Du bist doch Arzt, oder?

Ich bin auf dieser Fete bei Astrid, der Cliquen-Freundin aus der Oberstufe. Es gibt Essen, Running-Dinner, alle kochen, man fährt zu jedem Gang von A nach B, jeder muß alles essen, am Ende wird vor allem getrunken. Wir befinden uns bereits in der späteren Abendphase, wo die Blase schwächelt und jedes zweite Bierchen mit einem Toilettengang endet. Interessanterweise haben Astrids Eltern ein Bad mit Pissoir. An dem stehe ich.

Ossi kommt rein. Der kam nicht von drüben (das ging damals ™ noch nicht), der hieß einfach nur so. Olaf Siebelt. Ossi.
Er stellt sich ans Waschenbecken und schaut mir beim Pinkeln zu.

„Sachma, Du bist doch Arzt, oder?“
„Mmh“, mache ich und widme mich weiter meinem Bedürfnis.
„Ich hab´ da mal ´ne Frage.“
Ich seufze innerlich, ob der jetzt leeren Blase und der Ansprache von schräg hinten.

„Kann ich Dir das mal zeigen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, zieht er seine Jeans über eine Pobacke runter. Da ich zum Waschbecken muß, bleibt mir der Anblick nicht erspart. Ich ignoriere ihn und wasche mir die Hände (macht man schließlich vor der Konsultation, oder?).

„Guck doch mal“, er schiebt seine weiße Haut in meine Richtung. Ich wende mich ihm zu, dosiere meinen Interesseblick auf das Nötigste. Er zeigt mir irgendein räudiges Ekzem direkt über der Gluteusfalz. „´Kann man da machen?“, fragt er und zieht lässig die Nase hoch.

Ich mache eine kleine Bewegung mit der Hand, die Hose wieder hochzuziehen (er machts tatsächlich, gottseidank), dann lege ich meine frisch gewaschene Hand auf seine Schulter und schaue ihm tief in die Augen.
„Hautarzt!“, sage ich gutmütig.

Was einem so alles als … mmh … Mediziner passiert. Das ist schon ein bisschen her, aber es war vermutlich meine erste Konsultation. Als Arzt.
Ich war im 2. Semester. Vorklinik.

31 Einträge zu „Du bist doch Arzt, oder?

  • Manche Sachen sitzen in der Köpfen fest wie Beton. Arzt gleich Arzt zum Beispiel. Das sind wie die Leute, die mir ihre Lebensgeschichte mit diversen Problemchen erzählt haben, als ich mich ehrlich dazu „bekannt“ habe, Psychologie zu studieren. Bin heute noch kein Therapeut (und will es auch nicht werden).

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    • Was kann man denn als studierte/r Psyhologe/in denn noch machen?
      Zum Artikel: ja, das klingt bekannt von Freunden die Medizin studieren. Ist aber bei anderen Studiengängen auch so. Zum Beispiel bei Informatikern wird immer gefragt ob man bei dem und dem Problem mit dem Computer helfen kann. Bei Mathestudenten hört man öfter das sie Nachhilfe geben sollen und sicherlich trifft so was auch noch auf andere Studiengänge zu.

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      • Es sind aber vor allem Ärzte und Anwälte, die sich ziemlich zurückhalten. Obwohl das meiste im Gegensatz zu Computerhilfe oder Nachhilfe eher nebenbei beim Bier diskutierten könnte.
        Wenn ich jedenfalls mit meiner mathematisch-naturwissenschaftlichen Ausbildung einen Tipp geben kann, Feuer ich mich und mache das.
        Vielleicht liegt es daran, das erstgenannte mehr vom direkten Endkundengeschäft leben. Andererseits würde das nicht für Stundenten oder abgestellte Anwälte gelten. Und Handwerkerkumpel helfen ja auch meist aus.
        Vielleicht sind es die gesetzlichen Rahmenbedingungen?

