Filterblase: Wenn Eltern anders entscheiden.

Aus aktuellem Anlass mache ich mir wieder mal Gedanken, vorher Eltern Informationen bekommen und wem sie vertrauen und nicht vertrauen. Gerade bei Neugeborenen, wenn es um das Vitamin K, die Fluorid- und Vitamin-D-Gabe und Impfungen geht, vertrauen Eltern gerne anderen Quellen als den Medizinern. Warum ist das so?

Ungefiltert informieren?

Unbestreitbar herrscht Unsicherheit vor, geboren aus Unwissen, schließlich kann man sich nicht über alles informieren oder Informationen filtern. Wenn wir Eltern werden, müssen wir mit einem Mal Experten werden für Dinge, die in den Jahren zuvor völlig unwichtig waren. Wir müssen Pädagogen werden, müssen Mediziner werden, müssen Ernährungswissenschaftler und Pflegekräfte werden. Das überfordert uns. Eigentlich wollen wir Eltern doch nur gesunde Kinder und diese gesund erhalten.

Also fangen wir an zu lesen. Im Internet, in Ratgebern, in offiziellen Broschüren der BzgA oder vom Kinderarzt. Wir bekommen Bücher empfohlen von anderen Müttern, von Hebammen oder über die Amazon-Bestenliste. Alles ungefiltert für uns und vorgefiltert durch andere, wie viele Dinge heutzutage. Schnell entstehen Fakenews, schnell befinden wir uns in einer Filterblase. Ist die Hebamme esoterisch geprägt, bekommen wir entsprechende Bücher, unterhalten uns mit gleich gesinnten Eltern, bekommen wir gleichgesinnte Homepages empfohlen.

Vielleicht ist auch ein bisschen Skepsis oder gar Protest dabei. Die etablierte Medizin ist im gültigen Zeitgeist korrupt, überwissenschaftlich, will alle mit Medikamenten zudröhnen („Vollpumpen“ ist ein beliebter Begriff) und arbeitet undifferenziert, weil schulmeisterlich schulmedizinisch. Wir möchten alles anders. Anders bedeutet heute „natürlich“, natürlich heißt ohne alles, also auch ohne Medikamente, ohne Vitamin K, Vitamin D, Fluorid, Impfungen, Antibiotika, alles Errungenschaften der Medizin, die die Säuglingssterblichkeit haben sinken lassen.

Als Kinderarzt kann ich nur auf Aufklärung setzen. Ich kann informieren, ich kann seriöse Quellen nennen, und steuere trotzdem die Eltern in meine eigene Filterblase, diesmal die wissenschaftliche, aus meiner Sicht natürlich die richtige. So prallen Welten aufeinander, vereinfacht die klischeehaft naturbelassene Hebammenwelt und die klischeehafte Medikamenten-, Maschinen- und Schulmedizinerwelt. Wofür entscheiden sich die Eltern, wenn sie beide Eltern als gleichberechtigt empfinden? Vielleicht für das Vermeiden, für das Nichtstun, für das Weglassen. Es scheint einen Tendenz im Zeitgeist zu geben.

Eine riskante Entscheidung, geboren aus dem Luxus der industrialisierten Welt: Dank der Einführung mancher Prophylaxen, wie Vitaminen, einschließlich der Impfungen, sind unsere Kinder gesünder als vor Jahrhunderten, die Säuglingssterblichkeit hat rasend abgenommen, die Krankheiten sind nicht mehr präsent. Viele Eltern entscheiden aus dem Bauch heraus, meist vom Hörensagen geleitet oder weil N=1 die leitende Statistik war. Beim ersten Kind hat’s doch geklappt, dann kann man es beim zweiten Mal auch so machen. Bei der Nachbarin hat’s funktioniert, also machen wir es auch so. Trifft die alternativ-esoterische Haltung nun noch auf die statistisch-wissenschaftliche (die ja immer fälschbar sei), geht gar nichts mehr.

Paternalismus?

