Kopfstreicheln.

Baby

Mutter: „Wir waren ja auch schon mal beim Osteopathen. Die hat auch gesagt, das Kind ist völlig in Ordnung.“
Wir befinden uns bei der U3, der ersten Untersuchung in der Kinderarztpraxis, ich sehe das Kind das erste Mal, vorher hat die Hebamme das Kind bei der Geburt gecheckt, sodann der kinderärztliche Kollege in der Entbindungsklinik bei der U2.
Es war eine normale Entbindung, der Apgar war wunderbar, das Gedeihen gut.

Ich: „Was hat Sie da hingebracht?“
Keine Ahnung, warum das in den letzten Jahren so zunimmt. Seit Jahrtausenden kommen Kinder ja so auf die Welt. Ok, die Medizin macht Fortschritte, aber leider auch das Geldverdienen damit.

Vater: „Die Hebamme meinte, das sei eine gute Idee, schließlich war es eine lange Geburt.“
… die nach Angaben der Eltern drei Stunden ging, von Eintreffen in der Klinik bis zum Abnabeln.

Mutter: „Und das Geburtstrauma, und so.“
Ich kann mich diesem Begriff so gar nichts anfangen. Es gibt lange Entbindung über mehrere Hebammenschichten hinweg, meine Frau kann auch ein Lied davon singen. OK. Auch eine Saugglockenentbindung ist kein Spaziergang für das Kind. OK. Oder eine Schulterdystokie. OK. Aber eine dreistündige Geburt mit einem anschließenden Apgar von 9/10/10 und einem Nabelschnur-pH von 7,4?

Ich: „Was wurde da gemacht?“
Ich war noch nie bei einer osteopathischen Behandlung dabei. Ich kenne das nur von Videos und Erzählungen der Eltern, aber meist ähnelt es sich ja.

Mutter: „Sie hat so ein wenig am Kopf gestreichelt und am Rücken. Dann noch die Beine ausgestrichen, so nannte sie das. Ist aber alles in Ordnung.“
Ja, das konnte ich bei der U3 auch feststellen. Ein quietschfideles, vitales, lautes Mädchen. Es hat interessiert geschaut, hat sich toll bewegt, konnte den Kopf prima halten, alle Untersuchungsparameter waren perfekt.

Ich: „Das ist doch schön. Hat Sie das dann beruhigt?“
Mutter: „Ja, man ist ja dann schon sicherer, wenn jemand sagt, das Kind ist in Ordnung. Meine Freundin sagte, die Kinder können nach der Geburt ganz schön durcheinander sein. Da kann die Osteopathin helfen.“
Oder die Zeit. Oder eine erfahrene beruhigende Hebamme. Oder die tägliche Routine. Oder die Zeit.

Liebe Eltern.
Lasst Euch nicht anstecken vom Verunsicherungszeitgeist. Kinder kommen in vielen Ländern, in vielen Entbindungskliniken seit vielen Jahren durch Hilfe von vielen Hebammen zur Welt. Ihr Mütter könnt das auf natürliche instinktive Weise sehr gut! Die Kinder schaffen das auch. Geburt ist Stress, keine Frage, aber habt mehr Vertrauen in die Resilienz Eurer Babys. Die halten schon Einiges aus.
„Wir wollen ja nichts verpassen“ als Devise kann ich gut verstehen, mir ging es bei unseren Kinder ähnlich. Aber neu erfundene Diagnosewege für imaginäre Krankheiten, die sich auf wundersame Weise, vulgo dank der Natur, selbst kurieren, verursachen bei Euch nur Unsicherheiten.
Niemand kann wissen, wie unsere Kinder sich entwickeln. Osteopathische Diagnostiken werden ihr Outcome jedenfalls nicht beeinflussen, sondern nur Euren Geldbeutel leeren.

 

(c) Bild bei Flickr/Ann Marie Brasco (Lizenz Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0)

Filterblase: Wenn Eltern anders entscheiden.