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  • Und es fing schon vor dem Studium an, sobald manche den Berufswunsch wussten: „Tänzerin, meine Hüfte tut weh, was kann das denn sein?“

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  • Na da bin ich doch froh, dass ich, entgegen Mamas Wunsch, in der Schule nicht aufgepasst habe und dann nicht Arzt geworden bin. So kümmere ich mich nur um alle Computer im näheren Umfeld und muss die Familienfeiern fotografieren. Dazu noch die Zipperlein im Freundes- und Familienkreis begutachten zu müssen würde mich wahrscheinlich zum Auswandern zwingen…. 😉

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  • ich darf bisweilen kreative erguesse von hobbyschriftstellern jenseits jedweder publikationsreife lesen… auch kein wrikliches vergnuegen und man kommt so schlecht raus….

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  • Lehrerin – VOR dem Referendariat- „Kannst Du mal schnell einen ADHS-Test durchführen??“- merke: Bei einer Geburtstagsfeier, an denen die Hälfte der Gäste betrunken war und das Kind dort wirklich nichts mehr zu suchen hatte…Du bist nicht alleine 🙂

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  • ….ui, dann kannst du mich ja mal massieren….
    …. das Kind meiner Nachbarin, das ist ja immer so unruhig, das hat bestimmt ADS oder so, sag doch mal…
    …. du kennst dich doch auch aus, kannst du mir nicht mal den Befund übersetzen…
    … und so weiter und so fort 😉

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  • Und dazu muss man nicht mal Arzt sein. Ich hatte Medizin in der Ausbildung, plus eine gewisse Affinität zum Thema, das macht mich schon zur Anlaufstelle für sämtliche Problemchen im Freundeskreis, erst recht seit die alle Kinder haben. Schon verrückt wenn man sich so unglaubliche Worte wie „Amoxicillin“, „Fucidine“ und „Varizellen“ merken kann, man kann fast Geld verlangen 🙂

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  • *g* Dazu fällt uns auf Partys (ähnlich Deiner) immer das Bild von Loriot ein! Kennst Du das? Da stehen alle im Frack und ein Knubbelnasen-Herr reißt sein Hemd auf, die Dame streckt die Zunge raus und ein Dritter zieht sich gerade sein Hemd über den Kopf. Weiß nicht, ob ich den Text zitieren darf……. Steht in Loriots großem Ratgeber unter „Gäste“! 🙂
    Liebe Grüsse
    Lina

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  • „Aaach, Du arbeitest für einen Sachverständigen? Sag mal, dann kannst Du doch mal mein Auto anschauen und mir so’n Wisch ausstellen, dass mit dem alles in Ordnung ist und ich noch meine 4.500 Euro dafür verlangen kann!“

    Ich kann das Auto anschauen aber:
    A) Ich arbeite für einen Sachverständigen, ich bin keiner.
    B) Gefälligkeitsgutachten machen wir grundsätzlich nicht.
    C) Selbst wenn wir das machen würden, würde es nichts nutzen, da unser Fachgebiet nicht im Bereich Fahrzeuge liegt, sondern im obertägigen Bergbau.

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  • „Tierärztin“ kommt auch immer gut an…
    Wenn ich dann allerdings meine Tätigkeiten (Lebensmittelindustrie, Schwerpunkt Fleisch und QM) näher erläutere, werden sämtliche angeschleppten Haustiere schnell in Sicherheit gebracht. Mein Mann fürchtet in diesem Zusammenhang mein loses Mundwerk: „Klar kenne ich mich mit Kaninchen aus – habe über 50 verschiedene Rezepte gesammelt“. Es ist halt nervig, weil das Gespräch ansonsten einen absolut vorhersehbaren Verlauf nimmt. Immer.

