Bad Orb II

Highlight des Tages: Dass ich Zeit hatte für einen ausgiebigen Spaziergang. Denn schließlich bist Du in Bad Orb, um die Natur zu genießen. Was auch sonst? Heraussprang ein dreistündiges Wandern ins Tal hinein, den Berg hinauf und in weitem Bogen zurück. Es befreit den Kopf. Danke dafür. Affirmation für den Tag.

Die Vorträge davor deckten von sensationell bis mehr als bescheiden das gesamte Notenspektrum ab – der Aufruf von Professor Müller aus Kiel, endlich zu beginnen, das Übergewichtsproblem unserer Bevölkerung politisch und gesamtgesellschaftlich anzugehen, wie das uns die WHO schon wiederholt auf den Weg gab, wird wohl verhallen. Denn Politiker waren keine anwesend, und ich glaube nicht, dass die Presseerklärung des BVKJ das aufgreifen wird.

Die anderen Vorträge lassen wir mal lieber im Gedächtnis verhallen – der Adipositas-Vortrag überstrahlte alles andere.

Schlüsselmomente des heutigen Tages:

– Eine Therapie einer Adipositas im Kindes- und Jugendalter ist nach Studienlage nicht möglich. Es geht nur noch um Vermeidung oder die Behandlung der gesundheitlichen Folgen.

– Prävention von Übergewicht kann nicht alleine eine Verhaltensstrategie sein, sondern muss eine Verhältnisstrategie sein. Bedeutet: Nur wenn auf kommunaler und staatlicher Ebene Anstrengungen erfolgen, können die Zahlen der Übergewichtigen reduziert werden. Bedeutet: Wann kommt endlich die Steuer auf zuckerhaltige Getränke und fastfood?

MJ Müller: Prävention von Übergewicht

Bad Orb ist Zukunft, maybe

Achja, beschauliches Bad Orb, was hast Du mir gefehlt. Ich fahre seit Jahren sporadisch und dann wieder regelmäßig hier vorbei, um mein bescheidenes pädiatrisches Wissen auf Vordermann zu bringen. Ich habe hier meine ersten Seminare vor der Niederlassung besucht, meine ersten Kontakte in die Berufspolitik geknüpft, sogar ein paar Kapitel aus dem Buch geschrieben, damals.
Der Ort selbst verändert sich nicht, sobald Du die Autobahn verlässt, bist Du im kleinen Tal des Spessarts verzaubert, weit weg von der Zivilisation.

Die City bietet wechselnde Geschäfte, heuer immer mehr geschlossene wegen Geschäftsaufgabe, ein Aufbäumen des Ortes gab es vor Jahren beim Bau des Thermalbades. Dem Flaggschiffhotel am Kurpark, indem auch unser Kongress stattfindet, sieht man nun auch seine Achtziger Jahre an, nur das Gradierwerk, das Gradierwerk, ja, das bleibt bestehen, mit seiner frischen Feuchtigkeit. Gerade recht für meine herbsterkältungsgeplagten Schleimhäute.

Was sich ändert, ist die Besuchsdisziplin der Kollegen: Ich erinnere eine Zeit vor fünfzehn Jahren, da war das Auditorium in der Konzerthalle bis auf den letzten Platz gefüllt, wer zu spät kam, der musste stehen. Das wurde zuletzt deutlich weniger, schon seit Jahren hängen sie die Halle zur Hälfte ab, wie bei Konzerten von Rockstars, die in die Jahre gekommen sind – das erhält die Akustik und frustriert die Vortragenden weniger, da sich die Zuschauer nicht auf zuviele Stühle verteilen.

Heute morgen habe ich knapp achtzig Kinder- und Jugendärzte gezählt, die sich die Vorträge angetan haben. Das ist schwach. Es scheint, als haben wir es nicht mehr nötig, unsere Medizin zu updaten. Von vielen wird der Ort verantwortlich gemacht, Bad Orb ist eben nicht Berlin oder München (als werden ähnliche Kongresse in größeren Städten besser besucht).

Oder liegt es am Thema? Prävention ist Zukunft, so prangt es von der Leinwand herab, und alle haben etwas dazu zu sagen: Prävention bei Kindesmisshandlung, durch Impfungen, in der Früherkennung, der Adipositas, bei Allergien, im Öffentlichen Gesundheitsdienst, in den Schulen und Kindergärten, in der Praxis und bei Flüchtlingen. Die Grundaussagen sind immer gleich: Man muß, man kann präventiv arbeiten, aber erreichen tut man immer nur die Gleichen: Die, welche kaum Prävention brauchen. Also bleibt das Thema (zumindest nach dem ersten Tag) seltsam saft- und kraftlos. Mal sehen, was morgen kommt.

