Wo ist das Vögelchen?

Wir befinden uns mitten in einer U4-Vorsorgeuntersuchung, der Babybub ist 4 Monate alt, anwesend sind Vater, Mutter, Baby und ich. Nach den üblichen Einstiegsworten, Begrüßungen, Beratungen und Erklärungen beginne ich, das Bobele zu untersuchen. Der Junge, nennen wir ihn Marko, ist ganz begeistert, lautiert und lacht, reagiert und schäkert, wir haben beide so richtig Spaß.

Der Vater kramt in seiner Tasche und holt eine ziemlich fette Spiegelreflexkamera heraus. Und beginnt zu knipsen. Von vorne, von der Seite, von oben, nur das Baby, nur mich, uns beide. Fehlt nur noch, dass er „Komm, Baby, zeig mir Deine besten Posen!“ ruft.

Ich: „Sie dürfen gerne fragen, ob Sie Fotos machen dürfen.“

Mutter: „Ja, genau, Datenschutz!“ Sie lacht. Und der Vater hält mit dem Fotografieren inne.

Ich: „Ganz recht. Sie dürfen gerne fotografieren. Aber fragen könnten Sie schon.“

Vater: „Ok, sorry, also darf ich denn ein paar Bilder machen?“ Er schaut bittend und sieht wohl schon eine große Lücke in seiner Dokumentation klaffen.

Mutter: „Du, ich glaube, der Doktor hat das mehr rhetorisch gemeint. Schließlich kann Dir der kleine Marko ja noch gar nicht antworten.“

(c) Bild bei Flickr/tenaciousme (unter CCBY 2.0 Lizenz)

11 beste Tipps, wenn Ihr einen Termin beim Kinderarzt braucht

Viele Eltern beschweren sich in der Praxis, dass sie kaum durchkommen am Telefon, dass ständig besetzt sei, und nachher in der Praxis sei ja gar nichts los. Liebe Eltern, das liegt am guten Terminmanagement der fMFA, die alle Hände voll zu tun haben, dass Ihr mit Euren kranken Kindern nicht so lange im Wartezimmer sitzen müsst. (Übrigens: Die fMFA am Telefon sitzt woanders, aus Datenschutz und Konzentrationsgründen außer Hörweite)

Dennoch führen wir eine Kinder- und Jugendarztpraxis, es gibt immer unvorhergesehene Zwischenfälle, plötzlich wichtige Fragen der Eltern, die wir beantworten wollen, auch wenn der eigentliche Vorstellungsgrund die Warze am Fuß war.

Hier meine elf besten Tipps beim Terminvereinbaren in der Kinder- und Jugendarztpraxis:

1. First comes first

Wenn Euer Kind über Nacht akut krank geworden ist, und Ihr denkt, es muss noch am gleichen Tag angeschaut werden (Säuglinge, Atemnot, Rote Flaggen) versucht, gleich morgens in der Praxis anzurufen. Denkt nicht, das Telefon wird am Vormittag ruhiger, das ist es in der Kinderarztpraxis nie. Wer zuerst durchkommt, bekommt auch die frühesten Termine, das ist leider Fakt. Wenn Ihr erst am Nachmittag anruft, sind zumeist die Termine für den Resttag bereits vergeben.

2. Wenn es etwas Zeit hat

Nutzt Termine am Folgetag oder zwei Tage später. Seid doch mal ehrlich: Ihr habt doch auch schon viele Erkrankungen gesehen oder habt schon viel von anderen Eltern gehört. Also keine Panik. Wenn es Eurem Kind gut geht, oder das vorliegende Problem schon länger besteht, freut Euch über einen Termin ein paar Tage später. Die fMFA werden mit gezielten Fragen versuchen, die Dringlichkeit einzuschätzen, vertraut darauf. Kleiner Nebeneffekt: Manchmal lösen sich die Dinge von alleine, Absagen geht immer (siehe Punkt 11).

3. Plant lange im Voraus

Impfungen und Vorsorgetermine haben ein großes Terminfenster und lassen sich lange im Voraus planen, nutzt diese Möglichkeit. Wir haben einen elektronischen Terminplaner, Ihr solltet den auch haben (oder wie kann man ein Handy noch nutzen?). Über den Vorsorge- und Terminplaner des BVKJ kann man übrigens via Geburtsdatum noch besser in die Zukunft sehen. Wer zwei Wochen vor Ablauf der Frist einer Vorsorge anruft, bekommt meist keinen passenden oder gar keinen Termin mehr angeboten. Das ist keine böse Absicht: Die Vorsorge wird schlicht nicht bezahlt von den Krankenkassen.

