Heuschnupfenberatung in der Apotheke, Selbstversuch

„Hallo, ich hätte gerne Azelastin als Kombipackung, zum Beispiel Aller.go.dil als Kombi.“
„Moment, muss ich erst schauen, ob wir das da haben.“ Tippeditipp. „Ja, wollen Sie das als Augentropfen oder Nasentropfen?“
„Gerne als Kombipräparat, bitte. Einzeln ist es bestimmt teurer.“
„Ich schaue nochmal.“ Tippeditipp. „Nein, leider nicht da.“
„Haben Sie denn ein anderes Kombipräparat mit Azelastin?“
„Ich schaue einmal, Moment…“ Tippeditipp. „Ja, ich weiß jetzt nicht…“
„Da hinten im Regal, das ist doch Li.vo.cab als Kombi.“
„Ja, das ist richtig. Möchten Sie das?“ Sie holt es schnell, bevor ich antworten kann.
„Eigentlich nicht, das ist ja Levocabastin, das wirkt bei mir nicht so gut.“
„Tja, dann vielleicht das einfache Chromoglicin?“
„Danke, ganz sicher nicht. Und da hinten, neben dem Li.vo.cab? Da steht doch noch Vi.vi.drin akut.“
„Ja? Möchten Sie das?“
„Ist das nicht Azelastin? Und das gibt es auch als Kombi, oder?“
„Ich schau mal…“ Tippeditipp. „Ja, das haben wir da.“
„Und was ist da der Wirkstoff?“
„Ich weiß jetzt nicht, Moment…“ Tippeditipp. „Der Wirkstoff…, der Wirkstoff… Ahja, hier: Az-e-las-tin.“
„Na, das ist doch prima. Das nehme ich.“
„Also das Vi.vi.drin akut als Kombi?“
„Genau. Azelastin als Kombinationspräparat.“
„Prima. Schön, dass ich Ihnen helfen konnte.“
„Ja, fand ich auch. Und ich Ihnen.“

Eine Packung Taschentücher gab es auch. Nein, die Apotheken-Umschau habe ich liegen gelassen. Da steht zuviel Schwurbel drin.

(c) Bild Public Domain/Wikipedia

Doping II

Kleiner Nachsatz zum letzten Posting.

Die Amerikaner sind ja nicht ganz so gestresst, wie wir, was Medikamente angeht. Es gibt das Zeugs schön teuer over-the-counter im Supermarkt im Regal, da braucht es keine Apotheke. Also fand ich mal dieses hier.

Diphenhydramin ist zwar nicht das gleiche wie Dimetiden (Fen.is.til as mentioned in „Doping„), aber wird ebenso gerne bei Allergien eingesetzt. Und wie man hier sieht, hat man das Potential der erwünschten Nebenwirkungen sofort erkannt – und beide Medikamente knapp 5 ft voneinander platziert. Das kapiert jeder beim Einkauf.

Erhältlich ist natürlich auch so mancher Hustensaft auf Opioidbasis, die dröhnen dann auch ordentlich, wenn man das braucht.

   

Immer rauslassen, den Frust

Liebe Frau Heb,
es ist völlig in Ordnung, dass Sie Ihren Frust bei meinen Arzthelferinnen und mir abladen: Das mit der Verordnungsfähigkeit von Arzneimitteln ist tatsächlich ein starkes Stück und für den Laien kaum durchschaubar. Dennoch bin der falsche Adressat.
Dass Ihre Hausärztin für Sie ein Läusemittel rezeptiert hat und dann ihre Söhne zu mir schickt, damit ich die weiteren Mittel zur Parasitenbekämpfung rausschreibe, ist völlig ok. Schließlich könnte es da Unterschiede geben. Leider hat sie Ihr Rezept „auf Rosa“ verordnet, was sie leider nicht darf, da hat der Apotheker schon Recht, denn rezeptfreie Medikamente müssen privat verordnet oder gleich selbst gekauft werden.
Jetzt kommt gleich der nächste Schreck: Diese Regelung gilt ab 12 Jahren, also bekommt der große Junge ebenfalls ein Rezept „auf Grün“. Der jüngere, der ist schließlich erst zehneinhalb, kann das Medikament normal verordnet bekommen.
Nein, es geht nicht, dass ich für den drei Flaschen aufschreibe. Und ja, ich muß beide vorher gesehen haben, denn die Verordnung eines Medikamentes setzt wiederum eine eingehende Inspektion des Patient und Diagnose voraus. Sie wollen nicht extra kommen? Kann ich verstehen. Sie sehen die Viecher ja auch so, nicht wahr? Deshalb sind die Läusemittelchen frei verkäuflich. Aber dann müssen Sie sie ja doch selbst bezahlen? Stimmt.
Wie gesagt: Falscher Adressat. Wie wär´s mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss, der beschließt nämlich so einen Schrott, dass 12jährige hier wie Erwachsene behandelt werden (übrigens auch bei Antiallergika, Heuschnupfenmittel und so. Das geht erstmal ins Geld…). Außerdem wäre es eine nette Anregung, dass Krankenkassen selbst gekaufte Medikamente auf dem kleinen Dienstweg erstatten, oder? Die geben ja sonst auch genug Geld aus, um ihre Kunden zufrieden zu stellen (siehe Glaubuli).
Dennoch: Meine Schultern sind breit. Erleichtern Sie sich ruhig um Ihren Frust. Dafür sind wir ja da.
Ihr kinderdok.

