Zecken und viel Panik

grass-1750593_960_720Hurra, die Sonne scheint, und wieder kriechen auf allen Apotheken-Schaufenstern die Zecken in Großformat oder elektronenmikroskopisch verstärkt. Manche Arztpraxen hängen die Werbeplakate der Impfstoffhersteller raus, schön mit knallrot eingefärbten Risikogebieten (inzwischen haben wir die Mainlinie von Süden her überschritten), so dass man denken möchte, die Invasion kommt aus dem Osten und dem Süden.

Wir haben in der Praxis auch schon etliche der Viecher entfernt, vor allem aus Ängstlichkeit der Eltern, weniger aus Unvermögen – es wird ja nicht einmal versucht. Dabei kannst Du gar nicht viel falsch machen:

Benutze eine Zeckenzange. Oder Schlinge. Oder Pinzette. Oder die Fingernägel. Ist doch völlig egal, Hauptsache, Du benutzt so etwas, denn dann entsteht Übung. Wer eine Katze oder einen Hund hat, durfte sicher bereits in die Verlegenheit kommen, aber die Entfernung da ist oft einfach, da die Viecher bereits größer voll gesaugter sind. Beim Kind sind sie klein, Du siehst sie schlechter, aber sollst sie früher entfernen, denn jede Sekunde Minute Stunde Tageszeit zählt.
Man setze das Entferninstrument knapp an der Haut an, lieber tiefer als zu hoch und entferne den Holzbock in sanften! Hin- und Herbewegungen. Ein Drehen ist nicht nötig, schon gar nicht 360 Grad nach rechts oder links, Zecken haben kein Gewinde. Bleibt ein Rest stehen – egal. Probier noch etwas, wenn der Patient es zulässt und lass es dann. Meist reißt das Hypostom (der Rüssel) der Zecke ab, dies ist aber kein großes Risiko für eine Infektion.

Nein, Du musst nicht deswegen zum Arzt.
Nein, die Zecke muss nicht untersucht werden.
Ja, Desinfizieren ist ok.
Ja, auch Markieren ist ok (siehe unten).

Zecken übertragen Krankheiten, keine Frage. Deshalb sollen sie ja auch raus. Aber Panikmache ist hier nicht wirklich angesagt.

Das Robert-Koch-Institut beschäftigte sich 2012 sehr ausführlich mit der Problematik der FSME, also der Frühsommer-Meningoenzephalitis, die durch einen Virus übertragen wird. Kommt es zu einer Infektion, also einer Übertragung des Virus auf den Menschen, zeigen nur 10-30% irgendwelche Symptome, alle anderen bleiben asymptomatisch. Man erkrankt grippeähnlich, mit zwei Krankheitsverläufen, mitunter mit schweren Folgeerkrankungen. Daher ist die FSME keine leichte Erkrankung, und wir nehmen sie in der Zeckenzeit als Differentialdiagnostik sehr ernst, auch wenn wir sie nicht kausal behandeln können, da viral.

Selten bleibt die Erkrankung trotzdem – man geht im Landesschnitt von 1,3 Erkrankte auf 100.000 Personen (pro 5 Jahre) aus (mit starken Schwankungen, von 0 Erkrankten in meist städtischen Regionen bis 30 Erkrankten im ländlichen Raum). Zum Vergleich: Die Inzidenz von Masern lag 2017 bei 0,9 Erkrankten auf 100.000 Einwohner (pro Jahr und nicht pro 5 Jahres-Intervall).
Ein Krankheitshäufung findet sich im mittleren Lebensalter, wohl vor allem bei den Spaziergängern und Freizeitsportlern. Kinder erkranken seltener (oder werden hier die Zecken schneller gefunden?), ebenso wie Senioren (vielleicht wälzen die sich auch weniger im Gras).
Ich erinnere in fünfzehn Jahren Niederlassung lediglich ein Kind mit FSME (typischen Symptomen und nachgewiesenem Titeranstieg im Blut).

