Zucker gegen Blüten

Mariebelle kenne ich schon, seit sie ein Säugling war. Alle Vorsorge-Untersuchungen haben die Eltern bei uns wahrgenommen, alle Impftermine, wir haben Erkältungsinfekte durchlebt, Fütterprobleme, sogar die massive Trotzphase damals im Kindergarten. Die Eltern waren immer sehr an meiner Meinung interessiert, auch zu Erziehungsfragen, wir haben einen guten Draht.

Die letzten zwei Jahre waren geprägt von Heuschnupfen. Ich schaue mir, bevor ich das Untersuchungszimmer betrete, die Karteikarte durch. 2017 und 2018 kam Mariebelle stets im März oder April, je nach Saison, da liefen die Augen, da juckte die Nase, da juckten die Augen und lief die Nase. Das Kombipräparat aus Nasen- und Augentropfen „did the job“, die antiallergischen Tabletten habe ich nur einmal pro Saison verschrieben, scheinbar brauchte sie die nicht so sehr. Ein Intrakutantest war positiv auf Frühblüher wie Hasel und Erle, wir hatten schon über eine Hyposensibilierung gesprochen, vielleicht dieses Jahr.

Mariebelle sitzt auf der Untersuchungsliege mit rot unterlaufenen Augen, in der rechten Hand zerknüllt sie ein Taschentuch, alle paar Minuten schneuzt sie sich. „Der Heuschnupfen ist da“, denke ich und erinnere das schöne Wochenende zuvor.

„Diesmal hat der Heuschnupfen wieder ordentlich zugeschlagen“, sagt Mama. „Diesmal hilft gar nichts mehr.“

„Was haben Sie denn bisher gegeben?“, frage ich und wundere mich, denn diese Saison hatte ich noch kein Kombipräparat aufgeschrieben. Aber die Mittel sind ja alle frei verkäuflich.

„Dieses, das und jenes“, sagt die Mama und präsentiert Globuli, Schüsslersalze und Euphrasia-Augentropfen. „Nichts funktioniert. Schauen Sie mal, wie sie leidet.“

„Und die Medis der letzten Jahre? Damit kamst Du doch ganz gut zurecht?“, frage ich Mariebelle, die hilfesuchend nach Mama schaut.

„Das ging ja nicht so weiter jedes Jahr. Seit April letzten Jahres waren wir dann beim Heilpraktiker. Wir haben alles gemacht. Die Kügelchen, Eigenbluttherapie, Akupunktur. Mariebelle war ruckzuck beschwerdefrei, nicht wahr Mariebelle?“, die Tochter nickt. Ich denke, naja, die Saison war vermutlich rum, außerdem war der Sommer 2018 so trocken, davon haben viele Heuschnupfer profitiert.

„Und jetzt?“, frage ich.

„Jetzt hilft das alles gar nicht mehr“, Mama schiebt den Beutel mit den Globuli über den Tisch. „Der Heilpraktiker sagt, das liege an der Dysbalance im Darm, und wir sollen jetzt noch eine Darmsanierung durchführen. Außerdem hat er nochmal neue Globuli aufgeschrieben. Schließlich sei der Winter dieses Jahr anders verlaufen als der letzte, da müsse man ja dann andere Wirkstoffe einsetzen.“

Doch, das habe er wirklich gesagt.

„Soll ich Dir nochmal die Augen- und Nasentropfen aufschreiben, die immer so gut gewirkt haben?“, frage ich Mariebelle. Sie nickt bittend.

„Und das mit der Hyposensibilisierung, der Allergieimpfung, was wir letztes Jahr besprochen haben, wollen Sie sich das nochmal für die Herbstzeit überlegen?“ – Die Mama nickt.

Der Mensch möchte gesund werden. Wer Heuschnupfen hat, weiß, wie sehr Mariebelle jedes Jahr leidet. Die Akutbehandlung ist in aller Regel effektiv und problemlos durchführbar. Die neueren Präparate machen auch nicht mehr so müde wie früher. Die Dauerbehandlung mittels Hyposensibilisierung ist da schon etwas aufwändiger und braucht viel Geduld und Durchhaltevermögen, immerhin geht die Therapie über zwei bis drei Jahre.

Globuli, also Behandlung mit ohne Wirkstoff, funktionieren nicht. Das subjektive Verbessern mancher Symptome sind bei Heuschnupfen stets dem Klimawechsel geschuldet oder dem subjektiven Eindruck. Viele Atopiker berichten, dass ihre Beschwerden im Jahr XY völlig verschwunden waren. Bis ein üppiger Frühling zwei Jahre später die Symptomatik zurückbrachte.

Keine Frage: Auch eine Hyposensibilisierung ist nicht der Weisheit letzter Schluss, ob subcutan (als Spritze) oder sublingual (als Tablette). Aber Studien erweisen immerhin eine wissenschaftlich fundierte Chance einer Verbesserung, oder wenigstens Stagnation der Beschwerden. Das Verhindern des allergischen Marsches zum Asthma ist bereits ein Erfolg.

In Mariebelles Fall – wie bei vielen anderen – bedeutete die Schwurbelei eine Verzögerung des Heilungsprozesses, damit eine Verschlechterung der aktuellen Lebensqualität und zukünftig vermutlich auch eine Verschlechterung des gesamten Outcomes der Allergie.

(C) Bild bei Thorsten F/pixabay (lizenzfrei)

Unsere Kinder, unsere Politik – Trump, die AfD und Herbert Renz-Polster (eine Buchkritik)

Wie passend: Nachdem ich diese Woche via Mediathek den Film „Elternschule“ gesehen habe, beendete ich heute das neue Sachbuch von Herbert Renz-Polster, das ich jeder/m ans Herz legen möchte, der/die meint, Kinder weiterhin unter autoritären Gesichtspunkten erziehen zu müssen.

Wer hat geschrieben?

Herbert Renz-Polster (im weiteren HRP 😉 ist kinderärztlicher Kollege und Sachbuchautor und sein Leib- und Seelenthema ist die bindungsorientierte Erziehung. In vielen seiner Bücher schildert er das evolutionsgeprägte natürliche Verhalten von Kindern, und wie wir Eltern damit umgehen können. Alle seine Bücher sind durchdrungen von der Liebe zu unserem Nachwuchs.

Um was gehts denn?

Für HRP ist die politische Entwicklung in Deutschland keine Überraschung: Erziehungsstile, geboren aus Diktaturen und Obrigkeitshörigkeit, gebären ebensolche Kinder, unsicher, ungebunden, verführbar, vulnerabel für Oligarchen und Despoten.