Aus aktuellem Anlass mache ich mir wieder mal Gedanken, vorher Eltern Informationen bekommen und wem sie vertrauen und nicht vertrauen. Gerade bei Neugeborenen, wenn es um das Vitamin K, die Fluorid- und Vitamin-D-Gabe und Impfungen geht, vertrauen Eltern gerne anderen Quellen als den Medizinern. Warum ist das so?

Ungefiltert informieren?

Unbestreitbar herrscht Unsicherheit vor, geboren aus Unwissen, schließlich kann man sich nicht über alles informieren oder Informationen filtern. Wenn wir Eltern werden, müssen wir mit einem Mal Experten werden für Dinge, die in den Jahren zuvor völlig unwichtig waren. Wir müssen Pädagogen werden, müssen Mediziner werden, müssen Ernährungswissenschaftler und Pflegekräfte werden. Das überfordert uns. Eigentlich wollen wir Eltern doch nur gesunde Kinder und diese gesund erhalten.

Also fangen wir an zu lesen. Im Internet, in Ratgebern, in offiziellen Broschüren der BzgA oder vom Kinderarzt. Wir bekommen Bücher empfohlen von anderen Müttern, von Hebammen oder über die Amazon-Bestenliste. Alles ungefiltert für uns und vorgefiltert durch andere, wie viele Dinge heutzutage. Schnell entstehen Fakenews, schnell befinden wir uns in einer Filterblase. Ist die Hebamme esoterisch geprägt, bekommen wir entsprechende Bücher, unterhalten uns mit gleich gesinnten Eltern, bekommen wir gleichgesinnte Homepages empfohlen.

Vielleicht ist auch ein bisschen Skepsis oder gar Protest dabei. Die etablierte Medizin ist im gültigen Zeitgeist korrupt, überwissenschaftlich, will alle mit Medikamenten zudröhnen („Vollpumpen“ ist ein beliebter Begriff) und arbeitet undifferenziert, weil schulmeisterlich schulmedizinisch. Wir möchten alles anders. Anders bedeutet heute „natürlich“, natürlich heißt ohne alles, also auch ohne Medikamente, ohne Vitamin K, Vitamin D, Fluorid, Impfungen, Antibiotika, alles Errungenschaften der Medizin, die die Säuglingssterblichkeit haben sinken lassen.

Als Kinderarzt kann ich nur auf Aufklärung setzen. Ich kann informieren, ich kann seriöse Quellen nennen, und steuere trotzdem die Eltern in meine eigene Filterblase, diesmal die wissenschaftliche, aus meiner Sicht natürlich die richtige. So prallen Welten aufeinander, vereinfacht die klischeehaft naturbelassene Hebammenwelt und die klischeehafte Medikamenten-, Maschinen- und Schulmedizinerwelt. Wofür entscheiden sich die Eltern, wenn sie beide Eltern als gleichberechtigt empfinden? Vielleicht für das Vermeiden, für das Nichtstun, für das Weglassen. Es scheint einen Tendenz im Zeitgeist zu geben.

Eine riskante Entscheidung, geboren aus dem Luxus der industrialisierten Welt: Dank der Einführung mancher Prophylaxen, wie Vitaminen, einschließlich der Impfungen, sind unsere Kinder gesünder als vor Jahrhunderten, die Säuglingssterblichkeit hat rasend abgenommen, die Krankheiten sind nicht mehr präsent. Viele Eltern entscheiden aus dem Bauch heraus, meist vom Hörensagen geleitet oder weil N=1 die leitende Statistik war. Beim ersten Kind hat’s doch geklappt, dann kann man es beim zweiten Mal auch so machen. Bei der Nachbarin hat’s funktioniert, also machen wir es auch so. Trifft die alternativ-esoterische Haltung nun noch auf die statistisch-wissenschaftliche (die ja immer fälschbar sei), geht gar nichts mehr.

Paternalismus?

