Am kurzen Bändchen

Letztens hatte ich einen „geheimen Termin“, so nennen wir etwas kryptisch die Termine, wenn Eltern nicht sagen wollen, um was es geht (übrigens schwierig für die fMFA, weil die ja abschätzen muss, ob sie einen kurzen, mittleren oder langen Termin vergeben muss).

Jedenfalls war es ein junger Mann von 16 Jahren, der sich vorstellte, weil er „Schmerzen da unten“ habe. Genauer beim Masturbieren und, ja auch, beim Geschlechtsverkehr. Mit sechzehn muss er schon ziemlich lange gewartet haben, bis er nun zum Arzt kommt, aber vielleicht wurde es mit der ersten Freundin nun wirklich unangenehm.

Ich habe ihn jedenfalls beglückwünscht, dass er den Mut und die Weitsicht hatte, vorbeizukommen, mit seinen Eltern wollte er jedenfalls nicht darüber reden. Den Termin hat er bei uns allein ausgemacht. Genau das wünschen wir uns als Kinder- und Jugendärzte, dass sich in unserer Betreuung die Jugendliche zu eigenverantwortlichen Menschen entwickeln, im Vertrauen auf Ärzte. Er hätte ja auch googeln können (hat er nicht).

Der Junge hatte ein so genanntes Frenulum breve preputii, ein verkürztes Penisvorhautbändchen, das bei der Erektion und natürlich beim Geschlechtsverkehr sehr unangenehme Schmerzen machen kann, da die Vorhaut nicht ausreichend zurückziehbar ist oder sogar die gesamte Peniseichel nach unten verzogen wird. Eine Frenulotomie (Durchtrennung des Bändchens) oder ein Frenuloplastik oder Frenulektomie (bei der das Bändchen komplett entfernt wird, um ein kosmetisch schöneres Ergebnis zu erhalten) is vonnöten. Viele Urologen führen gleichzeitig eine Beschneidung, also Zirkumzision der Vorhaut durch, was aber nicht zwingend notwendig ist und vermieden werden sollte.

Dem Jungen ging es wie allen Patienten: Er war froh über die schnelle Diagnose und dass „das“ auch bei anderen vorkommt. Er hatte wirklich Zweifel, ob alles bei ihm normal verlaufe, und ob er nun sein Leben lang Beschwerden beim Geschlechtsverkehr habe (worunter viele Männer leiden, die nicht um Rat bitten). Zwei Wochen später war er operiert.

Das Frenulum breve. Ein eher unbekanntes Phänomen.

Infobroschüre des BVKJ zu allem rund um den Penis

(c) Bild bei flickr/Dennis Skley (Creative Commons Lizenz CCBY-ND 2.0)

Ein Sturz, … und die Ärzte versammeln sich

blue-light-73088_960_720

Jugendlicher, 14 Jahre alt, stolpert in der U-Bahn und stösst sich an der Stuhllehne den rechten Rippenbogen. Es entsteht ein blauer Fleck. Was passiert dann?
– Tag 1: Jugendliche stellt sich in der (Erwachsenen-)Notfallpraxis vor. Kontakt zu einem Allgemeinarzt (Doc 1). Dokumentiert das Hämatom und verweist an die Unfallchirurgie im Haus.
– Gleicher Tag: Vorstellung Unfallchirurgie bei Doc 2: Bestätigt o.g. Befund, verzichtet auf Röntgenbild, empfiehlt „morgen Kontrolle bei Kinderarzt“.
– Tag 2: Vorstellung bei niedergelassenem Unfallchirurg (Doc 3), weil immer noch Schmerzen. Bestätigung des o.g. Befundes. Empfehlung: Vorstellung beim Kinderarzt „um mal abzuhören“ (sic!)
– Tag 3: Vorstellung bei Kinderdok (Doc 4) – Auskultation ohne Befund. Hämatom wie oben (ca. 2-Euro-Stück-gross), weiter Schmerzen an der Stelle. Beratung, Ibuprofen bei Bedarf, Bitte um Wiedervorstellung *nur* bei Atemnot.
Frage der begleitenden Mutter: „Sollen wir dann morgen doch nochmal in die Klinik zum Röntgen? Zur Sicherheit?“

Ich habe verneint.

