Unsere Kinder, unsere Politik – Trump, die AfD und Herbert Renz-Polster (eine Buchkritik)

Wie passend: Nachdem ich diese Woche via Mediathek den Film „Elternschule“ gesehen habe, beendete ich heute das neue Sachbuch von Herbert Renz-Polster, das ich jeder/m ans Herz legen möchte, der/die meint, Kinder weiterhin unter autoritären Gesichtspunkten erziehen zu müssen.

Wer hat geschrieben?

Herbert Renz-Polster (im weiteren HRP 😉 ist kinderärztlicher Kollege und Sachbuchautor und sein Leib- und Seelenthema ist die bindungsorientierte Erziehung. In vielen seiner Bücher schildert er das evolutionsgeprägte natürliche Verhalten von Kindern, und wie wir Eltern damit umgehen können. Alle seine Bücher sind durchdrungen von der Liebe zu unserem Nachwuchs.

Um was gehts denn?

Für HRP ist die politische Entwicklung in Deutschland keine Überraschung: Erziehungsstile, geboren aus Diktaturen und Obrigkeitshörigkeit, gebären ebensolche Kinder, unsicher, ungebunden, verführbar, vulnerabel für Oligarchen und Despoten.

Anfangs bemüht er sehr ausführlich die Historie der Vereinigten Staaten, die Donald Trump möglich gemacht haben. Von der wirtschaftlichen Krise über tradierte Denkweisen hin zu evangelikalem Gedankengut, Trump war eine logische Konsequenz, wenn auch eine überraschende. Es wird die autoritäre Innenwelt beleuchtet, das oben und unten, das hierarchische, das Abwertende und Ausgrenzende, ohne dass Trump gar nicht möglich wäre. Noch schlimmer: So erzogen, geben jetzige Generationen dieses Gedankengut an ihre Kinder weiter. Trumps eigene Biographie spricht Bände.

Dann der Blick in andere Länder. Skandinavien, Asien, Naher Osten, Deutschland und die AfD. Überall, wo Autorität erzogen wird, aus religiösen, gesellschaftlichen oder tradierten Gründen, entstehen Diktaturen. Überall existiert der „autoritäre Doppeldecker“, der aus denen unten besteht, „die sich an vorgegeben Normen und Konventionen orientieren und sich durch ihren Hang zu Konformität, Unterwürfigkeit und ihre Aggressionsbereitschaft“ auszeichnen. Dazu die da oben, „die autoritären Anführer mt Streben nach Dominanz und ihrem Willen zu Kontrolle und Überlegenheit“. Beide eint die „Abwertung und Vorurteile gegenüber denen, die nicht zur eigenen Hierarchie gehören“, vulgo, wer nicht dazugehört, ist dagegen, ist Feind, gehört ausgegrenzt.

Wie ist der Stil?

Schön sind die vielen kleinen Unterkapitel, die den Leser kurz binden und wieder loslassen, das Buch lässt sich so auch in kleinen Häppchen lesen. Mir war der rote Faden etwas zu sehr ausgefranst, der Strich von Trump zur AfD zu wagemutig. HRP versandelt sich in manchen Kapiteln, zuviele Themen werden bemüht, hier kurz noch einen Blick auf Religion, da auf die Bildungsmisere, auf Migration. Keine Frage: Das sind alles Aspekte des Problems, aber entweder hätte es mehr Kürzung bedurft oder (fatal:) ein noch dickeres Buch.

Das Ende beschliessen vierzig (!) Seiten Quellen- und Querverweise, beeindruckende Beweise für die aufwändige Recherche, die Lust machen, hier und da tiefer in die Materie zu gehen.

Summa Summarum

HRP wird erstmals in seinen Büchern so richtig politisch, man spürt den Drang des Autors, dieses Thema der Öffentlichkeit zu präsentieren. Sehr spät im Buch kehrt HRP zu seinem Leibthema, den Kindern, zurück, da hätte ich mir mehr Praktikabilität für Eltern gewünscht, schließlich sind Familien die erklärte Zielgruppe seiner Bücher. Aber vielleicht schürte das zuviel Redundanz aus den Vorgängerbüchern?

Und dies ist vielleicht das Problem: Für wen ist das Buch geschrieben? Für die HRP-Fans, die es auf jeden Fall lesen werden und verwundert sein werden ob der politischen Dimension. Oder für historisch und politisch Interessierte, die sich mit dem Spagat von Kindererziehung zur politischen Gesinnung schwertun könnten.

Die Botschaft ist klar, die Argumentation schlüssig. Leben wir mit unseren Kindern im Vertrauen, in Bindung, ohne Angst oder Autorität, mit einem wachen Blick auf die Welt und vor allem Respekt gegenüber allen anderen Menschen.

