Entwicklungsstörungen und Heilmittelverordnungen – die Jungen kommen wieder mal schlechter weg

Mehr Entwicklungsstörungen, weniger Heilmittel

Über Twitter kam letztens ja eine Meldung der AOK über die Heilmittelverordnungen im Allgemeinen und die Unterschiede bei Jungs und Mädchen im Speziellen. Die gute @KindundKittel fragte herum, wie denn die Meinung bei uns Kinderärzten dazu sei. Twitter im Allgemeinen hat sich natürlich auch dazu geäußert.

Jeder kann ja den Artikel lesen, dennoch eine kurze Zusammenfassung:

  • Die Zahl der diagnostizierten Entwicklungsstörungen bei Schulanfänger hat im Zehnjahreszeitraum zugenommen (2008 27,5% auf 2017 34,8%)
  • Im gleichen Zeitraum haben die Heilmittelverordnungen in geringerem Maße zugenommen (2008 15,6% auf 2017 16,9%). Seit 2015 seien die Verordnungen sogar zurückgegangen.
  • Spitzenreiter der „Zunahme“ sei Hamburg, am unteren Ende stünden Schleswig-Holstein, das Saarland und Bayern, hier gibt es einen Rückgang.
  • Unterschiede Jungen zu Mädchen: 2017 wurde bei Jungs in 41,3% eine Entwicklungsstörung festgestellt, bei den Mädchen hingegen nur bei 27,8%. 17,8% der Jungen erhielten Therapie bei nur 10,7% der Mädchen. Eine andere Zahl: 2017 waren 60% der AOK-Heilmittelpatienten im Kindesalter bis einschließlich 14 Jahren – Jungen.

Das Forschungsinstitut der AOK WIdO diskutiert diese Zahlen recht vorsichtig. Man sei primär zufrieden über den Rückgang der Therapien, dies liege daran, „dass Ärzte sehr genau hinschauen, wie sich ein Kind rund um die Einschulung entwickelt und wann es therapeutische Begleitung braucht“, sagt Helmut Schröder, stellvertretender WIdO-Geschäftsführer. „Gleichzeitig wandeln sich die Anforderungen von Schule und Elternhaus an die Kinder sowie das ärztliche Diagnoseverhalten und die Therapiemöglichkeiten.“

Gibt es eine Vorfilterung, eine ungenannte Bias?

Sehr gut beobachtet, sehr gut geschlussfolgert. Ich denke auch, dass solche Zahlen aus verschiedenen Gründen resultieren. Die AOK bekommt ihre Prozente aus den tatsächlichen Heilmittelverordnungen für Logopädie und Ergotherapie, es werden die einzelnen Rezepte gezählt. Dagegen gestellt werden die ICD-Diagnosen, die ihr über die Abrechnungen der Ärzte via KV übermittelt werden. Mehr sagen diese Zahlen nicht.

Welchem Bias unterliegen die erhobenen Zahlen zu der Diagnosen „Entwicklungsstörung“ und „Heilmittelverordnungen“?

  • Die Diagnosen sind Grundvoraussetzung für die Ansetzung von Abrechnungsziffern, die in den letzten Jahren für Kinder- und Jugendärzte möglich wurden, die so genannten sozialpädiatrischen Ziffern. Wurde hier tendenziell mehr verschlüsselt?
  • Entwicklungsstörungen begründen auch die Einstufung eines Patienten als „Chroniker“. Hier sind wiederum die Krankenkassen interessiert: Durch eine hohe Anzahl von Chronikerpatienten erhalten Krankenkassen mehr Geld aus dem Risikostrukturausgleich. Es hat schon Aufforderungen von Krankenkassen an Ärzte gegeben, Patienten mittels Diagnosen zu „upgraden“.
  • AOK-Patienten sind von vornherein gefiltert: Beispielsweise sind Geflüchtete und Asylsuchende in der AOK versichert, auch die Lohnstruktur der AOK-Versicherten dürfte eher im unteren Spektrum liegen. Anders gesagt: Ingenieure sind bei der Techniker, Angestellte der Mittelschicht bei den BKKs, Ärzte und Anwälte privat versichert. Es ist kein Geheimnis, dass Entwicklungsprobleme bei Kindern mit dem Sozialstatus korrelieren.
  • Wie im Artikel schon vermutet: Sicher hat es in den letzten zehn Jahren eine höhere Sensibilität für Entwicklungsstörungen gegeben. Bei ÄrztInnen. Bei ErzieherInnen. Bei LehrerInnen.

