So ein Schrott

Liebe Leser des Blogs, vermutlich sind nicht alle Bloginteressierte in gleicher Weise über Twitter verknüpft, daher möchte ich diesen Tweet hier teilen und zur Diskussion stellen.

Schließlich ist das ein Beispiel dafür, wie manche Eltern mit ihren Kindern umgehen, beileibe nicht alle, das ist klar. Ich habe ausnahmsweise nichts verfremdet, verstellt, erfunden – das hat genau so stattgefunden.

Was ist nur mit manchen Eltern los? Wir sehen Eltern, die sich sehr um die Entwicklung ihrer Kinder sorgen, die sie mitunter auch trimmen, damit die Vorsorgeuntersuchungen gut gelingen, da wird trainiert und geübt („das haben wir zuhause extra immer wieder gemacht“), als ob es etwas zu gewinnen gebe. Die Eltern stehen unter Druck, den sie sich selbst machen, den der Kindergarten macht, den die Umgebung (incl. Oma und Opa oder die freundliche Nachbarin) macht, oder der aus tradierten Meinungen entsteht (ein Kind müsse mit einem Jahr laufen oder mit fünf Jahren seinen Namen schreiben).

Wir sehen Eltern, denen die Entwicklung ihres Kindes völlig egal ist. An ihnen perlt jeder Hinweis der Erzieherinnen oder des Kinderarztes ab, sie sind auch nicht empfänglich für Tipps zur Förderung oder Forderung des Nachwuchses. Das ist alles legitim, bis die Schulhürde ansteht und dann die Kinder eben nicht das erfüllen, was die Einschulungsuntersuchung von ihnen verlangt. Dann ist der Ruf nach (medizinischer) Therapie laut.

Und: Es gibt zum Glück das Gros der Eltern, die alles ganz vernünftig angehen, informiert sind, was Kinder dann und wann können und lassen müssen, wie sie sie instinktiv richtig fördern, und wem sie vertrauen in der Expertise über ihr Kind. Die Vertrauen haben, dass sich Kinder individuell auf ihrem eigenen Weg entwickeln. Die vor allem einen ausreichenden Instinkt dafür besitzen, wann etwas nicht so gut läuft. Eltern, die die Stärken ihrer Kinder über ihre Schwächen stellen.

Aber das da oben: Das ist schwarze Erziehung. Das ist böse. Das ist respektlos und unmotivierend. Mit solchen Äußerungen schaffen Eltern nur Frust und Traurigkeit.

Niemand wird als Eltern geboren, niemand kann erwarten, dass sich Eltern pädagogisch immer einwandfrei verhalten und alle Eltern machen irgendwann auch diese oder jene Fehler in der Erziehung. Aber negativ wertende Aussagen über eine Leistung eines Kindes in Worten, die die Grenzen der Beleidigung erreichen überschreiten, sagen vor allem etwas über die Grundeinstellung im Umgang mit dem Kind aus. Dass solche Worte sogar im Beisein eines Arztes gesprochen werden, lassen für Situationen, in denen Eltern und Kind alleine sind, nichts Gutes ahnen.

Bei Twitter wurde ich gefragt, wie ich in einer solchen Situationen interveniere. Das ist nicht immer einfach. Offene Kritik an die Eltern stellt diese schnell bloß, der Reflex ist Rückzug, ein „Jaja“, ein „das macht dem nichts aus“ oder gar „das geht Sie gar nichts an“.

Am besten funktioniert, selbst Vorbild zu sein, ein Role Model. Also lasse ich den Jungen noch etwas malen, lobe ihn jetzt über den Klee, stelle die guten Aspekte des Bildes heraus oder frage gezielt die Eltern, in was ihr Kind denn wirklich gut ist. Das schärft den Blick auf die Stärken. Väter erzählen dann immer, wie toll schon Fussball gespielt wird, und Mütter, wie schön die Sprache sei. Oder das Fahrradfahren oder das An- und Ausziehen, oder der Umgang mit anderen Kindern oder die Selbständigkeit oder das Puzzlen und Legobauen. Wir sprechen nur noch über die „guten“ Dinge. Nur das kann zum Ziel führen.