Wir Mediziner neigen zum paternalistischen Verhalten, dem Folgen von Leitlinien, dem Zurschaustellen des Experten, wie wir hoffentlich als Mediziner wahrgenommen werden, und reagieren ungehalten oder unverständig, wenn Eltern sich anders entscheiden. Realisieren wir die Filterblase, in der sich die Eltern befinden, können wir die Denkweise eventuell durchbrechen. Dies braucht Zeit, noch mehr Informationen, aber auch Vertrauen in unsere Empfehlungen.

Ich gebe zu, dass ich in meiner Praxis oft rigoros reagiere: Impfgegner dürfen nach wiederholten Beratungsgesprächen und fortgesetzter Resistenz die Praxis verlassen, wer das Vitamin K bei U3 abgelehnt hat, wird gleich rausgeworfen, ich halte das für unverantwortlich. Da bin ich paternalistisch par excellence. Vielleicht eine Schwäche meinerseits, aber ich kann eben auch nicht aus meiner Filterblase und muss abends noch in den Spiegel schauen können. Ich sehe mich als Anwalt des Kindes. Auch wenn die Eltern die letzte Verantwortung haben, die ich Ihnen nicht abnehmen kann, steht die Empfehlung zum Schutz des Kindes an oberster Stelle (und der Schutz anderer Kinder, wenn wir von Impfungen sprechen).

Vermutlich gibt es keine befriedigende Lösung der Positionen. Ich kann mich als Mediziner, gerade als Kinderarzt, nicht altruistisch der Position ablehnender Eltern beugen, denn beide, Eltern und ich, sehen in unseren Entscheidungen das beste Wohl für das Kind. Eine Gemeinsamkeit gibt es aber nur in gemeinsamer Überzeugung, die aber immer einer Durchsetzung meiner Meinung gleichkäme.

Patienten und Ärzte sollen heutzutage™️ Partner sein, gemeinsam Entscheidungen für die Gesundheit treffen. Leider sind die Player, auf dem Gebiet der Gesundheit inzwischen so vielfältig, oder sollen wir sie lieber Influencer nennen?, dass es schon lange keine duale Begegnung mehr ist, und damit der informativoffene Austausch zwischen Patient und Arzt kaum noch gelingen kann. Ich persönlich kann nur tagtäglich auf das Vertrauen der Eltern setzen, dass wir Kinderärzte alles zum Wohlergehen und der Gesundheit der Kinder tun, es gibt keine niederen Beweggründe für unsere Empfehlungen.

„Würden Sie das Gleiche empfehlen, wenn es Ihr Kind wäre?“ Aber sicher.

(c) Bild lizenzfrei bei pixabay/Jordan Holiday (Creative Commons CC0)

Deine Mutter als Hebamme


Neulich bei der U2.

Ich: „haben Sie denn eine Hebamme für die Nachsorge?“
Vater: „Nöö, brauchen wir nicht. Meine Mutter ist im Haus.“
Ich: „Und die ist Hebamme?“
Vater: „Nein, aber die hatte auch drei Kinder.“
Ich: „Ok. Ich bin auch schon zehn Autos gefahren und würde trotzdem keines reparieren.“
Vater: „Ja, aber eins fahren.“
Mist, er hat die Lücken in meinem Vergleich durchschaut.
Ich: „Ich würde es Ihnen trotzdem raten, ist immerhin das erste Kind bei Ihnen.“
Mutter: „Siehst Du Schatz, habe ich doch gleich gesagt. Hebamme ist besser.“
Ich: „Das zahlt auch die Krankenkasse.“
Vater: „Wirklich? Na dann auf jeden Fall. Wenn’s nichts kostet.“
Mutter: „Und nach einem Monat dürfen wir dann mal spazieren gehen, oder?“
Ich: „Ach was. Gleich vom ersten Tag an. Immer raus an die frische Luft mit den Kleinen.“
Mutter: „Seine Mutter sagt, die ersten vierzig Tage nicht.“
Ich lächele mein bestes „Siehste“-Lächeln zum Vater und träume einen kurzen Tagtraum meines ersten Autos.

