med. Jan Oude-Aost, Kinder- und Jugendpsychiater, durfte ich unlängst auf der Skepkon kennenlernen, auf der er sehr differenziert das Buch für impfkritische Eltern zerpflückte: „Impfen Pro & Contra“ von Martin Hirte (Bitte folgen Sie nicht diesem Link). Bei Amazon ganz oben, bei allen „Empfehlungen“ der Impfgegner ganz oben, möchte das Buch einen differenzierten Blick auf die Impfempfehlungen werfen und ist letztendlich gegen Impfungen.

Oude-Aost nimmt sich ein Argument nach dem anderen vor, prüft die zugrundeliegenden Quellen, entlarvt sie als redundant, gefälscht, falsch zitiert, falsch interpretiert. Sehr detailliert, sehr verdient. Vielen Dank dafür.

Herr Hirte führt in München eine Privatpraxis für Kinderheilkunde, Fragen zu Impfungen stehen bei ihm hoch im Kurs, er ist weit über den Großraum Münchens bekannt, gilt als Papst der Impfkritik. Sicherlich verdient er mit dieser Koketterie auch sehr gut. Beratungen zu Impfungen werden ihm gut honoriert:

Wer nur berät und nicht impft, verdient richtig Geld

Wer gesetzlich versichert ist, bekommt die Impfberatung gratis zur Impfleistung dazu, ich habe das woanders schon einmal ausgeführt, in der Gesetzlichen Krankenversicherung erhält der Arzt zwischen 7,18€ und 21,53€ (regional unterschiedlich, dies z.B. sind die Gebühren der KV Hessen) und beinhaltet sämtliche Leistungen rund um die Impfungen. Berät ein Arzt nur über Impfungen bei offenem Entscheidungsausgang der Eltern, erhält er kein Honorar über die Gesetzliche Krankenversicherung.

Anders in der GOÄ, der Gebührenordnung zur Abrechnung von privaten Leistungen. Hier kann der Arzt nach Ziffer 3 abrechnen („Ausführliche Beratung“, Einfachsatz = 8,74€, Regelfaktor 2,3x = 20,10€), evtl. auch nach Ziffer 4 („Fremdanamnese, Unterweisung und Führung von Bezugspersonen“, Einfachsatz = 12,82€, Regelfaktor 2,3x = 29,48€), der Kreativität ist hier keine Grenze gesetzt. Bis zum Steigerungssatz 2,3x ist keine Sondervereinbarung notwendig, erklären sich Eltern vorher per Unterschrift einverstanden, kann sogar weiter gesteigert werden. Die einfache Impfziffer 375 (4,66€) beinhaltet keine Beratung, sondern ist die reine technische Impfleistung.

Dies kann Herr Hirte bei seinen „Privateltern“ abrechnen. Wohlgemerkt: Egal, wie die Impfentscheidung der Eltern nachher ausfällt. Impft er nachher doch, sind Impfleistung, Untersuchung und nochmalige Aufklärung wieder gesondert gerechtfertigt.

Zur Wiederholung: Ein impfbefürwortender Arzt erhält für eine Impfberatung bei gesetzlich versicherten Kindern kein Honorar. Ein impfkritischer Arzt, der nur Privatpatienten behandelt, macht richtig Kohle, er profitiert von der Beratung, nicht von der Impfung. Perfiderweise wird genau dies Argument von Impfkritikern herangezogen und ins Gegenteil verkehrt: Der Kassenarzt verdient nur an der Impfung, nicht an der Beratung. Deshalb werde er immer nicht beraten, sondern nur impfen.

Diese Überlegungen sollen aber nicht die Ausführungen von Dr. Jan Oude-Aost schmälern. Also noch einmal: Lest dort. Es lohnt sich.

(c) Bild bei Deutsche Fotothek (unter CC Lizenz BY-SA 3.0)

Neulich in Augsburg

[Irgendwie Werbung], aber eigentlich eine nette Geschichte.

Ich befinde mich gerade in Augsburg und habe an der diesjährigen SkepKon, der Konferenz der Gesellschaft für wissenschaftliche Untersuchung von Parawissenschaften GWUP e.V. teilgenommen. Wie stets: Spannende skeptische Vorträge, nette aufgeklärte Personen, schönes Wetter.

Passend dazu erwischte mich gestern der Heuschnupfen, pünktlich zum Juni, ich kann den Kalender danach stellen. Also zum Apotheker. Ich möchte gar nicht darüber berichten, dass ich mein Standardmedikament Azelastin als Nasen- und Augentropfen kaufen wollte, und der Herr Apotheker mir tatsächlich Livo.cab anbot (was das nicht beinhaltet), auch nicht, dass ich mal wieder eine Packung Taschentücher bekam (Danke für das Goodie, aber damit bin ich ausgerüstet als Pollinotiker).

Apotheker: „Man kann da ja auch sehr gut was mit Homöpathie machen.“

Ich: „Oh weh, ich glaube, da können Sie bei mir nicht landen. Ich bin aktuell zu Besuch in Augsburg zur Skeptikerkonferenz, hier hinten im Kongresszentrum. Da geht es genau um diese Dinge.“

Apotheker: „Ja, ok, dann ist das ja nichts für Sie. Aber viele schwören darauf.“

Ich: „Aber das dürfte wohl eher eine Koinzidenz sein als eine Kausalität.“

Apotheker: „Ja, gut, aber wenn es auch bei Kindern und Tieren wirkt.“

Ich: „Aber nachweislich nicht besser als Placebo. In dem Fall dann eben durch die gute Zuwendung durch die Eltern oder Herrchen und Frauchen. Ist auch gut untersucht, nennt sich dann Placebo-by-proxy.“

Apotheker: „Ach wirklich? Das wusste ich noch gar nicht. Interessant.“

Ich: „So ähnlich wie bei Osa.nit oder Oto.vo.wen. Das geben die Eltern ja nicht alleine, sondern umtütteln die Kinder, streicheln sie, beruhigen sie. Ohrenentzündungen sind doch meist viral bedingt und geben sich von alleine. Gibt die Mama während der Zeit Oto.vo.wen ist die Korrelation extrem gut.“

Apotheker: „Das ist ja sehr interessant. Da habe ich mich noch gar nicht so richtig beschäftigt. Kann man das auch nachlesen?“

Ich: „Aber sicher. Schauen Sie doch mal beim Informationsnetzwerk Homöopathie. Ganz leicht zu finden über Google.“

Apotheker: „Das mache ich. Danke. Wie war das, Netzwerk Homöopathie?“

Ich: „Ganz genau.“

Er bemühte dann noch die Klassiker „Wer heilt, hat Recht“ und „Wenigstens hat es keine Nebenwirkungen“, aber dann wäre ich wohl endgültig zu spät zum ersten Vortrag gekommen.