Wir Mediziner neigen zum paternalistischen Verhalten, dem Folgen von Leitlinien, dem Zurschaustellen des Experten, wie wir hoffentlich als Mediziner wahrgenommen werden, und reagieren ungehalten oder unverständig, wenn Eltern sich anders entscheiden. Realisieren wir die Filterblase, in der sich die Eltern befinden, können wir die Denkweise eventuell durchbrechen. Dies braucht Zeit, noch mehr Informationen, aber auch Vertrauen in unsere Empfehlungen.

Ich gebe zu, dass ich in meiner Praxis oft rigoros reagiere: Impfgegner dürfen nach wiederholten Beratungsgesprächen und fortgesetzter Resistenz die Praxis verlassen, wer das Vitamin K bei U3 abgelehnt hat, wird gleich rausgeworfen, ich halte das für unverantwortlich. Da bin ich paternalistisch par excellence. Vielleicht eine Schwäche meinerseits, aber ich kann eben auch nicht aus meiner Filterblase und muss abends noch in den Spiegel schauen können. Ich sehe mich als Anwalt des Kindes. Auch wenn die Eltern die letzte Verantwortung haben, die ich Ihnen nicht abnehmen kann, steht die Empfehlung zum Schutz des Kindes an oberster Stelle (und der Schutz anderer Kinder, wenn wir von Impfungen sprechen).

Vermutlich gibt es keine befriedigende Lösung der Positionen. Ich kann mich als Mediziner, gerade als Kinderarzt, nicht altruistisch der Position ablehnender Eltern beugen, denn beide, Eltern und ich, sehen in unseren Entscheidungen das beste Wohl für das Kind. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber nur in gemeinsamer Überzeugung, die aber immer einer Durchsetzung meiner Meinung gleichkäme.

Patienten und Ärzte sollen heutzutage™️ Partner sein, gemeinsam Entscheidungen für die Gesundheit treffen. Leider sind die Player, auf dem Gebiet der Gesundheit inzwischen so vielfältig, oder sollen wir sie lieber Influencer nennen?, dass es schon lange keine duale Begegnung mehr ist, und damit der informativoffene Austausch zwischen Patient und Arzt kaum noch gelingen kann. Ich persönlich kann nur tagtäglich auf das Vertrauen der Eltern setzen, dass wir Kinderärzte alles zum Wohlergehen und der Gesundheit der Kinder tun, es gibt keine niederen Beweggründe für unsere Empfehlungen.

„Würden Sie das Gleiche empfehlen, wenn es Ihr Kind wäre?“ Aber sicher.

(c) Bild lizenzfrei bei pixabay/Jordan Holiday (Creative Commons CC0)

Durchblick

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Ich: „Und seit wann hast Du die Kopfschmerzen?“
Erik-James: „Jetzt am Wochenende und am Ende der Schule.“
Ich (nach zahlreichen neurologischen Anamnesefragen und entsprechender Untersuchung): „Dann solltest Du mal zum Augenarzt gehen, vielleicht brauchst Du eine Brille.“
Vater: „Oh, eine Brille hat er.“
Ich: „Achso?“
Vater: „Ja, schon seit einem halben Jahr.“
Ich: „Aber Du hast sie jetzt nicht dabei.“
Erik-James: „Soll ich nur in der Schule tragen oder bei den Hausaufgaben.“
Ich: „Warst Du denn heute in der Schule?“
Erik-James: „Ja.“
Ich: „Und jetzt hast Du wieder Kopfweh?“
Erik-James: „Ja, seit der sechsten Stunde.“
Ich: „Brille nicht getragen?“
Erik-James: „Nee.“
Ich: „Ok. Letzte Frage. Ich glaube, ich kenne schon die Antwort.“
Vater: „Ja?“
Erik-James: „Ja?“
Ich: „Warum hast Du denn Deine Brille vor einem halben Jahr bekommen?“
Erik-James: „Ich hatte immer so Kopfweh…“