Nur nochmal zur Info: Jede Familie hat das Recht auf Nachsorge durch eine Hebamme nach der Entbindung. Kostenlos. Auch wenn es momentan überall schwieriger wird, diese Hebammen zu bekommen, leider gibt es nun einmal eine echte Hebammenknappheit, bringt das nur Vorteile: Beruhigung in den ersten Tagen, Beobachtung des Säuglings, Hilfe beim Stillen oder Füttern, der Pflege und während der Hormonkrisen. Und die Hebammen beraten zu allen wichtigen Fragen, seien sie auch sonst so klein und vermeintlich unwichtig. Frischluft zum Beispiel.

(c) Bild bei Flickr / Amarpreet Kaur (Lizenz BY NC ND 2.0)

Etwas zu Allein-, Haus- und Klinikgeburten

shock

Entbindung am Feldweg

Letztens las ich in einem Vorsorgeheft bei der U1 den interessanten Eintrag „Externe Entbindung“, auf Nachfragen bei den Eltern bei U3 die stolze Aussage des Vaters: „Ich habe das Kind auf dem Rücksitz des Wagens entbunden.“
Tolle Sache, oder? Es ist das erste Kind, und die Eltern dachten, wie das ja auch meist ist, beim ersten Kind hätten sie ausreichend Zeit, um mit den ersten Wehen die Entbindungsklinik zu erreichen. Leider war das nicht so.

Trotz einer Fahrt von wenigen Minuten (die Klinik war nur fünfzehn Kilometer entfernt), musste das Paar an einem Feldweg neben der Bundesstraße anhalten, das Neugeborene wollte kommen. Als der Rettungswagen vorbildlich nach zehn Minuten eintraf, war das Kind schon geschlüpft.
Ich habe den Eltern versichert, dass ich, trotz beruflicher Erfahrung, glücklich bin, dass unsere Kinder diesen Akutweg nicht genommen haben. Während der Vater erzählte, schwang Stolz mit, in beiden Blicken der Eltern, aber auch Erleichterung, dass nichts Schlimmes passiert ist.

Hausgeburten?

Ich habe Respekt vor Eltern und Hebammen, die den Weg einer Hausgeburt wählen. Für meine Frau kam das nicht infrage, für mich sowieso nicht, dazu habe ich genug erlebt, was auch unter optimalen Bedingungen in der Klinik schief gehen kann und wie Hausgeburten enden können.
Sehr bedenklich finde ich dabei, dass Hausgeburten als „natürlich“, als „unbelastet“ und „frei“ interpretiert werden, ohne sie im gleichen Atemzug „riskant“ zu nennen. Es mag sein, dass bei Mehrfachgebärenden eine Entbindung zuhause zügig und unproblematisch vonstatten geht. Es mag auch sein, dass Mütter sich in der heimischen Umgebung wohler fühlen – geschenkt, das ist klar, wer ist schon gerne im Krankenhaus? – , und die Betreuung einer erfahrenen Hebamme bei der Hausgeburt ist immer vorausgesetzt. Dennoch kann ich in der heutigen Zeit in der Abwägung aller Umstände kein Übergewicht für eine Hausgeburt sehen.

Es gibt genug Kompromißlösungen: Ambulante Geburten (bei denen die Mutter nach wenigen Stunden wieder nachhause geht), Entbindungen in modernen Mutter-Kind-Zentren (mit Couch, warmen Farben, Wassergeburten usw.), Geburtshäuser mit kinderärztlicher Betreuung oder einer Gynäkologie über die Straße. Warum also die Entbindung im Wohnzimmer?

