Urlaub steht bevor

Heute gibt es mal etwas Schönes zu berichten, nachdem soviel Twittermüll über ÄrztInnen ausgegossen wird, die darüber schreiben, dass in ihrer Sprechstunde Menschen auftreten, die von anderen begleitet werden. Das Schöne ist: Es steht ein kleiner Frühjahrsurlaub vor der Tür. Keine große Sache, aber immerhin ein paar Tage frei.

Wir haben uns das in der Praxis so angewöhnt: Zwei Woche pro Quartal die Praxis komplett zu schließen. Ok, mal kürzer, mal auch länger (Sommerferien). Der Rhythmus tut dem ganzen Team gut, er scheint dem Überarbeitetsein vorzubeugen, außerdem gibt es etwas zu tun, wenn es nicht ums Kinderretten geht.

Urlaub bedeutet nur „Patientenfreie Zeit“, so wie es das im Studium gab. Vorlesungsfreie Zeit, nicht etwa Ferien. Da konntest Du auch nicht nur Rumsitzen und auf Partys gehen (die gab es sowieso eher während der Vorlesungszeit), sondern es gab Praktika zu absolvieren, in der Medizin „Famulaturen“ genannt, außerdem musste immer etwas vorbereitet werden. Nach dem Staatsexamen war vor dem Staatsexamen. Famulatur kommt übrigens von Famulus, lateinisch Knecht, aber dazu ein anderes Mal mehr.

Heuer ruft die EDV. Oder die Abrechnung. Oder der Wasserhahn im Unisex-Personal-Klo. Oder die EDV. Oder die wichtigen Dokumente fürs Qualitätsmanagement. Oder die EDV. Die ist echt wichtig. In der Praxis haben wir inzwischen zwölf Arbeitsplätze, die gewartet werden wollen, da hat es immer einen Bildschirm, der plötzlich so seltsames Flirren zeigt oder ein Betriebssystem, das in die Jahre kommt, oder einen Drucker, der mal systematisch eingenordet werden muss, weil er nur jedes zweite Rezept druckt.

Die Woche vor dem Urlaub, also jetzt (huch, nur noch drei Tage, also eigentlich zweieinhalb) vergeht stehts am langsamsten, wer kennt das nicht. Die Zeit scheint zäher zu fließen, die Stunden sind derer mehr am Tag. Der Schreibtisch wird voller, ich werde fauler am Abend, ist doch der Reflex vorherrschend, ich komme sowieso im Urlaub mal vorbei, da werde ich das erledigen. Und der Wasserhahn im Personalklo tropft schneller als letzte Woche.

Für die Patienten ist so eine Woche vor dem Urlaub sehr unentspannt, denn mit dem Urlaub beginnt die „Arztfreie Zeit“, jedenfalls die ohne ihren Hauskinderarzt, denn Vertretungen sind selbstredend noch und nöcher organisiert. Die Frequenz der Kindervorstellung steigt mit dem Näherrücken des Urlaubs, so der subjektive Eindruck des Besuchten, es ist sicher nicht so. „Sie sind ja dann im Urlaub“, wird zur ultimativen Erklärung der Patientenvorstellung, als ob ich im Präurlaub verhindern könnte, dass das Bobele periurlaub krank wird. Zu Schulferienzeiten variiert die Ansage übrigens zu „Wir fahren ja dann in Urlaub“. Mit ähnlichem Negativeffekt.

Jedenfalls kommt der Freitag, die letzte Stunde der „Sprechstunde“ (aktuell übrigens näher der Tagesschau denn der heute-Sendung), der letzte Patient, die Papierberge des Schreibtisches werden hübsch ordentlich zu einem zusammengekehrt, alle Heizungen aus, alle PC runtergefahren, Server abgeschlossen. Der Kapitän verlässt als letzter das Schiff, ich werde die Praxis abschließen, auf den kleinen Vorplatz treten, ein Blick in den hoffentlich klaren Nachthimmel werfen und tief durchatmen. Urlaub.

… dass ich wieder vergessen habe, den Anrufbeantworter zu besprechen, wird mir dieses Jahr nicht passieren. Sonst bin ich am Samstag wieder hier.

(C) Bild bei Yinan Chen, publicdomainpictures.net (free download)

Ein wenig Alltag aus der Erkältungszeit

Stethoscope on laptop keyboard

Ich bin zurück im Alltag nach dem langen Wochenende in Hamburg, das einem ja dann wie eine Zeit- und Fernreise vorkommt, dass man gar nicht mehr nachhause will. Aber, wie mein Chef früher immer sagte: Die Arbeit macht ja sonst keiner in der Zwischenzeit (addon: … und der Schreibtisch sieht am nächsten Morgen noch so aus, wie am Abend zuvor).

Da inzwischen im Ländle die Grippe-, Erkältungs-, Durchfalls-, und weiss-nicht-was-Saison begonnen hat – das Ende vom Januar lässt uns mal wieder in der Beziehung nicht im Stich – kamen Frau Kollegin und ich diese Woche endlich mal wieder auf die angepeilten 50 Praxisanwesenheitsstunden. Ok, es gibt eine Mittagspause und hie und da springt auch ein Kaffeepäuschen raus, aber schließlich hängen wir immer noch eine halbe bis ganze Stunde Schreibtischjob hintendran, denn: siehe oben das addon.