Anfangs bemüht er sehr ausführlich die Historie der Vereinigten Staaten, die Donald Trump möglich gemacht haben. Von der wirtschaftlichen Krise über tradierte Denkweisen hin zu evangelikalem Gedankengut, Trump war eine logische Konsequenz, wenn auch eine überraschende. Es wird die autoritäre Innenwelt beleuchtet, das oben und unten, das hierarchische, das Abwertende und Ausgrenzende, ohne dass Trump gar nicht möglich wäre. Noch schlimmer: So erzogen, geben jetzige Generationen dieses Gedankengut an ihre Kinder weiter. Trumps eigene Biographie spricht Bände.

Dann der Blick in andere Länder. Skandinavien, Asien, Naher Osten, Deutschland und die AfD. Überall, wo Autorität erzogen wird, aus religiösen, gesellschaftlichen oder tradierten Gründen, entstehen Diktaturen. Überall existiert der „autoritäre Doppeldecker“, der aus denen unten besteht, „die sich an vorgegeben Normen und Konventionen orientieren und sich durch ihren Hang zu Konformität, Unterwürfigkeit und ihre Aggressionsbereitschaft“ auszeichnen. Dazu die da oben, „die autoritären Anführer mt Streben nach Dominanz und ihrem Willen zu Kontrolle und Überlegenheit“. Beide eint die „Abwertung und Vorurteile gegenüber denen, die nicht zur eigenen Hierarchie gehören“, vulgo, wer nicht dazugehört, ist dagegen, ist Feind, gehört ausgegrenzt.

Wie ist der Stil?

Schön sind die vielen kleinen Unterkapitel, die den Leser kurz binden und wieder loslassen, das Buch lässt sich so auch in kleinen Häppchen lesen. Mir war der rote Faden etwas zu sehr ausgefranst, der Strich von Trump zur AfD zu wagemutig. HRP versandelt sich in manchen Kapiteln, zuviele Themen werden bemüht, hier kurz noch einen Blick auf Religion, da auf die Bildungsmisere, auf Migration. Keine Frage: Das sind alles Aspekte des Problems, aber entweder hätte es mehr Kürzung bedurft oder (fatal:) ein noch dickeres Buch.

Das Ende beschliessen vierzig (!) Seiten Quellen- und Querverweise, beeindruckende Beweise für die aufwändige Recherche, die Lust machen, hier und da tiefer in die Materie zu gehen.

Summa Summarum

HRP wird erstmals in seinen Büchern so richtig politisch, man spürt den Drang des Autors, dieses Thema der Öffentlichkeit zu präsentieren. Sehr spät im Buch kehrt HRP zu seinem Leibthema, den Kindern, zurück, da hätte ich mir mehr Praktikabilität für Eltern gewünscht, schließlich sind Familien die erklärte Zielgruppe seiner Bücher. Aber vielleicht schürte das zuviel Redundanz aus den Vorgängerbüchern?

Und dies ist vielleicht das Problem: Für wen ist das Buch geschrieben? Für die HRP-Fans, die es auf jeden Fall lesen werden und verwundert sein werden ob der politischen Dimension. Oder für historisch und politisch Interessierte, die sich mit dem Spagat von Kindererziehung zur politischen Gesinnung schwertun könnten.

Die Botschaft ist klar, die Argumentation schlüssig. Leben wir mit unseren Kindern im Vertrauen, in Bindung, ohne Angst oder Autorität, mit einem wachen Blick auf die Welt und vor allem Respekt gegenüber allen anderen Menschen.

(4/5)

Herbert Renz- Polster: Erziehung prägt Gesinnung. Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte – und wie wir ihn aufhalten können.
Kösel-Verlag – Hardcover mit Schutzumschlag, 320 Seiten, 13,5 x 21,5 cm, ISBN: 978-3-466-31116-3

[Das Buch wurde mir durch Random House als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Als HRP-Fan hätte ich es mir aber auch so besorgt.]

Kurzer Haut-Hinweis für zwischendurch

Liebe Eltern, wenn Ihr an Euren Kindern in den letzten Tag irgendeinen seltsamen Ausschlag seht, es dem Kind sehr gut geht und dieser

  • von alleine verschwindet
  • ohne Fieber abläuft
  • nur an manchen Körperstellen zu finden ist
  • bevorzugt am Bauch oder Rücken ist
  • nach kleinen Pickeln aussieht
  • und Ihr heute, gestern oder die letzten Tag in der Sonne, der Wärme, im Wald, auf Gras oder im Schwimmbad wart

dann sind es harmlose Hitzepickel.

Ihr dürft:

  • die Haut abspülen, abduschen, kühlen
  • Salben- und Sonnencremereste entfernen
  • lockere Kleidung anziehen
  • einfache Babylotion oder -milch auftragen
  • und einfach abwarten.

Wenn Punkt Eins von Liste Eins eintritt: Keine Neurodermitis, keine Masern, keine Krätze, keine Windpocken, keine Röteln, keine Hand-Fuß-Mund, keine nichts. Geht lieber ins Freibad, als bei uns im „luftigen“ Wartezimmer zu sitzen.

Neulich in Augsburg

[Irgendwie Werbung], aber eigentlich eine nette Geschichte.

Ich befinde mich gerade in Augsburg und habe an der diesjährigen SkepKon, der Konferenz der Gesellschaft für wissenschaftliche Untersuchung von Parawissenschaften GWUP e.V. teilgenommen. Wie stets: Spannende skeptische Vorträge, nette aufgeklärte Personen, schönes Wetter.

Passend dazu erwischte mich gestern der Heuschnupfen, pünktlich zum Juni, ich kann den Kalender danach stellen. Also zum Apotheker. Ich möchte gar nicht darüber berichten, dass ich mein Standardmedikament Azelastin als Nasen- und Augentropfen kaufen wollte, und der Herr Apotheker mir tatsächlich Livo.cab anbot (was das nicht beinhaltet), auch nicht, dass ich mal wieder eine Packung Taschentücher bekam (Danke für das Goodie, aber damit bin ich ausgerüstet als Pollinotiker).

