116117

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Die ehrenwerte Kassenärztliche Bundesvereinigung hat mich tatsächlich angeschrieben, ob ich nicht auf meinem Blog die bundeseinheitliche Nummer 116117 promoten möchte. Nicht, dass ich mir darauf etwas einbilde, vermutlich war es sowieso nur ein Bot, der alle medizinisch klingenden Websites anschreibt, aber dennoch: Die Idee ist eigentlich ganz gut.

Unter 112 kommt das Blaulicht und die Sirene angefahren, jetzt brennt es wirklich, ob Haus oder Hof oder eben der Körper. Dass viele Patienten jedoch diese Nummer wählen, wenn sie nur kleinere Wehwechen haben, hat sich mittlerweile rumgesprochen, die Klagen der Rettungsdienste und Anekdoten über unsinniges Ausrücken des Notarztes sind Legion. Das hat auch die versammelte Ärzteschaft gesehen und bereits vor Jahren Notfallpraxen für Abende, Feiertage und Wochenenden etabliert, weitestgehend flächendeckend in der Republik. Hier kann jeder Patient zu Unzeiten, wie es so schön heisst, also außerhalb der Sprechzeiten des eigenen Hausarztes, vorbeischauen, um endlich einmal den roten Fleck zu begutachten, der schon seit drei Wochen das Antlitz ziert oder den Husten, der nachts nicht mehr schlafen lässt*. Für Kinder gibt es in vielen Regionen einen eigenen Notdienst mit eigenen Praxen, idealerweise oft an Kinderkliniken angegliedert, dann müssen die Eltern nicht so lange suchen.

Über die Jahre fiel nun aber auf, dass die Leute gar nicht mehr so oft die 112 wählen, sondern lieber die Notfallpraxen in den Unzeiten nutzen, um Dinge abzuklären, die eigentlich in die Sprechzeiten der Hausärzte gehört. Jetzt können wieder die Belegschaften der Notfallpraxen ein Lied singen, wie verstopft an manchen Tagen die Räume sind für Lappalien.

Nun also eine Telefonnummer. Hier erfährt der fragende Patient, wo die nächste Notfallpraxis in der Region ist. Interessant finde ich die Definition, die auf der 116117-Seite zu finden ist, wann der Bereitschaftsdienst beispielsweise aufgesucht werden kann:

„Beispiele für Erkrankungen, die vom ärztlichen Bereitschaftsdienst versorgt werden können:

  • Erkältung mit Fieber, höher als 39 °C
  • anhaltender Brechdurchfall bei mangelnder Flüssigkeitsaufnahme
  • starke Hals- oder Ohrenschmerzen
  • akute Harnwegsinfekte
  • kleinere Schnittverletzungen, bei denen ein Pflaster nicht mehr reicht
  • akute Rückenschmerzen
  • akute Bauchschmerzen“

Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, dass auch am Telefon beraten wird. Das erleben wir in der Praxis unter der Woche ja ähnlich: Manches lässt sich durch ein paar gezielte Fragen am Telefon klären, manchmal tun es ein paar warme Worte eines medizinischen Profis, der die Sachlage gut einschätzen kann, ein Hausmittel empfiehlt, oder dann doch den Besuch in einer Notfallpraxis empfiehlt.

Habt Ihr Erfahrungen mit der 116 117 gemacht? Wurde Euch schon einmal dort geholfen? Auch seitens der Krankenkassen gibt es inzwischen Ähnliches, hat das schon einmal jemand genutzt?

Dies hier also als Promotion für die Notfallnummer 116 117.

 


*Das ist ein SCHERZ! Natürlich sind auch die Notfallpraxen NOTFALLpraxen und keine gerade passende Sprechstunden am Wochenende, weil mal Zeit ist oder Papa das Auto aus der Garage holt. Man darf sich also nicht wundern, wenn die Triage in den Notfallpraxen greift und die lange Wartezeit signalisiert, dass das eigene Problem scheinbar doch nicht so notfallmäßig gesehen wird.

 

Weniger Antibiotika

(hier ist mal der Plural korrekt)

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung KBV veröffentlicht ein Statement, wonach im Beobachtungszeitraum 2008 bis 2014 bei Kindern und Jugendlichen signifikant weniger Antibiotika verordnet wurden. Das ist schon mal schön. Die KBV bezieht sich dabei auf eine Studie des „Versorgungsatlas“, die man hier nachlesen kann.

Spannend wird es bei der Begründung des Rückgangs. Schreibt die KBV: „…, dass Pädiater beim Einsatz von Antibiotika inzwischen sehr sensibilisiert seien – nicht zuletzt, weil die Eltern der Kinder immer häufiger kritisch nachfragen.“ Im Paper des Versorgungsatlas klingt das etwas anders: „Eine Ursache für den rückläufigen Trend bei Kindern könnte u. a. die Einführung […] der Pneumokokken-Kon- jugatvakzine in 2006 sein. […] Darüber hinaus wäre es möglich, dass Pädiater Antibiotika zurückhaltender verordnen als Allgemeinmediziner. Auch der ausdrückliche Elternwunsch nach zurückhaltenderer Antibiotikagabe kommt in diesem Zusammenhang in Frage.“ Hier ist der „Elternfaktor“ nur noch eine Randbemerkung.

