berufsverband kinder- und jugendärzte zum gerichtsurteil rituelle beschneidungen

Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ)  Rituelle Beschneidungen bei Minderjährigen – Kinder- und Jugendärzte fordern: Allein das Recht eines Kindes auf körperliche Unversehrtheit zählt

“ Bei der aktuellen Diskussion über die rituelle Beschneidung minderjähriger Jungen müssen das Kindeswohl und das Recht der Kinder auf körperliche Unversehrtheit an erster Stelle stehen“, mahnt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.). „Derzeit  nimmt die Debatte über die rituelle Beschneidung fundamentalistische Züge an, die Befürworter der Beschneidung bagatellisieren diese Form der Körperverletzung, bei der es auch zu lebenslangen körperlichen und vor allem seelischen Verletzungen kommen kann. Und für die Politik scheint der Rechtsfrieden mehr zu zählen als das persönliche Trauma. Sie stellt mit dieser Haltung die körperliche Unversehrtheit von Kindern in Frage. „Dies zeigt erneut, wie notwendig eine Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz ist und wir in allen Parlamenten Kinderbeauftragte mit umfassenden Rechten benötigen, um staatliches Handeln gemäß Artikel 3 der UN-Kinderrechtskonvention darauf zu überprüfen, ob bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, gleichviel ob sie von öffentlichen oder privaten Einrichtungen der sozialen Fürsorge, Gerichten, Verwaltungsbehörden oder Gesetzgebungsorganen getroffen werden, das Wohl des Kindes vorrangig zu berücksichtigt wird“, so Dr. Wolfram Hartmann, der Präsident des BVKJ.

„Uns ist bewusst, dass nach Art. 3 des Grundgesetzes „Niemand wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden darf“, so Hartmann. Darüber abersteht Art 2 des Grundgesetzes, wonach „jeder das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit hat“. Dies ist nach Auffassung des BVKJ gerade bei minderjährigen Kindern das höhere Recht.

Der BVKJ verweist in diesem Zusammenhang auf §24 der UN- Kinderrechtskonvention, die von allen Staaten außer Somalia und den USA ratifiziert wurde. Danach haben die Vertragsstaaten „alle wirksamen und geeigneten Maßnahmen zu treffen, um überlieferte Bräuche, die für die Gesundheit der Kinder schädlich sind, abzuschaffen“.

Die Kinder- und Jugendärzte appellieren daher eindringlich an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages, sich bei ihrer Abstimmung am Donnerstag, 19.07.2012, dieser Verantwortung für das Kindeswohl bewusst zu sein.

schnippel

oh wow, der blätterwald raschelt.

es geht um die entscheidung des landgerichts köln, dass die beschneidung eines jungen aus religiösen gründen als strafbare körperverletzung zu werten sei (urteil vom 7. mai 2012 – 151 ns 169/11). jeder, der mehr oder weniger involviert ist, meldet sich nun zu wort, vertreter der muslime in deutschland im einklang mit dem zentralrat der juden, auch die einschlägigen tageszeitungen, wie die süddeutsche (im feuilleton, aha!), und zuletzt auch die deutsche bischofskonferenz.

ich werde mich nicht in die religiösen beweggründe der circumcision einmischen. für ärzte sollte alleine die medizinische entscheidung führen: bei einer phimose, der angeborenen vorhautenge, welche auch unter konservativen maßnahmen (z.b. cortisonsalbe) über das sechste lebensjahr hinaus besteht, oder wenn diese rezidivierende entzündungen macht und oder vernarbungen aufweist, sollte eine operation erfolgen. ansonsten kann eine nicht erfolgte befreiung der glans zu erheblichen problemen bei der späteren funktion des penis führen. autsch.
wohlgemerkt: das oft zitierte hygieneargument, oder dass frauen von beschnittenen männern weniger gebärmutterhalskrebs bekämen, bleibt stets sehr umstritten. die debatte vermischt stets glauben und wissenschaft, und vielleicht sind diese argumente nur „rationalisierungen eines ursprünglichen motivs“ (zitat christoph türcke, philosoph in der süddeutschen).

eine beschneidung ist, egal ob bei mann oder frau, juristisch gesehen, zuerst einmal eine körperverletzung, genau wie jeder sonstige eingriff in die unversehrtheit des körpers. so lange der patient nicht in den eingriff einwilligen kann. die abwägung, ob der patientenwille (also des kindes) oder der wille der eltern über das minderjährige mehr wiegt, spielt imho auch keine rolle, da man mit einer rituellen beschneidung warten kann, bis der patient selbst die folgen dieser op abschätzen kann. und damit auch, ob er – bei dieser irreversiblen op – einer bestimmten religion angehören möchte.

wenn muslimische oder jüdische eltern mit der bitte um überweisung zu einer circumcision aus religiösen gründen kommen, lehne ich das ab. für mich zählt alleine der medizinische aspekt. und nur dann muß auch das gesundheitssystem zahlen. ob die eltern dann den eingriff trotzdem durchführen lassen und ob sie und der operateur dann strafbar sind – muß auf anderer, philosophisch-religiöser und ethischer ebene entschieden werden. man sieht sich in karlsruhe wieder.

siehe auch: zizi.