Mein Vorteil als Hausarzt ist, dass ich die Kinder und ihre Eltern oft sehe und die Interaktion bei Vorsorgeuntersuchungen beobachten kann. Gibt es keine Dynamik zum „Positiven“, nehme ich Eltern beiseite und konfrontiere sie tatsächlich mit ihren Negativäußerungen, halte ihnen den Spiegel vor. Manchmal ist dann Einsicht da, oft leider nicht, da Eltern in der Regel gefangen sind in der eigenen Sozialisierungs- und Erziehungsspirale.

Die Zähne und die Küsschen

Jumping in Puddles

Sie haben ihren drei Mädchen und zwei Jungs lustige Namen gegeben, jede/r drei davon. Immer beim Aufruf der Karteikarte frage ich mich, ob sie das gemacht haben, damit sich die Kids später einen der drei als Lieblingsnamen aussuchen können. Es gibt viel Ypsilons in den Namen, viele anglophile Anleihen und ein oder zwei französische (für die Mädchen).

An den Zähnen kannst Du einiges erkennen. Nur die Mädchen, ganz Klischee, haben noch keine überkronten Milchzähne. Der älteste Sohn hatte bereits zwei Zahn-OPs hinter sich, jetzt in der Grundschulzeit wurden diese in die Ferien verlegt, damit er nicht soviel vom Unterricht verpasst. Da fehlt er nämlich oft genug, weil er die ganzen banalen Infekte mitfährt, die ihm die jüngeren Geschwister aus dem Kindergarten anschleppen. Auf wundersame Weise war er in seiner Kleinkindzeit kaum krank, jedenfalls habe ich ihn da kaum gesehen, vielleicht war die Familie aber vorher bei einem anderen Kollegen.

Das erste Mal sah ich sie vor vier Jahren. Da gab es nur vier von ihnen, Nummer fünf ist erst vor zwei Jahren zur Welt gekommen. Die vier saßen wie die Hühner auf der Stange auf der Untersuchungsliege, null Angst vor dem Doktor, sehr lieb und freundlich alle vier machten sie einer nach dem anderen den Schnabel auf, um den Rachen zu inspizieren (diese Zähne!) und ließen sich brav abhören. Immer hatten sie alle das Gleiche, mal fing der Kleinste an, mal ein mittlerer, selten eben der Große. Und Mutter saß stets daneben, genauso verrotzt.

Mama ist immer krank und ist gar nicht übergewichtig, wie es das Klischee verlangt. Blaß ist sie, dunkle Augenringe, sehr dünn. Der bescheidene pädiatrische Blick sieht eine erwachsene Anorektikerin vor sich, aber immerhin fünf Kinder bekommen. Die Pfunde trägt der Vater in der Familie, sicher drei Zentner, verteilt auf knappe zwei Meter. Er erzählt stets von sich, wie krank er sei, was er alles arbeiten müsse, dass er demnächst viel Geld erben werde. Dann wird alles anders.

Der Kontakt mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst begann nach der Geburt des letzten Kindes, die amtliche Mitarbeiterin meldete sich über e-mail, eine Schweigepflichtsentbindung sandte sie gleich mit. Die jüngeren seien seltener in den Kindergarten gekommen, der älteste habe so einige Fehltage in der Schule. Zuhause sehe es aus wie „d´Sau“, sagt die amtliche Mitarbeiterin, und Nachbarn sei der Krach aufgefallen im Haus. Kinderkrach. Nein, die Eltern habe man nicht gehört. Vielleicht noch den Hund, aber was kann man da schon machen? Hunde bellen nun einmal.

Die Anfragen sind immer die gleichen: Kommen die Eltern mit den Kindern regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen? Sind alle Impfungen erfolgt? Ob ich Vernachlässigungsspuren sehen würde? Oder gar Misshandlungszeichen? Seien die Kinder schlecht genährt? Wie sind die Zähne?

Ich denke an meine Impfgegnereltern, die eigentlich gar nicht mehr in meine Praxis kommen, deren Kinder aber weiter nicht geimpft sind. Ich denke an meine schlechtdeutschsprachigen Miteltern, die nicht verstehen, dass eine Vorsorgeuntersuchung nur in bestimmten Zeiten stattfinden darf und danach eben nicht mehr. Die Zähne mancher Kinder sind kaputt, weil Süßgetränke und Flasche und Schnuller, und Zähneputzen ist so nervenaufreibend, weil „er mag das nicht“. Und ich denke, dass ich weiß, dass das Zusammenkommen vieler Indizien und Aufpoppen einzelner hellhörig werden lässt.