(c) Bild bei Pixabay/RondellMelling (Creative Commons)

Eine Frage der Haltung

Teens

Seitdem wir vermehrt in letzten Jahren die neuen Vorsorgen U10 und U11 mit 7/8 Jahren bzw. 9/10 Jahren durchführen, haben wir auch größeres Augenmerk auf die Körperhaltung der Kinder. Frühertm sahen wir viele unserer Patienten im Grundschulalter seltener, zur Vorsorgeuntersuchung sogar erst wieder im Jugendalter mit der J1 (ca. 12/13 Jahre).
Dabei ist das spätere Grundschulalter mit teils beginnender Pubertät und dem damit verbundenen Wachstumsschub eine sehr filigrane Zeit, die an der Wirbelsäule einiges kaputt machen kann, wenn die Kinder, die Eltern und letztendlich wir nicht aufpassen.

„Haltung“ ist ein unschätzbares Gut. Auch wir Eltern haben das von unseren Eltern gehört: „Sitz gerade, halte Dich gerade, Dein Rücken wird krumm, wie lümmelst Du schon wieder rum?!“ und dergleichen. Das hat seine medizinische Berechtigung, auch wenn unsere Eltern vielleicht eine anderes Motiv für ihre Forderungen hatten. Wer rumlümmelt, hat schließlich auch eine schwache Haltung dem Leben gegenüber. Naja.

Bereits Anfang dieses Jahrtausends beschäftigten sich Orthopäden und Pädiater mit dem Einfluss von Medien auf die Haltung der Kinder, da waren Handys noch gar nicht so verbreitet – weitere Studien hierzu werden nicht lange auf sich warten lassen.
Was auf jeden Fall bei den o.g. Vorsorgeuntersuchungen offensichtlich wird: Wer Sport treibt, hat die deutlich bessere Körperhaltung, egal, ob es sich um eine Fußballerin dreht oder einen Ballettänzer. Frage ich immer: „Was machst Du sonst in Deiner Freizeit? Sport? Musik?“ Schade, wenn dann als Antwort kommt, man habe keine Zeit für so etwas. Diese Kinder und Jugendlichen sind meist nicht nur dicker als andere, sie sind vor allem unbeweglicher, haben einen schlechteren (Einbein-/Zehen-)Stand und versagen in einfachsten Koordinationsübungen (Hampelmann, Seitsprung oder Balancestand). Die Rückenmuskulatur ist schwach ausgebildet, dadurch die Führung der darunterliegenden Wirbelsäule eingeschränkt, kommt nun noch eine wenig beachtete Grundhaltung dazu (bei Hausaufgaben, in der Schule, Tragen einer Schultertasche), entstehen Haltungsschäden, die sich bei J1 in Skoliosen oder Rundrücken zeigen.

Achtet mal auf Eure heranwachsenden Kids, insbesondere beim Übergang ins zweite Lebensjahrzehnt, wenn der erste Wachstumsschub kommt, sich die ersten sekundären Geschlechtsmerkmale zeigen: Viele Jugendliche halten sich an sich selbst fest, d.h. sie verschränken die Arme, sie stützen sich mit einer Hand in der Hüfte ab, sie schieben die Hände in die Hosentaschen (vorne oder hinten, oder wie letztens gesehen, eine vorne, eine hinten). Das mag zunächst wie Schüchternheit wirken, wie Unzufriedenheit oder Unsicherheit mit dem eigenen Körper, vielfach ist es aber eine schwach ausgebildete muskuläre Grundhaltung. Sportler, insbesondere Kampfsportler, aber auch Tänzer- und Tänzerinnen oder Chorsänger stehen ganz anders da, weil ihre Betätigung das so fordert.