Genug radikale Meinungen zu dem Thema gibt es ja, ausreichend Vorurteile werden bedient: Die Unpersönlichkeit des Krankenhauses, das „Hinarbeiten“ auf den Kaiserschnitt, vielleicht auch die Angst um Infektionen. Erschreckend, dass die Angst vor „Kind vertauscht“, „Mißbrauch der DNA“ oder „emotionalem Mißbrauch“ ebenso dazu gehören. Sie vernebeln besorgten jungen Eltern den Blick auf die Risiken einer Hausgeburt: Plötzliche Überforderung der entbindenden Hebamme; Herauszögern einer Entscheidung, die Hausgeburt bei Problemen abzubrechen; Depression des Neugeborenen ohne ausreichende pädiatrische Versorgung.

Informationen von Experten

Selbstverständlich muß jedes Paar die Entscheidung, wo das Kind zur Welt kommt, selbst treffen (ja, das ist eine Entscheidung beider, und Väter sollten sich nicht aus der Verantwortung stehlen). Glücklicherweise gibt es inzwischen genug Möglichkeiten, die näheren Entbindungskliniken in „Geburtsabenden“ oder „Tagen der offenen Tür“ genauer in Augenschein zu nehmen. Viel wichtiger halte ich aber das Sammeln von Informationen durch Experten: Durch erfahrene Hebammen, die schon einmal eine riskante Hausgeburt betreut haben, wo nicht alles so glatt lief, von Kinderärzten, die zu Hausgeburten gerufen wurden oder schildern können, was dem Neugeborenen passieren kann und auch die Sicht der Entbindungskliniken, die ja versuchen, die Vorurteile und Sorgen der Eltern abzubauen.
Geburt ist ein natürlicher Vorgang. Dennoch gibt es nicht umsonst in der heutigen Zeit ein medizinisches Netz, um dem Neugeborenen einen sicheren Start zu ermöglichen. Anekdoten in diese oder jene Richtung helfen jungen Eltern nicht.

Das Paar vom Anfang hatte sich klar für eine Geburt in der Klinik entschieden. Auf meine saloppe Bemerkung, beim nächsten Kind stünde dann ja einer Hausgeburt nichts im Wege, der Vater habe doch ausreichend geübt, kam jedoch von beiden die überzeugte Aussage „den Stress einer unsicheren Geburt geben wir uns nicht noch einmal.“

Aus Spiegel online zum Thema Hausgeburt vs. Klinkgeburt

Studie aus dem British Medical Journal, vielfach zitiert, die keinen Nachteil einer Hausgeburt ausmacht – sieht aber den Benefit vor allem bei Mehrfachgebärenden.

(c) Bild bei Flickr/cindy lee photography (CC Lizenz)

Mutterkuchenzucker

Ich kann nicht viel erkennen an der Haut des Säuglings, aber die Mami sieht etwas.
Mutter: „Diese Pickel waren gestern noch viel schlimmer. Ist das denn normal?
Ich: „So was sieht man manchmal bei Säuglingen…“
Mutter: „Ich dachte schon, die Muttermilch?“
Ich: „Eher das kalte Wetter.“
Mutter: „Er schläft auch so unruhig. Juckt bestimmt.“
Ich – finde immer noch nichts, auch wenn ich inzwischen jeden Millimeter von Marvyns Haut abgesucht habe – : „Vielleicht einfach mal ein bisschen Babyöl nach dem Baden?“ Hilft immer.
Mutter: „Ich glaub´ , ich gebe jetzt mal häufiger die Plazentakügelchen…“
Ich: „Die was?“
Mutter: „Ja, haben wir machen lassen. Hilft wirklich gut.“ Sie nickt eifrig. „Bei Milchstau, bei Entzündungen, Blähungen, Juckreiz.“
Ich: „Bei Ihnen jetzt?“
Mutter: „Jaja, bei mir sowieso, aber vor allem auch beim Marvyn. Tolle Sache.“
Ich: „Kostenpunkt?“
Mutter: „Nicht teuer, aber sehr wertvoll. Hält ewig. Und wenn´s alle ist, kann man nachbestellen.“

Super Geschäftsmodell: Dankbare Zielgruppe, Entscheidungsfindung unter Druck und hormonell gesteuert. Wenig Urmaterial, damit geringe Lagerungskosten, Herstellungsprozess dubios und zugesetzte Materialen im Centbereich, hohe Nachfrage mit sicherem Placeboeffekt. Abonnentensystem dank Einlagerung – genial.

