One more thing

hooikoorts / hayfever

Der junge Mann leidet. Die Augen jucken, die Nase läuft, rot sind die Hautstellen unter beidem (medizinisch: periorbital und nasolabial). Der Heuschnupfen hat zugeschlagen, dieses Jahr die dritte Saison in Folge, damit erfüllt er alle Kriterien der chronischen Erkrankung. Die letzten zwei Jahre habe sie sich wohl so durchgerettet, jetzt soll der Arzt Abhilfe schaffen.

Ich untersuche ihn, mache mir ein Bild, finde keine Lungenbeteiligung (Asthma im dritten Jahr wäre richtig Sch…), die Mutter berichtet von der familiären Belastung mit Allergien (es ist immer der Vater, immer der Vater). Ich hole aus, berate zu begleitenden Maßnahmen wie Fenstergeschlossenhalten in der Nacht, Auswaschen der Haare, Kleidung in die Wäsche und dergleichen und spreche über die Akuttherapie. Augentropfen, Nasentropfen, wahlweise -spray, zunächst ein einfaches Antiallergikum, man muss sich auch steigern können. Ich verweise auf die Regelmäßigkeit und Konsequenz der Behandlung, auf das vorbeugende Prinzip: Nicht warten, bis die Allergie je Tag explodiert, sondern morgens gleich Prophylaxe betreiben, wenn die Wetter-App Sonnenschein verkündet.

Rezepte werden verteilt, ein Pollenflugkalender, die Bitte, sich nach der Saison wieder zusammen zu setzen, um eine mögliche Behandlung, eine Hyposensibilisierung, eine „Allergieimpfung“ zu besprechen. Und sich ja zu melden, wenn der „Etagenwechsel“ einsetzt, mehr Husten, Atemnot, Kurzatmigkeit, die Lunge beteiligt ist.

Soweit, so gut.

Merke: Die Behandlung ist erst beendet, wenn der Patient die Praxis verlässt. In der Arztpraxis kommt die entscheidende Frage stets beim Verabschieden, wenn die Klinke schon in der Hand liegt, die berühmte Columbo-Frage: „One more thing. Eine Frage noch.“
Und so auch hier: Wir verabschieden uns schon, Hände werden geschüttelt, da bleibt die Mutter in der Tür stehen. „Eine letzte Frage noch, Herr kinderdok. Ich dachte“, sagt die Mama, „wir versuchen es doch erst einmal mit … Globuli. Ist das ok?“

Keine Ahnung, ob meine Stimmung heute nicht die passende war, ob meine Empathie beim Patienten davor aufgebraucht wurde, ob mir der Junge einfach nur leid tat, jedenfalls:
„Denken Sie wirklich, dass Sie Ihren Sohn in diesem Jahr wirklich mit Zucker behandeln möchten? Wenn Sie ihn jetzt ansehen, wie die Nase läuft, die Augen jucken? Sie haben erzählt, Sie mussten ihn letzte Woche zweimal aus der Schule abholen und beim Fussballturnier am Wochenende habe er auch das Spiel abgebrochen. Ganz ehrlich: Die Verschleppung einer Behandlung, die jede Leitlinie empfiehlt und in jedem seriösen Lehrbuch nachzulesen ist, wäre ein Kunstfehler und eine unnötige Gesundheitsgefährdung.
Nein, Frau Hansen, ich denke, Globuli sind nicht ok!“

 

(c) Bild bei flickr/Marko Raaphorst (CC Lizenz BY 2.0)

Siehe auch: Susannchen

Zecken und viel Panik

grass-1750593_960_720Hurra, die Sonne scheint, und wieder kriechen auf allen Apotheken-Schaufenstern die Zecken in Großformat oder elektronenmikroskopisch verstärkt. Manche Arztpraxen hängen die Werbeplakate der Impfstoffhersteller raus, schön mit knallrot eingefärbten Risikogebieten (inzwischen haben wir die Mainlinie von Süden her überschritten), so dass man denken möchte, die Invasion kommt aus dem Osten und dem Süden.

Wir haben in der Praxis auch schon etliche der Viecher entfernt, vor allem aus Ängstlichkeit der Eltern, weniger aus Unvermögen – es wird ja nicht einmal versucht. Dabei kannst Du gar nicht viel falsch machen:

Benutze eine Zeckenzange. Oder Schlinge. Oder Pinzette. Oder die Fingernägel. Ist doch völlig egal, Hauptsache, Du benutzt so etwas, denn dann entsteht Übung. Wer eine Katze oder einen Hund hat, durfte sicher bereits in die Verlegenheit kommen, aber die Entfernung da ist oft einfach, da die Viecher bereits größer voll gesaugter sind. Beim Kind sind sie klein, Du siehst sie schlechter, aber sollst sie früher entfernen, denn jede Sekunde Minute Stunde Tageszeit zählt.
Man setze das Entferninstrument knapp an der Haut an, lieber tiefer als zu hoch und entferne den Holzbock in sanften! Hin- und Herbewegungen. Ein Drehen ist nicht nötig, schon gar nicht 360 Grad nach rechts oder links, Zecken haben kein Gewinde. Bleibt ein Rest stehen – egal. Probier noch etwas, wenn der Patient es zulässt und lass es dann. Meist reißt das Hypostom (der Rüssel) der Zecke ab, dies ist aber kein großes Risiko für eine Infektion.

Nein, Du musst nicht deswegen zum Arzt.
Nein, die Zecke muss nicht untersucht werden.
Ja, Desinfizieren ist ok.
Ja, auch Markieren ist ok (siehe unten).

Zecken übertragen Krankheiten, keine Frage. Deshalb sollen sie ja auch raus. Aber Panikmache ist hier nicht wirklich angesagt.