Dann ist da noch die Borreliose, die deutlich häufiger ist – man rechnet jährlich mit über 200 Erkrankten auf 100.000, mit deutlichen Jahresschwankungen. Zudem ist die Borreliose im gesamten Bundesgebiet verbreitet und kann sogar in Städten auftreten. Vorteil dieser Erkrankung: Sie ist bakteriell und kann mit Antibiotika recht gut behandelt werden. Das Hauptsymptom ist die Wanderröte, zumindest bei Kindern, auch wenn es Fälle gibt, die diese Hauterscheinung nicht zeigen.
Ich möchte nicht auf die Diskussion rund um chronischen Borreliosen eingehen, die in Fachkreisen hoch umstritten sind und eng verknüpft mit Pharmainteressen und auch Verschwörungstheorien. Nichtsdestotrotz gibt es Spätsymptome wie Gelenkentzündungen, die unbedingt auch an eine Borreliose denken lassen müssen.

Eine Panik rund um die possierlichen Tierchen ist aus kinderärztlicher Sicht nicht gerechtfertigt, dennoch empfehle ich in meiner Praxis die FMSE-Impfung. Ich denke, wenn Du einer Erkrankung vorbeugen kannst mit einer gut verträglichen Impfung, so solltest Du das tun. Ich berate zudem ausführlich über Symptome der beiden Erkrankungen, wenn es zu einem Zeckenstich gekommen ist, Grippesymptome treten natürlich auch ohne Zecke nicht selten auf, da braucht es mitunter differentialdiagnostisches Geschick. Die Wanderröte sollte beachtet werden, deswegen auch einen Zeckenstich markieren oder wenigstens sich die Stelle gut merken.

Zum Abschluß… noch ein Bild, weil´s ja alle machen:

Deer Tick - Ixodes scapularis

Anekdoten:
Hilfe! Zecke!
Notdienstzecke
Notdienstzecke 2

(c) Bild bei pixabay/yucki97 (CC0 Lizenz)

Wie ist das mit der Meningokokken-B-Impfung?

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Davor haben wir Kinderärzte alle, alle, alle Angst: Im hessischen Lindenfels ist in dieser Woche ein Kindergartenkind an einer Meningokokken-B-Infektion gestorben.
Dies soll der traurige Anlass sein, nochmal etwas über die mögliche Impfung gegen diese Bakterien zu schreiben:

Meningokokken B werden von Mensch zu Mensch übertragen (als typische „Tröpfchen“-Infektion), können ohne großartige Symptome abgewehrt werden, verlaufen aber auch nicht selten fulminant. Im Gegensatz zu anderen Meningokokkenstämme (z.B. Meng C, die in Deutschland häufiger vorkommt, und ja auch seit Jahren mit einem Lebensjahr geimpft wird), können sie zu schwersten Hautblutungen führen und leider oft auch zum Tode.

Kommt es zu einem bekannten Fall in einer Einrichtung, werden alle Kontaktpersonen vom Gesundheitsamt identifiziert und in aller Regel prophylaktisch mit einem Antibiotikum behandelt (Rifampicin, macht schönen roten Urin), damit lassen sich Ausbrüche recht schnell eindämmen. Ich selbst habe einen Fall als junger Assistenzarzt erlebt, auch als behandelnder Arzt muss man diese Prozedur über sich ergehen lassen. Auch beim Erkrankten gilt: Alleine die frühzeitige Behandlung mit einem Antibiotikum kann den letalen Verlauf aufhalten. Kinderklinikambulanzen, auch wir Kinderärzte, bevorraten das empfohlene Notfallantibiotikum Cefotaxim iv, alleine bei Verdacht könnte ich das bereits geben. Mitunter ist sonst bereits die Zeit zu lang, die zur Sicherung der Diagnose vergeht (Fahrt in die Klinik, Aufnahme, Lumbalpunktion).

Seit 2013 gibt es Impfstoffe gegen die Meningokokken B, warum gibt es aber bisher keine generelle Empfehlung der Ständigen Impfkommission, allen Kinder diese Impfung zu geben?

Man versucht Krankheiten aus verschiedenen Gründen durch Impfungen einzudämmen:
– aufgrund der Häufigkeit des Erregers (Windpocken, Masern, Grippe), um die Viruslast in der Bevölkerung zu senken, den Herdenschutz zu erhöhen
– weil Krankheiten mit Komplikationen verlaufen können (z.B. Hirnhautentzündungen bei Pneumkokken, Impotenz nach Mumps)
– um Folgeschäden der Erkrankungen zu verhindern (Gebärmutterhalskrebs nach HPV-Infektionen, Leberzirrhose nach Hepatitis-B-Infektionen) oder
– um einzelne Patientengruppen zu schützen (Rota-Virus-Impfung bei Säuglingen)
Diese Gründe treffen auf viele Erkrankungen und deren Impfungen zu, bei manchen überschneiden sich die Gründe, bei manchen sind es solitäre Gründe.