(4/5)

Herbert Renz- Polster: Erziehung prägt Gesinnung. Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte – und wie wir ihn aufhalten können.
Kösel-Verlag – Hardcover mit Schutzumschlag, 320 Seiten, 13,5 x 21,5 cm, ISBN: 978-3-466-31116-3

[Das Buch wurde mir durch Random House als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Als HRP-Fan hätte ich es mir aber auch so besorgt.]

So ein Schrott

Liebe Leser des Blogs, vermutlich sind nicht alle Bloginteressierte in gleicher Weise über Twitter verknüpft, daher möchte ich diesen Tweet hier teilen und zur Diskussion stellen.

Schließlich ist das ein Beispiel dafür, wie manche Eltern mit ihren Kindern umgehen, beileibe nicht alle, das ist klar. Ich habe ausnahmsweise nichts verfremdet, verstellt, erfunden – das hat genau so stattgefunden.

Was ist nur mit manchen Eltern los? Wir sehen Eltern, die sich sehr um die Entwicklung ihrer Kinder sorgen, die sie mitunter auch trimmen, damit die Vorsorgeuntersuchungen gut gelingen, da wird trainiert und geübt („das haben wir zuhause extra immer wieder gemacht“), als ob es etwas zu gewinnen gebe. Die Eltern stehen unter Druck, den sie sich selbst machen, den der Kindergarten macht, den die Umgebung (incl. Oma und Opa oder die freundliche Nachbarin) macht, oder der aus tradierten Meinungen entsteht (ein Kind müsse mit einem Jahr laufen oder mit fünf Jahren seinen Namen schreiben).

Wir sehen Eltern, denen die Entwicklung ihres Kindes völlig egal ist. An ihnen perlt jeder Hinweis der Erzieherinnen oder des Kinderarztes ab, sie sind auch nicht empfänglich für Tipps zur Förderung oder Forderung des Nachwuchses. Das ist alles legitim, bis die Schulhürde ansteht und dann die Kinder eben nicht das erfüllen, was die Einschulungsuntersuchung von ihnen verlangt. Dann ist der Ruf nach (medizinischer) Therapie laut.

Und: Es gibt zum Glück das Gros der Eltern, die alles ganz vernünftig angehen, informiert sind, was Kinder dann und wann können und lassen müssen, wie sie sie instinktiv richtig fördern, und wem sie vertrauen in der Expertise über ihr Kind. Die Vertrauen haben, dass sich Kinder individuell auf ihrem eigenen Weg entwickeln. Die vor allem einen ausreichenden Instinkt dafür besitzen, wann etwas nicht so gut läuft. Eltern, die die Stärken ihrer Kinder über ihre Schwächen stellen.

Aber das da oben: Das ist schwarze Erziehung. Das ist böse. Das ist respektlos und unmotivierend. Mit solchen Äußerungen schaffen Eltern nur Frust und Traurigkeit.

Niemand wird als Eltern geboren, niemand kann erwarten, dass sich Eltern pädagogisch immer einwandfrei verhalten und alle Eltern machen irgendwann auch diese oder jene Fehler in der Erziehung. Aber negativ wertende Aussagen über eine Leistung eines Kindes in Worten, die die Grenzen der Beleidigung erreichen überschreiten, sagen vor allem etwas über die Grundeinstellung im Umgang mit dem Kind aus. Dass solche Worte sogar im Beisein eines Arztes gesprochen werden, lassen für Situationen, in denen Eltern und Kind alleine sind, nichts Gutes ahnen.

Bei Twitter wurde ich gefragt, wie ich in einer solchen Situationen interveniere. Das ist nicht immer einfach. Offene Kritik an die Eltern stellt diese schnell bloß, der Reflex ist Rückzug, ein „Jaja“, ein „das macht dem nichts aus“ oder gar „das geht Sie gar nichts an“.

Am besten funktioniert, selbst Vorbild zu sein, ein Role Model. Also lasse ich den Jungen noch etwas malen, lobe ihn jetzt über den Klee, stelle die guten Aspekte des Bildes heraus oder frage gezielt die Eltern, in was ihr Kind denn wirklich gut ist. Das schärft den Blick auf die Stärken. Väter erzählen dann immer, wie toll schon Fussball gespielt wird, und Mütter, wie schön die Sprache sei. Oder das Fahrradfahren oder das An- und Ausziehen, oder der Umgang mit anderen Kindern oder die Selbständigkeit oder das Puzzlen und Legobauen. Wir sprechen nur noch über die „guten“ Dinge. Nur das kann zum Ziel führen.