Ist das alles hausgemacht? Oder eine Frage des Zeitgeistes?

Aber mal dahin gestellt, dass die Zahlen bereinigt sind und über alle Kinder repräsentativ, wie lassen sie sich erklären?

Es bleibt problematisch, dass im Schnitt ein Drittel aller Erstklässler eine Entwicklungsstörung haben und die Hälfte davon ein Heilmittel benötigen (Kinder, die eine Entwicklungsstörung haben und keine Heilmittel verordnet bekommen haben, finden sich zum einen in der Gruppe der geringen Störungen, die einfache Flrdermaßnahmen, z.B. aus dem pädagogischen Bereich bekommen oder bei sehr schwer entwicklungsgestörten Kinder, die z.B. in Betreuungseinrichtungen sind).

Ist dies ein Strukturproblem? Eine Frage der Förderung in Elternhaus und/oder der Kindertagesstätten? Oder eine Frage des Zeitgeistes, dass beispielsweise Kleinkinder viel früher mit Passivmedien wie Handys in Kontakt kommen? Oder der vielzitierte Mangel an freiem Spiel draußen unter Gleichaltrigen ohne ständige Kontrolle durch die Eltern? Werden unsere Kinder zuviel reglementiert in ihrer Entwicklung? Oder durch offene Kindergartenkonzepte mehr beobachtet als gefördert? Oder ist es doch ganz einfach, und unsere Kinder werden von mancher Seite schlechter gemacht als sie sind?

Ich kann aus den Zahlen in meiner Praxen nur feststellen, dass ich mich sowohl in der Diagnosestellung, als auch der Heilmittelverordnung weit unterhalb der o.g. Zahlen bewege. Dies kann natürlich mit der Bevölkerungsstruktur in meinem beschaulichen Örtchen zusammenhängen, vielleicht aber auch mit recht vernünftigen Heilmittelerbringern, hervorragenden Frühfördereinrichtungen und einem sehr guten Netz an sozialpädiatrischer und pädagogischer Versorgung.

Die Jungen entwickeln sich schlechter als die Mädchen

Dennoch bleibt etwas festzustellen: Jungs kommen schlechter weg. Das wird jeder Kinder- und Jugendarzt bestätigen. Bei Twitter wurde vermutet, dass die Anforderungen in Schule und Kindergarten zu sehr auf Mädchen ausgerichtet sei, und keiner beurteilt, ob die Kinder gut Fussballspielen können.

Geschenkt. Denn abgesehen davon, dass IMHO Mädchen sowieso besser Fussballspielen können, gibt es aus meiner Sicht eben keine echte Fähigkeit, die alleine von Jungen oder Mädchen als Alleinstellungsmerkmal beherrscht wird. Die Anforderungen, die unsere Gesellschaft an unsere Kinder stellt, sind vermeintlich feminine Eigenschaften: Konzentriert arbeiten, Funktionieren, Liebsein, gute Körperbeherrschung und elaborierte Sprache. Der stereotype Junge als fussballspielender Rabauke, der keine zwei Worte sauber ausspricht, hat da nur Chance mit Ergo- und Logotherapie. Und er hat immer ein ADHS.

Unsere Förderangebote sollten geschlechterunabhängig sein, um nicht in die Genderfalle zu geraten: Während es hipp ist, Mädchen in klassische Jungenbereiche zu fördern (Girls Days, Fussball, Werken), möchte ich die Jungs sehen, die eine Ballettschule besuchen oder der Mama beim Kochen helfen. Ich bediene hier ein Klischee, ich weiß, aber beim Nachfragen beispielsweise bei der U9 mit fünf Jahren gibt es hier weiterhin eine ganz klare Trennung der Geschlechter, so aufgeklärt sich die Gesellschaft auch geben mag oder so sehr uns das unsere Twitter-Facebook-Filterblase auch vorgaukelt. Nicht alle Familien sind hier im 21. Jahrhundert angekommen.