Brust raus, Nase hoch, Schultern ein wenig zurück (ohne gleich ins Hohlkreuz zu verfallen) sind einfache Ausrichtungen, um den Kindern eine gute Körperhaltung zu demonstrieren. Wer sich sonst schwer tut, stellt sich in einen guten Stand, nimmt die Arme gerade nach oben und hält sie dann waagerecht nach rechts und links. Nach einer kurzen Ausrichtung lässt man jetzt die Arme langsam zu beiden Seiten des Körpers herabsinken, ohne die Schultern nach vorne zu verschieben – et voilà, das ist eine gerade Grundhaltung. Probiert es mal aus.

Haltung hat natürlich etwas mit Haltung zu tun, mit Selbstvertrauen, mit eigener Meinung und eigener Haltung zu den Dingen. Präsenz in einer Gruppe geht mit Körperhaltung einher, nicht mit Hochnäsigkeit, sondern mit Standfestigkeit, mit einem guten sicheren Blick auf die Welt. Als Eltern sollten wir das vorleben, nicht mit verbalen Ermahnungen, nicht so rumzulümmeln, sondern mit einer eigenen Geradlinigkeit und Rückgrat.

(c) Bild bei Flickr/Leslie Duss (unter CC Lizenz)

Tolle Spritze

thumbs up

Mutter, Kinderdok, Bobele (knapp sechs Jahre alt) – Letzterer strahlt mich an, als er durch die Türe kommt.

Bobele: „Oh, das ist aber alles schön bunt hier.“
Ich: „Äh … ja, danke!“
Mutter: „Ja, er ist grad auf dem Loben-Trip. Alles ist toll und schön.“
Bobele: „Wow, das ist aber eine tolle Liege.“
Mutter: „Sehen sie?“
Ich: „Spitze. Mensch, Bobele, du bist aber nett zu den Leuten.“
Bobele grinst sich eins.
Ich: „Ok. Trotzdem gibts heute eine Impfung. Weißt du ja.“
Bobele: „Klar. Kein Problem.“
Ich: „Ok, also, Achtung. Eins – zwei – drei. … fertig.“
Bobele verklemmt sich eine Träne: „Aua. Das hat aber jetzt … “
Kurzes Schlucken.
Bobele: „Das hat gar nicht weh getan.“
Ich: „Siehste. Du warst richtig tapfer.“
Bobele: „Mmh. Ja. Das war eine gaaanz tolle Spritze.“

Schon recht, Bobele, jedes Loben darf mal ein Ende haben.

(c) Bild bei Flickr/Anthony Kelly (CC Lizenz)

Wenn Kinder Bauchweh haben, wird alles wichtig

Chronische Bauchschmerzen: Wichtige Beobachtungen für die Sprechstunde notieren

Chronische Bauchschmerzen haben meistens eine nicht-organische Ursache, doch ist es wichtig, dass der Kinder- und Jugendarzt die Beschwerden abklärt. Von chronischen Bauchschmerzen sprechen Experten, wenn diese seit mehr als zwei Monaten bestehen und die Bauchschmerzen mindestens viermal pro Monat auftreten.

Bei der Diagnose der Bauchschmerzen sind Beobachtungen der Eltern und die Auskunft der Kinder hilfreich. Kann Ihr Kind den Ort des Schmerzes nennen bzw. strahlt dieser aus? In welchen Zeiträumen treten die Beschwerden auf, und häufen sie sich zu bestimmten Tageszeiten oder nach dem Essen? Leidet das Kind unter Erbrechen? Wie ist der Stuhlgang – leidet Ihr Kind unter Durchfall, Verstopfung, ist Schleim oder Blut beigemengt? Wichtig sind auch die Ernährungsgewohnheiten: Trinkt Ihr Kind viel Milch oder Fruchtsäfte, isst es viel Früchte oder konsumiert es evtl. viel Süßstoff – z.B. über Getränke? Hat Ihr Kind Schluckbeschwerden? Oder quälen Ihr Kind irgendwelche Probleme? „Um dem Kinder- und Jugendarzt bei der Suche zu helfen, können sich Eltern zu diesen Punkten vor der Sprechstunde Notizen machen bzw. ein Protokoll führen. Darüber hinaus ist ein Protokoll der Ernährungsgewohnheiten sinnvoll, wenn eine Nahrungsmittelallergie vermutet wird“, empfiehlt Dr. Ulrich Fegeler, Kinder- und Jugendarzt sowie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats beim Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Ohne eine medizinische Bestätigung sollten Eltern auf keinen Fall ihrem Kind eine Diät auferlegen. Denn dadurch können Mangelerscheinungen begünstigt werden.

