Der Abend vor Weihnachten

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„In Raum B“, sagt die Krankenschwester. „Bluterguß am Auge, ist wohl gestern gestürzt, sagen die Eltern.“ Sie zeigt den Gang runter und zuckt mit den Schultern. „Was Eltern so sagen.“
Die Schwestern hier haben schon alles gesehen, und ihr Verdacht bestätigt sich meist. Ich habe einen der weniger kritischen Dienste an Weihnachten erwischt, den Samstag vor Heiligabend, der Ansturm ist bisher ausgeblieben. Gerade sitzen nur vier oder fünf Eltern mit Kindern, ich hätte wohl ein wenig Zeit.
Im Zimmer ein junges Mädchen, vielleicht dreizehn, auf der Untersuchungsliege, dick verpackt mit schwarzer Daunenjacke und umhalsten Schal.
„Die haben gestern Handstand geübt, im Kinderzimmer“, erklärt die Mutter. „Maike ist ausgerutscht und mit dem Kopf an das Eisengitter vom Bett gehauen.“ Sie zeigt mit Händen, wie das passiert ist. „Die Brille ist ans Auge gedrückt, hier, so.“
Sie steht bei der Tochter und drückt ihr die Brille aufs Gesicht.
Die Brille ist intakt, die Gläser ganz, nichts ist verbogen.

Ich nicke und schaue mir die Verletzung an. Ein Hämatom auf dem Os zygomaticum links, etwas unterhalb der Orbita.
„Na, wie hast Du das denn gemacht?“ frage ich Maike.
Sie zuckt mit den Schultern. „Gestürzt.“
„Ich hab´s ja schon erklärt“, sagt wieder die Mutter. „Sie stand vor dem Bett…“
„Alles klar.“ Ich nicke, unterbreche ihre Erklärung.
Ich taste das Jochbein ab, keine Verschwellung, nur das Hämatom, taste den Kiefer ab und betaste die Ohrmuschel, wende mich der anderen Seite des Kopfes zu, wieder Stirn, Jochbein, Kiefer. Ein zweites Hämatom, am Unterkiefer, schwach zu sehen.
„Und das hier?“, frage ich das Mädchen.
„Keine Ahnung, auch so“, sagt sie. Sie lächelt und schlägt dann die Augen nieder.

„Ist dabei passiert.“ sagt der Vater. Er steht im Hintergrund. Ich halte die Brille in der Hand.
„Die ist wohl heil geblieben?“ frage ich in die Runde.
„Ja, witzig, oder?“ sagt die Mutter.
„Ja, vielleicht.“ Ich nehme das Ophthalmoskop und sehe mir die Augen genauer an. Auf der linken Seite sieht man unter dem Unterlid ein blutunterlaufene Stelle. Von der Brille? Die Pupillen reagieren prompt. Im Ohr ist nichts zu sehen, die Zähne sehen schlecht gepflegt aus, aber unverletzt.
„Das müssen wir genauer anschauen.“ sage ich und zeige auf das Auge.
Der Vater nickt. „Ok. Machen Sie jetzt, oder?“
„Mal sehen. Kann sein, dass ich einen Augenarzt dafür brauche.“

Die Tochter und die Eltern wechseln Blicke. Es schwingt was durch den Raum, die Luft lädt sich auf. Das tut nicht gut.
„Keine Angst, wir sind ja hier, um uns das anzusehen, oder?“ sage ich. Und zu dem Mädchen gewandt: „Wir helfen Dir, dass es Dir besser geht.“
Sie nickt, schaut mich aber nicht an.
„Ich möchte noch, dass Du mal Deine Jacke ausziehst und den Schal. Hier ist es sowieso viel zu warm.“
Sie beginnt, die Kleider auszuziehen. Die Mutter hilft ihr.
„Sie sagen, ´die´ haben Handstand geübt“, frage ich. „War sie alleine, oder noch jemand?“
„Ihr Bruder.“
„Wie alt ist Dein Bruder?“
„Siebzehn.“

Inzwischen hat Maike die Jacke und den Schal ausgezogen. Sie trägt nur ein dünnes Top und darunter einen BH. Jogginghosen. Ich nehme ihre Hand und helfe ihr von der Untersuchungsliege herunter. Stelle sie vor mich hin und schaue.
Beide Oberarme sind mit Blutergüßen übersät. Dorsal sind Handabdrücke zu erkennen, dunklere Male, wo die Fingerspitzen greifen, hellere, wo die Handflächen aufliegen. Die Ellenbogen sind frei, die Unterarme zeigen kleinere, kreisförmige Hämatome. Am unteren Rand des Halses sind feine Blutgerinnsel zu sehen. Alles gut verdeckt durch Schal und Mantel.

