Kopfstreicheln.

Baby

Mutter: „Wir waren ja auch schon mal beim Osteopathen. Die hat auch gesagt, das Kind ist völlig in Ordnung.“
Wir befinden uns bei der U3, der ersten Untersuchung in der Kinderarztpraxis, ich sehe das Kind das erste Mal, vorher hat die Hebamme das Kind bei der Geburt gecheckt, sodann der kinderärztliche Kollege in der Entbindungsklinik bei der U2.
Es war eine normale Entbindung, der Apgar war wunderbar, das Gedeihen gut.

Ich: „Was hat Sie da hingebracht?“
Keine Ahnung, warum das in den letzten Jahren so zunimmt. Seit Jahrtausenden kommen Kinder ja so auf die Welt. Ok, die Medizin macht Fortschritte, aber leider auch das Geldverdienen damit.

Vater: „Die Hebamme meinte, das sei eine gute Idee, schließlich war es eine lange Geburt.“
… die nach Angaben der Eltern drei Stunden ging, von Eintreffen in der Klinik bis zum Abnabeln.

Mutter: „Und das Geburtstrauma, und so.“
Ich kann mich diesem Begriff so gar nichts anfangen. Es gibt lange Entbindung über mehrere Hebammenschichten hinweg, meine Frau kann auch ein Lied davon singen. OK. Auch eine Saugglockenentbindung ist kein Spaziergang für das Kind. OK. Oder eine Schulterdystokie. OK. Aber eine dreistündige Geburt mit einem anschließenden Apgar von 9/10/10 und einem Nabelschnur-pH von 7,4?

Ich: „Was wurde da gemacht?“
Ich war noch nie bei einer osteopathischen Behandlung dabei. Ich kenne das nur von Videos und Erzählungen der Eltern, aber meist ähnelt es sich ja.

Mutter: „Sie hat so ein wenig am Kopf gestreichelt und am Rücken. Dann noch die Beine ausgestrichen, so nannte sie das. Ist aber alles in Ordnung.“
Ja, das konnte ich bei der U3 auch feststellen. Ein quietschfideles, vitales, lautes Mädchen. Es hat interessiert geschaut, hat sich toll bewegt, konnte den Kopf prima halten, alle Untersuchungsparameter waren perfekt.

Ich: „Das ist doch schön. Hat Sie das dann beruhigt?“
Mutter: „Ja, man ist ja dann schon sicherer, wenn jemand sagt, das Kind ist in Ordnung. Meine Freundin sagte, die Kinder können nach der Geburt ganz schön durcheinander sein. Da kann die Osteopathin helfen.“
Oder die Zeit. Oder eine erfahrene beruhigende Hebamme. Oder die tägliche Routine. Oder die Zeit.

Liebe Eltern.
Lasst Euch nicht anstecken vom Verunsicherungszeitgeist. Kinder kommen in vielen Ländern, in vielen Entbindungskliniken seit vielen Jahren durch Hilfe von vielen Hebammen zur Welt. Ihr Mütter könnt das auf natürliche instinktive Weise sehr gut! Die Kinder schaffen das auch. Geburt ist Stress, keine Frage, aber habt mehr Vertrauen in die Resilienz Eurer Babys. Die halten schon Einiges aus.
„Wir wollen ja nichts verpassen“ als Devise kann ich gut verstehen, mir ging es bei unseren Kinder ähnlich. Aber neu erfundene Diagnosewege für imaginäre Krankheiten, die sich auf wundersame Weise, vulgo dank der Natur, selbst kurieren, verursachen bei Euch nur Unsicherheiten.
Niemand kann wissen, wie unsere Kinder sich entwickeln. Osteopathische Diagnostiken werden ihr Outcome jedenfalls nicht beeinflussen, sondern nur Euren Geldbeutel leeren.

 

(c) Bild bei Flickr/Ann Marie Brasco (Lizenz Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0)

Lasst uns Schwimmen gehen!

 

Wir sind gerade am Meer, und auch hier komme ich an Themen fürs Bloggen. Schwimmen mit Kindern zum Beispiel. Oder besser: Haben Eltern kein Gefühl mehr für die Gefahren der Natur? Also Wasser. Und Meer.

Hier ist samstags Bettenwechsel. Die Ferienhäuser werden verlassen bzw. neu bezogen, man regt sich auf, wie klamm, feucht und muffig, fuselig und staubig die Häuser hinterlassen werden und freut sich trotzdem über die feudalen vier Wände für eine Woche. Alle packen schnell aus und dann, zum Meer! Düne hoch, staunender Blick, das Meer ist stets ein neuer Anblick, aber dann … zieht es hinunter, halb stolpernd, halb rennend, sie reissen sich die Kleider vom Leib und stürzen sich in die Fluten (Ok, am gestrigen Samstag war es etwas frisch, das Hineinstürzen hatte etwas Gebremstes).

Dann ist da diese Familie, Mutter zurückhaltend, hält den Fleece vor der Brust fest verschlossen, es geht eben doch eine steife Brise, der Vater kommt gar nicht hinterher, weil er die Strandmuschelnverpackungen tragen muss. Aber die Omma scheint noch sehr rüstig, mit dem grossen Enkel sprintet sie voraus. Der kleine Enkel wird von der Mutter in Ermangelung einer Badehose – die liegt sicher noch im Koffer im Ferienhaus – , nackt ausgezogen, er rennt der Oma hinterher. „Halt! Warte! Will auch mit!“ Natürlich Deutsche*.

