Was tut Ihr Euren Kindern an?

Zwei Meldungen der letzten Tage zu Masern –

Amerika ist masernfrei
Drei Säuglinge in Rumänien an Masern verstorben

… die viel aussagen über den derzeitigen Zustand. Die Alte Welt – einstmals berühmt für Wissenschaft und aufgeklärtes Denken – gelingt es nicht, die letzte lebensgefährliche Kinderkrankheit der Welt auszurotten. Warum? Weil vermeintlich besser informierte Andersdenkende, wahrhaftig aber Fehlinformierende verhindern, dass ihre Kinder ausreichend geimpft sind. Und dies auch noch eifrigst in die öffentliche Welt tragen.

Kennt noch jemand die Folge „Emergency Room“, in der John Carter bei einem Patienten Masern diagnostiziert, darauf die gesamte Ambulanz abgeriegelt wird und die Inkubierten isoliert? Bei uns darfst Du Eltern erst einmal erklären, ja, Masern sind meldepflichtig, sogar! Und anderen, dass Du ein studierter Mediziner bist, der weiss, was Morbilli sind, welche Risiken eine Infektion mit sich bringt und der sehr wohl für seine kleinen Patienten abwägen kann, dass eine Impfung ungleich weniger Risiken birgt als die Erkrankung.

Ich möchte gerne einmal Impfgegner mit Familien zusammen bringen, die Kinder an Infektionskrankheiten verloren haben oder deren Kinder zeitlebens durch diese geschädigt sind, oder mit Familien, deren Kinder keine Impfungen bekommen dürfen, weil sie an einer Immunschwäche leiden oder Chemo erhalten haben. Auch diese haben das Recht auf einen Kindergarten- oder Schulplatz. Genau hier beginnt das Recht des Nächsten auf Schutz der Gesundheit durch andere, der Gesellschaft, des Staates, und es endet das Argument, „eine Impfentscheidung ist immer noch eine persönliche Enscheidung der Eltern für ihr Kind.“

In Facebook schrieb jemand, es gibt Gegenden dieser Welt, da laufen Frauen kilometerweit durch die Wüste mit dem Baby auf dem Rücken, damit dieses geimpft wird. Ist unsere satte ignorante Gesellschaft schon so weit, dass sie sich diesen Luxus des Nichtimpfens erlauben kann? 

Wie gut, dass es immer noch verantwortungsvolle Menschen gibt, die Gesundheitsfürsorge in die Welt tragen.

Virusleugner muß sein Geld behalten

Measles virusEs liest sich wie ein schlechter Scherz: Das Oberlandesgericht Stuttgart hebt das Urteil gegen den Masernvirusleugner Stefan Lanka auf. Der ursprüngliche Kläger, der Arzt David Bardens, bekommt die ausgelobten 100000 Euro nicht, er soll sogar die Kosten beider Verfahren tragen.

Dabei beruft sich der Richter am OLG ausdrücklich auf die Verfahrensweise des Wettbewerbs: Lanka hatte 100000 Euro demjenigen versprochen, der die Existenz des Masernvirus nachweisen kann. Dabei handele es sich jedoch nicht um ein Preisausschreiben oder eine Wette, sondern um eine so genannte „Auslobung“, bei der der Auslober selbst die Kriterien bestimme. Bedeutet: Lanka darf entscheiden, ob seine Kriterien erfüllt sind oder nicht. Das wird dieser natürlich nie positiv bescheinigen, wäre er ja schön doof. Außerdem habe Lanka in seiner Auslobung von *einer* Arbeit zum Nachweis des Masernvirus gesprochen. Bardens hätte auch noch zwanzig weitere Arbeiten einreichen können und trotzdem nicht das „ausgelobte“ Kriterium erfüllt. Haarspaltereien.

Es gehe nicht darum, ob das Masernvirus existiere, so ausdrücklich das OLG Stuttgart. Das hatte zuvor das Landgericht Ravensburg durch einen Gutachter aber bestätigen lassen. Schließlich hatte David Bardens sechs wissenschaftliche Arbeiten als Nachweis geliefert. Für die Ravensburger Richter war damit der Nachweis erbracht.

