Lesepotpourri April – Juli

Die Abstände werden größer, in denen ich meine Lektüren der letzten Monate präsentiere. So what, schließlich ist das ein Kinderarztblog und das „me“ im Titel muss eben manchmal zurücktreten. Problematisch ist nur, dass ich manchmal im Rückblick nicht mehr weiß, was ich alles gelesen habe. Mal sehen:

Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer
Das war eine Empfehlung aus Euren Reihen, vielen Dank, ich habe die Lektüre sehr genossen. Es geht um ein Kindergenie, ein Mathematik- und Überhaupt-Genie, William James Sidis, dessen Vater ihn mittels zweifelhafter Erziehungsmethoden zu einem Genie formte. Die Theorie: Jeder Mensch kann zu einem Genie werden, wenn er nur frühzeitig entsprechend gefördert, sprich: gedrillt, wird. Es kommt, wie es kommen muss. William rebelliert, William wird anders, als seine Eltern es sich wünschen. Wird er glücklich? Spät. (4/5)

Bis an die Grenze von Dave Eggers (Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Zimmermann
Dave Eggers Stil ist schon mein Ding, ich mag die Flüssigkeit und Poesie seiner Bücher und auch den Bezug zu wichtigen Dingen der heutigen Zeit, „The Circle“ halte ich für eine Offenbarung der Zukunft. Aber das vorliegende Buch war nicht meines, vielleicht hat mich das Sujet (reisende alleinerziehende Frau mit Kindern) nicht gepackt, jedenfalls war der Spannungsbogen der ersten Kapitel so schwach gezogen, dass ich es abgebrochen habe. (1/5)

Niemals von Andreas Pflüger
Schnappatmung beim zweiten Thriller rund um die blinde Topagentin/polizistin Jenny Aaron, nach „Endgültig“, der auch schon sensationell war. Der Stil ist beeindruckend, die Stimmung der Sicht der Blinden erdrückend, die Fähigkeiten von Aaron bewundernswert. Ihr nimmt man das Supergirl sofort ab, gönnt es ihr in allen Facetten, und ergötzt sich an der Schnoddrigkeit ihrer Kollegen der Polizei. Hoffentlich kommen da noch mehr Thriller hinterher. Man darf das hier verraten: Es könnte einen Weg für Aaron aus der Blindheit geben, das ist logisch im Plot, logisch für die Entwicklung, aber sicher das Ende dieser Reihe. Ich warte auf den nächsten Band. (5/5)

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde (Übersetzt von Ursel Allenstein)
Ich tue mich immer schwer mit „Das musst Du lesen“. Wieder so ein Buch, an dem ich gescheitert bin, weil es mir so dringend empfohlen wurde. Klar, das Thema ist wichtig: Das Sterben der Bienen. Geschenkt. Der passende Ökothriller zur Zeit. Vielleicht bin ich mit den drei Erzählsträngen nicht zurecht gekommen, das war mir zuviel „Cloud Atlas“, vor allem wenn es in die Zukunft geht (wobei, das noch die spannendste, weil traurigste der drei Erzählungen war). Es war mir zu anstrengend, mich jedesmal wieder in den Stil der jeweiligen Zeit einzudenken, so etwas kann ich nicht während Zeiten, wo ich arbeite. Vielleicht mal im Urlaub. Hier und jetzt: abgebrochen. (2/5)

Der Trost von Fremden von Ian McEwan (Übersetzt von Michael Walter)
Erwähnte ich, dass ich bekennender McEwan-Fan bin? Er ist mein bay, gleich nach John Irving, aber mit mehr Konstanz und mehr für mich noch zu entdecken. „Der Trost von Fremden“ ist ein älteres Buch, dass ich im Antiquariat gefunden habe, schön knapp und schnell zu lesen, aber wie immer bei McEwan dankbar. Der Roman liest sich wie eine Skizze anderer Romane von ihm, es finden sich schon die klassischen Ideen der zerrütteten Beziehungen und der Einflussnahme von Außen auf das glückliche Paar. Hier besonders verstörend, am Ende sogar dramatisch. So distilliert schreiben können, mit soviel Beobachtungskraft und Witz, toll. Schade, dass ich mit meinem Englisch stets an McEwan scheitere, das muss noch cooler sein. (5/5)

Ready Player One von Ernest Cline (Übersetzt von Sarah und Hannes Riffel)
Ein schönes Buch für den Urlaub: Gut abgehangen, schnell zum Blättern und Lesen, also pageturnen, nett erzählt, auch packend. So habe ich das mal ganz gerne. Hinterlässt jetzt keine Lösung der Weltprobleme oder einen Hangover, ist dafür aber gespickt mit Bezügen auf die Achtziger und die Welt des Gameplays. Letzteres ist nicht so meins, deshalb gehen mir wahrscheinlich ein oder zwei Witze flöten, dafür genoss ich die Songs aus den Achtzigern. Eine passende Spotify-Playlist gibt es auch. Den Film habe ich noch nicht gesehen. Soll ja ein Kultbuch sein. Nunja. as mir auf den Keks ging, war die gönnerhafte Hochnäsigkeit des Protagonisten, da hätte dem Plot einen heftigeren Downfall vor der Auflösung gut getan. (4/5)

Hologrammatica von Tom Hillenbrand (Hörbuch, gelesen von Oliver Siebeck)
Ein Zufallsfund auf Spotify, ein Science Fiction zum Fingerlecken. Die Story des Questors Galahad Singh, wie er in der Zukunft eine Person wiederfinden muß, denn das ist sein Job. Es geht um neue Identitäten, vertauschte Körper, Gefäße und Klone, dass die Welt anders aussieht, als wie sie von außen, überlagert von der Hologrammatica, wirkt. Sehr spannend und konsequent technologisch in die Zukunft gedacht, viel härter und kompromissloser als „Qualityland“, dem Spass-SF der heutigen Zeit. Ich habe das Gefühl, hier gibt es eine Fortsetzung.
Hörbuch perfekt eingelesen von Mr. Hörbuch Siebeck. (5/5)

Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens von Ulli Lust
Eine autobiographische Graphic Novel der Ulli Lust, wie sie als junge Punkerin von Wien über die Alpen bis nach Sizilien reist, ihre kleine, zu große Welt entdeckt, erste Erfahrungen mit anderen Menschen und den Männern macht, ersten Sex und Vergewaltigungen erlebt. Der Leser träumt mit ihr naiv durch Italien und wird brutal zu Boden gezogen dank verzweifelter und trauriger Linienführung. Auch wenn stets der letzte Tag vom Rest deines Lebens ist, so haben wir immer Angst, dass dies überhaupt der letzte Tag ist. (5/5)

Schattenspringer: Per Anhalter durch die Pubertät von Daniela Schreiter
Ich hatte das Glück, Fuchskind auf der ComicCon 2018 in Stuttgart zu treffen, habe mir nicht nehmen lassen, den zweiten Band der Schattenspringer-Reihe signiert zu bekommen, und, was bleibt? Am nächsten Tag hatte ich das Buch schon durch. So toll. So schön. So lustig. So lehrreich. Es wäre großspurig zu behaupten, dass ich Autisten kenne, aber in meinem Beruf sehe ich vielleicht die ersten Entwicklungen. Für Eltern können die Schattenspringerbücher eine Hilfe sein, ihre Kinder so zu nehmen, so toll sie eben sind. Für Autisten selbst sind die Bücher sowieso eine Bereicherung. In Band 3 kommen von Daniela interviewte Autisten zu Wort. Sehr gespannt darauf. (5/5)

Saga 4-5 von von Brian K Vaughan und Fiona Staples
Es geht weiter in der Comic-Saga um den Gehörnten und die Beflügelte, die in ihrer Romeo-und-Julia-Beziehung durch die Galaxien dieser Welt flüchten. Nun auch noch mit Kind. Bombastisch. (5/5)

 

 

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Lesepotpourri Januar – März

Oh, hui, es ist ganz schön was zusammen gekommen in diesen drei Monaten, trotz Grippewellen und unglaublich viel Patienten in der Praxis. Wir hatten nur zwei Wochen geschlossen, vermutlich habe ich da durchgelesen, außerdem liebe ich mein Ritual vor dem Einschlafen, noch zwei oder drei Kapitel des aktuellen Lesestoffes zu verschlingen (während die beste Ehefrau von allen bereits nach zwei Seiten einschläft). Hier meine Bücher dieses Quartals:

Der nasse Fisch von Volker Kutscher
Die Krimis, oder eigentlich Romane mit Krimi von Volker Kutscher rund um den Berliner Kommissar Gereon Rath erfreuen sich großer Beliebtheit, inzwischen sind sie teilweise als Serie verfilmt. Alle lieben die Verquickung aus historischem Berlin Anfang des letzten Jahrhunderts mit Kriminalfällen, der Hauch des aufkommenden Nationalsozialismus und das Lokalflair. Ja, das liest sich ganz nett. Mir persönlich war die Figur Rath zu kompliziert, ich verstand seine Motivationen, dies oder jenes zu tun, nicht so ganz. Starker Beginn, solides Mittelfeld, Ende öde. Hier liegt noch der zweite und dritte Band, aber dafür brauche ich viel Lektürevakuum, und dazu ist der restliche SuB doch zu hoch. (3/5)

Endland von Martin Schäuble
Ein blinder Pick über die Amazon-Kindle-Shop-Seite, kurz in die Leseprobe reingeschnuppert und angefixt. Ein interessanter Roman über ein Deutschland jenseits der AfD, mit abgeschotteten Grenzen und offenem Fremdenhass. Hauptakteure sind ein junger Grenzsoldat und eine Migrantin aus Afrika, deren Wege sich unweigerlich zur Würze des Romans kreuzen müssen. Ein flüssig geschriebener Roman, ein Pageturner, wie die Amerikaner sagen, natürlich enorm konstruiert, mit dem unweigerlichen „Das kann ja so gar nicht sein“-Faktor, aber auch einem „Und wenn es nun doch so wird?“. (4/5)

Das Buch der Spiegel von E.O. Chirovici (übersetzt von Werner Schmitz und Silvia Morawetz)
Ein Literaturagent bekommt ein Manuskript eines Studenten, unvollständig, über seinen Professor an der Uni, dessen Liebesleben, dem Mord an demselben und wie dieser und jener und diese darin verstrickt sind. So far, so complicated. Was das Buch fasziniert, ist das Austersche Spiegeln und Verweben der verschiedenen Erzählstränge, jede Person bringt einen neuen Blick auf die Vergangenheit, Rashomon im Buch, aber doch nicht ganz so sophisticated. Ein Spiel mit der Sprache, und wieder eine Mischung aus Krimi und Erzählung. (4/5)

QualityLand von Marc-Uwe Kling
Nein, ich mochte die Känguru-Chroniken nicht. Mir war das zu redundant, ich konnte dem Hype mit den Hörbücher gar nicht folgen, mir war das zu sehr Schmalspurkabarett. Tut mir leid. Ich bin nicht die Zielgruppe. „QualityLand“ habe ich gelesen, weil ich das Thema reizvoll fand und unausweichlich: Wie wird unsere Zukunft aussehen, wenn wir mit den Likes und Dislikes, der Suche nach digitaler Anerkennung und Selbstoptimierung durch andere (sic!) so weitermachen, wenn das digitale Leben uns komplett steuert. Und das hat Herr Kling wirklich gut umgesetzt, sehr konsequent, sehr überspitzt natürlich, aber bis zum lehrreichen Exzess. Der Gipfel der Digitalisierung ist der Androide-Politiker, der uns die Moral vor die Nase hält und uns zurückführt zur Entsagung. Ob das so funktioniert, ist fraglich, ich hoffe doch sehr auf ausreichend konservative Politiker, die die Übernahme des Lebens durch das Internet zu verhindern wissen. Nieder mit dem Breitbandausbau!
Nette Spielchen mit dem Internet, viele Nerd- und Insiderwitze, das Kängaru kommt leider auch vor und am Ende bleibt ein wenig Hoffnung. Keine Dystopie wie „1984“ oder „Brave New World“, die viel eleganter, dafür nachhaltiger mahnen, „Qualityland“ ist schon eher der Zaunpfahl, aber dennoch: (4/5)