Variation eines alltäglichen Problems

Es vergeht kein Tag, an dem nicht Eltern Rezepte nachträglich verordnet bekommen möchten, weil sie sich dieses oder jenes aus der Apotheke aufschwatzen liessen geholt haben. Leider erhalten sie oft die Aussage der Apotheke „das Rezept können Sie dann nachreichen“. Vielleicht würden sonst die Eltern die Medikamente gar nicht mitnehmen?
Trrrööööt! Fail!

Nach §8 (2) der Arzneimittelrichtlinien („Eine Verordnung von Arzneimitteln ist – von Ausnahmefällen abgesehen – nur zulässig, wenn sich die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt von dem Zustand der oder des Versicherten überzeugt hat oder wenn ihnen der Zustand aus der laufenden Behandlung bekannt ist.“) dürfen wir keine Rezepte nachträglich verordnen. Außerdem: Nach den gleichen Richtlinien sind die niedergelassenen Ärzte an das so genannte WANZ-Gebot der Verordung gebunden: Wirtschaftlich, Ausreichend, Notwendig, Zweckmäßig.

Auch wenn ich vielleicht Schimpfe beziehe von den hier mitlesenden ApothekerInnen: Die meisten Eltern erhalten Medizinprodukte, die diese Kriterien nicht erfüllen:
– oft werden höherpreisige Produkte abgegeben – der Kunde zahlt schließlich sofort und der Apotheker unterliegt nicht einem Rabattvertrag bei Over-the-Counter-Medikamenten.
– es wird oft zuviel empfohlen, also noch ein paar Ätherische Tröpfchen hier, ein paar Globuli da, Hustensäfte usw.
– Welche Eltern gehen schon ohne Medikation aus der Apotheke?

Nun möchte die Apotheke aber gerne ein Rezept über genau das nicht-WANZ abgegebene Produkt – sonst kann sie es selbst nicht verrechnen. Also muß „aut idem“ verkreuzt werden, was die Rabattverträge (und meine Empfehlungen) außer Kraft setzt. Ärzte werden also durch die Aussage „das Rezept können Sie nachreichen“ in doppelten Zugzwang gebracht: Dass man das Rezept ausschreibt und Was darauf stehen muss. In der Praxis muss das von uns erklärt werden, die Eltern verstehen es nicht, sie sind sauer, das Budgetargument wird bedient, die Kostenexplosion im Gesundheitswesen, die Schulmedizin überhaupt und am Ende noch der Papst. Das ärgert.

Noch mal: Ärzte dürfen keine Rezepte nachträglich verordnen. Dies wird übrigens auch alljährlich von den Kassenärztlichen Vereinigungen per Rundschreiben unterstrichen. Und die Apotheken wissen das auch.

So. Und jetzt kommt endlich die Variation, wie im Titel des Postings versprochen.
*Das* erschwerte heute die Situation zusätzlich, ganz abgesehen von der WANZ-regelung und dem §8:
Vater: „Brauch ich noch Rezept wegen Hustensaft, Tröpfchen für Brust und Nasentropfen. Auch noch Zuckerkügelchen. Apotheke hat gesagt, kann ich von Doktor holen.“
Ich: „Und was hat Ihnen der Apotheker genau mitgegeben?“
Vater: „… weiß ich jetzt nicht. Hab ich auch nicht dabei.“