Die Woche war voll mit allem, was die Kinderarztpraxis so hergibt: Turbulente Einweisungen mit Osteomyelitis, luftknappen Pneumonien und exsikkierten (d.i. ausgetrockneten) Kleinkindern, sehr lustigen Vorsorgeuntersuchungen von Vorschulkindern, die zeigen wollen, was sie schon können und etwas jüngeren U7-Kindern, die zeigen konnten, was sie alles nicht zeigen wollen. Tobsuchtsanfällen inklusive. Aber ganz bedürfnisorientierte Kinderärzte, die wir sind, versuchen wir solche Vorsorgen dann an einem anderen Tag. Nur ich konnte wieder nicht meine Klappe halten und deutete dem anwesenden Vater die Emotion seines Kindes als Wut und nicht als Angst. Wer ängstlich ist, winkt und grinst nicht am Anfang und am Ende, dachte ich mir, und reflektierte das auch. „Siehst Du, Rick-Jakob, Du brauchtest gar keine Angst zu haben, sagt auch der Mann“, sagte dann der Vater zum Abschied. Hatte ich so nicht gesagt. Hatte ich so nicht gesagt.

Dann war da noch der Säugling aus der Flüchtlingsfamilie mit der Trisomie, seit Beginn mit großen Atemproblemen, Herzfehler, Aspirationen, Sauerstoffbedarf, stationären Aufenthalten und mobiler Krankenpflege zur Unterstützung der Familie. Sie bekommen es jetzt zuhause deutlich besser in den Griff, aber die Unterstützung der Fachkräfte ist weiterhin vonnöten, alleine, um mögliche Zustandsveränderungen zu erkennen und frühzeitig zu handeln. Der Medizinische Dienst der Krankenkasse, angerufen durch die „versorgende“ Krankenkasse, bezweifelte dies und forderte bei mir einen „aktuellen Behandlungs- und Befundbericht“ ein. Das ist nicht in ein paar Worten getan, am Ende wurden es zwei Seiten. Mal sehen, was das bringt. Honoriert wird der Schrieb mit stolzen 3,25 € nach dem EBM, da rechne ich lieber nicht den Stundenlohn aus.

Ich habe dieses Wochenende herbeigesehnt, ich gestehe. Montag, 8 Uhr, gehts weiter.


Letzten Montag wurden die Goldenen Blogger 2018 vergeben. Leider war ich während des Livestreams noch in der Praxis, da ist die DSL-Bandbreite eher schlecht, wenigstens hat es zum Abstimmen gereicht. Die Macher von den Goldenen Blogger haben seit dem letzten Jahr alle ehemaligen Gewinner zur Akademie der Goldenen Blogger berufen, Danke für diese Ehre. Ein paar Entscheidungen wurden dann auch durch diese Akademiker gewählt.

Hier geht es zu den Gewinnern. Sehr lesenswert natürlich vor allem die nominierten Blogtexte: „Alle 262.000 Minuten verliebt sich kein Single über Parship“ von Frau Nessy, „Gerda stirbt“ von Jasmin und „Raus aus meinem Uterus. Der § 219a und seine Freunde.“ von Juramama. Besonders freute ich mich über die Gewinnerinnen Natalie Grams für den besten Twitterauftritt des letzten Jahres und die gute LiebeFrauNessy, die mit ihrem Tagebuchblog schon lange zu meinen Alltime-Favourites zählt. Die Lektüre ihrer Texte hat mich vielleicht zum Bloggen gebracht.

(c) Bild bei Flickr/Marco Verch (unter CC BY 2.0 Lizenz)

Was ich beim Bloggertreffen in Hamburg erlebt habe

Ein Wochenende in Hamburg, wenn das keine Freude ist. Nachdem die Praxis versucht hat, mir nicht nur einen Stein in den Weg zu legen, war ich schließlich doch im ICE nach HH unterwegs.

Der Donnerstag bedeutete nur ankommen, das Ho(s)tel entdecken, dort in der Lobby noch ein zünftiges ASTRA trinken, um dann etwas erschöpft ins Bett zu plumpsen. Am Freitag wollte ich etwas länger schlafen, auch weil Samstag und Sonntag mit Bloggertreffen und der frühen Abfahrt dies verhindern würden. Aber meine innere Uhr, ganz praxisgeprägt, warf mich aus dem Bett. Egal, dann eben ein üppiges Frühstück und raus in die Hamburger Eiseskälte von einigem unter null Grad.

Ich bin den Kiez abgelaufen, habe mich treiben lassen durchs Schanzenviertel, St. Pauli rüber zum Millerntor, nur mal Gucken, und dann mit dem Bus zur Kunsthalle. Ganz ehrlich: Um mich aufzuwärmen. Caspar David Friedrich bewundern. Viel interessanter fand ich dann allerdings alles andere: Den Rundgang, den chronologischen Aufbau der Sammlung, das altehrwürdige Gebäude und die lustigen zeitgenössischen Arbeiten. Ein Kaffe mit Apfelkuchen zum Abschluss und wieder raus, die sehr verfrorene Binnenalster bewundern.

Mein Hamburg-Spaziergang trieb mich weiter schaufensterbummelnd mit kurzem Blick in das wunderschöne Rathaus, hinüber in das Fleetviertel, dann rauf zu St. Michaelis (waren wir mit den Kindern damals schon, als gespart) und zurück ins Schanzenviertel. Sehr verfroren für eine Stunde aufs Bett gelegt, insbesondere, um die Wärme in die Knochen zu holen.

Für den Abend hatte ich eine Logenkarte für „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ im SchauSpielHaus. Hammervorstellung, Devid Striesow, der nicht so mein favourite ist, und Maria Schrader, beide in absoluter Ehestresshochform. Sie bekamen bestimmt zehn „Vorhänge“, wenn es einen solchen gegeben hätte. Anmerkung am Rande: Deutschland verliert das Halbfinale der Handball-WM, verschmerzbar nach diesem Theatererlebnis.