Bei dieser Familie? Ja: Die Zähne. Und die Vorsorgen werden gerne mal „vergessen“. Und bei No. 2 fehlen noch alle Impfungen jenseits des ersten Geburtstags, dafür sind No. 4 und 5 wieder komplett durchgeimpft. Außerdem kommen sie, wenn die Kinder krank sind, auch wenn ich dann mehr über Beruf und Krankheiten des Vaters („ich habe da diese Beule am Ellenbogen, könnten Sie mal kurz?“ – „Äh, nein.“) erfahre als über die Schulperformance des Ältesten. Die amtliche Mitarbeiterin möchte, dass der Große jetzt jedesmal vorgestellt wird, wenn er wegen Krankheit nicht in die Schule kann, „um das im Blick zu behalten“. Ich denke mir, damit werde ich als Arzt zum Amt und der Große nicht schneller gesund. Und Verantwortung zeigen die Eltern auch so genug.

Die fünf lachen jedes Mal, wenn sie bei mir sitzen, wie die Hühner auf der Stange. Auch wenn das Lachen zahnlückig ist. Die Großen helfen den Kleinen beim Anziehen. Jedes Mal. Und jedes Mal gibt es am Ende ein Küsschen von der Mama oder ein liebes Wort vom Papa. Wie toll sie bei mir mitgemacht haben und wie lieb sie waren. Für jeden der fünf.

 

(c) Bild bei flickr/Jimee, Jackie, Tom & Asha: Jumping in Puddles (CC Lizenz BY-SA 2.0)

Durchblick

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Ich: „Und seit wann hast Du die Kopfschmerzen?“
Erik-James: „Jetzt am Wochenende und am Ende der Schule.“
Ich (nach zahlreichen neurologischen Anamnesefragen und entsprechender Untersuchung): „Dann solltest Du mal zum Augenarzt gehen, vielleicht brauchst Du eine Brille.“
Vater: „Oh, eine Brille hat er.“
Ich: „Achso?“
Vater: „Ja, schon seit einem halben Jahr.“
Ich: „Aber Du hast sie jetzt nicht dabei.“
Erik-James: „Soll ich nur in der Schule tragen oder bei den Hausaufgaben.“
Ich: „Warst Du denn heute in der Schule?“
Erik-James: „Ja.“
Ich: „Und jetzt hast Du wieder Kopfweh?“
Erik-James: „Ja, seit der sechsten Stunde.“
Ich: „Brille nicht getragen?“
Erik-James: „Nee.“
Ich: „Ok. Letzte Frage. Ich glaube, ich kenne schon die Antwort.“
Vater: „Ja?“
Erik-James: „Ja?“
Ich: „Warum hast Du denn Deine Brille vor einem halben Jahr bekommen?“
Erik-James: „Ich hatte immer so Kopfweh…“

(c) Bild bei Pixabay/RondellMelling (Creative Commons)

Tolle Spritze

thumbs up

Mutter, Kinderdok, Bobele (knapp sechs Jahre alt) – Letzterer strahlt mich an, als er durch die Türe kommt.

Bobele: „Oh, das ist aber alles schön bunt hier.“
Ich: „Äh … ja, danke!“
Mutter: „Ja, er ist grad auf dem Loben-Trip. Alles ist toll und schön.“
Bobele: „Wow, das ist aber eine tolle Liege.“
Mutter: „Sehen sie?“
Ich: „Spitze. Mensch, Bobele, du bist aber nett zu den Leuten.“
Bobele grinst sich eins.
Ich: „Ok. Trotzdem gibts heute eine Impfung. Weißt du ja.“
Bobele: „Klar. Kein Problem.“
Ich: „Ok, also, Achtung. Eins – zwei – drei. … fertig.“
Bobele verklemmt sich eine Träne: „Aua. Das hat aber jetzt … “
Kurzes Schlucken.
Bobele: „Das hat gar nicht weh getan.“
Ich: „Siehste. Du warst richtig tapfer.“
Bobele: „Mmh. Ja. Das war eine gaaanz tolle Spritze.“

Schon recht, Bobele, jedes Loben darf mal ein Ende haben.