Apotheker: „Man kann da ja auch sehr gut was mit Homöpathie machen.“

Ich: „Oh weh, ich glaube, da können Sie bei mir nicht landen. Ich bin aktuell zu Besuch in Augsburg zur Skeptikerkonferenz, hier hinten im Kongresszentrum. Da geht es genau um diese Dinge.“

Apotheker: „Ja, ok, dann ist das ja nichts für Sie. Aber viele schwören darauf.“

Ich: „Aber das dürfte wohl eher eine Koinzidenz sein als eine Kausalität.“

Apotheker: „Ja, gut, aber wenn es auch bei Kindern und Tieren wirkt.“

Ich: „Aber nachweislich nicht besser als Placebo. In dem Fall dann eben durch die gute Zuwendung durch die Eltern oder Herrchen und Frauchen. Ist auch gut untersucht, nennt sich dann Placebo-by-proxy.“

Apotheker: „Ach wirklich? Das wusste ich noch gar nicht. Interessant.“

Ich: „So ähnlich wie bei Osa.nit oder Oto.vo.wen. Das geben die Eltern ja nicht alleine, sondern umtütteln die Kinder, streicheln sie, beruhigen sie. Ohrenentzündungen sind doch meist viral bedingt und geben sich von alleine. Gibt die Mama während der Zeit Oto.vo.wen ist die Korrelation extrem gut.“

Apotheker: „Das ist ja sehr interessant. Da habe ich mich noch gar nicht so richtig beschäftigt. Kann man das auch nachlesen?“

Ich: „Aber sicher. Schauen Sie doch mal beim Informationsnetzwerk Homöopathie. Ganz leicht zu finden über Google.“

Apotheker: „Das mache ich. Danke. Wie war das, Netzwerk Homöopathie?“

Ich: „Ganz genau.“

Er bemühte dann noch die Klassiker „Wer heilt, hat Recht“ und „Wenigstens hat es keine Nebenwirkungen“, aber dann wäre ich wohl endgültig zu spät zum ersten Vortrag gekommen.

Infos, Jetzt mit Relaunch der Website: https://netzwerk-homoeopathie.info/

[Ende der Werbung]

Otov… Ohweh!…n, wait and leave…

Ein wenig Hintergrundwissen

Die meisten Mittelohrentzündungen sind viral bedingt. Wie wir alle inzwischen wissen, gehen die meisten viralen Infektionen von alleine wieder zurück, Antibiotika sind hier nicht indiziert. Es gibt ein paar Ausnahmen, so Kinder unter 2 Jahren, schlechter Allgemeinzustand, hier werden Ärzte schneller handeln, oder mangelnde Besserung nach zwei bis drei Tagen, hier muss doch eine bakterielle Superinfektion behandelt werden.

Wir weisen in der Praxis auf ausreichende Schmerzstillung hin. Ohrenweh ist etwas Gemeines, eventuelle Fiebersenkung ist ok, außerdem hin und wieder Nasentropfen, um die Eustachische Röhre und damit das Mittelohr besser zu belüften. Engmaschige Kontrollen in der gleichen Woche, wenn die Ohrenweh nicht zurückgehen, sind selbstverständlich.

Verschiedene Studien und Leitlinien bestätigen dieses Vorgehen. Die Amerikaner nennen das Ganze „Watchful waiting“ oder „Wait and see“, also, das Kind und die Eltern nicht der Ohrenentzündung auszuliefern, sondern wiederholt nachzuschauen, ob Spontanheilung eintritt.

Wichtigste Erkenntnis: Die meisten Ohrenentzündungen (60-70%) klingen ohne Zutun wieder ab.

Diese Spontanremission nutzen Alternativmedizinische Maßnahmen, allen voran wie immer die Globuli, aber auch das allseits angepriesen Oto.vo.wen. Leider wird das letztere Präparat auch in Fach (sic!)-Zeitschriften beworben, scheinbar sind Mediziner eine gute Zielgruppe.

Was ist nun von der Werbung und dem Mittelchen zu halten?

Inhaltsstoffe

Das Präparat wird als homöopathisches Mittel verkauft, also finden sich natürlich entsprechende Verdünnungen in der alkoholischen Lösung, hier nur kurz die deutschen Namen und die ungefähre Menge auf 10ml:

  • Aconitum napellus Dil. D6 — Blauer Eisenhut – 0,075ml, die Verdünnung D6 entspricht einem Faktor von 1:1000000, also sind noch ca. 0,000000075 ml Ursubstanz enthalten.
  • Capsicum annuum Dil. D4 0,075 ml – Spanischer Pfeffer – D4 entspricht 0,0000075 ml
  • Hydrargyrum bicyanatum Dil. D6 0,075ml – Quecksilberzyanid D6 = 0,000000075ml
  • Hydrastis canadium Dil. D4 0,075 ml – Kanadische Orangenwurzel = 0,0000075 ml
  • Iodum Dil. D4 0,075ml – Jod = 0,0000075ml
  • Natrium tetraboracicum Dil. D4 0,075ml- Boraxsalz = 0,0000075ml

Das waren die Homöopathika, es braucht keine Erwähnung, dass hier kaum ein Molekülnachweis erfolgen kann.

Es folgen die Phytotherapeutika

  • Chamomilla recutita Ø 0,225 ml, d.i. die echte Kamille, allerdings auch in einer 44x Verdünnung
  • Echinacea purpurea Ø 0,75ml, der Sonnenhut, immerhin nur 14x verdünnt
  • Sambucus nigra Ø 0,225ml, d.i. Schwarzer Holunder
  • Sanguinaria canadensis Ø. 0,075ml, d.i. Kanadische Blutwurz.

Lassen wir die Homöopathika außen vor, aus naheliegenden Gründen, so sind die Pflanzenbestandteile sicher nachweisbar, aber in so geringer Dosierung vertreten, dass wir eine Wirkung mehr als anzweifeln dürfen. Zudem wird das Mittel in einer Dosierung von 2-15 (d.i. 0,07ml bis 0,6ml) Tropfen mehrmals täglich empfohlen, was die absolute Menge nochmals reduziert.

Zum Vergleich: Im klassischen puren Echinacea-Präparat sind über 2g Presssaft aus Sonnenhutkraut auf 100g Saft enthalten, also 2%, beim vorliegenden Ohrenmittel sind es 0,075%.

Ach ja: Wir haben hier übrigens auch 53 Vol-% Alkohol drin, der Hersteller spricht von 90mg pro 5 Tropfen und relativiert, ein halbes Glas Apfelsaft beinhalte mehr Alkohol. Ich weise daraufhin, dass das Fläschchen mit 10ml immerhin 4,86g Alkohol enthält. Zum Vergleich, ein Schnaps mit 20ml enthält 6,08g, also umgerechnet weniger (10ml Schnaps = 3,04g). Offen wir, dass das Kind das Mittel nicht „ext“.

