Entwicklungsstörungen und Heilmittelverordnungen – die Jungen kommen wieder mal schlechter weg

Mehr Entwicklungsstörungen, weniger Heilmittel

Über Twitter kam letztens ja eine Meldung der AOK über die Heilmittelverordnungen im Allgemeinen und die Unterschiede bei Jungs und Mädchen im Speziellen. Die gute @KindundKittel fragte herum, wie denn die Meinung bei uns Kinderärzten dazu sei. Twitter im Allgemeinen hat sich natürlich auch dazu geäußert.

Jeder kann ja den Artikel lesen, dennoch eine kurze Zusammenfassung:

  • Die Zahl der diagnostizierten Entwicklungsstörungen bei Schulanfänger hat im Zehnjahreszeitraum zugenommen (2008 27,5% auf 2017 34,8%)
  • Im gleichen Zeitraum haben die Heilmittelverordnungen in geringerem Maße zugenommen (2008 15,6% auf 2017 16,9%). Seit 2015 seien die Verordnungen sogar zurückgegangen.
  • Spitzenreiter der „Zunahme“ sei Hamburg, am unteren Ende stünden Schleswig-Holstein, das Saarland und Bayern, hier gibt es einen Rückgang.
  • Unterschiede Jungen zu Mädchen: 2017 wurde bei Jungs in 41,3% eine Entwicklungsstörung festgestellt, bei den Mädchen hingegen nur bei 27,8%. 17,8% der Jungen erhielten Therapie bei nur 10,7% der Mädchen. Eine andere Zahl: 2017 waren 60% der AOK-Heilmittelpatienten im Kindesalter bis einschließlich 14 Jahren – Jungen.

Das Forschungsinstitut der AOK WIdO diskutiert diese Zahlen recht vorsichtig. Man sei primär zufrieden über den Rückgang der Therapien, dies liege daran, „dass Ärzte sehr genau hinschauen, wie sich ein Kind rund um die Einschulung entwickelt und wann es therapeutische Begleitung braucht“, sagt Helmut Schröder, stellvertretender WIdO-Geschäftsführer. „Gleichzeitig wandeln sich die Anforderungen von Schule und Elternhaus an die Kinder sowie das ärztliche Diagnoseverhalten und die Therapiemöglichkeiten.“

Gibt es eine Vorfilterung, eine ungenannte Bias?

Sehr gut beobachtet, sehr gut geschlussfolgert. Ich denke auch, dass solche Zahlen aus verschiedenen Gründen resultieren. Die AOK bekommt ihre Prozente aus den tatsächlichen Heilmittelverordnungen für Logopädie und Ergotherapie, es werden die einzelnen Rezepte gezählt. Dagegen gestellt werden die ICD-Diagnosen, die ihr über die Abrechnungen der Ärzte via KV übermittelt werden. Mehr sagen diese Zahlen nicht.

Welchem Bias unterliegen die erhobenen Zahlen zu der Diagnosen „Entwicklungsstörung“ und „Heilmittelverordnungen“?

  • Die Diagnosen sind Grundvoraussetzung für die Ansetzung von Abrechnungsziffern, die in den letzten Jahren für Kinder- und Jugendärzte möglich wurden, die so genannten sozialpädiatrischen Ziffern. Wurde hier tendenziell mehr verschlüsselt?
  • Entwicklungsstörungen begründen auch die Einstufung eines Patienten als „Chroniker“. Hier sind wiederum die Krankenkassen interessiert: Durch eine hohe Anzahl von Chronikerpatienten erhalten Krankenkassen mehr Geld aus dem Risikostrukturausgleich. Es hat schon Aufforderungen von Krankenkassen an Ärzte gegeben, Patienten mittels Diagnosen zu „upgraden“.
  • AOK-Patienten sind von vornherein gefiltert: Beispielsweise sind Geflüchtete und Asylsuchende in der AOK versichert, auch die Lohnstruktur der AOK-Versicherten dürfte eher im unteren Spektrum liegen. Anders gesagt: Ingenieure sind bei der Techniker, Angestellte der Mittelschicht bei den BKKs, Ärzte und Anwälte privat versichert. Es ist kein Geheimnis, dass Entwicklungsprobleme bei Kindern mit dem Sozialstatus korrelieren.
  • Wie im Artikel schon vermutet: Sicher hat es in den letzten zehn Jahren eine höhere Sensibilität für Entwicklungsstörungen gegeben. Bei ÄrztInnen. Bei ErzieherInnen. Bei LehrerInnen.