(c) Bild bei Flickr/Anthony Kelly (CC Lizenz)

Spielen um halb zwei

Final night

Mutter: „Herr Dokter, ich habe ein Problem mit meinem Sohn, der hat eine Schlafstörung.“
Der junge Mann ist dreieinhalb Jahre alt.
Mutter: „Wissen Sie, der geht nach dem Fernsehen um 21 Uhr ins Bett. Da trinkt er noch seine Flasche, dann steht er um elfe wieder auf und kommt zu mir rüber und weckt mich, dass er jetzt spielen will.“
Ich: „Und dann?“
Mutter: „Dann will er puzzeln, oder er macht den Fernseher an oder die Rolladen hoch. Ich weiß gar nicht, was ich machen soll.“
Ich: „Was machen Sie denn, damit er das lässt?“
Mutter: „Ich spiele dann kurz mit ihm, er will das ja so. Aber Fernsehen oder Rolladen, da schimpf ich dann schon. Letztens lag ich im Bett und da hat er an meinen Augenwimpern gezupft, dann hat er gesagt, Mama, Du hast die Augen auf, los, spiel mit mir. So was…“
Ich: „Was kann ich da tun?“
Mutter: „Der hat doch was. Solche Schlafstörungen sind doch nicht normal.“
Ich: „Ich bin ja kein Pädagoge, sondern auch nur Vater, aber ist das vielleicht eine Frage der Erziehung?“
Mutter: „Meinen Sie? Achso…“

(c) Bild bei Flickr/Matt (CC Lizenz)

Paul möchte ins Spielzimmer

Paul ist ganz irritiert.

Eigentlich dachte er, dass er mit Mama nur auf den Spielplatz geht oder in den Laden mit den vielen bunten Sachen im Regal und den Leckerlis am Ausgang. Da darf er immer in dem Auto sitzen, mit Lenkrad!, und Mama fährt ihn durch die hohen Gänge, in denen es mal kalt ist und mal warm, mal richtig gut und mal doof. Lustig, wenn die anderen Leute beseite springen, wenn er kräht.

Da fahren sie immer hin, wenn sie fahren, wenn Mama ihn auf dem Rücksitz festmacht in dem engen Sitz, bei dem man nur den Vordersitz sieht und schräg das Ohr von Mama. Sonst nichts. Vor dem Fenster hängt Winnie Puh, dabei schaut Paul viel lieber nach den anderen Autos.

Sie sind nicht zum Spielplatz gefahren, und auch nicht in den Laden, und auch nicht zur Oma Gerda mit den Katzen, sondern halten vor dem Haus mit den bunten Klappfenster und den Kinderwagen vor der Tür. Das ist auch nicht der Kindergarten, wo seine grosse Schwester hingeht. Das ist was anderes.

Mama hat was von Ausziehen und Messen gesagt, von Unter und Suchen und Spielen und anderen Sachen, die er nicht verstanden hat. An der grossen Theke sitzen zwei Frauen, die mit Mama reden, Mama holt ihre Tasche mit dem Geld raus und gibt der einen Frau ein Plastik und dann sollen sie gleich. Dabei sieht Paul in dem Zimmer direkt neben der grossen Theke ganz viel Spielzeug auf dem Boden liegen, Bücher und zwei andere Kinder, die da spielen. Da darf er nicht rein. Er soll „gleich mitkommen“.

Paul zieht Mama zu dem Zimmer mit dem Spielzeug. Da möchte er gerne rein. Mama sagt ihm, es sei keine Zeit und alles sei nicht so schlimm und er könne gleich noch spielen. Stattdessen zieht sie ihn in einen anderen Raum, der ist langweilig, und fängt an, sein Bob-Baumeister-T-Shirt auszuziehen. Dabei ist es gar nicht warm hier. Und ins Bett geht er hier auch noch nicht. Die Schuhe und die Hose auch. Die Frau von der Anmeldung kommt wieder herein und sagt, er soll sich auf das schwarze Ding an der Wand stellen. Das mag Paul nicht. Es wackelt bestimmt. Und dahinter steht noch etwas großes Langes, das will die Frau ihm auf den Kopf schieben. Nein. Das muss nicht sein. Außerdem macht das die Frau. Dabei soll das Mama machen. Sagt er auch.