Ein Gericht muß das Gesetz lesen und auslegen. Das ist unserem Rechtsstaat geschuldet und aus rein juristischem Sinne zolle ich dem OLG Stuttgart Respekt für diese klare Denkweise. Justitia ist blind für Ideologien und medizinisches Wissen, usw. Für die Gesellschaft und den Impfgedanken ist ein solches Urteil aber nicht förderlich, weil es von vielen ganz anders interpretiert werden wird:  Das einzige, was nach dieser gerichtlichen Auseinandersetzung in Stuttgart hängen bleiben wird: Lanka bekam Recht. Von ihm und seine Anhänger fehlinterpretiert – er habe Recht mit der Aussage, das Masernvirus existiere nicht. Die Impfgegner werden vor Entzückung und Häme in die Hände klatschen. So wie die Impfbefürworter dies nach dem Urteilsspruch in Ravensburg taten.

Passend zur gestrigen Meldung aus Stuttgart die Zahlen des Robert-Koch-Institutes zu den Masernerkrankungen der letzten Jahre:
2011 – Erkrankte: 1608
2012 – Erkrankte: 165
2013 – Erkrankte: 1769
2014 – Erkrankte: 442
2015 – Erkrankte: 2465

Dies sind nach Lankas Meinung alles psychosomatischen Erkrankungen bzw. einer Vergiftung geschuldet. Interessante These, denn allgemein anerkannt dürfte sein, dass Psychosomatische Erkrankungen weltweit zunehmen. In der Vorimpfära gab es jedoch hunderttausende Erkrankte. Die wurden also alle vergiftet?

Wie auch immer – Lanka darf seine verschwurbelten Ideen als „Biologe“ weiter verbreiten, ein Dämpfer für diese Ideologie sieht anders aus. Ein Bärendienst des OLG Stuttgart für die Impfgegner.

Meldung in der Schwäbischen Zeitung

GWUP dazu

(c) By Photo Credit: Cynthia S. GoldsmithContent Providers(s): CDC/ Courtesy of Cynthia S. Goldsmith; William Bellini, Ph.D. [Public domain], via Wikimedia Commons

Masern on Video

Danke, Twitter-TL, Danke @NettiKunzchen

https://mobile.twitter.com/NettiKunzchen/status/681912152094019584

Grippe flaut ab, die Masern nicht

Dank der Sonnenstrahlen der letzten Tage und den Faschingsferien in manchen Bundesländern flaut die Grippewelle in vielen Regionen ab – da freut sich das Praxispersonal. Der Chef ist nicht mehr so genervt, die Eltern entspannt und gesünder, die Rotze fließt nicht mehr und das Immunsystem kann sich wieder den Klassikern (Scharlach, Warzen, Durchfall) widmen.

Leider gilt das nicht für die Masern. Das letzte Update aus Berlin zählt mittlerweile über 700 Erkrankte, ein Drittel musste stationär behandelt werden. Leider sind wohl auch 70 Säuglinge erkrankt, was bekanntlich das Risiko für die Ausbildung einer Spätfolge der Masern, SSPE, erhöht.

Berlin, vor allem deren Gesundheitssenator Czaja, überlegt weitere Maßnahmen zur Eindämmung der Masernwelle und Vermeidung einer zukünftigen Problematik: Verpflichtende Impfungen vor Kindergarteneintritt, Impfungen für Personal in Kitas (echt spannend, wie kann ein involvierter Arbeitsmediziner einer ungeimpften Erzieherin eine Unbedenklichkeit attestieren?), aber auch eine Impfung von Eltern, wenn diese sowieso beim Kinderarzt sind (in anderen Bundesländer ist dies problemlos möglich und wird auch von den KVen bezahlt, in Berlin wohl nicht).

In anderen Bundesländern meldet das RKI weitere Masernfälle, allerdings dürften sich diese momentan noch im „normalen“ Rahmen bewegen, einzelne Morbilli werden immer mal gemeldet. In Stuttgart und Karlsruhe kam es jetzt zu Impfaktionen in Asylbewerberheimen, da dort der Impfschutz aufgrund der Krisenlage in den Heimatländern unzureichend durchgesetzt wurde.