Mein Vorteil als Hausarzt ist, dass ich die Kinder und ihre Eltern oft sehe und die Interaktion bei Vorsorgeuntersuchungen beobachten kann. Gibt es keine Dynamik zum „Positiven“, nehme ich Eltern beiseite und konfrontiere sie tatsächlich mit ihren Negativäußerungen, halte ihnen den Spiegel vor. Manchmal ist dann Einsicht da, oft leider nicht, da Eltern in der Regel gefangen sind in der eigenen Sozialisierungs- und Erziehungsspirale.

Jogginghosen und Koksen

Unsere Schule will jetzt den Schülern verbieten, Jogginghosen zu tragen. Das sei nicht repräsentativ, heißt es, würde ein schlechtes Bild auf die Schüler und damit die Schule werfen, sagen sie, und außerdem sehe es nicht gut aus.

Streiten wir also über Hotpants, Kopftücher, Goldkettchen, Piercings, Ohne-BH oder Baggy Pants mit Blick auf die Unterhose. Und damals stritt man sich über Blue Jeans, Muscle-Shirts, Base-Caps, Ohrringe, Kaugummikauen und Birkenstocks mit Latzhose. Jeder Zeit ihre Kostüme, Uniformen, Trends und Moden. Aber geht es da überhaupt um die Jogginghose? Bei Kleidung, die die Phantasien von LehrerInnen anregen, oder am deutschen Leitbild kratzen, mag ja noch ein Grund konstruierbar sein, erst recht beim Rauchen oder Alkohol auf dem Schulgelände. Da geht´s ja sogar um die Gesundheit.

Aber Jogginghosen? Die sind wenigstens bequem und lassen viel Luft im Schritt. Wirklich gesundheitsschädlich sind sie nicht, abgesehen vielleicht vom ständigen Kopfschütteln rückständiger Lehrkräfte, die die Hosen immer noch im Sport verorten und nicht im Alltagsoutfit der heutigen Jugend.

Achja, die Gangster-Rapper tragen auch gerne Baggy-Trousers, Jack & Jones und Champions, ganz im neuen Athleisure-Style, gerne kombiniert mit Windjacken oder Hoodies. Das fordert die peer group wie anno damals die Popper-, Mods oder der Punk. Also rücken wir die Jugendlichen lieber näher an die Kriminellen-Szene, damit rechtfertigen wir die Ablehnung der aktuellen Moden und verharren selbst im Neunziger Timberland- und Fjäll-Räven-Outdoor-Völlig-Out-Trend.

In der Mittelstufe „unseres“ Gymnasiums gab es just einen Fall von Alkoholexzess während der Unterrichtszeiten. Der Junge – völlig im Klischee mit alleinerziehendem Vater und einmal sitzengeblieben – musste gar mit dem RTW ins Regionalkrankenhaus. Da erinnere ich stets Schwester Elisabeth (oder Ingrid oder Melanie), die den Armen im Tiefstsuff nur das Krankenhausleibchen mit Einmalslip anzogen, immer im Clinch mit dem Assistenzarzt, wieviel Zuckerinfusion man dem Delinquenten nun zugesteht, damit es zu keiner Entgleisung komme, aber doch ein ausreichend dicker Hangover übrig bliebe.

In der Schule waren alle in heller Aufregung, wieviel nun mit den Schülern und den Eltern besprochen werden müsse, ob der Sozialpädagoge ausreiche oder ob man nicht lieber doch die Drogenberatung aus der Großstadt hinzuziehen solle. Die Schule macht eben lieber Elternabende zu Risiken der Handy-Nutzung und der „drohenden“ Digitalisierung, zur Sexualaufklärung (aber nur nach Einverständnis *aller* Eltern). Es gibt keine Routine, dass alle Mittelstufen etwas über Nikotin, Alkohol oder Koks hören. Oder schon gar nicht jetzt, da wirklich etwas passiert ist. Beschäftigen wir uns lieber mit Jogginghosen.

„Man hatte Sorge, dass das die Kinder erst recht für Drogen interessiert“, OT Fachbereichsleiter Gesellschaftskunde.

(c) Bild bei Wikimedia/ Elvir Omerbegovic (unter CC-BY 2.0 Lizenz)

Multitasking auf dem Spielplatz

Er hat die ganze Zeit sein Klapphandy am Ohr und spricht in lauten Wortsalven auf sein Gegenüber ein – Sprache irgendwie Russisch Polnisch Suaheli – könnte aber auch Schwäbisch Hessisch Berlinisch sein, ist doch austauschbar. Zwischendrin macht er Pause, drückt umständlich auf den Tasten des Handys herum, um Sekunden später wieder lautstark ein Telefonat zu führen.