Ist das alles hausgemacht? Oder eine Frage des Zeitgeistes?

Aber mal dahin gestellt, dass die Zahlen bereinigt sind und über alle Kinder repräsentativ, wie lassen sie sich erklären?

Es bleibt problematisch, dass im Schnitt ein Drittel aller Erstklässler eine Entwicklungsstörung haben und die Hälfte davon ein Heilmittel benötigen (Kinder, die eine Entwicklungsstörung haben und keine Heilmittel verordnet bekommen haben, finden sich zum einen in der Gruppe der geringen Störungen, die einfache Flrdermaßnahmen, z.B. aus dem pädagogischen Bereich bekommen oder bei sehr schwer entwicklungsgestörten Kinder, die z.B. in Betreuungseinrichtungen sind).

Ist dies ein Strukturproblem? Eine Frage der Förderung in Elternhaus und/oder der Kindertagesstätten? Oder eine Frage des Zeitgeistes, dass beispielsweise Kleinkinder viel früher mit Passivmedien wie Handys in Kontakt kommen? Oder der vielzitierte Mangel an freiem Spiel draußen unter Gleichaltrigen ohne ständige Kontrolle durch die Eltern? Werden unsere Kinder zuviel reglementiert in ihrer Entwicklung? Oder durch offene Kindergartenkonzepte mehr beobachtet als gefördert? Oder ist es doch ganz einfach, und unsere Kinder werden von mancher Seite schlechter gemacht als sie sind?

Ich kann aus den Zahlen in meiner Praxen nur feststellen, dass ich mich sowohl in der Diagnosestellung, als auch der Heilmittelverordnung weit unterhalb der o.g. Zahlen bewege. Dies kann natürlich mit der Bevölkerungsstruktur in meinem beschaulichen Örtchen zusammenhängen, vielleicht aber auch mit recht vernünftigen Heilmittelerbringern, hervorragenden Frühfördereinrichtungen und einem sehr guten Netz an sozialpädiatrischer und pädagogischer Versorgung.

Die Jungen entwickeln sich schlechter als die Mädchen

Dennoch bleibt etwas festzustellen: Jungs kommen schlechter weg. Das wird jeder Kinder- und Jugendarzt bestätigen. Bei Twitter wurde vermutet, dass die Anforderungen in Schule und Kindergarten zu sehr auf Mädchen ausgerichtet sei, und keiner beurteilt, ob die Kinder gut Fussballspielen können.

Geschenkt. Denn abgesehen davon, dass IMHO Mädchen sowieso besser Fussballspielen können, gibt es aus meiner Sicht eben keine echte Fähigkeit, die alleine von Jungen oder Mädchen als Alleinstellungsmerkmal beherrscht wird. Die Anforderungen, die unsere Gesellschaft an unsere Kinder stellt, sind vermeintlich feminine Eigenschaften: Konzentriert arbeiten, Funktionieren, Liebsein, gute Körperbeherrschung und elaborierte Sprache. Der stereotype Junge als fussballspielender Rabauke, der keine zwei Worte sauber ausspricht, hat da nur Chance mit Ergo- und Logotherapie. Und er hat immer ein ADHS.