4. Nutzt Mails

Viele Arztpraxen bieten inzwischen auch eMail-Kontakt oder Online-Terminformulare an. Bei uns z.B. kann man auf diesem Weg bequem Rezepte oder Überweisungen bestellen oder langfristige Termine vereinbaren. Da aber keine fMFA extra für Mails abgestellt wird und die Mails ja auch beantworten werden wollen, sollte der eMail-Verkehr jedoch nicht für hochakute Sachen genutzt werden.

5. Kommt vorbei

Klar ist das lästig: Das Kind ist krank, das Telefon besetzt. Wer direkt ohne Termin in die Praxis kommt, muss (so es der Krankheitszustand des Kindes erlaubt) warten, bis ein freier Slot im Terminplaner frei ist. Das kann locker zwei bis drei Stunden Wartezeit bedeuten. Was kein Problem ist: Nutzt diese Wartezeit für was anderes. Geht Einkaufen, geht mit dem Hustinettenbär spazieren (das tut ihm bestimmt gut). Versprochen: Wenn Ihr dann zum jetzt vereinbarten Termin kommt, sitzt Ihr nicht lange im Wartezimmer.

6. Nutzt gezielt Randtermine

Viele Eltern wollen um 10 Uhr kommen, nach dem Frühstück, oder um 14 Uhr, nach dem Mittagessen. Wir bieten Termine bereits ab 7:30 Uhr an, abends an verschiedenen Tagen auch bis 18 oder 19 Uhr. Im Winter ghet es naturgemäß noch länger. Nutzt diese Randtermine, wenn Eure Kinder dann schon/noch wach sind, hier sind auch langfristig schneller Termine zu vereinbaren. Was bei uns niemand versteht: Wenn Eltern einen dringenden Termin für den gleichen Tag möchten, das Kind aber in der Schule ist. Wenige Dinge dürften dies rechtfertigen.

7. Zentrale Terminvergabe

Die Kassenärztlichen Vereinigungen sind verpflichtet worden, in der Zukunft zentrale Terminservicestellen für Facharzttermine einzurichten. Diese Stellen sollen auch Termine organisieren, um überhaupt einen Hausarzt oder Kinder- und Jugendarzt zu finden, wenn man neu in der Stadt ist. Vielleicht keine schlechte Idee (auch wenn wir aus Sicht der Praxisorganisation jammern) – schaut danach. Vermutlich wird die Telefonnummer 116117 hierfür demnächst nutzbar sein.

8. Jugendliche dürfen alleine kommen

Ab 14 Jahre dürfen bei uns Jugendliche alleine in die Praxis kommen. Vielleicht findet sich dann für die Familie schneller ein Termin? Blöd natürlich, wenn die Jugendlichen noch einen Chauffeur brauchen, weil Ihr zu weit weg wohnt.

9. Follow-Up Termine sofort ausmachen

Ihr seid noch mitten im Impfprogramm? Die nächste Vorsorge steht an und Ihr seid zufällig in der Nähe oder sowieso bei uns in der Praxis? Dann am besten sofort den nächsten Termin vereinbaren. Wir machen die Impftermine im Monatsrhythmus, das lässt sich besser planen und merken. Wenn die letzte Impfung eines Zyklus (zB FSME, Hepatitis B oder HPV) erst in einem halben Jahr ist, dann macht trotzdem gleich den Termin aus. Sonst vergessen das alle. Die nächste Vorsorge ist erst in einem Jahr? – egal: Termin machen.

10. Erlaubt uns den Recall

Recall heißt, dass Arztpraxen ihre Patienten an Termine oder anstehende Untersuchungen erinnern dürfen. Werbetechnisch muss das aber vorher vereinbart werden, also erlaubt das doch den Praxen, am besten mit eMail-Adresse oder Handynummer. Dann rufen wir gerne an und erinnern an den nächsten Termin. Garantiert: Ohne lästige Werbeanrufe. Dazu haben wir eh schon genug Patienten.