Empfehlung zur Impfung gegen Masern in Kürze:
– Alle Kinder ab 12. Lebensmonat sollten die erste Masernimpfung (in Kombination mit Mumps, Röteln und Windpocken) erhalten, mit 15. Lebensmonat die zweite.
– Kinder, die bereits mit einem Jahr oder früher in eine Kita kommen, sollten auch früher geimpft werden, die Impfung ist bereits ab vollendetem 9.Lebensmonat möglich. Auch in Masernregionen kann die Impfung früher erfolgen, auch wenn kein Kita-Besuch ansteht.
– Erwachsene, die nach 1970 geboren sind und keine oder nur eine Masernimpfung hatten, sollten sich einmalig impfen lassen.

Kinderdoks Wunsch:
– Die „üblichen“ Impfungen gegen Kinderkrankheiten sollten Voraussetzung sein für Kontaktpersonen von Kindern (ErzieherInnen, LehrerInnen, Tagesmütter usw.)
– Mehr Bewußtsein der Tageseinrichtungen um den Impfstatus der betreuten Kinder – welche Kita-Leitung kann schon bei einem Masernfall in ihrem Haus sofort die entsprechenden Eltern informieren??

Empfehlungen für Säuglinge in Maserngebieten

N.G. hat mir eine Anfrage per Mail geschrieben, die ich gerne in der aktuellen Debatte aufgreifen möchte. Da sie ihre Fragen von Kinderärzten in der Umgebung nicht beantwortet sieht, da diese „in Bezug auf Impfen und Co recht .. esoterische … Meinungen vertreten“, versuche ich mich einmal.

Ich darf keine gezielten Anfragen beantworten, insbesondere keine personenbezogenen Hilfestellungen geben, also bitte nicht jetzt anfangen, Mails zu schreiben. In diesem Fall ist es aber allgemein genug:

N.G. schreibt: Aktuelle Fragen von meinen Bekannten (die auch alle Babys und Kleinkinder haben) und mir:

+ Wenn man in einem Gebiet wohnt, wo eine aktuelle Masernepidemie
grassiert – soll man dann sein Baby vorzeitig (ab 9 Monaten) impfen?

Die Masernimpfung wird üblicherweise im 11. oder 12. Lebensmonat durchgeführt (z.B. bei der U6). In allen Fachinformationen der zur Verfügung stehenden Impfstoffe (Masern-Mumps-Röteln oder Masern-Mumps-Röteln-Windpocken) gibt es aber den Passus, dass bei Besuch einer Gemeinschaftseinrichtung vor dem 1.Geburtstag bzw. „wenn eine epidemiologische Situation“ diese erfordert, auch früher geimpft werden kann, allerdings nicht vor dem 9. Lebensmonat. Es könnten also ab heute Säuglinge geimpft werden, die vor dem 26. Mai 2014 geboren wurden.

Das ist natürlich eine individuelle Entscheidung. Ist ein älteres Kind in der Familie, besteht dadurch mehr Kontakt zu Kita oder Kindergarten, ist eine frühere Impfung sicher zu erwägen. Erst recht, wenn das zu impfende Kind selbst in die Krippe soll.

Das RKI schreibt: „Nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) kann die MMR-Impfung auch schon vor dem 12. Lebensmonat, jedoch nicht vor dem 9. Lebensmonat erfolgen (vor dem 9. Lebensmonat ist die Wirksamkeit durch das Vorhandensein mütterlicher Antikörper und durch die Unreife des kindlichen Immunsystems häufig stark vermindert). Eine Impfung ab einem Alter von 9 Monaten kann unter Berücksichtigung der gegebenen epidemiologischen Situation insbesondere in folgenden Situationen erfolgen:
bevorstehende Aufnahme in eine Gemeinschaftseinrichtung
nach möglichem Kontakt zu Masernkranken
Sofern vor dem Alter von 11 Monaten geimpft wird, muss die 2. Impfung bereits zu Beginn des 2. Lebensjahrs erfolgen, da persistierende maternale Antikörper im 1. Lebensjahr die Impfviren neutralisieren können.
Für eine MMR-Impfung von Säuglingen unter 9 Monaten fehlen umfassende Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit, so dass diese Säuglinge z.B. in einem Ausbruchsgeschehen in erster Linie durch Impfungen der Kontaktpersonen in der Umgebung zu schützen sind. Individuelle Risiko-Nutzen-Abwägungen können eine Impfung mit 6 bis 8 Monaten ausnahmsweise begründen. Vor dem Alter von 9 Monaten geimpfte Säuglinge sollen zum Aufbau einer langfristigen Immunität 2 weitere Dosen MMR-Impfstoff im 2. Lebensjahr erhalten. Nach Kontakt zu Masernkranken können unter 9 Monate alte Säuglinge nach individueller Risiko-Nutzen-Abwägung alternativ Immunglobuline zum Schutz vor einer Erkrankung erhalten. Nach einer Immunglobulin-Gabe ist die MMR-Impfung für 5 bis 6 Monate nicht sicher wirksam. Dies sollte bei der Indikation zur Immunglobulin-Gabe berücksichtigt werden.“

