Die Zähne und die Küsschen

Jumping in Puddles

Sie haben ihren drei Mädchen und zwei Jungs lustige Namen gegeben, jede/r drei davon. Immer beim Aufruf der Karteikarte frage ich mich, ob sie das gemacht haben, damit sich die Kids später einen der drei als Lieblingsnamen aussuchen können. Es gibt viel Ypsilons in den Namen, viele anglophile Anleihen und ein oder zwei französische (für die Mädchen).

An den Zähnen kannst Du einiges erkennen. Nur die Mädchen, ganz Klischee, haben noch keine überkronten Milchzähne. Der älteste Sohn hatte bereits zwei Zahn-OPs hinter sich, jetzt in der Grundschulzeit wurden diese in die Ferien verlegt, damit er nicht soviel vom Unterricht verpasst. Da fehlt er nämlich oft genug, weil er die ganzen banalen Infekte mitfährt, die ihm die jüngeren Geschwister aus dem Kindergarten anschleppen. Auf wundersame Weise war er in seiner Kleinkindzeit kaum krank, jedenfalls habe ich ihn da kaum gesehen, vielleicht war die Familie aber vorher bei einem anderen Kollegen.

Das erste Mal sah ich sie vor vier Jahren. Da gab es nur vier von ihnen, Nummer fünf ist erst vor zwei Jahren zur Welt gekommen. Die vier saßen wie die Hühner auf der Stange auf der Untersuchungsliege, null Angst vor dem Doktor, sehr lieb und freundlich alle vier machten sie einer nach dem anderen den Schnabel auf, um den Rachen zu inspizieren (diese Zähne!) und ließen sich brav abhören. Immer hatten sie alle das Gleiche, mal fing der Kleinste an, mal ein mittlerer, selten eben der Große. Und Mutter saß stets daneben, genauso verrotzt.

Mama ist immer krank und ist gar nicht übergewichtig, wie es das Klischee verlangt. Blaß ist sie, dunkle Augenringe, sehr dünn. Der bescheidene pädiatrische Blick sieht eine erwachsene Anorektikerin vor sich, aber immerhin fünf Kinder bekommen. Die Pfunde trägt der Vater in der Familie, sicher drei Zentner, verteilt auf knappe zwei Meter. Er erzählt stets von sich, wie krank er sei, was er alles arbeiten müsse, dass er demnächst viel Geld erben werde. Dann wird alles anders.

Der Kontakt mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst begann nach der Geburt des letzten Kindes, die amtliche Mitarbeiterin meldete sich über e-mail, eine Schweigepflichtsentbindung sandte sie gleich mit. Die jüngeren seien seltener in den Kindergarten gekommen, der älteste habe so einige Fehltage in der Schule. Zuhause sehe es aus wie „d´Sau“, sagt die amtliche Mitarbeiterin, und Nachbarn sei der Krach aufgefallen im Haus. Kinderkrach. Nein, die Eltern habe man nicht gehört. Vielleicht noch den Hund, aber was kann man da schon machen? Hunde bellen nun einmal.

Die Anfragen sind immer die gleichen: Kommen die Eltern mit den Kindern regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen? Sind alle Impfungen erfolgt? Ob ich Vernachlässigungsspuren sehen würde? Oder gar Misshandlungszeichen? Seien die Kinder schlecht genährt? Wie sind die Zähne?

Ich denke an meine Impfgegnereltern, die eigentlich gar nicht mehr in meine Praxis kommen, deren Kinder aber weiter nicht geimpft sind. Ich denke an meine schlechtdeutschsprachigen Miteltern, die nicht verstehen, dass eine Vorsorgeuntersuchung nur in bestimmten Zeiten stattfinden darf und danach eben nicht mehr. Die Zähne mancher Kinder sind kaputt, weil Süßgetränke und Flasche und Schnuller, und Zähneputzen ist so nervenaufreibend, weil „er mag das nicht“. Und ich denke, dass ich weiß, dass das Zusammenkommen vieler Indizien und Aufpoppen einzelner hellhörig werden lässt.

Bei dieser Familie? Ja: Die Zähne. Und die Vorsorgen werden gerne mal „vergessen“. Und bei No. 2 fehlen noch alle Impfungen jenseits des ersten Geburtstags, dafür sind No. 4 und 5 wieder komplett durchgeimpft. Außerdem kommen sie, wenn die Kinder krank sind, auch wenn ich dann mehr über Beruf und Krankheiten des Vaters („ich habe da diese Beule am Ellenbogen, könnten Sie mal kurz?“ – „Äh, nein.“) erfahre als über die Schulperformance des Ältesten. Die amtliche Mitarbeiterin möchte, dass der Große jetzt jedesmal vorgestellt wird, wenn er wegen Krankheit nicht in die Schule kann, „um das im Blick zu behalten“. Ich denke mir, damit werde ich als Arzt zum Amt und der Große nicht schneller gesund. Und Verantwortung zeigen die Eltern auch so genug.