Infos, Jetzt mit Relaunch der Website: https://netzwerk-homoeopathie.info/

[Ende der Werbung]

So ein Schrott

Liebe Leser des Blogs, vermutlich sind nicht alle Bloginteressierte in gleicher Weise über Twitter verknüpft, daher möchte ich diesen Tweet hier teilen und zur Diskussion stellen.

Schließlich ist das ein Beispiel dafür, wie manche Eltern mit ihren Kindern umgehen, beileibe nicht alle, das ist klar. Ich habe ausnahmsweise nichts verfremdet, verstellt, erfunden – das hat genau so stattgefunden.

Was ist nur mit manchen Eltern los? Wir sehen Eltern, die sich sehr um die Entwicklung ihrer Kinder sorgen, die sie mitunter auch trimmen, damit die Vorsorgeuntersuchungen gut gelingen, da wird trainiert und geübt („das haben wir zuhause extra immer wieder gemacht“), als ob es etwas zu gewinnen gebe. Die Eltern stehen unter Druck, den sie sich selbst machen, den der Kindergarten macht, den die Umgebung (incl. Oma und Opa oder die freundliche Nachbarin) macht, oder der aus tradierten Meinungen entsteht (ein Kind müsse mit einem Jahr laufen oder mit fünf Jahren seinen Namen schreiben).

Wir sehen Eltern, denen die Entwicklung ihres Kindes völlig egal ist. An ihnen perlt jeder Hinweis der Erzieherinnen oder des Kinderarztes ab, sie sind auch nicht empfänglich für Tipps zur Förderung oder Forderung des Nachwuchses. Das ist alles legitim, bis die Schulhürde ansteht und dann die Kinder eben nicht das erfüllen, was die Einschulungsuntersuchung von ihnen verlangt. Dann ist der Ruf nach (medizinischer) Therapie laut.

Und: Es gibt zum Glück das Gros der Eltern, die alles ganz vernünftig angehen, informiert sind, was Kinder dann und wann können und lassen müssen, wie sie sie instinktiv richtig fördern, und wem sie vertrauen in der Expertise über ihr Kind. Die Vertrauen haben, dass sich Kinder individuell auf ihrem eigenen Weg entwickeln. Die vor allem einen ausreichenden Instinkt dafür besitzen, wann etwas nicht so gut läuft. Eltern, die die Stärken ihrer Kinder über ihre Schwächen stellen.

Aber das da oben: Das ist schwarze Erziehung. Das ist böse. Das ist respektlos und unmotivierend. Mit solchen Äußerungen schaffen Eltern nur Frust und Traurigkeit.

Niemand wird als Eltern geboren, niemand kann erwarten, dass sich Eltern pädagogisch immer einwandfrei verhalten und alle Eltern machen irgendwann auch diese oder jene Fehler in der Erziehung. Aber negativ wertende Aussagen über eine Leistung eines Kindes in Worten, die die Grenzen der Beleidigung erreichen überschreiten, sagen vor allem etwas über die Grundeinstellung im Umgang mit dem Kind aus. Dass solche Worte sogar im Beisein eines Arztes gesprochen werden, lassen für Situationen, in denen Eltern und Kind alleine sind, nichts Gutes ahnen.

Bei Twitter wurde ich gefragt, wie ich in einer solchen Situationen interveniere. Das ist nicht immer einfach. Offene Kritik an die Eltern stellt diese schnell bloß, der Reflex ist Rückzug, ein „Jaja“, ein „das macht dem nichts aus“ oder gar „das geht Sie gar nichts an“.

Am besten funktioniert, selbst Vorbild zu sein, ein Role Model. Also lasse ich den Jungen noch etwas malen, lobe ihn jetzt über den Klee, stelle die guten Aspekte des Bildes heraus oder frage gezielt die Eltern, in was ihr Kind denn wirklich gut ist. Das schärft den Blick auf die Stärken. Väter erzählen dann immer, wie toll schon Fussball gespielt wird, und Mütter, wie schön die Sprache sei. Oder das Fahrradfahren oder das An- und Ausziehen, oder der Umgang mit anderen Kindern oder die Selbständigkeit oder das Puzzlen und Legobauen. Wir sprechen nur noch über die „guten“ Dinge. Nur das kann zum Ziel führen.

Mein Vorteil als Hausarzt ist, dass ich die Kinder und ihre Eltern oft sehe und die Interaktion bei Vorsorgeuntersuchungen beobachten kann. Gibt es keine Dynamik zum „Positiven“, nehme ich Eltern beiseite und konfrontiere sie tatsächlich mit ihren Negativäußerungen, halte ihnen den Spiegel vor. Manchmal ist dann Einsicht da, oft leider nicht, da Eltern in der Regel gefangen sind in der eigenen Sozialisierungs- und Erziehungsspirale.

Wo ist das Vögelchen?

Wir befinden uns mitten in einer U4-Vorsorgeuntersuchung, der Babybub ist 4 Monate alt, anwesend sind Vater, Mutter, Baby und ich. Nach den üblichen Einstiegsworten, Begrüßungen, Beratungen und Erklärungen beginne ich, das Bobele zu untersuchen. Der Junge, nennen wir ihn Marko, ist ganz begeistert, lautiert und lacht, reagiert und schäkert, wir haben beide so richtig Spaß.

Der Vater kramt in seiner Tasche und holt eine ziemlich fette Spiegelreflexkamera heraus. Und beginnt zu knipsen. Von vorne, von der Seite, von oben, nur das Baby, nur mich, uns beide. Fehlt nur noch, dass er „Komm, Baby, zeig mir Deine besten Posen!“ ruft.

Ich: „Sie dürfen gerne fragen, ob Sie Fotos machen dürfen.“

Mutter: „Ja, genau, Datenschutz!“ Sie lacht. Und der Vater hält mit dem Fotografieren inne.