Aber Achtung: Die Konkurrenz schläft nicht und hat noch bessere Ideen.

[Ich weise darauf hin, dass ich keinen Werbevertrag mit den verlinkten Firmen unterhalte. Die Links dienen lediglich der Entrüstung über soviel Chuzpe.]

Hebammen protestieren weiter

Kinderärzte und Hebammen ziehen an einem Strang für den Erhalt der Geburtshilfe und Nachsorge durch niedergelassene Hebammen – auch wenn das Miteinander im Alltag mit manchen Kollegen und Kolleginnen (auf beiden Seiten) nicht immer einfach ist.

Wir brauchen weiterhin unsere Hebammen – daher unterstütze ich gerne den weiteren Protest, den auch das Hebammenblog hier wieder aufgreift. Lest, diskutiert, macht Druck.

„Der Geburtshilfe in Deutschland gehen die Lichter aus.
Wir zünden sie symbolisch wieder an!
Am Mittwoch, den 17.12.14 ab 16.30 in Berlin (Friedrichstraße/links neben Friedrichstadtpalast)
Der Elternprotest Hebammenunterstützung ruft EUCH zur Demo auf. Bitte bringt Eure Kinder und Laternen mit, wir werden gemeinsam singen. Vor Ort schreiben wir unsere Forderungen an den Bundesgesundheitsminister auf Postkarten, die wir dort im Ministerium abgeben werden. Ihr könnt auch vorher schon Postkarten von Euren Freunden und Verwandten einsammeln. JEDE Stimme zählt!“

Nägel mit Köpfen

Ich plappere so bei der Vorsorge des Säuglings vor mich hin: „Die Fingernägel können Sie übrigens schon schneiden.“
Sagt die Mutter: „Wirklich? Aber da muss ich doch warten, bis der Nabel abgefallen ist.“
Ich: „Der Kleine hat schon ganz schön viele Kratzer.“
Mutter: „Ja, finde ich auch. Aber meine Mutter hat gesagt, Nabel ist wie Nägel ist wie Haut, da muss man warten, bis beides geht. Oder so.“

Holding Hands

Säuglinge kommen oft mit richtig langen Fingernägeln auf die Welt, insbesondere, wenn die Kinder „übertragen“ sind. Schnell grapschen sie sich dann ins Gesicht und hinterlassen unschöne Kratzspuren. Was also tun?
Da gibt es die wildesten Gerüchte: @Gar nicht schneiden, @erst, wenn man einmal gebadet hat, @erst nach einem Monat, @nur bei Neumond oder @wenn die Hebamme das sagt. Letzteres könnte ich unterschreiben, wenn sie die anderen Bedingungen nicht voraussetzt.

Und wann darf man die Fingernägeln schneiden? Klare Antwort: Wenn sie lang genug sind.

Fingernägel beim Neugeborenen sind sehr weich und die Überstände „schilfern“ leicht ab. Daher lassen sie sich, wenn kleine Reste abstehen, ganz einfach wegziehen. Da ist ein Schneiden überhaupt nicht notwendig. Das Problem beim Schneiden ist, dass man die Nägel zu knapp abschneidet, zu nahe an die Haut herankommt und eventuell die feine Nagelhaut verletzt. Das kann aber nicht passieren, wenn man sich auf die oberste Spitze des Fingernagels beschränkt. Maniküren ist nicht. Früher hat man die Fingernägel vorsichtig abgeknabbert – wer das wirklich mag, macht nichts falsch, denn man hat ein recht gutes Gefühl, wann die Fingerhaut erreicht ist. Aber mit einer (Babynagel-)Schere geht es auch.

Wenn also ein Neugeborenes mit sehr langen Fingernägeln auf die Welt kommt, kann man sich von der Hebamme zeigen lassen, wie man diese Nägel los wird. Fragen!