Platziert hat er sich auf einem der Bänke, die rund um den Sandkasten aufgebaut sind, breitbeinig, zurückgelehnt, den Handyarm lässig auf die Lehne der Bank gestützt, die Rechte – kippequalmend – wird ab und an in theatralischen Bewegungen gefuchtelt. Als sehe der andere diese Gestiken. 

Pepi-Ivan-Moritz versucht währenddessen, die Treppe der Rutsche zu erklimmen. Auch wenn man ihn nur von hinten sieht, erahnt man den Schnodder, der ihm aus der Nase gen Mund rinnt, erahnt man die Nuckiflasche mit dem undefinierbaren orange-grellen Multivitamingesöff, welche geschickt zwischen den Zähnen getragen wird, weil die Hände schließlich zum Klettern benötigt werden.

Er schafft es nicht. Die Sechsfach-Tasking-Kiste mit Händen und Füssen, Schnodder und Flasche ist einfach zuviel für ihn. Irgendwann gibt er frustriert auf, Schwäche überkommt ihn, er setzt sich auf den Hosenboden. Ein kurzer blick zu „Handy“, seine Augen füllen sich mit Tränen, laufen über die Wangen, vermischen sich mit dem Schnodder. Erst leise, dann lauter weint er.

Handy blafft etwas ins Telefon, hält den Hörer an die Brust, hebt die bekippte Hand, streckt den Arm gen Pepi-Ivan-Moritz und blafft in diese Richtung. Sprachlich unverständlich, aber sicher im Sinne von sich-nicht-so-anstellen oder heul-nicht. Ohne Erfolg natürlich. Handy murmelt nochmal etwas in dasselbe, klappt es dann tatsächlich zu – Hoffnung keimt auf – und erhebt sich.

Mit breiten Schritten geht er auf Pepi-Ivan-Moritz zu, der ein wenig stiller wird in seinen Bemühungen, Handy hat jetzt beide Hände geöffnet und hält sie dem Jungen entgegen. Tiraden über Tiraden kommen aus seinem Mund. Eher harte Worte, kein weichen, tröstenden.

Pepi-Ivan-Moritz ist trotzdem froh, das sein Vater bei ihm ankommt. Der hebt ihn auf die Füße, wischt mit dem Ärmel seiner Bomberjacke gleichzeitig über Augen, Nase und Mund des Kleinen. Jetzt spricht er ganz leise, ganz liebevoll.

Nimmt ihn an der Hand und geleitet ihn hinüber zu der Kleinkinderschaukel, die mit dem Sicherheitssitz. Pepi-Ivan-Moritz steckt sich wieder die Nuckiflasche zwischen die Zähne, trotz greinenden Augen sieht er ein wenig zufriedener aus. Vater schubst die Schaukel mit seinem Sohn tatsächlich an.

Zieht das Handy aus der Jacke und geht im Multitasking auf: Rechte Hand schubst Pepi-Ivan-Moritz an, mit der Linken hält er das Handy ans Ohr und spricht hinein, mit kippebewehrter verqualmter Stimme. Irgendwie Russisch Polnisch Suaheli – könnte aber auch Schwäbisch Hessisch Berlinisch sein, ist doch austauschbar.

(c) Bild bei pixabay/Photorama (unter CC0 Lizenz)

Sabberbröckelbrezel

Smile Boy Kid Happiness Happy Donut Food Joy

Es folgt ein Rant zum Daueressen bei Kindern.

Läufst Du durch die Innenstadt, siehst Du ständig Kinder im Buggy oder an der Hand der Eltern mit Reiskeks, Brezel oder Flasche in der anderen. Vollgesabbert, angesifft, Essensreste um den Mund. Die Tüte Eis wäre da bei den aktuellen Temperaturen die vertretbare Ausnahme. Aber das Nonstop-Gefuttere siehst Du ja auch im Winter.

Es gehört wohl zum Zeitgeist – auch für uns Erwachsene gibt es an jeder Ecke etwas zu Essen. Wir nehmen uns keine Zeit mehr zum Hinsetzen oder Zuhauseessen, nein, es muss die schnelle Butterbemme sein, der Schokoriegel oder die Schinkenhörnchen von der Tanke. So leben wir es vor, so leben die Kinder es nach. Falsch, so geben wir es den Kindern mit.