Unsere Förderangebote sollten geschlechterunabhängig sein, um nicht in die Genderfalle zu geraten: Während es hipp ist, Mädchen in klassische Jungenbereiche zu fördern (Girls Days, Fussball, Werken), möchte ich die Jungs sehen, die eine Ballettschule besuchen oder der Mama beim Kochen helfen. Ich bediene hier ein Klischee, ich weiß, aber beim Nachfragen beispielsweise bei der U9 mit fünf Jahren gibt es hier weiterhin eine ganz klare Trennung der Geschlechter, so aufgeklärt sich die Gesellschaft auch geben mag oder so sehr uns das unsere Twitter-Facebook-Filterblase auch vorgaukelt. Nicht alle Familien sind hier im 21. Jahrhundert angekommen.

Die Pathologisierung der Kinder

Ob es nun um das „Upgraden“ von Diagnosen geht, oder dass Kinder in unseren personalschwachen Betreuungseinrichtungen nicht ausreichend gefördert werden können, oder unsere Grundschulen noch immer das Schriftbild als wichtiger ansehen denn die Individualität des einzelnen Schülers: Es wird immer Kinder geben, die schwächer sind als die anderen in diesem oder jenem Bereich.

Pädagogische Fördermaßnahmen sollten immer zunächst ausgeschöpft werden, d.h. die Kitas und Grundschulen sollten personell und finanziell besser ausgestaltet werden, um alle Kinder mitzunehmen. Zuviele Kinder schiebt man in den „kranken“ Bereich, obwohl sie schlicht ein schwache Veranlagung oder eine Teilleistungsschwäche haben, während sie in anderen Bereichen glänzen, die jedoch nicht schulisch relevant sind. Erkennen wir lieber diese Stärken, und stärken wir damit das Selbstbild unserer Kinder.

19 Einträge zu „Entwicklungsstörungen und Heilmittelverordnungen – die Jungen kommen wieder mal schlechter weg

  • Lieber Kinderdok, vielen Dank für diesen interessanten Beitrag!
    Ich bin bisher stille Leserin deines interessanten Blogs gewesen und möchte mich nun äußern, da mich dieses Thema persönlich betrifft. Ich unterrichte an einer weiterführenden Schule und sehe auch, dass es Jungs schwieriger haben. In den jüngeren Jahrgängen (aber auch in den höheren) beobachte ich, dass es überwiegend die Jungs sind, die weinen. In meiner 5. Klasse hatte ich täglich ein weinendes Kind vor mir stehen, überwiegend einen Jungen. Meine persönliche Erfahrung zeigt, dass Jungs ebenso emotional sind, wie Mädchen und dies auch noch so lange zeigen, wie es gesellschaftskonform ist. Später verbergen sie ihre Tränen, weil „ein Mann nicht weint“. Und darin liegt die Misere. Während wir uns jahrzentelang Gedanken über die Rollen der Frau gemacht haben (keine Sorge, ich bin auch eine), blieben die Rollenbilder von Männern in antiquierten Zeiten stehen. Daran ändern auch die wenigen Väter, die sich der Pflege der Kinder annehmen, während die Frau arbeiten geht, nichts.

    Jungs lernen also, dass sie „gefälligst stark zu sein“ haben und unterdrücken somit ihre Gefühle. Dies zieht eine Menge weiterer Probleme nach sich, weswegen ich nicht selten sehr belastete Kinder vor mir sitzen habe.

    Doch auch die gesellschaftlichen Anforderungen, Sie haben es erwähnt, sind so, dass schon kleine Kinder unter Druck stehen, perfekt zu sein (Instagram und co. suggerieren die Möglichkeit eines perfekten Lebens / Körpers,). Insbesondere am Gymnasium habe ich erlebt, wie sehr die Schülerinnen und Schüler unter einem Leistungsdruck stehen und diesem häufig nicht stand halten können. Dass ein(e) Jugendliche(r) für 6 Monate verschwindet und in einer kinderpsychiatrischden Anstalt ist, ist durchaus keine Seltenheit.

