Zu klein

Wir hatten viel Zeit mit der Kleinen verbracht, wir waren direkt bei ihr gewesen, als sie aus dem Bauch ihrer Mutter, viel zu früh, herauswollte. Eine Tüte Mehl, hat der Oberarzt gerne geunkt, die Schwestern und wir Jungassistenten waren hin- und hergerissen wegen des dunklen Humors oder der Abgebrühtheit, die aus dieser Betitelung sprach. Die Tüte Mehl bekam zwei Nabelkatheter, einen Peripherzugang, der zentrale sollte erst nach zwei oder drei Tagen kommen, bis der erste Stress vorüber war.

Warm hatte es die Kleine, in unseren Handschuhen stand der Schweiß, sobald wir unsere Arbeit machen mußten, das stete Klopfen der Monitore in den Ohren, der Geruch nach Gummi, Medikamenten und Ausdünstungen, auch wenn unsere Patienten noch so klein waren. Leises Flüstern von den anderen Inkubatoren, wenn glücklichere Eltern ihre schon größeren Kinder auf der Brust hielten und ihren Herzschlägen auf der Haut nachspürten und mit den grünen Linien auf dem Monitor verglichen. Immer der gleiche Blick nach oben, wenn der Alarm ging, die gleiche Hoffnung, dass es nicht das eigene Kind war, die schnelle Schritte der Schichtleitung, keine lauten Stimmen, kein Fluch, kein Weinen, kein Jauchzen. Das sparten sie sich auf, wenn gerade kein Extremfrühchen auf Station lag.

Es gab Hochs und Tiefs, doch nie soviele Aufwärtsbewegungen, dass wir den Kopf über Wasser halten konnten. Manche Schwestern behaupten, am Start sieht man die Sieger. Diese Kleine gehörte nicht dazu. Ihre Eltern klammerten sich an die wenigen guten Nachrichten (für ein paar Stunden weniger Sauerstoff, die Blutwerte waren stabil, aber nicht wirklich gut). Besuch kam sonst keiner. Wir hätten ihn sowieso nicht hineinlassen dürfen. Schweren Herzens verließen die Eltern jeden Abend die Station, am Morgen sah ich ihnen an, dass sie auch zuhause keinen erholsamen Schlaf zuhause hatten. Noch waren Scherze erlaubt, dass schlaflose Nächte für junge Eltern normal seien. Sie sollten doch erstmal warten, wenn Klein-Mia zuhause wäre. In der zweiten Woche hatten sich die Sprüche abgenutzt. Nichts hätten die Eltern mehr ersehnt, als Mia plärrend im Stubenwagen am Bett stehen zu haben.

Ab und zu wurde es hektisch. Am Anfang sowieso, aber da war es Routine, wenn erst einmal alle Technik anlag, war es ruhiger. Jeder Rückschritt in der Entwicklung brauchte schnelle Entscheidungen, oft auch schnelle Umsetzung. Die Beatmung war klar, die Katheter auch, die Standardbehandlung war automatisiert. Aber alles andere unberechenbar. Der Wunsch nach Standard lag über allem, aber Standard ist nur etwas für die Bücher. Wieviel Elektrolyte das Kind nun über die Infusion braucht, wie millimetergenau die Beatmung eingestellt ist, ob das Antibiotikum A nun durch C ersetzt werden sollte, das sind stets marginale Änderungen im Weg des Überlebens.

Die Nekrotisierende Enterokolitis, die unberechenbare und gefürchtete, die auf allen Frühchenstationen dieser Welt selten, aber immer zu oft durch die Türe kommt, hatte Klein-Mia zum Schluß mitgenommen. Immer nimmt sie über Nacht, immer in den Morgenstunden, wenn die Station am ruhigsten ist. Die Nachtschicht sitzt zum letzten Tee im Stationszimmer und wartet auf die Ablösung und die Stationsärztin checkt nochmal alle Einstellungen, alle Infusionen und träumt vom Nachhausekommen. Wir sahen die NEC nicht kommen, und Mia war noch viel zu klein.