Ich: „Ganz recht. Sie dürfen gerne fotografieren. Aber fragen könnten Sie schon.“

Vater: „Ok, sorry, also darf ich denn ein paar Bilder machen?“ Er schaut bittend und sieht wohl schon eine große Lücke in seiner Dokumentation klaffen.

Mutter: „Du, ich glaube, der Doktor hat das mehr rhetorisch gemeint. Schließlich kann Dir der kleine Marko ja noch gar nicht antworten.“

(c) Bild bei Flickr/tenaciousme (unter CCBY 2.0 Lizenz)

Meine eigene Zahnimplantat-Geschichte

Kurze Überleitung: Heute ist Starwars-Tag, also der 4. Mai, weil, das kommt von „May the 4th“ wie in „may the force be with you“. Das nur am Rande. Bei Krieg der Sterne kommen ein paar Androiden vor, bei denen echt viel Metall verbaut wurde. Und damit komme ich zum Thema: Bei mir wurde erstmals Metall verbaut, nämlich ein so genanntes Zahnimplantat.

Kurz gesagt, ist ein Zahnimplantat eine Metallhülse, die in den Kieferknochen eingelassen wird, dahinein kommt ein Stift, auf dem dann eine künstliche Krone aufmodelliert wird. Zahntechniker lachen sich jetzt bestimmt kaputt über diese Umschreibung. Aus verschiedenen Gründen kam in meinem Fall kein anderer Zahnersatz in Frage, also nur ein Implantat. Ich ging zum Kieferchirurg, der sich darauf spezialisiert hatte, ließ mich beraten und das ganze Prozedere nahm seinen Lauf.

Was am Anfang recht unkompliziert und nach Routine klang, zog letztendlich einige Zahnarztvorstellungen nach sich. Das war mir gar nicht so bewußt: Wieviele Vorstellungen in der Praxis ein einzelnes Zahnimplantat bedeutet. Falls sich also irgendjemand da draußen dafür interessiert – hier die Zusammenfassung meiner Termine (zu technischen Fragen, zu Pros und Contras der Zahnimplantate bitte ich, das Netz zu bemühen).

Meine Termine:

  1. Termin beim Zahnarzt, der die Indikation stellt, mein Zahn sei nicht mehr zu retten, ein Zahnimplantat solle her. In gleicher Sitzung wurde der betroffene Zahn nochmals provisorisch aufgebaut, damit es hübscher aussieht.
  2. Einen Monat später: Termin beim Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurg (MKG) zur Vorbesprechung, Beratung, was ein Implantat ist, welche Möglichkeiten es gibt, wie der Ablauf ist. Heute auch eine Orthopantomographie.
  3. Zwei Monate später: Termin beim MKG zur OP-Aufklärung und zum Anästhesiegespräch
  4. Termin beim Zahnarzt, Abdruck für ein so genanntes Provisorium (Ersatzzahn, der als Käppchen aufgesetzt wird, zwischen 1. OP, bei der der Ursprungszahn gezogen wird und dem endgültigen Zahnersatz)
  5. Termin beim Hausarzt für eine präoperative Untersuchung (bin ja auch nicht mehr der Jüngste). Ich spare mir einen Termin, weil eine meiner fMFA mir zuvor Blut abnimmt, und ich die Ergebnisse mitbringe.
  6. Der eigentliche OP-Termin beim MKG – Entfernen des kaputten Zahnes, Einsetzen der Implantathülse (künstliche Zahnwurzel)
  7. Eine Woche später: Fädenziehen beim MKG, nochmals OPG, ob das Implantat richtig sitzt. (danach Abwarten, das Implantat muss eine Osseointegration durchlaufen, also schlicht einknöchern)
  8. Termin beim Zahnarzt, Abdruck für eine Implantatschiene
  9. Ca. 4 Monate später: Termin beim MKG, Besprechung des weiteren Vorgehens, OP-Aufklärung, weil dann
  10. OP-Termin mit erneutem Öffnen des Zahnfleisches zur Freilegung der Implantathülse, Aufsetzen einer Metallkappe.
  11. Eine Woche später: Fädenziehen beim MKG.
  12. Termin beim Zahnarzt, endgültiger Abdruck mit Implantatschiene
  13. Termin beim Zahntechniker, damit die Farbe des Zahnes passt
  14. Termin beim Zahnarzt, um das nun angefertigte Zahnmodell mit dem Stift in die Hülse einzupassen.

Anzumerken sei, dass dieser Ablauf zum Glück für mich ohne Komplikationen ablief. Bei Schwierigkeiten (fehlende Knochensubstanz im Kiefer, eventuell Gewebeverpflanzung, Implantat knöchert nicht ein, ist zu locker, whatever) hätte es noch Zusatztermine gegeben.

Ich habe mich vorher informiert, wie sich das für einen mündigen Patienten in den Zeiten des Internets bedeutet, aber dass dabei soviele Einzeltermine zu planen waren, das hätte ich nicht gedacht. Das war entsprechend schlecht zu planen während meiner eigenen Praxistätigkeit, Abendtermine, der freie Nachmittag, naja. In der Summe vergeht übrigens ein halbes Jahr zwischen Indikationsstellung und fertigem neuen Zahn. Es gibt wohl auch schnellere Verfahren, die mich aber nicht überzeugt haben.

(c) Bild bei Max Pixel (CC0 Public Domain Lizenz)

Die Auslosung! Blogger schenken Lesefreude

Vielen Dank an alle, die so freudig kommentiert haben, als ich letzte Woche zum Welttag des Buches zum fröhlichen Mitspielen aufgerufen habe. Ich habe die Lostrommel angeworfen und sie hat mir vier Zahlen ausgespuckt, die ich dann den entsprechenden Leser*innen zugeordnet habe.

… and the winners are (ich habe Euch auch schon per Email informiert):

Die Kindheit ist unantastbar von Herbert Renz-Polster geht an WhatsUpMum

Mein Kind ist genau richtig, wie es ist von Heidemarie Brosche geht an Mirio805

Alles halb so schlimm von Stephan Nolte gewinnt C B

und

Ab ins Netz?! von Katja Reim bekommt Julie


Ich hoffe, die Gewinner*Innen freuen sich, seid nicht enttäuscht, wenn es nicht genau das Buch ist, das Ihr Euch gewünscht habt. Bei allen und allen anderen bedanke ich mich nochmal für den tollen Input, es sind für mich ein paar nette Buchtipps herausgesprungen. 😀

Vielleicht werfe ich mal wieder ein bisschen Lesestoff unters Volk, das lohnt sich ja immer.