    An einer aderen Schulform erlebe ich wie Kinder die Probleme ihrer Eltern weitertragen und darum einen speziele Förderbedarf haben. Hierbei sei der Bereich ESE gebannt (Emotional-soziale-Entwicklung). Haben wir ein Kind, das sich innerlich dieses Formenkreises sehr auffällig verhält, können wir uns an ausgebildete Förderschullehrkräfte wenden, um dies weiter in Augenschein zu nehmen und ggf. ein Diagnoseverfahren in Gang zu bringen (keine Diagnose kein Förderplan und auch keine Maßnahmen). Beim Großteil dieser Kinder bestünden die Probleme nicht, wenn die Umstände, in denen sie aufwachsen, andere wären. Nicht selten erhalte ich ein Attest vom KiA meiner SchülerInnen, dass sie dieses oder jenes Medikament nehmen müssten, weil sie ADHS hätten. Neulich musste ich einen langen Diagnosebogen ausfüllen, den mir der Junge vom Kinderarzt brachte. Gerne wäre ich in diesem Bereich besser geschult und hätte mehr Fachpersonal zur Unterstützung. Hätte ich im Studium die Seminare zu ADHS, Autismus und anderen „Störungen“ nicht freiwillig besucht, wüsste ich noch weniger Bescheid. Also so viel zu der guten pädagogischen Versorgung. Wenn meine Klasse gleich mehrere „spezielle“ Kinder hat, ein paar, die kaum ein Wort Deutsch können und ich zeitlichen Druck habe, den Stoff durchbekommen zu müssen, bleibt wenig Zeit, um auf all das alles ausführlich einzugehen. Und viele Kinder sind emotional sehr bedürftig, weil sie zu Hause wenig bis keine Aufmerksamkeit bekommen (gut, manche bekommen zu viel und sind deshalb problematisch).

    Und noch ein Wort zum Thema Gender: wenn ich sage, dass mein drei Monate alter Sohn später ruhig auch mit Puppen spielen soll (es heißt ja schließlich Mutter, VATER, Kind), dann werde ich ganz häufig komisch angeschaut. Ja, auch von Alademikern.

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    • Vielen Dank!
      Ich kann dem als Grundschullehrerin nur zustimmen.
      Im Moment kämpfen wir bei uns gehäuft mit folgendem Phänomen:
      Kind in Deutschland geboren, Eltern gehören jedoch zu einer andern Nationalität auf dieser Welt.
      Kind ist in den ersten 6 Lebensjahren in ????
      Oft kennen wir die Aufenthaltsorte nicht. U Hefte existieren nicht und ein Kiga wurde nicht besucht.
      Mit dem 6. Lebensjahr des Kindes kommen diese Familien dann ins deutsche Schulsystem.
      Oft beherrschen diese Kinder nur wenige Wörter Deutsch.
      Und wenn ich meinen eigenen Sohn in den Unterricht mit nehme (5 Jahre alt), gibt es folgende Reaktion:
      der kann ja schneiden????
      der kann ja einen Stift halten???
      der kann ja mit der Lehrerin reden????
      Wie geht das alles?
      Und in dieser Reaktion gibt es keinen Genderunterschied……nur anstrengend wird Schule für beide Geschlechter.
      Sehr schade für die Kids. Sie nehmen oft sehr bewusst ihre mangelnde Übung wahr. Dafür sind sie alt und plietsch genug. Oft erzeugt das dann weitere “ Schwierigkeiten“ . Auch bei beiden Geschlechtern.

      Meine Söhne kochen übrigens beide gerne mit Mama und Papa, haben eine Babypuppe, spielen mit den Nachbarmädels – und lieben Fußball😉

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  • Lieber Kinderdok,
    auch ich bin eine stille Leserin Ihres Blogs, arbeite im Jugendministerium in Brandenburg und möchte mich anlässlich dieses Beitrags einmal bei Ihnen bedanken.
    Mich ermutigen Ihre Beiträge darin, dass es durch Informationen, einer positiven Haltung, Erklärungen und versachlichter Darlegungen gelingen kann, den Kindern und Jugendlichen ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen.
    Bitte, machen Sie weiter so!
    Ich wünsche Ihnen allzeit viele Leser!