Die Entscheidung ist gefallen. Das Mädchen darf nicht wieder nach Hause. Ich werde hier und jetzt nicht weiterfragen, denn das muß Zeit haben für später. Die Eltern sehen, dass ich die Oberarme sehen, sie sehen, dass ich sie begutachte, sie sehen, dass ich mir Gedanken mache. Nur jetzt keine Vorhaltungen meinerseits, keinen Grund für eine Verteidigungshaltung. Die Eltern haben Maike vorgestellt, weil sie sich Sorgen machen, dass der Bluterguß im Gesicht irgendwelche Folgen hat. Dass das Auge verletzt ist. Das ist die Eintrittskarte.

„Wir müssen das hier in der Klinik genauer untersuchen“, sage ich zu den Eltern. „Vor allem das Auge. Nicht das es hier schwerere Verletzungen gibt.“
Sie wechseln Blicke, entspannen sich aber. Keine Ahnung, ob sie das Ahnungslosigkeitsspiel mitspielen, denken, ich hätte keinen Verdacht für eine Misshandlung, mir ist das egal. Oberste Priorität ist es, das Kind hierzubehalten.
Ich spreche meine üblichen Formalien aus, dass sich eine Schwester kümmern wird, dass ein aufnehmender Arzt hinzukommen wird. Kein Wort von Sozialdienst, Jugendamt, Polizei.

Später wird der Oberarzt der Klinik einen Ultraschall vom Abdomen machen und zum Glück nichts finden. Die Verletzungen werden dokumentiert werden, fotografiert. Die Arztkollegin wird das Mädchen nochmal befragen, ohne Eltern. Sie oder der Oberarzt werden die Eltern fragen, immer mal wieder, getrennt, gemeinsam, immer auf der Suche nach Plausibilität der Aussagen, Erklärungen, die Frage nach dem Bruder. Der Sozialdienst hat eine Bereitsschaftsnummer, die die Klinik immer erreichen kann. Da kommt noch viel Arbeit auf das Team zu.
Samstagabend. Der Abend vor Weihnachten.

„Vielen Dank“, sagt der Vater, als ich ihm die Hand gebe und das Zimmer erst einmal verlasse. Vielleicht meint er es wirklich so.

(c) Bild pxhere (CC Lizenz 2.0 Generic)

Hilfstelefone

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Nummer gegen Kummer (für Kinder und Jugendliche) 0800 1110333

Neulich im Notdienst

oh no

„Hallo, guten Abend, um was geht´s denn bei Ihnen?“
„Die Mira-Belle hier, die ist dran.“
„Und was hat sie?“
„Ich dachte, ich lass mal g´schwind schauen, ob sie morgen in die Kita kann.“
„Und welche Symptome hat sie?“
„Symptome, wie jetzt?“
„Husten? Schnupfen? Erbrechen? Durchfall?“
„Nö. Naja, ein bisschen müde war sie heute, wenn Sie so fragen.“
„Aha. Aber sonst… irgendwie…, also: Krank?“
„Naja. Nicht wirklich.“
„Und…, warum sind Sie jetzt genau gekommen?“
„Ihr Freund, der Pätrick, der war vor zwei Tagen so richtig krank…“
„Ja?“
„… und da wollte ich mal schauen, ob sie sich schon angesteckt hat.“

… ich weiß, klingt unglaublich. Ist aber so passiert. Nur die Namen habe ich um einen Strich und zwei Pünktchen verändert. Damit sich keiner wiedererkennt.

Achja: Es war 20:45 Uhr.

(c) Bild „oh no“ bei Flickr/Tom WoodwardCreative Commons License

Notdienstzecke 2*

Your average tickNeulich im Notdienst, so gegen 21.30 Uhr.