Stay tuned, und… lest mal wieder!

Blogger schenken Lesefreude

Ich bin dieses Jahr endlich wieder dabei, wenn Blogger Lesefreude schenken. Auch wenn es m.W. die offizielle Aktion seit 2017 nicht mehr gibt, möchte ich trotzdem Freude unters Volk geben.

Ich verschenke also zum heutigen Welttag des Buches folgende Lektüren*:

Die Kindheit ist unantastbar von Herbert Renz-Polster

Mein Kind ist genau richtig, wie es ist von Heidemarie Brosche

Alles halb so schlimm von Stephan Nolte

Ab ins Netz?! von Katja Reim

Was tun?

Diese Regeln gab es schon einmal für ein paar Jahren, aber vielleicht haben sich ja neue Leser eingefunden, außerdem lässt sich eine solche Aktion beliebig wiederholen., also denn:

– Teilnehmen darf jeder, der mindestens 18 ist (oder jemanden beauftragen kann ).
– Es gibt eine kleine Aufgabe: Schreibe in die Kommentare den ersten Satz des Buches, welches Du gerade liest (keine Vorworte oder Motti oder Widmungen oder so, das ist wohl klar) und wie das Buch heisst.
– Wer mag, darf auch noch das One-and-only-favorite-Buch nennen, das sie/er wirklich jedem empfiehlt, mit auf eine einsame Insel nehmen würde, das beste der besten eben, usw. Schließlich schenken wir hier Lesensfreude, da sind Tipps immer gut.
– Du musst ansonsten nur Deine E-mail-Adresse und Nickname im entsprechenden Feld und den Buchwunsch (gerne auch „egal“, gewinnen kann jeder aber nur eins…) in der Kommentarzeile hinterlassen. Die E-mail-Adresse ist nur für mich sichtbar und wird – wie auch die postalische Adresse bei Gewinn – später wieder gelöscht. Bitte keine Namensangaben, Adressen oder e-mail-Adressen direkt im Kommentarfeld (= für alle sichtbar) posten. Was Nettes schreiben ist aber immer drin.
– Wer keinen Buchwunsch postet, kriegt irgendein Buch der Liste.
– Es werden nur die Einsendungen berücksichtigt, die unter diesem heutigen Posting stehen. Das könnt Ihr aber bis zum 30.4.2019/23.59 Uhr machen.
– Ein paar Tage danach (sobald ich dazu komme) verlose ich die Bücher mittels random.org.
– Ich benachrichtige Euch per e-mail, eine Erwähnung mit Nickname gibts hier auf dem Blog natürlich auch. And the winner is…
– Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Viel Spaß, und… lest mal wieder!

*Alle diese Bücher wurden mir als Rezensionsexemplare zugeschickt, ich gebe sie hiermit an meine Leser weiter, um mich nicht an ihnen zu bereichern. Vielen Dank für die Spende.

11 beste Tipps, wenn Ihr einen Termin beim Kinderarzt braucht

Viele Eltern beschweren sich in der Praxis, dass sie kaum durchkommen am Telefon, dass ständig besetzt sei, und nachher in der Praxis sei ja gar nichts los. Liebe Eltern, das liegt am guten Terminmanagement der fMFA, die alle Hände voll zu tun haben, dass Ihr mit Euren kranken Kindern nicht so lange im Wartezimmer sitzen müsst. (Übrigens: Die fMFA am Telefon sitzt woanders, aus Datenschutz und Konzentrationsgründen außer Hörweite)

Dennoch führen wir eine Kinder- und Jugendarztpraxis, es gibt immer unvorhergesehene Zwischenfälle, plötzlich wichtige Fragen der Eltern, die wir beantworten wollen, auch wenn der eigentliche Vorstellungsgrund die Warze am Fuß war.

Hier meine elf besten Tipps beim Terminvereinbaren in der Kinder- und Jugendarztpraxis:

1. First comes first

Wenn Euer Kind über Nacht akut krank geworden ist, und Ihr denkt, es muss noch am gleichen Tag angeschaut werden (Säuglinge, Atemnot, Rote Flaggen) versucht, gleich morgens in der Praxis anzurufen. Denkt nicht, das Telefon wird am Vormittag ruhiger, das ist es in der Kinderarztpraxis nie. Wer zuerst durchkommt, bekommt auch die frühesten Termine, das ist leider Fakt. Wenn Ihr erst am Nachmittag anruft, sind zumeist die Termine für den Resttag bereits vergeben.

2. Wenn es etwas Zeit hat

Nutzt Termine am Folgetag oder zwei Tage später. Seid doch mal ehrlich: Ihr habt doch auch schon viele Erkrankungen gesehen oder habt schon viel von anderen Eltern gehört. Also keine Panik. Wenn es Eurem Kind gut geht, oder das vorliegende Problem schon länger besteht, freut Euch über einen Termin ein paar Tage später. Die fMFA werden mit gezielten Fragen versuchen, die Dringlichkeit einzuschätzen, vertraut darauf. Kleiner Nebeneffekt: Manchmal lösen sich die Dinge von alleine, Absagen geht immer (siehe Punkt 11).

3. Plant lange im Voraus

Impfungen und Vorsorgetermine haben ein großes Terminfenster und lassen sich lange im Voraus planen, nutzt diese Möglichkeit. Wir haben einen elektronischen Terminplaner, Ihr solltet den auch haben (oder wie kann man ein Handy noch nutzen?). Über den Vorsorge- und Terminplaner des BVKJ kann man übrigens via Geburtsdatum noch besser in die Zukunft sehen. Wer zwei Wochen vor Ablauf der Frist einer Vorsorge anruft, bekommt meist keinen passenden oder gar keinen Termin mehr angeboten. Das ist keine böse Absicht: Die Vorsorge wird schlicht nicht bezahlt von den Krankenkassen.

4. Nutzt Mails

Viele Arztpraxen bieten inzwischen auch eMail-Kontakt oder Online-Terminformulare an. Bei uns z.B. kann man auf diesem Weg bequem Rezepte oder Überweisungen bestellen oder langfristige Termine vereinbaren. Da aber keine fMFA extra für Mails abgestellt wird und die Mails ja auch beantworten werden wollen, sollte der eMail-Verkehr jedoch nicht für hochakute Sachen genutzt werden.