Am Samstag traf ich die liebe Pharmama mit ihrem Mann und Sohn und die liebe PTAchen zum Frühstück im Hotel, gleich nach einem Jahr aus Berlin wiedererkannt und sofort wieder vertraut. Das sind so freundliche und offene Menschen. Vielen Dank.

Wir sind gemeinsam zu den Landungsbrücken , um dort den 5-Foraminologen und Tobias zu treffen, die beiden „Hamburger“ führten uns durch den Alten Elbtunnel, am Fischmarkt vorbei zur Reeperbahn, zur Binnenalster und schließlich auf die neue Elbphilharmonie, eine sehr informative Führung, mit viel Lokalkolorit und -wissen. Für mich Dinge, die ich von Hamburg bisher gar nicht kannte. Unterwegs haben wir noch s’gramselet aufgegabelt, die heute erst angereist war.

Und dann das eigentliche Bloggertreffen, sehr exklusiv gegenüber der „Elphi“ mit Blick auf dieselbe, jetzt zur Abrundung mit Maria und Mira von DocCheck und Christopher, jetzt waren wir vollständig. Wir sprachen über das gute Entwickeln vn Überschriften (ein kleiner Workshop von Maria), übers Bloggen über die Jahre (von mir), dem Weg vom Blog zum Buch (durch Pharmama) und zum Abschluss ein toller Talk von Tobias zu Trollen im Netz und dem Umgang mit ihnen. Es gab einen so üppigen Austausch, dass die Zeit rasend voranging und die Vorträge von Christopher und dem 5-Foraminologen gar nicht mehr zum Zug kamen. So schade. Aber das Essen war schon gebucht, das gab es schließlich im Rudolph’s etwas weiter „ums Eck“, aber dafür umso schmackhafter und weinseliger.

Danke an Euch alle für diesen schönen Tag, den Austausch über das Bloggen hinaus, den Einblick in Eure Arbeit und Einsichten in das Schweizer Gesundheitssystem. Trotzdem es eine so überschaubare Gruppe war, hätten wir uns sicher noch intensiver und persönlicher austauschen können, aber so sind diese Abende ja immer. Man quatscht sich fest und wollte noch soviel besprechen und erarbeiten. Schade auch um die vielen, die nicht dabei waren, wir haben Euch sehr vermisst.

Am Sonntag ein Frühstück mit Pharmama-Familie und PTAchen, und dann ging es schon mit dem ICE wieder nach Hause. Da sitze ich nun und schreibe. Und nun ist der Blogpost fertig. Raus damit. Nichts mit „gut abgehangen“…

Noch ein paar Bilder?

(PS Gnadenloses Scheitern beim Erstellen eine griffigen Überschrift)

(c) Bilder bei kinderdok und Pharmama

Dezembergedanken

Ich bin seit sechzehn Jahren in meiner eigenen Praxis als Kinder- und Jugendarzt tätig, das Zählwerk meines PC-Medizin-Praxis-Programms zeigt über 27000 Patienten an, die sich einmal oder meist mehrmals in dieser Zeit in meiner Praxis vorgestellt haben.

Ich war vorher acht Jahre in einer großen Kinderklinik tätig, habe die letzten 1,5 Jahre nonstop auf der Intensivstation gearbeitet mit teils täglichen Kreißsaaleinsätzen, Mini-Frühgeborenen von 600 Gramm aufwärts und mehreren Reanimationen.

Ich habe sicher ein paar Kinder gesünder gemacht, Eltern beraten und Familien durch Impfungen geschützt. Bestimmt habe ich auch Fehler gemacht und wünschte, dass sie nie geschehen sind, und dass niemand bisher durch mich zu ernsthaftem Schaden gekommen ist. Primum non nocere.

Ich bleibe unsicher. Ich habe morgens weiter Bauchweh. Ich leide, wenn ich kassenärztlichen Notdienst habe. Ich bin verunsichert, wenn ich mich entscheide, das Blut zu untersuchen, weil vielleicht mein eigenes Urteilsvermögen hinkt. Und schwitze, wenn ich die Werte in Augenschein nehme.

Ich vertraue meinem Sachverstand. Ich schwöre auf mein Bauchgefühl. Aber ich misstraue dem Teufel namens Versäumnis, der bitch namens Verpassen und der Stolperfalle namens Übersehen. Die Eltern kommen zu mir, weil sie meinen Fähigkeiten vertrauen. Und wenn ich nun aber einen Fehler mache?

Dann bin ich Mensch.

Ist das so einfach in unserem Beruf? Ist es nicht.

(c) Bild bei pixabay/stockSnap (unter CC0 Lizenz)

Wie ich blogge

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Spontanes Schreiben

Wenn ich blogge, geschieht das in Zweidrittel der Fälle sehr spontan, bedeutet, ich habe irgendeine Idee, die ich dann sofort an diesem Tag umsetzen muss, das lohnt keinen Aufschub. Das können Stories aus der Praxis sein, oder irgendwelche Nachrichten, Aufreger von zwischendurch oder Themen, die mir schon lange durch den Kopf geistern, aber gerade hier-und-jetzt ist eben die Gelegenheit zu sitzen und diese loszuwerden.

Das schreibe ich dann relativ zügig runter, meist innerhalb von zwanzig oder dreißig Minuten, von vorne nach hinten, ohne große Struktur, die kommt erst mit dem Abhängen des Textes. Fehler korrigiere ich ganz am Ende, nichts soll erstmal den Schreibfluss stören. Klar gibt es zwischenrein Hänger, in denen der Gedankenfluss abreisst, weil die Katze um die Ecke kommt, oder die Mittagspause zuende ist oder der Hunger ruft. Danach redigiere ich kurz und knapp und hoffe, dass mir beim Redigieren ein neuer Faden den Weg weist.