Das Robert-Koch-Institut beschäftigte sich 2012 sehr ausführlich mit der Problematik der FSME, also der Frühsommer-Meningoenzephalitis, die durch einen Virus übertragen wird. Kommt es zu einer Infektion, also einer Übertragung des Virus auf den Menschen, zeigen nur 10-30% irgendwelche Symptome, alle anderen bleiben asymptomatisch. Man erkrankt grippeähnlich, mit zwei Krankheitsverläufen, mitunter mit schweren Folgeerkrankungen. Daher ist die FSME keine leichte Erkrankung, und wir nehmen sie in der Zeckenzeit als Differentialdiagnostik sehr ernst, auch wenn wir sie nicht kausal behandeln können, da viral.

Selten bleibt die Erkrankung trotzdem – man geht im Landesschnitt von 1,3 Erkrankte auf 100.000 Personen (pro 5 Jahre) aus (mit starken Schwankungen, von 0 Erkrankten in meist städtischen Regionen bis 30 Erkrankten im ländlichen Raum). Zum Vergleich: Die Inzidenz von Masern lag 2017 bei 0,9 Erkrankten auf 100.000 Einwohner (pro Jahr und nicht pro 5 Jahres-Intervall).
Ein Krankheitshäufung findet sich im mittleren Lebensalter, wohl vor allem bei den Spaziergängern und Freizeitsportlern. Kinder erkranken seltener (oder werden hier die Zecken schneller gefunden?), ebenso wie Senioren (vielleicht wälzen die sich auch weniger im Gras).
Ich erinnere in fünfzehn Jahren Niederlassung lediglich ein Kind mit FSME (typischen Symptomen und nachgewiesenem Titeranstieg im Blut).

Dann ist da noch die Borreliose, die deutlich häufiger ist – man rechnet jährlich mit über 200 Erkrankten auf 100.000, mit deutlichen Jahresschwankungen. Zudem ist die Borreliose im gesamten Bundesgebiet verbreitet und kann sogar in Städten auftreten. Vorteil dieser Erkrankung: Sie ist bakteriell und kann mit Antibiotika recht gut behandelt werden. Das Hauptsymptom ist die Wanderröte, zumindest bei Kindern, auch wenn es Fälle gibt, die diese Hauterscheinung nicht zeigen.
Ich möchte nicht auf die Diskussion rund um chronischen Borreliosen eingehen, die in Fachkreisen hoch umstritten sind und eng verknüpft mit Pharmainteressen und auch Verschwörungstheorien. Nichtsdestotrotz gibt es Spätsymptome wie Gelenkentzündungen, die unbedingt auch an eine Borreliose denken lassen müssen.

Eine Panik rund um die possierlichen Tierchen ist aus kinderärztlicher Sicht nicht gerechtfertigt, dennoch empfehle ich in meiner Praxis die FMSE-Impfung. Ich denke, wenn Du einer Erkrankung vorbeugen kannst mit einer gut verträglichen Impfung, so solltest Du das tun. Ich berate zudem ausführlich über Symptome der beiden Erkrankungen, wenn es zu einem Zeckenstich gekommen ist, Grippesymptome treten natürlich auch ohne Zecke nicht selten auf, da braucht es mitunter differentialdiagnostisches Geschick. Die Wanderröte sollte beachtet werden, deswegen auch einen Zeckenstich markieren oder wenigstens sich die Stelle gut merken.

Zum Abschluß… noch ein Bild, weil´s ja alle machen:

Deer Tick - Ixodes scapularis

Anekdoten:
Hilfe! Zecke!
Notdienstzecke
Notdienstzecke 2

(c) Bild bei pixabay/yucki97 (CC0 Lizenz)

Komasaufen

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Und check: Sobald es wieder draußen wärmer wird, fragen die Eltern, wieviel soll denn so ein Kind trinken am Tag? Da gibt es bestimmt tolle Tabellen im Internet und in zahlreichen Gesundheitsratgebern, aber welches Kind hält sich schon daran, was da steht?
Ich antworte lieber: Soviel, wie es Durst hat.

Aber genau da beginnt das Problem: Dies einzuschätzen ist extrem schwer, und: Versteht denn ein Kind, was Durst ist? Schließlich haben wir alle schon bei unseren Sprösslingen beobachten können, dass sie stuuundenlange gar nichts trinken, weil das Spiel gerade so schön ist oder die Freundin so nett. Und wer bekommt nicht Panik, weil das Kind mit Durchfall 24/7 nichts trinken will und droht auszutrocknen?

Als überzeugter Kinderanwalt und Anhänger von Herbert Renz-Polster, der in seinen Büchern stets darauf hinweist, dass nichts von nichts kommt und die Evolution unsere Kinder mehr prägt als wir, sage ich: Kinder spüren sehr genau, wann sie trinken müssen oder nicht. Nur: Wir machen das mal wieder mit unserer panischen Verdurstangst kaputt. Deshalb bekommen Kinder ständig unaufgefordert das Fläschchen hingehalten, deshalb mischen alle Säfte unters Wasser, damit die Flüssigkeitsbilanz aufgepeppt wird und deshalb nerven wir unsere Teenies mit „Trink mal was!“

Es ist wie mit dem Essen: Vor einem vollen Teller wird niemand verhungern, wenn wir Eltern gesundes Essen und Trinken anbieten, sollte sich das Kind bedienen, wie es das selbst braucht.