Werbung

Sehr ärgerlich finde ich stets die Slogans, die die Medizinwerbung begleiten. Es gibt immer einen Hinweis auf die Kosten, hier „budgetneutral auf grünem Rezept“, was suggeriert, Doktors, das Zeug kostet Euch und die Solidargemeinschaft nichts, lasst die Eltern das Zeug selbst bezahlen. Manchmal steht da auch „Erstattungsfähig bis 12 Jahre“, was bei allen OTC-Präparaten auch richtig ist, wenn sie auf Rosa Rezept geschrieben werden. Die Wirksamkeit steigert das aber nicht. Oto.vo.wen wurde die Erstattungsfähigkeit unlängst abgesprochen, wegen fehlender „Zweckmäßigkeit“.

Sehr bedenklich auch das Versprechen „wirkt schnell“, denn eine echte kausale Wirkung darf man bezweifeln, und dass es „analgetisch“ sei. Ich konnte kein potentes Analgetikum in den Inhaltsstoffen identifizieren.

Eine tolle Studie von 2004 (!) wird auf der Werbeseite präsentiert, die eine Reduktion von 81% auf 14% Antibiotikagabe suggeriert, sowie 67% auf 53% Analgetika. Schauen wir die Studie bei PubMed näher an, so finden wir eine offene, prospektive, nicht randomisierte und nicht placebo-kontrollierte Untersuchung. Ein Kommentar erübrigt sich.

Des weiteren sei die Kontrollgruppe „treated either conventionally (free combinations of decongestant nose drops, mucolytics, analgesics and antibiotics)„, also völlig unstandardisiert, während die Verumgruppe „supplemented by conventional medications when considered necessary„, also vermutlich auch mit Nasentropfen oder Analgetika. Überhaupt nicht berücksichtigt wird, bei einer „akuten unkomplizierten Otitis“, was als Indikation genannt wird, gar nichts zu tun und abzuwarten, wie es die Leitlinien seit Jahren empfehlen (s.o.).

Und der Slogan „Oto.vo.wen – and see.“ Wie oben erwähnt, persifliert das den Hinweisspruch der englischsprachigen Empfehlungen und suggeriert, dass nur mit Oto.vo.wen das wait and see funktioniere. Und das ist eben nicht so: Sehr gut geht es auch ohne.

Fazit

Einfache Ohrenentzündungen klingen unter Beobachtung auch ohne Antibiotika in 2/3 der Fälle ab, sind selbstheilend binnen zwei bis drei Tagen. Gibt man in dieser Zeit Oto.vo.wen, ist der subjektiv empfundene Einfluss des Präparates extrem gut. Wieder werden Wirkung und Wirksamkeit vermischt und zufällig gegebene Maßnahmen als kausal wirkend eingestuft.

Liebe Eltern, spart Euch das Geld und erspart Euren Kindern das Plus an Alkohol.

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Weiterlesen: Gericht schließt Homöopathikum als „unzweckmäßig“ aus.

(c) Bild bei pixabay/Anemone123 (Freie Lizenz)

Kein Kind muss schlafen lernen (Eine seltsame BVKJ-Pressemitteilung)

„Herr Doktor, wir sind völlig verzweifelt, die kleine Marie will immer noch nicht alleine in ihrem Bett schlafen.“
„Aber sie ist doch auch erst vier Monate alt.“
„Aber in der Krabbelgruppe schlafen alle schon alleine. Und auch durch.“

„Herr Doktor, was sollen wir nur tun. Der Josip kommt jede Nacht dreimal. Dann weint er ganz viel. Und am Ende lege ich mich zu ihm, dann kann er ruhig schlafen.“
„Schlafen Sie denn dann alle besser?“
„Ja, auf jeden Fall. Dann schlafen wir alle durch.“

„Herr Doktor, seitdem das Baby auf der Welt ist, möchte Emmaluise wieder zu uns ins Bett. Das geht doch nicht.“
„Warum denn nicht?“
„Jedes Kind muss doch irgendwann mal schlafen lernen, oder?

So oder ähnlich fragen viele Eltern in der Praxis nach. Sie suchen dann im Internet nach Hilfe und finden am Ende vielleicht diese Pressemitteilung unseres Berufsverbandes:


„Ein- und Durchschlafprobleme sind häufig bei Kindern. Bereits ein Baby kann, ohne dass es Eltern bemerken, Gewohnheiten entwickeln, die zu Schlafproblemen führen. Schrittweise kleine Veränderungen können dann helfen, dieses Verhalten zu verändern.

 „Wenn ein Baby sich daran gewöhnt hat, nur einzuschlafen, wenn Vater oder Mutter neben ihm liegt, so fordert es dieses Ritual immer ein – auch wenn es zwischendrin aufwacht. Hier sollten Eltern das Kind schrittweise ‚entwöhnen‘. Dabei sollte ein Elternteil anfangs nicht mehr im Bett liegen, sondern auf dem Bett sitzen, dann zu einem Stuhl wechseln, um schließlich ganz aus dem Zimmer zu gehen und das Kind alleine einschlafen zu lassen“, erläutert Prof. Dr. Hans-Jürgen Nentwich, Kinder- und Jugendarzt sowie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats beim Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) das Vorgehen.

Eltern sollten sich über das Schlafbedürfnis in den verschiedenen Altersstufen informieren und bei individuellen Unterschieden von ihrem Kinder- und Jugendarzt beraten lassen. Über das individuelle Schlafbedürfnis eines Kindes kann die Dokumentation des Schlafverhaltens Auskunft geben. Viele Eltern wissen zum Beispiel nicht, dass es normal ist, wenn Vorschulkinder etwa 20 Minuten und Grundschulkinder und Jugendliche etwa 30 Minuten brauchen, bis sie einschlafen können. „Bei größeren Kindern ist es u.a. wichtig, dass sie das Bett nur zum Schlafen nutzen und nicht für andere Aktivitäten, wie z.B. fernsehen oder Hausaufgaben machen“, erklärt Professor Nentwich. Entspannung kann das Einschlafen erleichtern. Bei kleinen Kindern kann eine Kindermassage schlaffördernd wirken und bei größeren Kindern die progressiv Muskelentspannung nach Jacobson, manchmal ist auch eine kognitive Verhaltenstherapie zielführend.

Folgende Maßnahmen gehören zu einer guten Schlafhygiene:

  • Regelmäßige Schlaf-Wach-Zeiten einhalten.
  • Vor dem Einschlafen gleichbleibendes Ritual pflegen (z.B. Vorlesen, Vorsingen usw.)
  • In der letzten Stunde vor dem Zubettgehen Reizeinwirkung verringern (keine lauten Geräusche, kein grelles Licht usw.).
  • Für eine ruhige und abgedunkelte Schlafumgebung sorgen. Wenn Kinder in der Nacht aufwachen, sollten Eltern ebenso auf geringe Reizeinwirkung achten.
  • Ab fünf Jahren sollten Kinder nicht mehr tagsüber schlafen. Wollen Jugendliche sich kurz hinlegen, sollten sie dies nicht am späten Nachmittag und maximal nur für 20 bis 30 Minuten tun.
  • Leiden Kinder unter länger anhaltenden Schlafstörungen oder/und zeigen ungewöhnliche Verhaltensweisen im Schlaf, sollten Eltern in jedem Fall mit ihrem Kind zum Kinder- und Jugendarzt.