Was würde passieren, wenn Patienten bei jeder Arztvorstellung eine Gebühr zahlen müssten? Was wäre passiert, wenn der erstbehandelnde Allgemeinarzt eben nicht nach forensischem Sicherheitsstreben gehandelt hätte, sondern mit gesundem medizinischen Sachverstand? Und die Harmlosigkeit eines kleinen Hämatoms hervorgehoben, den absehbaren Verlauf geschildert, eine Schmerzmedikation verordnet und Empfehlungen zur Dringlichkeit einer Wiedervorstellung gegeben hätte, sprich: Eine Beratung durchgeführt hätte? Fahrradkette.

(c) Bild bei Pixabay/geralt (Creative Commons CC0)

Eine Frage der Haltung

Teens

Seitdem wir vermehrt in letzten Jahren die neuen Vorsorgen U10 und U11 mit 7/8 Jahren bzw. 9/10 Jahren durchführen, haben wir auch größeres Augenmerk auf die Körperhaltung der Kinder. Frühertm sahen wir viele unserer Patienten im Grundschulalter seltener, zur Vorsorgeuntersuchung sogar erst wieder im Jugendalter mit der J1 (ca. 12/13 Jahre).
Dabei ist das spätere Grundschulalter mit teils beginnender Pubertät und dem damit verbundenen Wachstumsschub eine sehr filigrane Zeit, die an der Wirbelsäule einiges kaputt machen kann, wenn die Kinder, die Eltern und letztendlich wir nicht aufpassen.

„Haltung“ ist ein unschätzbares Gut. Auch wir Eltern haben das von unseren Eltern gehört: „Sitz gerade, halte Dich gerade, Dein Rücken wird krumm, wie lümmelst Du schon wieder rum?!“ und dergleichen. Das hat seine medizinische Berechtigung, auch wenn unsere Eltern vielleicht eine anderes Motiv für ihre Forderungen hatten. Wer rumlümmelt, hat schließlich auch eine schwache Haltung dem Leben gegenüber. Naja.

Bereits Anfang dieses Jahrtausends beschäftigten sich Orthopäden und Pädiater mit dem Einfluss von Medien auf die Haltung der Kinder, da waren Handys noch gar nicht so verbreitet – weitere Studien hierzu werden nicht lange auf sich warten lassen.
Was auf jeden Fall bei den o.g. Vorsorgeuntersuchungen offensichtlich wird: Wer Sport treibt, hat die deutlich bessere Körperhaltung, egal, ob es sich um eine Fußballerin dreht oder einen Ballettänzer. Frage ich immer: „Was machst Du sonst in Deiner Freizeit? Sport? Musik?“ Schade, wenn dann als Antwort kommt, man habe keine Zeit für so etwas. Diese Kinder und Jugendlichen sind meist nicht nur dicker als andere, sie sind vor allem unbeweglicher, haben einen schlechteren (Einbein-/Zehen-)Stand und versagen in einfachsten Koordinationsübungen (Hampelmann, Seitsprung oder Balancestand). Die Rückenmuskulatur ist schwach ausgebildet, dadurch die Führung der darunterliegenden Wirbelsäule eingeschränkt, kommt nun noch eine wenig beachtete Grundhaltung dazu (bei Hausaufgaben, in der Schule, Tragen einer Schultertasche), entstehen Haltungsschäden, die sich bei J1 in Skoliosen oder Rundrücken zeigen.