5. Kommt vorbei

Klar ist das lästig: Das Kind ist krank, das Telefon besetzt. Wer direkt ohne Termin in die Praxis kommt, muss (so es der Krankheitszustand des Kindes erlaubt) warten, bis ein freier Slot im Terminplaner frei ist. Das kann locker zwei bis drei Stunden Wartezeit bedeuten. Was kein Problem ist: Nutzt diese Wartezeit für was anderes. Geht Einkaufen, geht mit dem Hustinettenbär spazieren (das tut ihm bestimmt gut). Versprochen: Wenn Ihr dann zum jetzt vereinbarten Termin kommt, sitzt Ihr nicht lange im Wartezimmer.

6. Nutzt gezielt Randtermine

Viele Eltern wollen um 10 Uhr kommen, nach dem Frühstück, oder um 14 Uhr, nach dem Mittagessen. Wir bieten Termine bereits ab 7:30 Uhr an, abends an verschiedenen Tagen auch bis 18 oder 19 Uhr. Im Winter ghet es naturgemäß noch länger. Nutzt diese Randtermine, wenn Eure Kinder dann schon/noch wach sind, hier sind auch langfristig schneller Termine zu vereinbaren. Was bei uns niemand versteht: Wenn Eltern einen dringenden Termin für den gleichen Tag möchten, das Kind aber in der Schule ist. Wenige Dinge dürften dies rechtfertigen.

7. Zentrale Terminvergabe

Die Kassenärztlichen Vereinigungen sind verpflichtet worden, in der Zukunft zentrale Terminservicestellen für Facharzttermine einzurichten. Diese Stellen sollen auch Termine organisieren, um überhaupt einen Hausarzt oder Kinder- und Jugendarzt zu finden, wenn man neu in der Stadt ist. Vielleicht keine schlechte Idee (auch wenn wir aus Sicht der Praxisorganisation jammern) – schaut danach. Vermutlich wird die Telefonnummer 116117 hierfür demnächst nutzbar sein.

8. Jugendliche dürfen alleine kommen

Ab 14 Jahre dürfen bei uns Jugendliche alleine in die Praxis kommen. Vielleicht findet sich dann für die Familie schneller ein Termin? Blöd natürlich, wenn die Jugendlichen noch einen Chauffeur brauchen, weil Ihr zu weit weg wohnt.

9. Follow-Up Termine sofort ausmachen

Ihr seid noch mitten im Impfprogramm? Die nächste Vorsorge steht an und Ihr seid zufällig in der Nähe oder sowieso bei uns in der Praxis? Dann am besten sofort den nächsten Termin vereinbaren. Wir machen die Impftermine im Monatsrhythmus, das lässt sich besser planen und merken. Wenn die letzte Impfung eines Zyklus (zB FSME, Hepatitis B oder HPV) erst in einem halben Jahr ist, dann macht trotzdem gleich den Termin aus. Sonst vergessen das alle. Die nächste Vorsorge ist erst in einem Jahr? – egal: Termin machen.

10. Erlaubt uns den Recall

Recall heißt, dass Arztpraxen ihre Patienten an Termine oder anstehende Untersuchungen erinnern dürfen. Werbetechnisch muss das aber vorher vereinbart werden, also erlaubt das doch den Praxen, am besten mit eMail-Adresse oder Handynummer. Dann rufen wir gerne an und erinnern an den nächsten Termin. Garantiert: Ohne lästige Werbeanrufe. Dazu haben wir eh schon genug Patienten.

11. Sagt Termine ab, wenn Ihr nicht kommt

Liebe Leute, kaum etwas in der Planung ist lästiger als Termine, die nicht wahrgenommen werden. Bitte nehmt Rücksicht auf andere und sagt Termine ab, die Ihr nicht wahrnehmen könnt. Das schafft neue Valenzen für andere Patienten. Und wenn es mal sehr kurzfristig ist, weil das Auto spinnt oder Ihr den Termin schlichtweg vergessen habt: Bitte trotzdem melden, das schafft bessere Stimmung als ein einfaches No-Show.

Kein Tipp: Werdet Privatpatienten

Ja, das ist kein Tipp. Auch wenn dies immer wieder und gerne kolportiert wird: Privatpatienten erhalten (jedenfalls in Akutpraxen) keine schnellere, längere oder günstigere Termine. Und sie haben auch keinen Anspruch darauf. Wenn Kinder krank sind, sind sie nicht kranker, nur weil die Eltern sie privat versichert haben. Was jedoch einen Unterschied macht: Termine für Kassenpatienten sind durch so genannte Regelleistungsvolumina begrenzt, d.h. es werden nur so viele Patienten bezahlt, wie wir auch im Vergleichsquartal des letzten Jahres versorgt haben. Sehr vereinfacht ausgedrückt. Deshalb müssen manche Facharztpraxen Kassenpatienten ins nächste Quartal verschieben (so entstehen die Wartezeiten). Für Privatpatienten gibt es diese Begrenzungen nicht, deshalb sieht es nach außen so aus, als ob der Private schneller einen Termin bekommt wie der Gesetzlich Versicherte.

Noch weitere Ideen oder Tipps, wie man gut an Termine kommt? Wie macht es Eure Kinder- und Jugendarztpraxis? Seid Ihr grundsätzlich zufrieden oder gibt es Verbesserungspotential? (Vielleicht finde ich noch das eine oder andere, was ich in unserem eigenen Ablauf ändern kann).

(c) Bild bei pxhere (CCO frei nutzbar)

Impfpflicht gegen Masern – ist das praktikabel?

Masern

Über die Impfpflicht im allgemeinen ist in den letzten Tagen viel geschrieben worden, in Bundestagsdebatten ist das Thema meines Wissens noch nicht angekommen, auch wenn sich der Gesundheitsminister in der Öffentlichkeit (gemeinsam mit seinem Nebenmann Lauterbach von der SPD) dafür stark macht. Immerhin hat der Brandenburger Landtag sich heuer mit dem Thema beschäftigt und die Impfpflicht gegen Masern beschlossen.