Bei Meningokokken B wäre der häufig fulminant-letale Verlauf („invasive Meningokokken-Erkrankung“ = IME) ein guter Grund, die Impfung zu empfehlen. Viele Ärzte können eine Geschichte dazu erzählen, viele Ärzte empfehlen aufgrund dieser Anekdoten die Impfung, niemand sollte das erleben. Vielleicht ist es auch ein Prinzip ärztlichen Handels, grundsätzlich eine Impfung zu empfehlen, die eine Erkrankung verhindern kann, also Leiden vorbeugend zu verhindern.

Wie argumentiert die STIKO?

Die STIKO ist sich des tragischen Verlaufes vieler Meningokokken-B-Erkrankungen klar bewußt, dennoch gibt sie weiter keine generelle Impfempfehlung. Sie argumentiert, dass die Krankheitshäufigkeit in Deutschland auch ohne Impfung abgenommen habe (seit Einführung der Meldepflicht 2001 erlebt Deutschland derzeit das niedrigste Niveau an IME). Dies ist als Argument insofern interessant, weil viele Impfgegner auch andere Impfungen mit dem gleichen Argument ablehnen, viele Erkrankungen seien bereits vor der Einführung einer generellen Impfung rückläufig gewesen.
Ein zweiter Aspekt ist, dass in Deutschland die Meningokokken-B-Infektion im Vergleich zu anderen Ländern eher selten vorkomme (z.B. England 21,8 Erkrankte pro 100.000 Einwohner, Deutschland 6,0/100.000 Einw. im Jahr 2015).

Außerdem legt die STIKO in ihrem neuesten Bulletin sehr ausführlich die Ergebnisse aus anderen Ländern dar, diskutiert die Verträglichkeit des Impfstoffes (nicht so gut), die mögliche Implementierung in den aktuellen Impfkalender (kompliziert) und die Immunogenität der auf dem Markt befindlichen Impfstoffe (geht so). Sehr ausführlich, sehr detailliert. Dennoch bleibt die STIKO nach der erstmaligen Empfehlung der Impfung für Risikopatienten (z.B. mit Immundefekten oder Asplenikern) von 2014 auch dieses Jahr bei der Haltung gegen eine grundsätzliche Impfung.
Die Impfkommission zeigt im Fall der Meningokokken-B-Impfung Zurückhaltung und begründet diese gut, so schwer der Einzelfall einer IME auch sein mag, so selten kommt die Erkrankung letztendlich vor. Ob eine Senkung Erregerlast in der Gesamtbevölkerung durch eine generelle Impfung erreicht werden kann, müssen Studien aus England zeigen, wo die Empfehlung für eine generelle Impfung existiert.

Wie machen wir in der Praxis das?

Wenn Eltern in meiner Praxis nach der Impfung fragen, versuche ich genau diese Haltung zu vermitteln: Die Erkrankung an Meningokokken B kann sehr schlimm verlaufen, aber sie ist eher selten im Vergleich zu anderen Infektionen. Das Nebenwirkungsprofil der Impfstoffe ist nicht zu vernachlässigen, ob die Impfung letztendlich vor dem gerade zirkulierenden MengB-Stamm schützt, ist zudem nicht sicher (die STIKO spricht von einer Abdeckung von 82%). Wer die Impfung für sein Kind wünscht, der bekommt sie aber (Kosten ca. 300 Euro, wird nicht von allen Kassen übernommen und ist immer erst einmal eine Privatleistung), außerdem die genannten Risikopatienten.

Ich versuche, meine eigene Anekdote im Kopf zu behalten, und hätte auch Angst vor einer Infektion unter meinen Patienten, vertraue aber der Weitsicht und dem epidemiologischen Sachverstand der STIKO. Als einzelner Arzt wäre es vermessen, die Wirkung oder Nichtwirkung der Meng-B-Impfung abzuschätzen, Anekdoten waren noch nie gute Entscheidungshilfen (und eher das Instrument der Impfgegner) und nur die genaue Betrachtung der Epidemiologie in unserem Land kann eine generelle Empfehlung bringen oder eben nicht. Dann werde ich diese auch entsprechend in der Praxis umsetzen.

