Tolle Twin-Tests zur Sprachentwicklung

scream and shout Eines der spannendsten, weil umstrittensten, weil variabelsten Themen in der Entwicklung von Kindern ist die der Sprache. Viele Berufene erteilen den Eltern Ratschläge, wann welche Sprache noch ok ist, wie sich Sprache entwickelt und wann man doch bitte „sofort zum Logopäden“ gehen sollte, damit dieser schaut, „ob auch alles noch gut ist“.

Ich möchte zwei einfache Fragebögen vorstellen, die im Internet zu finden sind, wissenschaftlich fundiert, und eine sehr gute Orientierung bieten, um die Sprachentwicklung des Zwei- oder Dreijährigen normal verläuft. Denn um diese Altersgruppe geht es: Ab Zwei werden die ersten Wörter deutlich und sinnbezogen gesprochen, die ersten Wörter zu Sätzen kombiniert, die aktive sprachliche Kommunikation des Kleinkindes tritt in ihre entscheidende Phase.

Ein halbjähriges Kind brabbelt, lautiert, blubbert, „erzählt“, ein Einjähriger verdoppelt die Silben zu Mama, Papa, Dada, Dudu und NeinNein. Das sind die ersten Grenzsteine der Sprachentwicklung. Sie sind extrem variabel, hängen von der Sprachkompetenz der Eltern ab (wird überhaupt gesprochen?), von Geschwistern, von Großeltern. Keinen Einfluß hat logischerweise Zweisprachigkeit: Das Kind wird sich meist die Sprache rauspicken, die es am meisten hört, die „Muttersprache“. Ist diese durchsetzt mit Akzent oder eine Sprachmischung, wird auch das das Kind kopieren. Also: Jedes Eltern spricht die Sprache, die er/sie am besten kann.

Bei Zweijährigen kreist alles um den Wortschatz. Eine ominöse Zahl wird immer genannt: 50 Wörter. Aber was bedeutet das? Es bedeutet, das Kind spricht aktiv 50 Wörter in seiner Sprache, in seiner Aussprache, in seinem Sinnzusammenhang, d.h. das „Wort“ Dudu für Auto, wenn es immer so für Autos benutzt wird, zählt als gesprochenes Wort.

Die Arbeitsgruppe um Suchodoletz und Sachse hat zur Orientierung den SBE-2-KT entwickelt, ein Fragebogen, den wir allen Eltern bei der U7 vorlegen. Er fragt vor allem den Wortschatz ab, denn darauf kommt es mit 2 Jahren an. Die Aussprache ist egal, die Grammatik spielt noch eine untergeordnete Rolle. Hier findet man ihn in deutscher Sprache und vielen anderen Sprachen, nebst Anleitung und Auswertung. Ich finde, eine gute Möglichkeit, um Spätsprachentwickler (so genannte Late Talker) zu fischen. Sie brauchen für die Zukunft ein größeres Augenmerk, manche holen auf, manche zeigen bereits jetzt, dass sie später Probleme haben werden. Kinder, die beim SBE-2-KT den Cut nicht schaffen, bestellen wir nach einem halben Jahr wieder ein, irgendwann während dieser Zeit erfolgt eine pädaudiologische Untersuchung. Ergibt sich keine Dynamik in der Sprachentwicklung – ab zum Logopäden.

Einen erweiterten Test zur Sprachentwicklung, den SBE-3-KT entwickelte die Arbeitsgruppe auch, er hat sich m.W. noch nicht ganz so durchgesetzt als Screeninginstrument, meist ist mit drei Jahren bereits eine Therapie eingeleitet oder zumindest ein Bewußtsein über die verzögerte Sprachentwicklung entstanden. Der SBE-3-KT beschäftigt sich nun auch mit Grammatik, Fragewörtern und Satzverknüpfungen. Wir setzen ihn vor allem dann in der Praxis ein, wenn kein Gespräch mit dem dreijährigen Kind möglich ist. Der Goldstandard ist natürlich immer die direkte Kommunikation zwischen Doc und Kind – das funktioniert bei der U7a mit drei Jahren oft erstaunlich gut.

Weder SBE-2-KT noch SBE-3-KT können in 100% die Sprachentwicklung vorhersehen. Manche zeigen in beiden Tests grottenschlechte Ergebnisse und knabbern dem Arzt mit 4 Jahren trotzdem das Ohr ab – in sauberer Grammatik und mit Riesenwortschatz. Aber: Fallen beide Tests sehr gut aus, bedeutet das für die Eltern und Erzieherinnen einen guten Anhaltspunkt für eine normale Sprachentwicklung. Weiteres bringen U8 und U9 in den Vorsorgeuntersuchungen und die Schuleingangsuntersuchung. Durch die Lappen sollte dabei kein Kind mehr gehen.