    Beste Grüße aus Potsdam

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  • Lieber Kinderdok, auch ich bin bisher „stille Leserin“ und möchte zu Ihrem Beitrag eine Geschichte kommentieren.
    Als mein Sohn mit vier Jahren bei der U-Untersuchung etwas malen sollte, empfahl uns der Kinderarzt ganz dringend Ergotherapie, weil die Malkünste so schlecht seien (die Stifthaltung hatte er nicht beobachtet, weil er während des Malens nicht im Raum war). Ich fragte daraufhin im Kindergarten die Erzieherinnen, die mir mitteilten, dass unser Sohn zwar derzeit lieber Vulkane, Haie etc. als Menschen male, ansonsten aber ihrer Meinung nach keine Therapie nötig sei. Wir beschlossen daraufhin, erstmal nichts zu machen – und nein, er wurde auch nicht angehalten, mehr zu malen 😉 . Im nächsten Jahr mit fünf Jahren hatte der Kinderarzt offenbar seine Empfehlung vom Vorjahr schon wieder vergessen, denn nun lobte er unseren Sohn für seine tollen Malkünste, „das ist außergewöhnlich, besonders für einen Jungen!“ – der gleiche Arzt, das gleiche Kind, ein Jahr weiter. Ich will damit gar nicht an dem Urteil des Arztes zweifeln, glaube aber, dass manche Frühförderung vielleicht ein wenig zu früh angeordnet wird, und das Gefühl dafür verloren geht, dass sich Kinder in unterschiedlichem Tempo entwickeln.
    Unser Sohn ist inzwischen übrigens in der Grundschule, einer der Besten seiner Klasse und in Kunst hat er eine „2“.
    Herzliche Grüße und vielen Dank für Ihren unterhaltsamen Blog!

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  • Hach – die armen Jungen. Aber solange sie später im Berufsleben weiterhin mehr verdienen als Frauen, Frauen ungern eingestellt werden, weil sie ja Kinder bekommen ist doch alles gut. Frauen versuchen sich weiterhin zu emanzipieren und schon wird gejammert, wie schwer es die Männer doch haben. Und jetzt auch noch die kleinen Jungen. Und schon findet wieder ein gegeneinander ausspielen statt. Und damit verurteile ich die AOK und ihren Beitrag – warum kann man, wie der Kinderdok schon vorschlägt, nicht geschlechtsneutral an so eine Studie gehen?

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  • Wenn ein solch hoher Prozentsatz auf beiden Seiten „Entwicklungsstörungen“ hat – sorry, aber dann würde ich mal behaupten, sind das keine Entwicklungsstörungen, sondern dann ist das einfach mal NORMAL!

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    • Ich habe auch den Eindruck, dass da irgendwie der Blick aufs Ganze verlorengeht.
      Entwicklung ist immer ein Spektrum, jedes Kind hat seinen eigenen Rhythmus, eigene Interessen und Begabungen, mancher hat eher körperliche, andere kommunikative oder kreative Talente. War so, ist so, wird immer so sein.
      Aber offenbar muss in der aktuellen Gesellschaft, die so auf „Optimierung“ des Kindes aus ist (zwei- nein, am besten dreisprachiger Kindergarten, Ballett und Musikunterricht ab dem ersten Schritt und dem ersten Wort, und unbedingt aufs Gymnasium muss das Kind auch), jede noch so kleine Abweichung von der gefühlten „Norm“ sofort mit Therapien oder sogar Medikamenten behandelt werden.
      Ich finde das traurig.

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      • Ich würde es als Grundschullehrerin sehr begrüßen, wenn die oben genannten Talente im Schulleben mehr Raum hätten.
        Leider bekommen wir noch immer von der Schulärztin aus der Diagnostik die Angaben,was ein Kind,alles nicht oder zu wenig kann. Oft fehlen Angaben zu den normalen Fähigkeiten,Talenten oder Interessen ganz.
        Sehr schade, dass die teure Diagnostik Zeit nur für Defizitfeststellung genutzt wird.
        Ich wünsche es mir anders!

