Komasaufen

toodler-1713561_960_720

Und check: Sobald es wieder draußen wärmer wird, fragen die Eltern, wieviel soll denn so ein Kind trinken am Tag? Da gibt es bestimmt tolle Tabellen im Internet und in zahlreichen Gesundheitsratgebern, aber welches Kind hält sich schon daran, was da steht?
Ich antworte lieber: Soviel, wie es Durst hat.

Aber genau da beginnt das Problem: Dies einzuschätzen ist extrem schwer, und: Versteht denn ein Kind, was Durst ist? Schließlich haben wir alle schon bei unseren Sprösslingen beobachten können, dass sie stuuundenlange gar nichts trinken, weil das Spiel gerade so schön ist oder die Freundin so nett. Und wer bekommt nicht Panik, weil das Kind mit Durchfall 24/7 nichts trinken will und droht auszutrocknen?

Als überzeugter Kinderanwalt und Anhänger von Herbert Renz-Polster, der in seinen Büchern stets darauf hinweist, dass nichts von nichts kommt und die Evolution unsere Kinder mehr prägt als wir, sage ich: Kinder spüren sehr genau, wann sie trinken müssen oder nicht. Nur: Wir machen das mal wieder mit unserer panischen Verdurstangst kaputt. Deshalb bekommen Kinder ständig unaufgefordert das Fläschchen hingehalten, deshalb mischen alle Säfte unters Wasser, damit die Flüssigkeitsbilanz aufgepeppt wird und deshalb nerven wir unsere Teenies mit „Trink mal was!“

Es ist wie mit dem Essen: Vor einem vollen Teller wird niemand verhungern, wenn wir Eltern gesundes Essen und Trinken anbieten, sollte sich das Kind bedienen, wie es das selbst braucht.

Bezogen auf das Trinken heißt das daher:
# Säuglinge trinken ab der Beifütterkost zum Essen, sie brauchen nichts „zwischenrein“. # Angeboten wird nur stilles Wasser oder ungesüßter Tee. Keine Säfte.
# Milch ist kein Durstlöscher, sondern eine Mahlzeit. Also: Ab einem Jahr Milchflaschen reduzieren oder abschaffen.
# Möglichst früh die Kinder aus der Tasse oder einem Glas trinken lassen. Übt man das früh genug, geht das problemlos. Aus einer Saugflasche sollte nur Milch kommen, also als Mahlzeit angeboten werden, siehe oben.
# Für unterwegs gibt es Becher mit Auslaufschutz, aus denen man „ganz normal“ trinken kann.
# Bitte keine Fläschchen oder Becher mit Haltegriffen in die Hand drücken, und das Kind sich damit alleine beschäftigen lassen. Es wird nur aus Langeweile trinken, und damit sich zuerst das Durstgefühl und dann die Zähne kaputt machen.
# Dazu gehört auch: Trinken, wie Essen, ist kein Mittel zum Ruhigstellen oder Ablenken. Himmel, die Komasäufer und Brezel- oder Reiswaffelmampfkinder in der Fussgängerzone!
# Ältere Kinder trinken aus dem Glas, klar, sie dürfen fragen oder sich direkt selbst bedienen, aber auch hier: Wer Säfte und süße Sachen zuhause kauft, muss sich nicht wundern, wenn die Kinder nur noch das trinken wollen und dann noch über das Maß.
Schulkinder und Teenies können, wenn sie so in der frühen Kindheit ge“prime“t wurden, problemlos mit Durstgefühl umgehen. Bei uns jedenfalls hat es gut funktioniert.

Viele Beschwerden bei größeren Kindern und Jugendlichen lassen sich auf mangelnde Flüssigkeitsaufnahme zurückführen, Schwindel, Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme, sogar Infektanfälligkeiten, keine Frage. Ein natürlicherer Umgang ohne Panik im frühen Kindesalter könnte diese Probleme bei Älteren eindämmen. Die Kids spüren selbst, was ihnen gut tut, ohne dass der erhobene Zeigefinger sie zum Trinken ermahnt.

(c) Bild bei pixabay/adhadimohd (CC0 Lizenz)

Frühling lässt sein blaues Band

Der Frühling ist da, und ich möchte mich hinsetzen und hier einen Dank an mein Personal schreiben, dass es mir und den Eltern so loyal und aufopfernd geholfen hat, den Rücken frei gehalten und einfach nur malocht hat, damit diese Infektsaison bewältigt werden konnte.
Wir haben so viele Patienten im letzten Quartal betreut, wie noch nie, seitdem ich in der Niederlassung arbeite, es waren ungefähr ein Drittel mehr Patienten als im Vergleichsquartal 2017. Die Urlaube der Kollegen im Landkreis lagen zudem sehr „geschickt“, bedeutet, es gab Wochen, in denen alle weg waren, nur noch unsere Praxis Vertretung anbieten konnte, außerdem gönnten wir uns nur wenig Urlaub (aus diesen und jenen internen Gründen), so dass nur wenig „Frei“ heraussprang.

Der Krankenstand bei den fMFA und den Ärzten war überschaubar, glücklicherweise erwischte es alle der Reihe nach und nicht auf einmal, das wäre die Katastrophe geworden, für unsere Planung, für die Kinder. Kranksein der Ärzte bedeutet Verschieben der geplanten Termine wie Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen und einen Terminstau, wenn alle wieder einsatzfähig sind. Wir sind zwar in der luxuriösen Situation, noch Patienten aufnehmen zu können, aber niemals überschaust Du, dass höhere Patientenzahlen auch erhöhte Terminwartezeiten mit sich bringen.