+ Soll man während einer Masernepidemie „öffentliche Orte“ mit
ungeimpften Babys vermeiden? Was tun, wenn das kaum machbar ist
(Einkaufen, Öffentl. Verkehrsmittel, etc)?

Ich halte das für überzogen und realitätsfern. Man kann sich nicht überall gegen alles schützen. Fernhalten würde ich mich allerdings aus Kindergärten und Schulen, wo es Masernfälle gab.
Ob ein Maserninfizierter im Ed.e.ka rumrennt oder die U-Bahn benutzt – auszuschließen ist das nicht. Ist er erkrankt, sind die Eltern hoffentlich vernünftig genug und lassen ihn daheim.
[Edit] Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat dazu eine etwas strengere Auffassung und empfiehlt mit der PM vom 27.2., „Familien mit Säuglingen, Menschenansammlungen zu vermeiden“.

+ Soll man während einer Masernepidemie Kontakte zu anderen
Babys/Kleinkindern vermeiden (Krabbelgruppen, Babyschwimmen, etc.)?

Das gleiche wie oben. „Babys“ sind per definitionem Kinder unter einem Jahr, die in der Regel ja eh noch nicht gegen Masern geimpft sind. In einer Krabbelgruppe mit „Babys“ ist die Chance einer Maserinfektion eher gering. Da diese Gruppen aber überschaubar sind und man sich ja kennt, darf die Frage schon gestellt werden, ob es ungeimpfte Geschwisterkinder gibt.
Gibt es masernerkrankte Geschwisterkinder, ist das inkubierte Geschwisterbaby sowieso zu Hause zu lassen, es wird die Masern zu 99,9% ebenfalls bekommen (und auch weitergeben).

Nochmal, liebe Eltern: Kommunziert! Fragt in Euren Gruppen, Kitas und Kindergärten nach der „Impflage“, diskutiert und erhöht den Druck auf die Anbieter und Kita/Kiga-Träger, nur geimpfte Kinder aufzunehmen.

+ Welche Vorsichtsmaßnahmen können Eltern mit ungeimpften Babys während einer Masernepidemie treffen? Verwandtschaft nochmal extra auf Masern ansprechen und ggf. nachimpfen?

Ja! Die einzige Schutzchance für Säuglinge sind die anderen, die sich hoffentlich impfen lassen, also Oppa, Omma, Tagesmutter, jeder Kontakt.
Alle Erwachsenen, die nach 1970 geboren sind und keine oder nur eine Masernimpfung hatten, sollten sich einmalig gegen Masern impfen lassen. So empfiehlt es die STIKO.

Masern-Infoblatt aus Neukölln von 2015
Masern-Infoblatt aus Berlin von 2012, ausführlicher und radikaler im Verbot des Schulbesuches für Ungeimpfte

Die Bildzeitung fordert die Impfpflicht – Aliana und die Masern

Das hätte ich mir auch nie zu träumen gewagt, aber ich verlinke hier tatsächlich auf eine Seite der BILD-Zeitung und parallel zur nächsten Springer-Presse „Die Welt“ und die RTL-Nachrichten aus Hessen. Aber: Dies ist ein Fall, der an die Öffentlichkeit gehört, vielleicht kann mein Blog zum Streuen beitragen.