Sind in der Familie chronische Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Zöliakie bekannt, muss der Kinder- und Jugendarzt ebenso davon wissen. „Sind körperliche Ursachen unwahrscheinlich bzw. ausgeschlossen, handelt es sich bei den chronischen Bauchschmerzen um sogenannte funktionelle Bauchschmerzen. Ursache sind Stress (z.B. Ängste unterschiedlicher Art, Schlaflosigkeit, zu viel Bildschirmkonsum, familiäre Spannungen etc.). Dann ist es wichtig, die Ursachen aufzuarbeiten, damit das Kind lernt, damit umzugehen bzw. andere Auslöser zu vermeiden“, beschreibt Dr. Fegeler das Vorgehen.

Funktionelle Bauchschmerzen nehmen mit zunehmendem Alter ab. Ist bei den 3- bis 6-Jährigen noch fast jedes vierte Kind davon betroffen, leidet weniger als jeder fünfte Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren darunter.

Quelle: MMW Fortschritte der Medizin

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Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

Die Rettung allen Lebens

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Schon mal von dem Phänomen des „Großen Blutbildes“ gehört? Ärzte lieben es und treffen es tagtäglich in der Praxis an.

Wann immer ein Kind zweimal in vierzehn Tagen krank war, wann immer es ein wenig blässlich um die Nase wirkt, wann immer es zu dick, zu dünn, zu aufgedreht, zu ruhig ist, kommt die Frage nach einer Blutabnahme, nach dem erkenntnis- und heilbringenden Stich. „Ich glaube, sie hat was an der Schildrüse“, „vielleicht ist er ja allergisch“ und „Diabetes gibt es in der Familie“. Die Krönung des ganzen ist dann „Machen Sie doch mal ´Ein großes Blutbild`, wir haben noch nie Blut abgenommen, das kann es doch nicht sein!“

Doch, kann es. Ich hatte einen Oberarzt in der Facharztausbildung der die prägende Regel aufstellte „Untersuche nur das, was nötig ist und kreuze nur an, was Du später erklären kannst“. Anders gesagt: Blut abgenommen wird nur, wenn sich daraus ein Erkenntnisgewinn ergibt. Bin ich im Unklaren, ob es sich um eine virale oder bakterielle Infektion handelt? Habe ich Sorge, dass eine leukämische Reaktion der Grund für die tatsächlich offensichtliche Blässe des Kindes ist? Liegt vielleicht eine Thalassämie vor oder eine andere Anämie? Dann weist mich die klinische Untersuchung des Kindes in die entsprechende Richtung. Denn das kann „Das Große Blutbild“: Das Ergebnis der blutbildenden Organe aufzeigen – rote und weiße Blutkörperchen, deren Größe und Verteilung, die Blutplättchen. Keine Aussage zu anderen Organen, weder Leber, noch Niere, noch Schilddrüse.

Aber woher kommt die Vorstellung, dass das „Große Blutbild“ die Rettung allen Lebens sei? Ich kann mich erinnern, dass bereits meine Mutter vom Arzt kam mit den Worten „der hat ein großes Blutbild gemacht, alles ist gut“. In einigen Ländern ist eine regelmäßige Blutabnahme scheinbar tradiert, in Russland, in Polen wohl auch, keine Ahnung, ob das wirklich so ist, Familien von dort fordern das überdurchschnittlich häufig. Die Italiener suchen gerne nach Anämien, in arabischen Staaten sucht man nach Vitaminmängeln (die man nicht im „Großen Blutbild“ findet“).  (Kennt Ihr übrigens die Brüder im Geiste des „Großen Blutbildes“? – das sind „Die Blutsenkung“ und „Die Blutgruppe“.)