Dies war eine Pressemitteilung des BVKJ –

Welche Erfahrungen habt Ihr mit Ritualen, Schlafproblemen und „Guten Ratschlägen“ von allen Seiten gemacht?

Wer gab den entscheidenden Hinweis? Geht Ihr mit Schlafproblemen zum Kinderarzt?

Ich persönlich finde vor allem den ersten Absatz des „wissenschaftlichen Beirats“ bedenklich, dass wir wieder zurückkehren zum „Entwöhnen“ der Babys, zurück zu „Jedes Kind kann Schlafen lernen“. Das ist doch sehr anachronistisch, oder? Es ist sehr schade, dass eine Institution wie unser Berufsverband solche Empfehlungen abgibt.

Schließlich ist es auch Teil der Vorbeugung des Plötzlichen Kindstodes, dass vor allem Säuglinge im Schlafzimmer der Eltern schlafen sollen. Aber das alleine ist es ja noch gar nicht: Zuviel Druck lastet auf den Eltern, wenn ihnen suggeriert wird, dass Kinder ab einem bestimmten Alter alleine einschlafen oder durchschlafen müssen. Ich dachte in den letzten Jahren, dass wir uns von diesen alten Vorstellungen gelöst hätten.

Eltern sind jedenfalls in der Praxis sehr beruhigt und viel gelassener, wenn ich ihnen empfehle, eine ureigenen Weg zu finden, wie alle ruhiger schlafen können. Ob das am Ende das gemeinsame Familienbett ist oder das Schlafen im eigenen Bett und eigenen Zimmer, bleibt doch jeder Familie selbst überlassen, oder? Es hakt immer erst dann, wenn ein Part schlechter wegkommt: Wenn die Kinder nicht schlafen können oder auch die Eltern. Im schlimmsten Fall beide. Echte Schlafprobleme, wie sie in der Pressemitteilung suggeriert werden, entstehen nicht durch das Co-Sleeping, sondern durch andere Probleme oder Schwingungen in der Familie.

Etwas mehr Gelassenheit würde der Diskussion auf jeden Fall gut tun, die Wissenschaft sollte man hier besser nicht bemühen, es geht doch vielmehr um Nähe, Beziehung und Geborgenheit.

Mehr dazu:Renz-Polster zum „Durchschlafen“

(c) Bild bei PublicDomainPictures/ Petr Kratochvil (unter CC0 Lizenz)

Entwicklungsstörungen und Heilmittelverordnungen – die Jungen kommen wieder mal schlechter weg

Mehr Entwicklungsstörungen, weniger Heilmittel

Über Twitter kam letztens ja eine Meldung der AOK über die Heilmittelverordnungen im Allgemeinen und die Unterschiede bei Jungs und Mädchen im Speziellen. Die gute @KindundKittel fragte herum, wie denn die Meinung bei uns Kinderärzten dazu sei. Twitter im Allgemeinen hat sich natürlich auch dazu geäußert.

Jeder kann ja den Artikel lesen, dennoch eine kurze Zusammenfassung:

  • Die Zahl der diagnostizierten Entwicklungsstörungen bei Schulanfänger hat im Zehnjahreszeitraum zugenommen (2008 27,5% auf 2017 34,8%)
  • Im gleichen Zeitraum haben die Heilmittelverordnungen in geringerem Maße zugenommen (2008 15,6% auf 2017 16,9%). Seit 2015 seien die Verordnungen sogar zurückgegangen.
  • Spitzenreiter der „Zunahme“ sei Hamburg, am unteren Ende stünden Schleswig-Holstein, das Saarland und Bayern, hier gibt es einen Rückgang.
  • Unterschiede Jungen zu Mädchen: 2017 wurde bei Jungs in 41,3% eine Entwicklungsstörung festgestellt, bei den Mädchen hingegen nur bei 27,8%. 17,8% der Jungen erhielten Therapie bei nur 10,7% der Mädchen. Eine andere Zahl: 2017 waren 60% der AOK-Heilmittelpatienten im Kindesalter bis einschließlich 14 Jahren – Jungen.

Das Forschungsinstitut der AOK WIdO diskutiert diese Zahlen recht vorsichtig. Man sei primär zufrieden über den Rückgang der Therapien, dies liege daran, „dass Ärzte sehr genau hinschauen, wie sich ein Kind rund um die Einschulung entwickelt und wann es therapeutische Begleitung braucht“, sagt Helmut Schröder, stellvertretender WIdO-Geschäftsführer. „Gleichzeitig wandeln sich die Anforderungen von Schule und Elternhaus an die Kinder sowie das ärztliche Diagnoseverhalten und die Therapiemöglichkeiten.“

Gibt es eine Vorfilterung, eine ungenannte Bias?

Sehr gut beobachtet, sehr gut geschlussfolgert. Ich denke auch, dass solche Zahlen aus verschiedenen Gründen resultieren. Die AOK bekommt ihre Prozente aus den tatsächlichen Heilmittelverordnungen für Logopädie und Ergotherapie, es werden die einzelnen Rezepte gezählt. Dagegen gestellt werden die ICD-Diagnosen, die ihr über die Abrechnungen der Ärzte via KV übermittelt werden. Mehr sagen diese Zahlen nicht.

Welchem Bias unterliegen die erhobenen Zahlen zu der Diagnosen „Entwicklungsstörung“ und „Heilmittelverordnungen“?

  • Die Diagnosen sind Grundvoraussetzung für die Ansetzung von Abrechnungsziffern, die in den letzten Jahren für Kinder- und Jugendärzte möglich wurden, die so genannten sozialpädiatrischen Ziffern. Wurde hier tendenziell mehr verschlüsselt?
  • Entwicklungsstörungen begründen auch die Einstufung eines Patienten als „Chroniker“. Hier sind wiederum die Krankenkassen interessiert: Durch eine hohe Anzahl von Chronikerpatienten erhalten Krankenkassen mehr Geld aus dem Risikostrukturausgleich. Es hat schon Aufforderungen von Krankenkassen an Ärzte gegeben, Patienten mittels Diagnosen zu „upgraden“.
  • AOK-Patienten sind von vornherein gefiltert: Beispielsweise sind Geflüchtete und Asylsuchende in der AOK versichert, auch die Lohnstruktur der AOK-Versicherten dürfte eher im unteren Spektrum liegen. Anders gesagt: Ingenieure sind bei der Techniker, Angestellte der Mittelschicht bei den BKKs, Ärzte und Anwälte privat versichert. Es ist kein Geheimnis, dass Entwicklungsprobleme bei Kindern mit dem Sozialstatus korrelieren.
  • Wie im Artikel schon vermutet: Sicher hat es in den letzten zehn Jahren eine höhere Sensibilität für Entwicklungsstörungen gegeben. Bei ÄrztInnen. Bei ErzieherInnen. Bei LehrerInnen.