Das System ist Wellen unterworfen: Im Winter gibt es ein Übermaß an Akutpatienten zu versorgen, also können wir hier weniger geplante Termine anbieten. Die in dieser Zeit auf spätere Termine vertröstet werden, warten entsprechend lange. Jetzt und im Sommer gibt es mehr Zeit für die Vorsorgen, aber wer jetzt anruft, trifft auf die Termine der Wartenden aus dem Winter und muss selbst wieder warten. Es bleibt abzusehen, dass wir alle Anfragen in der akutentspannteren Jahreszeit versorgt bekommen, ehe im Herbst wieder das Infektchaos ausbricht.

Dafür beschäftigen wir uns jetzt wieder vermehrt mit den Anfragen aus Schulen und Kindergärten. Das Frühjahr ist die typische Zeit für Entwicklungsgespräche und entdeckte Probleme bei den Grundschülern. Warum? Weil der Sommer den Wechsel bringt: Rein in die Schule, Wechsel in die weiterführende Schule, Entscheidungen, ob Regelschule oder Förderprogramme. Da wird gerne die Zeit bis zu den Sommerferien genutzt, um „schnell noch“ eine medizinische Förderung wie Logopädie oder Ergotherapie auf den Weg zu bringen, weil die individuelle pädagogische Förderung nicht genug Erfolg verzeichnet. Also ist das Frühjahr auch die Zeit der Testungen, der Telefonate mit Erzieher- und LehrerInnen.

Dennoch: Der Frühling ist da. Die Heizungen bleiben aus, die Sonne scheint durch die Fenster in die Untersuchungsräume (auch wenn wir nun wieder für Amblyopiemessungen und Brücknertests verschatten müssen). Die Kinder sind keine Wochen mehr krank, sondern nur noch Tage. Und endlich zieht wieder das Argument: Geht in die Sonne, das hält gesund und hebt die Stimmung.

(C) Bild bei kinderdok (CC BY 3.0)

Ein normaler Notfalldienst

Es haben mich schon mehrere Leser gefragt, was denn nun wirklich in so Notfalldiensten durch die Tür kommt. Hier der Original-Mitschnitt meines letzten Wochenend-Dienstes (8-20 Uhr), übrigens ein Samstag.
Viel Spaß.

8:01 (1) 1 Jahr alt (2), Erbrechen ganze Nacht, zuletzt 5 Uhr, hier topfit
8:02 2,5 Jahre, Fieber seit 2 Tagen, „rötlicher“ Urin, Urinbefund oB, Windeldermatitis, Erkältung
8:09 1 Jahr, Verbandswechsel nach Verbrühung vor drei Tagen, Oberkörper, ca. 5%
8:13 2,5 Jahre, Ohrenweh seit Aufstehen, Cerumen obturans (Ohrenschmalz)
8:19 6 Jahre, Ohrenweh seit „eben“, keine Entzündung
8:24 2 Jahre, Halsweh und Erbrechen seit Vortag, Streptokokken-Pharyngitis, Antibiose (3)
8:46 1 Jahr, Verbandswechsel Handfläche nach Verbrühung Grill vor vier Tagen, eigentlich unnötig
8:51 10 Jahre, Ohrenweh und Halsweh seit Vortag, kein pathologischer Befund
8:57 8 Jahre, juckendes Exanthem und Fieber, Strep negativ, viral, Fenistil
9:05 11 Jahre, Halsweh, wenig geröteter Rachen
9:11 2,5 Jahre, „krank“ – nichts zu finden, nur laufende Nase
9:18 3 Jahre, Erbrechen und Durchfall seit Vortag, Kind fit
9:24 2 Jahre, Durchfall seit 1 Woche, nur 1x/Tag, Kind topfit
9:26 4,5 Jahre, Ausschlag nach Fieber vor 2 Tagen, mehrere Hustensäfte, zB Medikamentenunverträglichkeit
9:33 1 Jahr alt, Fieber seit Vortag, Masernimpfung vor einer Woche, Kind fit
9:39 1,5 Jahre, Fieber seit der Nacht, erkältet
9:40 1,5 Jahre, Fieber seit 5 Uhr morgens, Rachen wenig rot
9:45 2 Jahre, Ohrenweh seit morgens, Trommelfell nur gereizt, Ibuprofen
9:49 2 Jahre, Fieber seit drei Tagen, Husten, Schnupfen
9:50 4 Monate, erkältet
10:05 2,5 Jahre, Sturz auf Tisch, linkes Auge verschwollen, Hämatom, oberflächliche Schürfwunde, Kühlen, Pflaster
10:10 10 Jahre, Dysurie, kein Fieber, pathologischer Urin, Antibiose
10:21 5 Jahre, Kopfweh und Fieber seit Vortag, Grippig
10:23 6 Jahre, Kein Fieber mehr, aber Halsweh, Kind fit
10:28 4,5 Jahre, Auge sei gerötet, nichts zu sehen
10:41 6 Monate, Windelbereich gerötet, kein Pilz
10:43 5 Monate, Husten, trinkt weniger, krank, z.B. RSV-Virus, Wiedervorstellung bei Kinderarzt, früher bei Fieber, Nasentropfen, viel Frischluft
10:53 2 Monate, Schnupfen? Nase frei, trinkt gut, Frischluft, evtl Nasentropfen (wenig draussen gewesen)
11:02 5 Jahre, Knieschmerzen seit morgens, Fieber, grippal, Kniegelenk ohne Befund
11:08 4 Jahre, Bauchweh, schon zwei Tage und vier Tage vorher jeweils im Notdienst hier, Abdomen bis obenhin mit Stuhl voll, Abführen
11:15 5,5 Jahre, Ohr läuft nach Ohrenweh, kein Fieber, Schmerzmittel, evtl. Wiedervorstellung bei Kinderarzt
11:19 5 Jahre, Fieber, Bauchweh, typischer Rachenbefund, Strep positiv, Antibiose
11:26 9 Jahre, Rötung beider Augen seit Vorabend, hier wenig Befund, Abwarten
11:42 4 Jahre, Kind wird nicht vorgestellt, will „mal so“ Rezept für Medikamente – abgelehnt
11:44 11,5 Jahre, Halsschmerzen, Fieber, typisches Streptokokken-Enanthem, Antibiose
11:52 3 Jahre, Halsweh und Fieber, Rachen gerötet, Strep negativ
12:04 4,5 Jahre, Sturz gegen Pfosten beim Fussball, schon versorgt in der Unfallchirurgie mit Naht, soll hierher, um „Gehirnerschütterung auszuschließen“ (…)
12:28 2 Jahre, unspezifischer Ausschlag an Händen und Füßen, nicht beeinträchtigt, z.B. Reaktion auf neues Waschmittel?