Geplantes Schreiben

checklist-2470549_960_720Dann gibt es geplante Posts, die habe ich bei WordPresstm als Entwürfe abgelegt. Leider funktioniert das nur leidlich gut. Ähnlich wie bei Internetartikeln, die ich in mein Pockettm schiebe, vergesse ich diese meist. So listet WordPress mir aktuell 17 Entwürfe, die ich noch schreiben sollte, aber die dort abliegen werden bis zum Sanktnimmerleinstag. Also kein guter Weg.

Ich führe ein Bullet Journal (so ich es nicht mal wieder irgendwo liegen lasse), da kommen spontane Ideen rein. Ich habe zwei Listen, eine für das Blog, eine für die Kolumne im Berliner Tagesspiegel, die ich ja einmal im Monat bedienen darf. Das funktioniert besser als das elektronische Listen, vielleicht, weil ich eben kein Digital Native bin, sondern analog gross wurde.
Bloggen respektive Schreiben ist Arbeit, und Arbeit muss auch mal getan werden, denn ich möchte die Leser bei der Stange halten, also krame ich in den Listen, picke mir ein Thema heraus und beginne die Arbeit.

Diese Artikel outline ich klassisch: Am Anfang steht ein Brainstorming, oder eine Mindmap, je nachdem, was das Thema hergibt. Manchmal ist dies für eine Mindmap zu begrenzt. Jedenfalls entsteht irgendeine Ideenwolke oder -liste, die ich dann in Struktur bringe, damit das Thema sinnvoll verarbeitet wird. Bei der TSP-Kolumne kommt es ja darauf an, in einem vorgegebenen Rahmen (3600 Zeichen) das Thema destilliert anzubieten, auch ein Blogartikel über 1000 Wörter findet keine Leser mehr. Die Redakteurin greift zwar redigierend eindampfend unter die Arme, aber ich möchte vorneweg nicht nur Müll abliefern. Die Arbeit der Redaktion bleibt bewundernswert: Wie mein ausschweifendes Geschwafel am Ende auf die wichtigsten Thesen zusammengestrichen wird, das unterscheidet uns Blogger eben doch von Journalisten, die das Handwerk beherrschen.

Für die Kolumnen im Sonntags-Tagesspiegel benutze ich außerdem Scrivenertm, ein Programm für Schreiber, die gerne mehr Struktur in ihre Arbeit bringen möchten. Dort kannst Du Kapitel anlegen, Unterkapitel, Szenen eines Buches, was Du möchtest und diese dann auf einer „Korkwand“ hin und herschieben,um eine neuen Ablauf zu erzeugen. Ich pinne Ideen für die Kolumne an und plane für die nächsten Monate, damit ich ohne Redundanz einen Überblick über die Themen behalten. Vorgaben durch die Zeitung gibt es übrigens für die Kolumnen nicht, außer natürlich, dass es sich bei den Themen um Kinderärztliches und Medizinisches handeln sollte.

Abhängen

think-622689_960_720Egal, wlechen Weg ich wähle, ob es das Runterschreiben, Outlinen und Strukturieren ist, jeder Artikel liegt dann zwei Tage, ich nenne das „Abhängen“. Manchmal bin ich bereits im nächsten Thema (meist nicht). Ich lese das Posting nochmals durch, finde diese oder jene Rechstschreibfehler, unter Umständen ist tatsächlich das Thema schon so langweilig, dass es komplett im Orkus verschwindet. Ok, eher selten.

Schließlich ist das Posting geschrieben, jetzt finde ich noch ein passendes Bild dazu, dabei nutze ich die Erweiterte Bildersuche von Google, die lizenzfreie Bilder findet, das wird hochgeladen und mit einem Copyright versehen (auch wenn man das bei lizenzfreien nicht zwingend muss, so verirrt sich vielleicht ein neugieriger Leser bei einem hübschen Foto auf die Seite des Künstlers). Schnell noch ein paar „Kategorien“ und „Tags“ finden für den Blogpost, teilen via Twitter und Facebook (macht die WordPress-App alleine) und „Veröffentlichen“ drücken. Ganz selten ist der Post terminiert, wenn ich mal im Urlaub bin, oder zuviele Artikel in zu hoher Frequenz kommen (was ja gerade nicht so der Fall ist ;-)… und raus damit!

Wiederkehrer

Ideen sprudeln nicht ständig, das gelingt niemandem beim Bloggen, trotzdem ist eine gewisse Kontinuität im Output wichtig, deshalb ist es legitim, wiederkehrende Themen oder Artikelserien zu verwenden. Bei Pharmamatm sind es z.B. die „Apotheken dieser Welt“, bei mir finden sich
Pressemitteilungen unseres Berufsverbandes (mal als standalone, mal kommentiert)
– Artikelreihen wie „Die Vorsorgeuntersuchungen“ oder „Impfungen“
– Recycelte Posts aus früheren Jahren, die ich für zu wichtig halte, um sie im Nirvana des Blogs verschwinden zu lassen

Wen es interessiert: Ich schreibe in aller Regel auf meinem alten „Acer Aspire 1810TZ“ Notebook, seltener auf dem iPad Air, da komme ich mit der Tastatur nicht so zurecht, das passende Bluetooth Keyboard hat einen grottenschlechten Druckpunkt, und die Tasten liegen zu eng. Auf dem Acer habe ich alles, was ich brauche, Browser, Scrivener-App, Word für die gaaanz langen Texte. Das iPad lenkt außerdem zu sehr ab – zuviele Prokrastinationsfallen. Ein oder zwei Artikel habe ich tatsächlich auf dem iPhone rausgehauen, das ist aber wirklich mühsam. Für Twittertm reicht es aber.

