Buchrezension: Lieschen Müller operiert und schrieb darüber

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Als Medizinstudent, vielleicht in einer Famulatur, später als Student im Praktischen Jahr, bist Du irgendwann in der Chirurgie, da führt kein Weg dran vorbei. Es reizt, das zu sehen, Du denkst, als Mediziner musst Du einmal im OP gestanden haben. In der Famulatur ist es eine gute Möglichkeit, mal die „Echte Medizin“ kennenzulernen. Denn sind wir alle ehrlich: Vor der schneidenden Zunft haben wir Internisten echt Respekt.

Meine erste Famulatur bestand aus einem Monat „Haken- und Maulhalten“, mein betreuender Assistenzarzt sah mich eher als lästigen Klotz am Bein, dem er nicht wirklich etwas beibringen wollte. Naja. Ein paar Nähte durfte ich lernen, und ich weiß jetzt auch, wie es hinter dem Meckelschen Divertikel aussieht. In meinem PJ-Drittel Chirurgie (das verpflichtend ist) habe ich vor allem Schilddrüsen gesehen, ein paar TEPs und zweimal eine Hand-OP, das war nett. Sagen wir mal: Mich hat das nie wirklich gepackt.

Lieschen Müller kenne ich von ihren tollen Blogbeiträgen, ich musste unbedingt ihr erstes Buch „Oha, können Sie denn auch operieren?“ lesen. Ich wurde nicht enttäuscht. Ich liebe ihre schöne Sprache, ihren Satzrhythmus, ihren Humor, und seit dem Buch nun auch ihre schonungslos offene Art.

Wir folgen ihr durch die Anfänge als Weiterbildungsassistentin in der Chirurgie, dürfen bei Einstellungsgesprächen dabei sein, die – oh Wunder, unfassbar! – sich vor allem um ihr Geschlecht, Familien- und Kinderwunsch drehen. Dies ist das erste große Thema dieses Buches: Wie sich eine Frau durch eine männerdominierte Fachrichtung, und das ist die Chirurgie ganz sicher, arbeiten muß. Das sind wir Kinder- und Jugendärzte natürlich anders, unser Frauenanteil liegt mittlerweile bei über 70%. Aber in dieser Ecke der Kritik an der Ausbildung bleibt Lieschen nicht stehen: Das System des Ellenbogens, des Durchbeißens, des Fightens um Operationen, um den „Katalog“ zu füllen, das entmenschlicht die Vorgänge im Krankenhaus doch sehr.

Eine Hilfe war es für die angehende Chirurgin, die KollegInnen und PatientInnen in Typen einzuteilen, wir treffen auf die oldschool Dinosaurier, auf rücksichtlose Hyänen und Jaguare, auf unscheinbare Mäus(ch)e(n), auf gemütliche Bären. Patienten sind Raben, Chamäleons, Löwen, Bienen und Sträuße. Ein Kapitel, in dem ich viel lachen musste, denn: Genau. So. Ist. Es. Übrigens diesmal auch in der Kinderheilkunde, die Patienten lassen sich super auch auf Eltern übertragen.

Lieschen durchläuft die Hölle des Krankenhauses, sie wechselt, sie sucht ein netteres Team, mehr Anerkennung ihrer Arbeit, mehr Gemeinsamkeit als ständigen Kampf. Es läuft besser, sie wird schwanger, nun muss sie sich nicht nur als Frau durchsetzen, sondern als werdende Mutter. Dass sie anfangs die Schwangerschaft geheimhält, weil sie nicht weiß, wie die KollegInnen damit umgehen werden, spricht Bände. Schließlich kommt es zur Zäsur, zu einem Meltdown, einem Zusammenbruch und damit der Entscheidung, die Dinge anders zu machen.

Ein wenig Kritik tut auch gut: Ich hätte mir etwas kürzere Kapitel gewünscht, denn viele Leser brauchen inzwischen „kleinere Häppchen“, da verliert sich die Kollegin manchmal etwas im Mäandern der Geschichten, die Themen sind nicht genug abgegrenzt. Außerdem lesen sich Storys besser mit gefakten Namen als mit J., S., M. und P., vor allem, wenn J. und J. einmal ein Arzt ist und einmal ein Patient. Aber das sind Marginalien.

Wer Arzt oder Ärztin werden will, wer den Alltag in einer Klinik verstehen will, wer einen Einblick in die Hierarchien im Krankenhaus erkennen möchte, der muß dieses Buch lesen. Aber keine Angst: So offen und gnadenlos Lieschen Müller aus ihrer Karriere berichtet, so sehr liest man aus jeder Zeile die Liebe zu ihrem Beruf und den Respekt vor KollegInnen und den PatientInnen. Ich dachte wirklich, irgendwie gab es jedes Buch zur Medizin schon einmal, nein, ist es nicht. So hat das noch niemand geschrieben.


»Oha, können Sie denn auch operieren?« von Lieschen Müller, erschienen bei hanser-blau (hier gibt es auch eine Leseprobe als PDF)

Das Buch wurde mir als Rezensions-e-Book durch den Verlag hanser-blau zur Verfügung gestellt. Der obige Text enthält auch affiliate links zu Amazon.

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2 Gedanken zu “Buchrezension: Lieschen Müller operiert und schrieb darüber

  1. Dankeschön für den Tipp!
    Ich lese es gerade und es ist ganz interessant. Sogar mein Pubertier hat auch schon begeistert reingelesen 🙂

    Liken

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