The Pitt


Nun ist die Serie also auch in Deutschland beim Streaming angekommen: „The Pitt“, die neue MedizinerInnen-Hyperrealistic-Sensations-Serie von John Wells und mit Noah Wyle. Ganz frisch ausgezeichnet mit fünf Emmys und sicher die Entdeckung des letzten Jahres.

Ich bin mit „Emergency Room“, kurz ER, groß geworden, die Serie begleitete mich durch das gesamte Studium, kurz abgelenkt durch „Dr House“ und „Greys Anatomy“, aber letztendlich waren meine Vorbilder Mark Greene und Dr. Ross (… der Pädiater), die Durchbruchrolle für den jungen George Clooney. Die Serie ist gut gealtert, man kann sie immer noch gut anschauen, jedenfalls, wenn man nach Staffel acht aufhört (Ross war schon gegangen, nun auch noch Mark Greene und Benton). Wir haben uns gerne mit John Carter indentifiziert, den jungen Studenten der Chirurgie – wir haben mit seinen Fails gelitten und seine ersten Erfolge gefeiert.

Dr Ross in ER: Pediatrics is fine when the Kids are healthy

Noah Wyle spielte John Carter und nun spielt er in „The Pitt“ den leitenden Oberarzt der Notaufnahme im Pittsburgh Trauma Center. Der Showrunner John Wells (verantwortlich für ER, wie auch „The Pitt“) spielte mit dem Gedanken, John Carters Geschichte fortzuschreiben – nun ja: Nach 30 Jahren vielleicht etwas wenig Karriere für den armen Dr. Carter, schließlich wäre der Charakter nun auch schon Mitte fünfzig.

Wir begleiten das Team der Notaufnahme während der ersten Staffel durch einen gesamten Arbeitstag – jede Episode beschreibt eine Stunde. Es passiert viel. Es passiert an diesem Tag (vulgo in dieser ersten Staffel) so viel, bei ER hätte es für ein ganzes Jahr gereicht. Aber die Zeiten ändern sich: Die Schnitte sind noch schneller, die PatientInnen kommen noch schneller durch die Tür, das Blut spritzt noch realistischer und die Medizin ist noch moderner geworden. Und natürlich – schließlich ist es eine Dramaserie – haben die ÄrztInnen trotz des hochfrequenten Stresses genug Zeit, sich mit den Hintergrundgeschichten ihrer PatientInnen, den eigenen Sorgen und den der anderen auseinanderzusetzen, einschließlich Menscheleien, Liebeleien und Rivalitäten.

Das amerikanische Medizinsystem ist ein anderes als das europäische: Die Pflegenden haben viel mehr Kompetenzen, die Studierenden sind mutiger, praxisorientierter und besser angeleitet, die Abläufe wirken strukturierter, qualitätsmanagement-geschulter und evidenzbasierter. Und genau hier entstehen die Überraschungsmomente: Wenn eben doch nicht alles glatt läuft, und der Übervater Dr Robbie einen genialmedizinischen Trick aus dem Hut zaubert und alle beeindruckt zurücklässt.

Klassische Kinderärzte finden übrigens bisher nicht statt (wo sind Sie, Dr Ross?), irgendwann wird gelästert, das ewige Geschreie auf der Kinderstation würde ja niemand aushalten, die pädiatrischen Patienten sind überschaubar und klassisch (Aspiration, Sepsis, Masern, ausgesetzter Säugling…).

Was ich nicht so gut fand: Sehr vorbildlich werden sich regelmäßig die Hände desinfiziert, Masken finden jedoch nur bei sterilen Eingriffen statt oder werden erst aufgezogen, wenn der Covid-Nachweis gelungen ist. Und die Sache mit dem Stethoskop um den Hals und den langen Ärmeln (Dr Robbie darf stets einen coolen Hoodie tragen) – das legen wir bitte langsam mal ab. Soviel Realismus muss sein. Außerdem war mir beinahe zuviel los: Was erwarten wir? Eine Geburt, check. PatientInnen, die vermeintlich nichts haben und am Ende doch sterben? Check. Kindesmißhandlung? Check. Toxische StudentIn? Check. Autistische Arztkollegin? Check. Kollege mit Drogenprobleme? Check. Dringende OP in der Notaufnahme, weil die ChirurgInnen keine Zeit haben? Check. Usw. usf.
Das hatte „damals“ bei ER für eine ganze Staffel gereicht, die aber auf ein Krankenhausjahr angelegt war. Hier und heute passiert alles am gleichen Tag.

Was ich gut fand: Genau das. Es passiert alles am gleichen Tag. Das hat mich zwar in den ersten Episoden genervt, am Ende des Tages baut sich aber eine enorme Anspannung auf, die für den Zuschauer körperlich spürbar wird. Ein Großereignis in den letzten Episoden bringt das gesamte Team an den Rand der Dekompensation, obwohl sie alle schon Stunden über den Feierabend hinaus weiterarbeiten. Und diese Verzweiflung ist äußerst packend und realitätsnah. Egal, ob so viel tatsächlich in einer normalen Schicht passiert oder nicht – dass der Job der NotfallmedizinerInnen einer der härtesten in unserem Beruf ist, das wird endlich klar.

Fazit: „The Pitt“ ist kein Aufguß alter Krankenhausserien, sondern für sich etwas ganz Neues. Nichts für Menschen mit schwachen Nerven – die Bilder sind sehr unverblümt, es gibt viel Blut, OP-Bilder, Genitalien zu sehen. Aber es sind die Gefühlsausbrüche von Dr Robbie, also Noah Wyle, die die ZuschauerInnen am nächsten gehen. Emmy für ihn – zu Recht!

4/5 Sterne.


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Eine Antwort auf „“

  1. „Und die Sache mit dem Stethoskop um den Hals und den langen Ärmeln (Dr Robbie darf stets einen coolen Hoodie tragen) – das legen wir bitte langsam mal ab. Soviel Realismus muss sein.“

    Grübel. Warum, was findest du daran unrealistisch?

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