Wozu führt das ständige Genuckele?
– Das Appetit- und Hungergefühl geht verloren. Der Magen hat ständig etwas zu tun, wird immer ein wenig mit Häppchen gefüllt, die Kinder verlieren das Gefühl, wann sie Essen brauchen.
– Dadurch gibt es Probleme bei den normalen Essenszeiten: „Mein Kind isst nicht“, „mein Kind ist schlecht“, „mein Kind isst nur XYZ“. Kinder essen nun einmal besser, wenn sie auch Hunger verspüren und wenn alle am Tisch sitzen.
– Essen wird zum Seelentröster, zum Langeweileüberbrücker. Kinder stören vielleicht beim Einkauf, sie plienzen rum, lenken gerne ab, haben Aufmerksamkeitsbedürfnisse. Nuckeln sie am Essen herum, ist der Mund gestopft und das Kind beschäftigt. Was macht das aber auf psychologischer Ebene? Essen wird nicht zum Selbstzweck, sondern zur Ersatzbefriedigung.
– Die Mundflora braucht Erholungsphasen, um einen normalen Speichel und „gute Bakterien“ zu erhalten, wichtig für die Mundhygiene und den Zahnschmelz. Wird der Speichel immer weggespült durch Milch oder Saft, und hat der Mund permanent mit Speisebrei zu tun, gehen die Zähne kaputt. Am schlimmsten sehen wir das bei der „bottle-fed“-Karies, ruinierte Schneidezähne vom Flaschenuckeln.

Was können Eltern tun?
– Das Wichtigste ist, diese Futter-Habits gar nicht erst zu beginnen. Schon während der Beifütterzeit das Essen auf feste Mahlzeiten sichern, sich dazu hinsetzen oder den Weg bis nach Hause abwarten. Flaschefüttern sollte die Familie beenden, sobald das Kind alleine die Flasche halten kann – denn dann beginnt das Langeweilenuckeln. Als die Flaschen noch aus Glas waren, bekam kein Kind die Flasche in die Hand.
– Verzichtet auch auf Flaschen und Becher mit Doppelhenkel oder begrenzt diese auf die Essenszeiten am Tisch.
– Gibts irgendetwas zu Trösten, tröstet nicht mit Essen. Tröstet mit lieben Worten.
– Lasst das Essen nicht zur Beschäftigung oder zur Ablenkung werden.
– Esst immer gemeinsam, zu Hause, am Tisch. Oder wenigstens setzt Euch hin auf die Parkbank und futtert die Apfelschnitzchen, weil jetzt gerade das Verhungern ausbricht.

„Warum isst er gerade jetzt?“, frage ich die Mama in der Praxis.
„Er wollte das jetzt“, kommt die Antwort. Keine Zeit im Wartezimmer, keine Verzögerung, die Familie ist direkt ins Untersuchungszimmer gewandert, ich war keine zehn Minuten später drin. Es geht um Halsweh und Husten. Nachdem ich mir den Weg durch feuchte Brezelreste gebahnt habe, sehe ich endlich die vereiterten Tonsillen.
Dafür fand die fMFA noch am Abend angeklebte Teigstücke auf der Untersuchungsliege.

Noch mehr aus der Ecke:
Iss bei Hunger und nicht, wenn Du traurig bist
Verhungern – nostalgisches Update

(c) Foto bei Max Pixel (CC0 Lizenz)

Sprechen wir mal über Strumpfhosen

Nach den Turbulenzen der Hauptstadt hat mich der Alltag der Praxis wieder feste im Griff, die Grippesaison ist nun da, so dass wir nicht mehr unterscheiden, ob Grippe oder grippig, krank sind sie alle.
Aber wer will schon jammern? Zur Auflockerung ein Quickie von vorgestern:

Nachdem ich Joline-Marie fertig untersucht hatte, Vier-Jahres-Check, alles in Ordnung, bis auf die wiederholten „Steuer“-Versuche der jungen Dame, setzte ich mich an den Schreibtisch, die Mutter zog ihre Tochter an. Es entwickelte sich folgender Dialog:

Mutter: „Oh, Joline-Marie, jetzt haben wir die Strumpfhose vergessen. Naja, ist jetzt auch egal, oder?“
JM: „Mag keine Strumpfhose.“
Mutter: „Magst Du keine Strumpfhose?“
JM: „Mag keine Strumpfhose.“
Mutter: „Aber draußen ist es kalt. Sollen wir Dir noch die Strumpfhose anziehen?“
JM: „Nein!“
Mutter: „Wäre aber schon besser, oder?“
JM: „Keine Strumpfhose.“
Mutter: „Na komm, wir ziehen sie schnell an, ok?“
JM: „Nein.“

Mutter: „Also gut. Dann eben nicht. Wir sind ja auch gleich am Auto. Dann lassen wir die Strumpfhose weg, oder?“
JM: „Strumpfhose anziehen!“

Woran mich das erinnert? Hier (Retro-Kinderdok-Klassiker).