Achtet mal auf Eure heranwachsenden Kids, insbesondere beim Übergang ins zweite Lebensjahrzehnt, wenn der erste Wachstumsschub kommt, sich die ersten sekundären Geschlechtsmerkmale zeigen: Viele Jugendliche halten sich an sich selbst fest, d.h. sie verschränken die Arme, sie stützen sich mit einer Hand in der Hüfte ab, sie schieben die Hände in die Hosentaschen (vorne oder hinten, oder wie letztens gesehen, eine vorne, eine hinten). Das mag zunächst wie Schüchternheit wirken, wie Unzufriedenheit oder Unsicherheit mit dem eigenen Körper, vielfach ist es aber eine schwach ausgebildete muskuläre Grundhaltung. Sportler, insbesondere Kampfsportler, aber auch Tänzer- und Tänzerinnen oder Chorsänger stehen ganz anders da, weil ihre Betätigung das so fordert.

Brust raus, Nase hoch, Schultern ein wenig zurück (ohne gleich ins Hohlkreuz zu verfallen) sind einfache Ausrichtungen, um den Kindern eine gute Körperhaltung zu demonstrieren. Wer sich sonst schwer tut, stellt sich in einen guten Stand, nimmt die Arme gerade nach oben und hält sie dann waagerecht nach rechts und links. Nach einer kurzen Ausrichtung lässt man jetzt die Arme langsam zu beiden Seiten des Körpers herabsinken, ohne die Schultern nach vorne zu verschieben – et voilà, das ist eine gerade Grundhaltung. Probiert es mal aus.

Haltung hat natürlich etwas mit Haltung zu tun, mit Selbstvertrauen, mit eigener Meinung und eigener Haltung zu den Dingen. Präsenz in einer Gruppe geht mit Körperhaltung einher, nicht mit Hochnäsigkeit, sondern mit Standfestigkeit, mit einem guten sicheren Blick auf die Welt. Als Eltern sollten wir das vorleben, nicht mit verbalen Ermahnungen, nicht so rumzulümmeln, sondern mit einer eigenen Geradlinigkeit und Rückgrat.

(c) Bild bei Flickr/Leslie Duss (unter CC Lizenz)

Hot topic! Neulich in der Notfallambulanz

Sonne

 

Ganz blass und kaltschweissig sitzt Ayaz auf der Untersuchungsliege im Notfallzimmer. Gerade ist es etwas ruhiger, die obligatorischen fünf Zecken habe ich schon entfernt, ein paar Kinder mussten angesehen werden, weil der Kinderarzt nicht mehr zuhause war (und der – natürlich – keine Vertretung habe) und auch die üblichen „Bauchweh seit zwei Wochen“ habe ich heute bereits gesehen.

Ayaz geht es wirklich nicht gut. Seine Mutter sitzt neben ihm und drückt ihm ein nasses Geschirrhandtuch auf die Stirn. Sie ist viel kleiner als er, der Pubertätswachstumsschub hat ihn schon in die Höhe gezogen. Eigentlich ist er Fussballer, Handballer, Basketballer, man sieht es ihm an, heute abend ist er nur ein armer Kerl mit Sonnenstich.

Ich: „Wie lange warst Du denn im Schwimmbad?“
Ayaz: „So vier oder fünf Stunden?“
Ich: „Aber nicht die ganze Zeit im Wasser, oder?“
Ayaz: „Nee, wir haben auch Pizza gegessen dazwischen. Gekickt. Tischtennis. Sowas.“
Ich: „Und nun?“
Ayaz: „Mir war schlecht. Ich bin nachhause. Hab dann gekotzt. Zweimal.“
Ayaz´ „Anne“: „War ganz übel, ganz blass. Viel Spucken.“ Sie schiebt ihm das Handtuch in den Nacken. Er schiebt sie weg.
Ich: „Genug getrunken hast Du schon?“
Ayaz: „Safe. Ja, klar.“
Ich: „Mütze? Irgendwas auf dem Kopf?“
Ayaz schnalzt. Zu uncool.
Ich: „Du musst Dich immer wieder abkühlen, weißt Du, oder? Schatten gehen. Viel trinken.“
Ayaz: „Weiß ich. Meine Posse wars.“
Ich: „Wie jetzt, wieso?“
Ayaz: „Ahja, Alda, die Honks haben mich krass da liegen gelassen. In der knallen Sonne. Kacke, Alda. Bin eingeschlafen. Voll jenseits.“
Er schüttelt den Kopf über soviel Vertrauensverlust.
Ich: „Na dann, ein oder zwei Tage Pause vom Schwimmbad. Bleibst ein bissel drin. Schön abkühlen, ausreichend trinken, lieber was Warmes…“
Ayaz: „Kein Freibad?“
Ich: „Ja.“ Ich nicke bestätigend.
Ayaz: „Alda…!“
Jetzt schüttelt er den Kopf über soviel Kontaktsperre, soviel fehlende Integration in seine Posse für zwei Tage.
Ich: „Am besten auch kein Handy. Kein Whatsapp. Den Kopf schonen.“
Ayaz: „ALDA…!“