(c) Foto bei Flickr/Mindaugas Danys

 

Zeig mir mal, was ist denn das? II

Um Euch nicht weiter auf die Folter zu spannen, hier das Originalblatt des Sprachfragebogens. Klar war die Version vor zwei Wochen ein Fake, aus der Erinnerung ausgefüllt mit den lustigsten oder häufigsten Benennungen, die mir die Kinder hier geliefert haben.
Ich fands allerdings schön, wie das hier manche Leser interpretiert haben: „Ich nehme einfach mal an, das ist um die Kinder zum Sprechen zu animieren? Du sagst das Falsche, und sie fühlen sich genötigt, dich zu verbessern.“ (sakasiru) – „Also meine Vermutung wäre, dass die falschen Begriffe oben drüber der mögliche Hinweis sein soll, falls das Kind nicht von allein auf die Bezeichnung kommt. So nach dem Motto “Das ist so etwas ähnliches wie eine Birne” für “Apfel” und “Nachts scheint der Mond und tagsüber?” die “Sonne”…“ (Susann)

Vielen Dank fürs Mitraten, aus dem Urlaub heraus (mit seltenst Internet) schön zu verfolgen. Abschließend bleibt die erschreckende Erkenntnis, das manche Kollegen wohl die Sprache bei U7a nicht überprüfen und (zumindest hier) dennoch die Gelassenheit zur Sprachentwicklung überwiegt. So sei es recht.

Ansonsten ist die Praxis wieder am Brummen, bald gibts dadurch so hoffentlich wieder neue Stories.

IMG_0386-1.JPG

Zeig mir mal, was ist denn das?

Zur Orientierung der Sprachentwicklung (z.B. mit drei (U7plus) oder vier Jahren (U8)) benutzen viele Kinderarztpraxen einen Bilderbogen, der die wichtigsten Konsonanten der deutschen Sprache erfragt, um mögliche Sprachbildungsstörungen zu erkennen. Er wurde eine zeitlang über eine Pharmafirma vertrieben und eignet sich für einen kurzen Überblick. Wen´s interessiert, ich habe ihn hier eingescannt:

Grimm1

.
Eine kleine Bitte habe ich aber: Nicht anfangen und die Wörter zuhause üben. Das soll schließlich eine Überraschung sein für die Kinder. Nicht, dass demnächst alle Eltern kommen und sagen: „Oh super, das haben wir schon beim Kinderdoc gesehen!“ …

Bloß nichts verpassen

Ich soll bei dem Neunjährigen (3.Klasse) einen Sprachtest machen.

Ich: „Um was gehts denn genau?“
Mutter: „Ja, die Sprache ist manchmal nicht so. Also deutlich und so. Buchstaben.“
Ich: „Ok. Na denn. Dann schaue ich mal, wie schlimm das ist.“

Ich checke mit dem Jungen die ganze Palette meines Sprachtestprogramms durch (Einzelbuchstaben, Pluralbildung, Möhring, ZLT – die kleine Screeningeinheit des Kinderarztes) – wir sind so zwanzig, fünfundzwanzig Minuten beschäftigt. Alles ok. Glasklare Sprache, liest schon recht flüssig. Bingo.

Ich: „Sie haben es ja grade gehört, alles ist in Ordnung, prima. Ich kann nichts Schlimmes finden.“
Mutter: „Ja, gut.“ Sie strahlt.
Sohn: „Alles prima, sag ich doch.“
Ich: „Wer kam denn auf die Idee mit dem Sprachtest? Gab´s denn Probleme in der Schule?“
Sohn: „Alles prima in der Schule.“
Mutter: „Ja, Schule ist alles bestens. Aber im Kindergarten, da gab´s immer noch Probleme mit dem /S/ und dem /SCH/. Konnte er da noch nicht.“
Ich: „Aber jetzt hört man davon ja nichts mehr.“
Mutter: „Ja, jetzt ist alles gut.“
Ich: „Und warum haben wir dann heute den Test gemacht?“
Mutter: „Haben die im Kindergarten vor der Schule so gesagt. Daß man das während der Schulzeit weiter verfolgen muß.“
Ich: „…“ *

*siehe 20.6.

nicht lustig

„hab ich schon extra satellitenschüssel kauft, weißt, damit kind iranisch fernseh kann.“
„ohja?“
„und spricht immer noch nicht.“
„er wird auch erst nächsten monat zwei.“
„zwei – zwei stunden darf gucken. soll ich mehr?“
„nein, besser nicht. besser gar nicht. sprechen sie doch mit ihm, oder ihre frau. sprechen lernt man beim sprechen.“
„frau schaut nur deutsch fernsehen. soll ja lernen. bin ich nicht so mann.“
„ihre frau lernt sicher auch besser deutsch, wenn sie sich mit deutschen unterhält. oder einen kurs macht.“
„mmh. fernsehen also nicht gut. machen wir de-vau-de, ok? hab ich noch sponsche-bobbe auf deutsch. für kleine. nicht für frau. findet nicht lustig.“

aber pronto

also, liebe frau dingens, auch wenn sie hier in der anmeldung stehen, mit angewinkelten armen und erhobener nase und rotem kopf und lautstark verkünden, dass sie jetzt und sofort den dokter sprechen wollen, damit dieser ihnen für ihre tochter „sooofort eine überweisung zum logopäden“ mitgibt – sollten sie doch der realität ins auge sehen, dass sich auch ein logopäde bei ihrer tochter die zähne ausbeissen wird, um deren dyslalisches /SCH/ zu therapieren – denn die ist nämlich erst zwoeinhalb.

ganz abgesehen davon, dass ich rein technisch keine überweisung zu einem logopäden schreiben kann – der oder die ist nämlich kein arzt. und abgesehen davon, dass sich das „sooofort“ ruckzuck in ein „waaas? so spät?“ verwandeln wird, wenn sie bei den umliegenden logopädenpraxen anrufen, um einen termin zu bekommen.

ergo: sparen sie sich die energie ihrer wut, gehen sie gelassen in sich und – lesen sie ihrer tochter lieber ein paar schöne bücher vor – das fördert auch.