Das Meer. Die Wellen. Ich schätze sie meiner bescheidenen Warte aus auf sicher zwei bis zwoeinhalb Meter, das dürfte es schon sein. Die eigenen Kids können sich gerade so auf den Beinen halten in der Brandung, aber Familie Nackedei mit Oma kennt keine Hemmungen: Der kleine Enkel von vielleicht acht Jahren wird von der Oma über die Dünung ins Tiefe gezogen.

Da rollen die Brecher heran. Erst reisst es der Oma den Enkel aus der Hand, die Rip- und Unterströmungen holen ihn schließlich selbst von den Beinen. Nackedei kommt kurz nach oben, steht auch wieder, denn tief ist es hier nicht, um sofort wieder umgerissen zu werden. Beim nächsten Mal kommt er schon mit eher verstörtem Blick nach oben, Seitströmungen haben ihn jetzt bereits drei, vier Meter von der Oma weggezogen. Jetzt ist das Hochkommen nur noch kurz.

Der Vater hat seine Standmuscheln liegen und geht gelassen auf das Meer zu, um zu sehen, was sein Jüngster da so treibt. Es ist keine Bewegung in ihm, es ist wie Fernsehen. Mal sehen, was passiert. Ich stehe dreissig Meter weiter links, meine Kinder sind aus der Dünung raus, ich laufe los. Aber wer die Situation am schnellsten erfasst, ist  der große Junge. Der rennt nun wirklich, zwanzig oder dreissig Meter durch die Wellen, erreicht den kleinen Bruder vor der nächsten – richtig, aber hallo großen! – Welle und zieht ihn am Arm hoch, hält ihn fest, bevor es sie beide umreisst. Der Große umschließt sein Nackidei-Brüderchen und stapft aus der Dünung heraus, sobald er wieder stehen kann. Sie schaffen es heraus. Auch auf die weite Entfernung ist die Körperhaltung des Kleinen und seiner Eltern voller Angst, als das warme Badetuch ihn umfängt. Jetzt. In Sicherheit.

Eine Dreijährige ist vor zwei Tagen bei München im See ertrunken, nur kurz unbeobachtet. Kinder ertrinken nicht „wie im Film“ mit wasserschlagenden Händen und seewasserspuckendem Schreien, sie gehen einfach unter. Das Nackedei von oben war geschockt von der Macht des Meeres, sein Blick hat nach Hilfe gesucht, gerufen hat er gar nichts. Kurze Momente später, und sein Bruder hätte ihn nicht erreicht. Der Blick muss immer auf die Kinder gerichtet sein, es darf kein „unbeobachtet“ geben. Auch wenn der Sommerkrimi noch so spannend ist, oder die Whats-App-Nachricht gerade geschrieben sein will.

Ob der Kleine schwimmen konnte, blieb wenigstens zu hoffen, auch wenn dies das Meer hier nicht interessierte. Dabei beklagen viele Sportlehrer, dass die Kinder nicht mehr schwimmen können. Deutschland wird zum Nichtschwimmerland. Es gab dann keine Gelegenheit, es zu lernen, viele Schwimmbäder werden geschlossen, Schwimmkurse sind überfüllt, oder zu teuer, oder werden gar nicht angeboten, die Kinder kommen aus Länder, wo sie das Schwimmen nie gelernt haben. In den Schulen fällt der Schwimmunterricht zu oft aus. Vielleicht wäre das mal wieder eine gesellschaftliche Aufgabe, wie vieles in der Gesundheitsprävention: Dass bereits Vorschulkinder einen Schwimmkurs besuchen müssen. Oder zumindest alle Erstklässler.

Am Ende sind jedoch wir Eltern verantwortlich: Aufsehen. Bewußt sein.


*Ist ja gar nicht so schlimm, mit uns Deutschen überall, wir reisen nun mal gerne, nur im Urlaub wollen wir unsereins nicht sehen und bringen uns doch selber mit.

(c) Bild bei kinderdok

Spahn bewegt sich in einem Paralleluniversum


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„Kinder- und Jugendärzte kritisieren Spahn-Pläne

BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach: „Spahn-Vorschlag ist unausgegoren, schadet unseren Patienten und wird Ärztemangel verschärfen!“

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte lehnt den Vorschlag von Gesundheitsminister Jens Spahn ab, Kinder- und Jugenärzte zu längeren offenen Praxisöffnungszeiten zu verpflichten.

BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach: „Die Idee, Kinder- und Jugendärzten verpflichtende offene Sprechstunden vorzuschreiben, zeugt von kaum noch zu überbietender Ahnungslosigkeit. Wir Kinder- und Jugendärzte arbeiten heute schon an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit. Dank des Babybooms in Deutschland versorgen wir Hunderttausend Kinder mehr als noch vor acht Jahren und viel mehr als die veraltete Bedarfsplanung berechnet hat. Und wir versorgen sie gut!!! Eltern mit akut kranken Kindern bekommen in den allermeisten Fällen einen Termin am selben Tag, wenn sie vorher anrufen und kurz ihren Vorstellungsgrund beschreiben. Der Anruf erlaubt es uns, die Patienten so einzubestellen, dass lange Wartezeiten vermieden werden, dass Kinder mit ansteckenden Krankheiten gleich in einen Raum geleitet werden, wo sie andere Kinder nicht anstecken. Die Spahn-Idee bedeutet Chaos pur: Eltern kommen in die Praxen und müssen lange warten, der Kinder- und Jugendarzt oder die -ärztin steht einem Kind gegenüber, von dem er oder sie nicht weiß, warum es in die Praxis gekommen ist, ob es andere Kinder ansteckt etc.
Wir haben Schwierigkeiten, junge Mediziner für die Niederlassung zu gewinnen. Die Spahn-Idee wird auch noch die letzten Ärzte davon abhalten, eine Praxis zu übernehmen. Wir haben Minister Spahn mehrmals Gespräche angeboten, um ihm die Situation in den Kinder- und Jugendarztpraxen zu erklären. Der Minister hat uns bis heute nicht angehört, wir haben ein Papier zur Bedarfsplanung entwickelt, aus dem Ministerium hat niemand darauf reagiert. Wir sind entsetzt, dass wir einen Bundesgesundheitsminister haben, der mit derart unausgegorenen Ideen an die Öffentlichkeit geht. Wir kündigen hiermit Widerstand gegen die Spahn-Pläne an.“
_________________
Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