Ich liebe das: tm.

Warum ich blogge.

(c) Bild bei pixabay/Free-Photos
(c) Bilder bei pixabay/geralt
(alle unter CC0-Lizenz)

Heuschnupfenberatung in der Apotheke, Selbstversuch

„Hallo, ich hätte gerne Azelastin als Kombipackung, zum Beispiel Aller.go.dil als Kombi.“
„Moment, muss ich erst schauen, ob wir das da haben.“ Tippeditipp. „Ja, wollen Sie das als Augentropfen oder Nasentropfen?“
„Gerne als Kombipräparat, bitte. Einzeln ist es bestimmt teurer.“
„Ich schaue nochmal.“ Tippeditipp. „Nein, leider nicht da.“
„Haben Sie denn ein anderes Kombipräparat mit Azelastin?“
„Ich schaue einmal, Moment…“ Tippeditipp. „Ja, ich weiß jetzt nicht…“
„Da hinten im Regal, das ist doch Li.vo.cab als Kombi.“
„Ja, das ist richtig. Möchten Sie das?“ Sie holt es schnell, bevor ich antworten kann.
„Eigentlich nicht, das ist ja Levocabastin, das wirkt bei mir nicht so gut.“
„Tja, dann vielleicht das einfache Chromoglicin?“
„Danke, ganz sicher nicht. Und da hinten, neben dem Li.vo.cab? Da steht doch noch Vi.vi.drin akut.“
„Ja? Möchten Sie das?“
„Ist das nicht Azelastin? Und das gibt es auch als Kombi, oder?“
„Ich schau mal…“ Tippeditipp. „Ja, das haben wir da.“
„Und was ist da der Wirkstoff?“
„Ich weiß jetzt nicht, Moment…“ Tippeditipp. „Der Wirkstoff…, der Wirkstoff… Ahja, hier: Az-e-las-tin.“
„Na, das ist doch prima. Das nehme ich.“
„Also das Vi.vi.drin akut als Kombi?“
„Genau. Azelastin als Kombinationspräparat.“
„Prima. Schön, dass ich Ihnen helfen konnte.“
„Ja, fand ich auch. Und ich Ihnen.“

Eine Packung Taschentücher gab es auch. Nein, die Apotheken-Umschau habe ich liegen gelassen. Da steht zuviel Schwurbel drin.

(c) Bild Public Domain/Wikipedia

Ich war mal wieder analog

Die ehrenwerte „Stuttgarter Zeitung“, genauer Nadine Funck, Redakteurin der Sonntagsbeilage für die StZ und die „Stuttgarter Nachrichten“, hat mich gebeten, für ein Interview zur Verfügung zu stehen.

Irgendwie interessieren sich vor allem die Sonntagsausgaben für Pädiatrie, so mein Eindruck. Schließlich kommt auch die Monatskolumne des Berliner Tagesspiegel sonntags raus. Vermutlich hat die potentielle Zielgruppe der Eltern nur am Sonntag Zeit, analog Zeitung zu lesen.

Jedenfalls hat mir das Interview großen Spaß gemacht, es gibt leider keine Online-Verwertung des Artikels, wer möchte, kann aber hier das Interview nachlesen:

Der Doktor und die lieben Eltern (pdf)

(c) bei Nadine Funck/Sonntag aktuell/kinderdok

Goldiges Wochenende

Um der Dokumentationspflicht dieses Blogs nachzukommen, muss ich Euch noch mit den Ereignissen des vergangenen Wochenendes langweilen belästigen quälen vertraut machen.

Wie der Zufall es wollte, gab es zwei wichtige Events für mich in Sachen Bloggen an diesem Wochenende. Zum einen ein Treffen der Medizinblogger, die sich auf der Plattform Doccheck vereinen, zum anderen am Montag die Verleihung der Goldenen Blogger, für die ich in der Kategorie „Blogger mit Engagement“ nominiert war. Kurzerhand – wer fährt schon gerne zwischendrin nach Hause – blieb ich gleich die ganzen vier Tage in Berlin. Danke an E. Fürs Rückenfreihalten in der Praxis.

Der Freitag

Anreise mit dem ICE, vergessen wir das Gekruschtel und Telefonieren im Ruhebereich, ich werde schon zum Geräuschspießer, schnell am Nachmittag im Hotel eingecheckt und, das brauche ich immer in einer neuen Umgebung, den Kiez entdeckt. Rumlaufen, in die Fenster gucken, Geschäfte abbummeln, abklären, wo es was zu Futtern gibt.

Dann schummelte ich mich langsam Richtung Prenzlauer Berg, wo das erste Treffen stattfinden sollte. Übrigens echt stilsicher in einer „Coworking location“ namens „Lovers“, das gibt es wohl jetzt viel in Berlin.

Wer war alles da? Die Pharmama. Der Medizynicus . Der 5-Foraminologe. Das PTAchen vom Apothekentheater (habe ich eben doch nicht verwechselt, menno!). Die Medizinjournalistin Alexandra. Die Hüterin des Rechts. Jan von psychiatrietogo und Alex vom Psychosomatik-Blog, noch besser bekannt als die Psychcaster. Der Rettungsmann von save yourself. Und dazu Mira von DocCheck und die beiden Gäste – Wolfgang Wodag von Transparency Deutschland und Florian Eckert von fischerAppelt. Es ging um Lobbyismus. Ich möchte Euch nicht langweilen.