+++Mittagspause +++

13:22 5 Jahre, Nagelbettentzündung am Zeigefinger, eröffnet, Verbandswechsel nach zwei Tagen
13:23 6 Jahre, mit Wattestäbchen am Vortag Trommelfell verletzt, wenig Blutreste zu sehen, Vorstellung HNO am Folgetag
13:35 7 Jahre, gerötetes Auge seit morgens, hier nur wenig Rötung im Augeninnenwinkel, Abwarten
13:42 5,5 Jahre, Ohrenweh seit zwei Tagen, Fieber, Otitis media, Antibiose
13:47 2,5 Jahre, Scharlach, Symptome seit drei Tagen, Antibiose
13:50 2 Jahre, Fieber seit Vortag, Rachen wenig rot, Kind fit
13:56 2 Jahre, Konjunktivitis, Augentropfen
13:57 6 Jahre, Konjunktivitis, Augentropfen
14:03 5 Monate, Bronchitis, bekommt schon Antibiotikum und Inhalation, gestern entfiebert, hier Lunge beinahe frei, Medis so weiter
14:07 1,5 Jahre, Konjunktivitis, Augentropfen
14:12 3,5 Jahre, schon vor zwei Tagen im Notdienst, Fieber, bekommt seither Antibiose, Otitis
14:23 3,5 Jahre, Ohrenweh nach Parazentese vor vier Tagen, Analgesie
15:04 11 Jahre, Bauchweh, Durchfall
15:04 14 Jahre, Bauchweh, Durchfall (Bruder von zuvor)
15:17 2 Jahre, Krupphusten in der Nacht, hier Lunge frei, Beratung, Notfallmedikamente
15:27 3 Jahre, Fieber seit Vortag, Ohrenschmerzen, Otitis media, Antibiose
15:40 2 Jahre, Platzwunde Stirn, Klammerpflaster
16:00 3,5 Jahre, Kinnplatzwunde, Klammerpflaster
16:30 13 Jahre, nach Wanderung mit Eltern schwindelig. Status unauffällig, wenig gegessen.
16:48 1 Jahr, Fieber seit 3 Tagen, sehr erkältet, Bronchitis, Inhalationen
16:55 7 Jahre, Fieber 2. Tag, Husten, Schnupfen
17:05 3 Jahre, Fieberkrampf vor drei Tagen, dort und gestern in Notfallpraxis, jetzt Husten, V.a. Pneumonie, Antibiose
17:13 2 Jahre, Legostein verschluckt, nicht gehustet
17:25 10 Jahre, Durchfall seit heute, zweimal
17:33 3 Jahre, Verbrennung an Grillrost, Verband
17:45 2 Jahre, Zecke selbst entfernt, Rötung
18:00 4 Monate, Sturz aus Elternbett, Rötung Nasenbein, Aufklärung Gehirnerschütterung
18:10 15 Jahre, nach Blinddarm-Op vor einer Woche, Wunde gerötet, evtl. Vorstellung bei Chirurg am Folgetag
18:17 8 Jahre, Heuschnupfensymptome
18:21 1,5 Jahre, Fieber 3.Tag, sehr erkältet
18:32 3 Jahre, Fieber 2. Tag, sehr erkältet
18:36 2,5 Jahre, Nasenbluten, schon aufgehört
18:44 1,5 Jahre, Fieber seit 5 Tagen, ausgeprägte Bronchitis, evtl. pneumonisch, Inhalation, Antibiose
19:01 3 Jahre, Fieber 3. Tag, Ohr läuft eitrig, weiter Ohrenschmerzen, Antibiose
19:24 1,5 Jahre, Fieber 2. Tag, sehr erkältet
19:27 2 Jahre, Fieber 3. Tag, Durchfall, guter AZ
19:45 3 Jahre, erkältet seit vier Tagen, kein Fieber
19:55 7 Jahre, Penisspitze gerötet, seit vier Tagen, Balanitis, Umschläge

Anmerkungen:
(1) Dies ist die Uhrzeit des Eintreffens des Patienten, wie lange die Patienten warten oder wie lange ich pro Patient brauche, lässt sich hier nicht rekapitulieren
(2) Das ungefähre Alter, ich habe auf das halbe Jahr aufgerundet, Geschlecht ist uninteressant
(3) Genauere Therapieangaben habe ich hier nicht gemacht, ist ja nicht Thema.
(4) Achso: Wir sind zu zweit im Notdienst, der Kollege hat ungefähr die gleiche Geschwindigkeit wie ich, also kann man nochmal soviel Patienten dazuzählen.