Die Pathologisierung der Kinder

Ob es nun um das „Upgraden“ von Diagnosen geht, oder dass Kinder in unseren personalschwachen Betreuungseinrichtungen nicht ausreichend gefördert werden können, oder unsere Grundschulen noch immer das Schriftbild als wichtiger ansehen denn die Individualität des einzelnen Schülers: Es wird immer Kinder geben, die schwächer sind als die anderen in diesem oder jenem Bereich.

Pädagogische Fördermaßnahmen sollten immer zunächst ausgeschöpft werden, d.h. die Kitas und Grundschulen sollten personell und finanziell besser ausgestaltet werden, um alle Kinder mitzunehmen. Zuviele Kinder schiebt man in den „kranken“ Bereich, obwohl sie schlicht ein schwache Veranlagung oder eine Teilleistungsschwäche haben, während sie in anderen Bereichen glänzen, die jedoch nicht schulisch relevant sind. Erkennen wir lieber diese Stärken, und stärken wir damit das Selbstbild unserer Kinder.

@BVKJ: Info und Schulung der Betreuer von Kindern mit Krampfanfällen wichtig

„Leidet ein Kind unter Epilepsie, sollte das Personal des Kindergartens und später Lehrer über Notfallmaßnahmen informiert sein.

„Die wenigsten wissen, dass sie bei einem Anfall dem Kind nichts Hartes in den Mund stecken oder es fixieren dürfen. Idealerweise erhält das betreuende Personal eine Schulung, wie es sich im Notfall verhalten sollte. Dazu gehört, dass sie bei einem länger als fünf Minuten dauernden Anfall z.B. Benzodiazepin verabreichen sollten, um einen lebensgefährlichen Status epilepticus zu verhindern. Dies muss aber mit den Eltern bei Aufnahme eines Kindes mit der Diagnose Epilepsie abgesprochen und schriftlich festgelegt werden“, rät Prof. Dr. Hans-Jürgen Nentwich, Kinder- und Jugendarzt sowie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats beim Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) mit jahrelanger Klinikerfahrung.

Dass ein Kind unter Epilepsie leidet, ist auch eine wichtige Information, um Unfälle zu vermeiden. So haben Betroffene ein wesentlich höheres Risiko, beim Schwimmen zu ertrinken und sollten deshalb in Bezug auf Badeausflüge besonders vorsichtig sein. „Kinder mit Epilepsie können evtl. in Absprache mit dem Facharzt sogar ins Schwimmbad gehen, wenn sie medikamentös gut eingestellt sind und etwa ein Jahr keinen Anfall hatten, doch sollte immer eine lückenlose Einzelaufsicht gewährleistet sein, um im Notfall helfen zu können“, so Prof. Nentwich.

Quelle: Acta Paediatrica, Archives of Disease in Childhood“
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Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

Das ist eine schöne Forderung, die unser Berufsverband da ausspricht, die PM sorgt vielleicht dafür, dass dieses Thema auch in den Focus von Kinderkrippen und Schulen gerät. Regelmäßig gibt es Kinder, die an Epilepsie leiden, mit Medikamenten eingestellt sind und bei denen es eventuell zu Notfällen kommen kann. Meine Erfahrung ist: Sind die Betreuer gut (durch uns Kinder- und Jugendärzte) informiert und geschult, fällt die Angst vor einer Notfallsituation in sich zusammen. Außerdem sind die Tageseinrichtungen vorbereitet für das nächste Kind.

Dabei hat Epilepsie hat nichts mit Fieberkrämpfen zu tun, die Betreuung ist eine andere, die Notfälle sind andere.

Schwierig ist es nur, wenn noch nie ein Kind mit Epilepsie betreut wurde oder das Personal durchwechselte, ohne je die Erfahrung gemacht zu haben. Habt Ihr Erfahrungen mit Kindern mit Epilepsie? Wie reagieren die ErzieherInnen und LehrerInnen bei Euch? Wie geht Ihr als Betreuer damit um?