Was habe ich heute gehört?
– Prävention kann zu noch verunsicherteren Eltern führen, als wir jetzt schon haben.
– Kindesmisshandlung und deren Folgen kostet die deutsche Gesellschaft jährlich 11,1 Mrd. Euro (d.i. 134,54€ für jeden Bundesbürger) – Habetha et al 2012.
– In Holland wird bei Erwachsenen, die wegen psychischen Problemen ins Krankenhaus kommen, automatisch die Elternschaft erfragt und dies ans Jugendamt gemeldet.
– 87% der Franzosen haben ihrem Kind schon mal einen Klaps auf den Po gegeben (12% „Tracht Prügel“), 68% der Deutschen (9%), aber nur 17% der Schweden (2%) – Bussman et al. 2008.
– Die neue Kinderrichtlinie lässt sich tatsächlich Zeit, wie ich das schon schrub – Einstellung der Krankenkassen: Es wurde ja so einiges gestrichen, und Neues kam dazu, also gibts das gleiche Geld für die Ärzte.
– Vielleicht hätte ich doch den Vertreter der B*rmer GEK fragen sollen, wie es sich verträgt, dass die Kasse die „Sprechende Medizin“ fördern will und „wissenschaftlich und evidenzbasiert“ arbeiten will und dann ein bundesweites Homöopathieprogramm anbietet. Aber dann hätte mich noch jemand als kinderdok geoutet.

Wenigstens kommt heute abend Fussball im Fernsehen.

Bad Orb 2010 1 und 2
Bad Orb 2012 1 und 2

Die Kinder- und Jugendärzte tagen II

Ohje, leider war ich etwas schlampig, was die Berichte aus dem schönen Bad Orb angingen, aber viel habe ich von dem hübschen Städtchen auch nicht gesehen. Heute mittag bekam ich die Gelegenheit, die City zu erkunden, und immerhin: Im Vergleich zu den Jahren zuvor hatten tatsächlich ein paar Geschäfte über die Mittagszeit geöffnet. Trotzdem ist der schöne Spielzeugladen Pleite (habe ich hier überhaupt schon mal ein Kind gesehen?) und ein Souvenirladen (pro Strasse) hat zusätzlich geöffnet.
Dafür gibt es die Original Ergerländer demnächst zu sehen, genauso wie das nette Theaterstück „Bunga Bunga“ oder den alljährlichen Gradierwerk-Flohmarkt. Ich freue mich schon. Leider bin ich dann nicht mehr da.

Der Kongreß selbst war sehr informativ, der Austausch mit den Kollegen hat funktioniert und die take-home-messages war derer viele:
– Rauchen in der Schwangerschaft begünstigt das Dicksein des Kindes
– Wenn Eltern sagen, sie inhalieren regelmäßig mit Cortison, so flunkern sie in zwei Drittel der Fälle
– Einnässen kann ein Symptom von ADS sein (das wusste ich schon vorher)
– Verzögerte Sprachentwicklung ist kein! Risikofaktor für spätere Legasthenie oder Rechtschreibproblematiken (ein Zaunpfahl an alle Logopäden und Erzieherinnen)
– Probiotika in der Behandlung von Durchfall (Hefe usw) verkürzen die Krankheitsdauer um 1 Tag, nicht jedoch die Infektiösität
– 25% der Jungen sind mit fünf Jahren nachts nicht trocken (wusste ich auch schon, aber das kann man nicht oft genug irgendwo erwähnen)
– Prosopagnosie ist das Unvermögen, definierte Gesichter zu erkennen (das befällt mich oft, wenn ich beim Einkaufen auf Patienteneltern treffe)
– es lohnt sich einen Vortrag über eine Erkrankung zu halten, von der nur vier Fälle auf der Welt bekannt sind
– Unterschätze den Schweden nicht vor dem vierten Tor.

Achja. Nun fährt mich mein Auto wieder durch den schönen Spessart gen Heimat. Das einzig untypische für Bad Orb war das feuchte Wetter. Ab Morgen soll´s hier wieder sonniger werden. Dann stehe ich aber wieder in meiner Praxis. Und strahle selbst mit neuem Wissen.

Die Kinder- und Jugendärzte tagen I

Wie jedes Jahr geniessen wir hier die letzten warmen Tage des Jahres, oder die Intermezzi aus gefärbten Blättern vor dem Winter. Der Kurgarten liegt da wie immer: Umsäumt von uralten Alleen, immer seltener belebt von alten Menschen und in letzten Jahr umkränzt von leerstehenden Pensionen.

Wir sind mal wieder in Bad Orb, und es gilt, sich fortzubilden, für die Eltern, die Kinder und für die eigene Sicherheit der täglichen Arbeit. Ein paar Sprenkel Berufspolitik, ein gutes Maß an Kollegenaustausch, eine frische Brise Salinenluft, was will der betagte Kinderdok noch mehr?