Bezogen auf das Trinken heißt das daher:
# Säuglinge trinken ab der Beifütterkost zum Essen, sie brauchen nichts „zwischenrein“. # Angeboten wird nur stilles Wasser oder ungesüßter Tee. Keine Säfte.
# Milch ist kein Durstlöscher, sondern eine Mahlzeit. Also: Ab einem Jahr Milchflaschen reduzieren oder abschaffen.
# Möglichst früh die Kinder aus der Tasse oder einem Glas trinken lassen. Übt man das früh genug, geht das problemlos. Aus einer Saugflasche sollte nur Milch kommen, also als Mahlzeit angeboten werden, siehe oben.
# Für unterwegs gibt es Becher mit Auslaufschutz, aus denen man „ganz normal“ trinken kann.
# Bitte keine Fläschchen oder Becher mit Haltegriffen in die Hand drücken, und das Kind sich damit alleine beschäftigen lassen. Es wird nur aus Langeweile trinken, und damit sich zuerst das Durstgefühl und dann die Zähne kaputt machen.
# Dazu gehört auch: Trinken, wie Essen, ist kein Mittel zum Ruhigstellen oder Ablenken. Himmel, die Komasäufer und Brezel- oder Reiswaffelmampfkinder in der Fussgängerzone!
# Ältere Kinder trinken aus dem Glas, klar, sie dürfen fragen oder sich direkt selbst bedienen, aber auch hier: Wer Säfte und süße Sachen zuhause kauft, muss sich nicht wundern, wenn die Kinder nur noch das trinken wollen und dann noch über das Maß.
Schulkinder und Teenies können, wenn sie so in der frühen Kindheit ge“prime“t wurden, problemlos mit Durstgefühl umgehen. Bei uns jedenfalls hat es gut funktioniert.

Viele Beschwerden bei größeren Kindern und Jugendlichen lassen sich auf mangelnde Flüssigkeitsaufnahme zurückführen, Schwindel, Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme, sogar Infektanfälligkeiten, keine Frage. Ein natürlicherer Umgang ohne Panik im frühen Kindesalter könnte diese Probleme bei Älteren eindämmen. Die Kids spüren selbst, was ihnen gut tut, ohne dass der erhobene Zeigefinger sie zum Trinken ermahnt.

(c) Bild bei pixabay/adhadimohd (CC0 Lizenz)

Lesepotpourri Januar – März

Oh, hui, es ist ganz schön was zusammen gekommen in diesen drei Monaten, trotz Grippewellen und unglaublich viel Patienten in der Praxis. Wir hatten nur zwei Wochen geschlossen, vermutlich habe ich da durchgelesen, außerdem liebe ich mein Ritual vor dem Einschlafen, noch zwei oder drei Kapitel des aktuellen Lesestoffes zu verschlingen (während die beste Ehefrau von allen bereits nach zwei Seiten einschläft). Hier meine Bücher dieses Quartals:

Der nasse Fisch von Volker Kutscher
Die Krimis, oder eigentlich Romane mit Krimi von Volker Kutscher rund um den Berliner Kommissar Gereon Rath erfreuen sich großer Beliebtheit, inzwischen sind sie teilweise als Serie verfilmt. Alle lieben die Verquickung aus historischem Berlin Anfang des letzten Jahrhunderts mit Kriminalfällen, der Hauch des aufkommenden Nationalsozialismus und das Lokalflair. Ja, das liest sich ganz nett. Mir persönlich war die Figur Rath zu kompliziert, ich verstand seine Motivationen, dies oder jenes zu tun, nicht so ganz. Starker Beginn, solides Mittelfeld, Ende öde. Hier liegt noch der zweite und dritte Band, aber dafür brauche ich viel Lektürevakuum, und dazu ist der restliche SuB doch zu hoch. (3/5)

Endland von Martin Schäuble
Ein blinder Pick über die Amazon-Kindle-Shop-Seite, kurz in die Leseprobe reingeschnuppert und angefixt. Ein interessanter Roman über ein Deutschland jenseits der AfD, mit abgeschotteten Grenzen und offenem Fremdenhass. Hauptakteure sind ein junger Grenzsoldat und eine Migrantin aus Afrika, deren Wege sich unweigerlich zur Würze des Romans kreuzen müssen. Ein flüssig geschriebener Roman, ein Pageturner, wie die Amerikaner sagen, natürlich enorm konstruiert, mit dem unweigerlichen „Das kann ja so gar nicht sein“-Faktor, aber auch einem „Und wenn es nun doch so wird?“. (4/5)

Das Buch der Spiegel von E.O. Chirovici (übersetzt von Werner Schmitz und Silvia Morawetz)
Ein Literaturagent bekommt ein Manuskript eines Studenten, unvollständig, über seinen Professor an der Uni, dessen Liebesleben, dem Mord an demselben und wie dieser und jener und diese darin verstrickt sind. So far, so complicated. Was das Buch fasziniert, ist das Austersche Spiegeln und Verweben der verschiedenen Erzählstränge, jede Person bringt einen neuen Blick auf die Vergangenheit, Rashomon im Buch, aber doch nicht ganz so sophisticated. Ein Spiel mit der Sprache, und wieder eine Mischung aus Krimi und Erzählung. (4/5)

QualityLand von Marc-Uwe Kling
Nein, ich mochte die Känguru-Chroniken nicht. Mir war das zu redundant, ich konnte dem Hype mit den Hörbücher gar nicht folgen, mir war das zu sehr Schmalspurkabarett. Tut mir leid. Ich bin nicht die Zielgruppe. „QualityLand“ habe ich gelesen, weil ich das Thema reizvoll fand und unausweichlich: Wie wird unsere Zukunft aussehen, wenn wir mit den Likes und Dislikes, der Suche nach digitaler Anerkennung und Selbstoptimierung durch andere (sic!) so weitermachen, wenn das digitale Leben uns komplett steuert. Und das hat Herr Kling wirklich gut umgesetzt, sehr konsequent, sehr überspitzt natürlich, aber bis zum lehrreichen Exzess. Der Gipfel der Digitalisierung ist der Androide-Politiker, der uns die Moral vor die Nase hält und uns zurückführt zur Entsagung. Ob das so funktioniert, ist fraglich, ich hoffe doch sehr auf ausreichend konservative Politiker, die die Übernahme des Lebens durch das Internet zu verhindern wissen. Nieder mit dem Breitbandausbau!
Nette Spielchen mit dem Internet, viele Nerd- und Insiderwitze, das Kängaru kommt leider auch vor und am Ende bleibt ein wenig Hoffnung. Keine Dystopie wie „1984“ oder „Brave New World“, die viel eleganter, dafür nachhaltiger mahnen, „Qualityland“ ist schon eher der Zaunpfahl, aber dennoch: (4/5)

