So ein Schrott

Liebe Leser des Blogs, vermutlich sind nicht alle Bloginteressierte in gleicher Weise über Twitter verknüpft, daher möchte ich diesen Tweet hier teilen und zur Diskussion stellen.

Schließlich ist das ein Beispiel dafür, wie manche Eltern mit ihren Kindern umgehen, beileibe nicht alle, das ist klar. Ich habe ausnahmsweise nichts verfremdet, verstellt, erfunden – das hat genau so stattgefunden.

Was ist nur mit manchen Eltern los? Wir sehen Eltern, die sich sehr um die Entwicklung ihrer Kinder sorgen, die sie mitunter auch trimmen, damit die Vorsorgeuntersuchungen gut gelingen, da wird trainiert und geübt („das haben wir zuhause extra immer wieder gemacht“), als ob es etwas zu gewinnen gebe. Die Eltern stehen unter Druck, den sie sich selbst machen, den der Kindergarten macht, den die Umgebung (incl. Oma und Opa oder die freundliche Nachbarin) macht, oder der aus tradierten Meinungen entsteht (ein Kind müsse mit einem Jahr laufen oder mit fünf Jahren seinen Namen schreiben).

Wir sehen Eltern, denen die Entwicklung ihres Kindes völlig egal ist. An ihnen perlt jeder Hinweis der Erzieherinnen oder des Kinderarztes ab, sie sind auch nicht empfänglich für Tipps zur Förderung oder Forderung des Nachwuchses. Das ist alles legitim, bis die Schulhürde ansteht und dann die Kinder eben nicht das erfüllen, was die Einschulungsuntersuchung von ihnen verlangt. Dann ist der Ruf nach (medizinischer) Therapie laut.

Und: Es gibt zum Glück das Gros der Eltern, die alles ganz vernünftig angehen, informiert sind, was Kinder dann und wann können und lassen müssen, wie sie sie instinktiv richtig fördern, und wem sie vertrauen in der Expertise über ihr Kind. Die Vertrauen haben, dass sich Kinder individuell auf ihrem eigenen Weg entwickeln. Die vor allem einen ausreichenden Instinkt dafür besitzen, wann etwas nicht so gut läuft. Eltern, die die Stärken ihrer Kinder über ihre Schwächen stellen.

Aber das da oben: Das ist schwarze Erziehung. Das ist böse. Das ist respektlos und unmotivierend. Mit solchen Äußerungen schaffen Eltern nur Frust und Traurigkeit.

Niemand wird als Eltern geboren, niemand kann erwarten, dass sich Eltern pädagogisch immer einwandfrei verhalten und alle Eltern machen irgendwann auch diese oder jene Fehler in der Erziehung. Aber negativ wertende Aussagen über eine Leistung eines Kindes in Worten, die die Grenzen der Beleidigung erreichen überschreiten, sagen vor allem etwas über die Grundeinstellung im Umgang mit dem Kind aus. Dass solche Worte sogar im Beisein eines Arztes gesprochen werden, lassen für Situationen, in denen Eltern und Kind alleine sind, nichts Gutes ahnen.

Bei Twitter wurde ich gefragt, wie ich in einer solchen Situationen interveniere. Das ist nicht immer einfach. Offene Kritik an die Eltern stellt diese schnell bloß, der Reflex ist Rückzug, ein „Jaja“, ein „das macht dem nichts aus“ oder gar „das geht Sie gar nichts an“.

Am besten funktioniert, selbst Vorbild zu sein, ein Role Model. Also lasse ich den Jungen noch etwas malen, lobe ihn jetzt über den Klee, stelle die guten Aspekte des Bildes heraus oder frage gezielt die Eltern, in was ihr Kind denn wirklich gut ist. Das schärft den Blick auf die Stärken. Väter erzählen dann immer, wie toll schon Fussball gespielt wird, und Mütter, wie schön die Sprache sei. Oder das Fahrradfahren oder das An- und Ausziehen, oder der Umgang mit anderen Kindern oder die Selbständigkeit oder das Puzzlen und Legobauen. Wir sprechen nur noch über die „guten“ Dinge. Nur das kann zum Ziel führen.

Mein Vorteil als Hausarzt ist, dass ich die Kinder und ihre Eltern oft sehe und die Interaktion bei Vorsorgeuntersuchungen beobachten kann. Gibt es keine Dynamik zum „Positiven“, nehme ich Eltern beiseite und konfrontiere sie tatsächlich mit ihren Negativäußerungen, halte ihnen den Spiegel vor. Manchmal ist dann Einsicht da, oft leider nicht, da Eltern in der Regel gefangen sind in der eigenen Sozialisierungs- und Erziehungsspirale.