Als Kinderarzt sehe ich gerne die kritische Haltung zu Antibiotika im Vergleich zu Allgemeinmedizinern im Vordergrund, so eitel sind wir nun mal. Und jede Grippewelle gibt uns Recht: Eltern sind oft kranker als ihre Sprösslinge und *immer* mit Antibiotika durch den Erwachsenenmediziner versorgt, „zur Sicherheit“ oder „weil jetzt auch noch eine Bronchitis dazukam“ oder „weil die Grippe nun schon drei Tage dauerte“. Isso.

Leider führt diese Erfahrung der Eltern, die auch bei viralen Infektionen Antibiotika erhalten, dazu, dass diese auch für ihre Kinder häufiger erfragt werden. Von einer „kritischen Hinterfragung“ kann ich leider in der Praxis selten berichten. Dachte ich vor meiner Niederlassung immer, man müsse die Eltern von einer Antibiotika-Gabe überzeugen, wenn diese angezeigt ist, sind in realite die Diskussionen darüber, dass ein Antibiotikum nicht sinnvoll ist, viel häufiger.

Wirklich neu ist die Erkenntnis, dass Kinderärzte weniger Antibiotika verordnen, übrigens nicht (2010, 2012). Ich schrub auch schon mal davon (2012).

Wir arbeiten für Ihr Leben gern

Imagekampagnen haben etwas zweideutiges, einmal sind sie sicher legitim, andererseits werden sie immer erst dann initiiert, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Bei den Ärzten ist das anders – sie wurden in den letzten Jahren mehrfach in den Brunnen geschubst. Sie sollen nicht streiken, sie verdienen sowieso immer viel zu viel, hochaktuell gibts eine perfide Kampagne, alle Ärzte in Sippenhaft zu nehmen, weil sie angeblich alle Pfuscher sind. Wer diese Kampagnen lostritt, lassen wir mal außen vor – aber das gleichzeitige Lancieren von Pressemitteilungen mancher Kassen lässt tief blicken.

Bewertungsportale tun ihr übriges. Sie sind auch legitim, schließlich schaue ich auch bei Ciao oder Amazon oder wo auch immer nach, ob dies Buch was taugt oder jene Kompaktkamera hält. Also auch bei Ärzten. Klar nur – hier schreiben primär die Unzufriedenen.

All das hat zu einem Imageverlust der Ärzte geführt, was sich wiederum in der Niederlassungsfreudigkeit frisch examinierter Mediziner niederschlägt – und das soll sich jetzt ändern. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat – im Auftrag der niedergelassenen Fach- und Hausärzte Deutschlands – Werbefilme produziert, die nun ab heute im Fernsehen ausgestrahlt werden. Premiere ist am heutigen Abend in den Minuten vor der Tagesschau. Man darf gespannt sein. Immerhin sehen wir echte Ärzte, keine Schauspieler. Es folgen im Sommer noch Plakatierungen in den Städten – dann springt einem nicht mehr nur die AOK von jeder Litfaßsäule entgegen.

Image bedeutet in unserer Leistungsgesellschaft sehr viel. Für den heutigen Tag werde ich daher ein besonders freundliches Gesicht aufsetzen. 🙂

Artikel im Ärzteblatt zur Kampagne

Edit:
Hier das YouTube-Video (bisher war es geheim, nach Ausstrahlung im TV kann man´s jetzt nochmal ansehen)

und das Making-Of:

zecke schnipp schnapp

zecken. wow. jetzt gehts wieder los. am wochenende bricht der hochsommer über uns herein (das können meine kalten füsse noch gar nicht glauben), und damit kriechen auch die holzböcke wieder raus. in der praxis durfte ich auch schon tätig werden, und ich „machs“ immer noch mit der kleinen zeckenzange.

aber das muss jeder selbst wissen, am besten findet man seinen eigenen weg. nur – entscheidet euch. denn meist findet man die zecke am abend, hinter dem linken ohr, dem rechten hoden oder zwischen den kleinen zeh beim bobele. und dann steht man da. ist das nun ein „notfall, der nicht bis zum nächsten tag warten kann“, wie das die kbv für ihre 116117 nummer definiert – oder machst du das selber.