Wo die Löwen weinen von Heinrich Steinfest
Du musst unbedingt mal Heinrich Steinfest lesen, haben sie gesagt. Also gut. Die Amazon-Kritiken waren sich über diesen Roman rund um Stuttgart-21 nicht ganz einig, aber es war der einzige, den die Onleihe hier ausgespuckt hat. Steinfest hat einen tolle Sprache, virtuos setzt er Nebensatz neben Nebensatz, funkelnde Adjektive und nette Pointen am Ende eines jeden Absatzes. Immer fragst Du Dich, ob Du zu wenig intelligent bist, um allen Schlüssen zu folgen. Als Krimi wirklich öde, wenig Spannung, als Seitenhieb auf alles rund um das Thema „Stuttgart-21“ allerdings sehr lesenswert und hübsch analytisch, wer alles seine Finger im Spiel hat. Mal sehen, ob Steinfest noch anderes schreibt, was mich mehr überzeugt. (2/5)

Die Kieferninseln von Marion Poschmann
Stand immerhin auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Außerdem gehts um Japan, was ich an sich schon interessant finde. Also gut: Ein Mann flüchtet sich aus der Beziehung zu seiner Frau nach Japan, um dort auf den Spuren eines Nationaldichters das Land zu Durchreisen, Ziel sind die Kieferninseln, ein mystischer Ort. Er trifft auf eine jungen suizidgefährdeten Japaner, und findet mit diesem den Sinn allen Daseins. Hä?
Ja. Das habe ich am Ende auch gedacht. Schade drum. Ich bin wahrscheinlich zu doof für Bücher, die für irgendwelche Buchpreise nominiert sind. (2/5)

Und die Hörbücher:

Hier bin ich von Jonathan Safran Foer (Übersetzt von Henning Ahrens, gelesen von Christoph Maria Herbst)
Julia und Jacob und Ihre Söhne. Es geht um jüdisches Leben in den USA, Coming-of-age und dem Krieg im Nahen Osten. Themen, die uns in Europa nicht unmittelbar berühren, vermutlich wäre mir das Buch, wenn gelesen, zu lange geworden. Gelesen von Christoph Maria Herbst entfalten aber vor allem die Dialoge einen Lesesog, dem man gerne folgt. Ich habe das Hörbuch im Januar gehört, jetzt, zwei Monate später, kann ich die Handlung schwerlich wiedergeben. Das spricht wohl nicht für das Buch (oder mich). (3/5)

Momentum von Roger Willemsen
Schnipsel nannte das mal Kurt Tucholsky, Tagebucheinträge, scheinbar unzusammenhängend. Nennen wir es eine Gedankenanthologie. Schwerlich als Hörbuch zu folgen, weil der rote Faden immer wieder ausfasert, aber schließlich endlich und letztendlich das Erbe eines großen Journalisten und Schriftstellers und Denkers. Alle zehn Minuten spontan geheult, weil Willemsen zu früh gestorben ist. (4/5)

Tyll von Daniel Kehlmann (Hörbuch gelesen von Ulrich Noethen)
Ok, dies ist mein Gewinner des Quartals. Überall hochgelobt, zurecht, denn ein toller Roman, Kehlmann kehrt zu seinen alten Fähigkeiten des Fabulierens über historische Stoffe zurück. Ganz unaufgeregt schildert er die schillernde Figur des Till Eulenspiegel, versetzt ihn in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges und lässt uns nebenher einen tiefen Schluck Historie tanken. Ich habe keine Ahnung von dieser Zeit, als typischer Gymnasiast mit den Griechen und den Römer und dem Nationalsozialismus belehrt, fand der Dreißigjährige Krieg bei uns nicht statt, dabei veränderte er die europäische Geschichte wie kein anderer.
Viel hören wir über die Praktiken der Hexen/r-Verfolger, über Folter und Angst, über das nackte Überleben im Krieg. Der Eulenspiegel ist dabei zwar die Hauptrolle, agiert aber wie im Hintergrund und beobachtet die Szenerie als schelmischer Weiser aus der Distanz. Ulrich Noethen als Erzähler klang mir anfangs viel zu alt für den jungen Kehlmann und den jungen Tyll, aber er ist die perfekte Besetzung in all seiner sprachlichen Schauspielkunst. Lesen! Hören! (5/5)

Comics
Faust von Flix
Selten lese ich Comics oder Graphic Novels ein zweites Mal, aber beim „Faust“ von Flix mache ich eine Ausnahme und lustig: Es war wie eine Neuentdeckung, als sehe ich die Zeichnung neu vor mir, als habe ich sie noch nie vor mir gehabt. Vielleicht habe ich das Buch früher anders wahrgenommen, Nebenrollen nicht so gesehen, jedenfalls: Der Flix´Faust ist ein großer Wurf. (5/5)

 
Saga 3 von Brian K Vaughan und Fiona Staples
Der dritte Band der Saga „Saga“ – eigentlich ein typischer Mittelband in einer langen Folge von Büchern, er fällt etwas ab zu den ersten zwei Bändern, die der Darstellung der Hauptakteure galt. Aber egal – weiterlesen. (5/5)

 

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Lesepotpourri Oktober – Dezember (2017)

Der Report der Magd von Margaret Atwood (Übersetzt von Helga Pfetsch)
Muss man über diesen Roman noch irgendetwas schreiben? Er ist das „1984“ der heutigen Zeit, wegweisend in der politischen Gesellschaft, nicht nur im Trumpschen Amerika. Entstanden aus der Feminismus-Bewegung, heute aktuell dank der Hyperreligiösität mancher Gesellschaften. Die Wiederentdeckung in den USA und Kanada, dank der Wahl Trumps zum Präsidenten. Absolute Leseempfehlung. (5/5)