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  • Oh weh – ich habe Jungs und beobachte damit auch andere Jungseltern. Ich gebe auch hin- und wieder Programmierschnupperkurse an der Grundschule.

    Meine Beobachtung ist: „Man kann Kinder nicht erziehen, früher oder später machen sie einem doch alles nach.“ Die Eltern haben nicht durch Reden Einfluß, sondern durch ihr Leben und ihren tatsächlichen Umgang mit den Kindern. Ernst nehmen, auf Augenhöhe mit ihnen reden, eigene Haltungen begründen und auch gegen Widerstände durchsetzen (z.B. Auf „der … darf das doch auch“ mit anstrengenden Argumenten und Taten antworten.)

    Um dem etwas als Schule entgegenzusetzen braucht es viel mehr Ausstattung und Personal! Und solange das nicht in der Gesellschaft und Politik angekommen ist, leiden die Lehrer unter der Situation und haben keine andere Wahl als Disziplin und „lieb sein“ einzufordern und sich derjenigen, die das erstmal von zu Hause nicht mitbringen „zu entledigen“.

    Mir wird immer gesagt, meine Kinder sind ja so schlau und nett. Ja, aber sie sind nicht schlau geboren, sondern in vielen Gesprächen, durch gemeinsame Recherche ihrer vielen vielen Fragen (die ja jedes Kind irgendwann hat) und Auseinandersetzung mit ihrem und unserem Verhalten (ja auch Gesprächen über Dinge, die wir falsch gemacht haben, auf die sie uns gestossen haben) dazu gereift. Und sie haben durch unser Vorbild gesehen, dass Engagement für andere, Hilfe und Unterstützung anderer einfach dazugehören (sollten).

    Das braucht Zeit und Mühe (die übrigens auch bei zwei berufstätigen Eltern möglich ist). Und das geht auch mit Jungs, wenn die Eltern nur wollen.

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  • Danke für den schönen Artikel.

    Selbst waren die Erfahrungen, was den Förderwahn angeht etwas differenzierter.

    Junge mit absoluter Unlust, einen Stift in die Hand zu nehmen. Im Kindergarten hieß es, man könne ihn ja nicht zwingen, alles gut so. Zuhause üben war eine Katastrophe mit zwei kleineren Geschwistern.
    Die Schule sah das dann sehr entspannt, halt ein typischer Junge, seine Zeit kommt, wenn Schönschrift nicht mehr nötig ist. Jetzt am Gymi geben sich alle Lehrer große Mühe, das Gekrakel zu entziffern. Der Inhalt stimmt ja.

    Dann das Mädchen. Eigentlich feinmotorisch fit, spielt Instrumente, Lego, Bügelperlen. Auch grobmotorisch super. Drei Sportarten im Verein. Aber: falsche Stifthaltung. Und ja, keine schöne Schrift.
    Von Anfang an gab es in der Schule Theater. Zusatzblätter bis zum Erbrechen, wir sollen unbedingt zur Ergotherapie. In jedem Gespräch wird sofort auf die Schwachstelle eingegangen. Ja, sie liest toll, rechnet sehr gut, aber ihre Schrift!!! Das geht so nicht!!!

    Weil Mädchen eine schöne Handschrift haben. müssen.