ثنائية اللغة, ku duzimaniya, διγλωσσία, билингвизм… – über Zweisprachigkeit

Sprache ist Verbindung

Beobachtet man Kinder im Urlaub, am Strand, auf dem Campingplatz, weg von den gestressten Eltern, hingegeben der Suche nach Sozialkontakten und Spielen: Alle Kinder, egal welcher Sprache, verstehen sich. Sie verstehen sich im Spiel,sie verstehen sich durch Gesten, durch blitzschnelle Aufnahme von fremder Sprache. Durch Zwischenmenschlichkeit.

Sprache ist für Kinder essentiell, welch banale Feststellung, die Sprachentwicklung ist, so unterschiedlich sie verlaufen kann, am Ende vielleicht die wichtigste Entwicklungsphase eines Kindes, schließlich prägt sie das Sozialgefüge.
Umso toller, was die Natur den Kindern mitgegeben hat, um ihre Sprache zu finden, ihre eigene, universelle, am Anfang und am Ende eventuell gar die der Eltern. Universialität. Kann man das so nennen? Die Fähigkeit, sich in welcher Sprache auch immer zu verständigen.*

Spracherwerb in der Zweisprachigkeit

Zum Sprachererwerb sind Voraussetzungen wichtig, hier genauer formuliert für die Zweisprachigkeit:
– Die Eltern sprechen mit ihren Kindern die Sprache, in der sie sich selbst wohlfühlen, in der sie selbst am besten ihre Gefühle ausdrücken können.
– Sprechen die Eltern verschiedene Sprachen, gilt das gleiche, d.h. das Kind wächst nun schon zweisprachig auf.
– Die Kinder „baden“ von Anfang an in der „Haussprache, sie sollten ständig von Sprache umgeben sein, in Gesprächen, Fragen, Liedern oder Abzählreimen. Medien spielen dabei eine völlig untergeordnete, wenn auch in der Realität überschätzte Rolle.
– Beginnt der Kontakt zur „Landessprache“, sprechen die Eltern weiter ihre eigene Sprache, sie brauchen nicht übersetzen im Gespräch mit dem Kind. Allenfalls, wenn alle in einer „Landessituation“ sind, wird diese auch von den Eltern gesprochen.
– Jede Sprache in der Familie wird gleichberechtigt emotional gewertet. Dass sich trotzdem eine Sprache als Haupt- und eine als Nebensprache entwickeln wird, ist normal.
– Das Anlernen von fremder Sprache durch die Eltern hat wenig Sinn, auch der sehr beliebte „english talk“, um dem Bobele es später „leichter zu machen“.

Zweitspracherwerb

Wachsen Kinder in einer anderen Sprache auf, als die, welche im Land gesprochen wird, in dem sie sich gerade zufällig aufhalten, lernen sie die Landessprache ähnlich schnell wie die Muttersprache, sobald sie müssen, sobald sie ein neues Bad in der neuen Sprache nehmen. Mitunter geht es sogar noch schneller, weil die Fähigkeit zum Sprachelernen bereits „gespurt“ ist.
Manchmal lese ich bei älteren Kollegen in Einträgen im Vorsorgeheft Bemerkungen wie „spricht noch kein deutsch“ oder womöglich „sollte jetzt mehr deutsch lernen“. Das ist eine anachronistische Sicht der Sprachentwicklung bei Zweisprachigkeit und aus der Sorge geboren (die sich auch bei vielen nichtdeutschsprachigen Familie hält), dass die Kinder ausgegrenzt würden. Würden wir in Papua-Neuguinea nicht auch weiterhin deutsch mit unseren Kindern sprechen?

Kinder sind so unendlich international, so großzügig, so rücksichtsvoll, wenn sie jemandes Kind gegenüber treten, das die eigene Sprache nicht kennt. Sie improvisieren, sie zeigen, sie helfen, oberste Maxime ist das gegenseitige Verstehen, nicht das Verstehen der eigenen Position. Zweisprachige Kinder sind tolle Dolmetscher, oft wertvoll für die Familien, im allerpositivsten Sinne. Letztendlich erweitert die Mehrsprachigkeit nicht nur den linguistischen Horizont, sondern das Verständnis für andere Kulturen und andere Denkweisen und damit das Zusammenleben aller.

Zweisprachigkeit.net – ein Füllhorn an Informationen
Die offizielle Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Broschüren für nichtdeutschsprachige Eltern

Mehr zum Thema und anderes:
Schnuller und Spracherwerb
Heimat
Der Zollstock und Helene Fischer

(C) Bild bei flickr/thejbird (Creative Commons License CCBY2.0)

*ergänzend meine ich Sprache hier über das verbale hinaus, auch das ist banal: Spontane Gesten des noch nicht sprechenden Säuglings, Gebärdensprache, Nonverbales usw.