Sie hören ihn nicht. Die Frau stellt ihn auf das Ding. Es wackelt. Hat er gewusst. Das Gefühl im Bauch wird grummelig, er merkt, wie er weinen muss, weil er das nicht will und weil Mama ihm dann bestimmt hilft. Die kommt auch, nimmt ihn auf den Arm, spricht irgendwas mit ihm, was er gar nicht wirklich hört. Dann stellt sie ihn wieder auf das Ding. Das wackelt. Paul ist jetzt sauer und schreit laut, weil, dann geht alles meist besser. Mama nimmt ihn wieder auf den Arm, also besser. Er schluchzt und wird leiser. Dann stellt ihn die Mama wieder auf das Ding. Kann er nicht bei ihr auf dem Arm bleiben? Dann wackelt es eben bei Mama und nicht bei ihm.

Später sind sie alleine im Zimmer und Mama spielt Puzzle und Steckspiele und zeigt ihm ein Buch. Dass er gerne wieder angezogen werden will, hat sie nicht interessiert. Paul ist irritiert. Und warum müssen sie jetzt hier rumsitzen und Puzzle spielen? Die gab es auch vorne in dem anderen Zimmer.

Ein Mann kommt durch die Tür. Wer ist das jetzt? Paul versteckt sich hinter Mamas Bein. Der Mann spricht mit seiner Mutter, Mama sagt, Paul soll „dem Mann“ Hallo sagen. Der spricht auch mit Paul, sagt Hallo und winkt ihm zu, die Hand, die er ausstreckt, will Paul nicht haben. Paul schaut lieber woanders hin. Vielleicht geht Mann ja wieder. Verkaufen tut der jedenfalls nichts.

Der Mann bleibt. Er spricht weiter mit Mama, schaut in das Gelbe Buch, das sie mitgebracht haben, fragt Mama viel, und Paul spielt in der Zeit mit den Puzzles. Hat er zwar schon zweimal fertig gemacht, aber dann eben nochmal. Der Mann steht auf. Mama nimmt Paul und setzt ihn auf die Liege am Fenster. Das Puzzle hält er gut fest. Vielleicht kann er dann weitermachen. Der Mann (wer ist das??) holt einen gelben Schlauch mit einem Plastikding aus der Schublade und drückt ihn auf Pauls Brust. Das kitzelt. Ach nein, der Mann kitzelt ihn dabei am Bauch. Das ist nett. Mama sagt, das sei ok so, er brauche keine Angst zu haben. Vielleicht doch, oder warum sagt sie das sonst? Paul hat keine Angst. Er möchte nur in das Zimmer mit dem Spielzeug.

Am Ende zieht Mama ihn wieder an. Paul musste Bilder erkennen und was sagen. Paul war sehr leise, so dass der Mann auch geflüstert hat. Da hat Paul ihn gar nicht mehr verstanden und hat die Wörter lauter gesprochen. Da hat der Mann gelacht. Fussball haben sie auch gespielt. Und die Puzzle musste Paul – nochmal! – zeigen. Hat der Mann das nicht gleich gesehen? Doof.

Sie sagen alle Tschüss zueinander, jetzt möchte Paul gerne noch zeigen, dass er auf einem Bein stehen kann, vorhin wollte er nicht. Jetzt schon. Aber der Mann hat ihm schon zum Abschied gewunken. Ach, vorher gab´s noch einen Luftballon. Paul mag den Geschmack nicht. Gummi. Mama und er gehen an der Anmeldung vorbei, er schaut nochmal in das Spielzimmer rein. Die anderen Kinder sind schon weg. Da wäre jetzt ganz viel Platz. Aber Mama sagt, sie haben keine Zeit. „Vielleicht beim nächsten Mal,“ sagt Mama. Das sagt sie immer.

Gemein

Ich hacke das hier kurz ins iPhone, weil mein PC… und das iPad… und, ach, egal. Das soll auch nur ein kurzes Statement sein, weil –

Ich: „Hui, Ihre Tochter hat aber ganz schön heftig ängstlich auf das Impfen reagiert, dabei ist sie doch schon acht. Da sollte sie das doch kennen, oder?“
Mutter: „Ja, nicht wahr? Und dabei habe ich ihr nicht mal was davor gesagt, dass sie eine Spritze kriegt.“

Merkste was?

Hot topic! Neulich in der Notfallambulanz

Sonne

 

Ganz blass und kaltschweissig sitzt Ayaz auf der Untersuchungsliege im Notfallzimmer. Gerade ist es etwas ruhiger, die obligatorischen fünf Zecken habe ich schon entfernt, ein paar Kinder mussten angesehen werden, weil der Kinderarzt nicht mehr zuhause war (und der – natürlich – keine Vertretung habe) und auch die üblichen „Bauchweh seit zwei Wochen“ habe ich heute bereits gesehen.