Alles sehr aufregend, alle Blogs mit Gesichtern zu füllen. Und wie angenehm und wie schön! Wir zogen um zum Essen beim Italiener – Mann, war das lecker Essen. Ich bedanke mich artig bei DocCheck für die freundliche Einladung, das darf gesagt werden.

Der Samstag

Den Tag hatte ich mir für mich ausgeguckt. Shoppen. Kultur. Bummeln. Cafésitzen. Weiterbummeln. Das gelang ganz gut, nachdem ich den guten Rotwein gegen 10 Uhr ausgeschlafen hatte. Man gönnt sich ja sonst nichts so fern von daheim.

Am frühen Abend dann etwas Arbeit, NEIN!, Vergnügen! — ein spontaner Podcast mit Alex und Jan, komplett mit coolem Jingle, defektem Headset (die Störungen in den ersten Minuten gehen auf meine Kappe) und einer flüssig schönen Kommunikationsrunde mit den Zweien. Danke für die Gelegenheit, sich wieder mal auszutauschen.

Zu kurz kamen die Mitblogger vom Vortag, tut mir leid – Pharmama und Medizynicus fragten nochmal nach einem Treffen an, leider war ich an dem Abend bereits mit Kino ausgebucht.

Kleiner Profitipp am Rande: Geht am Samstag!, in Berlin!, in einen aktuellen Film!, am Potsdamer Platz!, ins Kino! Garantiert schöne Menschenschlangenstudien möglich. Ich brauchte fünfzig Minuten vom Betreten des Kinos bis zum Sitzen im Kinosessel.

Der Sonntag

Stand im Zeichen der Familie. Ich habe meinen Cousin besucht, es gab lecker Essen in Friedrichshain, ich durfte seine nette Frau kennenlernen, Tochter kannte ich ja schon. Geschnackt, gegessen, Kaffee und Wein und der gute Christstollen von der Schwiegermutter. Was braucht der kinderdok von heute mehr? Achja, am Morgen bin ich noch über die Flohmärkte der Statdt gebummelt, also zwei, am Boxhagener Platz (ja! Touri!) und am Arkonaplatz (ja! Verregnet!).

Am Abend nochmal Kultur: Ich konnte Karten für Harald Martenstein ergattern, er las in der Distel an der Friedrichsstrasse aus seinen besten Kolumnen. Super lustig, toll geschliffene Sprache, ja, umstritten, aber trotzdem gut! Buch mit Autogramm habe ich auch abgeholt.

Der Montag

So langsam kommt Müdigkeit auf, ich gebe das gerne zu. Also am heutigen Tag nur zwei Fixtermine. Aber was für welche.

Ich traf mich kurz vor Mittag mit Julia Prosinger, einer Redakteurin des Berliner Tagesspiegel, sie ist mitverantwortlich für die Sonntagsausgabe dort, mit dabei ihr Kollege Moritz Honert. Der Grund ist einfach: Ich darf seit neuestem eine monatliche Kolumne dort schreiben, wie Karin von KindundKittel schrieb: Die Evolution des Blogschreibens, vom Digitalen zum Analogen. Anfang Januar gab es die erste dieser Art, am kommenden Sonntag die Zweite.

Und dann der Abend. Was soll ich sagen?

Die Verleihung des Goldenen Bloggers stand auf dem Plan, ich war nominiert, und habe den Pott geholt! Meine Sparte „Blogger mit Engagement“ war zum Online-Voting geschaltet und dazu gleich die erste Kategorie, deren Preis vergeben wurde. Ich danke Euch allen fürs feste Abstimmen, Ihr wart mein Gewinn. Ob ich bei einem Jury- oder Saalvoting gewonnen hätte? Keine Ahnung, die Konkurrenz war so toll und lohnt das Vorbeischauen: Isa Sonnenfeld von den RoleModels und GermanLifeStyle GLS.

Die Veranstaltung war busy, Kameras gab es viele, neben 300 Menschen auf der Gästeliste ca. 80 rund um die Nominierten und an die 100 akkreddiietiren (oder wie man das schreibt) Journalisten. Tagesthemen und HeutePlus hat berichtet. Wow.

Und wen man dann so kennenlernen darf, welche Blogs es zu entdecken gibt und wie nett die alle sind: MlleReadOn (lest mal die Banane) und Sash von GNIT, Tim von TimSchraubtBass (mit der ganzen Familie!) und die Notaufnahmeschwester (lest mal Ihr Lappen!) und und und.

Ich bin noch immer, obwohl ein Tag später, nicht sicher, ob das alles überhaupt stattgefunden hat, so schnell flog die Zeit und rasten die Eindrücke an mir vorbei. Dank R., der mich begleitet hat, blieb ich zumindest zwischenzeitlich auf dem Boden der Tatsachen.

Der Dienstag

Heimreise. Not much to mention. Außer diesem mondänen fetten hochpreisigen dekadenten Frühstück im Hotel NH Collection, in dem wir Goldene-Blogger-Nominierten freundlicherweise untergebracht waren. Warum musste ich nur so früh zum Zug?

Oh Mann, was ein Wochenende, mit so netten Leuten, so vielen freundlichen Gesichtern, ob Blogger, Familie oder die Berliner – nun hat mich der Alltag wieder, morgen ab in die Praxis. Neue Geschichten finden für Euch, fürs Blog.

Euer kinderdok

Ein paar Bilder? Kommen noch.

Filterblase: Wenn Eltern anders entscheiden.

Aus aktuellem Anlass mache ich mir wieder mal Gedanken, vorher Eltern Informationen bekommen und wem sie vertrauen und nicht vertrauen. Gerade bei Neugeborenen, wenn es um das Vitamin K, die Fluorid- und Vitamin-D-Gabe und Impfungen geht, vertrauen Eltern gerne anderen Quellen als den Medizinern. Warum ist das so?