Aliana ist im Säuglingsalter an Masern erkrankt, ihre Mutter war leider ungeimpft, daher hatte die Säugling keinen Nestschutz (der bestehende Nestschutz bei den meisten Müttern ist der Grund, warum man erst spät gegen Masern impft). Bei ihr war nur eine Bindehautentzündung auffällig, die eigentlichen Morbilli wurden erst im Nachhinein im Blut nachgewiesen. Nach normaler Ausheilung und Entwicklung kam es zur Spätfolge der Maserninfektion im 4. Lebensjahr, die Subakute sklerosierende Panenzephalitis, kurz SSPE, welche zum schnellen Verfall der Kinder führt. Aliana wird daran sterben.

Die Erkrankung ist nicht häufig, sie tritt nicht regelhaft nach Masern im Kindesalter auf – Gott sei Dank – aber mit erhöhter Wahrscheinlichkeit, wenn kleineres Säuglinge an Masern erkranken, vielleicht weil sie dann nicht ausreichend Antikörper entwickeln, um das Virus vollständig abzutöten, das weiß man nicht genau. Das Risiko einer SSPE liegt bei 1:3300 Masernfällen.

*** Die BILD zur aktuellen Maserndiskussion – sie fordert eine Impfpflicht, populistisch, aber zu diskutieren. (Ergänzung zum Artikel: Hier wird nur die 2. Masernimpfung hervorgehoben. Die 1.Masernimpfung wird natürlich ab dem 12. Lebensmonat empfohlen. Kinder, die früh in eine Kita kommen, können bereits ab 10. Lebensmonat geimpft werden).
*** „Die Welt“ schildert das nochmal etwas entspannter und illustriert die schlechten Impfquoten.
*** Video der RTL Hessen über die Alianas Familie.

Wer Alinas Familie unterstützen möchten, kann hier spenden:
Hilfe für Aliana e.V
KTO: 62828
BLZ: 532 500 00
Zweck: Spende für Aliana
IBAN: DE67 5325 0000 0000 0628 28
BIC-/SWIFT-COD : HELADEF1HER

Facebook „Aliana kämpft um ihr Leben“
Max war auch an SSPE erkrankt. Er ist im Frühjahr gestorben.

Mal wieder Masern

Da wählen die Münchner einen SPD-Bürgermeister und schon eine Woche später verkündet die Presse wieder eine Masernwelle in der bayrischen Landeshauptstadt. Was das miteinander zu tun hat? Gar nichts. Aber irgendwie muß man ein Posting ja beginnen.

Seit Anfang diesen Jahres sind in München 20 Masernfälle gemeldet worden (Morbilli sind meldepflichtig – auch deren Verdacht), mit einem deutlichen Anstieg im Monat März – was noch mehr Fälle erwarten lässt, der Peak ist sicher noch nicht überschritten. Die offizielle Pressemitteilung des „Referates für Gesundheit und Umwelt“ listet entsprechend die Empfehlungen zur Eindämmung und zur Masernimpfung auf:

– Nichtgeimpfte Kontaktpersonen dürfen 14 Tage keine Gemeinschaftseinrichtungen besuchen (Kita, Schule, Ausbildung, Beruf)
– Frühzeitige Masernimpfung *vor* Aufnahme in eine Kindertageseinrichtung oder Tagesmütterbetreuung (ab 10. Lebensmonat möglich) – richtigerweise weist das RGU auf das erhöhte Krankheitsrisiko durch die frühzeitige Betreuung in Kindertagesstätten hin.
– Impfung aller nach 1970 geborenen Erwachsenen, die noch nicht geimpft wurden

Ungewöhnlich scharf und (unfreiwillig?) ironisch wird auf eine Ablehnung der Impfung eingegangen: „Gelassenheit oder gar der elterliche Wunsch nach einer natürlichen Masernerkrankung sind fahrlässig, …“ Was das Referat nicht sagen darf: München kommt immer wieder in die Schlagzeilen, weil die Gelassenheit geschürt wird durch impfkritische Ärzte wie (Privat)Arzt Martin Hirte (unweit des Viktualienmarktes).