Wo die Löwen weinen von Heinrich Steinfest
Du musst unbedingt mal Heinrich Steinfest lesen, haben sie gesagt. Also gut. Die Amazon-Kritiken waren sich über diesen Roman rund um Stuttgart-21 nicht ganz einig, aber es war der einzige, den die Onleihe hier ausgespuckt hat. Steinfest hat einen tolle Sprache, virtuos setzt er Nebensatz neben Nebensatz, funkelnde Adjektive und nette Pointen am Ende eines jeden Absatzes. Immer fragst Du Dich, ob Du zu wenig intelligent bist, um allen Schlüssen zu folgen. Als Krimi wirklich öde, wenig Spannung, als Seitenhieb auf alles rund um das Thema „Stuttgart-21“ allerdings sehr lesenswert und hübsch analytisch, wer alles seine Finger im Spiel hat. Mal sehen, ob Steinfest noch anderes schreibt, was mich mehr überzeugt. (2/5)

Die Kieferninseln von Marion Poschmann
Stand immerhin auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Außerdem gehts um Japan, was ich an sich schon interessant finde. Also gut: Ein Mann flüchtet sich aus der Beziehung zu seiner Frau nach Japan, um dort auf den Spuren eines Nationaldichters das Land zu Durchreisen, Ziel sind die Kieferninseln, ein mystischer Ort. Er trifft auf eine jungen suizidgefährdeten Japaner, und findet mit diesem den Sinn allen Daseins. Hä?
Ja. Das habe ich am Ende auch gedacht. Schade drum. Ich bin wahrscheinlich zu doof für Bücher, die für irgendwelche Buchpreise nominiert sind. (2/5)

Und die Hörbücher:

Hier bin ich von Jonathan Safran Foer (Übersetzt von Henning Ahrens, gelesen von Christoph Maria Herbst)
Julia und Jacob und Ihre Söhne. Es geht um jüdisches Leben in den USA, Coming-of-age und dem Krieg im Nahen Osten. Themen, die uns in Europa nicht unmittelbar berühren, vermutlich wäre mir das Buch, wenn gelesen, zu lange geworden. Gelesen von Christoph Maria Herbst entfalten aber vor allem die Dialoge einen Lesesog, dem man gerne folgt. Ich habe das Hörbuch im Januar gehört, jetzt, zwei Monate später, kann ich die Handlung schwerlich wiedergeben. Das spricht wohl nicht für das Buch (oder mich). (3/5)

Momentum von Roger Willemsen
Schnipsel nannte das mal Kurt Tucholsky, Tagebucheinträge, scheinbar unzusammenhängend. Nennen wir es eine Gedankenanthologie. Schwerlich als Hörbuch zu folgen, weil der rote Faden immer wieder ausfasert, aber schließlich endlich und letztendlich das Erbe eines großen Journalisten und Schriftstellers und Denkers. Alle zehn Minuten spontan geheult, weil Willemsen zu früh gestorben ist. (4/5)

Tyll von Daniel Kehlmann (Hörbuch gelesen von Ulrich Noethen)
Ok, dies ist mein Gewinner des Quartals. Überall hochgelobt, zurecht, denn ein toller Roman, Kehlmann kehrt zu seinen alten Fähigkeiten des Fabulierens über historische Stoffe zurück. Ganz unaufgeregt schildert er die schillernde Figur des Till Eulenspiegel, versetzt ihn in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges und lässt uns nebenher einen tiefen Schluck Historie tanken. Ich habe keine Ahnung von dieser Zeit, als typischer Gymnasiast mit den Griechen und den Römer und dem Nationalsozialismus belehrt, fand der Dreißigjährige Krieg bei uns nicht statt, dabei veränderte er die europäische Geschichte wie kein anderer.
Viel hören wir über die Praktiken der Hexen/r-Verfolger, über Folter und Angst, über das nackte Überleben im Krieg. Der Eulenspiegel ist dabei zwar die Hauptrolle, agiert aber wie im Hintergrund und beobachtet die Szenerie als schelmischer Weiser aus der Distanz. Ulrich Noethen als Erzähler klang mir anfangs viel zu alt für den jungen Kehlmann und den jungen Tyll, aber er ist die perfekte Besetzung in all seiner sprachlichen Schauspielkunst. Lesen! Hören! (5/5)

Comics
Faust von Flix
Selten lese ich Comics oder Graphic Novels ein zweites Mal, aber beim „Faust“ von Flix mache ich eine Ausnahme und lustig: Es war wie eine Neuentdeckung, als sehe ich die Zeichnung neu vor mir, als habe ich sie noch nie vor mir gehabt. Vielleicht habe ich das Buch früher anders wahrgenommen, Nebenrollen nicht so gesehen, jedenfalls: Der Flix´Faust ist ein großer Wurf. (5/5)

 
Saga 3 von Brian K Vaughan und Fiona Staples
Der dritte Band der Saga „Saga“ – eigentlich ein typischer Mittelband in einer langen Folge von Büchern, er fällt etwas ab zu den ersten zwei Bändern, die der Darstellung der Hauptakteure galt. Aber egal – weiterlesen. (5/5)

 

[Der Text enthält so genannte Affiliate Links zu Amazon]

Kinder sind nicht wirtschaftlich optimierbar

Ich bin nun wahrlich kein Fan des Deutschen Ärzteblattes, alleine das Selbstverständnis geht mir auf den Zeiger, dieses Blatt als meistgelesene Lektüre der Ärzte auszugeben, dabei ist es als Mitteilungsblatt der Ärztekammer ein Zwangs-Abo und nicht kündbar. Ich überfliege das Wochenpamphlet großzügig und lese mich seltenst bei einzelnen Artikeln fest, höchstens, wenn es um Kinder, Pädiatrie oder einzelne Fortbildungen geht.