Ungefiltert informieren?

Unbestreitbar herrscht Unsicherheit vor, geboren aus Unwissen, schließlich kann man sich nicht über alles informieren oder Informationen filtern. Wenn wir Eltern werden, müssen wir mit einem Mal Experten werden für Dinge, die in den Jahren zuvor völlig unwichtig waren. Wir müssen Pädagogen werden, müssen Mediziner werden, müssen Ernährungswissenschaftler und Pflegekräfte werden. Das überfordert uns. Eigentlich wollen wir Eltern doch nur gesunde Kinder und diese gesund erhalten.

Also fangen wir an zu lesen. Im Internet, in Ratgebern, in offiziellen Broschüren der BzgA oder vom Kinderarzt. Wir bekommen Bücher empfohlen von anderen Müttern, von Hebammen oder über die Amazon-Bestenliste. Alles ungefiltert für uns und vorgefiltert durch andere, wie viele Dinge heutzutage. Schnell entstehen Fakenews, schnell befinden wir uns in einer Filterblase. Ist die Hebamme esoterisch geprägt, bekommen wir entsprechende Bücher, unterhalten uns mit gleich gesinnten Eltern, bekommen wir gleichgesinnte Homepages empfohlen.

Vielleicht ist auch ein bisschen Skepsis oder gar Protest dabei. Die etablierte Medizin ist im gültigen Zeitgeist korrupt, überwissenschaftlich, will alle mit Medikamenten zudröhnen („Vollpumpen“ ist ein beliebter Begriff) und arbeitet undifferenziert, weil schulmeisterlich schulmedizinisch. Wir möchten alles anders. Anders bedeutet heute „natürlich“, natürlich heißt ohne alles, also auch ohne Medikamente, ohne Vitamin K, Vitamin D, Fluorid, Impfungen, Antibiotika, alles Errungenschaften der Medizin, die die Säuglingssterblichkeit haben sinken lassen.

Als Kinderarzt kann ich nur auf Aufklärung setzen. Ich kann informieren, ich kann seriöse Quellen nennen, und steuere trotzdem die Eltern in meine eigene Filterblase, diesmal die wissenschaftliche, aus meiner Sicht natürlich die richtige. So prallen Welten aufeinander, vereinfacht die klischeehaft naturbelassene Hebammenwelt und die klischeehafte Medikamenten-, Maschinen- und Schulmedizinerwelt. Wofür entscheiden sich die Eltern, wenn sie beide Eltern als gleichberechtigt empfinden? Vielleicht für das Vermeiden, für das Nichtstun, für das Weglassen. Es scheint einen Tendenz im Zeitgeist zu geben.

Eine riskante Entscheidung, geboren aus dem Luxus der industrialisierten Welt: Dank der Einführung mancher Prophylaxen, wie Vitaminen, einschließlich der Impfungen, sind unsere Kinder gesünder als vor Jahrhunderten, die Säuglingssterblichkeit hat rasend abgenommen, die Krankheiten sind nicht mehr präsent. Viele Eltern entscheiden aus dem Bauch heraus, meist vom Hörensagen geleitet oder weil N=1 die leitende Statistik war. Beim ersten Kind hat’s doch geklappt, dann kann man es beim zweiten Mal auch so machen. Bei der Nachbarin hat’s funktioniert, also machen wir es auch so. Trifft die alternativ-esoterische Haltung nun noch auf die statistisch-wissenschaftliche (die ja immer fälschbar sei), geht gar nichts mehr.

Paternalismus?

Wir Mediziner neigen zum paternalistischen Verhalten, dem Folgen von Leitlinien, dem Zurschaustellen des Experten, wie wir hoffentlich als Mediziner wahrgenommen werden, und reagieren ungehalten oder unverständig, wenn Eltern sich anders entscheiden. Realisieren wir die Filterblase, in der sich die Eltern befinden, können wir die Denkweise eventuell durchbrechen. Dies braucht Zeit, noch mehr Informationen, aber auch Vertrauen in unsere Empfehlungen.

Ich gebe zu, dass ich in meiner Praxis oft rigoros reagiere: Impfgegner dürfen nach wiederholten Beratungsgesprächen und fortgesetzter Resistenz die Praxis verlassen, wer das Vitamin K bei U3 abgelehnt hat, wird gleich rausgeworfen, ich halte das für unverantwortlich. Da bin ich paternalistisch par excellence. Vielleicht eine Schwäche meinerseits, aber ich kann eben auch nicht aus meiner Filterblase und muss abends noch in den Spiegel schauen können. Ich sehe mich als Anwalt des Kindes. Auch wenn die Eltern die letzte Verantwortung haben, die ich Ihnen nicht abnehmen kann, steht die Empfehlung zum Schutz des Kindes an oberster Stelle (und der Schutz anderer Kinder, wenn wir von Impfungen sprechen).

Vermutlich gibt es keine befriedigende Lösung der Positionen. Ich kann mich als Mediziner, gerade als Kinderarzt, nicht altruistisch der Position ablehnender Eltern beugen, denn beide, Eltern und ich, sehen in unseren Entscheidungen das beste Wohl für das Kind. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber nur in gemeinsamer Überzeugung, die aber immer einer Durchsetzung meiner Meinung gleichkäme.