11. Sagt Termine ab, wenn Ihr nicht kommt

Liebe Leute, kaum etwas in der Planung ist lästiger als Termine, die nicht wahrgenommen werden. Bitte nehmt Rücksicht auf andere und sagt Termine ab, die Ihr nicht wahrnehmen könnt. Das schafft neue Valenzen für andere Patienten. Und wenn es mal sehr kurzfristig ist, weil das Auto spinnt oder Ihr den Termin schlichtweg vergessen habt: Bitte trotzdem melden, das schafft bessere Stimmung als ein einfaches No-Show.

Kein Tipp: Werdet Privatpatienten

Ja, das ist kein Tipp. Auch wenn dies immer wieder und gerne kolportiert wird: Privatpatienten erhalten (jedenfalls in Akutpraxen) keine schnellere, längere oder günstigere Termine. Und sie haben auch keinen Anspruch darauf. Wenn Kinder krank sind, sind sie nicht kranker, nur weil die Eltern sie privat versichert haben. Was jedoch einen Unterschied macht: Termine für Kassenpatienten sind durch so genannte Regelleistungsvolumina begrenzt, d.h. es werden nur so viele Patienten bezahlt, wie wir auch im Vergleichsquartal des letzten Jahres versorgt haben. Sehr vereinfacht ausgedrückt. Deshalb müssen manche Facharztpraxen Kassenpatienten ins nächste Quartal verschieben (so entstehen die Wartezeiten). Für Privatpatienten gibt es diese Begrenzungen nicht, deshalb sieht es nach außen so aus, als ob der Private schneller einen Termin bekommt wie der Gesetzlich Versicherte.

Noch weitere Ideen oder Tipps, wie man gut an Termine kommt? Wie macht es Eure Kinder- und Jugendarztpraxis? Seid Ihr grundsätzlich zufrieden oder gibt es Verbesserungspotential? (Vielleicht finde ich noch das eine oder andere, was ich in unserem eigenen Ablauf ändern kann).

(c) Bild bei pxhere (CCO frei nutzbar)

Zecke 2019*

Ich schreibe ja jedes Jahr irgendetwas zu den Zecken, weil sie so in aller Munde sind,… also, naja, nicht hoffentlich da. Ihr wisst schon: Jedes Jahr verbreitet sich eine gewisse Panik um die kleinen possierlichen Tierchen, es existieren die wildesten Gerüchte und kryptische Handlungsempfehlungen. Das werde ich nicht alles wiederholen. Heute nur die neueste Story zu Zecken und weiter unten meine bisherigen „Werke“ zum Thema. Ab 2020 verlinke ich dann dieses Posting hier und tausche nur die Jahreszahl aus.


Neulich im Notdienst standen gegen 20.30 Uhr Sohn und Vater an der Anmeldung, es gebe eine Zecke zu besichtigen, genauer: Die nicht mehr vorhandene Zecke, denn der Sohn hatte sie schon mit den Fingernägeln entfernt. Ich sah eine kleine rote Stelle, wie bei einem Insektenstich, so siehts eben aus.

Vater: „Ganz übel entzündet, ganz übel, schauen Sie mal.“

Ich: „Naja. Keine Sorge, das ist nur die Reaktion auf den Stich.“

Vater: „… Biss. Zeckenbiss.“

Ich: „Ich dachte, Zecken stechen, aber was weiß ich schon?“

Vater: „Und was jetzt tun?“

Ich erklärte die üblichen Verdächtigen: Das FSME-Virus, die Impfung dafür (hatte der Junge schon bekommen), die Borrelien und worauf zu achten ist, also eine Wanderröte, grippale Symptome, Kopfschmerzen. Ich gab eine kurze Einschätzung des Risikos (eher gering, weil die Zecke schnell entfernt wurde und der Junge geimpft ist).

Vater: „Und was ist mit der Zecke?“

Ich: „Wegen Einschicken? Also das machen…“

Vater: „Nee, nichts einschicken. Wir wissen ja gar nicht wo sie ist.“

Es stellte sich heraus, dass der Junge die Zecke aus Ekel fallen ließ, verständlich, und sie dann nicht wiederfand.

Vater: „Die krabbelt doch noch bei uns rum.“

Ich: „Jaaa? Wahrscheinlich?“

Vater: „Aber das ist doch total gefährlich. Dann beißt sie ja nochmal. Den nächsten. Oder ihn wieder.“ Er zeigt auf seinen Sohn, der sich mit großen Augen ausmalt, was ihm heute nacht im Schlafzimmer blüht.