Noch ein paar erweiternde Fakten aus meiner Praxis (es wird vielen Kollegen so gehen):

– Letzte Woche ca. vierzig echte Sprechstunden-Stunden, das ist der Sommer. Im Winter klettern wir gerne auf 60-70 Wochenstunden hoch. Ausgenommen davon sind Arbeitszeiten für administrative Arbeiten, please add 1-2 Stunden am Abend. (Achja, und Notdienst am Wochenende gibts auch ab und zu)
– Wir haben eine große „Versorgerpraxis“ mit ungefähr 150% über dem Fallgruppendurchschnitt, d.h. ein Kinderarzt versorgt ca. 1000 Patienten pro Quartal, wir liegen ca. bei 1400-1500 Patienten pro Zulassung.
– Eltern, die bei uns anrufen, erhalten bei einer Akuterkrankung in jedem Fall am gleichen Tag einen Termin. Die fMFA sind geschult und entscheiden, ob evtl. ein Termin in einem oder zwei Tagen ebenfalls ausreicht.
– Wartezeiten bei uns für Vorsorgetermine: ca. 2 Monate, für Impfungen ein Monat. Oft impfen wir aber auch spontan, wenn eine aktuelle Impfung ansteht.

– Eine offene Sprechstunde würde das System konterkarieren:
a) De facto gibt es in Hausarztpraxen bereits offene Sprechstunden: Es kommen bereits jetzt 4-5 Patienten ohne Termin, diese würden sich auch nicht an eine „geplante“ offene Sprechstunde halten.
b) Eine offene Sprechstunde füllt sich schnell, wir sehen das im Notdienst – niemand kann die anlaufenden Patienten just in time abarbeiten, bedeutet, dass Patienten, die dann zur Bestellsprechstunde eintreffen, Wartezeiten haben.
c) Offene Sprechstunde bedeutet automatisch Wartezeit für die Kinder, das macht mit kranken Kindern keinen Spass. In unserer Bestellsprechstunde haben wir Wartezeiten in der Praxis von maximal 20 Minuten.
d) Offene Sprechstunde bedeutet Risiko für Infektionen. Eine gute fMFA kann bereits am Telefon die ansteckenden von den gesunden Kindern trennen und diese entsprechend einplanen.

Außerdem
– Ein Geldanreiz für eine offene Sprechstunde wird keinen Arzt locken. Warum auch? Wir können nur einen Porsche fahren (Wo läge der Anreiz? Statt 35 Euro Flatratemedizin pro Patient und Quartal dann 36,49 Euro?)
– Es gibt doch gar keine Nachwuchsärzte, die ein Mehr an ambulanten Sprechstunden abdecken könnten. Politische Verordnungen wie oben schrecken junge Ärzte noch mehr ab, hausärztlich tätig zu werden.
– Unser Gesundheitssystem ist ein „Mitnahme“-System: Viele Patienten verstopfen die haus- und fachärztlichen Termine mit unnötigen Vorstellungen oder Zweit- oder Drittvorstellungen.
– Es fehlt an medizinischer Bildung: Vielleicht setzt sich Herr Spahn mal mit Frau Kollegin von der Bildung zusammen und plant eine Task Force, wie man bereits Kindern und Jugendlichen in der Schule medizinisches Grundwissen und Fakten- statt Meinungscheck vermittelt.
– Medizinische Beratung (!) darf niederschwelliger werden: Warum nicht wieder Kindergarten- oder Schulkrankenschwestern einstellen, die Schulungen, aber auch kleine medizinische Versorgungen durchführen können?

Wir freuen uns bereits auf die offene Sprechstunde im Gesundheitsministerium – ab sofort von 9 bis 10 Uhr, tagtäglich, mit Pflichtanwesenheit des Herrn Minister.

(c) Bild bei Olaf Kosinsky (kosinsky.eu) Licence: CC BY-SA 3.0
via Wikimedia Commons

 

Addendum:

Herr Spahn hat auf einen Tweet von mir geantwortet… und zeigt, dass er weiter der Illusion verhaftet ist, Ärzte brauchen nur Geldanreize, dann machen sie alles mit. Nene, Herr Minister, mit uns nicht:

 

Besuche, wie sie nie stattfinden dürfen*

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Mutter: „Ja, ich wollte mal diesen Ausschlag anschauen lassen.“
Ich: „Oh Gott…“
Mutter: „Wie jetzt?“
Ich: „Das sind Masern!“
Mutter: „Wirklich? Aber sie hat gar kein Fieber.“
Ich: „Ach nein? Dann sind es Windpocken!“
Mutter: „Aber sie hat gar keinen Juckreiz.“
Ich: „Achso… Dann vielleicht Scharlach?“
Mutter: „Aber sie hat gar keine Halsweh.“
Ich: „Ich habe mich geirrt! Es ist Neurodermitis! So!“
Mutter: „Oh nein! Das hatte ich befürchtet. Oh Gottogott.“

Kurze Kunstpause, um das Gesagte sich setzen zu lassen.
Ich: „Ich habe doch nur Spaß gemacht. Das sind…“
Mutter: „…ja?“
Ich: „Ganz normale…“
Mutter: „…ja?“
Ich: „Hitzepickel.“

*Achtung: Satire. Ganz so unprofessionell verhalten wir uns nicht. Aber bei manchen harmlosen Haut“dingen“ sind es genau diese Differentialdiagnosen, die ergooglet werden oder von der besten Nachbarin vom drüben ins Spiel gebracht werden.