Der Hintergrund ist bekannt: Deutschland liegt im internationalen Vergleich zurück, was die Impffreudigkeit, besser -disziplin, im Allgemeinen angeht. Insbesondere jedoch bei Masern hinken wir hinterher, Experten gehen davon aus, dass mit den derzeitigen Impfraten keine Elimination der Masern in Deutschland erzielt werden kann. Andere Länder wie die USA sind da schon viel weiter. Dass eine Impfung gegen eine der gefährlichsten Kinderkrankheiten sicher und wirksam ist, dürfte allgemein bekannt sein, darüber soll hier auch nicht diskutiert werden. Wirre Theorien und krude Behauptungen geistern durch das Netz und die Köpfe der Impfgegner, vernünftigerweise kann niemand die Impfung ernsthaft ablehnen.

Wie wird eine Impfpflicht gegen Masern in der Praxis funktionieren?

  • Zunächst einmal: Der Brandenburger Landtag hat eine Impfpflicht für Kita-Kinder beschlossen und damit eben keine allgemeine Impfpflicht, also weder für Schulkinder, geschweige denn für Erwachsene. Diesen ersten Ansatz finde ich grundsätzlich gut: Schließlich hat eine Impfung immer etwas mit dem Schutz anderer zu tun. Wer also sein Kind in eine Gemeinschaftseinrichtung geben will, in der eventuell Kinder sind, die nicht impfbar sind oder noch zu klein, sollte Sorge tragen, dass es kein Überträger der Krankheit ist. Wer nicht impfen möchte, kann eben keine (staatliche) Kita besuchen. Punkt.
  • Lösung für Impfgegner: Ich suche mir eine private Einrichtung, die mein Kind trotzdem nimmt. Es dürfte genug anthroposophische oder anders geströmte Kitas geben, die diese Möglichkeit bieten (Interessanterweise habe ich in den letzten Monaten die Erfahrung gemacht, dass es eher die privaten Tageseinrichtungen sind, die Wert legen auf einen vollen Impfpaß als die staatlichen). Reicht die Macht der Politik so weit, die Impfpflicht auch in nichtstaatlichen Kitas durchzusetzen?
  • Und: Wenn schon Impfpflicht per Dekret, warum dann nicht für alle, also auch zum Schuleintritt oder bei Erwachsenen?
  • Wie ist das mit gesundheitlichen Bedenken, mit Kontraindikationen? Es wird Kinder geben, die man nicht gegen Masern impfen kann: Wegen Allergien, wegen Immunschwächen, vielleicht auch aus vorübergehenden Gründen, weil das Kind „immer“ krank ist. Diese Dinge sind sehr selten. Ich habe in meinem gesamten Patientenstamm lediglich zwei Kinder, die wegen angeborener Immunschwäche nicht geimpft werden können, und eines, dass so heftig auf die erste Masernimpfung reagiert hat, dass wir eine Allergie vermutet haben, hier wurde die zweite Impfung stationär durchgeführt (und gut vertragen). Bei allen anderen ließ sich die Impfung bequem verschieben und nachholen, auch Kinder nach Chemotherapie kann man ab einem bestimmten Zeitpunkt wieder impfen.
  • Was machen die Impfgegner? Sicher wird die Zahl der Kinder, die „plötzlich“ aus medizinischen Gründen keine Masernimpfung bekommen können, zunehmen. Leider werden sich auch ÄrztInnen finden lassen, die das den Eltern bescheinigen. Wer sollte das schon kontrollieren? Der Amtsarzt?
  • Bisher war nur die Rede von einer Impfpflicht gegen Masern. Nun ist es aktuell leider so, dass es keinen Einzelimpfstoff Masern gibt bzw. dieser nur als Reimport erhältlich ist. Eine Masernimpfung bedeutet heute faktisch eine Impfung zumindest in Kombination mit Mumps und Röteln, bestenfalls sogar gemeinsam mit Windpocken. Bedeutet das nicht praktisch, dass wir entweder die Industrie verpflichten, mehr Einzelimpfstoffe auf den Markt zu bringen oder aber, wir müssen diskutieren, dass die Impfpflicht auch Mumps und Röteln einschließt. Wir haben bereits dato einen Engpaß bei allen Kombinationsimpfstoffen, derzeit ist der MMRV-Impfstoff wohl erst wieder im Sommer lieferbar. Wie soll das weitergehen? (Übersicht der Masernimpfstoffe)
  • Die Kritiker werden das gleiche Szenario zu den Masern auch zu Röteln und Mumps inszenieren. Schließlich werden auch diese beiden Impfungen oft als überflüssig angesehen („soll doch die Schwangere sehen, dass sie selbst einen guten Schutz hat“, „Mumps ist nun wirklich harmlos“. Das bisschen Impotenz…). Viel Spaß uns ÄrztInnen bei der nächsten Impfberatung.
  • Wie wird die Kontrolle der Impferfüllung aussehen? Werden die Kindergärten verpflichtet, die Impfbücher zu kontrollieren? Und was, wenn das Kindergartenkind keine Masernimpfung hat? Gibt es dann eine Meldung ans Jugendamt? Darf es schlicht nicht in die Kita, und das war´s? Oder kontrollieren die Kinderärzte? Bereits jetzt gibt es die Unbedenklichkeitsbescheinigung vor Kindergarteneintritt, die ein Kinder- und Jugendarzt abzeichnen muss, seit zwei Jahren muss hier auch eine Impfberatung bescheinigt werden (ohne Nachweis des Ergebnis dieser Beratung). Auf manchen Bescheinigungen konnte ich unlängst auch ankreuzen „Masernimpfung erfolgt“. Bleibt das mein Part bei der Kontrolle? Oder wird es einen Nachweis zum Jugendamt geben, wie dies in manchen Bundesländern bereits bei den Vorsorgeuntersuchungen stattfindet?
  • Wie oben schon skizziert: Finden sich für die Impfgegner Ärzte, die hier Bescheinigungen faken? Wie kritisch werden das die ErzieherInnen durchziehen (wollen)?
  • Große Impflücken der Masernimpfung gibt es bei Erwachsenen. Obwohl bereits seit langer Zeit empfohlen wird, Nach-1970-Geborene einmal gegen Masern zu impfen bzw. eine zweite Impfung nachzuholen, finde ich in praktisch jedem zweiten Eltern-Impfpass eine fehlende oder eine komplett unterlassene Masernimpfung. Liebe HausärztInnen und GynäkologInnen: Macht Ihr hier Eure Hausaufgaben nicht richtig? Das ist Euer Job! Ich denke, dass wir gerade die Älteren mehr in die Pflicht nehmen sollten – so propagiert die STIKO zwar, jeden Arztbesuch zu nutzen, die Impfungen zu überprüfen. Umgesetzt wird das jedoch kaum. Auch die BetriebsärztInnen sollten das auf dem Schirm haben.