Nun denn – die Patienten daheim sind versorgt, Vertretung ist organisiert – mal sehen, was die Woche so bringt. Heute abend gehts erst einmal in die rot bestuhlte Konzerthalle zwecks feierlicher Eröffnung mit Präsident Hartmann und Gefolge.
Wer sich interessiert – und teilhaben will – vielleicht lesen auch Kollegen mit — hie und da gibts sicher auch was zu zwitschern (nicht mit C2H5OH, nein, das mit dem Vögelchen…), #badorb

bericht aus orb III

wirre wortschöpfungs-sprach-euphemismus-verfachdiffizilierungen

„labeln“ (sprich: läibelnd) – „katastrophisierend“ – „transmissionsriemen im umgang“ – „schulabsentismus“ – „introzept“

wer hier sprach, war ein psychologe – hatten wir es anders erwartet? wieso müssen bei solchen vorträgen eigentlich immer irgendwelche fremdwortschöpfungen benutzt werden, als hätten wir davon nicht schon genug? manchmal meint man, die vorträge sollen dadurch interessanter werden. in diesem falle schade, denn der vortrag selbst – über die somatoformen störungen im kindesalter – war an sich interessant, und wurde für mich (vielleicht weil mein auskultierorgan ab einem bestimmten temporären punkt über diese vocabulogenese ständig salierte) erst dann so schwierig, rein linguistisch zu sequieren.
diebisch gefreut habe ich mich, als sein powerpoint-vortrag gesprenkelt war mit druckfehlern, zudem welchen mit interessanten bedeutungswendungen, aus „training“ wurde „traning“ und die bilder zeigten den „bauschschmerz“ und die „schuphobie“.
um mit den worten des dozenten zu enden: „da möchte ich ihnen doch als take home diese message mitgeben.“

finis.

bericht aus orb II

na also, das hat doch gar nicht wehgetan! anreise bei sonne, seminar bei sonne (sonne draußen, seminar drinnen), nette kollegen wiedergesehen, alles so ganz prima. das vermittelte wissen erscheint aktuell und gut praxistauglich umsetzbar, mein blättle mit „what-to-do-nachdem-ich-wieder-zurück-bin“ füllt sich langsam. bad orb athmosphäre.

der ort hat sich geputzt, das alte gradierwerk erstrahlt in neuem glanze, und gleich daneben zeigt sich ein neues architektonisches unikum, dass die berühmte schwangere auster beinahe kümmerlich erscheinen lässt, hat das bad orbsche ding doch ein paar schwingungen mehr, auch wenn diese deutlich kleiner ist.

hier ist das neue wellnessy-hallenbad des ortes beheimatet, es soll bad orb einen neuen anziehungspunkt verleihen, und tatsächlich – selten scheine ich soviele junge menschen, die nicht gerade kinder- und jugendärzte sind, im kurpark spazieren gesehen zu haben. es sei dem ort gegönnt.

und dankenswerter weise erweist uns auch petrus den nötigen ernst – die sonne scheint wie im herrlichsten altweibersommer – stets ein phänomen hier beim kongress – auch wenns vorneweg und hintennach regnet – in diesen tag lacht der himmel. und heute abend schenkt er eine sternenklare nacht, in der man mehr sterne sieht als sonst, da wo ich herkomme, frankfurts licht ist fern. so laufe ich nach hause, in gedanken an meine lieben zu hause, und schicken ihnen grüße übers firmament, alleine die fehlen hier bei mir.

schlaft gut.

bericht aus orb I

bad orb ist ein nest beschaulicher fleck im mittelhessischen, noch in nahverkehrsentfernung zu frankfurt, ansonsten eher weit weg von allem anderen. hier findet alljährlich für ein paar tage der herbstseminarkongress der kinder- und jugendärzte statt – heißt: fortbildung, austausch unter kollegen, askese. denn viel abwechslung für die freizeit gibts hier nun nicht so sehr.

während chirurgen nach lanzarote jetten und die augenärzte nach vancouver (klischee!!), bleiben die kinderärzte im land – ganz tief im land. es gebe ja auch noch norderney oder garmisch – naja. hat wohl tradition. angeblich soll hier der ehemalige präsi des berufsverbandes eine wohnung gehabt haben, so munkelt man, und damit er sich die übernachtung sparen konnte, wurde eben bad orb als regelmäßiger tagungsort ausgerufen.

also heißt es hier seminare besetzen, vorlesungen genießen, an ständen der industrie – sprich kugelschreiber- und gummibärchenabgreifstationen – vorbeiflanieren, sich den anbiederungen diverser hustensaftanbieter zu erwehren, und schließlich am bücherstand hängen zu bleiben, um dort interessiert in den neuerscheinungen zu blättern. aber so schlecht ist es nun auch nicht – die seminare wohfeil und sortiert, und jedes jahr bringt viel schwung für die eigene arbeit.

am abend bleibt der gang zum griechen italiener chinesen, wahlweise für eine butterbemme und dem minifernseher auf dem hotelzimmer – also denn. morgen gehts los. ich bin mal gespannt.

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