Vielleicht ist es in vielen Praxen wie mit den Rosa Rezepten – wer damit aus der Tür geht, wurde gut behandelt, wer nur ein paar warme Worte bekam und den Hinweis auf frische Luft und Hustentee, kann nicht gesund werden. Um Diskussionen zu verkürzen, macht der friedensliebende Doc eben „g´schwind ´n klaans Blutbuid“. Wenn der Kinderdok hingegen beim Kinde noch nie Blut abgenommen hat, scheint er wohl seine Arbeit nicht ernst zu nehmen.

Blutabnehmen kann traumatisierend für Kinder sein. Impfungen sind es schon genug. Warum soll ich also kleine Löcher in kleine Kinder bohren, womöglich unter Hilfe einer Arzthelferin, nur damit die Eltern zufrieden sind? Nichts anderes ist manchmal eine Blutabnahme: Schmerzen für das Kind, Beruhigung der Eltern. Ein kurativer Aderlaß. Aber ein unnötiger, wenn so inflationär durchgeführt, wie von Eltern gefordert. Bitte überlasst es uns, wann es nötig ist, „Das Große Blutbild“.

(c) Bild bei Flickr/PAHO (unter CC-Lizenz)

Stellen Sie immer offene Fragen, dann bekommen Sie mehr Auskünfte.

Question mark in Esbjerg

„Guten Morgen, na, was hat denn Ihr Bobele?“
„Das wollen wir von Ihnen wissen…“ — ja, Danke. Kenne ich schon.
„Und was führt Sie zu mir in die Praxis?“
„Der spuckt die ganze Zeit.“ — Im Moment nicht.
„Wie oft denn bisher?“
„Öfters schon.“ — So genau wollte ich es gar nicht wissen, doch, doch, eigentlich schon.
„Ja, ok, einmal seit heute morgen oder mehrmals?“
„Ziemlich oft.“ — Aha.
„Also häufiger als dreimal oder eher zehnmal?“
„Immer, wenn er was gegessen hat.“ — Jetzt kommen wir der Sache näher.
„Und wieviel hat er heute gegessen?“
„Der isst ja gar nichts mehr.“ — Falsche Fährte.
„Also hat er dann gar nicht gespuckt, wenn er gar nichts mehr isst und immer nur beim Essen spuckt?“
„Nenene, der hat schon ganz schön oft gespuckt.“ — Return to Zeile 4.
„Ok. Wann hat er denn zuletzt gespuckt?“ (Neuer Versuch, andere Fährte).
„Gestern abend.“ — Na dann.
„Und seitdem nicht mehr?“
„Nein. Aber essen tut er auch nicht.“

Und.so.weiter. Je.Des.Mal.
Hinweg mit allen Theorien zu offenen und geschlossenen Fragen. Manchmal wundere ich mich nicht, dass manche Kollegen gar nicht mehr mit den Eltern sprechen, sondern das Kind nur noch untersuchen und durchwinken oder einweisen.

(c) Bild bei Flickr/Alexander Henning Drachmann (unter CC.Lizenz)

Zweitmeinungen und Kollegialität

Ich möchte mich hier ausdrücklich bei allen Kolleginnen und Kollegen entschuldigen, denen ich in meiner Laufbahn bisher Inkompetenz angedichtet habe, sei es dem Unfallchirurgen, der beim Platzwundenähen vergessen hat, den Tetanusschutz des Patienten aufzufrischen, sei es dem Assistenten in der Kinderklinik, der das Extremfrühgeborene am Freitag abend nach Hause entlässt, sei es dem niedergelassenen Hausarzt, der dem Dreijährigen Cef.uro.xim-Tabletten verordnete. Nur so als Beispiele.