STIKO-Bulletin vom 18.1.2018 zu diesem Thema

(c) Bild bei pixabay/PublicDomainPictures (CC0 Lizenz)

Sprich beim Impfen mit Deinem Kind

Was Eltern vor einer Impfung manchmal so sagen:
– „Du kriegst heute keine Spritze.“
– „Der Doktor macht gar nichts.“
– „Entschuldigung, mein Kind, aber die Mama lässt Dich heute ärgern.“
– „Stell Dich nicht so an, sonst gehen wir eben wieder und müssen nochmal wiederkommen.“
– „Komm jetzt her, sonst impft der Doktor Dich in den Po/ sonst bekommst Du noch eine.“
– „Du Heulsuse/ Jammerlappen/ Weichei.“
– „Wenn Du heulst, gibts aber keine Belohnung.“
oder das Bobele wird gar nicht vorbereitet, weiß nichts vom Impfen und wird überrumpelt. Auch nicht fein.

Was Eltern besser vor einer Impfung sagen sollten:
– „Die Impfung wird Dir helfen, gesund zu bleiben.“
– „Heute gibt es eine Impfung und beim nächsten Mal keine. Mama/ Papa wird das immer sagen.“
– „Das tut kurz weh und dann ist es wieder gut.“
– „Du darfst gerne weinen, ich tröste Dich dann.“
– „Nachher gehen wir ein Eis essen/ ein Lego/ Gummibärchen kaufen.“
und vor allem bereite man das Bobele vor, zuhause, vielleicht am Tag davor, auf jeden Fall vor dem Losfahren daheim und nicht erst bei Betreten der Praxis.

Je nach Alter des Kindes darf auch über den Sinn einer Impfung aufgeklärt werden. Dabei solltet Ihr Ich-Botschaften vermitteln, dass also Ihr selbst die Impfung gut findet und nicht „weil man das eben so macht“ oder „der Doktor das will“.
Neben der Sprache ist das Nonverbale mindestens ebenso wichtig:
– Säuglinge werden im Arm gehalten (der Doktor findet schon Platz zum Impfen) und bekuschelt, vielleicht gefüttert (gestillt, auch etwas Zuckerlösung kann helfen).
– Kleinkindern sitzen auf dem Schoß der Eltern (sogar Jugendliche finden das manchmal beruhigend). Ablenkung ist ok: Kuscheltier, Seifenblasen, Pfeifen, Singen, Abzählreime.
– Impfen sollte immer vorbereitet werden, die eigentliche Aktion darf dann aber zügig vonstatten gehen, im Zimmer ist eine ausführliche Erklärung überflüssig und „steigert nur die Spannung“.
– Belohnungen dürfen auch gleich mitgebracht werden. Der Doktor hat vielleicht auch was da.
– Pflaster sind überflüssig und tun beim Entfernen weh. Außerdem kann eine Reaktion auf Pflaster an der Haut entstehen. Wir lassen sie meist weg, außer Kinder möchten sie zur Belohnung haben.

Achja: Mit Impfungen wird auch nicht gedroht. Zitat: „Jetzt mach endlich den Mund auf, sonst kommt der Doktor mit einer grossen Spritze.“
Doch. Ja. Das gibt es im Jahre 2018.

(c) Bild bei pixabay/myriam-fotos (CC0-Lizenz)

Mal kurz rückversichern wegen der Impfmoral

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Mutter: „Sind Sie eigentlich eine Impfpraxis?“
Ich: „Ja? Wie meinen Sie das?“
Mutter: „Naja, impfen Sie alle Kinder, wie das von den Experten der Impfkommission empfohlen wird?“
Ich: „Ja. Eigentlich schon.“
Mutter: „Ohne Ausnahme?“
Ich: „Ja, ich bin überzeugt, dass…“
Mutter: „Auch etwa Rota?“
Ich: „Ja, auch Rota, weil die Säuglinge…“
Mutter: „Und auch Tetanus, Windpocken und Keuchhusten?“
Ich: „Ja, schon. Gerade bei den noch kleinen…“
Mutter: „Sagen Sie mir auch, wenn es neue Entwicklungen gibt?“
Ich: „Ja, klar, das ist ja meine Aufgabe…“
Mutter: „Und kann ich sicher gehen, dass auch sonst hier alle Kinder geimpft sind?“
Ich: „Naja, ich versuche schon, die Eltern zu überzeugen…“
Mutter: „Und wenn mal jemand gar nicht will?“
Ich: „Dann suchen die sich meist einen anderen Kinderarzt, der da mitschwingt.“
Mutter: „Echt jetzt? Sowas gibt´s? Leute, die gar nicht impfen?“
Ich: „Ja schon.“
Mutter: „Aber bei Ihnen nicht?“
Ich: „Sie meinen jetzt, Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollen?“
Mutter: „Ja.“
Ich: „Naja, eher wenige.“
Mutter: „Alles klar, dann bleiben wir.“

Easy.

