Besprich das mal mit deinem Vater

U11

Es ist U11, die Vorsorgeuntersuchung mit ungefähr zehn Jahren. Ein Viertklässler wird von mir untersucht, und ich frage die üblichen Dinge. Was macht der Sport, was die Schule, gibt es gesundheitliche Probleme? Meist sind die Mütter anwesend.
Ich, während der körperlichen Untersuchung: „Ich gucke auch mal kurz dein Genitale an, wenn das ok ist?“
Sven-Simon: „Jaja.“ Er zuckt mit den Schultern.
Meine Aufgabe ist es, den kompletten körperlichen Status zu erheben. Dazu gehört die Untersuchung von Penis und Hoden. Wie ist die Entwicklung, die Jungs sind in diesem Alter noch vorpubertär, aber: Gibt es Vorhautengen, sind die Hoden sauber in den Hodensäcken sichtbar und entwickelt, was macht die Genitalhygiene?
Ich: „Kannst Du denn die Vorhaut zurückziehen? Machst Du das ab und zu, so zum Saubermachen und so?“
Sven-Simon: „Die was?“
Ich: „Die Vorhaut, vorne an Deinem Penis, die Haut.“ Ich blicke fragend zur Mutter. Sie zuckt mit den Schultern.
Sven-Simon: „Äh. Wie jetzt?“

J1

Heute steht eine Jugenduntersuchung an, die J1, vier Jahre später, ein anderer Junge, nennen wir ihn Patrick. Auch bei dieser Untersuchung gehört ein Check des Genitales dazu. Hat die Pubertät schon eingesetzt, das Längenwachstum des Penis, die Größe der Hoden, Schambehaarung. Patrick hat keine Hemmungen und kennt mich schon lange, er lässt mich „mal schauen“, die obigen Fragen, die ich bei der J1 ebenso stelle, beantwortet er souverän.
Patrick: „Klar, Vorhaut. Geht zurück. Alles prima.“ Fragen zu möglichen Sexualkontakten beantwortet er einsilbig. Die Scham überwiegt.

Später beim Gespräch mit der Mutter – auch hier sind in 80% die Mütter dabei – druckst er rum.
Mutter: „Du wolltest noch was fragen.“
Patrick: „Mmmh. Ja. Also.“
Ich: „Frag ruhig, was möchtest Du wissen?“
Patrick: „Ja, also, der Zipfel da unten…“ – ja, er sagt Zipfel – ,“ist ganz schön klein. Im Internet steht was von mindestens vierzehn Zentimeter.“

Tja nun. Immerhin fragt er medizinisches Fachpersonal, um seine Google-Recherche zu verifizieren. Er ist sichtlich verunsichert. Bei der J1 muss man als Jugendarzt häufiger den Dr. Sommer geben. Das ist gut und das ist ok. Und mir hundertmal lieber, als wenn Patrick sich in diesem Alter (13-15 Jahre) Vorbilder auf Pornoseiten sucht. Was er vermutlich schon getan hat.

Wir sprechen zu dritt über Aufklärung, Einfluss von Social Media, falschen Vorstellungen und „body positivity“. Die Mutter ist sehr offen, konnte aber wohl zuhause den Befürchtungen des Jungen nichts entgegenhalten.
Ich: „Hat denn Dein Vater mal mit Dir gesprochen?“
Patrick: „Nö.“
Die Mutter zuckt mit den Schultern.

Väter

Liebe Väter,
Ihr habt Söhne. Ihr habt einen Penis. Ihr habt eigene Sorgen und Komplexe und eine eigene sexuelle Sozialisierung durchlebt. Ihr habt die BRAVO gelesen oder Euch mit Euren Kumpels ausgetauscht. Ihr hattet vielleicht schon ein paar Partnerinnen, auf jeden Fall habt Ihr eine Ehefrau, mit der Ihr Kinder gezeugt habt. Auch wenn Ihr keine medizinischen Experten seid: Damit habt Ihr auf jeden Fall mehr Erfahrung als Euer pubertierender Sohn.

Lasst nicht zu, dass Euer Sohn sich alleine auf die Suche macht im Netz, was normal ist und was nicht. Setzt Euch hin und sprecht mit den Jungs, klärt sie auf über Normalitäten, über Genitalhygiene, Erektionen und Samenergüße.

Das ist Euer Job.

Buchtipps:


Vom Jungen zum Mann – Ein abenteuerliches Bilderbuch für alle Jungen, die ihren Körper neu entdecken: Aufklärungsbuch ab 10 Jahren – Nicole Schäufler

Ganz schön aufgeklärt! – Alles, was man über Aufklärung wissen muss für Kinder ab 11 – Dagmar Geisler, Jörg Müller

Sex Education for Boys: A Parent’s Guide: Practical Advice on Puberty, Sex, and Relationships von Scott Todnem

It’s Perfectly Normal Changing Bodies, Growing Up, Sex, Gender, and Sexual Health von Robie Harris

https://www.loveline.de/ – Das Jugendportal des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit


Unser Buch auf der Seite des Beltz-Verlages

Hier findest du auch unser Buch – direkt zum (Vor)bestellen:
Amazon // buecher.de // Thalia // genialokal.de – und natürlich im Buchhandel deines Vertrauens.


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3 Antworten auf „Besprich das mal mit deinem Vater“

  1. Es gibt ja nicht immer einen Vater. Auch als Mutter kann man mit dem Sohnemann über Masturbation und Co. reden. Bei uns lief es ganz gut, weil ich es kurz vor der Pubertät ansprach bevor ihm alles peinlich wurde 😅

  2. Ich finde auch die Mutter richtig gut. Ihr „Du wolltest noch was fragen“ zeigt, dass auch sie zuhause mit dem Jungen über Sexualität redet.
    Wenn ich mir noch eine Ergänzung wünschen dürfte: Ja, Väter redet mit Euren Söhnen darüber. Aber: Mütter, redet ebenfalls mit Euren Söhnen darüber. Sie überleben es, wenn sie erfahren, dass Ihr blutet, Stimmungsschwankungen habt etc. pp. Das hilft ihnen später im „Umgang“ mit Partnerinnen / Kolleginnen / Mitmenschen 😉

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