Spielen um halb zwei

Final night

Mutter: „Herr Dokter, ich habe ein Problem mit meinem Sohn, der hat eine Schlafstörung.“
Der junge Mann ist dreieinhalb Jahre alt.
Mutter: „Wissen Sie, der geht nach dem Fernsehen um 21 Uhr ins Bett. Da trinkt er noch seine Flasche, dann steht er um elfe wieder auf und kommt zu mir rüber und weckt mich, dass er jetzt spielen will.“
Ich: „Und dann?“
Mutter: „Dann will er puzzeln, oder er macht den Fernseher an oder die Rolladen hoch. Ich weiß gar nicht, was ich machen soll.“
Ich: „Was machen Sie denn, damit er das lässt?“
Mutter: „Ich spiele dann kurz mit ihm, er will das ja so. Aber Fernsehen oder Rolladen, da schimpf ich dann schon. Letztens lag ich im Bett und da hat er an meinen Augenwimpern gezupft, dann hat er gesagt, Mama, Du hast die Augen auf, los, spiel mit mir. So was…“
Ich: „Was kann ich da tun?“
Mutter: „Der hat doch was. Solche Schlafstörungen sind doch nicht normal.“
Ich: „Ich bin ja kein Pädagoge, sondern auch nur Vater, aber ist das vielleicht eine Frage der Erziehung?“
Mutter: „Meinen Sie? Achso…“

(c) Bild bei Flickr/Matt (CC Lizenz)

Alleine Pipi gehen

Potty time
Letzte Woche war irgendwie „Mein Kind ist noch nicht trocken“-Woche. Liegt vielleicht am kommenden Sommer oder vielleicht sind grade die Windelpreise angestiegen, was weiß denn ich?
Jedenfalls hier eine kurze Runde von Fragen in der Praxis:

– „Herr Doktor, die Lisa-Belle ist noch nicht trocken, das ist doch nicht normal, oder?“ (Alter des Kindes? 16 Monate)
– „Herr Doktor, der Henry-James will schon auf dem Klo sitzen, ja, auf dem Rich-ti-gen Klo! Soll ich ihn lassen?“ (Alter des Kindes? 14 Monate)
– „Herr Doktor, der Carlheinrich (ja, doch…) macht seinen Stinker in die Ecke, aber nur mit Unterhose, ohne Windel. Pissen“ (ja…) „nur im Stehen. Nur.“ (Alter des Kindes? 4 Jahre)
– „Herr Doktor, ich habe gehört, die Fertigwindeln sind gar nicht so gut, da soll eine amerikanische Untersuchung krebserregende Stoffe gefunden haben.“
– „Herr Doktor, die Stoffwindeln haben wir wieder umgetauscht,“ (jawoll!) „da ist Mary-Rosie immer wieder rausgerutscht. Den Klett kriegt sie nicht auf.“ (Alter des Kindes? 18 Monate)
– „Herr Doktor, wie soll ich den denn trocken kriegen, wenn die Erzieherinnen nicht mitziehen?“ (Alter des Kindes? 21 Monate)
– „Herr Doktor, ich möchte den Willi nicht psychisch belasten, aber die Erzieherinnen sagen, wir probieren es jetzt mal ohne.“ (Alter des Kindes? 58 Monate)

Ein paar Aussagen sind überspitzt formuliert und ergaben sich im Gespräch, ein oder zwei habe ich auch aus anderen Zeiten entlehnt, aber eins zeigen sie alle:

Kinder werden nicht trocken, wenn Eltern das steuern wollen oder es erwarten. Kinder werden trocken, wenn sie selbst soweit sind.
Und da ist es egal, ob sie vierzehn Monate alt sind (sehr unwahrscheinlich) oder acht Jahre. Das Durchschnittsalter liegt zwischen Zwoeinhalb und Vier. Und hier sprechen wir nur über das Tagesgeschäft. Nachts kann es ganz anders aussehen.

Also, wie vorgehen?