Dennoch war in der letzten Woche ein hochinteressantes Statement zu lesen, rund um Kinderkliniken, deren Erhaltung und Finanzierung für die Zukunft.

Wichtigste Argumente:
– Die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitsbetriebes trifft Kinderkliniken in besonderem Maße, da die Behandlung der kleinen Patienten nicht unmittelbar planbar ist.
– Kinderkliniken sind strukturell benachteiligt durch die Zunahme chronischer Erkrankungen, neuer Morbiditäten, vermehrter Präventionsarbeit, sowie wachsendem Anteil seltener Erkrankungen
– Hohe Notfallquoten und kaum zuverlässig planbare Leistungen verursachen hohe Vorhaltekosten.
– Hohe Personalkosten entstehen durch Fluktuationen bei nicht zufriedenstellenden Arbeitsbedingungen.
– Strukturelle Ungleichgewichte (mehr Neonatologie, da gewinnbringend, wenig „normale“ Abteilungen)
– Es gibt fehlende und vor allem unterbewertete DRGs (Fallpauschalen der stationären Versorgung).
usw.

Folgen sind:
– Zeitmangel, Bettenmangel
– Versorgungsengpässe und Ablehnung stationärer Aufenthalte
– Versorgung durch fachfremdes Personal
– Defizite in der leitliniengerechten, alters- und entwicklungsgerechten Versorgung

Die besondere Vulnaribilität der Kinderversorgung wird herausgestellt, ein lesenswerter Artikel, der auch eine Warnung für die Zukunft sendet: „Die Chancen, die in dem einzigartigen und prägenden Zeitfenster des Kindesalters liegen, lassen sich nur effektiv und nachhaltig nutzen, wenn eine die Familie einbeziehende Gesundheitsversorgung und -förderung nach aktuellen und wissenschaftlich begründeten Qualitätsstandards gewährleistet ist. Die Motivation zur Anpassung der ordnungspolitischen Rahmenbedingungen sollte die Gesundheit und das Wohlergehen von Kindern sein. Faktisch ausschlaggebender dürfte in einem ökonomisierten Gesundheitssystem die Aussicht sein, dass sich eine Förderung der Kindergesundheit auch langfristig ökonomisch „auszahlt“.“

Lasst mich anschließen:
In der niedergelassenen Pädiatrie sieht es kaum anders aus. Bereits jetzt fehlt es in vielen Gebieten der Republik an kinderärztlichem Nachwuchs, KollegInnen an der Altersgrenze finden keine Nachfolger. Wenn es überhaupt Fachärzte gibt, die in der Versorgungsmedizin tätig werden wollen, so scheuen diese die Übernahme einer Praxis, sondern lassen sich am liebsten anstellen, um das unternehmerische Risiko zu meiden.

Folgen der Ökonomisierung, Kompletter Artikel im Ärzteblatt
Dtsch Arztebl 2018; 115 (9): A 382–6.

Die Vorsorgeuntersuchungen – U7a

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Was machen wir bei Kindern mit drei Jahren?
– Körpermaße mit Blutdruck
– Sehtest
– Diverse Fragebögen an die Eltern
– Sprachtest zum Wortschatz
– Diverse Steck- und Klötzchenbauspiele
– Körperliche Untersuchung

Das ist schon ein ganz ordentliches Programm in diesem Alter, aber der Tatsache geschuldet, dass bei der U7a in aller Regel die Kinder erstmals so richtig mitmachen. Wenn sie mitmachen. Denn mit drei Jahren verharren manche noch gerne im Trotz- und Trollalter, bewegen sich erst zögerlich aus ihrer Kleinkindrolle hinein ins Kindergartenalter.

Kindergartenkind bedeutet, erste Aufgaben zu übernehmen und selbständig etwas zu tun, also z.B. sich an- oder auszuziehen, Tisch zu decken oder Wäsche zusammen zu legen, im Garten helfen, in der Werkstatt, beim Kochen helfen. Und zwar, das ist wichtig: Diese Aufgaben mitzumachen, auch wenn das Kind die Lust verliert, also auch eine Aufgabe zu Ende zu bringen. Natürlich alles im überschaubaren zeitlichen Rahmen.

Die Sprache: Ein wichtiger Entwicklungsschritt. Dreijährige dürfen jetzt einen grossen Wortschatz haben, auch längere Sätze bilden, sie sollten – so fragen die Kinderrichtlinien – auch von anderen gut verstanden werden. Dabei spielt es keine Rolle, wenn so manche Konsonanten noch sehr unsauber gesprochen werden oder auch gar nicht. Das /K/, das /G/, das /R/, allemal das /S/ und /SCH/ werden erst später gebildet. Üben können das die Eltern sowieso nicht, insbesondere zweisprachige Familien dürfen weiterhin ihre Muttersprache üben. Die Kommunikation steht an vorderster Front, noch nicht die absolute rhetorische Feinrede.

Motorisch darf ein/e Dreijährige/r jetzt auf einem Bein stehen, von einer Treppenstufe hüpfen, schon mal das Laufrad oder Dreirad beherrschen und natürlich selbständig Essen. Mit einem Stift werden einfache Formen nachgemalt, meist aber noch Kritzelkratzel, die Stifthaltung ist egal. Knöpfe können zugemacht werden (wenn sie groß genug sind und überhaupt vorhanden), Puzzle sind eine einfache Aufgabe, Steckspiele werden langweilig.