 

 

Flurdiagnostik

„Guck mal, Doktor Kinderdok, ich hab´gaahanz viel Punkte.“
Malte kommt mir strahlend auf dem Flur entgegen. Streckt die Arme nach vorne.
„Ich hab nämlich Hand-Muß-Pfund-Krankheit, mmmhja!“
Er präsentiert stolz die Pickelchen am Mund und den Händen. Dann setzt er sich auf den Praxisflur und zieht die Schuhe aus.
„Guck Guck Guck…!“
Ich gucke. Ja, die Füße sind auch dran.
„Aber Dir geht´s trotzdem gut, oder?“, frage ich ihn.
„Klar, Doktor Kinderdok.“
„Gibt´s was zu ergänzen?“, wende ich mich an die grinsende Mutter im Hintergrund.
„Nein,“ sagt sie, „er hat alles gesagt. Fieber hat er auch nicht, und er ist absolut top-top-fit. Bitte sagen Sie, dass er in den Kindergarten darf.“

Allerdings. Was freue ich mich wieder auf den Aufschrei in der Tageseinrichtung über soviel gesunde Maul- und Klauenseuche.

Zitat Robert-Koch-Institut: „Ob der hohen Zahl asymptomatischer Verläufe (s.o.) sind spezifische Empfehlungen hinsichtlich eines Ausschlusses von erkrankten Kindern aus Kinderbetreuungseinrichtungen oder Schulen prima facie kein angemessenes Mittel, um Ausbrüche zeitnah zu beenden. Ein Verbot für Erkrankte, die Einrichtung zu besuchen, führt zwar zu einer Reduzierung der zirkulierenden Virusmenge vor Ort, damit allein können jedoch Infektionsketten nicht wirksam unterbrochen werden, da die Viren noch für Wochen nach Symptomende ausgeschieden werden können und asymptomatische Virusträger nicht erkannt werden.“

Ohne mehr Geld für Kitas weder Integration noch Inklusion

Kinder- und Jugendärzte fordern: Ohne mehr Geld für Kitas weder Integration noch Inklusion

Morgen berät der Bundestag abschließend über den Haushalt 2016. In den Beratungen geht es auch um das Geld für frühkindliche Bildung. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) forderte heute in Berlin die Politiker auf, vor allem mehr in die frühkindliche Bildung zu investieren.

BVKJ-Präsident Dr. med. Thomas Fischbach: „Die Kita hat durch die Einführung des Rechtsanspruches auf einen Betreuungsplatz die Schule als wichtigste öffentliche Bildungseinrichtung verdrängt. Kinder verbringen heute täglich mehr Zeit in der Kita als in der Schule – und dies in einem Alter, in dem sie sich geistig, körperlich und emotional besonders schnell entwickeln. Daraus erwächst für die Kitas eine neue Verantwortung, Kitas als Bildungsorte haben große gesellschaftliche Relevanz. Hier werden die Weichen für Integration und Inklusion gestellt, die ein ganzes Leben bestimmen könne. Bisher fehlt es in der Politik jedoch an ausreichenden Anstrengungen, die Kitas besser auszustatten und damit die Voraussetzungen zu schaffen, Kinder besser zu fördern, zu integrieren und zu inkludieren. Wir vermissen immer noch ein Qualitätsgesetz, das bundeseinheitliche Standards für Kindertagesstätten festlegt ñ vom Personalschlüssel bis zum Bildungsplan. Bund und Länder haben sich hier bislang nicht einigen können. Die seit 2014 existierende Qualitätsoffensive aus dem Hause der Bundesfamilienministerin ist dafür kein gleichrangiger Ersatz. Auch die ab dem 1. 1. 2016 gültigen Förderprogramme „Sprach-Kitas“ und „Kita Plus“ zum Ausbau der Randstundenbetreuung werden nicht reichen, jedem Kind, ob gesund oder behindert, deutsch oder mit ausländischen Wurzeln, die Chance zu geben, sein individuelles Potential zu entfalten. Wir brauchen eine Verstetigung der Finanzströme, um damit neue Förderprogramme auflegen zu können. Und wir brauchen vor allem besser ausgebildete Erzieherinnen und einen besseren Personalschlüssel in den Kitas. Die Politik muss dafür morgen Grünes Licht geben.“

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Dies ist eine Pressemitteilung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte BVKJ.