9 Kommentare zu „So ein Schrott

  1. Leider erlebe ich das in meinem Alltag auch immer wieder.
    Letztes Jahr bei der Einschulung konnte ein Einschulungskind kaum still sitzen, störte wiederholt die Vorträge der Kinder, die die Einschulungsfeier gestalteten und warf einem unschöne Worte an den Kopf, wenn man um Ruhe bat. So ging es um Klassenraum bei der ersten Schulstunde weiter.
    Als dann Beleidigungen folgten gab es für das Kind eine Pause vom Unterricht.
    Die Eltern quittierten dies mit folgendem Kommentar:“ Beweg deinen verfick…..ten Arsch sofort nach Hause!“
    Öffentlich, laut vor allen auf dem Schulhof.
    Das erste Gespräch beim Schulleiter
    folgte. Bis heute folgten viele weitere…..
    Und bis heute ist es schwer mit Kind und Eltern anders als oben beschrieben zu reden!
    Kinderdoc, ich weiß genau, wird es sich anfühlt. So schade! So traurig!

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  2. Ich kenne solche Situationen aus der Kinder- bzw. Jugendperspektive und ich glaube, ich fand vor allem zwei Dinge daran schlimm: nicht zu genügen und öffentlich dafür gescholten zu werden. Daher finde ich die Reaktion, den Jungen zu loben und so auch als Vorbild zu agieren, sehr schön. Ich hoffe, der Junge konnte das für sich so abspeichern und hat um sich herum noch viele andere Menschen, die so reagieren und ihm Mut und Motivation schenken.

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  3. uff, für mich is da auch sehr schnell die Grenze zur Kindeswohlgefährdung erreicht… nicht nur Kinder, die geschlagen werden, leiden! Was das mit der Psyche eines Kindes macht, wenn eh immer alles scheiße ist, will ich lieber nicht genauer wissen… ich hoff (und denk) du gibst da notfalls auch mal dem Jugendamt nen entsprechenden Hinweis- wenn das Kind in der Pubertät den ersten Suizidversuch hinter sich hat, ist es eindeutig zu spät 😉 Klar wird das nicht bei allen so krass ausarten, bei weitem nicht, aber schlechte Schulleistungen „obwohls daheim doch ging“ oder ne Essstörung oder… sind auch nicht ohne.
    Ich hoff du passt auf die Psyche der Kleinen genau so gut auf, wie auf den Körper (bzgl Körper hab ich nämlich keine Bedenken, das hast du schon oft genug toll beschrieben- bzgl Psyche liest man hier aber selten was, was keine Unterstellung sein soll)
    Liebe Grüße!

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  4. Das macht mich so unfassbar traurig. Seit ich Kinder habe und das unendliche Vertrauen und die Liebe zu den eigenen Eltern erlebt habe, mit denen die Kleinen alle in die Welt starten, kann ich es kaum noch ertragen, wenn ich so etwas miterlebe. Und dann fangen sie bereits im Kindergarten an, das weiterzugeben. Wie soll es auch anders sein, sie kriegen es ja nicht anders vorgelebt. Ganz zu schweigen davon, dass sie dann mit ihren eigenen Kindern auch irgendwann so umgehen, denn sie kennen es ja nicht anders.

    Auch als Mitmensch ist es nicht einfach, damit umzugehen. Meistens bringt das aus den im Blogeintrag genannten Gründen nichts, aber manchmal ist es mir einfach zu arg und ich kann es nicht ertragen, dann muss ich einfach etwas sagen. Das ist dann aber wohl eher für mich, ich habe noch nie das Gefühl gehabt, dass es eine Einsicht erzeugt, oder wenigstens das Leid des Kindes mindert.

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  5. Dieses „das kannst du sowieso nicht!“ geht oft damit einher, den Kindern die Dinge aus der Hand zu nehmen und es als Elternteil lieber selbst zu machen. Damit wird dann auch der letzte Rest Eigeninitiative abgewürgt. Ich spreche aus Erfahrung. Meine Eltern, besonders mein Vater, haben es nicht böse gemeint, aber in einer Familie von Handwerkern war ich derjenige, der mit 2 linken Händen aus dem Rahmen fiel. Der Satz „das kannst du nicht“ begleitete mich quasi durch meine Kindheit und macht mir heute noch zu schaffen, wenn Dinge nicht gleich gelingen.

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    1. […]….den Kindern die Dinge aus der Hand zu nehmen und es als Elternteil lieber selbst zu machen.[…]

      Tja….dann bitte aber auch als Elternteil Betreuern Kredit einräumen, wenn die Kinder z.B. beim Schnitzen mal machen lassen vgl. http://illumina-chemie.de/upload/437_13835099685ad62e628b7f6.jpg
      Aufschauen tun wir eh…aber ab und zu passiert da auch mal was…..zwar meist kein großer Akt, aber u.U. flippen Eltern auch bei kleinen Sachen aus….

      bombjack

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