„machs dir selbst!“ kann ich da nur appelieren. sooo schwer ist es nicht, you have the choice: zeckenkarte, zeckenschlinge, zeckenzange, zeckenpinzette, zeckenfingernägel, egal. hauptsache das dickste vom ding kommt raus. oder, wie ein experte letztens im radio sagte: man muss schon ziemlich dämlich sein, wenn man den kopf abreisst. eigentlich besteht das viech nur aus kopf. er empfahl, die zecke mit einem scharfen messer oder einer rasierklinge abzuschneiden, also: das hypostom (siehe bild) mit den cheliceren, den stichapparat, zu kappen. dann bleibt quasi nur der zahn in der haut, die speicheldrüsen (mit böse böse fsme) und der magen (mit noch böser böser borrelien) ist weg.
geschmackssache.

ob ich es wirklich schaffe, mit der rasierklinge an mein brüllendes anderthalbjähriges ranzugehen, um den gemeinen holzbock hinter dem linken hoden … naja. lassen wir das.

116 117 – auch für kinder?

… wissen wir auch nicht. blöd, oder?
ganz ehrlich: der informationsfluss zu den ärzten lief nicht so toll. bekannt ist, dass mit der zentralen bundeseinheitlichen rufnummer 116 117 ab sofort in fast allen bundesländern (die südwestlichen folgen nächstes jahr) der kassenärztliche notdienst erreichbar ist. das ist grundsätzlich gut, da die suche nach den unterschiedlichen regionalen rufnummern entfällt. aber sind wir ehrlich: war es je so schwer, die entsprechende rufnummer zu wissen oder rauszusuchen? wie auch immer – es ist eine verbesserung. 

nach wunsch und vorstellung der kassenärztlichen bundesvereinigung ist der bereitschaftsdienst, und damit auch diese nummer, gedacht für „patienten mit dringenden aber nicht lebensbedrohlichen notfällen“ (letztere wählen eher die 112), bei denen die „die behandlung aus medizinischen gründen“ nicht bis zum nächsten tag warten kann. wer schon mal im bereitschaftsdienst gearbeitet hat, erschließt sich automatisch der umkehrschluß „und nicht etwa für die, die es am tag oder die woche vorher nicht einrichten konnten, zum arzt zu gehen oder für jene, die sich keinen termin unter der woche holen wollen.“ wir kennen unsere pappenheimer.

und die kinder? keine ahnung. in manchen aussendungen zur neuen nummer finden sich hinweise zu speziellen ambulanten notdiensten wie die der „augenärzte“. in vielen vielen bezirken gibt es jedoch auch einen kinder- und jugendärztlichen notdienst, in praxen oder an notfallambulanzen der kinderklinik. es bleibt zu hoffen, dass die 116117 jeweils in einem callcenter endet, in dem wenigstens nach dem alter des patienten gefragt wird, um dann die eltern an den kinderarzt weiterzuweisen. wenn nicht, erfolgt vielleicht die vermittlung zum hausärztlichen dienst, in dem – wieder zitat der kbv – „grundsätzlich ärzte aller fachgruppen“, also auch gerne urologen, schönheitschirurgen oder kieferorthopäden ihren dienst tun. glück dem kind, welches an einen arzt gerät, der vielleicht zumindest eigene kinder hat 😉

ein wenig sozialneid

der vorsitzende der kassenärztlichen bundesvereinigung dr. andreas köhler gönnte sich soeben eine erhöhung seines jährlichen einkommens auf über 350000 euro. das entspricht einer lohnsteigerung von 35%. ich denke, das ist legitim. berücksichtigt man, dass auch ein pilot nicht mehr verdient und die bundeskanzlerin weniger, sollte doch wenigstens einer der führenden persönlichkeiten des ärztesystems in deutschland entsprechendes gehalt beziehen.

schließlich: der fisch stinkt vom kopf. wenn der gute mann nicht ausreichend bezahlt wird, werden doch alle ärzte am ende darunter leiden oder gar verärgert sein, und am ende die patienten – also du und ich – nicht mehr so richtig behandelt werden. das wäre ganz schön schlimm.

und als bundeswehrarzt der reserve ohne facharztabschluss wäre er am ende doch gar nicht so weit gekommen. wie man weiter liest, ist sein gehalt seit 2005 nicht gestiegen. fünfunddreißig prozent jetzt, dass macht ja grad mal sechs prozent lohnsteigerung pro jahr aus. völlig ok. und einen dienstwagen fährt er auch nicht.

wird zeit, dass ich meinen daimler umlease, und mir endlich einen suv zu legen. vielleicht den cayenne. oder besser einen panamera. den kann mir dann die kv meines bezirkes bezahlen. ich brauch doch schließlich einen dienstwagen. denn mein gehalt hat sich in den letzten sechs jahren nicht entwickelt. aber ich habe ja auch nur noch ein paar angestellte zu bezahlen und die praxisnebenkosten zu tragen. das geht dann schon.

lass mal schauen, was andere so verdienen. nein, zu herr ackermann google ich jetzt nicht. so sozialneidisch bin ich dann doch nicht.