Ayaz geht es wirklich nicht gut. Seine Mutter sitzt neben ihm und drückt ihm ein nasses Geschirrhandtuch auf die Stirn. Sie ist viel kleiner als er, der Pubertätswachstumsschub hat ihn schon in die Höhe gezogen. Eigentlich ist er Fussballer, Handballer, Basketballer, man sieht es ihm an, heute abend ist er nur ein armer Kerl mit Sonnenstich.

Ich: „Wie lange warst Du denn im Schwimmbad?“
Ayaz: „So vier oder fünf Stunden?“
Ich: „Aber nicht die ganze Zeit im Wasser, oder?“
Ayaz: „Nee, wir haben auch Pizza gegessen dazwischen. Gekickt. Tischtennis. Sowas.“
Ich: „Und nun?“
Ayaz: „Mir war schlecht. Ich bin nachhause. Hab dann gekotzt. Zweimal.“
Ayaz´ „Anne“: „War ganz übel, ganz blass. Viel Spucken.“ Sie schiebt ihm das Handtuch in den Nacken. Er schiebt sie weg.
Ich: „Genug getrunken hast Du schon?“
Ayaz: „Safe. Ja, klar.“
Ich: „Mütze? Irgendwas auf dem Kopf?“
Ayaz schnalzt. Zu uncool.
Ich: „Du musst Dich immer wieder abkühlen, weißt Du, oder? Schatten gehen. Viel trinken.“
Ayaz: „Weiß ich. Meine Posse wars.“
Ich: „Wie jetzt, wieso?“
Ayaz: „Ahja, Alda, die Honks haben mich krass da liegen gelassen. In der knallen Sonne. Kacke, Alda. Bin eingeschlafen. Voll jenseits.“
Er schüttelt den Kopf über soviel Vertrauensverlust.
Ich: „Na dann, ein oder zwei Tage Pause vom Schwimmbad. Bleibst ein bissel drin. Schön abkühlen, ausreichend trinken, lieber was Warmes…“
Ayaz: „Kein Freibad?“
Ich: „Ja.“ Ich nicke bestätigend.
Ayaz: „Alda…!“
Jetzt schüttelt er den Kopf über soviel Kontaktsperre, soviel fehlende Integration in seine Posse für zwei Tage.
Ich: „Am besten auch kein Handy. Kein Whatsapp. Den Kopf schonen.“
Ayaz: „ALDA…!“

Seine Anne nimmt ihn in den Arm und tupft ihm nochmal mit dem Geschirrhandtuch über die Stirn. Sie nickt wissend.

(c) Foto bei Flickr/Afra Shmidt (Unter CC-Lizenz CC-BY ND 2.0)

Ich erzähle Euch mal von Bellchen

Impfwoche

Bellchen haben die Eltern sie immer genannt, das weiß ich noch. Obwohl sie Sibylle hieß, aber das war wohl eine Abwandlung des Namens. Sie kamen jeden Tag, klar. Der Vater war LKW-Fahrer, tageweise konnte er in den beinahe fünf Wochen nicht kommen, die Bellchen auf unserer Station lag. Dafür saß die Mutter oft schon morgens an ihrem Bett, wenn ich nach dem Nachtdienst nochmal über die Station ging, um in jeden Inkubator und jedes Kleinkindbett zu schauen.

Bellchen lag weiter hinten, mit einem anderen Kind in einem Zimmer, nicht vorne in dem großen Intensivzimmer, das war schließlich den Frühgeborenen vorbehalten. Das Problem hatte sie nicht. Bellchen war ganz normal zur Welt gekommen, just in time, bereits ein paar Wochen zuhause gewesen.

Im zweiten Lebensmonat begann es. Zuerst wollte sie nicht mehr die Flasche trinken, war unruhig, dann wieder müde, Alle dachten zunächst, sie habe sich erkältet mitten im Januar. Aber dann kamen die Atemaussetzer. Die Kleine lag im Bett, rotzte, weinte, versuchte zu husten und konnte es nicht. Das Gesicht sei dann ganz rot gewesen, sagten die Eltern, der Mund offen, sie habe erschreckt geschaut, verängstigt, der Speichel lief ihr aus dem Mund, und wenn sie dann doch husten konnte, war es beinahe eine Erleichterung, sagten die Eltern. Vorausgegangen war ein Besuch bei den glücklichen Großeltern, das erste Enkelkind mal anschauen. Leider hatte die Oma zu dem Zeitpunkt diesen ewig langen Reizhusten. Zuviel Zigarrenrauch vom Opa, dachten sie.