Seine Anne nimmt ihn in den Arm und tupft ihm nochmal mit dem Geschirrhandtuch über die Stirn. Sie nickt wissend.

(c) Foto bei Flickr/Afra Shmidt (Unter CC-Lizenz CC-BY ND 2.0)

Kein Tattoo vor Volljährigkeit

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte fordert:

„Junge Menschen sollten sich nicht vor ihrer Volljährigkeit tätowieren lassen

Wenn Minderjährige ein Tattoo wollen, brauchen sie für einen Vertrag mit dem Tattoo-Studio die Einwilligung der Eltern. Vor dem Gesetz gilt das Tätowieren von unter 18-Jährigen als eine Körperverletzung, die aber nicht bestraft wird, wenn die Eltern einwilligen, umfassend über die Risiken aufgeklärt wurden und der Jugendliche einsichts- und urteilsfähig ist.Mom Anchor

„Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) und die European Society of Tattoo and Pigment Research (ESTP) vertreten die Auffassung, dass sich junge Menschen nicht vor ihrer Volljährigkeit tätowieren lassen sollten. Denn es sind viele gesundheitliche, soziale und ästhetische Risiken zu bedenken“, warnt Dr. Ulrich Fegeler, Kinder- und Jugendarzt sowie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats beim BVKJ. Wer in Deutschland ein Tattoo-Studio eröffnen will, braucht bisher noch keinen speziellen Befähigungsnachweis vorlegen. Tattoo-Farben müssen zudem nicht amtlich zugelassen werden. „Bei Hautkrankheiten wie Neurodermitis oder Schuppenflechte, bei Diabetes, bei Abwehrschwäche, bei Herzfehlern und bei Blutungsneigung (z.B. durch gerinnungshemmende Medikamente) raten wir generell von einer Tätowierung ab, da das Risiko für Komplikationen zu groß ist“, so Dr. Fegeler.

Interessieren sich Heranwachsende für Tattoos, sollten sie sich umfassend über die Risiken informieren, z.B. auf der Seite „Safer Tattoo“ (www.safer-tattoo.de/risiken.html) des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Bei Bedarf können sie sich auch von ihrem Jugendarzt aufklären lassen. Zwar ist in Deutschland das Risiko für die Übertragung von schweren Erkrankungen, wie infektiösen Lebererkrankungen (Hepatitis B und C) und HIV, selten, aber auch andere häufigere Virusinfektionen können über unsaubere Instrumente und Farben erworben werden. So können sich Warzen und Herpes nach einer Tätowierung ausbreiten. Bakterielle Infektionen können Abszesse entstehen lassen und im schlimmsten Fall auch zu einer Blutvergiftung führen.

In einer Übersichtsstudie an 3.411 tätowierten Personen klagten 6% über dauerhafte Beschwerden. Neben Narbenbildungen wurden auftretende Schwellungen, Papeln und anhaltender Juckreiz angegeben. Allergien gegen Farbbestandteile bzw. Konservierungsmittel können ebenso zum Problem werden. Die Behandlung solcher Unverträglichkeitsreaktionen, wie Ausschläge mit starkem Jucken, hat sich als schwierig erwiesen. Oft ist dann die Entfernung des gesamten Tattoos erforderlich.