Underground Railroad von Colson Whitehead (Übersetzt von Nikoaus Stingl)
Wohl die Entdeckung aller Feuilletons dieser Saison, hochgepriesen, Pulitzerpreis usw. usf., und mit was? Mit Recht. Ein Roman, als habe es Gabriel Marquez in die Südstaaten verschlagen, Magical Realism nennt man das wohl, sprachgewaltig, teils heftig, weil ausgesprochene Gewalt gegen Schwarze im letzten Jahrhundert. Spiegelt bestimmt vieles des noch bestehenden Rassismus in den heutigen USA wieder, deshalb auch so erfolgreich. Aber wer wollte das von jenseits des Atlantik beurteilen? Sehr guter Roman, Lesen! (5/5)

Cox: oder Der Lauf der Zeit von Christoph Ransmayr
Ich habe mich vor Jahren mal durch einen Roman von Ransmayr gequält, ich habe grosse Probleme mit moderner deutschsprachiger Literatur, die auf Teufel komm raus versucht, die deutsche Sprache neu zu erfinden, neue Wortschöpfungen im Dutzendfache im Text zu verstreuen, oder auch die Interpunktion neu zu erfinden. „Cox“ ist ähnlich, aber süffiger geschrieben, mit einem tollen Plot voller Metaphern und grossem Wissen um die chinesische Kultur der Altdynastien. Wunderschöne Stadt- und Landschaftsbeschreibungen wechseln sich mit traumhaftem inneren Monolog der Protagonisten ab. Am Ende bleibt ein wenig ein „Ja, ok, und jetzt?“ übrig, aber immerhin verbrachte der Leser zwei oder drei Tag im Traum im Buch. Manchmal braucht es ja nicht mehr. Wenn nur! diese seltsamen! Ausrufezeichen im Text nicht wären! (4/5)

Saga Volume 1+2 von Brian K Vaughan und Fiona Staples
Ich war auf der Suche nach einem Comiczyklus, der mich über längere Zeit binden könnte, ähnlich einer Netflix-Serie oder der Harry-Potter-Saga und bin über „Saga“ gestolpert – der Name ist schon Programm. Eine fantastische Romeo-und-Julia-Story mit klassischen Zeichnungen, nicht überkandidelt verkünstelt, nicht mangamäßig vereinfacht, ganz im Stil von „Walking Dead“ oder „Y The Last Man“. Zwei tolle Hauptrollen, vielen interessanten Nebencharakteren, einem hübschen Erzähltempo und vielen vielen Cliffhangern. Ganz klassische Graphic Novel Saga. Und hurra, es gibt noch viele Bände. (5/5)

Steve Jobs von Jessie Hartland (Übersetzt von Ulrike Schimming)
Steve Jobs fasziniert mich als Apple-User, wie könnte es anders sein. *Die* Biographie von Jacobson habe ich schon verschlungen, auch den Film mit Michael Fassbender, da bin ich in der Bibliothek über dieses Comic über Jobs´Leben gestolpert. Cool, lustig, ruppig, skizziert, wie hingeschlonzt und trotzdem liebevoll ausgeschmückt. Ein Buch für den Fan, ein Buch zum Verschenken für den Apple-User, der schon alles hat. (4/5)

Bleierne Hitze von Baru, nach einer Story von Jean Vautrin (Übersetzt und Herausgegeben von Uwe Garske und Uwe Löhmann)
Habe ich angefangen zu lesen und dachte zwischenrein, die Geschichte kenne ich. Tatsächlich, der Klappentext verrät es: Es ist die Comic-Nacherzählung eines Hard-boiled-Thrillers mit Lee Marvin irgendwann aus den Achtzigern, ein französischer Film, als Co-Star David Bennent. Einen Räuber und Killer verschlägt es in die französische Provinz, wo er sich auf einem Bauernhof vor den Polizisten verstecken will. Aber die Rechnung geht erst auf, wenn die Unbekannten auftreten – die verrückte seltsame unentspannte Bevölkerung des Dorfes und des Hofes. So hat sich der knallharte Junge das nicht vorgestellt. (PS Den Film gibts in voller Länge auf YouTube). (4/5)

Hart auf hart von TC Boyle, Hörbuch gelesen von August Diehl (Übersetzt von Dirk van Gunsteren)
Viele von Boyles Romanen ähneln sich: Die Umwelt spielt eine Rolle, das Hippie-Sein, das Anders-Sein, Vaterrollen, starke Frauen. Auch in „Hart auf Hart“ ist das nicht anders, und doch: Immerhin müssen wir uns mit den Innenansichten eines Marines und einer Nationalistin auseinandersetzen und begegnen einem jungen Mann, dessen Borderline-Persönlichkeit den Leser/Hörer pendeln lässt zwischen Abscheu, Mitleid und Bewunderung. Ein ungewöhnlich trauriges Buch für TC Boyle, unaufgeregt gelesen von August Diehl. (4/5)

Asterix 37: Asterix in Italien
Bekennender Asterix-Fan bin ich, also war auch der neue Band ein Muß, und ihm gebührt die Ehre, hier gelistet zu werden. Immer geht es bei den Asterix-Bände darum, ob sie so gut sind wie noch zu Uderzo/Goscinny-Zeiten. „Asterix in Italien“ ist es, also genug der Diskussion. Erinnert an „Goten“ oder „Briten“, liebevoll wird die jeweilige Nation aufs Korn genommen, dazu eine Story wie „Tour de France“, ein Wagenrennen. Ich fands Klasse und habe es gleich zweimal hintereinander gelesen. Geht ja schnell. (5/5)