Die fünf lachen jedes Mal, wenn sie bei mir sitzen, wie die Hühner auf der Stange. Auch wenn das Lachen zahnlückig ist. Die Großen helfen den Kleinen beim Anziehen. Jedes Mal. Und jedes Mal gibt es am Ende ein Küsschen von der Mama oder ein liebes Wort vom Papa. Wie toll sie bei mir mitgemacht haben und wie lieb sie waren. Für jeden der fünf.

 

(c) Bild bei flickr/Jimee, Jackie, Tom & Asha: Jumping in Puddles (CC Lizenz BY-SA 2.0)

Sprechen wir mal über Strumpfhosen

Nach den Turbulenzen der Hauptstadt hat mich der Alltag der Praxis wieder feste im Griff, die Grippesaison ist nun da, so dass wir nicht mehr unterscheiden, ob Grippe oder grippig, krank sind sie alle.
Aber wer will schon jammern? Zur Auflockerung ein Quickie von vorgestern:

Nachdem ich Joline-Marie fertig untersucht hatte, Vier-Jahres-Check, alles in Ordnung, bis auf die wiederholten „Steuer“-Versuche der jungen Dame, setzte ich mich an den Schreibtisch, die Mutter zog ihre Tochter an. Es entwickelte sich folgender Dialog:

Mutter: „Oh, Joline-Marie, jetzt haben wir die Strumpfhose vergessen. Naja, ist jetzt auch egal, oder?“
JM: „Mag keine Strumpfhose.“
Mutter: „Magst Du keine Strumpfhose?“
JM: „Mag keine Strumpfhose.“
Mutter: „Aber draußen ist es kalt. Sollen wir Dir noch die Strumpfhose anziehen?“
JM: „Nein!“
Mutter: „Wäre aber schon besser, oder?“
JM: „Keine Strumpfhose.“
Mutter: „Na komm, wir ziehen sie schnell an, ok?“
JM: „Nein.“

Mutter: „Also gut. Dann eben nicht. Wir sind ja auch gleich am Auto. Dann lassen wir die Strumpfhose weg, oder?“
JM: „Strumpfhose anziehen!“

Woran mich das erinnert? Hier (Retro-Kinderdok-Klassiker).

Sprich beim Impfen mit Deinem Kind

Was Eltern vor einer Impfung manchmal so sagen:
– „Du kriegst heute keine Spritze.“
– „Der Doktor macht gar nichts.“
– „Entschuldigung, mein Kind, aber die Mama lässt Dich heute ärgern.“
– „Stell Dich nicht so an, sonst gehen wir eben wieder und müssen nochmal wiederkommen.“
– „Komm jetzt her, sonst impft der Doktor Dich in den Po/ sonst bekommst Du noch eine.“
– „Du Heulsuse/ Jammerlappen/ Weichei.“
– „Wenn Du heulst, gibts aber keine Belohnung.“
oder das Bobele wird gar nicht vorbereitet, weiß nichts vom Impfen und wird überrumpelt. Auch nicht fein.

Was Eltern besser vor einer Impfung sagen sollten:
– „Die Impfung wird Dir helfen, gesund zu bleiben.“
– „Heute gibt es eine Impfung und beim nächsten Mal keine. Mama/ Papa wird das immer sagen.“
– „Das tut kurz weh und dann ist es wieder gut.“
– „Du darfst gerne weinen, ich tröste Dich dann.“
– „Nachher gehen wir ein Eis essen/ ein Lego/ Gummibärchen kaufen.“
und vor allem bereite man das Bobele vor, zuhause, vielleicht am Tag davor, auf jeden Fall vor dem Losfahren daheim und nicht erst bei Betreten der Praxis.

Je nach Alter des Kindes darf auch über den Sinn einer Impfung aufgeklärt werden. Dabei solltet Ihr Ich-Botschaften vermitteln, dass also Ihr selbst die Impfung gut findet und nicht „weil man das eben so macht“ oder „der Doktor das will“.
Neben der Sprache ist das Nonverbale mindestens ebenso wichtig:
– Säuglinge werden im Arm gehalten (der Doktor findet schon Platz zum Impfen) und bekuschelt, vielleicht gefüttert (gestillt, auch etwas Zuckerlösung kann helfen).
– Kleinkindern sitzen auf dem Schoß der Eltern (sogar Jugendliche finden das manchmal beruhigend). Ablenkung ist ok: Kuscheltier, Seifenblasen, Pfeifen, Singen, Abzählreime.
– Impfen sollte immer vorbereitet werden, die eigentliche Aktion darf dann aber zügig vonstatten gehen, im Zimmer ist eine ausführliche Erklärung überflüssig und „steigert nur die Spannung“.
– Belohnungen dürfen auch gleich mitgebracht werden. Der Doktor hat vielleicht auch was da.
– Pflaster sind überflüssig und tun beim Entfernen weh. Außerdem kann eine Reaktion auf Pflaster an der Haut entstehen. Wir lassen sie meist weg, außer Kinder möchten sie zur Belohnung haben.