Geschmack verändert sich im Laufe des Lebens

Befinden sich Teenager noch im Wachstum, so ändert das Tattoo später auch sein Aussehen, wenn es in die Länge und die Breite gedehnt wird. Dies gilt in jedem Fall, wenn die Faltenbildung einsetzt. Laut einer amerikanischen Umfrage bedauert jeder vierte Tätowierte zwischen 18 und 35 Jahren, dass er Tinte unter der Haut trägt. Als häufigste Gründe dafür wurde angegeben,

  • dass sie/er zu jung war, als sie/er ihr/sein Tattoo bekam,
  • dass sie/er sich verändert hat und das Tattoo nicht mehr zum gegenwärtigem Lebensstil passt,
  • dass das Tattoo im Zusammenhang mit einer Person steht, mit der man nicht mehr zusammen ist und/ oder
  • dass das Tattoo nicht professionell aussieht.

In Deutschland sind schätzungsweise acht bis zehn Millionen Menschen tätowiert.

Quellen: European Society of Tattoo and Pigment Research, The Harris Poll, Hautarzt

___________________________

Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

(c) Bild bei Mez Love/Flickr (Lizenz Creative Commons)

Ich wusste gar nicht, dass das ein so relevantes Problem ist unter Jugendlichen, wenngleich mir die Trend- und Modelinie gegenwärtig ist. Ein anderes Thema ist das Piercing. Insbesondere Nabelpiercings sind sehr verbreitet unter den jungen Mädchen, das Ohrenpiercen ist normal und gesellschaftlich anerkannt. Zahnschmerzen bekomme ich nur bei den Säuglingen, die bereits schier im Wochenbett gestochen werden.

Der Kollege und der Arbeitsschutz

Lieber Kollege der Allgemeinmedizin,
ich führe gerne, wie viele meiner kinderärztlichen Kollegen, die Arbeitsschutzuntersuchungen für die Jugendlichen durch, bevor diese mit ihren Ausbildungen beginnen. Das ist gesetzlich vorgeschrieben und wird fürstlich (ca. zwanzig Euro) entlohnt. Oft sind auch Untersuchungen junger Frauen dabei, die in einer Arztpraxis als Medizinische Fachangestellte lernen möchten.

Berücksichtigen muß ich dabei die Infektionsgefahr im gesundheitlichen Bereich, nehme eventuell Blut ab, um durchgemachte Erkrankungen zu checken (z.B. Zytomegalie oder Parvovirus), die sich Angestellte in Arztpraxen gerne mal „holen“ und überprüfe immer den Impfstatus der angehenden Auszubildenden. Klassisch empfohlene Impfungen (neben der üblichen STIKO-Empfehlung) sind dabei Hepatitis A und B, letztere in der Regel Teil des Impfschemas beim ehemaligen Säugling (jetzt angehender Azubi), erstere nur Empfehlung bei Reisen oder eben bei Kontakt mit Patienten.

Jetzt geht´s also um Melanie, bei der ich die Jugendarbeitsschutzuntersuchung gemacht habe. Ihre Blutwerte ergaben einen guten Schutz gegen alle möglichen Erkrankungen und ihr Impfschutz ist komplett (kein Wunder, ich kenne Melanie seit der Geburt). Was fehlt, ist die Hepatitis-A-Impfung, ein Titer ist auch nicht zufällig vorhanden.

Achja, da fällt mir nochwas ein, aber das wissen Sie bestimmt: Die Hepatitis-A-Impfung Ihrer Mitarbeiter, also auch Ihrer zukünftigen Auszubildenden, ist Sache des Arbeitgebers. Nicht Sache der Jugendlichen, nicht Sache des betreuenden Arztes und schon gar nicht Sache der Krankenkasse. Ihre Auszubildende, Ihre Verantwortung, Ihre Impfung, Ihre Spritze, Ihr Geld! Hepatitis A muß man übrigens zweimal impfen, um einen guten Schutz zu erreichen – das kostet Sie einen guten Hunderter aus der Portokasse, das sollte Ihnen der Schutz Ihrer Auszubildenden wert sein.