Pressemitteilung des RGU (Seite 9)
Keks dazu: Wie Stefan Lanka seine Thesen vor Gericht verteidigen muß
… und Dessert: Über die wirtschaftlichen Defizite durchs Nichtimpfen

Fernsehbefehl

… ok, nicht so martialisch: Fernsehempfehlung heute abend, oder jetzt schon über die 3sat-Mediathek: „Impfen – nein danke?

Für mein Dafürhalten ein recht ausgeglichener Beitrag, der viele Facetten des Themas bestreift, die üblichen Verdächtigen wie Ed Jenner und Monsieur Hirte, aber auch schlichte Fakten präsentiert, und auch die problematischen Themen rund ums Impfen, wie die Schweinegrippe und die HPV-Impfung nicht vergisst. Ich freue mich sehr, dass nicht zuviel vom Schwachsinn reproduziert wurde, was im Internet grassiert, und das letzteres tatsächlich als Hauptursache für die Impfskepsis unter Akademikern in Deutschland ausgemacht wurde.
Die forschende Psychologin bringt es auf den Punkt: Die Diskrepanz zwischen der Gefühls- und der Verstandesentscheidung. Und das viele Gefühlsentscheider sich letztendlich egoistisch darauf ausruhen, dass die Mitmenschen geimpft sind.

Ärgerlich hinterlässt mich wie immer Kollege Hirte aus München, der alleine auf der Emotionsebene argumentiert und mit schwammigen Begriffen kommt („einige“, „zahlreiche“, „ganze Menge“, „da muss man sich schon fragen…“). Herrje. Warum ausgerechnet er „zahlreiche Kinder“ gesehen hat, die nach „Fünffach- oder Sechsfach-Impfungen Krampfanfälle oder Hirnschäden“ bekommen haben, und wir anderen Niedergelassenen nicht, wird wohl sein ureigenes Rätsel bleiben. Vielleicht liegt es daran, dass er nur privat behandelt und keine KV-Zulassung hat?

Schön, dass man am Ende sieht, wie er auch impft, wenn auch in den Gluteus, mit einer recht eigenwilligen Technik, ob das so empfehlenswert ist? Vielleicht hat er deshalb soviele Nebenwirkungen beobachtet? Aber er würde ja auch Masern nur deswegen impfen, „damit die Kinder ihre Eltern nicht anstecken“…

der hat masern, herr dokter

vater, sehr aufgeregt, sehr blass im gesicht: „herr doktor, herr doktor, das müssen sie sich ansehen … ich glaub´, der justin, der hat masern.“
ich: „wie war das nochmal, den wollten sie ja nicht impfen lassen, oder?“
vater: „jaaa? schon? aber das ist doch jetzt egal, ich glaub, der hat masern, ma-ha-sern, verstehen sie?“
immerhin war vater so schlau und hat justin vor der tür gelassen.
der übliche ablauf nimmt seinen gang: patient aufnehmen durch moni (arzthelferin no.1), setzen durch das küken und visite durch den doktor. und richtig, liebes küken, kind kommt ins infektionszimmer. kein kontakt zu niemand.
ich schnappe mir hörteil und ohrengucker. mit den worten „hurra, endlich mal wieder masern sehen, blöd fürs kind, toll für die ausbildung“ schnappe ich mir das küken, das gerade wieder den raum verlassen will und drehe sie um richtung patient.

