Besuche, wie sie nie stattfinden dürfen*

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Mutter: „Ja, ich wollte mal diesen Ausschlag anschauen lassen.“
Ich: „Oh Gott…“
Mutter: „Wie jetzt?“
Ich: „Das sind Masern!“
Mutter: „Wirklich? Aber sie hat gar kein Fieber.“
Ich: „Ach nein? Dann sind es Windpocken!“
Mutter: „Aber sie hat gar keinen Juckreiz.“
Ich: „Achso… Dann vielleicht Scharlach?“
Mutter: „Aber sie hat gar keine Halsweh.“
Ich: „Ich habe mich geirrt! Es ist Neurodermitis! So!“
Mutter: „Oh nein! Das hatte ich befürchtet. Oh Gottogott.“

Kurze Kunstpause, um das Gesagte sich setzen zu lassen.
Ich: „Ich habe doch nur Spaß gemacht. Das sind…“
Mutter: „…ja?“
Ich: „Ganz normale…“
Mutter: „…ja?“
Ich: „Hitzepickel.“

*Achtung: Satire. Ganz so unprofessionell verhalten wir uns nicht. Aber bei manchen harmlosen Haut“dingen“ sind es genau diese Differentialdiagnosen, die ergooglet werden oder von der besten Nachbarin vom drüben ins Spiel gebracht werden.

In diesem Zusammenhang

(c) Bild bei pxhere (CC0 Lizenz)

Sommersonnensinn

Jetzt beginnt wieder die sommerliche Feldforschung im Freibad – wenn´s das Wochenende mal hergibt. Ich bewundere stets das Durchhaltevermögen des kindlichen Organismus bei dreissig Grad im Schatten: Säuglinge, die stundenlang in der Sonne verbringen, weil die Muttis die neuesten Erfahrungen in der PEKIP-Gruppe austauschen, Kleinkinder, die bereits mit blauen Lippen zum hundertsten Mal die Zweimeter-Rutsche ins Becken erklimmen, Jugendliche, die ihren frisch geschälten Bizeps in die Sonne halten.

– Säuglinge dürfen sehr wohl mit Sonnencreme eingecremt werden – zumindest die Stellen, die nicht mit Kleidung etc bedeckt werden können. Der beste Schutz aber bleibt keine Sonne.
– Lichtschutzfaktor LSF 30 ist gut, mehr ist teurer, aber nicht wirklich essentiell besser – wenn man Sonnencreme zu wenig oder zu selten aufträgt, nützt auch der LSF 50 nichts. Faustformel (Achtung!): Eine Kinderhand (!) Sonnencreme pro Extremität bzw. Rücken bzw. Bauch bzw. Gesicht, d.h. die Handfläche muss gefüllt sein! Das ergibt immer einen Milchfilm auf der Haut, der auch einen Moment „steht“. Kinder hassen das Eincremen – und als weiße Gestalten rumzulaufen. Besser als rote Wurst.
– Nach jedem Baden sollte nachgecremt werden. Und: Nicht frisch gecremt ins Wasser springen – dann wird die Hälfte bereits abgewaschen, ohne eingezogen zu sein (Übrigens auch der Grund, warum ich so ungern ins Wasser gehe).
– Wer bereits einen Sonnenbrand hat, hat in der Sonne nichts mehr verloren – und muss trotzdem eingecremt werden, um der Haut das Flüssigkeitsdefizit auszugleichen. Einen Sonnenbrand ist eine Verbrennung I.Grades, d.h. hier gilt das bekannte Verbrennungsschema, die so genannte Neunerregel, was auch bedeutet, dass bei Befall von über 10 % der Körperoberfläche (= z.B. der Rücken eines Kindes) Kreislaufreaktionen drohen.
– Säuglinge haben einen grossen Kopf und wenige Haare – und brauchen daher grosse Hüte. Wer zwingend die Zeit in der prallen Sonne verbringen muss, sollte dies beachten, und trotzdem die Zeit begrenzen. Leider sagen Babys nicht deutlich, wann es ihnen zuviel ist. Faustformel: Haben Sie eine unruhige Nacht nach einem schönen Tag im Freibad – war es zuviel.

Es gibt diese Empfehlungen ja schon lange, und jeder hat sie verinnerlicht. Denkt man. Teilweise hat es dazu geführt, dass Kinder gar nicht mehr rausgehen sollen, noch haben wir aber keine australischen Verhältnisse. Aber: Es nimmt doch Wunder, dass zwischen zwölf Uhr mittags und Sechzehn Uhr die Freibäder am vollsten sind – während bis zehn Uhr morgens und nach achtzehn Uhr keiner mehr unterwegs ist.
So war es jedenfalls gestern hier im Freibad, als Familie kinderdok von 12-16 Uhr im Freibad war. 😉 😉

Der Sommer ist da

Bedröppelt sitzt Lars auf der Untersuchungsliege, rotes Gesicht, rote Schultern, rote Brust und sehr roter Rücken. Er war am Samstag im Freibad. Mit seinen Kumpels. Ohne Eltern und auch ohne Sonnencreme. Beides soll cool sein. Lars ist dreizehn. Er schaut mich in einer Mischung aus Schmerz und Reue an.
Die Mutter ist arbeiten, begleitet wird er von seiner Oma.