Impfpflicht oder doch Informieren?

Ich bin mit mir uneins, ob eine Impfpflicht grundsätzlich eine gute Idee ist, die Impfquoten in Deutschland zu erhöhen. Im ersten Reflex bin ich als Mediziner dafür, mein Berufsverband sieht das auch so. Aber reagieren wir da nicht trotzig aus der tagtäglichen Diskussionshaltung gegenüber Impfgegnern? „So, genug diskutiert, jetzt redet der Staat mal Tacheles?“ Wollen wir diesen Graben zu den Impfgegnern weiter vergrößern? Gehen uns die Argumente aus? Sind wir alle Wege bereits gegangen, um die Impfquoten zu erhöhen?

Die Hürde vor Kindergarteneintritt ist zumindest der richtige Ansatz: Es muss eine Konsequenz spürbar sein, wenn Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen wollen. Da das Argument, das eigene Kind zu schützen, scheinbar nicht fruchtet, geht der Weg eben über den Schutz der anderen (Ich mache es in meiner Praxis ähnlich). Insofern ist das ein ziviler Regulationsschritt, eine weiche Verpflichtung, im Gegensatz z.B. zu einer Strafgebühr. Leider werden Impfgegner Mittel und Wege finden, diese bürokratische Hürde zu umgehen.

Wissenschaftler, die sich mit der öffentlichen Wahrnehmung von Impfungen und Beweggründen von Impfgegner beschäftigen, warnen bei einer Impfpflicht davor, dass die restlichen Impfungen, die nicht verpflichtend werden, als weniger wichtig eingestuft werden und die krude „Selbstbestimmung“ dann dort ausgelebt wird (siehe @CorneliaBetsch). Bedeutet, die Masern bekommen wir vielleicht in den Griff, dafür bekommen wir mehr Argumentationsprobleme bei den anderen Impfungen.

Besser ist es sicher, die Impflücken vor allem auch bei Erwachsenen zu schließen, also mehr zu informieren und jeden Arztbesuch zur Überprüfung des Impfschutzes zu nutzen: „75% der Erwachsenen unter 50 wissen nicht, dass sie ihren Impfstatus prüfen sollen, 61% sagen, niemand hat es ihnen gesagt (@bzga_de)“ (Tweet von C. Betsch)

Wir sollten weiter gut informieren. Es gibt immer noch viele Eltern, die schlicht unsicher sind oder fehlinformiert. Fake News werden wie bei vielen „Verschwörungen“ auch in der Impfkritik gerne weiter verbreitet. Wir sollten klarere Bilder finden. Ähnlich wie auf Zigarettenschachteln muss das Gefährliche von Masern und anderen Erkrankungen präsentiert werden, nicht im Sinne des Angstmachens (das übernehmen die Impfgegner schon genug, wenn es um das Impfen an sich geht), sondern des Vermittelns von Realitäten und des Einforderns von Respekt gegenüber den Krankheiten.

Wir sollten „nudgen„, also anstupsen, immer wieder an Impfungen zu erinnern. Wir sollten den Zugang zu Impfungen vereinfachen, also auch über Impfungen in der Apotheke oder durch Kindergarten/SchulkrankenpflegerInnen nachdenken. Warum auch nicht? Dieses hohe Ross des Alleinimpfanspruchs durch Ärzte ist ein Bärendienst für Impfskeptiker.

Die ewig Ablehnenden, Verschwörungsfanatiker, die Nanoteilchen und politische Intrigen vermuten, auch die chronischen „Selbstbestimmten“, erreichen wir nie. Es wird immer einen Prozentsatz der absolut Unbelehrbaren geben. Aber der Rest: Uns alle eint die Sorge um das Wohl der Kinder, auf dieser Ebene mittels Empathie und Information sollten wir wenigstens die abholen, die unschlüssig sind, falsch informiert oder schlicht ängstlich.

Impfen-Info

(c) Bild bei Pixabay (Lizenz CC BY 2.0)

Lesepotpourri Januar, Februar, März

Books HD

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In steter Tradition hier meine Lektüren der letzten drei Monate, wen’s interessiert. Und was ich darüber denke:

Mariana Leky – Was man von hier aus sehen kann

Ein wunderschönes Buch für ein Glückliches Frühlingswochenende. Es geht um die alte Selma, in deren Träumen immer dann ein Okapi auftaucht, wenn ein Mensch stirbt. Dieses Omen durchzieht das gesamte Buch, auch wenn es darum eigentlich gar nicht geht, sondern um Luise und ihren Vater, Luise und ihren besten Freund der Kindheit, Luise und dem buddhistischen Mönch. Der Optiker spielt eine grosse Rolle und eine kleine eine Buchhandlung. Die scheinbare Harmlosigkeit der Geschichte ist es, die im Abgang ein so entspannt glückliches Gefühl hinterlässt, wie es nur ein Frühlingswochenende kann. Gelesen kurz nach Jahreswechsel. (5/5)

Maya Angelou – Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt (Übersetzt von Harry Oberländer)

Diese Geschichte soll Generationen von Jugendlichen (vor allem der Schwarzen Menschen in den USA) und Oprah Winfrey entscheidet geprägt haben, sie war Schullektüre in den Staaten und ist dennoch „nur“ ein Teil des autobiographischen Werkes von Maya Angelou. Die Story plätschert anfangs so dahin, beinahe zurückhaltend und unaufgeregt, eine Darstellung des Lebens des letzten Jahrhunderts im Westen und Mittelwesten der USA, aus der Sicht der jungen Maya, die von den Eltern weggeschickt, bei der Großmutter groß wird. Aber es geschehen schreckliche Dinge um sie herum, schließlich auch mit ihr, und alles ändert sich. Und doch gar nichts. Am Ende fehlt etwas, vielleicht eine Moral, ein Schlußstrich, aber ganz sicher gibt es den nicht. Ich las das Buch als Teil der Twitter-Lese-Gruppe @54reads, tut mir leid, nach dem ersten Monat bin ich raus, ich kann nicht nur ein Buch lesen, sondern muss weitermachen. (4/5)