Und der Spaß beim Kinderdok, denn das wollen ja alle hier lesen? Die U7a macht Spaß, so die Kinder den Schritt ins Kleinkindalter nicht verpasst haben, sondern noch im egozentrischen Weltbild verharren. Sie fangen jetzt an, Dinge zu präsentieren, stolz zu sein, setzen problemlos kleine Aufforderungen um und benennen viele Bilder auf unserem Sprachbogen. Endlich sagt einmal ein Kind, es möchte jetzt noch nicht gehen, weil die Untersuchung so Spaß gemacht hat. Die wenigen, die an diesem Tage nicht so begeistert sind, kommen einfach nach einem Monat wieder und – Oh Wunder! – plötzlich klappt alles problemlos. Tagesform ist etwas Wunderbares.

Aus dieser Reihe:
Die Vorsorgeuntersuchungen – U1
Die Vorsorgeuntersuchungen – U2
Die Vorsorgeuntersuchungen – U3
Die Vorsorgeuntersuchungen – U4
Die Vorsorgeuntersuchungen – U5
Die Vorsorgeuntersuchungen – U6
Die Vorsorgeuntersuchungen – U7

(c) Bild bei pixabay/titoikids (unter CC0-Lizenz)

kinderdok kocht

Ich schnipple das Suppengrün nur grob, die Zwiebel wird halbiert und kurz mit der angeschnittenen Seite nach unten im Topf angebräunt. Dann zwei Liter Wasser dazu, hei, das zischt. Den Hahn hinein, das grobe Gemüse dazu, wenig Salz, ein wenig Pfeffer – so. Einmal aufkochen. Das darf knappe zwei Stunden köcheln. Temperatur dabei weit runter nehmen.

Schnitt. Kurzer Test, das Fleisch fällt sanft. Also: Hahn raus, Grünzeug raus, Brühe durchsieben in einen zweiten Topf. Die Fettaugen vorsichtig abschöpfen – genug Kraft ist da sowieso drin, brauchts nicht auch noch igitt. Der Hahn wird mit scharfem Messer und Gabel zerteilt, die Haut kommt weg (bzw. zur Katze, die kann ein bisschen was auf den Rippen vertragen im Winter), das weiße Fleisch kleingerupftgeschnitten. Zurück zur Brühe. Das Grünzeug kurz kleiner geschnitten (kann man auch schon vorher machen – egal). Zurück zur Brühe. Nochmal aufkochen und gut ist.

Für die Kids gibts Buchstabennudeln dazu – die haben jetzt auch den Klammeraffen („schau mal Papa, ein Ät“) und das Eurosymbol – nett. Die Nudeln gibt man in kochendes Wasser in den ersten Topf, lässt sie dort nach Empfehlung gar werden, abgießen, und gibt soviel Suppe bei, wie aktuell gegessen wird. Nicht die ganzen Nudeln zur Suppe geben, sonst haste nachher Nudelsuppe – ist aber eine Hühnersuppe. Die nämlich (ohne Nudeln) geht in den Kühlschrank – kannste nachher noch bequem das Fett abheben. Oder in Tupper in den Tiefkühler.

So. Jetzt soll mal die Grippe kommen. Nicht zu mir.

Original in-vitro-Studie

Chicken Soup for a cold – das Rezept der Forscher

—–
recycled, da stets aktuell (19.1.2013)

@BVKJ: Info und Schulung der Betreuer von Kindern mit Krampfanfällen wichtig

„Leidet ein Kind unter Epilepsie, sollte das Personal des Kindergartens und später Lehrer über Notfallmaßnahmen informiert sein.

„Die wenigsten wissen, dass sie bei einem Anfall dem Kind nichts Hartes in den Mund stecken oder es fixieren dürfen. Idealerweise erhält das betreuende Personal eine Schulung, wie es sich im Notfall verhalten sollte. Dazu gehört, dass sie bei einem länger als fünf Minuten dauernden Anfall z.B. Benzodiazepin verabreichen sollten, um einen lebensgefährlichen Status epilepticus zu verhindern. Dies muss aber mit den Eltern bei Aufnahme eines Kindes mit der Diagnose Epilepsie abgesprochen und schriftlich festgelegt werden“, rät Prof. Dr. Hans-Jürgen Nentwich, Kinder- und Jugendarzt sowie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats beim Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) mit jahrelanger Klinikerfahrung.

Dass ein Kind unter Epilepsie leidet, ist auch eine wichtige Information, um Unfälle zu vermeiden. So haben Betroffene ein wesentlich höheres Risiko, beim Schwimmen zu ertrinken und sollten deshalb in Bezug auf Badeausflüge besonders vorsichtig sein. „Kinder mit Epilepsie können evtl. in Absprache mit dem Facharzt sogar ins Schwimmbad gehen, wenn sie medikamentös gut eingestellt sind und etwa ein Jahr keinen Anfall hatten, doch sollte immer eine lückenlose Einzelaufsicht gewährleistet sein, um im Notfall helfen zu können“, so Prof. Nentwich.

Quelle: Acta Paediatrica, Archives of Disease in Childhood“
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Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

Das ist eine schöne Forderung, die unser Berufsverband da ausspricht, die PM sorgt vielleicht dafür, dass dieses Thema auch in den Focus von Kinderkrippen und Schulen gerät. Regelmäßig gibt es Kinder, die an Epilepsie leiden, mit Medikamenten eingestellt sind und bei denen es eventuell zu Notfällen kommen kann. Meine Erfahrung ist: Sind die Betreuer gut (durch uns Kinder- und Jugendärzte) informiert und geschult, fällt die Angst vor einer Notfallsituation in sich zusammen. Außerdem sind die Tageseinrichtungen vorbereitet für das nächste Kind.

Dabei hat Epilepsie hat nichts mit Fieberkrämpfen zu tun, die Betreuung ist eine andere, die Notfälle sind andere.

Schwierig ist es nur, wenn noch nie ein Kind mit Epilepsie betreut wurde oder das Personal durchwechselte, ohne je die Erfahrung gemacht zu haben. Habt Ihr Erfahrungen mit Kindern mit Epilepsie? Wie reagieren die ErzieherInnen und LehrerInnen bei Euch? Wie geht Ihr als Betreuer damit um?