Vater: „Wir sind hier, weil der Hinnerk-Miro hatte eine Zecke.“
Ich: „Alles klar. Und jetzt hat er sie nicht mehr?“
Vater: „Nein, die haben wir entfernt.“
Ich: „Das ist toll von Ihnen. Und was kann ich nun für Sie tun?“
Vater: „Na, sich das mal anschauen.“
Ich: „Die Stichstelle?“
Vater: „Da, wo sie gebissen hat, ja.“
Ich: „Zecken stech … ach egal, zeigen Sie mal.“
Wir begutachten voll Hingabe eine kleine Stelle oberhalb des distalen Endes der rechten Clavikula, vulgo rechte Schulter. Also, ich sehe nichts.
Ich: „Das da?“ Ich zeige auf eine vage Rötung.
Vater: „Nee. Das ist doch ein Mückenstich. Da…“ Er zeigt auf eine diskrete Veränderung der Hauttextur und -färbung.
Ich: „Sieht gut aus. Prima. Merken und abwarten.“
Vater: „Worauf?“
Ich: „Ob´s rot wird.“
Vater: „Ist es doch schon.“
Ich: „Also, mehr rot. So richtig rot. Und größer.“ Ich mache eine gewichtige Bewegung mit Daumen und Zeigefinger beider Hände, umschließend eines virtuellen kreisförmigen Gebildes. „Das ist dann eine Wanderröte.“ Ich erläutere in einer Kurzvorlesung die Segnungen einer Borrelienfrühinfektion.
Vater: „Kommt das noch?“
Ich: „Ja. Kann aber dauern. Manchmal drei bis vier Wochen.“
Vater: „Dann hätte man heute nicht kommen müssen.“
Ich: „Nein, hätte man nicht. Auch um diese Uhrzeit nicht.“ Hinnerk-Miro hat inzwischen den Kopf auf die Hände gebettet und ist eingenickt. „Aber – ich bin ja da.“
Vater: „Und warum heißt es dann immer: Nach einem Zeckenbiß sofort den Arzt aufsuchen.“
Ich: „Heißt es das? Übrigens, Zecken stech … ach, egal.“
Vater: „Ja, ich habe den ganzen Nachmittag damit verbracht, im Internet zu suchen, was man jetzt machen kann. Die einen sagen so, die anderen sagen so. Am Ende überwog aber die Meinung, zu Sicherheit einen Arzt aufzusuchen.“
Ich: „Und wann hatten Sie die Zecke nochmal entfernt?“
Vater: „Nach dem Spielplatz, da schauen wir immer alles durch. So nach´m Mittag.“

*Stammleser erinnern sich vielleicht.

(c) Foto bei Flickr/Ragnhild Brosvik

Mäanderne Anamnese abends um 21 Uhr

Neulich im Notdienst.