Übrigens ein durchschnittlicher Dienst. Wir haben auch schon nur die Hälfte da gehabt, aber sicher auch 50% mehr. Immerhin gab es (bei mir) keine Einweisung, also für die Kinder: Ein erfreulicher Dienst.

Bild Download hier

Die Vorsorgeuntersuchungen – U7a

pexels-photo-220574

Was machen wir bei Kindern mit drei Jahren?
– Körpermaße mit Blutdruck
– Sehtest
– Diverse Fragebögen an die Eltern
– Sprachtest zum Wortschatz
– Diverse Steck- und Klötzchenbauspiele
– Körperliche Untersuchung

Das ist schon ein ganz ordentliches Programm in diesem Alter, aber der Tatsache geschuldet, dass bei der U7a in aller Regel die Kinder erstmals so richtig mitmachen. Wenn sie mitmachen. Denn mit drei Jahren verharren manche noch gerne im Trotz- und Trollalter, bewegen sich erst zögerlich aus ihrer Kleinkindrolle hinein ins Kindergartenalter.

Kindergartenkind bedeutet, erste Aufgaben zu übernehmen und selbständig etwas zu tun, also z.B. sich an- oder auszuziehen, Tisch zu decken oder Wäsche zusammen zu legen, im Garten helfen, in der Werkstatt, beim Kochen helfen. Und zwar, das ist wichtig: Diese Aufgaben mitzumachen, auch wenn das Kind die Lust verliert, also auch eine Aufgabe zu Ende zu bringen. Natürlich alles im überschaubaren zeitlichen Rahmen.

Die Sprache: Ein wichtiger Entwicklungsschritt. Dreijährige dürfen jetzt einen grossen Wortschatz haben, auch längere Sätze bilden, sie sollten – so fragen die Kinderrichtlinien – auch von anderen gut verstanden werden. Dabei spielt es keine Rolle, wenn so manche Konsonanten noch sehr unsauber gesprochen werden oder auch gar nicht. Das /K/, das /G/, das /R/, allemal das /S/ und /SCH/ werden erst später gebildet. Üben können das die Eltern sowieso nicht, insbesondere zweisprachige Familien dürfen weiterhin ihre Muttersprache üben. Die Kommunikation steht an vorderster Front, noch nicht die absolute rhetorische Feinrede.

Motorisch darf ein/e Dreijährige/r jetzt auf einem Bein stehen, von einer Treppenstufe hüpfen, schon mal das Laufrad oder Dreirad beherrschen und natürlich selbständig Essen. Mit einem Stift werden einfache Formen nachgemalt, meist aber noch Kritzelkratzel, die Stifthaltung ist egal. Knöpfe können zugemacht werden (wenn sie groß genug sind und überhaupt vorhanden), Puzzle sind eine einfache Aufgabe, Steckspiele werden langweilig.

Und der Spaß beim Kinderdok, denn das wollen ja alle hier lesen? Die U7a macht Spaß, so die Kinder den Schritt ins Kleinkindalter nicht verpasst haben, sondern noch im egozentrischen Weltbild verharren. Sie fangen jetzt an, Dinge zu präsentieren, stolz zu sein, setzen problemlos kleine Aufforderungen um und benennen viele Bilder auf unserem Sprachbogen. Endlich sagt einmal ein Kind, es möchte jetzt noch nicht gehen, weil die Untersuchung so Spaß gemacht hat. Die wenigen, die an diesem Tage nicht so begeistert sind, kommen einfach nach einem Monat wieder und – Oh Wunder! – plötzlich klappt alles problemlos. Tagesform ist etwas Wunderbares.

Aus dieser Reihe:
Die Vorsorgeuntersuchungen – U1
Die Vorsorgeuntersuchungen – U2
Die Vorsorgeuntersuchungen – U3
Die Vorsorgeuntersuchungen – U4
Die Vorsorgeuntersuchungen – U5
Die Vorsorgeuntersuchungen – U6
Die Vorsorgeuntersuchungen – U7

(c) Bild bei pixabay/titoikids (unter CC0-Lizenz)