In diesem Zusammenhang

(c) Bild bei pxhere (CC0 Lizenz)

Der Fünf-Minuten-Grippeappell

Wir ertrinken in Patienten, in besorgten Eltern, in Husten, Schnupfen, Fieber, „so krank war er noch nie“, „wird denn das gar nicht besser“ und „wir machen uns Sorgen“. Das Personal ist am Limit, selbst dezimiert wegen eigener Rotzenasen oder eigener -kinder, die Kindergärten machen Kleingruppenunterricht oder schließen komplett, weil die Erzieherinnen fehlen. Die Schulen verlangen Krankenatteste wegen der Grippewelle, als merke man dasnichtauchso bei dem Hustengeräuschepegel im Unterricht. Geplante Termine wie Impfungen oder Vorsorgeuntersuchungen versuchen wir auf ruhigere Monate zu verschieben, wenn das geht (aber Säuglings-Us kannst Du eben nur jetzt machen), damit die Gesunden sich bei uns nichts holen, die erhaltenen Termine zu Impfungen und Vorsorgen werden nicht wahrgenommen (aber auch nicht abgesagt), die Kinder waren eben kurzfristig krank (und das Telefon wohl defekt). Die fMFA schichten mit Früh- und Spätdienst, teils mit „Kernzeit“, um den größten Run abzufedern, wir Docs schaffen sogutesebengeht durch, in den letzten drei bis vier Wochen mit einer Wochenarbeitszeit von ca. 50-60 Stunden. Die ersten drei Tage der Woche sind die schlimmsten, kein Feierabend vor 20 Uhr, Montag kommen die „vom Wochenende krank“ und die „Kinder-Krank-Schein“-Nachfrager, Dienstag die Verschobenen vom Montag, Mittwoch die Vertretungen, Donnerstag ebbt es kurz ab und Freitag schließlich die „vor dem Wochenende, falls es schlimmer wird“. Alle sind sie krank, keine Frage, am Telefon versuchen die fMFA, in der Triage die dringlichsten Fälle herauszufiltern, aber wer will das am Telefon schon entscheiden? Sie versuchen, allen Termine zu geben, heute oder gleich morgen, vielleicht erst um Neunzehnvierzig (was sollen wir schon machen), bitten um Geduld und Entschuldigung, bekommen Verständnis und Ungeduld. Auch wenn sich die Fälle wiederholen, auch wenn die Eltern nach den berühmten drei Tagen erneut kommen, weil „immer noch nicht besser“ („ja, aber eine Grippe dauert nun mal sieben bis zehn Tage“ – „ja, schon, aber  können Sie nicht doch ein Antibiotikum…?“), auch wenn für *jede* Familie ihr *eigenes* Kind das wichtigste ist und der Drehpunkt aller Krankheiten:

Leute…! Es. Sind. Alle. Krank. Und alle wollen Rettung.

Und Leute…! Es wird besser. Es wird immer besser. Jedes. Jahr.

(c) Bild bei Flickr/William Brawley (Creative Commons CCBY2.0)

Filterblase: Wenn Eltern anders entscheiden.

Aus aktuellem Anlass mache ich mir wieder mal Gedanken, vorher Eltern Informationen bekommen und wem sie vertrauen und nicht vertrauen. Gerade bei Neugeborenen, wenn es um das Vitamin K, die Fluorid- und Vitamin-D-Gabe und Impfungen geht, vertrauen Eltern gerne anderen Quellen als den Medizinern. Warum ist das so?

Ungefiltert informieren?

Unbestreitbar herrscht Unsicherheit vor, geboren aus Unwissen, schließlich kann man sich nicht über alles informieren oder Informationen filtern. Wenn wir Eltern werden, müssen wir mit einem Mal Experten werden für Dinge, die in den Jahren zuvor völlig unwichtig waren. Wir müssen Pädagogen werden, müssen Mediziner werden, müssen Ernährungswissenschaftler und Pflegekräfte werden. Das überfordert uns. Eigentlich wollen wir Eltern doch nur gesunde Kinder und diese gesund erhalten.

Also fangen wir an zu lesen. Im Internet, in Ratgebern, in offiziellen Broschüren der BzgA oder vom Kinderarzt. Wir bekommen Bücher empfohlen von anderen Müttern, von Hebammen oder über die Amazon-Bestenliste. Alles ungefiltert für uns und vorgefiltert durch andere, wie viele Dinge heutzutage. Schnell entstehen Fakenews, schnell befinden wir uns in einer Filterblase. Ist die Hebamme esoterisch geprägt, bekommen wir entsprechende Bücher, unterhalten uns mit gleich gesinnten Eltern, bekommen wir gleichgesinnte Homepages empfohlen.

Vielleicht ist auch ein bisschen Skepsis oder gar Protest dabei. Die etablierte Medizin ist im gültigen Zeitgeist korrupt, überwissenschaftlich, will alle mit Medikamenten zudröhnen („Vollpumpen“ ist ein beliebter Begriff) und arbeitet undifferenziert, weil schulmeisterlich schulmedizinisch. Wir möchten alles anders. Anders bedeutet heute „natürlich“, natürlich heißt ohne alles, also auch ohne Medikamente, ohne Vitamin K, Vitamin D, Fluorid, Impfungen, Antibiotika, alles Errungenschaften der Medizin, die die Säuglingssterblichkeit haben sinken lassen.