Ich: „Sie könnten alles absaugen.“

Vater: „Aber reicht das? Man sieht die Viecher doch gar nicht. Und vielleicht kommen die aus dem Staubsauger heraus?“ Die bekannte Angst. Wie bei Spinnen.

Ich: „Ich würde mir da mal keine Sorgen machen.“

Vater: „Aber da muss man doch was machen. Was machen Sie da jetzt?“

Ich: „Äh… Nichts?“

Vater: „Aber da muss man doch was machen? Ist das hier keine Notfallpraxis?“

Ich: „Guter Mann: Ihr Sohn ist erstmal außer Gefahr. Soweit hat er sich selbst gerettet. Der Stich sieht gut aus, da passiert erstmal nichts. Für zoologische Notfälle sind wir leider nicht zuständig.“

Vater: „Warum sind wir dann gekommen?“

Die Antwort blieb ich ihm schuldig.


Zecken und viel Panik – mein ultimatives Blogpost zum Thema. Noch mehr muss man nicht wissen. Erstmal.

Notdienstzecke 2 – eigentlich der Vater von oben, in einer Variante

Notdienstzecke – diesmal eine Mutter, hier gehts ums Untersuchen der Zecke – und wie sinnvoll das ist.

Zehn auf einen Streich – schon vor zehn Jahren im Blog.

(c) Bild in freier Lizenz bei Senior Airman Devin Boyer – *ich wollte schon immer mal ein Bild mit Hundekulleraugen benutzen.

Tut mir leid

„Wissen Sie, sie hat es nicht so mit Männern.“

Die Vierjährige sitzt im Kuschelkreis auf dem Schoß der Mama und weint bereits, als ich durch die Tür komme. Es geht um Fieber, Halsweh, Husten, Schnupfen, das übliche Angebot derzeit.

„Wer geht schon gerne zum Arzt“, sage ich. „Und dann auch noch krank.“

Die Tochter zappelt und windet sich inzwischen, die Mama spricht beruhigend auf sie ein, ich verstehe nicht alles, es ist von „alles nicht so schlimm“ und „gehen nachher Eisessen“ die Rede, alles legitime Aussichten angesichts der töchterlichen Abneigung.

„Jetzt schauen wir mal, wieviel ich untersuchen darf.“

Ich rolle mit meinem Arztschemel Richtung Kuschelrunde, lächele, schäkere, zeige das Stethoskop, den netten Teddy, simuliere mit der mitgebrachten Püppi, erkläre alles genau, was man eben so tut. Je konkreter aber die Untersuchung naht, umso intensiver wird das Weinen. Inzwischen wedeln die Arme, die Mutter geht in Deckung.

„Sie dürfen Sie etwas festhalten, das Shirt hochziehen, dann kann ich abhören.“

Das Kassendreieck wird gelupft, bei uns Kinderärzten eher Gnade des Patienten denn mangelnde Zeit, die Tochter zerrt es wieder runter, hoch die Mama, runter das Kind. Die Beine gehen hoch, die Knie stampfen, ich weiche aus, mache lange Arme.

„So, dann noch Mund und Ohren, Hals abtasten.“

Ich bitte die Mama, etwas die Arme und den Kopf zu halten, um HNO zu untersuchen. Da passiert es. Das Mädchen strampelt, schreit, schlägt um sich, rutscht Mama aus dem Griff und erwischt beinahe gleichzeitig mit der Hand meine Brille und mit dem Fuß mein Knie.

„Tut mir leid, tut mir leid“, ruft die Mutter.

Ich halte mir das Schienbein und sammle die Brille wieder auf, zucke mit den Schultern. Kommt ja häufiger vor.

„Nicht so schlimm“, sage ich. „Kann passieren, Berufsrisiko“, und was ich noch so plappere.

„Tut mir leid, tut mir so leid“, spricht weiter die Mutter.

„Schon ok, schon ok“, sage ich.

Und merke erst jetzt, dass sie gar nicht mit mir spricht, sondern mit der Tochter, die weiter mehr brüllt und schreit als weint:

„Tut mir so leid, mein Schatz, tut mir so leid, dass der Mann Dich untersucht hat. Und dass ich das auch noch zulasse. Aber jetzt ist es ja vorbei. Alles wird gut.“

(c) Bild bei Flickr/Luis Marina (unter CC BY 2.0 Lizenz)

Urlaub steht bevor

Heute gibt es mal etwas Schönes zu berichten, nachdem soviel Twittermüll über ÄrztInnen ausgegossen wird, die darüber schreiben, dass in ihrer Sprechstunde Menschen auftreten, die von anderen begleitet werden. Das Schöne ist: Es steht ein kleiner Frühjahrsurlaub vor der Tür. Keine große Sache, aber immerhin ein paar Tage frei.