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Das Schlüsselwort lautet „besserer Personalschlüssel“. Auch ohne die oben erwähnten gesetzlichen Vorgaben, auch ohne die gesetzlich verordnete Inklusion in *allen* (!) Kitas, auch ohne die Flüchtlingskinder, die in vielen Kommunen in den Tagesstätten aufgenommen werden, haben die meisten Einrichtungen bereits jetzt viel zu wenig BetreuerInnen.

Ein schlechter Personalschlüssel bedeutet mangelnde Berücksichtigung des individuellen Kindes, Zwang zu offenen Gruppen und Großgruppenprojekten, die eine Betreuung einfacher machen, da mehr Kinder „überwacht“ werden können. Viele Tageseinrichtungen verwahren nur die Kinder, die ErzieherInnen müssen sich mehr mit Orientierungsplänen und Kinderassessment beschäftigen als mit Einzelförderung.

Der von der EU geforderte Personalschlüssel bewegt sich bei den Ü3-Kindern von 1:5 bis 1:8, bei den U3 Kindern 1:3 –  Je größer die Einrichtung, desto weiter klafft aber diese Schere in Wirklichkeit. Statistisch gesehen lesen sich die aktuellen tatsächlichen Zahlen zwar recht optimistisch, nimmt man aber Urlaub und Krankheit hinzu, sieht es anders aus. Jeder darf in „seiner“ Einrichtung nachzählen, vermutlich dürften es eher doppelt so viele Kinder sein, die von einer einzelnen Erzieherin betreut werden.

Ich frage gerne nach, wenn Eltern in der Vorschulphase mit der Sorge wegen „Unaufmerksamkeit“ und mangelnde Konzentration des zukünftigen ABC-Schützen zu mir kommen: Meist sind es Kinder aus großen Gruppen, Kinderhäusern mit offenem Konzept. Manche kompensieren das gut, einzelne aber nicht, doch diese gilt es zu fördern. Kinder in Kleingruppen, Vorort-Kitas oder solche „auf dem Land“, die überhaupt nur zwei Gruppen mit zehn Kindern haben – selten kommen da Nachfragen wegen „Aufspringen im Stuhlkreis“ (falls es den überhaupt noch gibt) oder plötzlicher Aggressivität.

Der Kindergarten, die Kita ist erste Institution unseres Bildungssystems, wann beginnen wir endlich, das mit entsprechender Ausbildung der ErzieherInnen zu würdigen?

Blick über die Grenze

Doping

Erzählt mir doch letztens eine Mutter, eine Mitmutter aus dem Kindergarten habe ihr letztens unter vorgehaltener Hand gestanden, sie gebe ab und zu ihren Kindern einen Schluck Paracetamol vor dem Kindergarten, wenn diese zu, was war das Wort?, „anhänglich“ seien.

WTF? Ähnliches hat mir vor Jahren ein Oberarzt gestanden: Bei Überseeflügen bekamen seine (damals) Vorschulkinder eine Dosis Fen.is.til, bekanntermassen mit der dabei gewünschten Nebenwirkung der Müdigkeit. Das mag bei Juckreiz am Abend bei Neurodermitis oder einer allergischen Reaktion ja noch angehen, damit das Kind schlafen kann… aber als Beruhigungsmittel auf dem Flug?

Gerne gibt man fiebernden Kinder ein wenig Ibu, damit die Erzieherin oder der Grundschullehrer nichts von der Krankheit mitbekommt. Geht auch gut mit Hustenstillern bei Dauergehuste. Lästig, so was.

Bequemlichkeit steckt dahinter. Bequemlichkeit, nicht einen anderen Urlaub zu buchen, sondern den, den die Eltern sich wünschen. Und Bequemlichkeit, sich am morgen den „Anhänglichkeiten“ des Kindes zu stellen, also seinen Verlustängsten, seinem kindlichen Bauchgefühl, dass es alleine ohne Mama in den Kindergarten abgeschoben wird. Da müßte man sich ja ausgiebigst mit dem Kinde auseinandersetzen.