Als Kinderarzt kann ich nur auf Aufklärung setzen. Ich kann informieren, ich kann seriöse Quellen nennen, und steuere trotzdem die Eltern in meine eigene Filterblase, diesmal die wissenschaftliche, aus meiner Sicht natürlich die richtige. So prallen Welten aufeinander, vereinfacht die klischeehaft naturbelassene Hebammenwelt und die klischeehafte Medikamenten-, Maschinen- und Schulmedizinerwelt. Wofür entscheiden sich die Eltern, wenn sie beide Eltern als gleichberechtigt empfinden? Vielleicht für das Vermeiden, für das Nichtstun, für das Weglassen. Es scheint einen Tendenz im Zeitgeist zu geben.

Eine riskante Entscheidung, geboren aus dem Luxus der industrialisierten Welt: Dank der Einführung mancher Prophylaxen, wie Vitaminen, einschließlich der Impfungen, sind unsere Kinder gesünder als vor Jahrhunderten, die Säuglingssterblichkeit hat rasend abgenommen, die Krankheiten sind nicht mehr präsent. Viele Eltern entscheiden aus dem Bauch heraus, meist vom Hörensagen geleitet oder weil N=1 die leitende Statistik war. Beim ersten Kind hat’s doch geklappt, dann kann man es beim zweiten Mal auch so machen. Bei der Nachbarin hat’s funktioniert, also machen wir es auch so. Trifft die alternativ-esoterische Haltung nun noch auf die statistisch-wissenschaftliche (die ja immer fälschbar sei), geht gar nichts mehr.

Paternalismus?

Wir Mediziner neigen zum paternalistischen Verhalten, dem Folgen von Leitlinien, dem Zurschaustellen des Experten, wie wir hoffentlich als Mediziner wahrgenommen werden, und reagieren ungehalten oder unverständig, wenn Eltern sich anders entscheiden. Realisieren wir die Filterblase, in der sich die Eltern befinden, können wir die Denkweise eventuell durchbrechen. Dies braucht Zeit, noch mehr Informationen, aber auch Vertrauen in unsere Empfehlungen.

Ich gebe zu, dass ich in meiner Praxis oft rigoros reagiere: Impfgegner dürfen nach wiederholten Beratungsgesprächen und fortgesetzter Resistenz die Praxis verlassen, wer das Vitamin K bei U3 abgelehnt hat, wird gleich rausgeworfen, ich halte das für unverantwortlich. Da bin ich paternalistisch par excellence. Vielleicht eine Schwäche meinerseits, aber ich kann eben auch nicht aus meiner Filterblase und muss abends noch in den Spiegel schauen können. Ich sehe mich als Anwalt des Kindes. Auch wenn die Eltern die letzte Verantwortung haben, die ich Ihnen nicht abnehmen kann, steht die Empfehlung zum Schutz des Kindes an oberster Stelle (und der Schutz anderer Kinder, wenn wir von Impfungen sprechen).

Vermutlich gibt es keine befriedigende Lösung der Positionen. Ich kann mich als Mediziner, gerade als Kinderarzt, nicht altruistisch der Position ablehnender Eltern beugen, denn beide, Eltern und ich, sehen in unseren Entscheidungen das beste Wohl für das Kind. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber nur in gemeinsamer Überzeugung, die aber immer einer Durchsetzung meiner Meinung gleichkäme.

Patienten und Ärzte sollen heutzutage™️ Partner sein, gemeinsam Entscheidungen für die Gesundheit treffen. Leider sind die Player, auf dem Gebiet der Gesundheit inzwischen so vielfältig, oder sollen wir sie lieber Influencer nennen?, dass es schon lange keine duale Begegnung mehr ist, und damit der informativoffene Austausch zwischen Patient und Arzt kaum noch gelingen kann. Ich persönlich kann nur tagtäglich auf das Vertrauen der Eltern setzen, dass wir Kinderärzte alles zum Wohlergehen und der Gesundheit der Kinder tun, es gibt keine niederen Beweggründe für unsere Empfehlungen.

„Würden Sie das Gleiche empfehlen, wenn es Ihr Kind wäre?“ Aber sicher.

(c) Bild lizenzfrei bei pixabay/Jordan Holiday (Creative Commons CC0)

Die Rettung allen Lebens

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Schon mal von dem Phänomen des „Großen Blutbildes“ gehört? Ärzte lieben es und treffen es tagtäglich in der Praxis an.

Wann immer ein Kind zweimal in vierzehn Tagen krank war, wann immer es ein wenig blässlich um die Nase wirkt, wann immer es zu dick, zu dünn, zu aufgedreht, zu ruhig ist, kommt die Frage nach einer Blutabnahme, nach dem erkenntnis- und heilbringenden Stich. „Ich glaube, sie hat was an der Schildrüse“, „vielleicht ist er ja allergisch“ und „Diabetes gibt es in der Familie“. Die Krönung des ganzen ist dann „Machen Sie doch mal ´Ein großes Blutbild`, wir haben noch nie Blut abgenommen, das kann es doch nicht sein!“

Doch, kann es. Ich hatte einen Oberarzt in der Facharztausbildung der die prägende Regel aufstellte „Untersuche nur das, was nötig ist und kreuze nur an, was Du später erklären kannst“. Anders gesagt: Blut abgenommen wird nur, wenn sich daraus ein Erkenntnisgewinn ergibt. Bin ich im Unklaren, ob es sich um eine virale oder bakterielle Infektion handelt? Habe ich Sorge, dass eine leukämische Reaktion der Grund für die tatsächlich offensichtliche Blässe des Kindes ist? Liegt vielleicht eine Thalassämie vor oder eine andere Anämie? Dann weist mich die klinische Untersuchung des Kindes in die entsprechende Richtung. Denn das kann „Das Große Blutbild“: Das Ergebnis der blutbildenden Organe aufzeigen – rote und weiße Blutkörperchen, deren Größe und Verteilung, die Blutplättchen. Keine Aussage zu anderen Organen, weder Leber, noch Niere, noch Schilddrüse.