Patienten und Ärzte sollen heutzutage™️ Partner sein, gemeinsam Entscheidungen für die Gesundheit treffen. Leider sind die Player, auf dem Gebiet der Gesundheit inzwischen so vielfältig, oder sollen wir sie lieber Influencer nennen?, dass es schon lange keine duale Begegnung mehr ist, und damit der informativoffene Austausch zwischen Patient und Arzt kaum noch gelingen kann. Ich persönlich kann nur tagtäglich auf das Vertrauen der Eltern setzen, dass wir Kinderärzte alles zum Wohlergehen und der Gesundheit der Kinder tun, es gibt keine niederen Beweggründe für unsere Empfehlungen.

„Würden Sie das Gleiche empfehlen, wenn es Ihr Kind wäre?“ Aber sicher.

(c) Bild lizenzfrei bei pixabay/Jordan Holiday (Creative Commons CC0)

Zwischen den Jahren

Ich habe frei. Schon seit vor dem Wochenende, seit dem letzten Jahr (Kalauer!), trotzdem erlebe ich bisher kein echtes „Runterkommen“, Innehalten, wie mir das sonst zwischen den Jahren gelingt. Eine Annäherung jetzt.

Das letzte Jahr war, sagen wir, interessant, seit einiger Zeit habe ich den Eindruck, in der Praxis sei ständig Bewegung, Personalwechsel, Stimmungswechsel, Patienteneinstellungswechsel, alles sei im Flusse. Das ist vermutlich gut so, denn Stillstand wäre langweilig, Stillstand bedeutete Rückschritt. Ganzheitlich-chinesisch-traditionell ist alles am Fließen, nur dann kann Neues entstehen.

Trotzdem hätte es letztes Jahr etwas entspannter laufen können. Ohne jetzt ins Detail zu gehen, war das Team Mitte des Jahres am Limit, vong der Arbeitsbelastung, was das Patientenaufkommen, die zusätzlichen Aufgaben durch die Neuen Patientenrichtlinien anging, aber auch durch zwei unvorhersehbare Kündigungen und dadurch Neueinstellungen im Laufe des Jahres. Manchmal ist zuviel Fluß auch nicht so dolle. However, wie der Engländer in mir sagt: Am Ende bilanzieren wir eine Veränderung zum Guten, und das ist wichtig.

Zum Glück für meine Patienten gab es dieses Jahr keine Sterbefälle, wie im Jahr 2016; Beim Kinderarzt bedeutet ein verstorbenes Kind eine traurige Zäsur im alltäglichen Rhythmus, der Allgemein- und Erwachsenenmediziner kennt das ja, bei uns ist das eher selten. Wenn ich mich feste zurückerinnere und hoffentlich nichts vergesse, waren die schwersten Diagnosen Diabetes und Zöliakie, schon eher Standard in der Pädiatrie. Auch onkologische Patienten Fehlanzeige. Ein glückliches Jahr in dieser Hinsicht, die einzig wichtige aus ärztlicher.

Über das Private sprechen wir hier nicht (auch wenn es dort Zuwachs gab, aber nicht so, wie jetzt alle gleich denken), also bleibt die Bilanz des kinderdok-Daseins: Gestern habe ich Euch schon die beliebtesten Blogposts um die Ohren gehauen, das ist eine nette Bilanz des Jahres und zum zweiten Mal in Folge bereits zum Ritual geworden, aber wird jetzt hier nicht wiederholt. Ich habe im Laufe des Jahres mit klitzekleinen Schritten den Blick in die Öffentlichkeit gewagt, im Frühjahr auf dem MedMen2017 manchen Bloggerkollegen getroffen, die sich drüben bei DocCheck versammeln, jedenfalls aus dem Medizinischen. Da waren Medizynicus, KindundKittel, das PTAchen, der 5-Foraminologe und natürlich die Jungs vom Psychcast, Jan und Alexander (habe ich jemanden vergessen? Natürlich die netten Leute von DocCheck…). Die letzteren luden mich zu einem Gespräch am Telefon an, sogar zur 50. Ausgabe ihres Podcasts im Juli, diese Ehre ist mir noch immer schleierhaft.

Ein paar Wochen zuvor interviewte mich Karl Grünberg, freier Journalist, für den Berliner Tagesspiegel, ein seltsames Unterfangen, weil Live in meiner Praxis und inkognito, mit freundlicher Diskretion von Journalist und Redaktion, das feedback war ganz toll, und die Erfahrung nicht zu missen. Aus diesem Event entstand eine Verbindung zum Tagesspiegel, deren Früchte zumindest die Berliner ab 7.1. in der Sonntagsausgabe bewundern dürfen, soviel sei verraten. Und dann der Knaller kurz vor Jahresende – der unbekannte Leser erwähnte mich gegenüber den Machern von „Goldenen Blogger“, und prompt wurde ich nominiert als „Blogger mit Engagement“. Ich bin weiterhin irritiert, vor allem angesichts der Mitnominanten, die soviel mehr an gesellschaftlich Relevantem einbringen. Am 29.1. ist die Verleihung, Gott, bin ich aufgeregt.

So. Genug der Bilanzen für 2017. Ab demnächst gehts hier weiter. Themen, die mir im Kopf rumgehen, und die ich bearbeiten will, gibt es einige ( „Notfallbehandlungen in Kitas“ (z.B. bei Allergien), „Platzwunden“, „Windelausschlag“, „Zweisprachigkeit bei Kindern“ u.v.m. – noch Wünsche?). Aber im Grunde meines Herzens hoffe ich, dass der Praxisallta ruhig und gemäßigt abläuft, ohne Aufregung für meine kleinen Patienten, ohne Aua und Weh, sondern mit Spaß bei den Vorsorgeuntersuchungen. Ach, eigentlich wünsche ich mir, dass Ihr alle gesund bleibt. Ist doch viel schöner so.

Bis bald.