Ist das alles hausgemacht? Oder eine Frage des Zeitgeistes?

Aber mal dahin gestellt, dass die Zahlen bereinigt sind und über alle Kinder repräsentativ, wie lassen sie sich erklären?

Es bleibt problematisch, dass im Schnitt ein Drittel aller Erstklässler eine Entwicklungsstörung haben und die Hälfte davon ein Heilmittel benötigen (Kinder, die eine Entwicklungsstörung haben und keine Heilmittel verordnet bekommen haben, finden sich zum einen in der Gruppe der geringen Störungen, die einfache Flrdermaßnahmen, z.B. aus dem pädagogischen Bereich bekommen oder bei sehr schwer entwicklungsgestörten Kinder, die z.B. in Betreuungseinrichtungen sind).

Ist dies ein Strukturproblem? Eine Frage der Förderung in Elternhaus und/oder der Kindertagesstätten? Oder eine Frage des Zeitgeistes, dass beispielsweise Kleinkinder viel früher mit Passivmedien wie Handys in Kontakt kommen? Oder der vielzitierte Mangel an freiem Spiel draußen unter Gleichaltrigen ohne ständige Kontrolle durch die Eltern? Werden unsere Kinder zuviel reglementiert in ihrer Entwicklung? Oder durch offene Kindergartenkonzepte mehr beobachtet als gefördert? Oder ist es doch ganz einfach, und unsere Kinder werden von mancher Seite schlechter gemacht als sie sind?

Ich kann aus den Zahlen in meiner Praxen nur feststellen, dass ich mich sowohl in der Diagnosestellung, als auch der Heilmittelverordnung weit unterhalb der o.g. Zahlen bewege. Dies kann natürlich mit der Bevölkerungsstruktur in meinem beschaulichen Örtchen zusammenhängen, vielleicht aber auch mit recht vernünftigen Heilmittelerbringern, hervorragenden Frühfördereinrichtungen und einem sehr guten Netz an sozialpädiatrischer und pädagogischer Versorgung.

Die Jungen entwickeln sich schlechter als die Mädchen

Dennoch bleibt etwas festzustellen: Jungs kommen schlechter weg. Das wird jeder Kinder- und Jugendarzt bestätigen. Bei Twitter wurde vermutet, dass die Anforderungen in Schule und Kindergarten zu sehr auf Mädchen ausgerichtet sei, und keiner beurteilt, ob die Kinder gut Fussballspielen können.

Geschenkt. Denn abgesehen davon, dass IMHO Mädchen sowieso besser Fussballspielen können, gibt es aus meiner Sicht eben keine echte Fähigkeit, die alleine von Jungen oder Mädchen als Alleinstellungsmerkmal beherrscht wird. Die Anforderungen, die unsere Gesellschaft an unsere Kinder stellt, sind vermeintlich feminine Eigenschaften: Konzentriert arbeiten, Funktionieren, Liebsein, gute Körperbeherrschung und elaborierte Sprache. Der stereotype Junge als fussballspielender Rabauke, der keine zwei Worte sauber ausspricht, hat da nur Chance mit Ergo- und Logotherapie. Und er hat immer ein ADHS.

Unsere Förderangebote sollten geschlechterunabhängig sein, um nicht in die Genderfalle zu geraten: Während es hipp ist, Mädchen in klassische Jungenbereiche zu fördern (Girls Days, Fussball, Werken), möchte ich die Jungs sehen, die eine Ballettschule besuchen oder der Mama beim Kochen helfen. Ich bediene hier ein Klischee, ich weiß, aber beim Nachfragen beispielsweise bei der U9 mit fünf Jahren gibt es hier weiterhin eine ganz klare Trennung der Geschlechter, so aufgeklärt sich die Gesellschaft auch geben mag oder so sehr uns das unsere Twitter-Facebook-Filterblase auch vorgaukelt. Nicht alle Familien sind hier im 21. Jahrhundert angekommen.

Die Pathologisierung der Kinder

Ob es nun um das „Upgraden“ von Diagnosen geht, oder dass Kinder in unseren personalschwachen Betreuungseinrichtungen nicht ausreichend gefördert werden können, oder unsere Grundschulen noch immer das Schriftbild als wichtiger ansehen denn die Individualität des einzelnen Schülers: Es wird immer Kinder geben, die schwächer sind als die anderen in diesem oder jenem Bereich.

Pädagogische Fördermaßnahmen sollten immer zunächst ausgeschöpft werden, d.h. die Kitas und Grundschulen sollten personell und finanziell besser ausgestaltet werden, um alle Kinder mitzunehmen. Zuviele Kinder schiebt man in den „kranken“ Bereich, obwohl sie schlicht ein schwache Veranlagung oder eine Teilleistungsschwäche haben, während sie in anderen Bereichen glänzen, die jedoch nicht schulisch relevant sind. Erkennen wir lieber diese Stärken, und stärken wir damit das Selbstbild unserer Kinder.