Es gibt immer Gründe dafür, wie man handelt. Sei es Stress am Arbeitsplatz, Stress durch den Vorgesetzten, Stress durch den Patienten oder Stress durch (in unserem Fall sehr oft) Angehörige. Jeder kann seine Kompetenzen überschreiten, ein gutes Fehlermanagement gehört zum Arztberuf dazu wie Rezepteschreiben. Nur lernen muß man aus ihnen.

Ich schicke genug Patienten auf die Reise, am Wochenende, im Notdienst, in Vertretung, deren weiteren Krankheitsverlauf ich nicht mehr im Auge haben kann, da sie in der Regel woanders betreut werden. Fehler mache ich genauso. Wie schön, wenn dann eine freundliche und kompetent sachliche Rückmeldung käme, was nicht so optimal lief.

Deshalb schicke ich auch Patienten, die beim Facharzt versorgt werden (bei uns vor allem Pulmologen, Hautärzte, Chirurgen) zurück, wenn die verordnete Therapie nicht richtig fruchtet („der hat mir dies und das aufgeschrieben, aber. Das. Bringt. Ja. Gar. Nichts.). Wie soll der Kollege korrigierend eingreifen, wenn er den Erfolg (oder Misserfolg) seiner Bemühungen nicht wiedersehen darf? Ein zweite Meinung mag für den Patienten zwar eine zweite Chance sein, für den Erstbehandler ist sie es nicht. Im besten Fall bekommst Du eine ähnliche Diagnose, eine andere Therapie bekommst Du immer, denn die „Zweite Meinung“ hat den Vorteil des Nachbehandelns.

Ich werde mitunter auch um eine Zweitmeinung gebeten. Das begeistert mich nicht, weil ich zwar das Recht des Patienten dazu sehe, mich aber stets als Kontrollinstanz überhöht fühle. Ich greife nur selten in das vorgeschlagene Regime des Kollegen ein, sondern plädiere, wenn ich die Sachlage anders einschätze, das Gespräch mit dem Vorbehandler zu suchen.

Je weiter die Diagnostik- und Therapiekette dann gediehen ist, und es gibt Patienten, die Arzt nach Arzt und Heilpraktiker nach Heilpraktiker „durcharbeiten“, desto höher die Wahrscheinlichkeit, das allumfassende Heilmittel zu finden. Auf nichts anderem bauen ja viele Alternativverfahren auf. Die Zeit heilt vieles. Und der Homöopath darf ausprobieren, das ist Teil des Konzeptes. Aber ich schweife ab.

Fehler sind ok, Fehler sollten nicht wiederholt werden. Aus Fehlern kann jeder lernen. Also gestehen wir sie jedem zu. Was aber gar nicht geht: Über den Kollegen oder die Kollegin schlecht reden. „Das hätte Doktor Soundso aber anders behandeln müssen“ oder „sehen müssen“, „Was, das hat sie nicht erkannt?“ oder „Ich schreibe Ihnen mal was auf, was wirklich hilft.“ Ein absolutes NoGo. Wir sollten als Ärzte soviel Ehrgefühl und Kollegialität unserem Stand entgegenbringen, dass wir rhetorisch nicht entgleisen, sondern besonnen und nüchtern formulieren. Die Patienten werden es uns und dem Ärztestand danken.

Entschuldigung Kolleginnen und Kollegen für die bösen Gedanken, die ich Euch manchmal hinterher sende. Die Patienten haben davon nichts gehört.

