Brief an einen Schwurbelkollegen

Lieber esoterischer Fachkollege der Kinderheilkunde,

Sie sind ja in unserer Gegend bekannt dafür, dass Sie Impfungen ablehnen und lieber mit Zuckerperlen um sich werfen, außerdem die Kinder die Keuchhustenzyanose durchleben lassen und die einundvierzig Fieber bei Masern, um den entscheidenden Entwicklungsschub voranzubringen, den die Heranwachsenden so dringend benötigen, aber manchmal hat es ein Ende mit der Schwurbelmedizin.

So finde ich es echt lustig, dass Sie einem „meiner“ Kinder im Notdienst einen Harnwegsinfekt per Pendel und Irisdiagnostik angedichtet haben, es aber dabei nicht für nötig fanden, a) dies mit einem simplen Urinstatus oder gar einer Urinkultur abzusichern und b) das dann indizierte Antibiotikum zu verordnen. Andererseits ist es wohl aus Ihrer Sicht der Dinge konsequent. Richtig spannend ist hingegen Ihre Therapieempfehlung: Fußreflexzonenmassage.

Darf ich kurz anmerken, dass der Urin des Mädchens hier und heute völlig steril war, dafür aber eine knackige Mittelohrentzündung zu sehen war? Ach, Sie hatten gar nicht ins Ohr geschaut, obwohl die Mutter Ihnen erzählte, dass die Kleine sich permanent ans Ohr griff? Naja, Marginalien, oder?

Kleiner Tipp: Man kann auch freiwillig seine Kassenarztzulassung abgeben, wenn man sowieso nichts von der leitlinienorientierten Medizin hält. Macht den Weg frei für manchen ambitionierten jüngeren Kollegen. Aber vielleicht scharen Sie ja deswegen die ganzen impf- und schulmedizinkritischen Eltern um sich: Damit wir anderen in Ruhe arbeiten können. Dafür ein Dankeschön.

Für alles andere nicht. Mit freundlichen, nicht so kollegialen Grüßen, kinderdok

(c) Bild bei pixabay/mintchipdesigns (CC0-Lizenz)

Blähungen und Plattfüße

– Kaiserschnittgeburt
– Saugglockengeburt
– Natürliche Geburt
– Tränengangsenge
– Blähungen
– Lagebedingter Plagiozephalus
– Schreikind
– Spuckkind
– Zahnungsbeschwerden
– Schiefes Kind
– „Saugverwirrung“
– Nächtliche Schreiphasen
– Zu schnelle motorische Entwicklung
– Verzögerte motorische Entwicklung
– Schnullerbiss
– Dauerschnupfen
– Häufige Infekte
– Allergie
– Sprachentwicklungsstörung
– Unklare Bauchweh
– Senk/Plattfüße
– Enuresis
– ADHS
– Wachstumsschmerzen
– Kopfschmerzen
– Allgemeine Konzentrationsschwäche
– Schulstress

Eine nicht abschließende Aufzählung von Diagnosen, warum Kinder angeblich eine osteopathische Behandlung benötigen, nicht wahllos, sondern aus meiner Praxis, gesammelt im letzten halben Jahr! „Indiziert“ wurde die Therapie jeweils von den Hebammen, den Erzieherinnen im Kindergarten oder den Osteopathen selbst (die tatsächlich durch die Kindergärten pilgern – Infoabend nennt sich das dann). Immer, wenn eine Therapie für alles herhalten kann, ist sie schon suspekt (Neue Indikationen schaffen ist der beste Weg zur Geldvermehrung, man kann es auch künstliche Bedürfnisweckung nennen).
Wer würde sein Kind nicht in dieser Liste wiederfinden?
Und natürlich haben viele den Zeitlauf erkannt, eine osteopathische Praxis nach der anderen eröffnet. Mystische Therapien, die schön sanft ablaufen und anekdotische Erfolge erzielen, sind stets beliebt. Und wer würde sich nicht weiterbilden, um den Wettbewerbsvorteil zu nutzen. Jedem sein Stück vom Alternativmedizinkuchen.

Ich weise die Therapie nicht völlig von mir, manch ein unruhiges Kind, manch ein „asymmetrischer“ Säugling kann vielleicht von einer manuellen Therapie eines gut ausgebildeten Kinderarztes (auch die gibt es) profitieren. Aber ehrlich: Das kommt vielleicht viermal im Jahr vor. Mit einer erfahrenen Physiotherapeutin, die mit Kindern „turnen“ kann, lassen sich aber auch diese Kinder heilen.

Aber sind wir beruhigt: Die Osteopathie ist ja schon längst nicht mehr Therapie en vogue.

Artikel zu dem Thema:
Stellungnahme des BVKJ zur Osteopathie
Kurzer Aufreger
Ich klage an.
Edzard Ernst: Osteopathy is based on excellent evidence. (Not…)
Osteopathie bei Psiram

Schwachblüten II

Es ist ein schönes Gefühl, wenn man Teil einer Bewegung sein darf.
Letzte Woche postete ich hier über die Peinlichkeit einer Bachblütentherapie bei Kindesmissbrauch, der Link hierzu erreichte mich aus den Tiefen von Facebook, ihn weiterzuverbreiten habe ich mir verkniffen. Meine Leser sind ausreichend suchmaschinenbefähigt. Und kritisch. Und bewegen.

Zwei Tage später hat der Betreiber der betreffenden Website seine Tröpfchen von der Site gelöscht. Das ist konsequent. Nun hoffen wir doch, dass er das Gleiche mit dem Gedönsel zu den Themen „Kinder und Scheidung“ („… den Zorn gegenüber den Eltern zu verringern“), „Schreibaby“ („… das Trauma der Geburt zu verkraften“) und „ADHS“ („… in der Schule und am Arbeitsplatz besser funktionieren zu können“). Besser er schliesst seine Seite komplett.

Aber vielleicht gewinnt er auch das Goldene Brett vorm Kopf 2013? Nominiert ist er ja nun. Noch mehr gönnte ich es allerdings Barbara Steffens. Insider wissen, warum. Diese auch. Nach dem passenden Wordle (siehe unten) wird sie’s wohl auch.

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Trotz Behandlung überlebt

Mutter: „Können Sie mir sagen, ob ich da Ferrum phosphoricum geben kann?“
Ich: „Nein, kann ich nicht. Glaube ich nicht dran.“
Mutter: „Ja, das habe ich schon gehört. Aber geben kann ich es trotzdem?“
Ich: „Sicher. Aber es wird nichts dran ändern. Ich bin da ehrlich, tut mir leid.“
Mutter: „Mein alter Kinderarzt hat das immer empfohlen… “
Ich: „Mag schon sein. Ich verbiete Ihnen das ja auch nicht.“
Mutter: „… und es hat immer geholfen.“
Ich: „Heißt?“
Mutter: „Der Melvyn ist immer wieder gesund geworden.“

Placebo? Kann ich.

Schwachblüten

Das hier ging durch einige Facebook-Accounts, also auch durch meinen
– ein würdiger Vertreter der Kategorie *welchen Schwachsinn lässt sich die BSM(#) noch einfallen*?

bach

 

 

(#) BSM = Bullshitmedizin

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