Mutter: „Ich wollte das Gesicht mal zeigen, diese Pickel.“
Ich: „Hat sie die noch woanders?“
Mutter: „Nein.“
Ich: „Sonst ist sie nicht krank?“
Mutter: „Nein.“
Ich: „Medikamente? Allergien?“
Mutter: „Nein.“
Ich schau mir die Kleine an. Sie hat eine beginnende Impetigo, eine superinfiziert trockene Haut im Gesicht.
Daher, wie immer bei „Haut“: Mal komplett ausziehen.
Ich: „Oh, aber hier an den Handgelenken ist es auch ganz schön entzündet.“
Mutter: „Achja…“
Ich: „Und der Rest der Haut?“
Mutter: „… ist okay.“
Sie zieht währenddessen den Body über Bobeles Kopf.
Ich: „Aber der ganze Körper ist ja gerötet.“
Mutter: „Ja, das ist oft so.“
Ich: „Sagten Sie nicht, die Haut ist sonst in Ordnung?“
Mutter: „Ja, ein bisschen trocken.“
… ist reichlich untertrieben.
Ich: „Aber sonst ist sie gesund?“
Mutter: „Ja, schon.“
Ich: „Schaue ich mir mal noch Rachen und Ohren an.“ Dann: „Oh, das Ohr hier ist aber auch entzündet.“
Mutter: „Ja, das hat die Kinderärztin auch gesagt.“
Ich: „Ach, sie waren heute schon bei der Kollegin?“
Mutter: „Nee, gestern.“
Ich: „Und was sagt die zu der Haut?“
Mutter: „Nichts. Sie meinte, das könne vom Antibiotika kommen.“
Ich: „Welches Antibiotikum?“
Mutter: „… das sie seit gestern kriegt.“
Ich: „Aber gestern war die Haut ja noch in Ordnung, sagen Sie, das konnte die Kollegin ja noch gar nichts zu sagen.“
Mutter: „Doch, das hat die Kinderärztin ja heute gesagt.“
Ich: „Dann waren Sie heute nochmal bei der Ärztin?“
Mutter: „Ja, vor zwei Stunden. Ist aber nicht besser geworden mit der Salbe.“
Ich: „Welche Salbe? Ich dachte, sie kriegt keine Medikamente?“
Mutter: „So eine grün-weiße Verpackung.“
Ich: „Aha. Noch was, was ich wissen muß?“
Mutter: „Nein.
Ich: „Wahrscheinlich hat sich die trockene Haut entzündet mit Bakterien. Da ich nicht weiß, welche Salbe Sie benutzen, schreibe ich Ihnen mal was dafür auf, ja? Das Antibiotikum wird wahrscheinlich auch noch dabei helfen, neben den Ohren.“
Mutter: „Kriegt sie aber nicht mehr.“
Ich: „Was, das Antibiotikum?“
Mutter: „Habe ich weggelassen, weil sie vom Husten immer so gebrochen hat.“
Ich: „Husten tut sie auch?“
Mutter: „Ja, ganz schlimm.“
Ich: „Sagten Sie nicht, sonst ist sie gesund? Gibts denn noch was, was ich wissen muß? Sonst Medikamente? Andere Krankheitszeichen? Irgendwo angesteckt vielleicht?“
Mutter: „Nein, wirklich nicht.“
Also dann noch abgehört, zum Glück „alles frei“, die Kleine (10 Monate oder so) war während der ganzen Aktion am Grinsen und Brabbeln.
Es geht dem Ende der Vorstellung zu. Ich fasse zusammen, händige das Rezept aus.
Mutter: „Und Thymian?“
Ich: „Welches Thymian?“
Mutter: „… das sie als Tropfen kriegt. Wegen dem Husten.“
Ich: „Oh, noch ein Medikament.“
Mutter: „Und das W.ick Vap.o.rub. Auf die Brust. Wegen dem Husten.“
Ich: „Ja, … nun.“
Mutter: „Spielt das eine Rolle, dass ihr großer Bruder letzte Woche Schaalach hatte?“

(Denken Sie sich hier bitte einen großen Seufzer.)
Der nächste Patient und sein Vater, der mir um 21:30 Uhr erzählte, dass sein acht Monate alter Sohn seit „Wochen“ nichts mehr esse, waren dagegen eine Erholung.

Neulich im Notdienst

Mutter: „Ich wollte mal den Ausschlag anschauen lassen. Ist das normal?
Ich: „Ja, das ist so eine Reaktion der Wangen, gibts viel im Winter, wenn es kalt ist.“
Mutter: „Was kann ich da machen?“
Ich: „Bissel eincremen, Gesichtscreme, Fettcreme, was Sie haben.“
Mutter: „Und dann wollte ich noch fragen…?“
Ich: „Ja?“
Mutter: „Sieht das normal aus?“
Ich: „Wie jetzt, wegen des Ausschlags, wie gesagt…“
Mutter: „Nein, nein, ob mein Kind so normal aussieht?“
Ich: „Normal, ja… Ja, sicher. Wieso, was meinen Sie?“
Mutter: „Naja, sieht das behindert aus, oder?“
Ich: „Wie, behindert?“
Mutter: „So, geistig, geistig behindert?“

Der Junge war ganz normal, zwoeinhalb oder so, sprang durchs Untersuchungszimmer, motorisch sicher topfit, lachte mich an, quakte seine normale Kindersprache. Wie das so ist, im Notdienst, ich hatte die Familie noch nie zuvor gesehen, bin nicht der Hauskinderarzt, dann ist das natürlich nicht leicht zu beurteilen, wenn man ein Kind nur ein paar Minuten sieht. Nicht, dass ich der absolute Crack in Sachen Syndrome und Physiognomie bei Stoffwechselerkrankungen wäre, aber bis auf den leichten Epikanthus und der Stupsnase konnte ich an dem Kleinen nichts Besonderes erkennen. Und die hatte er bestimmt von der Mutter geeerbt.