Guter Hoffnung – Hebammenwissen für Mama und Baby: Naturheilkunde und ganzheitliche Begleitung von Kareen Dannhauer
Habe ich gelesen, aus Interesse. Ich fands daneben. Man kann sich ja auf Naturheilkunde und Ganzheitlichkeit in der Hebammenbetreuung einlassen, und das Buch schafft es auch, zu vielem vor und nach der Geburt zu informieren. Mir ist es in seiner Alternativmedizinischen Art aber zu einseitig. Homöopathie, Aromatherapie, Tralala, Prenzlauer Berg, Danke. Warum können Hebammen nicht mehr ganz normal sein, sondern müssen immer Mystik verbreiten? (2/5)

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Lesepotpourri August und September

Die beliebte Rubrik „Was liest der Kinderdok“ wird erfolgreich fortgesetzt, wie immer zusammenfassend und fett verspätet, aber dennoch bunt und informativ. Hier die Stars der letzten Monate:


All the Birds in the Sky von Charlie Jane Anders
Klar erinnert das etwas an Harry Potter, wenn wieder einmal ein Zaubermensch (diesmal eine Hexe) als Protagonistin auftritt. Aber Patricia ist ganz anders als der vielfach geleckte und trotzdem tolle Harry. Sie spricht mit Tieren, wird durch viele Umwege ihre Bestimmung auf dieser Welt finden und trifft vor allem auf Laurence, den durchgeknallten Hochintellektuellen. Da fällt mir auf: Der erinnert übrigens ein wenig an Eoin Colfers Artemis Fowl.
Also: Hermione Granger trifft auf Artemis Fowl. Nein. Das verkürzt diesen coolen Jugend-Urban-Fairy-Tale-Roman auf ein zu schwaches Level. Hier gibts bestimmt bald eine Fortsetzung. (5/5)


The Sense of an Ending von Julian Barnes
Als ich diesen Roman im „Waterstones“ in Edinburgh gekauft habe, raunte mir die nette Verkäuferin zu, dies sei „one of her favourite, I love it“ zu. Vielleicht macht sie das immer und das gehört zur Bestätigungstaktik grosser Buchhandlungen – aber dennoch: Auch für mich ist dieses Buch „one favourite“ mit sofortiger Wirkung. Wer einen 150-Seiten-Roman lesen will, der poetisch ist, bildet, nachdenklich macht, und trotzdem nicht abgehoben, sondern auf dieser Welt bleibt, lese „Vom Ende einer Geschichte“ (dessen deutscher Titel dem „sense“ des Romanes in keiner Weise gerecht wird).
Tony und Adrian sind gute Freunde in der Schule, verlieren sich aus den Augen und treffen sich wieder, unglücklich und vom Leben verwirrt. Wie ein einzelne Begegnung, ein einzelnes Wort, eine unbedachte Äußerung das Leben in diese oder jene Richtung lenken kann, lehrt dieses Buch. Manche lügen sich durch ihre ganze Geschichte und manche vor allem sich selbst. (5/5)


Geister von Nathan Hill (Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence und Katrin Behringer)
Wie ich auf diesen Roman kam, weiß ich gar nicht mehr, er umspülte mich in irgendwelche Cookie-Online-Amazon-Empfehlungen, ich las mich fest in der Kindle-Leseprobe und kam nicht mehr los. Der glücklose Literaturprofessor Samuel findet seine Mutter wieder, die ihn und seinen Vater vor Jahren unter dubiosen Vorzeichen verließ. Sie gerät in die Schlagzeilen, weil sie einen Senatorenkandidaten mit Steinen bewirft und Samuel soll „das Aufdeckungsbuch“ über die vermeintliche „Terroristin“, seine Mutter schreiben. Dass es anders kommt, dürfte klar sein. ein Buch, dass viel über die amerikanische Gesellschaft verrät, über Verstrickung der Politik und des Journalismus, knackig geschrieben und sehr unterhaltsam, vielleicht im Stil von Jonathan Franzen oder Jeffrey Eugenides. (4/5)


Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr (Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence)
Pulitzerpreis von 2015 sollte ein Qualitätsmerkmal dieses Romanes sein. Er erzählt die Geschichte eines blinden Mädchens, dass unter den näher rückenden Deutschen im Zweiten Weltkrieg aus Paris flüchtet und mit ihrem Vater durch Frankreich irrt. Parallel lernen wir Werner kennen, einen deutschen verwaisten Jungen, der dank seiner Intelligenz in Nazideutschland auf eine Eliteschule gehen darf und schließlich auch in den Wirren des Krieges nach Frankreich versetzt wird. Hier kreuzen sich die Wege der Kinder.
Eine schöne Sprache, ein virtuos komponiertes Buch aus Rückblenden und zwei Erzählsträngen, sehr einfühlsam die Schilderungen aus dem Off der „Sichtweise“ des blinden Mädchens. Aber seltsam: Mich hat das Buch nicht eingesogen, ich konnte mich nicht festlesen. Vielleicht die falsche Zeit. Das Buch bekommt einen zweiten Versuch, bis dahin: (3/5)


Die Terranauten von T.C. Boyle (Übersetzt von Dirk von Gunsteren)
T.C. Boyle schreibt mal wieder über sein Lieblingssujet: Eine Gruppe von Menschen, unterschiedlicher wie nur möglich, gebettet in einen Plot rund um die Umwelt, und wie wir sie schützen können. Anders als in seinen letzten Büchern ist es diesmal aber die menschliche Natur, die Probleme im Zusammenleben macht. Wen wundert es: Boyle schildert das „Second Earth“ Experiment, in dem eine Gruppe von Wissenschaftlern unter einen riesigen Kuppel, abgeschnitten von anderen, autark überleben sollen, z.B. als Vorbereitungen für eine mögliche Marsmission.
Nach den letzten Durchhängern fand ich Boyles Buch diesmal richtig gut, eine perfekte Urlaubslektüre (bei mir auch) – spannend, unaufdringlich vorhersehbar, mit ein paar netten Twists und einen Background, der nachdenken lässt. (5/5)