„Ich pumpe mein Kind nicht mit allem voll…“, ein klassischer Spruch aus der Formelsammlung der Akademiker-Eltern, so ähnlich wie „Ich geh ja nicht mit allem zum Arzt“. Und trotzdem habe ich gerade ein paar anekdotische Mütter- und Vätergesichter vor Augen, die sich im zweiten, dritten oder vieren Einsatz genau so verhalten: Häufiger zum Arzt zu gehen als nötig und lieber einmal häufiger ein Antibiotikum einzufordern. Die Zeiten, in denen wir Kinderärzte diskutieren mussten, indizierte Medikamente doch bitt’schön zu geben, sind vorbei, das hatte ich früher schon mal geschrieben. Heute musst Du eher aufs Zuwarten drängen.

Oder Eltern, wie denen weiter oben, etwas erzählen von früher Medikamentenabhängigkeit und geprimten Suchtverhalten (siehe übrigens auch „Globuli, die“, für alles und immer einzunehmen). Schon mal selbst davon mitbekommen, wie die im Anfang benannte Mutter? Ansprechen, Kritisieren, die soziale Ächtung reflektieren! Irritierte Gesichter allenthalben.

Externe Diagnose

Mutter: „Ich möchte gerne meine Tochter auf Winkelfehlsichtigkeit untersuchen lassen.“
Ich: „Aha. Wieso, wie kommen Sie darauf?“
Mutter: „Hat die Bezugserzieherin gesagt im Elterngespräch. Die Diagnose sei eindeutig.“
Ich: „Und welches Problem hat Ihre Tochter mit fünf Jahren genau, dass die Erzieherin sich so sicher ist… mit dieser höchst umstrittenen Diagnose?“
Mutter: „Sie kann noch nicht das Größer-Kleiner-Zeichen richtig. Verwechselt sie ständig.“

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Impfberatung vor Kita?

Heute ging es durch die Nachrichten: Laut dpa möchte das Gesundheitsministerium eine verpflichtende Impfberatung für die Eltern vor Kita-Eintritt des Kindes in das neue Präventionsgesetz aufnehmen. So kommentiert es Jens Spahn, der Aufsteiger gesundheitspolitische Sprecher der CDU und sein Minister Gröhe.

Grundsätzlich finde ich das gut. Durch die Aufnahme ins Gesetz erhält die Impfberatung und der Impfgedanke die nötige Wertigkeit. Ein richtiges Signal, bzw. „ein erster Schritt in die richtige Richtung, um die Impfquoten in Deutschland zu erhöhen“, wie der BVKJ prompt sekundierte.

Ein paar kritische Gedanken:

– Wer darf die Impfberatung durchführen? (der ÖGD? Der behandelnde Kinder- und Jugendarzt? Der Allgemeinmediziner?) Wer bescheinigt und steht dafür grade, dass die Beratung umfassend ist (alle empfohlenen Impfungen, Risiken, Verantwortung)?
– Was bedeutet Impfberatung? Wenn Herr Hirte ein impfkritischer Arzt oder gar Herr Raabe ein Impfgegner berät, dürfte das anders ausfallen, als z.B. bei mir?
– Wann findet die Beratung statt? Reicht die Beratung (wie üblich) im ersten Lebensjahr bei den ersten Impfungen und nochmals bei der zweiten „Impfrunde“ nach dem ersten Geburtstag? Erübrigt sich die Beratung, wenn das Kind sowieso mit 15 Lebensmonaten alle Impfungen bekommen hat?
– Wer bezahlt die dann gesetzlich verankerte Impfberatung? Auch eine Kindergartenuntersuchung ist schließlich keine Kassenleistung.
– Was passiert, wenn keine Impfberatung erfolgt? „no advice, no preschool“?

Bescheinigungen hat man ja gerne in Deutschland. Auch die Bescheinigung zum Kindergarteneintritt, wie es das Kindergartengesetz fordert, ist doch nicht das Papier wert, auf der sie steht. Wie wird das mit dem Impfberatungspapier werden? Wieder traut sich niemand, ganz die Hosen runterzulassen, sondern hält sich ein Feigenblatt „davor“.

Ich bezweifle, dass Impfungen in Deutschland unterbleiben, weil die Eltern die Impfungen vergessen oder nicht ausreichend informiert sind. Das Thema ist doch sehr präsent. Für viele löst genau das den Reflex aus, gerade deshalb nicht zu impfen. Was verpflichtend wird oder mit zuviel Druck gefordert, wird erst recht abgelehnt. Kennen wir auch von Trotzkindern.
Bringt also ein Impfberatungsschein mehr Information? Oder nur mehr Druck, dem man Gegendruck entgegenbringt?