Achja: Mit Impfungen wird auch nicht gedroht. Zitat: „Jetzt mach endlich den Mund auf, sonst kommt der Doktor mit einer grossen Spritze.“
Doch. Ja. Das gibt es im Jahre 2018.

(c) Bild bei pixabay/myriam-fotos (CC0-Lizenz)

Filterblase: Wenn Eltern anders entscheiden.

Aus aktuellem Anlass mache ich mir wieder mal Gedanken, vorher Eltern Informationen bekommen und wem sie vertrauen und nicht vertrauen. Gerade bei Neugeborenen, wenn es um das Vitamin K, die Fluorid- und Vitamin-D-Gabe und Impfungen geht, vertrauen Eltern gerne anderen Quellen als den Medizinern. Warum ist das so?

Ungefiltert informieren?

Unbestreitbar herrscht Unsicherheit vor, geboren aus Unwissen, schließlich kann man sich nicht über alles informieren oder Informationen filtern. Wenn wir Eltern werden, müssen wir mit einem Mal Experten werden für Dinge, die in den Jahren zuvor völlig unwichtig waren. Wir müssen Pädagogen werden, müssen Mediziner werden, müssen Ernährungswissenschaftler und Pflegekräfte werden. Das überfordert uns. Eigentlich wollen wir Eltern doch nur gesunde Kinder und diese gesund erhalten.

Also fangen wir an zu lesen. Im Internet, in Ratgebern, in offiziellen Broschüren der BzgA oder vom Kinderarzt. Wir bekommen Bücher empfohlen von anderen Müttern, von Hebammen oder über die Amazon-Bestenliste. Alles ungefiltert für uns und vorgefiltert durch andere, wie viele Dinge heutzutage. Schnell entstehen Fakenews, schnell befinden wir uns in einer Filterblase. Ist die Hebamme esoterisch geprägt, bekommen wir entsprechende Bücher, unterhalten uns mit gleich gesinnten Eltern, bekommen wir gleichgesinnte Homepages empfohlen.

Vielleicht ist auch ein bisschen Skepsis oder gar Protest dabei. Die etablierte Medizin ist im gültigen Zeitgeist korrupt, überwissenschaftlich, will alle mit Medikamenten zudröhnen („Vollpumpen“ ist ein beliebter Begriff) und arbeitet undifferenziert, weil schulmeisterlich schulmedizinisch. Wir möchten alles anders. Anders bedeutet heute „natürlich“, natürlich heißt ohne alles, also auch ohne Medikamente, ohne Vitamin K, Vitamin D, Fluorid, Impfungen, Antibiotika, alles Errungenschaften der Medizin, die die Säuglingssterblichkeit haben sinken lassen.

Als Kinderarzt kann ich nur auf Aufklärung setzen. Ich kann informieren, ich kann seriöse Quellen nennen, und steuere trotzdem die Eltern in meine eigene Filterblase, diesmal die wissenschaftliche, aus meiner Sicht natürlich die richtige. So prallen Welten aufeinander, vereinfacht die klischeehaft naturbelassene Hebammenwelt und die klischeehafte Medikamenten-, Maschinen- und Schulmedizinerwelt. Wofür entscheiden sich die Eltern, wenn sie beide Eltern als gleichberechtigt empfinden? Vielleicht für das Vermeiden, für das Nichtstun, für das Weglassen. Es scheint einen Tendenz im Zeitgeist zu geben.

Eine riskante Entscheidung, geboren aus dem Luxus der industrialisierten Welt: Dank der Einführung mancher Prophylaxen, wie Vitaminen, einschließlich der Impfungen, sind unsere Kinder gesünder als vor Jahrhunderten, die Säuglingssterblichkeit hat rasend abgenommen, die Krankheiten sind nicht mehr präsent. Viele Eltern entscheiden aus dem Bauch heraus, meist vom Hörensagen geleitet oder weil N=1 die leitende Statistik war. Beim ersten Kind hat’s doch geklappt, dann kann man es beim zweiten Mal auch so machen. Bei der Nachbarin hat’s funktioniert, also machen wir es auch so. Trifft die alternativ-esoterische Haltung nun noch auf die statistisch-wissenschaftliche (die ja immer fälschbar sei), geht gar nichts mehr.