Wir haben uns das in der Praxis so angewöhnt: Zwei Woche pro Quartal die Praxis komplett zu schließen. Ok, mal kürzer, mal auch länger (Sommerferien). Der Rhythmus tut dem ganzen Team gut, er scheint dem Überarbeitetsein vorzubeugen, außerdem gibt es etwas zu tun, wenn es nicht ums Kinderretten geht.

Urlaub bedeutet nur „Patientenfreie Zeit“, so wie es das im Studium gab. Vorlesungsfreie Zeit, nicht etwa Ferien. Da konntest Du auch nicht nur Rumsitzen und auf Partys gehen (die gab es sowieso eher während der Vorlesungszeit), sondern es gab Praktika zu absolvieren, in der Medizin „Famulaturen“ genannt, außerdem musste immer etwas vorbereitet werden. Nach dem Staatsexamen war vor dem Staatsexamen. Famulatur kommt übrigens von Famulus, lateinisch Knecht, aber dazu ein anderes Mal mehr.

Heuer ruft die EDV. Oder die Abrechnung. Oder der Wasserhahn im Unisex-Personal-Klo. Oder die EDV. Oder die wichtigen Dokumente fürs Qualitätsmanagement. Oder die EDV. Die ist echt wichtig. In der Praxis haben wir inzwischen zwölf Arbeitsplätze, die gewartet werden wollen, da hat es immer einen Bildschirm, der plötzlich so seltsames Flirren zeigt oder ein Betriebssystem, das in die Jahre kommt, oder einen Drucker, der mal systematisch eingenordet werden muss, weil er nur jedes zweite Rezept druckt.

Die Woche vor dem Urlaub, also jetzt (huch, nur noch drei Tage, also eigentlich zweieinhalb) vergeht stehts am langsamsten, wer kennt das nicht. Die Zeit scheint zäher zu fließen, die Stunden sind derer mehr am Tag. Der Schreibtisch wird voller, ich werde fauler am Abend, ist doch der Reflex vorherrschend, ich komme sowieso im Urlaub mal vorbei, da werde ich das erledigen. Und der Wasserhahn im Personalklo tropft schneller als letzte Woche.

Für die Patienten ist so eine Woche vor dem Urlaub sehr unentspannt, denn mit dem Urlaub beginnt die „Arztfreie Zeit“, jedenfalls die ohne ihren Hauskinderarzt, denn Vertretungen sind selbstredend noch und nöcher organisiert. Die Frequenz der Kindervorstellung steigt mit dem Näherrücken des Urlaubs, so der subjektive Eindruck des Besuchten, es ist sicher nicht so. „Sie sind ja dann im Urlaub“, wird zur ultimativen Erklärung der Patientenvorstellung, als ob ich im Präurlaub verhindern könnte, dass das Bobele periurlaub krank wird. Zu Schulferienzeiten variiert die Ansage übrigens zu „Wir fahren ja dann in Urlaub“. Mit ähnlichem Negativeffekt.

Jedenfalls kommt der Freitag, die letzte Stunde der „Sprechstunde“ (aktuell übrigens näher der Tagesschau denn der heute-Sendung), der letzte Patient, die Papierberge des Schreibtisches werden hübsch ordentlich zu einem zusammengekehrt, alle Heizungen aus, alle PC runtergefahren, Server abgeschlossen. Der Kapitän verlässt als letzter das Schiff, ich werde die Praxis abschließen, auf den kleinen Vorplatz treten, ein Blick in den hoffentlich klaren Nachthimmel werfen und tief durchatmen. Urlaub.

… dass ich wieder vergessen habe, den Anrufbeantworter zu besprechen, wird mir dieses Jahr nicht passieren. Sonst bin ich am Samstag wieder hier.

(C) Bild bei Yinan Chen, publicdomainpictures.net (free download)

Dezembergedanken

Ich bin seit sechzehn Jahren in meiner eigenen Praxis als Kinder- und Jugendarzt tätig, das Zählwerk meines PC-Medizin-Praxis-Programms zeigt über 27000 Patienten an, die sich einmal oder meist mehrmals in dieser Zeit in meiner Praxis vorgestellt haben.

