Spahn bewegt sich in einem Paralleluniversum


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„Kinder- und Jugendärzte kritisieren Spahn-Pläne

BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach: „Spahn-Vorschlag ist unausgegoren, schadet unseren Patienten und wird Ärztemangel verschärfen!“

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte lehnt den Vorschlag von Gesundheitsminister Jens Spahn ab, Kinder- und Jugenärzte zu längeren offenen Praxisöffnungszeiten zu verpflichten.

BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach: „Die Idee, Kinder- und Jugendärzten verpflichtende offene Sprechstunden vorzuschreiben, zeugt von kaum noch zu überbietender Ahnungslosigkeit. Wir Kinder- und Jugendärzte arbeiten heute schon an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit. Dank des Babybooms in Deutschland versorgen wir Hunderttausend Kinder mehr als noch vor acht Jahren und viel mehr als die veraltete Bedarfsplanung berechnet hat. Und wir versorgen sie gut!!! Eltern mit akut kranken Kindern bekommen in den allermeisten Fällen einen Termin am selben Tag, wenn sie vorher anrufen und kurz ihren Vorstellungsgrund beschreiben. Der Anruf erlaubt es uns, die Patienten so einzubestellen, dass lange Wartezeiten vermieden werden, dass Kinder mit ansteckenden Krankheiten gleich in einen Raum geleitet werden, wo sie andere Kinder nicht anstecken. Die Spahn-Idee bedeutet Chaos pur: Eltern kommen in die Praxen und müssen lange warten, der Kinder- und Jugendarzt oder die -ärztin steht einem Kind gegenüber, von dem er oder sie nicht weiß, warum es in die Praxis gekommen ist, ob es andere Kinder ansteckt etc.
Wir haben Schwierigkeiten, junge Mediziner für die Niederlassung zu gewinnen. Die Spahn-Idee wird auch noch die letzten Ärzte davon abhalten, eine Praxis zu übernehmen. Wir haben Minister Spahn mehrmals Gespräche angeboten, um ihm die Situation in den Kinder- und Jugendarztpraxen zu erklären. Der Minister hat uns bis heute nicht angehört, wir haben ein Papier zur Bedarfsplanung entwickelt, aus dem Ministerium hat niemand darauf reagiert. Wir sind entsetzt, dass wir einen Bundesgesundheitsminister haben, der mit derart unausgegorenen Ideen an die Öffentlichkeit geht. Wir kündigen hiermit Widerstand gegen die Spahn-Pläne an.“
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Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

Noch ein paar erweiternde Fakten aus meiner Praxis (es wird vielen Kollegen so gehen):

– Letzte Woche ca. vierzig echte Sprechstunden-Stunden, das ist der Sommer. Im Winter klettern wir gerne auf 60-70 Wochenstunden hoch. Ausgenommen davon sind Arbeitszeiten für administrative Arbeiten, please add 1-2 Stunden am Abend. (Achja, und Notdienst am Wochenende gibts auch ab und zu)
– Wir haben eine große „Versorgerpraxis“ mit ungefähr 150% über dem Fallgruppendurchschnitt, d.h. ein Kinderarzt versorgt ca. 1000 Patienten pro Quartal, wir liegen ca. bei 1400-1500 Patienten pro Zulassung.
– Eltern, die bei uns anrufen, erhalten bei einer Akuterkrankung in jedem Fall am gleichen Tag einen Termin. Die fMFA sind geschult und entscheiden, ob evtl. ein Termin in einem oder zwei Tagen ebenfalls ausreicht.
– Wartezeiten bei uns für Vorsorgetermine: ca. 2 Monate, für Impfungen ein Monat. Oft impfen wir aber auch spontan, wenn eine aktuelle Impfung ansteht.