Ich: „Wie kommen Sie denn darauf, was macht Ihnen denn so Sorgen? Hat der Kinderarzt was gesagt?“
Mutter: „Nein, ich finde ihn ja auch ganz normal. Mich haben aber jetzt schon zwei Freundinnen gefragt, ob mein Sohn denn ganz normal sei, der sehe so komisch aus. Geistig, halt.“

Freundinnen… Aha.

Notdienstzecke

Mutter: „Ja, der Thor-Wart hatte da so eine Zecke.“
Ich: „Hatte…?“
Mutter: „Habe ich selbst rausgemacht.“ Sie hält ein Plexiglasröhrchen hoch.
Ich: „Spitze, gratuliere, und was kann ich …?“
Mutter, sie wedelt mit dem Röhrchen: „Einschicken!“
Ich: „Was denn, die Zecke?“
Mutter: „Aber sicher, vielleicht hat sie Bollerose.“
Ich: „Dann würde ich die Zecke trotzdem nicht behandeln. Das kann gut sein, jede fünfte Zecke soll wohl den Erreger in sich haben.“
Mutter: „Ebend, und das möchte ich wissen.“
Ich: „Aber die Chance, sich dann zu infizieren, ist doch eher gering. Vielleicht bei zweihundert Zeckenstichen kommt es einmal zu einer wirklichen Krankheit.“ (siehe)
Mutter: „Möchte ich aber sicher sein.“
Ich: „Gut. Das kann ich verstehen, aber sehen Sie, aus dem positiven Nachweis bei der Zecke wird sich keine Therapie bei Ihrem Sohn ergeben. Das Risiko einer Infektion ist viel geringer als die Häufigkeit der Durchseuchung bei den Zecken. Schauen Sie, man beobachtet die Stichstelle für ein paar Wochen, und wenn sich…“ Zur Wanderröte kam ich erst gar nicht.
Mutter: „Naja, wenn die Zecke nix hat, kann er ja auch nix kriegen.“
Ich: „Darauf würde ich mich dann auch nicht verlassen. Zum einen sind die Tests nie hundertprozentig, und dann übertragen Zecken auch noch andere Sachen.“
Mutter: „Genau. Die FMSE – kann man auch untersuchen lassen, kost´ alles zusammen nur siebzig Euro.“
Ich: „Das ist der andere Punkt. Die Krankenkassen zahlen das gar nicht, deshalb kann ich das auch nicht einschicken. Müßen Sie schon schon selbst übernehmen.“

Und dann kommt immer der beste Satz:
Mutter: „Und warum bin ich dann hierher gekommen?“