Jahresrückblick 2018 I – Lesepotpourri Oktober, November, Dezember

Jetzt beginnt die busiest time of the year, das vierte Quartal des alten Jahres und das erste des neuen Jahres, daher sind die Leseergebnisse nicht so üppig ausgefallen wie im Sommer. Hier sind sie:

Der Freund der Toten von Jess Kidd (übersetzt von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel

Ein etwas anderer Krimi. Der Weltenstreuner Mahony reist zurück in das Dorf seiner Kindheit, auf der Suche nach dem Mörder (?) seiner Mutter. Dabei trifft auf die skurrilen und sympathischen und seltsamen Bewohner des Ortes, geht Liebeleien ein und ist doch nur ein Durchreisender. Ein Theaterstück spielt eine Schlüsselrolle, aber es sind vor allem die Toten, die Mahony bei der Suche helfen. Der Typ kann Verblichene sehen, kann sie hören, kann mit ihnen kommunizieren. Ein Gruselfilm ist es trotzdem nicht. Ein paar Längen, aber, wer sich auf die blumige Sprache einlässt, bekommt ein nettes Lesevergnügen serviert. (4/5)

Spademan von Adam Sternbergh (Übersetzt von Alexander Wagner)

Ich war im Oktober in New York und gerne lese ich anderen Orten Krimis aus der entsprechenden location. „Spademan“ war ein Tipp aus Twitterkreisen, und es hat sich wirklich gelohnt. Mir hat der Thriller um den Auftragskiller Spademan sehr gut gefallen, ein Rush durch die Stadt, eine persönlich Aufgabe, die den abgebrühten coolen Typ schnell an die Grenze der Belastung bringen. „Spademan“ spielt irgendwo zwischen der Gegenwart und der weiteren Zukunft, New York ist ein noch größeres Moloch als es jetzt schon ist. Religionswahn und Technik gepaart mit einem schönen hardboiled Krimi noir – jetzt habe ich alle Anglizismen durch. Die Fortsetzung liegt schon auf meinem SuB. (5/5)

Der Teufel von New York von Lyndsay Faye (übersetzt von Michaela Meßner)

Und noch ein Buch, das in New York spielt, jetzt aber in der Vergangenheit des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Es wird die neue Polizei von New York gegründet, das NYPD, ein Flüchtlingsstrom aus Europa schwappt über die Neue Welt und ein Kindermörder treibt sein Unwesen. Der eigentliche Barkeeper Timothy Wilde wird zum Polizisten und Detective ernannt und sieht sich einer Verstrickung aus Bordellbesitzern, Politikern, der Kirche und seinem eigenen Bruder gegenüber. Brilliant und spannend geschrieben, mit viel Lokalkolorit und – natürlich – geographischer Raffinesse, wie NY früher einmal war. Auch hier gibt es Fortsetzungen – ich bin gespannt. (5/5)

Elevation von Stephen King

Ein kleiner schmaler Band des Bestsellerautors und doch ein typischer Stephen King: Eben kein Horror, keine Gruselgeschichte, keine Monster. Und trotzdem eine seltsame Story über den älteren Herren Scott Carey, der … immer mehr Gewicht verliert. Aber das ist nur die halbe Geschichte, denn es geht hier nicht um Magersucht. Im Deutschen heißt das Buch Erhebung, was den Titel nicht hinreichend übersetzt. Es geht um Überhöhung, um Leichtigkeit, um das Verlieren des Bodens unter den Füßen. Nach ein paar Hängern der letzten Jahre mit spannenden, aber durchschnittlichen Krimis, hier ein ganz großer Wurf von Stephen King, eine Novelle, die er aber wohlweißlich nicht in irgendeiner Anthologie versenkt hat, sondern eine eigene Veröffentlichung gönnte. Lesetipp. Wer Sorge hat, dass er dem Trivialen verfällt – einfach den Namen King ausblenden. (5/5)

Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede von Haruki Murakami (Übersetzt von Ursula Gräfe)

Eine nette Sammlung von Geschichten um das Laufen und das Schreiben. Der passionierte Läufer (incl. Marathon) Murakami erzählt aus seinem Leben, wie es zum Laufen kam und zum Schreiben und welche Verbindung es hier gibt. Wohl mehr was für Fans des einen oder des anderen, aber ganz unterhaltsam. Das Buch motiviert zum Laufen, zum Schreiben, zum Lesen von Murakami. Pflicht erfüllt. (4/5)

Alles halb so schlimm von Stephan Nolte

Mal wieder ein Sachbuch zum Empfehlen. Nolte ist ein kinderärztlicher Kollege aus dem Hessischen, der sich in Fachbereichen gerne einmal einbringt mit unorthodoxer Sichtweise auf unseren Medizinbetrieb. So weit, so sympathisch. Er kann gut schreiben, das hat er an anderer Stelle schon bewiesen. Nun legte er ein Buch vor, das jeder Kinderarzt selbst gerne geschrieben hätte: Der Titel ist Programm.

Das Buch soll Eltern vermitteln, dass das Großziehen von Kindern und die Auseinandersetzung mit den Wirrungen dieser Zeit „halb so schlimm“ ist, dass die Eltern wieder mehr auf ihren Instinkt vertrauen und nicht helikoptern sollen. Das Buch versteht sich auch als gesellschaftliche Kritik, am Medizinbetrieb, aber auch z.B. an der frühen Kitaisierung unserer Kinder.

Eine Stern Abzug bekommt Nolte für seine (wenn auch moderate) impfkritische Einstellung und die pseudoverbrämte Liebe zur Homöopathie – mit solch vernünftigen Einsichten sollte sich der Kollege lieber von der Glaubulisierung unserer Eltern abwenden. Keine Ahnung, ob Kollege Nolte meinen Blog kennt, aber so weit voneinander entfernt sind wir vermutlich nicht. (4/5)

Der dunkle Prinz von Enrico Marini (Übersetzt von Monja Reichert)

Ich bin Batman-Fan. Von allen Superhelden ist er mein Hero: Viel Geld, viele Muckis, eine spannende Backgroundstory, die jeder inzwischen kennt, mit dem Joker ein fantastischer Antagonist. Schon oft ist die Geschichte neu gezeichnet oder gefilmt worden. Legendär die peinlichen Auftritte eines Michael Keaton oder Val Kilmer in den 90er (trotzdem Kult!) und die Neuerfindung durch die Nolan-Filme. Und klar: Auch in den Comics gibt es stets neue Versuche. „Der dunkle Ritter“ von Frank Miller setzte Maßstäbe des Genres, nun ein neuer Start von Enrico Marini. Der Joker ist dabei, Harley Quinn und eine sehr persönliche Verstrickung des schwarzen Rächers. Unglaublich gut koloriert mit wunderbar dynamischen Bildern, Panels wie im Film. Ich bin durch und habe nochmal von vorne angefangen. (5/5)

Spirou in Berlin von Flix

Jaaa – der Flix hat ein neues Album veröffentlicht. Naja, das hier ist inzwischen schon älter, aber ich komme doch jetzt erst zum Besprechen. Ich durfte Flix auf seiner Tour sehen (wer noch die Möglichkeit hat: Macht es, es ist ein gaaanz anderes Erleben des Comics), der Mann selbst ist so sympathisch, und das setzt sich in seinen Comics durch. Ich war bisher kein großer Spirou und Fantasio Fan, aber jetzt bin ich am Haken. Es ist alleine eine Auszeichnung, dass die belgischen Lizenzgeber einem deutschen Zeichner diese Verantwortung übergeben, einen „deutschen Spirou“ zu zeichnen – und Flix meistert das mit Bravour. Es macht schlicht Spaß, den Comic zu lesen, versteckte Botschaften zu finden und sich von der Geschichte mitreissen zu lassen. Ein Comic dieses Jahr? Nemmt Spirou in Berlin! (5/5)

