Kinderärzte aus einer anderen Welt XI

Man kann ja Til-Schweiger-Filme mögen, muß man nicht, jedenfalls sind sie erfolgreich. Vor allem liegt das daran, dass Schweiger eine gute „Buddy-Connection“ unter den Schauspielern genießt. In „Honig im Kopf“ besetzt er kongenial die Hauptfigur mit dem gealterten Didi Hallervorden. Aber auch eine andere wichtige Rolle, die des Kinderarztes Dr. Ehlers, wird von einem tollen deutschen Schauspieler übernommen.prueckner_lanz2013

Tilo Prückner fristet ein Schauspielerdasein in Nebenrollen, selten, dass er mal in der ersten Reihe des Castings steht, obwohl er dort hingehört. Seine zig Einsätze im Fernsehen sprechen für ihn. Tilo Prückner ist nebenbei selbst der Sohn eines Kinderarztes.

In „Honig im Kopf“ hat Dr. Ehlers die Aufgabe, Tilda Rosenbach (Emma Schweiger) die Krankheit ihre Opas, Alzheimer, zu erklären. Die Buch-im-Regal-Metapher ist eine sehr gute Erklärung für das Vergessen der Alzheimer- bzw. Demenzerkrankten. Wieviel Zeit er dem Mädchen dabei gönnt, irritiert manche Kommentatoren bei Youtube, trotzdem spürt der Kinderarzt der Rolle, dass es genau jetzt diese Zeit braucht. Ich mochte den Film von den ganzen Schweiger-Filmen ganz gerne, und genau diese Szene hat mich sehr berührt.

Zum Nachsehen:

Die letzten Folgen dieser Serie:
Dr. Valerie Klein
Tara Knowles
David Norris
Sam Sweeney
Cooper Freedman
Alex Karev
Arizona Robbins
Hannes Fröhlich
Daniel Holbein
Doug Ross

alphabet oder Was macht die Schule mit unseren Kindern?!

Kennt jemand von Euch den Film „alphabet„? Er lief vor einem guten Jahr in verschiedenen (Programm-)Kinos, damals hatte ich ihn leider verpasst. An dem einen Tag konnte ich nicht, an dem anderen hatte meine Frau keine Zeit (ich gehe ungern alleine ins Kino), und schon war er aus dem Kinoprogramm verschwunden.

Wie prägt das Schulsystem unsere Kinder? Das will der Filmemacher Erwin Wagenhofer vermitteln, der uns schon so spannende Filme wie „We feed the World“ bescherte. Der Trailer dieses Films lässt hoffen, dass verschiedene Lehrsysteme der Welt gezeigt werden und sich damit letztendlich unser Schulsystem in Deutschland kritisch auseinandersetzen darf. Ich dachte, ich sehe Japaner, Chinesen, afrikanische Eingeborene, US-Amerikaner und Aborigines und davon abgesetzt Waldorfschulen, die Rütli-Schule und irgendein Elitegymnasium, um Schlüsse zu ziehen, was das Lernen der Kinder wirklich ausmacht.

Weit gefehlt. Der Film zeigt uns am Anfang nur das chinesische Schulsystem – wir hatten es schon befürchtet: Drill, Prüfungen, Urkunden, Matheolympiaden. Wir sehen die Chinesen aus dem Blick des PISA-Beauftragten der Bundesrepublik, der gleich feststellt, dass China schließlich alle PISA-Rankings anführt, und dass Europa dies verpasst habe, um auf dem Weltmarkt mitzuhalten. So weit, so gut.

Dann lernen wir Herrn Professor Hüther kennen, für Bildungs- und Erziehungsforscher in Deutschland ein bekannter Mann, er durchreist die Lande und lehrt, die Kinder Kinder sein zu lassen, wegzukommen vom Drill in deutschen Landen, weg von Noten und Gehorsam, hin zur freien Entfaltung des Individuums. So weit, so gut.

Schließlich gibt es die Familie Stern. Der alte Mann hat autodidaktisch eine „Malschule“ begründet, die in seinem französischen Gutshaus Kindern, auch Älteren die Möglichkeit bietet, sich malerisch zu entfalten. Ein weißes Blatt, schöne Ölfarben, ein paar alte Pinsel, jeder darf, wie er/sie will. Niemand gibt etwas vor (außer dem alten Mann, der dafür sorgt, dass die Farben sauber bleiben und das Blatt an der richtigen Stelle an die Wand gezweckt wird). Später kommt sein Sohn ins Bild, der nie zur Schule ging, nie unter Druck stand, und jetzt fließend Fremdsprachen spricht und wunderschön selbst gebaute Gitarren spielt. Schnitt auf Professor Hüther, der verkündet, dass Kinder sich stets alleine bilden, auch ohne das Zutun von außen.

Der letzte im Reigen der pädagogischen Anschauungsobjekte ist schließlich Pablo Pineda, der als erster Mann mit Down-Syndrom erfolgreich ein Universitätsstudium abschloss und der nebenbei schauspielert – auch hier gibts den passenden Hütherschen Kommentar. Pineda darf dann auch den entscheidenden Satz sprechen, dass Pädagogik etwas mit Liebe zu tun haben muß und nie mit Angst. Er fährt schlafend Zug, wir sehen ihn im Fussballstadion und wie er im Campus lauthals gähnt. Die sympathischste Figur des Films.

Ich erwartete den Schlagabtausch zwischen Hüther und dem PISA-Mann, gerne auch eine deutsche Familie, die nach China auswanderte, oder arme chinesische Kinder, die das deutsche Bildungssystem unterfordert. Der Hartz-IV-Mann, der sich per Securityarbeit und 8 Euro pro Tag über Wasser hält, trotz Einser-Notendurchschnitt in der Hauptschule – er wurde als einziges „Opfer“ in Deutschland präsentiert.

Vor allem aber erwartete ich die gestörten deutschen Kinder, die auf dem chinesischen Weg sind, um nur Leistung über Leistung zu bringen. Das CEO-Seminar von McKinsey, das etwas deplatziert hineingeschnitten war, und indem die junge Absolventen zeigen konnten, wie skrupellos sie das hiesige System gemacht hat, blieb überraschend zahm (abgesehen davon, dass die zukünftigen CEOs in ihren dunkelblauen Kostümchen und Anzügen genauso uniformiert wirkten wie die chinesischen Schulkinder). Sprach deshalb der Personalchef der Telekom von der Militarisierung unserer Wirtschaftskarrieren?

Chinas Lehranstalten gegen schullose Erziehung gegen Hüthersche Horrorprognosen – zu schwach für einen Film, der aufrütteln will.
Schade. Chance verpasst.

Offizielle Seite mit Trailer usw.
alphabet auf DVD und – wer hat – via Amazon Stream

Passend dazu: Wir sind keine Sorgenkinder von Martin Spiewak