Ein Sturz, … und die Ärzte versammeln sich

blue-light-73088_960_720

Jugendlicher, 14 Jahre alt, stolpert in der U-Bahn und stösst sich an der Stuhllehne den rechten Rippenbogen. Es entsteht ein blauer Fleck. Was passiert dann?
– Tag 1: Jugendliche stellt sich in der (Erwachsenen-)Notfallpraxis vor. Kontakt zu einem Allgemeinarzt (Doc 1). Dokumentiert das Hämatom und verweist an die Unfallchirurgie im Haus.
– Gleicher Tag: Vorstellung Unfallchirurgie bei Doc 2: Bestätigt o.g. Befund, verzichtet auf Röntgenbild, empfiehlt „morgen Kontrolle bei Kinderarzt“.
– Tag 2: Vorstellung bei niedergelassenem Unfallchirurg (Doc 3), weil immer noch Schmerzen. Bestätigung des o.g. Befundes. Empfehlung: Vorstellung beim Kinderarzt „um mal abzuhören“ (sic!)
– Tag 3: Vorstellung bei Kinderdok (Doc 4) – Auskultation ohne Befund. Hämatom wie oben (ca. 2-Euro-Stück-gross), weiter Schmerzen an der Stelle. Beratung, Ibuprofen bei Bedarf, Bitte um Wiedervorstellung *nur* bei Atemnot.
Frage der begleitenden Mutter: „Sollen wir dann morgen doch nochmal in die Klinik zum Röntgen? Zur Sicherheit?“

Ich habe verneint.

Was würde passieren, wenn Patienten bei jeder Arztvorstellung eine Gebühr zahlen müssten? Was wäre passiert, wenn der erstbehandelnde Allgemeinarzt eben nicht nach forensischem Sicherheitsstreben gehandelt hätte, sondern mit gesundem medizinischen Sachverstand? Und die Harmlosigkeit eines kleinen Hämatoms hervorgehoben, den absehbaren Verlauf geschildert, eine Schmerzmedikation verordnet und Empfehlungen zur Dringlichkeit einer Wiedervorstellung gegeben hätte, sprich: Eine Beratung durchgeführt hätte? Fahrradkette.

(c) Bild bei Pixabay/geralt (Creative Commons CC0)

Diagnosen-Top-Ten

list-2389219_960_720Die TopTen der akuten Vorstellungen in diesen ersten zwei Monaten 2018. Wen es interessiert.

Fieberhafter Grippaler Infekt* 778 Fälle
Luftwegsinfektion 507 Fälle
Gastroenteritis 83 Fälle
Harnwegsinfektion 76 Fälle
Bronchitis beim Kind 70 Fälle
Husten 51 Fälle
Pneumonie 44 Fälle
Otitis 42 Fälle
Konjunktivitis 38 Fälle
Bauchschmerzen 29 Fälle
.
.
.
Scharlach 16 Fälle

Bevor jetzt alle anfangen zu rechnen: Es gibt noch x andere Diagnosen, Patienten kommen oft wegen der gleichen Diagnose häufiger, und manche Patienten haben mehrere Diagnosen. Verdachtsfälle („Verdacht auf…“, z.B. bei Pneumonie oder Harnwegsinfektion) gehen ebenfalls mit in die Statistik ein.
Aber die Relation ist eindeutig.

*Wir machen übrigens keine Influenza-Abstriche. Sie sind irrelevant für die Therapie, wir sind keine Studien- oder Sentinelpraxis und kein Gesundheitsamt.

Die Zähne und die Küsschen

Jumping in Puddles

Sie haben ihren drei Mädchen und zwei Jungs lustige Namen gegeben, jede/r drei davon. Immer beim Aufruf der Karteikarte frage ich mich, ob sie das gemacht haben, damit sich die Kids später einen der drei als Lieblingsnamen aussuchen können. Es gibt viel Ypsilons in den Namen, viele anglophile Anleihen und ein oder zwei französische (für die Mädchen).

An den Zähnen kannst Du einiges erkennen. Nur die Mädchen, ganz Klischee, haben noch keine überkronten Milchzähne. Der älteste Sohn hatte bereits zwei Zahn-OPs hinter sich, jetzt in der Grundschulzeit wurden diese in die Ferien verlegt, damit er nicht soviel vom Unterricht verpasst. Da fehlt er nämlich oft genug, weil er die ganzen banalen Infekte mitfährt, die ihm die jüngeren Geschwister aus dem Kindergarten anschleppen. Auf wundersame Weise war er in seiner Kleinkindzeit kaum krank, jedenfalls habe ich ihn da kaum gesehen, vielleicht war die Familie aber vorher bei einem anderen Kollegen.

Das erste Mal sah ich sie vor vier Jahren. Da gab es nur vier von ihnen, Nummer fünf ist erst vor zwei Jahren zur Welt gekommen. Die vier saßen wie die Hühner auf der Stange auf der Untersuchungsliege, null Angst vor dem Doktor, sehr lieb und freundlich alle vier machten sie einer nach dem anderen den Schnabel auf, um den Rachen zu inspizieren (diese Zähne!) und ließen sich brav abhören. Immer hatten sie alle das Gleiche, mal fing der Kleinste an, mal ein mittlerer, selten eben der Große. Und Mutter saß stets daneben, genauso verrotzt.

Mama ist immer krank und ist gar nicht übergewichtig, wie es das Klischee verlangt. Blaß ist sie, dunkle Augenringe, sehr dünn. Der bescheidene pädiatrische Blick sieht eine erwachsene Anorektikerin vor sich, aber immerhin fünf Kinder bekommen. Die Pfunde trägt der Vater in der Familie, sicher drei Zentner, verteilt auf knappe zwei Meter. Er erzählt stets von sich, wie krank er sei, was er alles arbeiten müsse, dass er demnächst viel Geld erben werde. Dann wird alles anders.