Aber woher kommt die Vorstellung, dass das „Große Blutbild“ die Rettung allen Lebens sei? Ich kann mich erinnern, dass bereits meine Mutter vom Arzt kam mit den Worten „der hat ein großes Blutbild gemacht, alles ist gut“. In einigen Ländern ist eine regelmäßige Blutabnahme scheinbar tradiert, in Russland, in Polen wohl auch, keine Ahnung, ob das wirklich so ist, Familien von dort fordern das überdurchschnittlich häufig. Die Italiener suchen gerne nach Anämien, in arabischen Staaten sucht man nach Vitaminmängeln (die man nicht im „Großen Blutbild“ findet“).  (Kennt Ihr übrigens die Brüder im Geiste des „Großen Blutbildes“? – das sind „Die Blutsenkung“ und „Die Blutgruppe“.)

Vielleicht ist es in vielen Praxen wie mit den Rosa Rezepten – wer damit aus der Tür geht, wurde gut behandelt, wer nur ein paar warme Worte bekam und den Hinweis auf frische Luft und Hustentee, kann nicht gesund werden. Um Diskussionen zu verkürzen, macht der friedensliebende Doc eben „g´schwind ´n klaans Blutbuid“. Wenn der Kinderdok hingegen beim Kinde noch nie Blut abgenommen hat, scheint er wohl seine Arbeit nicht ernst zu nehmen.

Blutabnehmen kann traumatisierend für Kinder sein. Impfungen sind es schon genug. Warum soll ich also kleine Löcher in kleine Kinder bohren, womöglich unter Hilfe einer Arzthelferin, nur damit die Eltern zufrieden sind? Nichts anderes ist manchmal eine Blutabnahme: Schmerzen für das Kind, Beruhigung der Eltern. Ein kurativer Aderlaß. Aber ein unnötiger, wenn so inflationär durchgeführt, wie von Eltern gefordert. Bitte überlasst es uns, wann es nötig ist, „Das Große Blutbild“.

(c) Bild bei Flickr/PAHO (unter CC-Lizenz)

Kinderärzten machen Hausbesuche. Aber nicht immer.


Passend zu dem gerade stattfindenden Kinder- und Jugendärztetag in Berlin gab es diese Woche in „Report Mainz“ einen interessanten Beitrag zum Thema Hausbesuch, für uns alle passend wurden die Kinderärzte herausgegriffen: Gute Zielgruppe (Eltern), Leidensdruck (Arme Kinder), unterrepräsentierte Fachärztegruppe in den Standesvertretungen.

Kurz zusammengefasst: Die Patienten haben das Recht auf einen Hausbesuch, letztendlich ohne zu beurteilen, ob dieser überhaupt notwendig ist. Außerdem: Kinderärzte verdienen mehr als genug Geld, also können sie auch die Zeit im Auto verbringen. Als Zeugen der Klageseite präsentieren sich zwei Kinderkrankenschwestern, die natürlich beurteilen können, wie dringend ein Hausbesuch sei, und wie sehr ein Kind darunter leide, in die Praxis zu kommen. Als ob das nicht jede Mutter könnte.

Mein letzter Hausbesuch liegt schon ein wenig zurück. Steven ist ein Kind mit PEG-Sonde und einem Tracheostoma, er wird in einem Heim versorgt, es sind regelmäßig Verbandswechsel unter ärztlicher Aufsicht zu leisten. Wann bin ich noch zu jemandem Hause gefahren? Bei Luise, deren Windpocken so stark waren, dass sie sich nicht von der Couch wegbewegen könnte. Ach ja, dann bei dem Kind nach Plötzlichen Kindstod, eine eher unglücklicher Hausbesuch. Dann noch der Fieberkrampf, das war hier gleich um die Ecke, und im letzten Winter Familie Holzmann, bei der alle drei Kinder an Grippe mit hohem Fieber litten, zudem die Mutter selbst erkrankt war.

Warum machen Ärzte, vor allem Kinder- und Jugendärzte selten Hausbesuche?
– Das technische Equipment aus Hausbesuchen ist unzureichend: Keine Möglichkeit, einen Ultraschall zu machen, Urin unter dem Mikroskop anzusehen oder Blut abzunehmen. Keine fMFA an meiner Seite 🙂
– Licht und Umgebung der Heimstatt sind unzureichend. Den schlafenden Dreijährigen, der im abgedunkelten Zimmer sein Fieber ausschläft, kann ich zwischen Bettlaken und Zudecke untersuchen, optimal ist das nicht. Beurteilung eines Hautausschlags unter „Wohnungslichtverhältnissen“? Forget it.
– Die Präsenzpflicht leidet: Jeder niedergelassene Arzt muss zu den Sprechstunden in seiner Praxis sein. Was, wenn dort ein Notfall eintrifft?
– Wer versorgt die Patienten in der Praxis, während ich auf Hausbesuch bin? Bei 80-110 Patienten im Winter bleibt nur noch „Kurzmedizin“. Ein Hausbesuch kostet mich mindestens 30 Minuten, realistischer dürfte eine Stunde sein, einschließlich An- und Abfahrt.
– Wann ist eine medizinische Notwendigkeit gegeben? Wenn die Eltern das sagen? Vermutlich, denn anders kann es von der fMFA am Telefon nicht beurteilt werden. Aus der Erfahrung, welche „Notfälle“ täglich in die Notfallambulanzen marschieren, sehen wir die Qualität dieser Selbsteinschätzungen. Nicht alle Eltern sind in medizinischen Berufen tätig.
– Vorsorgeuntersuchungen oder Impfungen (vielleicht abgesehen von der U2 während des Wochenbettes) sind nicht medizinisch indiziert als Hausbesuch durchzuführen. Achja: Eine Impfung im Kinderzimmer dürfte übrigens psychologisch „ungeschickt“ sein.