Paternalismus?

Wir Mediziner neigen zum paternalistischen Verhalten, dem Folgen von Leitlinien, dem Zurschaustellen des Experten, wie wir hoffentlich als Mediziner wahrgenommen werden, und reagieren ungehalten oder unverständig, wenn Eltern sich anders entscheiden. Realisieren wir die Filterblase, in der sich die Eltern befinden, können wir die Denkweise eventuell durchbrechen. Dies braucht Zeit, noch mehr Informationen, aber auch Vertrauen in unsere Empfehlungen.

Ich gebe zu, dass ich in meiner Praxis oft rigoros reagiere: Impfgegner dürfen nach wiederholten Beratungsgesprächen und fortgesetzter Resistenz die Praxis verlassen, wer das Vitamin K bei U3 abgelehnt hat, wird gleich rausgeworfen, ich halte das für unverantwortlich. Da bin ich paternalistisch par excellence. Vielleicht eine Schwäche meinerseits, aber ich kann eben auch nicht aus meiner Filterblase und muss abends noch in den Spiegel schauen können. Ich sehe mich als Anwalt des Kindes. Auch wenn die Eltern die letzte Verantwortung haben, die ich Ihnen nicht abnehmen kann, steht die Empfehlung zum Schutz des Kindes an oberster Stelle (und der Schutz anderer Kinder, wenn wir von Impfungen sprechen).

Vermutlich gibt es keine befriedigende Lösung der Positionen. Ich kann mich als Mediziner, gerade als Kinderarzt, nicht altruistisch der Position ablehnender Eltern beugen, denn beide, Eltern und ich, sehen in unseren Entscheidungen das beste Wohl für das Kind. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber nur in gemeinsamer Überzeugung, die aber immer einer Durchsetzung meiner Meinung gleichkäme.

Patienten und Ärzte sollen heutzutage™️ Partner sein, gemeinsam Entscheidungen für die Gesundheit treffen. Leider sind die Player, auf dem Gebiet der Gesundheit inzwischen so vielfältig, oder sollen wir sie lieber Influencer nennen?, dass es schon lange keine duale Begegnung mehr ist, und damit der informativoffene Austausch zwischen Patient und Arzt kaum noch gelingen kann. Ich persönlich kann nur tagtäglich auf das Vertrauen der Eltern setzen, dass wir Kinderärzte alles zum Wohlergehen und der Gesundheit der Kinder tun, es gibt keine niederen Beweggründe für unsere Empfehlungen.

„Würden Sie das Gleiche empfehlen, wenn es Ihr Kind wäre?“ Aber sicher.

(c) Bild lizenzfrei bei pixabay/Jordan Holiday (Creative Commons CC0)

Wenn´s unten juckt

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Also, jetzt wirds etwas intim bis unangenehm, wer da empfindlich ist, bitte weglesen:

Der Junge stellt sich vor wegen „Jucken im Schritt“, wohl auch Brennen beim Urinieren, die Mutter sagt, da sei wohl „was offen“. ´s Bobe ist übrigens zehn Jahre alt.

Ich: „Ok, dann muß ich Dich da unten mal untersuchen, darfst Dich mal hinlegen und die Hose etwas runterziehen.“
Bobe: „Muß das sein?“
Ich: „Ich fürchte schon, sonst kann ich nicht viel dazu sagen. Keine Sorge, das geht ganz schnell. Kannst du denn deine Vorhaut ganz zurückschieben?“
Bobe: „?“
Ich: „Du weißt aber schon, wie das geht?“ Ich untersuche ihn dabei am Genitale und schiebe vorsichtig die Vorhaut nach hinten. Er schaut etwas irritiert.
Mutter: „Du weißt doch wie das geht. Weißt du doch, oder? Machste das nicht?“
Ich: „Wissen Sie selbst das denn nicht? Oder kümmert sich der Vater drum?“
Mutter: „Weiß ich doch nicht, der Vater kommt immer spät vonner Schicht, der kann da nicht gucken. Und mich lässt er ja nicht schauen.“
Ich: „Ok, aber wenn der Vater nicht da ist, müssen Sie sich doch drum kümmern, ob er will oder nicht. Aber eigentlich wäre das doch wirklich ein Job zwischen Vater und Sohn, oder? Gibt ja auch Wochenenden. Und immerhin ist er nun schon zehn Jahre alt.“

Schade. Der Junge hatte keine Ahnung, was „da unten“ vorgeht. Ich habe ihm dann (bei ihm) gezeigt, wie man die Vorhaut zurückschiebt, empfohlen, das wirklich täglich zu säubern, mit Waschlappen oder beim Duschen und den Vater via Mutter nochmal in die Pflicht genommen. Die mangelnde Hygiene war leider entsprechend sichtbar – durch die massive Ansammlung an Smegma hatte sich eine Entzündung der Glans entwickelt, die Vorhaut war an einer Verklebungsstelle schon massiv überreizt, teils offen, kein Wunder, das ´s Bobele Schmerzen beim Wasserlassen hatte. *Schüttel*


Heute hatte ich mal wieder so einen Fall, und da dachte ich, „das habe ich doch schon einmal verbloggt“ – also den alten Fall herausgekramt und recycelt und aufgehübscht (Ursprünglich hier).