Euer kinderdok

(c) bei flickr/sergio santos (unter CC Lizenz), Credit: http://nursingschoolsnearme.com

Vorsagen

Sehr unterhaltsam ist es immer, wenn Eltern bei den „grossen“ Vorsorgeuntersuchungen, also U7+, U8 oder U9 ihren Schützlingen Hilfestellung geben wollen. Ich frage ja dann dies und das und möchte ein kleines Gespräch mit den Kindern entwickeln, um Sprache, Auffassungsgabe und Reflektion zu überprüfen. die Eltern wiederum haben natürlich den Wunsch, dass ihre Kinder auch funktionieren, mitmachen und möglichst auch alles richtig machen, damit der Tüv-Stempel am Ende auch stattfindet.
Ich (zeige auf das Bild mit dem Hammer): „Und was ist das?“
Bobele: „…?“
Ich: „Hat der Papa bestimmt zuhause.“
Bobele: „…?“
Papa: „Ei, Bobele, das ist doch ein Hammer.“
Danke.
Ich (Zum Bobele): „Genau. Ein Hammer. Und wozu braucht den der Papa?“
Papa: „zum Nägel einhauen.“
Ja. Danke.
Und so geht das weiter.
Ich: „Was ist das für eine Farbe?“ (gelb)
Bobele: „Lot.“
Papa: „Nein, Quatsch, das ist gelb.“
Böser Blick vom kinderdok.
Ich: „Und das hier?“ (rot)
Bobele: „Glün.“
Papa: „Ah, ne, das ist jetzt rot.“
Böser Blick und ein kurzes Anraunzen durch den kinderdok.

Und so geht das weiter, bis das Bobele durch die Einwürfe des Vaters immer unsicherer wird – Merke: Bei Vorsorgen immer loben, nie kritisieren und schon gar nicht verbessern – und dann entsprechend „zumacht“, blockiert.
Wir kommen zur körperlichen Untersuchung. Kinderdok möchte sich den Mund ansehen. Lampe, freundliche Aufforderung, Mund bleibt zu. Logisch. Kinderdok müht sich langsam ab, mit allen verbalen und handwerklichen Tricks (einschließlich des unleidigen und unbeliebten Spatels) – der Mund bleibt zu.
Ich (zum Papa): „Jetzt dürfen Sie mal was sagen.“
Papa: „Ach, jetzt soll ich? Ich dachte, ich darf nichts sagen?“
Ich: „Doch. Sie sollten nicht vorsagen und auch nicht verbessern, aber Auffordern zum Mundaufmachen, das dürfen Sie in ihrer väterlichen Autorität schon.“
Papa: „Der macht doch eh, was er will.“
Ja. Stimmt. Ganz der Vater. Merke: Kein Kind wird kooperieren, wenn´s die Eltern nicht selber tun.

 

Servicewüste Kinderarztpraxis

Telefon

 

Vater: „Ja, hallo, meine Frau ist krank, und kann nicht auf meinen Sohn aufpassen, deshalb muß ich zuhause bleiben und brauche eine Krankschreibung.“
fMFA: „Was hat denn Ihr Sohn?“
Vater: „Nichts, der ist gesund, aber meine Frau ist krank.“
fMFA: „Oh, Sie haben die Kinderarztpraxis Dr. kinderdok gewählt.“
Vater: „Ja, das weiß ich, ich brauche eine Krankschreibung, für den Arbeitgeber, dass ich zuhause bleiben kann.“
fMFA: „Aber Ihr Sohn ist nicht krank.“
Vater: „Das sagte ich schon. Meine Frau ist krank. Und. Ich. Muss. Deswegen. Zuhause. Bleiben.“
fMFA: „Tut mir leid, aber wir können nur eine Bescheinigung für den Arbeitgeber rausschreiben, wenn Ihr Kind krank ist und Sie deswegen zuhause bleiben müssen.“
Vater: „Meine Frau ist krank.“
fMFA: „Ich habe das verstanden, aber solange Ihr Sohn nicht…“
Vater: „Wissen Sie was? Mein Sohn ist krank. Ich brauche eine Bescheinigung, dass ich zuhause bleiben kann. Für den Arbeitgeber.“
fMFA: „… und was hat Ihr Sohn. Wann haben Sie denn Zeit vorbeizukommen, um ihn untersuchen zu lassen?“
Vater: „Geht´s noch? Jetzt soll ich auch noch vorbeikommen?“

(c) Foto bei Flickr/Idaponte (unter CC BY-SA 2.0)

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