Der Kontakt mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst begann nach der Geburt des letzten Kindes, die amtliche Mitarbeiterin meldete sich über e-mail, eine Schweigepflichtsentbindung sandte sie gleich mit. Die jüngeren seien seltener in den Kindergarten gekommen, der älteste habe so einige Fehltage in der Schule. Zuhause sehe es aus wie „d´Sau“, sagt die amtliche Mitarbeiterin, und Nachbarn sei der Krach aufgefallen im Haus. Kinderkrach. Nein, die Eltern habe man nicht gehört. Vielleicht noch den Hund, aber was kann man da schon machen? Hunde bellen nun einmal.

Die Anfragen sind immer die gleichen: Kommen die Eltern mit den Kindern regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen? Sind alle Impfungen erfolgt? Ob ich Vernachlässigungsspuren sehen würde? Oder gar Misshandlungszeichen? Seien die Kinder schlecht genährt? Wie sind die Zähne?

Ich denke an meine Impfgegnereltern, die eigentlich gar nicht mehr in meine Praxis kommen, deren Kinder aber weiter nicht geimpft sind. Ich denke an meine schlechtdeutschsprachigen Miteltern, die nicht verstehen, dass eine Vorsorgeuntersuchung nur in bestimmten Zeiten stattfinden darf und danach eben nicht mehr. Die Zähne mancher Kinder sind kaputt, weil Süßgetränke und Flasche und Schnuller, und Zähneputzen ist so nervenaufreibend, weil „er mag das nicht“. Und ich denke, dass ich weiß, dass das Zusammenkommen vieler Indizien und Aufpoppen einzelner hellhörig werden lässt.

Bei dieser Familie? Ja: Die Zähne. Und die Vorsorgen werden gerne mal „vergessen“. Und bei No. 2 fehlen noch alle Impfungen jenseits des ersten Geburtstags, dafür sind No. 4 und 5 wieder komplett durchgeimpft. Außerdem kommen sie, wenn die Kinder krank sind, auch wenn ich dann mehr über Beruf und Krankheiten des Vaters („ich habe da diese Beule am Ellenbogen, könnten Sie mal kurz?“ – „Äh, nein.“) erfahre als über die Schulperformance des Ältesten. Die amtliche Mitarbeiterin möchte, dass der Große jetzt jedesmal vorgestellt wird, wenn er wegen Krankheit nicht in die Schule kann, „um das im Blick zu behalten“. Ich denke mir, damit werde ich als Arzt zum Amt und der Große nicht schneller gesund. Und Verantwortung zeigen die Eltern auch so genug.

Die fünf lachen jedes Mal, wenn sie bei mir sitzen, wie die Hühner auf der Stange. Auch wenn das Lachen zahnlückig ist. Die Großen helfen den Kleinen beim Anziehen. Jedes Mal. Und jedes Mal gibt es am Ende ein Küsschen von der Mama oder ein liebes Wort vom Papa. Wie toll sie bei mir mitgemacht haben und wie lieb sie waren. Für jeden der fünf.

 

(c) Bild bei flickr/Jimee, Jackie, Tom & Asha: Jumping in Puddles (CC Lizenz BY-SA 2.0)

Die Vorsorgeuntersuchungen – U7

portrait-child-hands-57449

Die U7 oder „Die unbeliebteste Vorsorgeuntersuchungen aller“ oder „Heute gehts schnell“ oder „Seufz“.

Marc-Anton schreit bereits die gesamte Praxis zusammen, im Zimmer zum Vermessen redet die „Tante“ (die fMFA) und die Mutter mit Engelszungen auf den Kerle ein, damit er sich wenigstens für ein Sechzehntel einer Sekunde vor den Körpermessstab stelle. Das Wiegen auf der Waage gelingt auf dem Arm der Mutter, die dafür aber das eigene Körpergewicht preisgeben muß (Gesamtgewicht minus Muttergewicht… schon klar, oder?).
„Viel Spaß“, grinst meine fMFA, „ich war schon die doofe Tante, jetzt gehört er ganz Ihnen, Chef.“ – „Heute gehts schnell“, denke ich hingegen und betrete das Untersuchungszimmer. Die U7 ist bei allen Beteiligten die unbeliebteste Vorsorgeunteruschungen aller, die Mutter ist angespannt, dass das Bobele ausreichend korrekt performed, der Doktor versucht, all seine Motivationskünste aufbieten zu können, und Marc-Anton selbst bewegt sich irgendwo im kindlichen Bermudadreieck der Trotzphase, der Selbstbestimmung, und dem Gefallen der Mutter. Vor allem aber hat er keinen Bock. Angst hat er nicht.

„Komm, Marci, hab´ keine Angst, der Mann tut Dir nichts“, versucht die Mutter des Sohnes Gebrülle zu durchdringen. „Wissense, seit der Impfungen hat er immer sooo eine Angst vor den Ärzten. Und dann war er ja letztens bei dem Vertretungsdoktor, das fand er gar nicht gut und beim Zahnarzt hat er den Mund auch nicht aufgemacht.“ Ja. Aber das kennen eigentlich alle Kinder, und alle Kinder sind unterschiedlich. Ich kenne meine Pappenheimer bei der U7, und die haben erstmal einfach keine Lust. Gut, wenn sie wenigstens zuhause auf das Geschehen beim Kinderarzt vorbereitet werden.