– Eine offene Sprechstunde würde das System konterkarieren:
a) De facto gibt es in Hausarztpraxen bereits offene Sprechstunden: Es kommen bereits jetzt 4-5 Patienten ohne Termin, diese würden sich auch nicht an eine „geplante“ offene Sprechstunde halten.
b) Eine offene Sprechstunde füllt sich schnell, wir sehen das im Notdienst – niemand kann die anlaufenden Patienten just in time abarbeiten, bedeutet, dass Patienten, die dann zur Bestellsprechstunde eintreffen, Wartezeiten haben.
c) Offene Sprechstunde bedeutet automatisch Wartezeit für die Kinder, das macht mit kranken Kindern keinen Spass. In unserer Bestellsprechstunde haben wir Wartezeiten in der Praxis von maximal 20 Minuten.
d) Offene Sprechstunde bedeutet Risiko für Infektionen. Eine gute fMFA kann bereits am Telefon die ansteckenden von den gesunden Kindern trennen und diese entsprechend einplanen.

Außerdem
– Ein Geldanreiz für eine offene Sprechstunde wird keinen Arzt locken. Warum auch? Wir können nur einen Porsche fahren (Wo läge der Anreiz? Statt 35 Euro Flatratemedizin pro Patient und Quartal dann 36,49 Euro?)
– Es gibt doch gar keine Nachwuchsärzte, die ein Mehr an ambulanten Sprechstunden abdecken könnten. Politische Verordnungen wie oben schrecken junge Ärzte noch mehr ab, hausärztlich tätig zu werden.
– Unser Gesundheitssystem ist ein „Mitnahme“-System: Viele Patienten verstopfen die haus- und fachärztlichen Termine mit unnötigen Vorstellungen oder Zweit- oder Drittvorstellungen.
– Es fehlt an medizinischer Bildung: Vielleicht setzt sich Herr Spahn mal mit Frau Kollegin von der Bildung zusammen und plant eine Task Force, wie man bereits Kindern und Jugendlichen in der Schule medizinisches Grundwissen und Fakten- statt Meinungscheck vermittelt.
– Medizinische Beratung (!) darf niederschwelliger werden: Warum nicht wieder Kindergarten- oder Schulkrankenschwestern einstellen, die Schulungen, aber auch kleine medizinische Versorgungen durchführen können?

Wir freuen uns bereits auf die offene Sprechstunde im Gesundheitsministerium – ab sofort von 9 bis 10 Uhr, tagtäglich, mit Pflichtanwesenheit des Herrn Minister.

(c) Bild bei Olaf Kosinsky (kosinsky.eu) Licence: CC BY-SA 3.0
via Wikimedia Commons

 

Addendum:

Herr Spahn hat auf einen Tweet von mir geantwortet… und zeigt, dass er weiter der Illusion verhaftet ist, Ärzte brauchen nur Geldanreize, dann machen sie alles mit. Nene, Herr Minister, mit uns nicht:

 

Antibiotikagabe mit Sachverstand und McIsaac

Mutter: „Die Kleine hat so Halsweh.“Tongue!
Ich: „Fieber auch?“
Mutter: „Nein, sonst gehts ihr gut. Die springt auch rum.“
Ich: „Ich sehe einen roten Rachen. Und Husten hat sie auch.“
Mutter: „Ja, so war das bei meinem Mann und mir auch.“
Ich: „Ok, sie hat auch keine Lymphknotenvergrößerung.“
Mutter: „Das hat sie bestimmt von uns.“
Ich: „Ja, solche Viren gehen schnell rum in der Familie.“
Mutter: „Mein Mann und ich bekommen jetzt schon mal ein Antibiotikum. Supermycin.“

Keine seltene Konversation in der Praxis.
Unser aller Gesundheitsminister möchte die Antibiotika-Gaben in Deutschland einschränken, und macht sich so seine Gedanken. Die G7-Präsidentschaft der Bundesrepublik soll dabei für ein internationales Strategieprogramm genutzt werden. Dabei steht die Hygiene in den Kliniken und die Verordnung von Antibiotika durch Ärzte im Vordergrund. Dass er sich dabei ausgerechnet die Kinder- und Jugendärzte rauspickt, lässt verwundern. So haben Studien und Umfragen immer wieder ergeben, dass die Verschreibung in den Fachgruppen höchst unterschiedlich ausfällt, die Kinderärzte kommen dabei aber stets vernünftig und leitlinienbezogen weg.