Nun zu Ihrem Anliegen: Nein, tut mir leid, ich kann das nicht auf Krankenkassenkarte abrechnen und damit die Gesetzliche Krankenkasse belasten, denn das schließt die KBV grundsätzlich aus. Sie meinen, ich könne ja so tun, als ob Melanie einen Urlaub in Südostasien plane? Naja. Ganz abgesehen davon, dass das gar nicht wahr ist, wäre es eine Reiseimpfung, die dann die Patientin selbst tragen muß. Die Krankenkasse würde das dann ja vielleicht aus Kulanzgründen ersetzen? Mag sein. Trotzdem Betrug.
Hübsch auch Ihr Vorschlag, wir könnten doch einfach Tw.in.rix impfen, also die Kombi aus Hepatitis A und Hepatitis B. Das wird ja in manchen Bundesländern (so auch unserem) von den Krankenkassen bezahlt…
Sie hatten aber schon gesehen, dass Melanie bereits gegen Hepatitis B geimpft ist? Ja? Macht nichts? Viel hilft viel? Naja, nochmal: Ich bin ja ein fleißiger Impfer, aber etwas zu impfen, was bereits geimpft wurde und einen Antikörpertiter von fetten 1000 IE/L produziert hat … Och nö.

Ich fürchte, das müssen Sie wohl selbst berappen.
Das finden Sie jetzt unkollegial? So sehr, dass Sie den Hörer auflegen?
Hallo? Halloo?

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (siehe Punkt 5.)

„Impfungen nach den Vorschriften des Arbeitsschutzes fallen in die Zuständigkeit des Arbeitgebers.“ (Statement beispielhaft der Barmer GEK)

Lieber Manuel

…, wir versuchen, Jugendlichen den Weg zum Arzt so leicht wie möglich zu machen, deshalb dürft Ihr auch alleine in die Praxis kommen, ohne dass die Eltern Euch das Händchen halten. Schließlich könnt Ihr selbst erzählen, was Euch fehlt, und wir trauen Euch zu, ein Rezept zur Apotheke oder den Eltern zu tragen, um es einzulösen.

Deine Geschichte mit dem Erbrechen am Vorabend, und dass Dir heute morgen noch übel ist, kann ich hören und glauben, auch Dein nasales Sprechen ist wirklich sehr überzeugend. Ist Deine Nase wirklich so dicht? Schreibe ich Dir ein Nasenspray auf, das wird Dir helfen. Ein bisschen leichte Kost wird sicher die Übelkeit vertreiben.

Aber: Wir nennen uns zwar Jugendärzte, weil die Jugendmedizin Teil unserer Ausbildung war, trotzdem sind wir nicht Eure Kumpel, sondern Ärzte. Wenn Du am Ende mit dem Auge zwinkerst, als Du nach einem Attest für die Schule fragst, dann ist das echt durchschaubar. Deswegen sind wir Ärzte, weil wir das merken. Zwei Sekunden vorher habe ich Dir das Kranksein abgenommen. Die Entschuldigung für die Schule kann übrigens Deine Mutter schreiben. Ach, die ist gar nicht zuhause. Naja, das reicht sicher auch noch nach den Ferien.

Ob Du heute abend ins Fussballtraining kannst, weil Du morgen diese wichtige Spiel hast?

Äh, nein. (*augenzwinker*)