Bonus: Meine drei Lieblingsbücher dieses Jahr:

In vier Überblicken habe ich dieses Jahr meine gelesenen Bücher Revue passieren lassen (Hier und heute) – es waren insgesamt 43 Bücher, Hörbücher oder Comics, sicher habe ich noch eines oder zwei vergessen, eigentlich ein mieser Schnitt. Aber meine drei Highlights waren (mit Link zur Besprechungsseite):

Tyll von Daniel Kehlmann

Von dieser Welt von James Baldwin

Die Stadt der träumenden Bücher von Walter Moers

Alles keine Neuerscheinungen in diesem Jahr, aber den Anspruch habe ich ja auch nicht. Viel Spaß im neuen Jahr – lest fleißig, dann bleibt Ihr schlau.

[Der Text enthält so genannte Affiliate Links zu Amazon]

Wieder mehr Streicheln

Wie passend zum Weihnachtsfest ging letztens eine hübsche Meldung durch die Fachpresse: Streicheln reduziert das Schmerzempfinden bei Säuglingen. Als wüssten das nicht alle Eltern instinktiv.

Rebeccah Slater von der Uni Oxford und ihr Team untersuchte Neugeborenen in einer Kinderklinik, denen Blut abgenommen werden musste. Die einen wurden mit einer weichen Bürste gestreichelt, die anderen nicht. Gemessen wurde das Schmerzempfinden über ein Elektroenzephalogramm (EEG) mittels Hirnströme. Zurückzuführen sei die Wirkung auf afferente (also zum Hirn gerichtete) C-Nervenfasern, die so aktiviert die Schmerzreize reduzieren.

Dabei kommt es auf die Frequenz des Streichelns an: Etwa drei Zentimeter pro Sekunde seien das Optimum, so die Forscher, ein schnelleres Streicheln bringt nichts. Damit nun niemand mitzählen muss, wenn gestreichelt wird: Instinktiv würden Eltern diese Frequenz beim Beruhigen einstellen.

Wir ermutigen die Eltern beim Blutabnehmen stets, die Kinder abzulenken, zu liebkosen, und beruhigend auf sie einzureden. Die Nähe der Eltern ist das entscheidende Beruhigungsmittel. Da kann man noch so viel Zuckerlösung anbieten oder betäubende Salben schmieren.

Auch wenn Ihr selbst keine Nadeln sehen könnt, oder denkt, die Anwesenheit der Eltern bei den Blutabnahmen würden die Kinder mit dem Schmerz assoziieren („sonst denkt mein Kind, ich würde das billigen und es nicht beschützen“ OT mancher Eltern) – seid dabei. Die Kinder brauchen Euch.

Streicheln wir wieder mehr. Es tut so gut. Partner, Kinder, sich selbst. So mancher Schmerz kann dadurch gelindert werden. Aber eigentlich tut es immer gut.

Originalarbeit Deniz Gursul et al, Stroking modulates noxious-evoked brain activity in human infants, Current Biology 28, R1365-R1381, Dec 17th, 2018

(C) Bild bei Pixabay/Pexels (unter CC0 Lizenz)

Sprachbegabung dank Mehrsprachigkeit

Spracherwerb: Mehrsprachig aufwachsende Kinder brauchen länger, denn sie lernen mehr

 

„Kinder hören in einer Sprache weniger Worte und Sätze als Kinder, die alles in einer Sprache wahrnehmen. Infolgedessen entwickeln zweisprachige Kinder jede Sprache langsamer, weil ihr Lernen auf zwei Sprachen verteilt ist. Eltern sollten sich deshalb keine Sorgen machen“, erklärt Dr. Ulrich Fegeler, Kinder- und Jugendarzt sowie Mitglied des Expertengremiums des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Dies belegt eine aktuelle Studie der Florida Atlantic University, die in „Child Development Perspectives“ veröffentlicht wurde.

Wichtig ist es allerdings, dass Eltern auf die Qualität der jeweiligen Sprache achten, die die Kinder hören, und mit ihren Kindern viel sprechen. Denn die Geschwindigkeit des Spracherwerbs hängt davon ab, wie viel und was Kinder hören und wie oft sie selbst mit andern üben. Ein Beispiel dafür ist, dass Eltern, deren Muttersprache Spanisch ist, in den USA mit ihren Kindern oft spanisch sprechen, die Kinder aber häufig englisch antworten. Da die Kinder im Spiel mit anderen Kindern oder im Kindergarten englisch sprechen, können sie sich auch in dieser Sprache deutlich besser ausdrücken. Deshalb verstehen diese zweisprachig aufwachsenden Kinder sowohl Englisch als auch das zu Hause gesprochene Spanisch sehr gut, sie erweiterten ihren englischen Wortschatz aber schneller. „Eltern sollten mit ihrem Kind in der Sprache sprechen, die sie am besten beherrschen. Denn Kinder sollten jede Sprache von den Menschen lernen, die darin ‚zu Hause‘ sind. Dabei sollten Eltern aber nicht erwarten, dass ihr Kind beide Sprachen wie seine Muttersprache beherrschen wird“, ergänzt Dr. Fegeler. Aber haben Kinder im Alltag die Möglichkeit, beide Sprachen zu verwenden, unterstützt dies die zweisprachige Entwicklung, so dass sich die Kinder später nahezu perfekt in beiden Sprachen ausdrücken können.

Kinder aus Familien mit ausländischen Wurzeln sind stark gefordert, denn sie sollten die Sprache des Landes, in dem sie leben, gut lernen, um in der Schule erfolgreich zu sein. Aber sie müssen i.d.R. auch die Sprache des Herkunftslandes ihrer Familie beherrschen, um sich mit Eltern und Verwandten unterhalten zu können.“

Quelle: Child Dev Perspect, Dev Sci. , Florida Atlantic University, HealthNewDigest


Eine Pressemitteilung des BVKJ

Ich finde ja, das hat schon philosophische Bedeutung in der internationalen Verständigung – Migration als Erweiterung des Wissens und der Sprachbegabung. Vielleicht sollte die AfD sich dran machen, den Fremdspracheunterricht in den Schulen abzuschaffen, um konsequent in der eigenen Denke zu bleiben.

Gibt es hier Leser, deren Kinder zweisprachig aufwachsen? Habt Ihr ähnliche Erfahrungen gemacht?

Hier auch was dazu