Achso: An die Fußnägel muß man gar nicht ran. Viel zu klein, versteckt, die Verletzungsgefahr beim Schnippeln ist viel zu groß, außerdem wachsen Fußnägel bei Säuglingen sowieso nicht so schnell. Das viel gefürchtete „Einwachsen“ entsteht meist durch frühes und dann noch „Rund“schneiden oder wenn bereits Einmonatige Schuhe anziehen müssen.

(c) Foto bei KenyaBoy7

Rettet die Hausgeburten!

Die Beziehung zwischen Kinder- und Jugendärzten und Hebammen ist nicht immer das Beste, da gibt es zuviele Schnittmengen, zuviele Reibungspunkte, zuviel Diskussionsstoff. Jeder Doc kennt seine Hebammen, jede Hebammen ihre Kinderärzte. Man empfiehlt dies, sie empfiehlt das. Die Empfehlung *zum* Kinderarzt ist eine einseitige, die Empfehlung zur Hebamme findet naturgemäß nicht statt.

Wir brauchen Hebammen, wir brauchen sie vor allem *da draussen* ™, nicht alleine in den heilig geschützten Hallen der Kliniken. Sie machen Vorsorgen, sie machen Nachsorge, aber sie machen vor allem auch Hausgeburten. Und das ist gut so. Eine Familie Frau sollte sich entscheiden, wie ein Kind zur Welt kommen soll. Wer ein Risiko trägt, Frühgeburtsbestrebungen, Erkrankungen der Mutter, suboptimale Geburtswege, der geht sowieso in die Klinik. Keine Hebamme in Deutschland würde diese Kinder zuhause entbinden. Welche Frau Unsicherheit empfindet vor der Hausgeburt, kann immer in der Klinik entbinden. Keine Hebamme würde da abraten.

Wer sich aber sicher fühlt, Frau wie Hebamme, wer Erfahrung hat, wer vielleicht auch schon ein Kind bekommen hat, wer eine Klinikangst hat (auch die gibt es), wer das natürlichste der Welt vollziehen will – eine Entbindung alleine mit der Hebamme – , die sollte dies auch zuhause tun dürfen.

Doch diese Möglichkeit wird es demnächst nicht mehr geben. Warum gibt es keinen #aufschrei zu dieser frauen- und hebammenfeindlichen Entwicklung?
Ab nächsten Jahres wird es aller Voraussicht nach nur noch zwei Versicherungsunternehmen geben, die das Risiko eine Hausgeburt absichern wollen. Denn darum geht es: Die Haftpflichtbeiträge der frei tätigen Hebammen hat sich in den letzten explosionsartig vermehrt – der durchschnittliche Jahresbeitrag liegt heuer bei 5000€ – das kann sich keine Hebamme mehr leisten. Ich zahle gerade mal 1050€ pro Jahr.
Reduzieren sich nun noch die Anbieter, wird der Markt noch enger, die Beiträge werden vermutlich noch weiter steigen.

Der Anstieg der Haftpflichtbeiträge und das Schwanzeinsziehen der restlichen Versicherungsunternehmen ist nicht zu rechtfertigen: Eine Hausgeburt ist – so keine bekannten Risiken vorliegen – nicht gefährlicher als eine Kliniksentbindung. Und bei Vor- oder Nachsorge wird sicher selten ein versicherungspflichtiger Haftschaden entstehen (auch wenn ich das Abraten von Impfungen, Vitamin-K- oder Vitamin-D-Gaben als überaus fahrlässig ansehe).

Was soll das also? Bekommen wir amerikanische Verhältnisse? Ist der Hebammenberuf die erste Bastion der ambulant Tätigen, die gekippt werden soll? Als nächstes sind die ambulant Operierenden dran, die Chirurgen, Orthopäden, Augenärzte? Oder traut sich an diese Lobby dann keiner ran? Wie stark sind die Seilschaften bei den Versicherungen und den grossen Krankenhausunternehmen, die die Frauen auf diese Weise in die Kliniken zwingen? Bereits jetzt schließen immer mehr kleinere Entbindungshäuser und Gynäkologie-Abteilungen, um die Zentralisierung voranzutreiben. Das schwächste Glied ist die Hausgeburt – sie bricht nun weg.