Dein kinderdok

U-Bahn-Medizin

„Wo issen meine Cola, menno.“ Sie kramt in ihrer überdimensionierten Umhängetasche. Ihre Freundin sitzt ihr gegenüber in der U-Bahn.
„Seit wann trinksten Du Cola?“
„Hab ich immer wieder so Magenschmerzen, da so.“ Sie hält sich die rechte Seite.
„Echt?“
„Ja, Omma sagt, Pfeffa-Tee oder Cola. Dann aber Cola.“
„Und was haste da?“
„Keine Ahnung, brutale Schmerzen. Wie’d Sau, echt. Morgens schon, auch mal wieder weg. Aber dann wieder brutal, sach ich Dir.“
„Hammer…“
„Ja, wirklich. Wie’d Sau. Muss ich mal Arzt.“
„Warste noch nicht?“
„Nee, geht ja erst zwei Wochen oder so. Brutal, sag ich Dir, das fängt immer da an, … da,“ sie krabbelt mit der Hand zwischen den Brüsten hin und her, „und dann zieht das so hoch. Ganz sauer kommt’s mir dann.“
„Sagt’n der Arzt?“
„War ich noch nicht, sag ich doch. Hab‘ ich angerufen, gestern, weisste, hab‘ ich gesagt, brauch‘ ich Termin, also heute, hab‘ ich gesagt, kann ich erst zwölf… Weisste, was die da gesagt hat?“ Sie flötet: „Zwischen acht und zehn…, sonst geht’s nicht, hat sie gesagt. Wie sie das gesagt hat. Zwischen acht und zehn! Soll ich denn das machen, he? Ist doch B’rufsschule, kann ich erst zwölf.“
„Aber echt…“
„Zwischen acht und zehn… Geh‘ ich gar nicht, nach’m Mittag treffe ich doch noch de‘ Mätze, kann ich auch nicht. Pff! Geh‘ ich abends Notfallambulanz, kannst Du glauben. Machen die siebzehn Uhr auf, geh‘ ich hin. Müssen die mich untersuchen, oder?“
„Kann sein…“
„Klar, müssen die. Ist Doktor auch nicht mehr da, um siebzehn Uhr, können die mich gar nicht wegschicken.“
„Ja, klar, bei den Bauchweh.“
„Brutal, sag‘ ich Dir, das tut weh wie’d Sau. Geh‘ ich morgen Notfallambulanz, wirste sehen. Zwischen acht und zehn, hat sie gesagt, tss! Tussi!“
Sie kramt wieder in der Umhängetasche. „Issen jetzt die Scheiß-Cola?“

Macht Schule krank?!?

Der WDR setzt sich mit dieser Frage auseinander –

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/aktuelle_stunde/videomachtschulekrank100.html

der Aufhänger dieses Kurzberichtes ist der bereits letztens angesprochene Kongress für Jugendmedizin in Weimar, der heute zuende ging. Da zumindest hieß das Thema „Schule macht krank ?!?“, was schon etwas verbindlicher klingt.
Ohne das hier zunächst weiter zu kommentieren:
Wie sind Eure Erfahrungen? Bauchweh? Kopfweh?
Alles übertrieben? G8? G9? Keine Freizeit, nur noch Stress? Ist das nur die Schule, oder auch das Drumherum? Oder gibt es gar kein Drumherum mehr? Andere Länder haben keine somatisierenden Kinder?
Lasst hören … ich bin gespannt.

verplappert

Die 12jährige stellt sich bereits zum zweiten Mal in einem Jahr vor, weil sie alle paar Wochen Rückenschmerzen habe. Bereits beim letzten Mal konnte ich eine leichte Haltungsschwäche sehen – nicht untypisch für das Alter – , vorgezogene Schultern, leichter Rundrücken, funktionelle Tests nach Matthiass und Schober waren aber ok.
Mutter wirkt leicht … mmh, unzufrieden.
Ich: „Aber das hatten wir vor einem halben Jahr schon mal besprochen, oder?“
Mutter: „Ja, aber, ist ja nicht besser geworden.“
Ich zur Tochter: „Ich hatte Dir empfohlen, ein paar Übungen zuhause zu machen, Schwimmen zu gehen, auf Deine Schultasche zu achten, Deinen Schreibtisch und den Stuhl gut auszurichten, Balancieren mit einem Buch auf dem Kopf, Zehenspitzenlaufen …“
Die Tochter schaut mich kurz an, verzieht das Gesicht, zeigt dann mit dem Finger auf Ihre Mutter.
Tochter: „Die da hat gesagt, das sei völliger Blödsinn, was Sie da empfohlen haben.“

uups.

Vorherige ältere Einträge