Neulich im Notdienst

„Also, wir waren am Freitag abend schon in der Notfallpraxis, am Sonntag nochmal, und jetzt sind wir wieder hier,“ schmettert mir die Mutter entgegen, als ich am Abend durch die Tür des Notfallzimmers trete. Ich mache meinen wöchentlichen Notfalldienst an der Kinderklinik des Nachbarortes. Es ist Montag.
Ich: „Und um was gehts?“
Auf der Liege sitzt ein vielleicht Zweijähriger, der mich taxierend, aber freundlich anschaut. Mein Arztinstinkt sagt: Nicht wirklich krank.
Mutter: „Na, Fieber hat er. Schon seit Freitag.“
Ich: „Und sonst? Husten? Schnupfen?“
Mutter: „Ja, Husten und Schnupfen.“
Ich: „Sie waren also Freitag hier, gestern hier und nun heute abend wieder? Was sagt denn Ihr Kinderarzt?“
Mutter: „Da waren wir heute morgen.“
Ich: „Aha.“
Mutter: „Ja, der hat gesagt, das ist ein Viruseffekt, wenns nicht besser wird, sollen wir am Mittwoch wieder zu ihm.“
Ich: „Was machen Sie dann jetzt hier?“
Mutter: „Na, ist ja nicht besser geworden…“
In diesen Momenten sammele ich mich immer mittels Untersuchung des Kindes. Was ich dann auch tue.
Der Kleine ist krank, ja, er hat Fieber, ok, Husten und Schnupfen auch, keine Frage, aber vor allem ist er richtig müde. Es geht gegen 21 Uhr.
Ich: „Das ist ein Virusinfekt. Fieber. Und Erkältung. Wenn’s nicht besser wird, können Sie Mittwoch nochmal zu ihrem Kinderarzt gehen.“
Mutter: „Der muss doch jetzt ein Antibiotika kriegen. Ist doch der dritte Tag.“
Ich: „Eigentlich der vierte, aber das wird wohl bei einer solchen Erkältung nicht viel bringen.“
Mutter: „Mein Hausarzt sagt, ab dem dritten Tag muss man Antibiotika geben.“
Ich: „Mag sein, dass der das so macht, aber bei einem Virus bringt das nichts.“
Mutter: „Also krieg ich jetzt kein Antibiotikum.“
Ich: „Nein. Braucht Ihr Sohn nicht.“
Mutter: „Gar kein Rezept?“
Ich: „Nasentropfen und Fiebermittel haben Sie zu Hause?“
Mutter: „Ja.“
Ich: „Gut. Mehr ist im Moment nicht nötig. Und lassen Sie ihren Sohn am Tag ruhig etwas fiebern, dann ist er vielleicht bis Mittwoch gesund.“
Mutter: „Auch noch fiebern lassen, na Sie sind mir ja ein Doktor. Morgen gehe ich auf jeden Fall nochmal zum Kinderarzt.“

Neulich im Notdienst

Ich gehe in das Untersuchungszimmer. 7jähriger liegt auf der Untersuchungsliege, rechtes Hosenbein hochgekrempelt, unterhalb des Knies sieht man eine leicht gerötete Stelle, Typ oberflächliche Schürfwunde. Es ist 21.30 Uhr.
Der Vater sitzt am Kopfende und hält dem Jungen die Hand…

Ich: „So, was gibts denn bei Ihnen?“
Vater: „Na, da, die Wunde.“
Ich: „Ok, was ist das passiert?“
Vater: „Ist beim Fussball ausgerutscht. Geschürft.“
Ich: „Wann war das?“
Vater: „Vor drei Tagen.“
Ich: „Alles klar.“ Ich schaue mir kurz die Wunde an, sie sieht sauber aus, beginnt schon zu verschorfen. „Was haben Sie bisher gemacht?“
Vater: „Haben wir Pflaster gekriegt von Kinderarzt.“
Ich: „Und warum sind Sie jetzt da?“
Vater: „Na, Pflaster ist heute morgen abgegangen. Muß man neu machen.“
Ich: „…“ Ich schaue mir die Wunde nochmal an. Sie sieht wirklich, wirklich reizlos und klein aus.
Ich: „Da dürfen Sie – wenn Sie möchten – gerne ein Pflaster draufkleben, aber eigentlich würde ich´s eher offen lassen.“
Vater: „Sind Sie sicher? Doch Pflaster?“
Ich: „Luft ist besser für Schürfwunden, wirklich. Dann kann sie besser verkrusten.“
Vater: „Machen Sie mal Pflaster.“
Ich zucke mit den Schultern, ziehe die Schublade auf und hole ein banales Kinderpflaster raus. Ich reiche es dem Vater. „Bitte schön.“
Vater: „So etwas? Haben wir auch zuhause.“
Ich: „Genau. Mehr brauchts nicht.“
Vater: „Und warum bin ich dann in Krankenhaus gekommen?“

Keine Ahnung.

Achja: EBM-Ziffer 01210, erlöst 15,20€. Für mich in diesem Fall bequem verdientes Geld. Aber letztendlich „zahlt“ es ja die Krankenkasse. Das Pflaster gab´s kostenlos.