Die Eltern hatten sie am Ende auf dem Arm. Mias Inkubator stand am Ende der Reihe, zum Fenster hin, dort konnte man sich einen halb geschlossenen Raum im Raum schaffen. Als ob die Station wusste, was passieren würde, wurde es sehr still in der letzten halben Stunde. Kaum ein Monitor, der alarmierte, nur da und dort das leise Schnaufen der Beatmungsgeräte. Wenige andere Eltern waren auf Station, alle leise, alle ahnten es. Jeder kennt irgendwann jeden der anderen, ihre Kinder, ihr Namen, ihre Gewichtsklassen. Der Monitor war schon lange aus, kein theatralisches Schalterdrücken, wie das die TV-Arzt-Serien kennen, nur das Kind alleine auf dem Arm der Mutter, als ob sie es zuhause gerade aus dem Stubenwagen geholt hätte. Kein anderes Frühchen brauchte Hilfe an diesem Morgen. Sie hatten alle Zeit der Welt.

Sabine hat später den kleinen Körper gesäubert, das übliche Stationsritual, wenn ein Kind starb. Ein vorgegebener Ablauf, mit frischem Tuch, sogar einer frischen Windel, ein letztes Streicheln. Ich habe ihr geholfen. Zwischen uns gab es eine besondere Verbindung zu der Kleinen, so schien es. Und nachdem alles bereitet war, der Inkubator abgeschaltet, nur ein kleines Mädchen in einem sauberen großen Tuch, haben Sabine und ich innegehalten, die vier Hände ein letztes Mal ganz nahe am Kind, ein kurzer wichtiger Moment. Für den Abschied unserer Station, mit einem Blick über den Glaskasten, in unsere Augen, etwas verschwommen vielleicht, ein wissendes Nicken. Der Trauer zum Trotze zuversichtlich.

Dieser Text erschien in der 2. Version der Anthologie „1000 Tode Schreiben“ des Frohmann Verlages

20 Einträge zu „Zu klein

  • Sowas sollte man nicht lesen, wenn man gerade sein 5 Tage altes Baby gesund zu Hause hat. Ich hoffe, dass die Eltern Mias Seele später wieder gefunden haben…

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  • Traurig. Auch wenn meine Kinder schon älter sind und beides keine Frühchen waren, fühle ich mit Mias Eltern. So ein kurzer, schwerer Weg!

    Ich finde es tröstlich, dass im durchrationalisierten Krankenhausalltag trotzdem nicht nur Programm abgespult, sondern mit Herz für die Patienten gekämpft wird. Und dass behutsam mit den Leuten umgegangen wird, soweit das möglich ist.

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  • So unendlich traurig, unfassbar und vorallem unvorstellbar was manche Eltern aushalten müssen/können.
    Ich wünsche den Eltern und allen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden/befand viel Kraft!

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  • Die Welt auf der Frühchenstation ist eine Welt für sich. Man ist so lange Bestandteil, wie das eigene Kind da liegt. Um einen herum existiert die andere Welt nur noch peripher.
    Meine Tochter war gerade knapp 2 Tüten Mehl und eine Siegerin. Auf ihrer Station gab es eine kleine, der es ebenso erging wie Klein-Mia, nur dass die Eltern den größeren Zwilling mit nach Hause nehmen konnten.
    Obwohl wir keinen Kontakt zu den Eltern weiter haben, wird dieses Mädel immer bei uns im Herzen mitbleiben. Wir haben da sehr mitgefiebert und gehofft, vergeblich.
    Man kann den Eltern von den kleinen Mias einfach nur Kraft wünschen.

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  • Die Zeit bleibt stehen, man bekommt nichts mehr mit während man mit dem Kind ums Überleben kämpft. Eine Gemeinschaft entsteht. Jeder freut sich mit einem wenn das Kind zum ersten Mal die Windel füllt oder den ersten Schluck selbstständig aus der Flasche zieht..als Außenstehender wirkt alles völlig überzogen aber wir haben tatsächlich mit alkoholfreien Sekt und den Ärzten ne kleine Party deshalb gefeiert.
    Schade, dass Mia es nicht geschafft hat. Ich hoffe die Eltern finden einen Weg die Trauer zu bewältigen.

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  • Jetzt sitze ich hier mit Tränen in den Augen und meiner Kleinen im Arm, die ich vor 10 Wochen von der Frühchenstation nach Hause nehmen durfte. Klein, mager, aber gesund. Ich hab in der Zeit im Kinderkrankenhaus Hochachtung vor den Ärzten, Schwestern und Pflegern dort gelernt.