vor mir sitzt justin, grinsend, fit, extrem gut drauf, ein netter kerl, ich mag ihn, auch wenn seine erzieherin bei ihm bereits ads vermutet. früher nannte man das aufgeweckt. er ist vier.
und hat definitiv keine masern.
das sehe ich schon von der tür aus.
wir sprechen vom zweiphasigen verlauf: erst ist man krank, so richtig erkältet, fieber, rotze und dergleichen, bindehautentzündung, dann erst die eigentlichen masern mit dem typischen ausschlag.
justin ist zu gesund.
„jetzt hatter doch die masern“, sagt justins vater.
„zeigen sie mal“, sage ich.
er deutet auf zwei stellen am ohr, eine an der rechten leiste und auf den rücken.
ich lasse mir zeit. keine katarrhalische infektion, keine koplik-flecken, kein fieber.
„hat er denn kontakt gehabt?“
„blöde masernparty“, sagt der vater.
ich verziehe das gesicht. justin war vor einer woche zu einem geburtstag eingeladen, bei der das geburtstagskind mit masern inkubiert war, erzählt mir der vater. das kind bekam ein paar tage später wohl die masern. alle ungeimpft. und alle eltern nicht ganz knusper.
„also masern sind´s nicht – … wir könnten ihn jetzt noch impfen, eventuell kann man dann den ausbruch verhindern“, schlage ich vor.
„wie, das sind keine?“
„nein. das da … „, ich zeige auf die stellen am ohr und an der seite, „… sind mückenstiche.“ prompt kratzt sich justin. „und das am rücken…“ ich drücke auf die stelle, sie wird weiß und schnell wieder rot, „…sonnenbrand.“
„wirklich?“ der vater kann es gar nicht glauben.
ich lasse nicht locker. „und was ist jetzt mit der impfung? die chance ist auf jeden fall da.“
der vater hat inzwischen seine natürliche gesichtsfarbe zurückbekommen.
„naja, herr dokter, ich sehe das so: wenn er jetzt noch masern bekommt, dann brauchen wir auch nicht zu impfen. und wenn er sie nicht kriegt, weil wenn´s jetzt keine masern sind… dann brauchen wir auch nicht zu impfen. hat sich ja zu vorher nichts geändert.“

außer deinem blassen blassen gesicht, als du hier durch die tür kamst …

masern, leider mal wieder

es ist durch die medienlandschaft durch, deswegen möchte ich das thema auch aufgreifen: die masern in deutschland. we(n)n´s langweilt, bitte hier weiterklicken.

in deutschland sind bis zu diesem monat bereits doppelt soviele masernfälle gemeldet worden wie im gesamten jahr 2010 zusammen (link rki, siehe seite 11). diese häufung findet sich immer wieder über die jahre, es liegt in der natur einer infektionskrankheit, da ein epidemischer ausbruch irgendwo die gesamte statistik hochzieht. trotzdem sollte das zu denken geben.

ich bin sehr froh über die vemehrte berichterstattung, endlich mal ein thema, welches die eltern doch zum nachdenken anregt und viele auch zum direkten nachfragen in die praxis bringt. ich hoffe nur, das thema masern wird auch unter eltern, in kindergärten und schulen diskutiert, um vielleicht doch die ewig gestrigen zu erreichen, die immer noch meinen, eine masernimpfung würde verhindern, dass ihr kind abitur macht.

besonders schlimm: die chronische verlaufsform subakute sklerosierende panenzephalitis, insbesondere nach maserinfektion vor dem ersten geburtstag, also einem alter, in dem die meisten kinder noch nicht geimpft werden können. die sspe vermutete man bisher bei einem fall pro 5000 masernerkrankten, dank der wiederholt hohen zahl von masernerkrankungen in deutschland korrigieren die wissenschaftler die zahl inzwischen auf 1:200! der aktuelle fall der sechsjährigen angelina muss doch unentschlossene zum umdenken bewegen (film des wdr).

das problem ist auch, dass die jetzige elterngeneration oftmals keinen masernkontakt mehr erlebt hat – aber ungeimpft ist. impfgegner drehen daraus das argument, die krankheit verlagere sich ins erwachsenenalter, wenn viele kinder geimpft seien, da erwachsene die krankheit nicht mehr durchgemacht hätten. das mag sicherlich sein, aber der umkehrschluss, die impfung zu unterlassen, damit wir wieder mehr masernfälle in der bevölkerung haben und damit eine natürliche feiung zu erreichen, kommt der empfehlung gleich, auf das anschnallen im auto zu verzichten, damit die autoindustrie gezwungen wird, wieder langsamere autos zu bauen.

es gibt daher bereits seit einem jahr die empfehlung der ständigen impfkommission, das alle ungeimpfte erwachsene mit jahrgang 1970 und jünger, welche nicht wissend eine masernerkrankung durchlaufen haben, gegen dieselbe zu impfen.

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