Kugeln im Notdienst (Cave: Schon wieder Hömoipathie-Bashing*)

Tut mir leid, schon wieder Globuli:

Lieber Kollege der Anhängerschaft der weissen Streukügelchen, ich habe nicht grundsätzlich etwas dagegen, wenn Sie im Notfalldienst in der Ambulanz der hiesigen Kinderklinik versuchen, Ihre Zuckerli an die Eltern heranzutragen. Wenn Sie die Zeit im Dienst für eine anständige Erstanamnese zur Wirkstofffindung haben …
Mich ärgert aber, dass Sie a) den Eltern das Wirkprinzip der Globuli nicht verklickern, sondern sie kommentarlos zum nächsten Tag in meine Sprechstunde schicken, damit ich ihnen das Nichtwirkprinzip erkläre („Weisscht, Dokter, Arzt im Krankenhause haben das da und das da mitgegeben, das sollen wir jetzt drei Woche nehme, weisscht…“) und b) die Zuckermittel auch noch aufs Grüne Rezept schreiben, was bedeutet, dass das die Eltern in ihrer Naivität selbst bezahlen müssen, aber bei der Wiedervorstellung in meiner Praxis dann aber auf ein Rosa Rezept bestehen, damit sie die 18 Euro vierfuffzig von der Apotheke wiederbekommen. Bedeutet, ich muss dazu noch ein Kurz-Referat zum deutschen Gesundheitswesen halten, dem zu Folgen für Eltern, die der deutschen Sprache ethnisch nicht hundertprozentig mächtig sind, ein unmögliches Unterfangen ist.

Liebe Kollegen der Zuckerschaft: Wenn Ihr schon Eure Globuli unters Volk streut, dann bitte an Eltern, die an die Wirkung glauben das Wirkprinzip verstehen wollen. Für alle anderen ist ein kommentarloses Rezeptieren irreführend und unverständlich und ein Erheben der Globuli auf eine Ebene mit wirksamen Medikamenten wie Antibiotika oder Inhalativa.

*manche Eltern haben bereits mit der Aussprache der Therapie ihre Probleme. Homöopathie-Richtigschreiben ist das moderne Hämorrhoiden.

Dienst-Potpourri

„ich wollte heute nochmal mit der Mady-Jane kommen, weil gestern bei dem anderen Arzt, der hat ja gar nichts verschrieben. Da komm ich doch heute glatt nochmal.“

„jaja, der Husten geht ja jetzt schon sechs Wochen beim Luys, weiß ich genau, da wars noch beinahe Sommer. Und Montag wegen Heiligabend ging´s ja nicht, gestern war Omma-Besuch, dann dachte ich, geh ich mal gleich am zweiten Feiertag.“

„nö, sonst bin ich bei meinem Hausarzt, aber im Notdienst ist mir das zu stressig bei den Allgemeinärzten, und wenns doch einen Kinderarzt-Notdienst gibt… Die Vorsorgeuntersuchungen? Das ist doch egal, wer die macht. Mein Jääimiii kann doch eh alles.“

„Doch, jaja, gestern waren wir auch schon bei der Ärztin mit der Cilla-Marie. Jaja, die hat auch gesagt, unsere Kleine hat eine Ohrenentzündung. Wir wollten nur mal heute gucken lassen, ob´s wirklich stimmt oder schon besser ist.“

„Seit einer Stunde. Ja, immerhin bis achtunddreißigfünf. Das muß man jetzt angucken. Wer weiß, was morgen ist.“

„Ach, Zahnarzt sind Sie nicht?“

„Ist doch egal, ob der Robin schon neunzehn ist, oder? Schließlich wohnt er noch bei mir. Und beim Allgemeinärztlichen Notdienst sitzen immer nur so alte Leute.“

„Sie trinken Kaffee? Na, Sie haben aber die Ruhe weg. Ich warte jetzt schon eine Viertelstunde.“

Nach hundertfünfundvierzig Kindern in vierzehneinhalb Stunden – wir haben teils zu zweit gearbeitet – , Zwischenreinsnacks in Form von Plätzchen und Apfelkuchen, immerhin keiner Krankenhauseinweisung und einem geschätzten Anteil von zwanzig Prozent wirklich kranker Kinder (der Rest war eher „weil doch Weihnachten ist“ oder „morgen ist der eigene Kinderarzt auch im Urlaub“), war ungelogen die letzte Bemerkung des letzten Vaters um 21.30 Uhr:
„bei Ihnen ist es heute aber ruhig, ist ja gar keiner da.“

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