 

 

ثنائية اللغة, ku duzimaniya, διγλωσσία, билингвизм… – über Zweisprachigkeit

Sprache ist Verbindung

Beobachtet man Kinder im Urlaub, am Strand, auf dem Campingplatz, weg von den gestressten Eltern, hingegeben der Suche nach Sozialkontakten und Spielen: Alle Kinder, egal welcher Sprache, verstehen sich. Sie verstehen sich im Spiel,sie verstehen sich durch Gesten, durch blitzschnelle Aufnahme von fremder Sprache. Durch Zwischenmenschlichkeit.

Sprache ist für Kinder essentiell, welch banale Feststellung, die Sprachentwicklung ist, so unterschiedlich sie verlaufen kann, am Ende vielleicht die wichtigste Entwicklungsphase eines Kindes, schließlich prägt sie das Sozialgefüge.
Umso toller, was die Natur den Kindern mitgegeben hat, um ihre Sprache zu finden, ihre eigene, universelle, am Anfang und am Ende eventuell gar die der Eltern. Universialität. Kann man das so nennen? Die Fähigkeit, sich in welcher Sprache auch immer zu verständigen.*

Spracherwerb in der Zweisprachigkeit

Zum Sprachererwerb sind Voraussetzungen wichtig, hier genauer formuliert für die Zweisprachigkeit:
– Die Eltern sprechen mit ihren Kindern die Sprache, in der sie sich selbst wohlfühlen, in der sie selbst am besten ihre Gefühle ausdrücken können.
– Sprechen die Eltern verschiedene Sprachen, gilt das gleiche, d.h. das Kind wächst nun schon zweisprachig auf.
– Die Kinder „baden“ von Anfang an in der „Haussprache, sie sollten ständig von Sprache umgeben sein, in Gesprächen, Fragen, Liedern oder Abzählreimen. Medien spielen dabei eine völlig untergeordnete, wenn auch in der Realität überschätzte Rolle.
– Beginnt der Kontakt zur „Landessprache“, sprechen die Eltern weiter ihre eigene Sprache, sie brauchen nicht übersetzen im Gespräch mit dem Kind. Allenfalls, wenn alle in einer „Landessituation“ sind, wird diese auch von den Eltern gesprochen.
– Jede Sprache in der Familie wird gleichberechtigt emotional gewertet. Dass sich trotzdem eine Sprache als Haupt- und eine als Nebensprache entwickeln wird, ist normal.
– Das Anlernen von fremder Sprache durch die Eltern hat wenig Sinn, auch der sehr beliebte „english talk“, um dem Bobele es später „leichter zu machen“.

Zweitspracherwerb

Wachsen Kinder in einer anderen Sprache auf, als die, welche im Land gesprochen wird, in dem sie sich gerade zufällig aufhalten, lernen sie die Landessprache ähnlich schnell wie die Muttersprache, sobald sie müssen, sobald sie ein neues Bad in der neuen Sprache nehmen. Mitunter geht es sogar noch schneller, weil die Fähigkeit zum Sprachelernen bereits „gespurt“ ist.
Manchmal lese ich bei älteren Kollegen in Einträgen im Vorsorgeheft Bemerkungen wie „spricht noch kein deutsch“ oder womöglich „sollte jetzt mehr deutsch lernen“. Das ist eine anachronistische Sicht der Sprachentwicklung bei Zweisprachigkeit und aus der Sorge geboren (die sich auch bei vielen nichtdeutschsprachigen Familie hält), dass die Kinder ausgegrenzt würden. Würden wir in Papua-Neuguinea nicht auch weiterhin deutsch mit unseren Kindern sprechen?

Kinder sind so unendlich international, so großzügig, so rücksichtsvoll, wenn sie jemandes Kind gegenüber treten, das die eigene Sprache nicht kennt. Sie improvisieren, sie zeigen, sie helfen, oberste Maxime ist das gegenseitige Verstehen, nicht das Verstehen der eigenen Position. Zweisprachige Kinder sind tolle Dolmetscher, oft wertvoll für die Familien, im allerpositivsten Sinne. Letztendlich erweitert die Mehrsprachigkeit nicht nur den linguistischen Horizont, sondern das Verständnis für andere Kulturen und andere Denkweisen und damit das Zusammenleben aller.

Zweisprachigkeit.net – ein Füllhorn an Informationen
Die offizielle Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Broschüren für nichtdeutschsprachige Eltern

Mehr zum Thema und anderes:
Schnuller und Spracherwerb
Heimat
Der Zollstock und Helene Fischer

(C) Bild bei flickr/thejbird (Creative Commons License CCBY2.0)

*ergänzend meine ich Sprache hier über das verbale hinaus, auch das ist banal: Spontane Gesten des noch nicht sprechenden Säuglings, Gebärdensprache, Nonverbales usw.

Lesepotpourri Oktober – Dezember (2017)

Der Report der Magd von Margaret Atwood (Übersetzt von Helga Pfetsch)
Muss man über diesen Roman noch irgendetwas schreiben? Er ist das „1984“ der heutigen Zeit, wegweisend in der politischen Gesellschaft, nicht nur im Trumpschen Amerika. Entstanden aus der Feminismus-Bewegung, heute aktuell dank der Hyperreligiösität mancher Gesellschaften. Die Wiederentdeckung in den USA und Kanada, dank der Wahl Trumps zum Präsidenten. Absolute Leseempfehlung. (5/5)

Underground Railroad von Colson Whitehead (Übersetzt von Nikoaus Stingl)
Wohl die Entdeckung aller Feuilletons dieser Saison, hochgepriesen, Pulitzerpreis usw. usf., und mit was? Mit Recht. Ein Roman, als habe es Gabriel Marquez in die Südstaaten verschlagen, Magical Realism nennt man das wohl, sprachgewaltig, teils heftig, weil ausgesprochene Gewalt gegen Schwarze im letzten Jahrhundert. Spiegelt bestimmt vieles des noch bestehenden Rassismus in den heutigen USA wieder, deshalb auch so erfolgreich. Aber wer wollte das von jenseits des Atlantik beurteilen? Sehr guter Roman, Lesen! (5/5)