Was vom Tage übrig blieb von Kazuo Ishiguro (Übersetzt von Hermann Stiehl)
Als habe ich es gewusst: Nach dem „Begrabenen Riesen“ im letzten Jahr las ich in diesem Sommer endlich einen anderen Roman von Ishiguro, seinen bekanntesten, über den Butler in England, der auf eine Reise geht und die Konventionen übertritt und die Liebe entdeckt. Oder auch nicht. Herrlich zurückgenommen, distingiert, wie sich das für einen Butler gehört, ist dieser Roman auch geschrieben. Kein dickes Werk, aber voll der poetischen Sprache des neuen britischen Nobelpreisträgers für Literatur mit japanischen Wurzeln. (5/5)


Die Stadt, in der es mich nicht gibt von Kei Sanbe
Mit Comics ist das bei mir so eine Sache: Klar, die Story muss stimmen, wie in jedem Buch, aber bei Comics ist das Auge doch viel mehr gefordert, der Erzählrhythmus wird weniger durch die Worte der Sprechblasen geprägt, sondern durch die Aufteilung der Panels und – logisch – den Zeichenstil selbst.
„Die Stadt, in der…“ fällt unter die Mangas, gelesen von vorne nach hinten, von rechts nach links, das ist lustig und hipp, und ich habe auch Mangas gelesen, die mich dabei nicht gestört haben. Hier schon. Vielleicht, weil die Geschichte über Zeitensprünge sowieso schon die Zeitachse auf den Kopf stellt. Außerdem habe ich nun für mich beschlossen, dass der Manga-Tokyo-Pop-Stil nichts für mich sind. Auch wenn mich z.B. die Reihe Barfuß durch Hiroshima von Keji Nakazawa absolut umgehauen hat.
Der vorliegende Manga hat das nicht – Kultcomic hin oder her – schade. (2/5)

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Gesundheit für Kinder – Buchtipp [Werbung]

Das Buch habe ich schon häufiger hier erwähnt, vielleicht findet auch jemand noch die Erstempfehlung (ich habe es nicht geschafft), meine erste Wahl, wenn Eltern nach einem guten Buch über Kinderkrankheiten fragen:

Gesundheit für Kinder von Herbert Renz-Polster, Nicole Menche und Arne Schäffler

Es erschien wenige Monate nach meiner Niederlassung und hat mich gleich fasziniert, heuer erlebt das Buch seine neunte („überarbeitete“) Auflage und bleibt eine Empfehlung. Die Inhalte sprechen für sich: Prävention, Symptome und ihre Ursachen, Kinder mit Handicaps, Darstellung der Einzelerkrankungen und schließlich Erste Hilfe, schnell findbar am Ende des Buches und sauber rot abgesetzt.

Was gefällt?

Selten finden sich die wichtigen Dinge rund um die Kindergesundheit so gut zusammengefasst, sinnig gegliedert und gewertet. Tabellen zum schnellen Überblick, Cartoons und schöne Kinderbilder ergänzen die Auswahl, das Layout mit viel Farbe und dem „Kreidestil“ sind stimmig. Wer es braucht: Es finden sich genug Hinweise zu alternativen Heilverfahren.

Die Positionen zu denselben sind freundlich, es gibt Empfehlungen, aber es gibt auch gute Grenzsetzungen.

Was gefällt nicht so?

Der Ratgeber ist nun dick genug (528 Seiten). Mehr Inhalt in den nächsten Auflagen würde das Werk überfrachten und die Grenze zum Lehrbuch überschreiten. Bereits jetzt sind manche Texte zu lang.

Klar sehe ich die Empfehlungen zur Homöopathie sehr kritisch, aber die Be-wertung in den einführenden Texten wirkt zwar leicht distanziert, in den speziellen Krankheitskapiteln stehen dann jedoch Glaubuli und andere pseudomedizinische Heilverfahren oft gleichberechtigt zur echten Medizin.

Impfungen werden klar befürwortet, individuelle Impfentscheidungen für mein Empfinden kritisch gesehen, jedoch bestimmte Impfungen als eingeschränkt (Mumps, Hepatitis B, HPV, Rota) bzw. als verzichtbar (Windpocken) eingestuft. Hier hätte ich mir mehr Vertrauen in die STIKO-Empfehlung gewünscht, ich habe den Eindruck, die Autoren wollen es (wie bei den Alternativverfahren) allen Recht machen, deshalb wird alles erwähnt. Aber vielleicht muss ein Buch so sein.

Auch wenn der Absatz des Nichtgefallens größer ausfällt, bleibt das Buch eine Empfehlung, für mich gibt es keine gute andere, vor allem abseits der GU-Ratgeber-Flut.

Gesundheit für Kinder: Kinderkrankheiten verhüten, erkennen, behandeln von Herbert Renz-Polster, Nicole Menche und Arne Schäffler (alles Drs.)
€ 29,95 [D] inkl. MwSt.
€ 30,80 [A] | CHF 39,90*
(* empf. VK-Preis)
Gebundenes Buch, Pappband
ISBN: 978-3-466-30904-7

Link zu Random House mit mehr Infos, Videos und Leseprobe

Lesepotpourri April/Mai/Juni/Juli

Außerdem für mich entdeckt: Podcasts.
Hört mal rein –
Der PsychCast
Lage der Nation
Durch die Gegend

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Senfgläser voll Wein

Ich war Zivi und mein Arbeitskollege hatte mich in seine WG eingeladen, irgendein Geburtstag, hatte er gesagt. Es war die übliche Studenten-Zivi-Coolness-Fete, wir tranken unser Bier aus Flaschen und den Wein aus Senfgläsern. Salzstangen und Chips, nix mit Guacamole oder Tomate-Mozzarella. Eine Freundin hatte ich keine.

Groß war die WG nicht, dafür die Musik schön laut, irgendwo in einem Zehn-Parteien-Haus, vierter Stock, zweite Tür. Schuhe haben wir damals schon ausgezogen. Die Hälfte der Party fand im Wohnzimmer mit Balkon statt, die andere in der Küche mit Sitzecke. Die anderen WG-Zimmer waren anderen Dingen vorbehalten.