(c) Bild bei Pexels

Der Abend vor Weihnachten

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„In Raum B“, sagt die Krankenschwester. „Bluterguß am Auge, ist wohl gestern gestürzt, sagen die Eltern.“ Sie zeigt den Gang runter und zuckt mit den Schultern. „Was Eltern so sagen.“
Die Schwestern hier haben schon alles gesehen, und ihr Verdacht bestätigt sich meist. Ich habe einen der weniger kritischen Dienste an Weihnachten erwischt, den Samstag vor Heiligabend, der Ansturm ist bisher ausgeblieben. Gerade sitzen nur vier oder fünf Eltern mit Kindern, ich hätte wohl ein wenig Zeit.
Im Zimmer ein junges Mädchen, vielleicht dreizehn, auf der Untersuchungsliege, dick verpackt mit schwarzer Daunenjacke und umhalsten Schal.
„Die haben gestern Handstand geübt, im Kinderzimmer“, erklärt die Mutter. „Maike ist ausgerutscht und mit dem Kopf an das Eisengitter vom Bett gehauen.“ Sie zeigt mit Händen, wie das passiert ist. „Die Brille ist ans Auge gedrückt, hier, so.“
Sie steht bei der Tochter und drückt ihr die Brille aufs Gesicht.
Die Brille ist intakt, die Gläser ganz, nichts ist verbogen.

Ich nicke und schaue mir die Verletzung an. Ein Hämatom auf dem Os zygomaticum links, etwas unterhalb der Orbita.
„Na, wie hast Du das denn gemacht?“ frage ich Maike.
Sie zuckt mit den Schultern. „Gestürzt.“
„Ich hab´s ja schon erklärt“, sagt wieder die Mutter. „Sie stand vor dem Bett…“
„Alles klar.“ Ich nicke, unterbreche ihre Erklärung.
Ich taste das Jochbein ab, keine Verschwellung, nur das Hämatom, taste den Kiefer ab und betaste die Ohrmuschel, wende mich der anderen Seite des Kopfes zu, wieder Stirn, Jochbein, Kiefer. Ein zweites Hämatom, am Unterkiefer, schwach zu sehen.
„Und das hier?“, frage ich das Mädchen.
„Keine Ahnung, auch so“, sagt sie. Sie lächelt und schlägt dann die Augen nieder.

„Ist dabei passiert.“ sagt der Vater. Er steht im Hintergrund. Ich halte die Brille in der Hand.
„Die ist wohl heil geblieben?“ frage ich in die Runde.
„Ja, witzig, oder?“ sagt die Mutter.
„Ja, vielleicht.“ Ich nehme das Ophthalmoskop und sehe mir die Augen genauer an. Auf der linken Seite sieht man unter dem Unterlid ein blutunterlaufene Stelle. Von der Brille? Die Pupillen reagieren prompt. Im Ohr ist nichts zu sehen, die Zähne sehen schlecht gepflegt aus, aber unverletzt.
„Das müssen wir genauer anschauen.“ sage ich und zeige auf das Auge.
Der Vater nickt. „Ok. Machen Sie jetzt, oder?“
„Mal sehen. Kann sein, dass ich einen Augenarzt dafür brauche.“

Die Tochter und die Eltern wechseln Blicke. Es schwingt was durch den Raum, die Luft lädt sich auf. Das tut nicht gut.
„Keine Angst, wir sind ja hier, um uns das anzusehen, oder?“ sage ich. Und zu dem Mädchen gewandt: „Wir helfen Dir, dass es Dir besser geht.“
Sie nickt, schaut mich aber nicht an.
„Ich möchte noch, dass Du mal Deine Jacke ausziehst und den Schal. Hier ist es sowieso viel zu warm.“
Sie beginnt, die Kleider auszuziehen. Die Mutter hilft ihr.
„Sie sagen, ´die´ haben Handstand geübt“, frage ich. „War sie alleine, oder noch jemand?“
„Ihr Bruder.“
„Wie alt ist Dein Bruder?“
„Siebzehn.“

Inzwischen hat Maike die Jacke und den Schal ausgezogen. Sie trägt nur ein dünnes Top und darunter einen BH. Jogginghosen. Ich nehme ihre Hand und helfe ihr von der Untersuchungsliege herunter. Stelle sie vor mich hin und schaue.
Beide Oberarme sind mit Blutergüßen übersät. Dorsal sind Handabdrücke zu erkennen, dunklere Male, wo die Fingerspitzen greifen, hellere, wo die Handflächen aufliegen. Die Ellenbogen sind frei, die Unterarme zeigen kleinere, kreisförmige Hämatome. Am unteren Rand des Halses sind feine Blutgerinnsel zu sehen. Alles gut verdeckt durch Schal und Mantel.