Weitere Infos:
Thema beim Hebammenverband
Ärztezeitung: Situation der Hebammen spitzt sich zu
Ausgleich durch Vergütung?
Vergütung der Hebammen – Hintergründe
Petition zur Hebammenvergütung
Zeit für Hebammen

Ich glaube, ich brauche etwas Sauerstoff

Ich: „Und, wie oft gehen Sie denn so raus mit ihrem Elias-Moritz?“
Mutter: „Wie denn, jetzt schon?“ Kind ist drei Wochen alt.
Ich: „Na klar, warum denn nicht?“
Mutter: „Die Hebamme hat gesagt, ich soll noch nicht.“
Ich: „Aha. Und was soll da passieren?“
Mutter: „Sie hat gesagt, wenn man so früh schon rausgeht, kann es zu Zugerscheinungen kommen, wegen dem Wind und so.“
Ich: „Aha.“
Mutter: „… ja, und dann kann sich das Kind nicht richtig entwickeln.“
Ich: „Aha.“
Mutter: „Genau. Und deswegen muß ich auch noch zum Osteopathen, ob auch sonst alles in Ordnung ist.“
Ich: „Was soll nicht in Ordnung sein?“
Mutter: „Naja, wegen dem Geburtstrauma und so.“
Ich: „Geburtstrauma. Also: -unfall? So habe ich diesen normalen natürlichen Vorgang noch nie gesehen.“
Mutter: „Ja, hat die Hebamme gesagt.“
Ich: „Wir haben ja unsere Vorsorge in einer Woche, da schauen wir sowieso nochmal richtig, ob alles in Ordnung ist.“
Mutter: „Aber ich brauch da noch die Überweisung zum Osteopathen.“
Ich: „Tut mir leid, aber Überweisungen kann man nur zu einem Arzt ausschreiben.“
Mutter: „Der ist aber Heilpraktiker.“
Ich: „Eben.“
Mutter: „Aber dann übernimmt es die Kasse nicht.“
Ich: „Richtig. Dafür haben die Krankenkassen und die Ärzte die Vorsorgen erschaffen. Damit man die Osteopathen nicht braucht.“

Liebe Hebammen: Mir war Euer natürlicher bodenständiger Ansatz von früher echt lieber. Wegen mir auch mit Hausgeburten und allem. Was da in letzter Zeit an Zeugs an die Jungeltern rangeredet wird – auweia. Jetzt dürfen die Kinder nicht mal mehr an die frische Luft!
Ja: Hebammenbashing. Und jetzt gerne ein wenig Kinderarzt-bashing-weil-Hebammen-bashing.

hauptsach´ g´sond

sorry, mal wieder ein hebammen-bashing:

mutter: „herr dokter, ich mache mir doch große sorgen um meinen sohn.“
ich: „ja, wieso, der ist doch fit.“
mutter: „genau das macht mir doch sorgen. der ist jetzt achtzehn monate und war noch nie richtig krank.“
ich: „und? ist doch toll, keine angst, mit dem kindergarten kommt das noch.“
mutter: „aber meine hebamme hat gesagt, der hat bestimmt ganz viele allergien, weil er noch nie krank war. können wir das nicht mal testen?“

manchmal, da fällt mir dann auch nichts mehr ein. sind die kinder ständig krank, isses nichts. sind sie gesund, haben sie plötzlich bestimmt ganz viele allergien. diese zusammenhänge erschließen sich mir manchmal nicht. verzeihung, liebe hebammen, aber mein kommentar der mutter gegenüber konnte nur heißen:
ich: „ganz ehrlich? das ist der größte blödsinn, den ich je gehört habe.“

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