Lasst uns Schwimmen gehen!

 

Wir sind gerade am Meer, und auch hier komme ich an Themen fürs Bloggen. Schwimmen mit Kindern zum Beispiel. Oder besser: Haben Eltern kein Gefühl mehr für die Gefahren der Natur? Also Wasser. Und Meer.

Hier ist samstags Bettenwechsel. Die Ferienhäuser werden verlassen bzw. neu bezogen, man regt sich auf, wie klamm, feucht und muffig, fuselig und staubig die Häuser hinterlassen werden und freut sich trotzdem über die feudalen vier Wände für eine Woche. Alle packen schnell aus und dann, zum Meer! Düne hoch, staunender Blick, das Meer ist stets ein neuer Anblick, aber dann … zieht es hinunter, halb stolpernd, halb rennend, sie reissen sich die Kleider vom Leib und stürzen sich in die Fluten (Ok, am gestrigen Samstag war es etwas frisch, das Hineinstürzen hatte etwas Gebremstes).

Dann ist da diese Familie, Mutter zurückhaltend, hält den Fleece vor der Brust fest verschlossen, es geht eben doch eine steife Brise, der Vater kommt gar nicht hinterher, weil er die Strandmuschelnverpackungen tragen muss. Aber die Omma scheint noch sehr rüstig, mit dem grossen Enkel sprintet sie voraus. Der kleine Enkel wird von der Mutter in Ermangelung einer Badehose – die liegt sicher noch im Koffer im Ferienhaus – , nackt ausgezogen, er rennt der Oma hinterher. „Halt! Warte! Will auch mit!“ Natürlich Deutsche*.

Das Meer. Die Wellen. Ich schätze sie meiner bescheidenen Warte aus auf sicher zwei bis zwoeinhalb Meter, das dürfte es schon sein. Die eigenen Kids können sich gerade so auf den Beinen halten in der Brandung, aber Familie Nackedei mit Oma kennt keine Hemmungen: Der kleine Enkel von vielleicht acht Jahren wird von der Oma über die Dünung ins Tiefe gezogen.

Da rollen die Brecher heran. Erst reisst es der Oma den Enkel aus der Hand, die Rip- und Unterströmungen holen ihn schließlich selbst von den Beinen. Nackedei kommt kurz nach oben, steht auch wieder, denn tief ist es hier nicht, um sofort wieder umgerissen zu werden. Beim nächsten Mal kommt er schon mit eher verstörtem Blick nach oben, Seitströmungen haben ihn jetzt bereits drei, vier Meter von der Oma weggezogen. Jetzt ist das Hochkommen nur noch kurz.

Der Vater hat seine Standmuscheln liegen und geht gelassen auf das Meer zu, um zu sehen, was sein Jüngster da so treibt. Es ist keine Bewegung in ihm, es ist wie Fernsehen. Mal sehen, was passiert. Ich stehe dreissig Meter weiter links, meine Kinder sind aus der Dünung raus, ich laufe los. Aber wer die Situation am schnellsten erfasst, ist  der große Junge. Der rennt nun wirklich, zwanzig oder dreissig Meter durch die Wellen, erreicht den kleinen Bruder vor der nächsten – richtig, aber hallo großen! – Welle und zieht ihn am Arm hoch, hält ihn fest, bevor es sie beide umreisst. Der Große umschließt sein Nackidei-Brüderchen und stapft aus der Dünung heraus, sobald er wieder stehen kann. Sie schaffen es heraus. Auch auf die weite Entfernung ist die Körperhaltung des Kleinen und seiner Eltern voller Angst, als das warme Badetuch ihn umfängt. Jetzt. In Sicherheit.

Eine Dreijährige ist vor zwei Tagen bei München im See ertrunken, nur kurz unbeobachtet. Kinder ertrinken nicht „wie im Film“ mit wasserschlagenden Händen und seewasserspuckendem Schreien, sie gehen einfach unter. Das Nackedei von oben war geschockt von der Macht des Meeres, sein Blick hat nach Hilfe gesucht, gerufen hat er gar nichts. Kurze Momente später, und sein Bruder hätte ihn nicht erreicht. Der Blick muss immer auf die Kinder gerichtet sein, es darf kein „unbeobachtet“ geben. Auch wenn der Sommerkrimi noch so spannend ist, oder die Whats-App-Nachricht gerade geschrieben sein will.

Ob der Kleine schwimmen konnte, blieb wenigstens zu hoffen, auch wenn dies das Meer hier nicht interessierte. Dabei beklagen viele Sportlehrer, dass die Kinder nicht mehr schwimmen können. Deutschland wird zum Nichtschwimmerland. Es gab dann keine Gelegenheit, es zu lernen, viele Schwimmbäder werden geschlossen, Schwimmkurse sind überfüllt, oder zu teuer, oder werden gar nicht angeboten, die Kinder kommen aus Länder, wo sie das Schwimmen nie gelernt haben. In den Schulen fällt der Schwimmunterricht zu oft aus. Vielleicht wäre das mal wieder eine gesellschaftliche Aufgabe, wie vieles in der Gesundheitsprävention: Dass bereits Vorschulkinder einen Schwimmkurs besuchen müssen. Oder zumindest alle Erstklässler.

Am Ende sind jedoch wir Eltern verantwortlich: Aufsehen. Bewußt sein.


*Ist ja gar nicht so schlimm, mit uns Deutschen überall, wir reisen nun mal gerne, nur im Urlaub wollen wir unsereins nicht sehen und bringen uns doch selber mit.

(c) Bild bei kinderdok