Grippe flaut ab, die Masern nicht

Dank der Sonnenstrahlen der letzten Tage und den Faschingsferien in manchen Bundesländern flaut die Grippewelle in vielen Regionen ab – da freut sich das Praxispersonal. Der Chef ist nicht mehr so genervt, die Eltern entspannt und gesünder, die Rotze fließt nicht mehr und das Immunsystem kann sich wieder den Klassikern (Scharlach, Warzen, Durchfall) widmen.

Leider gilt das nicht für die Masern. Das letzte Update aus Berlin zählt mittlerweile über 700 Erkrankte, ein Drittel musste stationär behandelt werden. Leider sind wohl auch 70 Säuglinge erkrankt, was bekanntlich das Risiko für die Ausbildung einer Spätfolge der Masern, SSPE, erhöht.

Berlin, vor allem deren Gesundheitssenator Czaja, überlegt weitere Maßnahmen zur Eindämmung der Masernwelle und Vermeidung einer zukünftigen Problematik: Verpflichtende Impfungen vor Kindergarteneintritt, Impfungen für Personal in Kitas (echt spannend, wie kann ein involvierter Arbeitsmediziner einer ungeimpften Erzieherin eine Unbedenklichkeit attestieren?), aber auch eine Impfung von Eltern, wenn diese sowieso beim Kinderarzt sind (in anderen Bundesländer ist dies problemlos möglich und wird auch von den KVen bezahlt, in Berlin wohl nicht).

In anderen Bundesländern meldet das RKI weitere Masernfälle, allerdings dürften sich diese momentan noch im „normalen“ Rahmen bewegen, einzelne Morbilli werden immer mal gemeldet. In Stuttgart und Karlsruhe kam es jetzt zu Impfaktionen in Asylbewerberheimen, da dort der Impfschutz aufgrund der Krisenlage in den Heimatländern unzureichend durchgesetzt wurde.

Empfehlung zur Impfung gegen Masern in Kürze:
– Alle Kinder ab 12. Lebensmonat sollten die erste Masernimpfung (in Kombination mit Mumps, Röteln und Windpocken) erhalten, mit 15. Lebensmonat die zweite.
– Kinder, die bereits mit einem Jahr oder früher in eine Kita kommen, sollten auch früher geimpft werden, die Impfung ist bereits ab vollendetem 9.Lebensmonat möglich. Auch in Masernregionen kann die Impfung früher erfolgen, auch wenn kein Kita-Besuch ansteht.
– Erwachsene, die nach 1970 geboren sind und keine oder nur eine Masernimpfung hatten, sollten sich einmalig impfen lassen.

Kinderdoks Wunsch:
– Die „üblichen“ Impfungen gegen Kinderkrankheiten sollten Voraussetzung sein für Kontaktpersonen von Kindern (ErzieherInnen, LehrerInnen, Tagesmütter usw.)
– Mehr Bewußtsein der Tageseinrichtungen um den Impfstatus der betreuten Kinder – welche Kita-Leitung kann schon bei einem Masernfall in ihrem Haus sofort die entsprechenden Eltern informieren??

der hat masern, herr dokter

vater, sehr aufgeregt, sehr blass im gesicht: „herr doktor, herr doktor, das müssen sie sich ansehen … ich glaub´, der justin, der hat masern.“
ich: „wie war das nochmal, den wollten sie ja nicht impfen lassen, oder?“
vater: „jaaa? schon? aber das ist doch jetzt egal, ich glaub, der hat masern, ma-ha-sern, verstehen sie?“
immerhin war vater so schlau und hat justin vor der tür gelassen.
der übliche ablauf nimmt seinen gang: patient aufnehmen durch moni (arzthelferin no.1), setzen durch das küken und visite durch den doktor. und richtig, liebes küken, kind kommt ins infektionszimmer. kein kontakt zu niemand.
ich schnappe mir hörteil und ohrengucker. mit den worten „hurra, endlich mal wieder masern sehen, blöd fürs kind, toll für die ausbildung“ schnappe ich mir das küken, das gerade wieder den raum verlassen will und drehe sie um richtung patient.

vor mir sitzt justin, grinsend, fit, extrem gut drauf, ein netter kerl, ich mag ihn, auch wenn seine erzieherin bei ihm bereits ads vermutet. früher nannte man das aufgeweckt. er ist vier.
und hat definitiv keine masern.
das sehe ich schon von der tür aus.
wir sprechen vom zweiphasigen verlauf: erst ist man krank, so richtig erkältet, fieber, rotze und dergleichen, bindehautentzündung, dann erst die eigentlichen masern mit dem typischen ausschlag.
justin ist zu gesund.
„jetzt hatter doch die masern“, sagt justins vater.
„zeigen sie mal“, sage ich.
er deutet auf zwei stellen am ohr, eine an der rechten leiste und auf den rücken.
ich lasse mir zeit. keine katarrhalische infektion, keine koplik-flecken, kein fieber.
„hat er denn kontakt gehabt?“
„blöde masernparty“, sagt der vater.
ich verziehe das gesicht. justin war vor einer woche zu einem geburtstag eingeladen, bei der das geburtstagskind mit masern inkubiert war, erzählt mir der vater. das kind bekam ein paar tage später wohl die masern. alle ungeimpft. und alle eltern nicht ganz knusper.
„also masern sind´s nicht – … wir könnten ihn jetzt noch impfen, eventuell kann man dann den ausbruch verhindern“, schlage ich vor.
„wie, das sind keine?“
„nein. das da … „, ich zeige auf die stellen am ohr und an der seite, „… sind mückenstiche.“ prompt kratzt sich justin. „und das am rücken…“ ich drücke auf die stelle, sie wird weiß und schnell wieder rot, „…sonnenbrand.“
„wirklich?“ der vater kann es gar nicht glauben.
ich lasse nicht locker. „und was ist jetzt mit der impfung? die chance ist auf jeden fall da.“
der vater hat inzwischen seine natürliche gesichtsfarbe zurückbekommen.
„naja, herr dokter, ich sehe das so: wenn er jetzt noch masern bekommt, dann brauchen wir auch nicht zu impfen. und wenn er sie nicht kriegt, weil wenn´s jetzt keine masern sind… dann brauchen wir auch nicht zu impfen. hat sich ja zu vorher nichts geändert.“

außer deinem blassen blassen gesicht, als du hier durch die tür kamst …