Ich war vorher acht Jahre in einer großen Kinderklinik tätig, habe die letzten 1,5 Jahre nonstop auf der Intensivstation gearbeitet mit teils täglichen Kreißsaaleinsätzen, Mini-Frühgeborenen von 600 Gramm aufwärts und mehreren Reanimationen.

Ich habe sicher ein paar Kinder gesünder gemacht, Eltern beraten und Familien durch Impfungen geschützt. Bestimmt habe ich auch Fehler gemacht und wünschte, dass sie nie geschehen sind, und dass niemand bisher durch mich zu ernsthaftem Schaden gekommen ist. Primum non nocere.

Ich bleibe unsicher. Ich habe morgens weiter Bauchweh. Ich leide, wenn ich kassenärztlichen Notdienst habe. Ich bin verunsichert, wenn ich mich entscheide, das Blut zu untersuchen, weil vielleicht mein eigenes Urteilsvermögen hinkt. Und schwitze, wenn ich die Werte in Augenschein nehme.

Ich vertraue meinem Sachverstand. Ich schwöre auf mein Bauchgefühl. Aber ich misstraue dem Teufel namens Versäumnis, der bitch namens Verpassen und der Stolperfalle namens Übersehen. Die Eltern kommen zu mir, weil sie meinen Fähigkeiten vertrauen. Und wenn ich nun aber einen Fehler mache?

Dann bin ich Mensch.

Ist das so einfach in unserem Beruf? Ist es nicht.

(c) Bild bei pixabay/stockSnap (unter CC0 Lizenz)

Funny Shorty Globuli

Kugeln

.

Mutter: „Sie hat da so einen Erguß hinter dem Trommelfell, deshalb hört sie dann so schlecht, sagt der HNO-Arzt. Wir sollen nochmal in drei Monaten wiederkommen.“
Ich: „Ja, oft gibt sich das von alleine.“
Mutter: „Nein, nein, nicht von alleine, Medikamente haben wir trotzdem bekommen.“
Ich: „Ja, was denn?“ Abschwellende Nasentropfen, Valsalva-Ballon?
Mutter: „So ganz ganz kleine Tabletten.“
Ich: „Aha.“
Mutter: „Ja, die kann man kaum sehen, die rollen auch weg.“
Ich: „Aha.“
Mutter: „Die soll sie unter die Zunge legen, jeden Tag.“ – Die Dreijährige… „Das ist ganz schön schwierig. Dass sie die nicht einfach runterschluckt.“

Zitat HNO-Kollege im Brief über die Behandlung:
„Zunächst konservative Therapie der Tubenbelüftung. Kontrolle in 3 Monaten.“

(c) Bild bei pixabay/Antranias (unter CC0 Lizenz)

Wochenendkarriere

child_girl_crying_little_face_expression_sad_frustration-902582.jpg!d

Eltern machen sich Sorgen, wenn ihre Kinder krank sind. Niemand versteht das besser, als ein Kinderarztvater. Das Folgende erlebte dieses Kind am Wochenende:

Sunja-Marie (2,5 Jahre) hat am Samstag Nachmittag zweimal erbrochen. Die Eltern fuhren mit ihr daraufhin in die nahegelegene Kinderklinik, trafen dort – schließlich war es schon 23:23 Uhr – auf den diensthabenden Arzt der Kinderklinik (Zweites Jahr Pädiatrie).
Untersuchung des Kindes. Eintrag des Kollegen: „Guter AZ, Gastroenteritis. Kind weint viel bei Untersuchung. Keine spezifische Therapie.“
Die Eltern fahren nach Hause. Sunja-Marie liegt um kurz vor 1 Uhr nachts in ihrem Bett.

Am nächsten Tag, Sonntag, isst sie „nichts“, so die Eltern. Auf genaueres Nachfragen am Montag (siehe weiter unten) trank sie morgens eine Flasche Kuhmilch. Aus der Flasche. Kuhmilch. Noch im Bett.
Bis zum Mittag wollte sie nichts essen.
Das Mittagessen verschmäht sie, sie bekommt noch ein Flasche Milch.