titel-scoyo-lieblinge-blogger-juni-2017Dennoch können Hausbesuche aus sozialpädiatrischen Aspekten sinnvoll sein: Nicht selten triffst Du als Arzt auf überheizte verrauchte Wohnungen, überfüllte Medikamentenschränke oder versiffte Waschbecken in Küche oder Bad suboptimale hygienische Verhältnisse. Viel Input für die weitere familienmedizinische Beurteilung.

Natürlich ist das eine sehr arztzentrierte Perspektive. Ich kann Eltern gut verstehen, deren Kinder sehr krank sind, nicht transportfähig, den Aufwand der Anfahrt scheuen, die Wartezeit in der Praxis usw., und die sich daher einen Hausbesuch wünschen. Wir versuchen das auch einzurichten: Am Abend, in der Mittagspause. In aller Regel halten die fMFA mit mir Rücksprache, ich telefoniere dann mit den Eltern, um die wirkliche Indikation für einen Hausbesuch einzuschätzen.

Schade aber um den „Report“-Beitrag: „Warum Kinderärzte nicht mehr zu ihren kleinen Patienten kommen?“ Das wird leider nicht beantwortet. Das Resumé, der Patient habe ein Recht auf Hausbesuche und basta, greift zu kurz.
Welche Erfahrungen habt Ihr mit einem hausbesuchenden (Kinder-)Arzt gemacht? Oder auch mit der Ablehnung eines Besuches?

Pressemitteilung des BVKJ zu diesem Thema

(c) Bild bei Flickr/Canada Science and Technology Museum (CC Lizenz BY NC ND 2.0)

Masterplan Medizinstudium wieder ohne Kinderversorgung

„Kinder- und Jugendärzte begrüßen Masterplan Medizinstudium, lehnen aber Landarztquote und Beschränkung auf Allgemeinmedizin ab: „Zur ambulanten Grundversorgung gehört auch die Kinder-und Jugendmedizin!“

Bund und Länder haben sich auf einen gemeinsamen Vorschlag zur Reform des Medizinstudiums geeinigt. Der „Masterplan Medizinstudium 2020“ sieht unter anderem eine Stärkung der allgemeinärztlichen Ausbildung vor. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) kritisiert vor allem die unsichere Finanzierung der Reform, die Landarztquote und die Beschränkung auf die Allgemeinmedizin.

BVKJ-Präsident Thomas Fischbach: „Wir begrüßen den Reformplan. Eine größere Praxisnähe des Medizinstudiums, insbesondere die frühzeitige Einbindung von Medizinstudierenden in die ambulante Grundversorgung, dies fordern wir seit langem. Wichtig ist uns dabei die Einbeziehung der Pädiatrie. Wir wollen kein rein ‚allgemeinärztliches Angebot‘! Studierende müssen die Möglichkeit haben, Kinder und Jugendliche in den pädiatrischen Praxen zu betreuen, um die spezifische ambulante Grundversorgung der Kinder- und Jugendärzte kennenzulernen. Die Kinder- und Jugendmedizin ist gemäß SGB V fester Bestandteil der hausärztlichen Versorgung und muss daher ebenso gefördert werden wie die Allgemeinmedizin. Unsere Vorschläge dazu liegen seit Jahren auf dem Tisch. Man hätte sie auch ohne Masterplan umsetzen können.
Ob der Masterplan nun den Mangel an Landärzten behebt, halten wir für fraglich. Aus versorgungspolitischen Erwägungen die Struktur des Medizinstudiums zu ändern und die Zulassung an Bedingungen zu knüpfen, lehnen wir ab. Abiturienten können sich nicht vor Beginn des Studiums festlegen, wo sie später einmal arbeiten wollen. Angehende Ärztinnen und Ärzte sollen sich für die Niederlassung auf dem Land entscheiden, weil sie dort gute Arbeits- und Lebensbedingungen vorfinden. Und die muss die Politik dann auch schaffen.

Als Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte fordern wir den Ausbau der Studienplatzkapazitäten um mindestens zehn Prozent. Nur so kann dem Ärztemangel sinnvoll entgegengewirkt werden. Insbesondere in unserem Fach, in dem viele Kollegen und Kolleginnen innerhalb der nächsten zehn Jahre in den Ruhestand gehen werden. Der Ausbau erfordert Geld. Finanzierungsfragen wurden bei der Beratung des Masterplans ausgeklammert . Für eine Klärung ist es jetzt höchste Zeit.“


Dies ist eine Pressemitteilung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

Kinderärzte arbeiten fachärztlich und allgemeinärztlich, d.h. sie nehmen an der flächendeckenden Versorgung der Patienten gleichberechtigt zu den Allgemeinärzten teil. Umso bedauerlicher, dass sie (wieder einmal) in den Planungen des Medizinstudiums nicht vorkommen.