Ich hätte mir einen schriftlichen Nachweis der nicht erfolgten Impfungen beim Kindergarteneintritt gewünscht. Außerdem eine verpflichtende Impfberatung für ErzieherInnen, damit dort mehr Bewußtsein gefördert wird. Vielleicht wäre eine Beratung seitens des Landes oder der Stadt besser – „kinderfreundliche Kommunen“ sollten auch das Impfen zur sozialen Verantwortung erheben.
Zur Impfpflicht, wie es der BVKJ fordert, habe ich schon geschrieben.

Ringelreihen

Ringelröteln hier, Ringelröteln da.

Es gibt wieder mal eine Welle von Parvovirus-Infektionen, auch Ringelröteln genannt, fifth disease der Kinderkrankheiten und wirklich harmlos. Was sollen wir noch machen, außer das allen Eltern zu sagen, die mit den typischen Pickelchen und Wangenrötungen kommen? Wir telefonieren schon mit den Kindergärten und geben die Info in das städtische Netzwerk: Ringelröteln sind nicht schlimm.

Und trotzdem, mindestens zwei oder dreimal pro Woche:

Panischer Anruf einer Mutter bzw. Dringende Vorstellung ohne Termin bzw. 22 Uhr Vorstellung im Notdienst:
„Mein Kind hat diesen Ausschlag, und im Kindergarten gehen die Ringelröteln rum – da muß man sofort was tun!“

Nein. Muß man nicht. Kann man auch nicht. Passiert auch nichts.

Nochmal von vorne und zum Mitschreiben und Weitersagen:
Ringelröteln werden durch einen Virus ausgelöst, haben eine Inkubationszeit von einer Woche (bis vierzehn Tage) und sind ansteckend, bevor der Ausschlag kommt. Bedeutet: Du weißt nicht, dass Du RiRö hast, bevor die Rötungen zu sehen sind, und wenn der Ausschlag da ist, bist Du nicht mehr ansteckend. Bedeutet wiederum für die Epidemiologie in Kindergärten: Pech gehabt, weil nicht vorhersehbar.

Typisch sind girlandenförmige Rötungen an Armen (auch Beinen) und ein kräftigere Rötung der Wangen. Husten, Schnupfen, Fieber, alles möglich. Der Ausschlag beweist die Erkrankung, kommt aber nur in einem Viertel der Fälle vor. Meist merkste nämlich von den RiRö gar nichts. Ringelröteln dürfte inzwischen (durch Impfung der anderen) die häufigste, aber auch harmloseste, gleichzeitig überschätzteste Kinderkrankheit aller sein. Panik ist aber nicht angeraten.

Gerne wird das Risiko für Schwangere (eher für das Ungeborene) genannt. Ja, das gibt es, und das darf man nicht unterschätzen – dennoch haben die meisten Frauen die Ringelröteln unwissentlich bereits durchgemacht und sind daher nicht anfällig. Und da man vorher nicht weiß, dass jemand ansteckend ist, kann man nun entweder den Kindergarten meiden oder gleich Ede.ka/al.di/Krabbelgruppe/Spielplatz usw. dazu.

Mit den Röteln hat’s übrigens nichts zu tun. Vielleicht kommt die Panik auch aus dieser doofen Namensgebung? In Ungarn heißen die Ringelröteln „Schmetterlingspocken“ und in Japan „Apfelkrankheit“ (da sind wohl alle Äpfel rot). Damit hätten wir in den Kindergärten wohl weniger Probleme.

Tag der Kinderbetreuung

Heute ist der Tag der Kinderbetreuung – gibt ja für alles einen Tag.

Daher sei hiermit allen Erzieherinnen in den Kindertagesstätten und -gärten, auch allen Tagesmüttern und sonstigen Betreuern (Vater? Mutter?) gedankt für ihr stetes waches Auge für die Entwicklung unserer Kinder.
Die Kinderfee hat in einer Infografik sehr schön gelistet, welche „Wertschätzung“ wir der Kinderbetreuung entgegenbringen – hier geht es wohlgemerkt nur um die finanzielle Wertschätzung. Der ideelle Wert dürfte unbezahlbar sein.