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  • Kenn ich auch. 1. Semester Jura. Von Tuten und Blasen keine Ahnung. Total erschlagen von der Fülle an Wissen, das ich glaubte lernen zu müssen.
    „Sag mal, ich habe da ein Problem mit meinem Vermieter…“, “ Duuuuu, hab ich da noch Garantie (sic) drauf“

    Ein paar Mal macht es Spaß sich an praktischen Fällen in die Materie einzuarbeiten aber irgendwann wird es zuviel… . Hinzu kommt auch noch, dass ich vor Abschluss des 1. Staatsexamens keine Rechtsberatung geben darf.

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  • Frag mal Fotografen dazu…beliebter Partygast, weil: „Hey, kannst du nicht deine Kamera mitbringen?“ Gerne genommene Antwort: „Bin ich als Gast eingeladen oder werde ich bezahlt?“ Gute Freunde verstehen das oder fragen gleich anders 🙂

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  • Bei meiner letzten Konsultation – „Du studierst doch Medizin, oder?“ ist es letztlich nur auf „Dann hast du doch sicher ein Paar Gummihandschuhe für mich, ich bin zwar nicht dran, aber unser WG-Biomüll bewegt sich schon…“ rausgelaufen. Manche Probleme sind doch auch mit begrenztem Fachwissen lösbar.
    Schöne Grüße aus dem zweiten Semester, Vorklinik! 😉

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  • „Hey, du kennstuich doch mit Computern aus… WArum ist denn mein Rechner so laut/heiß/langsam/pink“
    a) Habe ich den „Patienten“ nie gesehen.
    b) Bin ich Softwareentwickler…

    Ich helfe generell niemandem mehr, seinen Computer zu reparieren oder sonst was. Hilfe zur Selbsthilfe gern, Tipps wo man was nachschlagen könnte. Damits beim nächsten Mal auch allein klappt. Aber das wird immer mit Schmollmund und Stirnrunzeln bedacht. Man könnte ja was lernen und von jemandem unabhängig werden. Igitt.
    Der Grund dafür ist einfach, dass ich inzwischen so vielen Leuten geholfen habe und in wirklich 90% der Fälle Undankbarkeit empfing. Ging dann irgendwas wieder kaputt in den nächsten Wochen, heißt es immer: Du hast doch was dran gemacht… Vorher war das noch nicht.
    Nein danke, kein Gratis-Rechner-Support. Und wie gesagt, eigentlcih ist Hardware auch nicht mein Gebiet…

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    • Hehe, die beschriebene Situation(en) kenne ich auch. Bei mir trifft ja auch Punkt b) zu.

      Noch ne Anekdote: vor Jahren in einer Kneipe, ich sehe einen alten Bekannten. „Gut das ich dich sehe!“ Meine Antwort, mit gelangweilt-genervtem Ton: „Geht’s um Computer oder Fahrräder?“

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  • Man könnte es aber auch als Wertschätzung der eigenen Person sehen- ist doch toll, wenn man um Rat gefragt wird. Wenn man keine adäquate Antwort geben kann oder will kann man das immer noch freundlich sagen und muss die Leute nicht so auflaufen lassen wie den Mann in der Toilette. Bosheit steckt wahrscheinlich nicht hinter diesen Fragen.

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  • Und prompt wieder passiert: Ich war in der Schule wegen (ernsten) Problemen mit Kind Nr.1 und die Sekretärin nahm es zum Anlass für eine ausgiebige Unterredung wegen des eigenen Kindes (noch ernstere Probleme). Nun bin ich nur „Arztehefrau“ – das reicht den Meisten aber als Garant für universelles Wissen zum Fachgebiet des Mannes.
    Ich war diesmal ganz konsequent und habe einen Eintrag in der Kartei gemacht, da ich auch eine Schweigepflichtsentbindung ausgedruckt habe.

    Als Mit-Mama leihe ich gerne (fast) jederzeit mein Ohr, um mal die Sorgen abzuladen. Danach geht es meist ein bisserl besser und das Gefühl, nicht alleine zu sein, tut jedem gut. Aber in diesem Moment war ich als besorgte Mama die Hauptperson. Dachte ich zumindest. Gefangen in der Fachkompetenzfalle!

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