„Ich habe schon extra nicht gesagt, dass wir heute zu Ihnen kommen“, sagt die Mutter,  „sonst wäre er gar nicht erst ins Auto eingestiegen“.

Was versuche ich also bei der U7? Nach dem erfolgreichen Bestimmen der Körpermaße (Gewicht, Größe, Kopfumfang – bei guter Stimmung gibts einen Blutdruck als Bonusgabe) wird improvisiert: Hochgestimmte Kinder wie Marc-Anton bleiben erstmal bei Mutter (oder Vater) auf dem Schoß sitzen, wir machen smalltalk. Seit wann läuft das Bobele (bis 18 Monate? Alles gut), was plappert er schon (Zweiwortsätze und viele viele Einzelworte? Prima), isst er schon alleine am Tisch mit, bestenfalls mit Messer und Gabel und wird vor allem nicht gefüttert. Geht das Spielen inzwischen ins Miteinanderspielen über, weg vom Parallelspiel oder Bespieltwerden? Ja, alles prima. Treppensteigen? Check. Bobbycar oder Dreirad? Ja. Noch Windel tags und nachts? Normal. Mehr „Ich“-Sagen als „Marc-Anton“? Ok. Das klingt doch alles bestens.

Inzwischen hat sich der Held ein wenig runtergefahren, er hat es sich auf dem Schoß der Mutter gemütlich gemacht, wirft mir ab und zu einen Blick zu, erwidert mein Grinsen oder Augenzwinkern. Dann zünden wir mal die nächste Stufe. Ich rutsche mit dem Rollhocker näher an den Mann heran, reiche ihm mein Stethoskop (oder die Spatel oder Klötzchen oder die Bilderkarte). Nimmt er es, prima. Kriecht er wieder in die Mutter hinein, Geduld. So nähern wir uns langsam aneinander an. Die körperliche Untersuchung ist dabei echt zweitrangig, in diesem Alter sehe ich die Kinder meiner Praxis sowieso fünf- bis zehnmal pro Jahr, die Infekthochzeit, dank der Kita ab einem Jahr sogar noch häufiger. Aber ein kurzes Auskultieren muss sein, allein schon für die Eltern, ein Blick auf den Zahnstatus, ein Blick auf das Laufbild und natürlich ein Blick zu den „private parts“, die Hoden müssen jetzt am allerallerallerendgültigsten „unten“ tastbar sein. Nebenblicke gelten dem Pflege- und Ernährungszustand des Kindes, Hauptblicke der Interaktion zwischen Mutter/Vater und Kind.

Die Sprache wird – wenn Marc-Anton nicht redet – per Fragebogen abgeprüft, da gibt es ganz gute Vorgaben, die die Sprachentwicklung prognostisch erschließen. Plappert der Proband, ist es am einfachsten: Da braucht es keine Statistiken oder Wortmengen, sondern einfach nur das erfahrene Pädiaterohr. Der Anteil der so genannte „latetalker“, also Kindern, die erst später mit der spontanen Sprache starten, ist relativ hoch, vor allem bei den Jungs. Sie gilt es zu erkennen und eventuell noch vor der nächsten Vorsorgeuntersuchungen U7a zu überprüfen. Eine relevante Sprachverzögerung benötigt bereits jetzt eine weitere pädaudiologische Abklärung und eine Sprachförderung im Kindergarten, manche sogar eine logopädische Förderung von Kind und Eltern (z.B. das Heidelberger Elterntraining).

Überflüssig zu sagen, dass ich den Impfstatus überprüfe, in aller Regel lief die letzte Impfung mit fünfzehn Monaten, in seltenen Fällen, wenn das Kind dauerkrank war oder aus anderen Praxen oder Städten zu uns gewechselt ist, ist die eine oder andere Impfung nachzuholen. Das machen wir an einem neuen Termin. Da Marc-Anton von der heutigen Untersuchung nichts wusste, kann ich davon ausgehen, dass auch eine Impfung nicht angekündigt wurde.

Marci und ich sind heute keine Freunde mehr geworden. Das Ablehnen ging zum Ende in einen stillen Schmollmund über, was soll´s? Die Mutter ist selbst mit seiner Entwicklung zufrieden, warum sollte ich es also nicht sein? Und eines ist sicher: Die grössten Trotzer sind später die witzigsten U8- und U9-Patienten.
Also: Meist.

Aus dieser Reihe:
Die Vorsorgeuntersuchungen – U1
Die Vorsorgeuntersuchungen – U2
Die Vorsorgeuntersuchungen – U3
Die Vorsorgeuntersuchungen – U4
Die Vorsorgeuntersuchungen – U5
Die Vorsorgeuntersuchungen – U6

(c) Bild bei pixabay (CC0 Lizenz)