Etwas zu Allein-, Haus- und Klinikgeburten

shock

Entbindung am Feldweg

Letztens las ich in einem Vorsorgeheft bei der U1 den interessanten Eintrag „Externe Entbindung“, auf Nachfragen bei den Eltern bei U3 die stolze Aussage des Vaters: „Ich habe das Kind auf dem Rücksitz des Wagens entbunden.“
Tolle Sache, oder? Es ist das erste Kind, und die Eltern dachten, wie das ja auch meist ist, beim ersten Kind hätten sie ausreichend Zeit, um mit den ersten Wehen die Entbindungsklinik zu erreichen. Leider war das nicht so.

Trotz einer Fahrt von wenigen Minuten (die Klinik war nur fünfzehn Kilometer entfernt), musste das Paar an einem Feldweg neben der Bundesstraße anhalten, das Neugeborene wollte kommen. Als der Rettungswagen vorbildlich nach zehn Minuten eintraf, war das Kind schon geschlüpft.
Ich habe den Eltern versichert, dass ich, trotz beruflicher Erfahrung, glücklich bin, dass unsere Kinder diesen Akutweg nicht genommen haben. Während der Vater erzählte, schwang Stolz mit, in beiden Blicken der Eltern, aber auch Erleichterung, dass nichts Schlimmes passiert ist.

Hausgeburten?

Ich habe Respekt vor Eltern und Hebammen, die den Weg einer Hausgeburt wählen. Für meine Frau kam das nicht infrage, für mich sowieso nicht, dazu habe ich genug erlebt, was auch unter optimalen Bedingungen in der Klinik schief gehen kann und wie Hausgeburten enden können.
Sehr bedenklich finde ich dabei, dass Hausgeburten als „natürlich“, als „unbelastet“ und „frei“ interpretiert werden, ohne sie im gleichen Atemzug „riskant“ zu nennen. Es mag sein, dass bei Mehrfachgebärenden eine Entbindung zuhause zügig und unproblematisch vonstatten geht. Es mag auch sein, dass Mütter sich in der heimischen Umgebung wohler fühlen – geschenkt, das ist klar, wer ist schon gerne im Krankenhaus? – , und die Betreuung einer erfahrenen Hebamme bei der Hausgeburt ist immer vorausgesetzt. Dennoch kann ich in der heutigen Zeit in der Abwägung aller Umstände kein Übergewicht für eine Hausgeburt sehen.

Es gibt genug Kompromißlösungen: Ambulante Geburten (bei denen die Mutter nach wenigen Stunden wieder nachhause geht), Entbindungen in modernen Mutter-Kind-Zentren (mit Couch, warmen Farben, Wassergeburten usw.), Geburtshäuser mit kinderärztlicher Betreuung oder einer Gynäkologie über die Straße. Warum also die Entbindung im Wohnzimmer?

Genug radikale Meinungen zu dem Thema gibt es ja, ausreichend Vorurteile werden bedient: Die Unpersönlichkeit des Krankenhauses, das „Hinarbeiten“ auf den Kaiserschnitt, vielleicht auch die Angst um Infektionen. Erschreckend, dass die Angst vor „Kind vertauscht“, „Mißbrauch der DNA“ oder „emotionalem Mißbrauch“ ebenso dazu gehören. Sie vernebeln besorgten jungen Eltern den Blick auf die Risiken einer Hausgeburt: Plötzliche Überforderung der entbindenden Hebamme; Herauszögern einer Entscheidung, die Hausgeburt bei Problemen abzubrechen; Depression des Neugeborenen ohne ausreichende pädiatrische Versorgung.

Informationen von Experten

Selbstverständlich muß jedes Paar die Entscheidung, wo das Kind zur Welt kommt, selbst treffen (ja, das ist eine Entscheidung beider, und Väter sollten sich nicht aus der Verantwortung stehlen). Glücklicherweise gibt es inzwischen genug Möglichkeiten, die näheren Entbindungskliniken in „Geburtsabenden“ oder „Tagen der offenen Tür“ genauer in Augenschein zu nehmen. Viel wichtiger halte ich aber das Sammeln von Informationen durch Experten: Durch erfahrene Hebammen, die schon einmal eine riskante Hausgeburt betreut haben, wo nicht alles so glatt lief, von Kinderärzten, die zu Hausgeburten gerufen wurden oder schildern können, was dem Neugeborenen passieren kann und auch die Sicht der Entbindungskliniken, die ja versuchen, die Vorurteile und Sorgen der Eltern abzubauen.
Geburt ist ein natürlicher Vorgang. Dennoch gibt es nicht umsonst in der heutigen Zeit ein medizinisches Netz, um dem Neugeborenen einen sicheren Start zu ermöglichen. Anekdoten in diese oder jene Richtung helfen jungen Eltern nicht.

Das Paar vom Anfang hatte sich klar für eine Geburt in der Klinik entschieden. Auf meine saloppe Bemerkung, beim nächsten Kind stünde dann ja einer Hausgeburt nichts im Wege, der Vater habe doch ausreichend geübt, kam jedoch von beiden die überzeugte Aussage „den Stress einer unsicheren Geburt geben wir uns nicht noch einmal.“

Aus Spiegel online zum Thema Hausgeburt vs. Klinkgeburt

Studie aus dem British Medical Journal, vielfach zitiert, die keinen Nachteil einer Hausgeburt ausmacht – sieht aber den Benefit vor allem bei Mehrfachgebärenden.

(c) Bild bei Flickr/cindy lee photography (CC Lizenz)

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