Cox: oder Der Lauf der Zeit von Christoph Ransmayr
Ich habe mich vor Jahren mal durch einen Roman von Ransmayr gequält, ich habe grosse Probleme mit moderner deutschsprachiger Literatur, die auf Teufel komm raus versucht, die deutsche Sprache neu zu erfinden, neue Wortschöpfungen im Dutzendfache im Text zu verstreuen, oder auch die Interpunktion neu zu erfinden. „Cox“ ist ähnlich, aber süffiger geschrieben, mit einem tollen Plot voller Metaphern und grossem Wissen um die chinesische Kultur der Altdynastien. Wunderschöne Stadt- und Landschaftsbeschreibungen wechseln sich mit traumhaftem inneren Monolog der Protagonisten ab. Am Ende bleibt ein wenig ein „Ja, ok, und jetzt?“ übrig, aber immerhin verbrachte der Leser zwei oder drei Tag im Traum im Buch. Manchmal braucht es ja nicht mehr. Wenn nur! diese seltsamen! Ausrufezeichen im Text nicht wären! (4/5)

Saga Volume 1+2 von Brian K Vaughan und Fiona Staples
Ich war auf der Suche nach einem Comiczyklus, der mich über längere Zeit binden könnte, ähnlich einer Netflix-Serie oder der Harry-Potter-Saga und bin über „Saga“ gestolpert – der Name ist schon Programm. Eine fantastische Romeo-und-Julia-Story mit klassischen Zeichnungen, nicht überkandidelt verkünstelt, nicht mangamäßig vereinfacht, ganz im Stil von „Walking Dead“ oder „Y The Last Man“. Zwei tolle Hauptrollen, vielen interessanten Nebencharakteren, einem hübschen Erzähltempo und vielen vielen Cliffhangern. Ganz klassische Graphic Novel Saga. Und hurra, es gibt noch viele Bände. (5/5)

Steve Jobs von Jessie Hartland (Übersetzt von Ulrike Schimming)
Steve Jobs fasziniert mich als Apple-User, wie könnte es anders sein. *Die* Biographie von Jacobson habe ich schon verschlungen, auch den Film mit Michael Fassbender, da bin ich in der Bibliothek über dieses Comic über Jobs´Leben gestolpert. Cool, lustig, ruppig, skizziert, wie hingeschlonzt und trotzdem liebevoll ausgeschmückt. Ein Buch für den Fan, ein Buch zum Verschenken für den Apple-User, der schon alles hat. (4/5)

Bleierne Hitze von Baru, nach einer Story von Jean Vautrin (Übersetzt und Herausgegeben von Uwe Garske und Uwe Löhmann)
Habe ich angefangen zu lesen und dachte zwischenrein, die Geschichte kenne ich. Tatsächlich, der Klappentext verrät es: Es ist die Comic-Nacherzählung eines Hard-boiled-Thrillers mit Lee Marvin irgendwann aus den Achtzigern, ein französischer Film, als Co-Star David Bennent. Einen Räuber und Killer verschlägt es in die französische Provinz, wo er sich auf einem Bauernhof vor den Polizisten verstecken will. Aber die Rechnung geht erst auf, wenn die Unbekannten auftreten – die verrückte seltsame unentspannte Bevölkerung des Dorfes und des Hofes. So hat sich der knallharte Junge das nicht vorgestellt. (PS Den Film gibts in voller Länge auf YouTube). (4/5)

Hart auf hart von TC Boyle, Hörbuch gelesen von August Diehl (Übersetzt von Dirk van Gunsteren)
Viele von Boyles Romanen ähneln sich: Die Umwelt spielt eine Rolle, das Hippie-Sein, das Anders-Sein, Vaterrollen, starke Frauen. Auch in „Hart auf Hart“ ist das nicht anders, und doch: Immerhin müssen wir uns mit den Innenansichten eines Marines und einer Nationalistin auseinandersetzen und begegnen einem jungen Mann, dessen Borderline-Persönlichkeit den Leser/Hörer pendeln lässt zwischen Abscheu, Mitleid und Bewunderung. Ein ungewöhnlich trauriges Buch für TC Boyle, unaufgeregt gelesen von August Diehl. (4/5)

Asterix 37: Asterix in Italien
Bekennender Asterix-Fan bin ich, also war auch der neue Band ein Muß, und ihm gebührt die Ehre, hier gelistet zu werden. Immer geht es bei den Asterix-Bände darum, ob sie so gut sind wie noch zu Uderzo/Goscinny-Zeiten. „Asterix in Italien“ ist es, also genug der Diskussion. Erinnert an „Goten“ oder „Briten“, liebevoll wird die jeweilige Nation aufs Korn genommen, dazu eine Story wie „Tour de France“, ein Wagenrennen. Ich fands Klasse und habe es gleich zweimal hintereinander gelesen. Geht ja schnell. (5/5)

Guter Hoffnung – Hebammenwissen für Mama und Baby: Naturheilkunde und ganzheitliche Begleitung von Kareen Dannhauer
Habe ich gelesen, aus Interesse. Ich fands daneben. Man kann sich ja auf Naturheilkunde und Ganzheitlichkeit in der Hebammenbetreuung einlassen, und das Buch schafft es auch, zu vielem vor und nach der Geburt zu informieren. Mir ist es in seiner Alternativmedizinischen Art aber zu einseitig. Homöopathie, Aromatherapie, Tralala, Prenzlauer Berg, Danke. Warum können Hebammen nicht mehr ganz normal sein, sondern müssen immer Mystik verbreiten? (2/5)

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