Der einzige, der sich den Abend gar nicht bewegte, war Peter. Er war der Älteste auf der Party, vielleicht fand er sich etwas fehl am Platze, vielleicht genoss er auch das junge Publikum, vielleicht wollte er nur seinem Sohn nahe sein. Oder er recherchierte für sein neues Buch. Ich hatte gerade sein „Windrad“ gelesen und den „Felix Guttmann“, und klar, den „Hölderlin“. Ich war mitten in meiner „Seine Bücher“-Zeit und hatte da noch nicht kapiert, dass er auch den „Hirbel“ und „Ben liebt Anna“ geschrieben hatte, die ich früher schon in der Schulzeit mochte.

Wir haben geredet, nicht über seine Bücher, ich wollte nicht so anmaßend sein, nein, mehr über Frankfurt, die Startbahn West und die Friedensbewegung. Ich weiß nicht mehr, ob er Bier trank, ich sehe ihn eher mit einem Senfglas voll Wein, jedenfalls haben wir viele Salzstangen und einige Bockwürste mit Kartoffelsalat verdrückt.

Später habe ich andere Sachen gelesen, bin nur kurz zum „Schubert“ zu ihm zurückgekehrt, aber vergessen werde ich nie seine Ruhe unter plappernden aufbrechenden unsicheren Jungspunden. So eine Weisheit.

Heute ist Peter Härtling gestorben.

schule-peter-haertling

Maria im Netz

Katja Reim hat eine Tochter Maria, die sie durch die digitale Welt zu begleiten versucht. Das macht sie nun auch in einem Buch, nachdem ihre Leserschaft das bereits auf ihrem Blog Mein Computerkind verfolgen konnte. Ich kannte ihren Blog bisher nicht – Asche auf mein Haupt – , aber nun gibt es ja das Buch.

Wir erfahren von ersten Kontakten mit Bildschirmen, von digitalen Kümmerspielen und dass auch Mädchen Minecraft spielen können, wir erfahren nebenbei viel über Datenschutz und Privatsphäre, den Risiken von Fotos im Internet, wie Werbung uns ködert, dass virtuelles Geld keines zum Greifen ist und dass Wikipedia-Wissen kein Garant auf Wahrheit ist. Soweit, so bekannt. Aber in den Geschichten des Buches bekommen die Dinge eine neue, weil kindbezogene Perspektive. Das hat mich beeindruckt. Und Erkenntnisse sind das Wichtigste, was wir uns von Büchern wünschen.

Ergänzt werden die Kapitel mit hübschen Sketchnotes von Diana Meier-Soriat, die man auch auf Katja Reims Homepage bewundern kann. Sie unterstreichen den Ratgeberanspruch des Buches. Die blauen Vignetten in Spruchblasenform, die wichtige Merksätze wiederholen, habe ich meist überlesen – aber sie gehören wohl zum Konzept der Verlage, wenn wir einen längeren Fließtext vor uns haben. Schließlich finden sich Unmengen von Linktipps zu allen Themen des Buches. Alleine diese komprimiert in einem Buch zu finden, lohnt bereits die Anschaffung.

Storytelling ist der Schlüssel zur Wissensvermittlung, das sieht auch der Verlag Kösel so, und Katja Reim lässt ihre eigenen Erfahrungen und Gedanken rund um Handy, PC, Pad, Cyperspace und deren Gefahren (denn es sind immer die Gefahren, die uns diese Bücher und Blogs lesen lassen) einfliessen. In jedem Kapitel findet sich „Bei Maria haben wir…“, „Als Maria dann dies und jenes entdeckte….“, „…habe ich Maria versucht zu erklären“. Das ist sympathisch, wir lesende Eltern identifizieren uns sofort mit der besorgten Mutter und bewundern sie für ihr Engagement und Ideenreichtum.

Auch ich habe, wie Katja Reim, meinen Manfred Spitzer gelesen und das „Netzgemüse“ von Tanja und Johnny Häusler, und mir meine Gedanken gemacht, wie unsere Kinder die digitale Welt erfahren sollen. „Stimmt, so hätte ich das auch meinen Kinder vermitteln können“, denke ich mir nicht nur einmal während der Lektüre des Buches „Ab ins Netz?!“ und habe es doch nicht getan. Vielleicht waren wir als Eltern naiver, vielleicht auch weniger informiert, denn schließlich sind Häuslers und Frau Reim durch ihre journalistische Herkunft ganz anders sozialisiert als (wir) die medizinisch geprägten Haushalte.

Und hier sehe ich das Problem des Buches: Es vermittelt Erfahrungswissen, schildert Trial und Error bei Mama Reim und Maria. Die Frage ist nur, lässt sich das nun auf die Kinder der Leserschaft übertragen? Natürlich nicht. Diesen Anspruch wird die Autorin auch nicht haben, schildert sie doch nur exemplarisch ihr eigenes Erleben. Aber ist das Buch dann ein Ratgeber oder (nur) ein Erfahrungsbericht? Lässt sich aus „so haben wir das gemacht“ immer ableiten, dass es beim eigenen Kind genauso klappt? Da kommt das Buch an seine Grenzen. „Wie Kinder sicher in der digitalen Welt ankommen und Eltern dabei entspannt bleiben“, verspricht der Untertitel. Das kann ein Buch in dieser Form nicht erfüllen.

Dass Bildschirme zu unserer Welt dazu gehören, und wir heute noch gar nicht absehen können, was bereits in fünf Jahren auf unsere Kinder und uns einströmt: Geschenkt. Gemeinsames Erleben und Heranführen an die digitale Welt, ohne kategorische Verbote, das kann nur der einzige Weg sein, mit den Kindern die Risiken des Internets auszuloten. So war das aber auch schon beim bösen Fernsehen oder den Comics. Kinder und Jugendliche, die unbegleitet diese Welt erleben, gibt es jedoch in *Massen*, kein Wort von diesen im Buch. Spiel-, Handy-, Internet-Sucht sind in jeder zweiten Jugendvorsorgeuntersuchung ein relevantes Thema. Für reflektierte Eltern, die sich Gedanken um die Digitaliserung ihrer Kinder machen, ist das Buch ein tolle Fundgrube von eigenen Erfahrungen und Tipps. Sehr empfehlenswert.