– Auf Signale des Kindes achten: Unruhe, „Trippeln“, „Pippi“-Rufe – dann aber auch bittschön mit dem Kind aufs Klo gehen und nicht auf die Windel verweisen.
– Aufs Klo gehen macht erst Sinn, wenn das Kind sitzen kann laufen kann. Banal, aber wichtig.
– Auf dem Örtchen sitze man bitte bequem – mit Fussbänkchen oder niedrigem Klositz, gerne auch auf dem Töpfchen (ist für die Physiologie des „Machens“ sowieso die bessere Position).
Vorbild sein: Eltern „machen“ bitte nicht hinter verschlossenen Türen. Kinder dürfen da gerne zuschauen. Wie soll ein Kind sonst verstehen, dass „es“ auch anders geht als nur mit Windel?
Routine und Rituale etablieren: Immer mal morgens, immer mal abends, immer mal vor dem Spazierengehen oder danach einen Klogang planen. Ohne Druck, ohne „Dauersitzung“, ohne Tadel oder übertriebenen Lob.
Keine Fragen fragen: „Musst Du mal Pipi?“ – könnt Ihr später machen, beim Trockenwerden kollidiert die Frage eventuell mit dem Trotzalter, und Ihr bekommt immer ein „Nein!“ zu hören. Außerdem braucht es länger, rechtzeitig den Harn- oder Stuhldrang zu spüren, als bewußt die Schließmuskel zu öffnen.
– Moderne Windeln sind superdupersaugfähig. Kinder spüren meist gar nicht, dass sie „was drin“ haben. Wenn es also die Jahreszeit erlaubt (Sommer, wenig Klamotten) und nicht gerade eine Familienfeier ansteht, ruhig mal die Windel weglassen. Bei zuviel Stress, Frust oder Ekel auf allen Seiten – irgendwann mal wieder probieren. Der Sommer ist sowieso perfekt: In der freien Natur pinkeln ist Event.
– Gute Zeitpunkte fürs Geschäft: Direkt morgens oder nach den Mahlzeiten.
– Und nochmal: Das Alter spielt keine Rolle.

So, das ist der Beginn.
Demnächst hier:
– Wie geht das mit nachts?
– Wenn Kinder „wieder“ einnässen.

(c) Foto bei Flickr/Leonid Mamchenkov (Unter CC-BY-2.0-Lizenz)

Behindern Schnuller den freien Spracherwerb?

window to the soul

Aus der Praxis haben wir Kinderärzte uns das schon immer gedacht: Schnuller behindern möglicherweise das Sprechenlernen.

Eine Beobachtungsstudie aus Kanada lässt die Wissenschaftler philosophieren: Für den guten Spracherwerb eines Kleinkindes braucht es nicht nur ein gutes Gehör, sondern wohl das freie Spiel der Zunge, um Laute besser differenzieren zu können. In der Studie wurden sechs Monate alten Säuglingen Zahnungshilfen wie Beißringe gegeben und beobachtet, wie die Kinder Laute unterschieden konnten – behinderten diese Zahnungshilfen die Zungenbewegungen, konnten die Laute nicht mehr unterschieden werden.

Dr Alison Bruderer, eine der Studienleitungen, formuliert es vorsichtig, wie sich das für einen Grundlagenforscher gehört: Es bedeute nicht, das Eltern nun ihren Kindern Zahnungshilfen oder Schnuller vorenthalten sollten, aber es werfe doch die Frage auf, wieviel Zeit das freie Zungenspiel bei in der Sprachentwicklung befindlichen Kleinkindern benötige, um eine normale Sprachaufnahme zu ermöglichen, so der Artikel.

In der Praxis des Kinderarztes sehen wir das praktischer: Viele Kinder, die mit zwei Jahren noch wenig aktive Sprache produzieren, „hängen“ noch an Saugern, Flaschen oder Schnullern. Manche brabbeln daran vorbei, bei manchen stöpselt der Schnuller die Sprache regelrecht zu. Die vorliegende Studie könnte eine grundlegende Erklärung dafür bieten.

Wem die Gründe „Offener Biß“, „Kariesrisiko“, „Zunahme von oberen Luftwegsinfekten und Ohrenentzündungen“ nicht ausreicht, denn auch das macht das Schnullern: Für eine gute Sprachentwicklung sollten die Sauger weg.

Empfehlungen aus der Praxis:
– Ein Schnuller im Säuglingsalter ist unproblematisch – Forscher zum Plötzlichen Kindstod empfehlen sogar den Schnuller als Schutzfaktor, wenn das Kind daran gewöhnt ist.
– Ab erstem Geburtstag sollte der Schnuller tagsüber weggepackt werden, jetzt beginnt die wichtigste Zeit des aktiven Spracherwerbs
– Schnullerketten als Unterstützung des Wiederfindens gar nicht erst anfangen
– Bis zum zweiten Geburtstag den Schnuller auch nachts komplett weg lassen

Keine Frage: Es ist schwer, einen Schnuller abzugewöhnen. Aber wie vieles in der Kindererziehung – den Schritt müssen die Eltern tun.

(Danke an @dieterjosef für den Link)

(c) Foto bei Flickr/chris