Im obigen Fall bedeutet das:
– Bei fehlendem Fieber
– Begleitendem Husten oder Schnupfen
– Wenig oder keinen tastbaren Halslymphknoten und
– Nur rotem Rachen ohne Beläge
kann der behandelnde Arzt von einer viralen Erkrankung ausgehen (McIsaac-Kriterien oder Centor-Score – diese gilt auch für Allgemeinärzte und Erwachsene) – eine weitere Diagnostik wie Blutabnahmen oder Abstriche sind nicht notwendig, und schon gar keine „Schon-mal“- oder „zur Sicherheit“-Antibiotika-Gabe.

Ach ja – sollte man sich dann doch zu einer Antibiotika-Gabe hinreißen lassen, da man eine bakterielle Infektion vermutet, ist das Mittel der ersten Wahl immer noch ein einfaches Penicillin (ja, und Allergien dagegen sind seltener als man denkt), denn in den allermeisten Fällen sind die so genannten betahämolysierenden Streptokokken (GAS) die Ursache der bakteriellen Angina. Da wirkt das Penicillin stets gut, Mittel aus anderen Antibiotikagruppen („Breitband“) sind Ausnahmen vorbehalten, der zu hohe Einsatz dieser Reservemedikamente erschaffen Resistenzen. Trotzdem werden diese häufig verordnet „falls es doch was anderes ist“, oder „damit es nicht schlimmer wird“. Diese Strategie gilt leider oftmals für junge Kollegen in den Nachtambulanzen – trotz positiven Streptokokkenabstrichs und eindeutiger Diagnostik wird zum Cephalosporin der zweiten oder dritten Generation gegriffen – obwohl das Penicillin den Job genauso getan hätte.

(c) Bild bei Flickr/Evan Long

auf rösli folgt bahres

also bekommen wir nun wieder einen neuen gesundheitsminister. nachdem frau schmidt lange jahre werkeln durfte, schließlich durch herrn rösler ersetzt wurde, den parteiintern höhere ämter zugetraut wurden, kommt nun herr bahr. rösler war kollege, wow, auch wenn „nur“ in uniform unterwegs. wenigstens hat er sich einst – wie uns das freute – sehr positiv zu kinderärzten geäußert.

der neue – herr bahr – gilt in ärztekreisen als „freund“. hat sich stets heroisch gegen die entscheidungen der vorvorgängerin schmidt gestellt und zeigt in diskussion immer viel sachverstand. rein persönlich denke ich, dass ein arzt in diesem job fehl am platze ist – zu sehr eingenommen durch die ärztelobby, sorry. daniel bahr ist ökonom und schon lange mit der medizinökonomie beschäftigt. sein steckenpferd. zunächst gesundheitspolitischer sprecher der fdp-fraktion, am ende in zweiter reihe hinter rösler als staatssekretär im ministerium tätig. war schon immer heiß gehandelt als minister. auch schon vor rösler.

der job selbst ist scheißelecht – immer zwischen allen stühlen und immer auf kompromiße aus. recht machen kann man es keinem so richtig. aber gerade, weil der job als gesundheitsminister so schwierig ist, kann er – wenn man nicht scheitert – ein sprungbrett sein – siehe rösler, siehe geißler, seehofer, süssmuth. frau schmidt, so unangenehm für alle sie war, hat sich verbissen und zerrissen in dem amt – und trotzdem lange durchgehalten.

ohje. der bahr ist 76 geboren. mann, werde ich alt.

danke herr rösler

„meine kinder sind jetzt zwei – und ich würde gar nicht im traum drauf kommen, mit ihnen zum hausarzt zu gehen“ sagte unser gegenwärtiger gesundheitsminister, und wir kinder- und jugendärzte frohlocken. anlass war zwar der besuch des ministers in einer kinderarztpraxis – was soll man da auch anderes sagen -, aber er sagte dies auch in blick auf die hausarztverträge in den südlichen bundesländern, durch die viele kinder bei hausärzten eingeschrieben wurde, ohne dass diese entsprechendes equipment für die versorgung der kleinen patienten bieten müssen – geschweige denn eine entsprechende fachärztliche qualifikation.
röslers bemerkung zog sofort einen rüffel des hausärzteverbandes nach sich. logisch. aber gesagt ist gesagt. ätsch.