Die Entscheidung ist gefallen. Das Mädchen darf nicht wieder nach Hause. Ich werde hier und jetzt nicht weiterfragen, denn das muß Zeit haben für später. Die Eltern sehen, dass ich die Oberarme sehen, sie sehen, dass ich sie begutachte, sie sehen, dass ich mir Gedanken mache. Nur jetzt keine Vorhaltungen meinerseits, keinen Grund für eine Verteidigungshaltung. Die Eltern haben Maike vorgestellt, weil sie sich Sorgen machen, dass der Bluterguß im Gesicht irgendwelche Folgen hat. Dass das Auge verletzt ist. Das ist die Eintrittskarte.

„Wir müssen das hier in der Klinik genauer untersuchen“, sage ich zu den Eltern. „Vor allem das Auge. Nicht das es hier schwerere Verletzungen gibt.“
Sie wechseln Blicke, entspannen sich aber. Keine Ahnung, ob sie das Ahnungslosigkeitsspiel mitspielen, denken, ich hätte keinen Verdacht für eine Misshandlung, mir ist das egal. Oberste Priorität ist es, das Kind hierzubehalten.
Ich spreche meine üblichen Formalien aus, dass sich eine Schwester kümmern wird, dass ein aufnehmender Arzt hinzukommen wird. Kein Wort von Sozialdienst, Jugendamt, Polizei.

Später wird der Oberarzt der Klinik einen Ultraschall vom Abdomen machen und zum Glück nichts finden. Die Verletzungen werden dokumentiert werden, fotografiert. Die Arztkollegin wird das Mädchen nochmal befragen, ohne Eltern. Sie oder der Oberarzt werden die Eltern fragen, immer mal wieder, getrennt, gemeinsam, immer auf der Suche nach Plausibilität der Aussagen, Erklärungen, die Frage nach dem Bruder. Der Sozialdienst hat eine Bereitsschaftsnummer, die die Klinik immer erreichen kann. Da kommt noch viel Arbeit auf das Team zu.
Samstagabend. Der Abend vor Weihnachten.

„Vielen Dank“, sagt der Vater, als ich ihm die Hand gebe und das Zimmer erst einmal verlasse. Vielleicht meint er es wirklich so.

(c) Bild pxhere (CC Lizenz 2.0 Generic)

Hilfstelefone

Gewalt gegen Frauen 08000 116 016

Kinderschutz für Familien 0800 1110550

Nummer gegen Kummer (für Kinder und Jugendliche) 0800 1110333

Mal kurz rückversichern wegen der Impfmoral

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Mutter: „Sind Sie eigentlich eine Impfpraxis?“
Ich: „Ja? Wie meinen Sie das?“
Mutter: „Naja, impfen Sie alle Kinder, wie das von den Experten der Impfkommission empfohlen wird?“
Ich: „Ja. Eigentlich schon.“
Mutter: „Ohne Ausnahme?“
Ich: „Ja, ich bin überzeugt, dass…“
Mutter: „Auch etwa Rota?“
Ich: „Ja, auch Rota, weil die Säuglinge…“
Mutter: „Und auch Tetanus, Windpocken und Keuchhusten?“
Ich: „Ja, schon. Gerade bei den noch kleinen…“
Mutter: „Sagen Sie mir auch, wenn es neue Entwicklungen gibt?“
Ich: „Ja, klar, das ist ja meine Aufgabe…“
Mutter: „Und kann ich sicher gehen, dass auch sonst hier alle Kinder geimpft sind?“
Ich: „Naja, ich versuche schon, die Eltern zu überzeugen…“
Mutter: „Und wenn mal jemand gar nicht will?“
Ich: „Dann suchen die sich meist einen anderen Kinderarzt, der da mitschwingt.“
Mutter: „Echt jetzt? Sowas gibt´s? Leute, die gar nicht impfen?“
Ich: „Ja schon.“
Mutter: „Aber bei Ihnen nicht?“
Ich: „Sie meinen jetzt, Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollen?“
Mutter: „Ja.“
Ich: „Naja, eher wenige.“
Mutter: „Alles klar, dann bleiben wir.“

Easy.

