Wieder mehr Streicheln

Wie passend zum Weihnachtsfest ging letztens eine hübsche Meldung durch die Fachpresse: Streicheln reduziert das Schmerzempfinden bei Säuglingen. Als wüssten das nicht alle Eltern instinktiv.

Rebeccah Slater von der Uni Oxford und ihr Team untersuchte Neugeborenen in einer Kinderklinik, denen Blut abgenommen werden musste. Die einen wurden mit einer weichen Bürste gestreichelt, die anderen nicht. Gemessen wurde das Schmerzempfinden über ein Elektroenzephalogramm (EEG) mittels Hirnströme. Zurückzuführen sei die Wirkung auf afferente (also zum Hirn gerichtete) C-Nervenfasern, die so aktiviert die Schmerzreize reduzieren.

Dabei kommt es auf die Frequenz des Streichelns an: Etwa drei Zentimeter pro Sekunde seien das Optimum, so die Forscher, ein schnelleres Streicheln bringt nichts. Damit nun niemand mitzählen muss, wenn gestreichelt wird: Instinktiv würden Eltern diese Frequenz beim Beruhigen einstellen.

Wir ermutigen die Eltern beim Blutabnehmen stets, die Kinder abzulenken, zu liebkosen, und beruhigend auf sie einzureden. Die Nähe der Eltern ist das entscheidende Beruhigungsmittel. Da kann man noch so viel Zuckerlösung anbieten oder betäubende Salben schmieren.

Auch wenn Ihr selbst keine Nadeln sehen könnt, oder denkt, die Anwesenheit der Eltern bei den Blutabnahmen würden die Kinder mit dem Schmerz assoziieren („sonst denkt mein Kind, ich würde das billigen und es nicht beschützen“ OT mancher Eltern) – seid dabei. Die Kinder brauchen Euch.

Streicheln wir wieder mehr. Es tut so gut. Partner, Kinder, sich selbst. So mancher Schmerz kann dadurch gelindert werden. Aber eigentlich tut es immer gut.

Originalarbeit Deniz Gursul et al, Stroking modulates noxious-evoked brain activity in human infants, Current Biology 28, R1365-R1381, Dec 17th, 2018

(C) Bild bei Pixabay/Pexels (unter CC0 Lizenz)

11 Kommentare zu „Wieder mehr Streicheln

  1. Beim 1jährigen hat uns die Ärztin im Krankenhaus nach Fieberkrampf genau mit dem Argument vor die Tür geschickt „Sonst assoziiert das Kind sie mit den Schmerzen“ und gebeten, auch ein wenig weiter weg zu gehen, damit wir es nicht hören. Als Ersteltern sind wir brav wie dumme Schafe gefolgt.

    Hinterher -aus Elternsicht- sehr viel Blut um das Kind herum auf der Liege nebst mehreren Stichversuchen im Handrücken. Heute, 10 Jahre später sehe ich das weinende Kind auf der Liege immer noch vor mir und habe ein ganz ganz schlechtes Gefühl in der Magengrube, das Kind damals im wahrsten Sinne Mutterseelenallein gelassen zu haben.

    Kind3 bekam einige Jahre danach beim Kinderarzt Blut abgenommen und ich wollte und durfte gern dabei bleiben. Die Helferin sagte, der Trost sei für das Kind doch wichtiger und nicht ich, sondern sie nähme ja das Blu ab. Warum solle ein Kind da den Schmerz mit mir verknüpfen.

    In mir drin weint es noch ob des ersten Ereignisses und ich bin so wütend auf uns Eltern, dass wir nicht dabei geblieben sind.

    Danke, dass das hier ganz deutlich erwähnt wird. Kann man nicht oft genug sagen, leider wohl auch manchen Kollegen..

    Frohe Weihnachten!

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    1. Ich hatte auch so ein Erlebnis mit der ersten Tochter im Krankenhaus, wo die Ärzte uns Eltern für eine schmerzhafte Untersuchung des Raumes verwiesen. Ich war so perplex, es kam so unerwartet für mich, dass ich einfach gemacht habe, was man mir sagte. Furchtbar.

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    2. Das tut mir sehr leid. „Damals“ in der Klinik haben wir leider auch oft die Eltern herausgeschickt oder zumindest hineingefragt, ob sie nicht lieber draußen warten wollen. Für mich als junger Assistent war das ganz selbstverständlich, sicher auch gesteuert von den „alten“ Krankenschwester, die „das schon immer so“ gemacht haben.

      Erst mit mehr Erfahrung und eigenen Kindern vor allem habe ich mich dann durchgesetzt. In der Praxis ist das sowieso Usus, dass die Eltern dabei sind.

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  2. Genauso wie Katharina geht es mir auch: Wir wurden für die Lumbalpunktion bei unserer Zweijährigen vor die Tür geschickt – und haben uns schicken lassen.
    Ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen deswegen.
    Das gleiche Krankenhaus, hörte ich später aus den Erzählungen von Bekannten, lässt Eltern auch nicht in den Aufwachraum zu ihren Kindern. Ich finde das unverständlich. Benehmen sich Eltern in solchen Situationen denn wirklich so oft hinderlich, dass man das zur Regel machen muss?