Auf Station war es eine Qual. Wir wechselten zwischen Abwarten, Sedierung und Beatmung. In der ganzen Zeit mussten wir Bellchen drei- oder viermal intubieren mit allen Schwierigkeiten des Entwöhnens. Sauerstoffbedarf war ihr zweiter Vorname. Nach der Hälfte der Zeit dachten wir, jetzt hat sie es überstanden, was folgte, war die längste Beatmungszeit von zehn Tagen. Aber am schlimmsten für die Eltern waren die Zeiten, in denen sie nicht ruhiggestellt war, denn da atmete Bellchen unberechenbar entspannt, dann wieder angestrengt, bis die Atemfrequenz eine lange Pause zeigte und die betreuende Schwester zum Bettchen rannte, um der Kleinen in ihrem stillen Hustenreiz beizustehen. Manchmal alle fünf Minuten.

Bellchen überlebte. Alle waren glücklich, als wir sie schließlich entließen. Als die Eltern ein Jahr später mit ihr zu Besuch kamen – das taten viele Eltern – strahlte sie aus ihren Knopfaugen unter dunkler Lockenpracht. Ihr ganzes erstes Lebensjahr nach Entlassung hatte Bellchen monatlich eine schwere Erkältung mit Bronchitis, am Tag des Besuches war sie gerade genesen. Wir freuten uns alle sehr.

Ich war mal auf einer „Fortbildung“ eines ausgewiesenen Impfgegner-Kinderarzt, der stolz berichtete, wie sein damals zweieinhalbjähriger Sohn bei jedem Hustenanfall tapfer blitzeblau wurde – aber „die Krankheit hat ihn damals weit in seiner Entwicklung vorangebracht“.

Keuchhusten ist keine Fördermaßnahme, Keuchhusten ist ein Scheiß.

Besser Patschhand als Handyklatsch

Next Generation

Das Kind ist krank, ich frage die üblichen Einstiegs-Anamnesefragen, währenddessen klingelt das Handy der Mutter. Die Aufmerksamkeit reißt ab, sie kramt in der Wickeltasche nach dem melodiösen Objekt.

„Alles klar soweit?“, frage ich, nachdem sie mühsam Hinwisch-Herwisch das Gerät zum Stillhalten motiviert hat.
„Jaja“, sagt sie, „alles klar.“ Ohne den Blick vom Display zu nehmen.
Ich seufze und widme mich der anderthalbjährigen Marie-Endivie, die schon irritiert nach ihrer Mutter sehnt. Diese verstaut wenigstens das Handy zurück in der Wickeltasche.
Es pingt.
Ich schaue kurz über meinen nicht vorhandenen Brillenrand. Mutter lächelt und nickt, als wolle sie Geduld zeigen.
Ich untersuche weiter. Marie-Endivie ist tapfer, sie streckt die Patschhand nach der Mama aus, bekommt sogar den Zeigefinger zu greifen. Ich darf weitermachen. Abhören, Bauch, Ohren, Hals.

Der Kontakt zur Patschhand reißt ab.
Die Mutter kramt wieder in der Tasche und wischt. Und wischt. Und wischt.
Ich lege das Stethoskop zur Seite und beuge mich demonstrativ zu Marie-Endivie, so dass wir beide die gleiche Kopfhöhe und Blickrichtung auf die Mama haben. Gemeinsamkeit macht stark.

„Würden Sie das jetzt bitte wegräumen, bis Sie die Praxis verlassen haben?“, sage ich zur Mutter im Namen des Kindes.
Sie wischt noch zwei-, dreimal, dann – wie ertappt, oh Wunder – klickt sie theatralisch auf den On/Off-Knopf und versenkt das Objekt wieder in der Tasche. Sie hebt die Brauen und geht in Angriff über.
„Aber Sie waren doch mit Marie beschäftigt, sie war mit ihnen beschäftigt. Warum darf ich mich dann nicht beschäftigen?“

(c) Foto bei Flickr/Solaika (CC License CC BY-ND 2.0)