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    • Ich finde als Grunschullehrerin:
      Schöne Schrift ist gut, lesbare oft „Überlebens“wichtig.
      Das ist meine Vorgabe an Kinder und Eltern.
      Es macht null Freude, wenn aus unsauberster Schrift Fehler entstehen……

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  • Ich denke, da kommt viel zusammen:
    1. eine eher defizitorientierte Sichtweise auf Kinder durch manche Ärzte und viele Lehrer und Erzieher (sowie natürlich die jeweiligen weiblichen Pendants)
    2. Kinder mit tatsächlichen Defiziten (Geflüchtete sind hier sicher ein gutes Beispiel von vielen, und das völlig ohne den Eltern Vorwürfe machen zu wollen – in der Lebenssituation dieser Familien ist bzw. war das, was für uns normal ist, oft schlicht nicht leistbar.)
    3. aus eigener Erfahrung manchmal auch Heilmittelerbringer, die Therapien empfehlen, weil sie damit ihre eigene Existenz legitimieren. Ich würde nicht mal unterstellen, dass sie einfach Geld verdienen wollen. Eher trifft es vielleicht der alte Spruch: Mit dem Hammer in der Hand sieht alles aus wie ein Nagel. Dabei gibt es meines Wissens z.B. für Ergotherapie in vielen Bereichen bisher kaum bis keine Belege.

    Und was die Sache mit den Jungs angeht: Ich glaube, dass Gelassenheit beim Ausprobieren von Rollen unglaublich wichtig ist, um Klischees zu überwinden.
    In diesem Sinn empfehle ich hier mal die vielperspektivische Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen in Kinderbüchern, die derzeit auf der Homepage der Süddeutschen Zeitung zu finden ist.

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  • Ich bin Schulassistenz in einer norddeutschen Großstadt und bei meinem Träger werden, soweit ich weiß, nur Jungen betreut. Woran das liegt, kann ich nicht genau sagen, aber die Kinder, die wir haben, kommen aus schlechten Elternhäusern. Denen (ich rede jetzt nur von den biologischen Eltern) ist der Nachwuchs im Prinzip egal und bestenfalls werden die einfach vor irgendwelche Medien gesetzt, schlimmstenfalls komplett vernachlässigt.

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  • Spannendes Thema, kann ich bei unseren beiden Kindern allerdings nicht so bestätigen. Es kommt aber auch wirklich immer ganz darauf an, aus welchen Elternhäusern die Kinder kommen denke ich – wie Kitschautorin schon sagt.

    Beste Grüße,
    Sandra

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  • Die Statistik kennt das Phänomen schon lange: Im Durchschnitt sind M und F ungefähr gleich unterwegs, die statistische Verteilung bzw. Varianz ist bei M jedoch um einiges höher. Anders gesagt F sind tendenziell eher in der Mitte der Verteilung anzutreffen, M vermehrt in den Extremen. D.h. ausgedeutscht: Nicht nur bei den Schlechtesten Schülern sind die Buben überrepräsentiert, sondern auch bei den Allerbesten.
    Aber das ist Statistik und lässt, wie wir alle wissen, keine Prophezeiungen über die Entwicklung eines einzelnen, konkreten Individuums zu.
    Meines Erachtens – aber das ist nur eine Vermutung – sind die Buben mit Verhaltensauffälligkeiten einfach besser sichtbar: Einerseits weil männliche ADS-ler öfter als Weibliche noch ein „H“ haben, aber auch weil Buben tendenziell psychische Probleme externalisieren (Störungen des Sozialverhaltens & Co), während Mädchen sie tendenziell eher internalisieren (autoaggressive Störungen, Ritzen, Essstörungen,…) . Was dann dazu führt, dass Probleme mit ähnlichen Ursachen bei den Mädchen eher individualisiert, und nicht als gesellschaftliches Problem wahrgenommen werden.

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    • Da würde ich auch den Grund dafür sehen. Mädchen haben auch oft Aufmerksamkeitsstörungen, aber nicht immer mit Hyperaktivität.

      Und mich freut es, wenn so viele Schüler Hilfe durch Therapie bekommen. Es ist nunmal einfach wichtig. Es macht mich immer traurig, wenn 4.-Klässler Wortgrenzen nicht erkennen, ob sich zwei Wörter reimen, oder nichts mit dem Wort Hälfte anfangen können.
      Heilmittel sind wichtig.

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