
Scharlach ist eine bakterielle Infektionskrankheit, die vor allem bei Kindern auftritt. Sie wird durch Streptokokken der Gruppe A (GAS) verursacht und äußert sich durch typische Symptome wie Fieber, Halsschmerzen und einen charakteristischen Hautausschlag. Trotz moderner Diagnose- und Behandlungsmethoden hat die Zahl der Erkrankungen in den letzten Jahren zugenommen.
Ich habe schon häufiger hier über Einzelfälle berichtet, über die Diagnostik und Fallstricke. Dieser Text soll einmal alles Wissenswerte zusammenfassen.
Wie erkennst Du Scharlach?
Scharlach beginnt oft mit einer Rachenentzündung (Pharyngotonsillitis) und entwickelt sich weiter zu einer systemischen Erkrankung mit typischen Symptomen (die aber nicht immer alle auftreten müssen):
- Fieber (> 38 °C)
- Halsschmerzen und Schluckbeschwerden
- Gerötete Zunge („Himbeerzunge“, manche sagen auch „Erdbeerzunge“, das ist wohl egal), zunächst mit weißem Belag
- Feinfleckiger Hautausschlag, der oft am Brustbereich beginnt und sich ausbreitet, sehr typisch ist eine Aussparung des Mundbereiches („Milchbart“) und eine Betonung der Leistengegend.
- Geschwollene Lymphknoten am Hals
- Hautschuppung nach einigen Tagen, besonders an Händen und Füßen
Die Krankheit wird durch spezielle Giftstoffe der Bakterien (Exotoxine) ausgelöst, die eine Reaktion des Immunsystems hervorrufen.
Der McIsaac-Score: Hilfsmittel zur Diagnose
ÄrztInnen nutzen den McIsaac-Score, um das Risiko einer Streptokokken-Infektion einzuschätzen. Dabei werden folgende Kriterien bewertet:
- Fieber über 38 °C (+1 Punkt)
- Kein Husten (+1 Punkt)
- Geschwollene, schmerzhafte Lymphknoten am Hals (+1 Punkt)
- Vergrößerte oder belegte Mandeln (+1 Punkt)
- Alter:
- 3–14 Jahre: +1 Punkt
- 15–44 Jahre: 0 Punkte
- Ab 45 Jahre: -1 Punkt
Auswertung des Scores:
- 0–1 Punkte: Niedrige Wahrscheinlichkeit (< 10 %)
- 2 Punkte: Mäßige Wahrscheinlichkeit (~ 17 %)
- 3 Punkte: Erhöhte Wahrscheinlichkeit (~ 35 %)
- 4–5 Punkte: Hohe Wahrscheinlichkeit (~ 50 %)
Ab 3 Punkten wird ein Streptokokken-Schnelltest empfohlen.
Schnelltests: Wann sind sie sinnvoll?
Ein Streptokokken-Schnelltest kann innerhalb weniger Minuten eine GAS-Infektion nachweisen. Dabei wird mit einem Wattestäbchen ein Abstrich aus dem Rachen genommen. Diese Tests haben eine Trefferquote von etwa 70–90 %, sodass ein negatives Ergebnis eine Infektion nicht immer ausschließt. Andererseits gibt es Schätzungen, wonach in einer Gruppe mit Scharlacherkrankten bis zu 20% Streptokokken-Träger vorkommen: Sie hätten einen positiven Abstrich, ohne klassisch erkrankt zu sein.
Fazit: Wir streichen nur Kinder ab, die typische Symptome zeigen. Bei jedem Halsweh einen Abstrich zu machen, erhöht nur die Wahrscheinlichkeit falsch-positiver Diagnosen.
Antibiotika: Wann sind sie notwendig?
Nicht jede Halsentzündung erfordert eine Antibiotikatherapie, doch bei einer bestätigten GAS-Infektion können Antibiotika helfen, die Ansteckungszeit zu verkürzen und Komplikationen zu vermeiden. Heute entscheiden wir nach dem Allgemeinzustand des Kindes: Bei wenig Fieber und wenig Halsschmerzen, muss kein Antibiotikum gegeben werden.
Die Standardtherapie ist Penicillin V für sieben Tage (bei Penicillin-Allergie – die sehr selten ist! – : Makrolide (z. B. Azithromycin, Clarithromycin). Bereits nach 24 Stunden Antibiotika-Therapie sind Patienten in der Regel nicht mehr ansteckend.
Nebenbei: Das Kontrollieren eines positiven Abstriches wird ebensowenig empfohlen, wie die Routineuntersuchung von EKG oder Urin – die Zeiten sind vorbei.
Warum treten aktuell mehr Scharlach-Fälle auf?
In den letzten Jahren ist die Zahl der Scharlach-Erkrankungen deutlich gestiegen. Im Jahr 2023 wurden in Deutschland etwa 439.500 Fälle gemeldet – viermal mehr als im Vorjahr. Experten vermuten, dass sich durch die Corona-Maßnahmen das Immunsystem vieler Kinder weniger mit Krankheitserregern auseinandersetzen konnte, was nun zu einer erhöhten Anfälligkeit führt.
Literaturhinweise
- Stevens, D. L., & Bryant, A. E. (2016). Streptococcus pyogenes: Basic biology to clinical manifestations. University of Oklahoma Health Sciences Center.
- Gerber, M. A., Baltimore, R. S., Eaton, C. B., Gewitz, M., Rowley, A. H., Shulman, S. T., … & Taubert, K. A. (2009). Prevention of rheumatic fever and diagnosis and treatment of acute Streptococcal pharyngitis: a scientific statement from the American Heart Association Rheumatic Fever, Endocarditis, and Kawasaki Disease Committee. Circulation, 119(11), 1541-1551.
- Deutsches Robert Koch-Institut (RKI). (2023). Scharlach: Epidemiologisches Bulletin. Berlin: RKI.
- Pichichero, M. E. (2018). Group A streptococcal tonsillopharyngitis: Cost-effective diagnosis and treatment. Pediatrics, 141(6), e20173626.
- Antibiotic Stewardship in der Kinder- und jugendärztlichen Praxis (Juli 2021)
(c) Bild by Wikimedia

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Vielen Dank für die gute Erklärungen.
Wie hoch ist das Risiko für ein akutes Rheumatisches Fieber nach einem Scharlach?