Kinderfee

Ich danke vor allem den Betreuerinnen in den Kindergärten, die sich trotz aller Riesengruppen, Kinderhäusern, Offenen Systemen den Blick für das einzelne Kind erhalten können – so sie es können.

Die offizielle Seite zum heutigen Tag bietet wohlfeile Worte und Absichtserklärungen, unterfüttert mit viel europäischer Verantwortung – aber zu wenig Forderung nach Qualität in der Kinderbetreuung, und diese Qualität bedeutet in erster Linie einen besseren Betreuungsschlüssel, aber das habe ich schon an anderer Stelle erwähnt.

Was tun wir unseren Kindern an?

Die Zeit griff in ihrer letzten Printausgabe, und seit dem Wochenende auch online lesbar, eine Problematik auf, welche die Entwicklung unserer Kinder in den nächsten Jahren entscheidend beeinflussen wird: Die unzureichende Versorgung von Krippenkindern. Der Bindungsforscher Karlheinz Brisch aus München beantwortet Fragen, die ihn umtreiben, dem Interview spürt man nach, dass der Mann sich Sorgen macht.

„Internationale Studien sagen sehr klar, dass bei den Säuglingen eine Betreuungsrelation von eins zu zwei […] herrschen sollte. Das ist in den allermeisten Krippen in Deutschland nicht gegeben. […] Wir haben zwölf und mehr Kinder in einer Gruppe mit formal zwei Erzieherinnenstellen.“
„[…] keine Erzieherin kann mit sechs oder acht unter Dreijährigen emotional ausreichend in Kontakt sein. […] Damit wird der Mangel an Zuneigung für die Kleinen zur Alltagserfahrung.“

Brisch lehnt die Fremdbetreuung von Kleinstkindern nicht generell ab, bei schwachen Bindungen in der Familie kann dies in einer gut besetzten Kinderkrippe sogar zum Vorteil sein, aber die Realitäten sehen eben anders aus. Aus seiner Sicht bedeutet das aktuelle insuffiziente System eine Kostenexplosion in der späteren Therapie und Jugendhilfe, die besser in der Bezahlung von ausreichend gut ausgebildeten Erzieherinnen investiert wäre.
„Wenn wir das Geld aber nehmen und durch das kleine Gehalt der Erzieher und Erzieherinnen teilen, sind wir locker bei einer Eins-zu-drei-Betreuung, die sicher gebundene Kinder erziehen kann und Verhaltensauffälligkeiten vorbeugt. Wenn wir vorbeugend früh das Geld ausgeben würden, dann hätten wir Renditen wie sonst nirgendwo.“

Ein lesenswertes Interview, was Eltern, Krippenbetreiber und Politiker zum Nachdenken bringen sollte. Hier wurde zu schnell zuviel gewollt, ohne die Komsequenzen zu überblicken. In unserer Gegen wird auch gerade eine neue Krippe gebaut. Sie macht das Neubaugebiet attraktiv für junge Eltern, dem gesetzliche Anspruch auf einen Krippenplatz (und eben nicht auf eine 2:1 Betreuung) muss nachgekommen werden. Der Bürgermeister lobt die Ausstattung der Krippe, die Behindertengerechtigkeit, die vielen Parkplätze (!) und die hübschen Aussenanlagen. Kein Wort zum Stellenschlüssel. Ich frage seit geraumer Zeit die Eltern, wie denn der Stellenschlüssel in ihrer Kita ist – meist betreut eine Erzieherin sechs Kinder unter zwei Jahren, ein Schlüssel von 4:1 wird nie unterschritten, dazu kommen Krankheitsausfälle und das Aushelfen bei „den Großen“.

Die sichere Bindung zwischen Eltern und Kind oder auch Erzieherin und Kind wird seit Jahren als der entscheidende Faktor für die emotionale Entwicklung unserer Kinder gesehen. Die Forschung läu auf Hochtouren und Herr Brisch hat in Deutschland einen hohen Anteil daran. In der Politik scheint das noch nicht angekommen zu sein. Tun wir das bitte unseren Kindern nicht an!

Das Krippenrisiko
noch was mit Herrn Brisch: Whale watching
Rechtsanspruch auf Kita-Plätze