Der Fünf-Minuten-Grippeappell

Wir ertrinken in Patienten, in besorgten Eltern, in Husten, Schnupfen, Fieber, „so krank war er noch nie“, „wird denn das gar nicht besser“ und „wir machen uns Sorgen“. Das Personal ist am Limit, selbst dezimiert wegen eigener Rotzenasen oder eigener -kinder, die Kindergärten machen Kleingruppenunterricht oder schließen komplett, weil die Erzieherinnen fehlen. Die Schulen verlangen Krankenatteste wegen der Grippewelle, als merke man dasnichtauchso bei dem Hustengeräuschepegel im Unterricht. Geplante Termine wie Impfungen oder Vorsorgeuntersuchungen versuchen wir auf ruhigere Monate zu verschieben, wenn das geht (aber Säuglings-Us kannst Du eben nur jetzt machen), damit die Gesunden sich bei uns nichts holen, die erhaltenen Termine zu Impfungen und Vorsorgen werden nicht wahrgenommen (aber auch nicht abgesagt), die Kinder waren eben kurzfristig krank (und das Telefon wohl defekt). Die fMFA schichten mit Früh- und Spätdienst, teils mit „Kernzeit“, um den größten Run abzufedern, wir Docs schaffen sogutesebengeht durch, in den letzten drei bis vier Wochen mit einer Wochenarbeitszeit von ca. 50-60 Stunden. Die ersten drei Tage der Woche sind die schlimmsten, kein Feierabend vor 20 Uhr, Montag kommen die „vom Wochenende krank“ und die „Kinder-Krank-Schein“-Nachfrager, Dienstag die Verschobenen vom Montag, Mittwoch die Vertretungen, Donnerstag ebbt es kurz ab und Freitag schließlich die „vor dem Wochenende, falls es schlimmer wird“. Alle sind sie krank, keine Frage, am Telefon versuchen die fMFA, in der Triage die dringlichsten Fälle herauszufiltern, aber wer will das am Telefon schon entscheiden? Sie versuchen, allen Termine zu geben, heute oder gleich morgen, vielleicht erst um Neunzehnvierzig (was sollen wir schon machen), bitten um Geduld und Entschuldigung, bekommen Verständnis und Ungeduld. Auch wenn sich die Fälle wiederholen, auch wenn die Eltern nach den berühmten drei Tagen erneut kommen, weil „immer noch nicht besser“ („ja, aber eine Grippe dauert nun mal sieben bis zehn Tage“ – „ja, schon, aber  können Sie nicht doch ein Antibiotikum…?“), auch wenn für *jede* Familie ihr *eigenes* Kind das wichtigste ist und der Drehpunkt aller Krankheiten:

Leute…! Es. Sind. Alle. Krank. Und alle wollen Rettung.

Und Leute…! Es wird besser. Es wird immer besser. Jedes. Jahr.

(c) Bild bei Flickr/William Brawley (Creative Commons CCBY2.0)

Sprich beim Impfen mit Deinem Kind

Was Eltern vor einer Impfung manchmal so sagen:
– „Du kriegst heute keine Spritze.“
– „Der Doktor macht gar nichts.“
– „Entschuldigung, mein Kind, aber die Mama lässt Dich heute ärgern.“
– „Stell Dich nicht so an, sonst gehen wir eben wieder und müssen nochmal wiederkommen.“
– „Komm jetzt her, sonst impft der Doktor Dich in den Po/ sonst bekommst Du noch eine.“
– „Du Heulsuse/ Jammerlappen/ Weichei.“
– „Wenn Du heulst, gibts aber keine Belohnung.“
oder das Bobele wird gar nicht vorbereitet, weiß nichts vom Impfen und wird überrumpelt. Auch nicht fein.

Was Eltern besser vor einer Impfung sagen sollten:
– „Die Impfung wird Dir helfen, gesund zu bleiben.“
– „Heute gibt es eine Impfung und beim nächsten Mal keine. Mama/ Papa wird das immer sagen.“
– „Das tut kurz weh und dann ist es wieder gut.“
– „Du darfst gerne weinen, ich tröste Dich dann.“
– „Nachher gehen wir ein Eis essen/ ein Lego/ Gummibärchen kaufen.“
und vor allem bereite man das Bobele vor, zuhause, vielleicht am Tag davor, auf jeden Fall vor dem Losfahren daheim und nicht erst bei Betreten der Praxis.

Je nach Alter des Kindes darf auch über den Sinn einer Impfung aufgeklärt werden. Dabei solltet Ihr Ich-Botschaften vermitteln, dass also Ihr selbst die Impfung gut findet und nicht „weil man das eben so macht“ oder „der Doktor das will“.
Neben der Sprache ist das Nonverbale mindestens ebenso wichtig:
– Säuglinge werden im Arm gehalten (der Doktor findet schon Platz zum Impfen) und bekuschelt, vielleicht gefüttert (gestillt, auch etwas Zuckerlösung kann helfen).
– Kleinkindern sitzen auf dem Schoß der Eltern (sogar Jugendliche finden das manchmal beruhigend). Ablenkung ist ok: Kuscheltier, Seifenblasen, Pfeifen, Singen, Abzählreime.
– Impfen sollte immer vorbereitet werden, die eigentliche Aktion darf dann aber zügig vonstatten gehen, im Zimmer ist eine ausführliche Erklärung überflüssig und „steigert nur die Spannung“.
– Belohnungen dürfen auch gleich mitgebracht werden. Der Doktor hat vielleicht auch was da.
– Pflaster sind überflüssig und tun beim Entfernen weh. Außerdem kann eine Reaktion auf Pflaster an der Haut entstehen. Wir lassen sie meist weg, außer Kinder möchten sie zur Belohnung haben.

Achja: Mit Impfungen wird auch nicht gedroht. Zitat: „Jetzt mach endlich den Mund auf, sonst kommt der Doktor mit einer grossen Spritze.“
Doch. Ja. Das gibt es im Jahre 2018.

(c) Bild bei pixabay/myriam-fotos (CC0-Lizenz)

Vorherige ältere Einträge