(c) Bild pixabay (CC0 Creative Commons)

Durchblick

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Ich: „Und seit wann hast Du die Kopfschmerzen?“
Erik-James: „Jetzt am Wochenende und am Ende der Schule.“
Ich (nach zahlreichen neurologischen Anamnesefragen und entsprechender Untersuchung): „Dann solltest Du mal zum Augenarzt gehen, vielleicht brauchst Du eine Brille.“
Vater: „Oh, eine Brille hat er.“
Ich: „Achso?“
Vater: „Ja, schon seit einem halben Jahr.“
Ich: „Aber Du hast sie jetzt nicht dabei.“
Erik-James: „Soll ich nur in der Schule tragen oder bei den Hausaufgaben.“
Ich: „Warst Du denn heute in der Schule?“
Erik-James: „Ja.“
Ich: „Und jetzt hast Du wieder Kopfweh?“
Erik-James: „Ja, seit der sechsten Stunde.“
Ich: „Brille nicht getragen?“
Erik-James: „Nee.“
Ich: „Ok. Letzte Frage. Ich glaube, ich kenne schon die Antwort.“
Vater: „Ja?“
Erik-James: „Ja?“
Ich: „Warum hast Du denn Deine Brille vor einem halben Jahr bekommen?“
Erik-James: „Ich hatte immer so Kopfweh…“

(c) Bild bei Pixabay/RondellMelling (Creative Commons)

Stellen Sie immer offene Fragen, dann bekommen Sie mehr Auskünfte.

Question mark in Esbjerg

„Guten Morgen, na, was hat denn Ihr Bobele?“
„Das wollen wir von Ihnen wissen…“ — ja, Danke. Kenne ich schon.
„Und was führt Sie zu mir in die Praxis?“
„Der spuckt die ganze Zeit.“ — Im Moment nicht.
„Wie oft denn bisher?“
„Öfters schon.“ — So genau wollte ich es gar nicht wissen, doch, doch, eigentlich schon.
„Ja, ok, einmal seit heute morgen oder mehrmals?“
„Ziemlich oft.“ — Aha.
„Also häufiger als dreimal oder eher zehnmal?“
„Immer, wenn er was gegessen hat.“ — Jetzt kommen wir der Sache näher.
„Und wieviel hat er heute gegessen?“
„Der isst ja gar nichts mehr.“ — Falsche Fährte.
„Also hat er dann gar nicht gespuckt, wenn er gar nichts mehr isst und immer nur beim Essen spuckt?“
„Nenene, der hat schon ganz schön oft gespuckt.“ — Return to Zeile 4.
„Ok. Wann hat er denn zuletzt gespuckt?“ (Neuer Versuch, andere Fährte).
„Gestern abend.“ — Na dann.
„Und seitdem nicht mehr?“
„Nein. Aber essen tut er auch nicht.“

Und.so.weiter. Je.Des.Mal.
Hinweg mit allen Theorien zu offenen und geschlossenen Fragen. Manchmal wundere ich mich nicht, dass manche Kollegen gar nicht mehr mit den Eltern sprechen, sondern das Kind nur noch untersuchen und durchwinken oder einweisen.

(c) Bild bei Flickr/Alexander Henning Drachmann (unter CC.Lizenz)

Alles dran? Über Hodenfehlanlagen

Nuts

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Vater:“Ist denn das da unten auch alles dran?“
Ich mache gerade die U3 bei seinem Sohn, und während die Mutter beschäftigt ist, andauernd ihrem Sohn den Schnuller in den Mund zu stecken, den dieser aber sofort wieder hinausbefördert, sieht Vater sehr genau hin, was ich mache.
Ich: „Ja, sieht alles normal aus.“
Penis, Skrotum, Hoden. Vorhaut an der richtigen Stelle, natürlich noch eng. Keine Verlegung der Glans oder des Orificiums, alles prima.
Vater: „Die Kronjuwelen auch?“
Ich: „Ja, auch die.“

Interessant, dass die meisten Leute sich gar nicht so sehr dafür interessieren. Interessant auch, dass viele Eltern, gerade auch die Väter, wenig wissen, wie es „da unten“ bei den Jungs so aussieht. Frauen gehen mit den Genitalien ihrer Töchter wesentlich entspannter um, aber auch da gibt es mal Fragen nach dieser oder jener Rötung oder anatomischen Veränderung. Doktor Sommer lässt grüßen.

Die Untersuchung der Hoden

Die Hoden, also die Kronjuwelen, die Kugeln, die Nüsse, die Erbanlagen des Jungen, sollten typischerweise bei Geburt im Skrotum, also dem Hodensack, tastbar sein. Dies dürfte bei über 95% aller reifgeborenen Junges der Fall sein.