Hermann Hesse – Siddartha

Wiedergelesen, natürlich. Hesse war Teil meines Lebens als Teenager, ich habe alles verschlungen von ihm, was ich in die Finger bekam, und wenn uns die Schule ein Buch verordnete, klatschte ich in die Hände. Hesse ist auch eine verdächtige Person, so lehrt es uns die Geschichte, aber seine Bücher sind in ihrer konstante Weisheit und literarischen Stärke und Originalität unübertroffen. „Siddartha“ ist der Prototyp der späten Romane, aus der Sicht eines Langlesers Ü50 inzwischen voller Redundanz und etwas ermüdend, aber ich spürte nochmal den Rausch des Jugendlichen, den ich beim Lesen früher empfunden habe. Alles besser machen zu wollen, den Sinn allen Lebens zu finden, bis er Dich selbst findet. (5/5)

Jennifer Egan – Manhattan Beach (Übersetzt von Henning Ahrens)

Nicht ganz so mitreissend wie „Der grössere Teil der Welt“, auch nicht ganz so virtuos, eher als Fingerübung kommt dieser Roman daher: Ein wenig Feminismus, ein wenig Krimi, ein wenig Familiengeschichte, ein wenig Historie. „Manhattan Beach“ erzählt die Geschichte der ersten Militärtaucherin der USA, Anna Kerrigan, angesiedelt in den Docks von Brooklyn, immer die Skyline von New York im Blick. Ihr Vater arbeitet mit einem der Gangsterbosse zusammen, verschwindet auf mysteriöse Weise, und sein Auftauchen markiert einen spannenden Nebenstrang der Geschichte. Ich habe den Roman zügig durchgelesen, das Geschriebe ist beeindruckend süffig, aber am Ende zerfasert die Story in zuviele Anliegen, so dass ich am Ende nicht wusste, was von ihr übrig blieb. (3/5)

Ian McGuire – Nordwasser (Übersetzt von Joachim Körber)

In „Manhattan Beach“ kommt ein Schiffsbruch vor, in Nordwasser auch, eine interessante Parallele. Sonst haben die Bücher nichts miteinander zu tun. „Nordwasser“ spielt in den Wirren des Walfangs, ganz im Gedenken an Hermann Melville, trotzdem geht es hier nicht um den Wal, der Feind ist das Böse im Harpunier Drax, ein Psychopath, der mordet, weil er es kann. Sein Antagonist ist Patrick Sumner, der Schiffsarzt (!), er hat auch keine saubere Lebensgeschichte zu bieten, aber überlebt in geläuterter Moral. Eine Männergeschichte, mit Mord, Schweiss, Angst, Kälte, Eis, Fett, Fell und derber Sprache. Zwischendrin poetische Metaphern und grausame Spannung. Nicht umsonst seinerzeit nominiert für den Man Booker Prize. (5/5)

Robert Seethaler – Das Feld (Hörbuch gelesen von ihm selbst)

Er wird groß gehandelt, der Seethaler, er schreibt auch tolle Bücher, keine Frage. „Das Feld“ erschien mir wie ein zusammengestricktes Sammelsurium kleiner Geschichten, wie sie vermutlich jeder Autor in seiner Kladde zuhause fabuliert, mühsam zusammengehalten durch den Friedhof, eben das Feld, auf dem die Personen, die hier vorkommen, beerdigt liegen. Natürlich braucht es auch hier einiges an Planung, damit die Verbindungen nicht zu lapidar daherkommen, in der Summe sicher ein Kunstgriff, der auch nicht jedem gelingt. Sicher hatte Seethaler einen guten Lektor. (3/5)

Wolfgang Herrndorf – Bilder deiner großen Liebe (Performance Lesung durch Sandra Hüller)

Herrndorf ist unantastbar. Ein deutscher Schriftsteller. Jedes seiner Bücher ein Wurf. Auch das letzte, unvollendete, „Bilder einer großen Liebe“, wäre genial, wenn er es vollendet hätte. Leider ist Herrndorf vorher gestorben. Das ist bekannt. Das Buch sei eine Art Fortsetzung von „Tschick“ und hat irgendwie auch gar nichts damit zu tun. Da es sich in der Formulierung naturgemäß eher um Fragmente handelt, gelingt es Sandra Hüller in ihrer Live-Performance, die Schwächen des Textes mit ihrer Bühnenpräsenz und brutaler Musik zu überspielen. Die Stärken zelebriert sie sowieso. Kann man hören, muss man aber dranbleiben. (3/5)

Heidemarie Brosche – Mein Kind ist genau richtig, wie es ist

Mein Sachbuch des Monats, also, das einzige, was ich diesen Monat geschafft habe. Das Thema ist ja ganz in meinem Interesse und ganz im Impetus vieler Kinderärzte, auch der populären, wie Renz-Polster oder dem niedergelassen Kollegen Hauch, der ja unlängst ein ähnliches Buch veröffentlichte. Lasst die Kinder, wie sie sind. Sie sind nicht „zu sehr “ so und so oder „zu wenig“ wie auch immer. Zu still. Zu laut. Zu provokant. Zu ungeschickt. Sie sollen Therapien bekommen, sie werden verglichen, die Schwächen werden überhöht und die Stärken nicht gefördert. Brosche geht genau gegen diese Denke vor, jedes Kind ist genau richtig. Während sie im ersten Teil des Buches die Hintergründe beleuchtet, warum unser Zeitgeist genau so ist, wie er ist, ob das alles auch so stimmt, sucht sie im zweiten Teil konkret nach Lösungen: Was ist, wenn die vermeintlichen Schwächen sogar Stärken sind, das wilde Kind in Wahrheit risikofreudig und experimentell, das ruhige Kind abwartend und besonnen. Sie erlaubt nicht alles, ist auch kritisch, auch die Helikoptereltern bekommen ihr Fett weg. Letztendlich ein Plädoyer für mehr Besonnenheit und Normalität in der Individualität. Allen ans Herz gelegt, die mit Kindern schaffen. (5/5)

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(c) Bild bei Flickr/Abhi Sharma (unter Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0) – Lizenz)