Für die anderen braucht es manchmal eben dann doch den mahnenden Zeigefinger eines Manfred Spitzer.

Ab ins Netz?!: Wie Kinder sicher in der digitalen Welt ankommen und Eltern dabei entspannt bleiben von Katja Reim, erschienen 2017 im Kösel-Verlag.

 


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Link zum Kösel-Verlag/Random House

(Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt, ich rezensiere aber nur Bücher, die ich mich interessieren und die ich mir selbst kaufen würde. Meine Beurteilung wird dadurch nicht beeinträchtigt)

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Bücher für das Impfen

Impfwoche

Die Buchpräsentationen rund um das Impfen sind mannigfaltig, die Impfgegner positionieren sich auch hier lautstark, wie überhaupt im Netz – schließlich ist das Schreiben gegen das Impfen ein enormes Geschäft.

Wer sich wirklich objektiv mit den empfohlenen Impfungen auseinandersetzen will, seien folgende drei Bücher wärmstens empfohlen:


Das Impfkompendium von Ulrich Heiniger, in der ebook-Version oder auch als Hardcover. Heiniger ist STIKO-Mitglied und sicher der deutschsprachige Experte auf diesem Gebiet. Das Buch informiert über alle heute erhältlichen Impfungen, auch für die Reise und erläutert sie übersichtlich und umfassend. Standardwerk. Teuer.


Maßvoll impfen von Stephan Nolte. Ich wundere mich selbst, dass ich dieses Buch empfehle. Nolte ist ein kritischer Impfer, d.h. er nimmt die STIKO nicht als Wahrheit aller Wahrheit, sondern macht sich seine Gedanken. So empfiehlt er das so genannte „2+1“-Schema bei den Sechsfachkombinationsimpfungen und sieht die FSME-Impfung als überflüssig an. Nun gut. Kann man machen. Warum ich dieses Buch trotzdem empfehle: Weil es ein Kinderarzt geschrieben hat.

Aber im Gegensatz zum bekannten „Hirte“ geht Nolte zwar Impfungen kritisch an, aber er verteufelt nicht. Hirte ist verkappter Impfgegner, unter dem Deckmantel der kritischen Position lehnt er Impfungen ab. Nolte anerkennt hingegen den Segen der Impfkultur. Der Leser darf ab und zu weiterblättern, aber im Großen und Ganzen das Beste der kritischen Impfbücher.


Immun: Über das Impfen – von Zweifel, Angst und Verantwortung von Eula Biss. (Übersetzt von Kirsten Riesselmann)
Eula Biss schreibt als Mutter ein Buchessay über das Impfen. Ihr Verdienst ist, dass sie niemanden in die Ecke stellt und mit dem Finger zeigt. Sie wertet ihre eigene Impfeinstellung nicht höher als die anderer, sondern schildert teils emotional, teils sachlich, teils philosophisch den Weg ihrer Entscheidungsfindung.

Dabei zitiert sie eine Vielzahl an Quellen aus der Medizin, der Philosophie und der einschlägigen „Berater“ in den USA. Ihre Hauptentscheidungshilfe ist aber ihr eigener Vater, ein Arzt. So wird ihre Einstellung – wie bei allen Eltern – geprägt von der eigenen Sozialisation. Etwas irritiert hat mich das wiederholte Bemühen des Vampirs als Metapher für das Impfen – für mich nicht mal bildlich nachvollziehbar. Ein Lektor mit mehr Aufmerksamkeit hätte dem Buch dazu noch gutgetan – zuviel Redundanz. Dennoch: Ein Buch aus Elternsicht. Dringend wichtig.

Kostenlos:
Impfbroschüre für Jugendliche (verschiedene Sprachen, pdf)
Impfschutz für die ganze Familie (pdf)
… und noch mehr.

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Buchtipp „Der Mensch“


Holt Euch dieses Buch, verschenkt es, liebt es, blättert es. Eigentlich konzipiert für Kinder ist das Buch „Der Mensch oder Das Wunder unseres Körpers und seiner Billionen Bewohner“ auch ein Augenschmaus für den interessierten Erwachsenen. Nebenbei wird auch noch was erklärt.

Jan Paul Schutten (Text) und Floor Rieder (Illustrationen) haben bereits ein ähnliches Buch zur Evolution vorgelegt, nun also das Buch zum Menschen (Übersetzung Verena Kiefer). Warum, warum, warum wird gefragt, und dabei bewegen wir uns durch den menschlichen Körper – die Zellen, das Gehirn, der HNO-Bereich, die Lunge, Bauch, Haut und Haar und schließlich Vermischtes in Bewegung und in Fortpflanzung. Dabei werden so spannende Fragen gestellt, warum „du dir im Staubsauger begegnest“, warum „du einfacher gestrickt bist als eine Reispflanze“ oder warum „tot sein nicht so schlimm ist“. Man sieht: Ungewöhnlich. Oder wie wäre es mit „Warum ein Hochdruckgebiet über Skandinavien einen Krieg auslösen kann“? Was das mit dem menschlichen Körper zu tun hat? Spoiler: Es geht um Hormone.

Schöne Bilder gibt es zu sehen, sympathisch einfach, dennoch eingängig und haftend. Kleine Scherze sind eingearbeitet, keine Hemmungen gibt es zu überwinden, wir lesen ein Buch aus den Niederlanden. Das alles in warmen Rot, Grün und Golden. Der Schnitt ist rot gefasst, ein edles Buch. Und wieder möchte der Leser das Buch nicht als e-book verschlissen sehen. Da kann es nicht wirken.

Jan-Paul Schutten, Floor Rieder – Der Mensch oder Das Wunder unseres Körpers und seiner Billionen Bewohner“, bei Gerstenberg, 2016, übersetzt von Verena Kiefer, fest gebunden, 160 Seiten, mit viel Liebe gemacht.

Link zu Gerstenberg

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