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  • da sitze ich und überlege, was wohl grausamer ist…..mein Kind in der 18. Schwangerschaftswoche zu verlieren, welches insgesamt fast 4 Wochen tot im Bauch bleiben musste, oder ein Kind lebend zu früh zu bekommen, Hoffnung zu haben und den Kampf zu verlieren 😦

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  • Jetzt sitz ich hier und heule…
    Meine beiden Söhne waren Frühchen, der jüngere nur 1350 g schwer und ein Kämpfer von Anfang an. In der 31. Woche geholt und ohne Beatmung, das war für alle dort ein Wunder. Nach „nur“ fünfeinhalb Wochen durften wir gesund heimgehen.
    Auch bei uns war eine Mia, die es nicht geschafft hat. Wir waren damals schon zu Hause, ich habe es von der Zimmerkollegin erfahren, die total durch den Wind war.
    Auch das gesamte Pflegepersonal macht einen großartigen Job, ich bewundere das zutiefst.
    Allen Eltern, die so etwas erleben mussten, wünsche ich viel Kraft zur Bewältigung der Trauer.

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  • Ich glaube, die Zeit kann man nie ganz hinter sich lassen, auch wenn unsere zwei 1 1/2 Tüten Mehl heute quicklebendige, fahrradfahrende 3-jährige sind. Wir hatten – nachdem es Ende der ersten Woche um eine ganz schlecht stand – vermutlich einfach Glück.
    Neulich bei der Augenkontolle traf ich eine damals oft für unsere Kinder zuständige Neonatologin. Sie war mit ihren Extremzwillingsfrühchen zur Kontrolle da.
    Sie meinte zu mir, erst jetzt könne sie nachvollziehen wie es Eltern auf der ITS wirklich geht und unter welchem Druck und zurückgehaltenen Gefühlen diese stehen.

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  • Oh mann, da werden Erinnerungen wach. Ich war damals erst 16 und nur der Besuch, der meine Schwester fast täglich ein halbes Jahr lang zu ihrem Frühchen mit NEC auf die Intensiv begleitete. Der große Zwillingsbruder war schon längst zu Hause und wurde abwechselnd von den Omas betreut. Die tägliche Autofahrt war ein Hin- und Hergerissen sein zwischen den beiden Kindern aber sobald man auf Station war, war man wirklich wie in einer anderen Welt. Der Geruch, die Geräusche und immer wieder der prüfende Blick in die einzelnen Zimmer ob noch alle Patienten da sind. Man kannte sich untereinander und lachte und weinte zusammen. Wenn eins der Kinder nach Hause durfte, gab es eine regelrechte Verabschiedungsfeier. Ich habe diese Gemeinschaft und das ganze Drumherum geliebt, weil es einem die Sorge um das eigene Kind (in meinem Fall mein Patenkind) etwas milderte.
    Ich habe in diesem halben Jahr einige Kinder erlebt, die es leider wie Mia nicht geschafft haben. Man erfuhr es durch die Schwestern bzw. reichte meist nur ein Blick aus. Den Eltern dieser Kinder bin ich glücklicherweise nicht mehr begegnet. Ich glaube damit hätte ich als 16jährige auch nicht umgehen können.
    Mein Patenkind hat die NEC mit mehreren OPs überlebt und ist heute ein 17jähriger gesunder Spargeltarzan bei dem nur noch die große Narbe am Bauch und die vielen Fotos an „unsere“ Zeit auf der Frühchen-Intensiv erinnern.

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  • Ich sitze mit Tränen in den Augen vor dem Rechner. Nachvollziehen kann diesen Text, glaube ich, nur, wer Erfahrung auf einer Neonatologie hat … egal, ob als Arzt/ Schwester …. oder Eltern.
    Unser Kurzer war „nicht mal eine Tüte Milch“ (so habe ich mir den Vergleich am Anfang deutlich gemacht). 106 Tage Neonatologie – wir hatten Glück im Unglück. Die Verbindung zur Neonatologie halte ich auch nach fast 1,5 Jahren noch. Einer der Oberärzte bekommt regelmäßig Mails, wie es unserem Kurzen geht. Wenn wir in dem Krankenhaus (oder der Umgebung sind) schauen wir auf der Neonatologie vorbei – viele Schwestern und Ärzte kennen uns noch und freuen sich, wenn wir mit unserem Kurzen vorbeischauen!

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  • als mutter von weniger als einer tüte mehl, die es – vor 12 jahren – nicht geschafft hat, bin ich sehr berührt über diese sicht „von der anderen seite“.

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