„Könn´se jetzt mal was machen gegen“, schmettert sie mir entgegen, kaum dass ich durch die Tür bin.
Ich begrüsse erst einmal meinen Patienten, gebe auch der Oma die Hand, sage artig meinen Namen und lasse mir die ganze Geschichte erzählen. Dann erfülle ich meinen Behandlungs- und Beratungsauftrag, schaue Lars rundherum an, halte meine Hand mit einem halben Zentimeter Abstand auf die Haut am Rücken und spüre die abstrahlende Hitze.
„Tut weh, oder?“, frage ich.
„Könn´se glauben, Dokter!“, schnarrt die Oma.
„Mmh“, nickt Lars.
„Konnt´er nur mit´m nassen Hannduch schlafen“, sagt die Oma und hält mir ein feuchtes Geschirrtuch unter die Nase.
Ich erläutere mehr an Lars denn an die Oma, was ein Sonnenbrand für den Körper bedeutet (Flüssigkeitsverlust, Kreislaufprobleme) und spreche auch das Thema Melanom an.
„Siehste, Krepps kriegste da, Krepps! Hab´ch ja gleich sagt!“, wieder die Oma, dabei tippt sie Lars mit dem Zeigefinger auf die krebsrote Stelle oberhalb des Schlüsselbeins, so dass kurz ein weisser Punkt erscheint, der gleich wieder von der Rötung verschluckt wird. Lars wird blass unter seinem Sonnenbrand.
„Naja, mal langsam“, sage ich zu dem Jungen. „Sonnenbrand kann da sehr gefährlich sein, für die Zukunft. Jeder Sonnenbrand erhöht das Risiko, aber Du bekommst jetzt nichts ganz plötzlich.“
Er schaut schon etwas erleichterter. Die Oma schüttelt den Kopf über so wenig Autorität.

Ich empfehle ihm, viel zu trinken, die Stellen weiter gut zu kühlen, und den Aufenthalt in der Sonne für die nächsten Tage zu vermeiden – ist eh grad bewölkt. Er nickt und wird es so tun. Ein bisschen Aprés-Soleil wird sicher auch gut tun.
„Dann braucht´r noch was für d´ Schul!“, sagt die Oma. „Dasser nicht da war. Heut´. Un´ morgen auch nicht.“
„Oh, damit kann er aber schon in die Schule“, sage ich.
„Kann ich auch“, sagt Lars.
„Wie´n das? Hat´ ja die ganze Zeit das Tuch um!“, die Oma wedelt wieder mit dem Geschirrtuch, so dass kleine Wassertröpfchen durch den Raum fliegen.
„Oma!“, ruft Lars. „Lassen!“
„Aber hier bist Du doch auch nicht mit nacktem Oberkörper reingekommen, oder?“, frage ich ihn.
„Nee, da hatter das Hemd da angehabt, ´n ganz weit´s“, jetzt schwenkt sie ein überdimensioniertes rot-blau kariertes Hemd. Vielleicht vom Opa.
„Ja, mit dem Hemd geht das schon. Kann auch in die Schule.“
„Aber morgen soll er doch nochmal daheimbleiben, nich´ wahr, Herr Dokter?“, ignoriert ihn die Oma.
„Nein, eigentlich nicht“, ich.
„Nein, ich geh in die Schule“, sagt Lars.
Die Oma hebt abschätzend die Augenbrauen über soviel Unverstand auf unserer Seite, gibt sich aber der Mehrheit hin. Lars zieht umständlich das Hemd an, als wolle er vermeiden, dass sich der Stoff auf seine entzündete Haut absenkt. Er pustet rechts und links hinter die Knopfleiste, damit das Luftpolster für Bruchteile von Sekunden den Stoff trägt.
„Da!“, sagt die Oma und klatscht ihm das Geschirrhandtuch in die Hände. „Abba jammer mir heut´ mittag nich´ die Ohren voll, wie schlimm das all´s ist.“

ansichten

papa: „so? mein sohn darf mit seiner halsentzündung eis essen? bei uns in griechenland sagt man, wenn kind zuviel eis essen, dann wird kind krank.“
ich: „sehen sie – und bei mir sagt man, wenn ein kinderarzt einem kind das eisessen verbietet, ist er sicher kein guter kinderarzt.“
kind strahlt, papa schaut mich von der seite an, kneift ein auge zu und grinst.
papa: „weißt du, kinderdok, deshalb kommen meine sohn so gern zu dir.“

aber ist doch wahr: wer hat schon je von eis eine halsentzündung bekommen? vielleicht mal bauchweh oder zahnschmerzen. und wenn die halsentzündung schon da ist, werden die schmerzen davon nur besser. aber die vorstellung vom papa ist die vieler – nicht nur der griechen, auch der deutschen und der russen. nur von den italienern habe ich das noch nicht gehört. wen wunderts.