Ist dies bei Geburt noch nicht so, vielleicht auch nicht bei U2 oder U3, beginnt die Suche. Der Kinderarzt betastet den Leistenkanal, streicht ihn nach unten aus – manche Hoden hängen an einem sehr kurzen Samenstrang -, manches Skrotum hat einen so starken Cremasterreflex (die Muskulatur um den Hodensack), dass dabei die Hoden sehr weit Richtung Leiste rutschen. Gelingt dieses Manöver des Abstreichens, alles prima.

Wir wiederholen diese Prozedur bei allen „kleinen“ Vorsorgen, also bis zur U7, danach ist es sehr unwahrscheinlich, dass ein zuvor tastbarer Hoden plötzlich nicht mehr zu finden ist. Dennoch schaut man ebenso bei den „grossen“ Vorsorgen, also mit drei, vier und fünf Jahren, routinemäßig nach den Nüsschen. Das ist ein Blick, schließlich geht es auch um die Entwicklung des Genitales, der Vorhaut und der Beurteilung eines möglichen Leistenbruches oder ähnlichem.

Bei Schulkindern und Jugendlichen geht das dann nur noch mit dem OK des Patienten – meist haben die Jungs nichts dagegen, wenn Experte Doktor mal schaut, ob alles so ist, wie es sein soll – wer sagt es ihnen auch sonst?

Welche Veränderungen der Hodenlage kann es geben?

Wie bereits erwähnt: Die Hoden sind in aller Regel bei Geburt deszendiert, also „abgestiegen“, dies erfolgt während der letzten Wochen der Embryonalzeit, und darf noch bis zu einem halben Jahr andauern. Ab dann wird es interessanter.

Mögliche Hodenlagen können sein:
Gleithoden: Der oder die Hoden sind zwar findbar, lassen sich ausstreichen, wie oben beschrieben, rutschen aber sofort wieder nach oben in die Leistenregion. Meist liegt ein zu kurzer Samenstrang vor.
Pendelhoden: Die Hoden liegen überwiegend unten im Skrotum. Nur bei sehr starkem Cremasterzug rutschen die Hoden nach oben, bei Entspannung sind sie wieder unten. Eine Normvariante.
Leistenhoden: Jetzt sind sie die ganze Zeit in der Leiste zu finden. Natürlich auch einseitig. Ein Ausstreichen ist nicht möglich.
– Der oder die Hoden sind gar nicht tastbar, der so genannte Kryptorchismus. Hier liegen die Hoden meist im Bereich des Bauchraums, aber auch im Bereich des Oberschenkels (Via valsa der Deszendierung) oder sind gar nicht angelegt, bei letzterem spricht von Anorchie.

Bis auf die Pendelhoden sollten alle anderen Varianten behandelt werden, da sonst der zukünftigen Familie Unfruchtbarkeit droht (der Hoden muss außerhalb des Bauchraums liegen, sonst ist es den Spermien zu warm, sie werden nicht ausreichend gebildet bzw. sind nicht bewegungsfähig genug), zum anderen bedeutet ein ektoper (fehlgelegener) Hoden ein erhöhtes Risiko (5-10%) für eine Tumorentstehung.

Wann wird behandelt?

Ab 6 Monaten. Zunächst mit Hormonspritzen oder -nasensprays, später dann, wenn nötig, mit einer Operation. Dabei wird der (wenn vorhanden) Hoden im Hodensack festgenäht (Orchidopexie), die Hormonbehandlung hat eventuell zu einer Mobilisierung des Samenstrangs beigetragen. Oder der Hoden wird (wenn bisher nicht erfolgt) im Abdomen gesucht und meist dann entfernt, da eine Mobilisierung unterhalb der Leiste in aller Regel nicht gelingt.
Der Abschluss der Behandlung sollte mit dem ersten Geburtstag gelungen sein. Wir haben also ein Zeitfenster von einem halben Jahr. Dank der Vorsorgen U5 und U6 werden die meisten Jungen mit Hodenfehlanlagen frühzeitig erkannt.

Vater: „Wenn ich die Windel aufmache, dann sind manchmal die … äh, Hoden weg.“
Ich: „Ja, das ist der Kältereiz. Da gehen die auf die Flucht. Das kommt wohl aus der Urzeit, wenn die Männer vor der Gefahr wegrannten, dann zog der Körper die Hoden näher an den Körpermittelpunkt. Damit sie nicht im Weg waren beim Laufen.“
Vater: „Ah ja… Ja, das kenne ich.“

S2k-Leitlinie Hodenhochstand – Maldeszensus testis

(C) Foto Nuts bei Flickr/Thomas Hawk (unter CC Lizenz BY NC 2.0)

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