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      1. Danke für die Rückmeldung!
        Sterilität ist natürlich ein Argument. Und, klar: Das Kind muss ja fest fixiert werden, das sieht vermutlich brutal aus – aber gerade das macht sicher dem Kind auch noch mehr Angst.
        Ganz so lange ist das übrigens nicht her: Mitte November diesen Jahres.
        Und zum Glück war es dann nicht die befürchtete Meningitis!
        Dass wir aber für die Warnzeichen sensibilisiert waren, verdanken wir sicherlich auch diesem Blog, danke dafür!

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    1. Es ist ja auch nicht so, dass man das mal eben so aus Spaß macht. Regeln müssen eingehalten werden, Konzentration, manchmal muss es sogar schnell gehen. Und da ist es mir eigentlich lieber dass es korrekt abläuft als dass man sich gleichzeitig um die ängstliche Mutter kümmern muss.

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  3. Das scheint ein Klinikphänomen zu sein.
    Bei uns lautete das Argument allerdings, dass wir uns das Weinen unseres Sohnes bei der Blutentnahme und dem Legen der Infusion nicht antun sollten.
    Mir ging es ähnlich,wie den obigen Eltern.
    Was war Freund das erste Mal Klinik mit Kind.
    Insgesamt Hab euch mich als Mutter wenig eingebunden gefühlt.
    Schade! Für alle!

    Bei unserer Kinderärztin soll man dagegen immer am Kind bleiben, besonders bei Impfungen und danach Kind sofort in den Arm nehmen.

    Grundsätzlich sind wir eine kuschelige Familie.
    Bis heute vergeht kein Tag an dem unsere zwei Jungs nicht mindestens einmal ausführlich zum „Knuddeln“ kommen.
    Wir sind darauf schon angesprochen worden…
    Wir seien so körperlich miteinander.
    Hm, wir sind dabei geblieben.
    Wie gut!
    Und wie schön, dass die Menschen es wieder entdecken!

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  4. Eigentlich wollten sie unserer Tochter das Blut ohne uns abnehmen. Ich durfte nach meiner Nachfrage dabei bleiben, „wenn Sie das aushalten“. Ist natürlich nicht schön (und für Laien auch sehr ungewohnt, ja sogar erschreckend zu sehen, wenn es am Kopf abgenommen wird…), aber trotzdem kein Problem für mich. Mein Mann wäre mit guten Gründen vor der Tür geblieben. Wer selber Angst hat oder womöglich umkippt, hilft vermutlich eher nicht.
    Als Frühcheneltern muss man es allerdings auch aushalten, dass so was häufig in Abwesenheit passiert. Und selbst wenn man da ist, ist der Brutkasten dabei häufig so belagert, dass die Elternhand gar nicht mehr rein passt… Und ja, man muss immer wieder nachfragen, ob man, dass man, … Ich habe mich leider auch zu oft abspeisen lassen bei anderen Dingen. Beim hoffentlich nicht passierenden nächsten Mal würde man es besser machen – und mit den Extrawünschen das Krankenhauspersonal nerven. Oder die freuen sich über die selbständige Kundschaft?

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    1. Meine Erfahrung als Frühchenvater auf der Neo-ITS war, dass wir Eltern sehr gerne gesehen waren, am/ neben/ mit den Händen im Inku und das es sehr begrüßt wurde, dass und wenn wir da waren und „mitgeholfen“ haben – und sei es nur durch Handauflegen oder Berühren (wenn bei der Maßnahme noch eine Luke am Inku frei war, die wir nutzen konnten.

      Beim Waschen/ Wickeln/ Pflegen/ Anziehen sind wir sowieso von Anfang an mit einbezogen worden.

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  5. Tatsächlich ist es uns beim ältesten (von 3) Kindern 2 oder 3 mal passiert, das wir bei einer für das Kind schmerzhaften Prozedur „rausgeschickt“ wurden und auch gegangen sind, weil wir jung und unerfahren waren.

    Als der Knabe 2 war, musste ihm im Krankenhaus auch Blut abgenommen werden und ich hatte gerade das Zimmer verlassen. Er war vollkommen hysterisch, als ich zurück kam. Danach ist mir das nie wieder passiert, wir haben uns das ausdrücklich verbeten. Es erschien mir absolut widersinnig, für die Gewöhnung an Fremdbetreuung (Kita) teilweise wochenlang die Eltern dabei zu haben, aber bei einer echten Stresssituation für das hilflose Kind sollen sie gehen. Ehrlich, das ist doch bekloppt, sorry für die Ausdrucksweise.

    Glücklicherweise waren wir nie in einer echten Notfallsituation, wo kein Elternteil greifbar war, das wäre natürlich klar, dass da gehandelt werden muss. Aber das ist doch zum Glück nicht der Normalfall.

    Der Vollständigkeit halber will ich noch erwähnen, das der besagte Älteste mit inzwischen fast 17 als einziges unserer Kinder immer noch sehr verhalten enthusiastisch auf ärztliche Untersuchungen reagiert und eine „Spritzenphobie“ hat. Die jüngeren Geschwister haben wegen chron. Erkrankungen zum Teil deutlich mehr mitmachen müssen, wurden aber immer begleitet und gestreichelt. Da gab es keinerlei Probleme und sie haben auch nie uns Eltern für die ihnen zugefügten notwendigen Schmerzen verantwortlich gemacht.

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