Da das Kind auch am Abend „nichts“ gegessen hat, denken die Eltern, man könne mal Fieber messen. Sie hat „Fieber“ (wieder die Eltern am Montag, siehe unten), genauer „Achtunddreißigzwo, im Po“.
Man fährt wieder in die nahegelegene Kinderklinik, diesmal etwas früher am Abend, immerhin 20:15 Uhr, sie treffen auf die diensthabende Kollegin aus der Niederlassung.
Untersuchung des Kindes. Eintrag der Kollegin auf dem Vertretungsschein: „Kind esse nicht. Erbrechen am Vortag. Brüllt während der gesamten Untersuchung. Kein pathologischer Befund. Temperatur normal.“
Die Eltern fahren nach Hause. Schlafen gegen 23 Uhr.

Montag.
Die Eltern fahren mit Sunja-Marie in unsere Praxis. Ohne Termin. Hier verbringen sie zwei Stunden, da zwischen 9 Uhr und 11 Uhr am Montagmorgen üblicherweise in Kinderarztpraxen der Punk abgeht. Allerdings mit geplanten Terminen.
Die Eltern berichten alles, wie oben beschrieben. Auf meine Frage, was ich heute für sie tun kann, da schon zwei Kollegen am Wochenende das Kind gesehen haben: „Sie hat heute morgen nur ein halbes Toast gegessen. Und eine Flasche Milch. Außerdem nochmal checken, ob alles in Ordnung ist.“
Untersuchung des Kindes. Nicht angenehm für Sunja-Marie. Sie möchte keine Ärzte mehr sehen, möchte nicht mehr untersucht werden. Sie macht einen sehr vitalen (also abwehrigen, brüllenden, zornigen) Eindruck. Ich finde nichts Pathologisches an ihr.

Gespräch mit den Eltern über Krankheitsverläufe bei Kleinkindern, mangelndem Appetit, Fehlernährung im Kinderkrippenalter und Versicherung, dass das Kind vermutlich kerngesund sei.

Vater: „Dann kommen wir vielleicht am Mittwoch nochmal. Zur Sicherheit.“

 

(c) Bild bei pxhere (CC0 Lizenz)

Ja, aber… (Achtung: Catcontent)

cat-2013494_960_720

Mutter: „Ja, wir möchten uns gerne eine Katze anschaffen, aber die Lira-Lara reagiert bei der Freundin immer mit Hautjucken, wenn sie da die Katze auf dem Arm hat. Kann man da mal einen Allergietest machen?“
Ich: „Das ist der perfekte Test. Nochmal probieren, wenn sie weiter auf die Katze dort reagiert, können Sie auf einen Test verzichten. Dann sollten Sie sich aber auch keine anschaffen.“
Mutter: „Ja, aber die Kinder möchten so gerne…“
Ich: „Ganz schön hart für ein Haustier, wenn es die Familie wieder verlassen muss, weil jemand allergisch reagiert.“
Mutter: „Ja, aber schön sind Katzen ja schon…“
Ich: „Und nicht ganz ungefährlich. Manchmal bleibt es nicht bei einer Hautreaktion, sondern Ihre Tochter könnte auch mit der Atmung reagieren.“
Mutter: „Ja, aber können wir nicht vielleicht doch…?“
Ich habe abgelehnt. Unsinnige Diagnostik.

Zwei Wochen vergehen…
Fax vom HNO-Arzt: Pricktest durchgeführt. Positiv auf Katze.

Dann hoffe ich doch mal, dass das nächste Fax nicht aus der Kinderklinik kommt: Anaphylaktischer Schock.

(c) Bild bei pixabay/itsneal (CC0 Lizenz)

Quickblogging von heute

My Real Facepalm

Was hatten alle diese Kinder gemeinsam?

– Dreijähriger mit eitrig laufender Mittelohrentzündung
– Fünfjährige mit Ohrenschmerzen (Trommelfell nur rot, Kind aber unter Tränen)
– Viereinhalbjähriger mit Bindehautentzündung
– Vierzehn Monate mit 39,2 Grad Fieber (und Erkältung)
– 12jährige mit Sonnenbrand, also Verbrennung I. Grades am ganzen Rücken

… Na?

Eine/n Mutter/Vater, die/der nach der Anamnese, Untersuchung, Therapie und Beratung die rethorische Fragen stellte:
„Aber heute nachmittag ins Freibad, das geht schon?“

(c) Bild bei Flickr/Joe Loong (unter CC Lizenz BY-SA 2.0)