(c) Bild pixabay (CC0 Creative Commons)

Tolle Spritze

thumbs up

Mutter, Kinderdok, Bobele (knapp sechs Jahre alt) – Letzterer strahlt mich an, als er durch die Türe kommt.

Bobele: „Oh, das ist aber alles schön bunt hier.“
Ich: „Äh … ja, danke!“
Mutter: „Ja, er ist grad auf dem Loben-Trip. Alles ist toll und schön.“
Bobele: „Wow, das ist aber eine tolle Liege.“
Mutter: „Sehen sie?“
Ich: „Spitze. Mensch, Bobele, du bist aber nett zu den Leuten.“
Bobele grinst sich eins.
Ich: „Ok. Trotzdem gibts heute eine Impfung. Weißt du ja.“
Bobele: „Klar. Kein Problem.“
Ich: „Ok, also, Achtung. Eins – zwei – drei. … fertig.“
Bobele verklemmt sich eine Träne: „Aua. Das hat aber jetzt … “
Kurzes Schlucken.
Bobele: „Das hat gar nicht weh getan.“
Ich: „Siehste. Du warst richtig tapfer.“
Bobele: „Mmh. Ja. Das war eine gaaanz tolle Spritze.“

Schon recht, Bobele, jedes Loben darf mal ein Ende haben.

(c) Bild bei Flickr/Anthony Kelly (CC Lizenz)

Gemein

Ich hacke das hier kurz ins iPhone, weil mein PC… und das iPad… und, ach, egal. Das soll auch nur ein kurzes Statement sein, weil –

Ich: „Hui, Ihre Tochter hat aber ganz schön heftig ängstlich auf das Impfen reagiert, dabei ist sie doch schon acht. Da sollte sie das doch kennen, oder?“
Mutter: „Ja, nicht wahr? Und dabei habe ich ihr nicht mal was davor gesagt, dass sie eine Spritze kriegt.“

Merkste was?

Zum Abschluss der Impfwoche noch was Persönliches.

Impfwoche

Zum Abschluss der Europäischen Impfwoche noch ein sehr persönliches Statement.

Ich kann alle Eltern verstehen, die sich nach Geburt ihres Babys um die Verletzlichkeit des neuen Erdenbürgers sorgen, die Angst haben, in diesen gesunden Körper eine Nadel zu platzieren, in den natürlichen Ablauf des Lebens einzugreifen.
Wir als Eltern haben uns diese Sorgen auch gemacht, obwohl wir beide aus medizinischen Berufen stammen. Wir haben damals auch sehr persönlich entschieden. Wir sind selbst beide komplett geimpft, wir haben selbst Kinderkrankheiten durchlebt (die wir nicht nochmal durchleben wollen, so schrecklich sind die Kindheitserinnerungen), wir haben beide manche dieser Krankheiten (Tetanus, Keuchhusten, Hämophilus, Hepatitis, Windpocken mit Komplikationen, Hirnhautentzündungen) bei uns anvertrauten Patienten erleben müssen und kennen niemanden, niemanden, niemanden mit einem Impfschaden.

Vielleicht hat das unsere sehr persönliche Entscheidung, unsere Kinder und unsere Haustiere „durch“zuimpfen, beflügelt.

Aber wir sind auch sehr rationale Menschen und versuchen, medizinische Entscheidungen nicht dem Bauchgefühl zu überlassen. Wir kennen die Zahlen, wir kennen auch die Zahlen der Impfgegner, wir verloren uns auch mitunter auf Homepages mit zweifelhaften Quellen und Elternforen mit – sagen wir – interessanten Einstellungen. Auch wenn wir vielleicht einmal zweifelten, denn alle Eltern zweifeln, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht, das aber nun von außen vermeintlich aus dem Gleichgewicht gebracht werden soll, die Ratio überwog: Wir werden unsere Kinder impfen lassen.

Denn vor allem wollen wir nicht, dass unsere Kinder Krankheiten durchleben müssen, die wir verhindern können. Dafür gibt es immer noch genug Erreger in Kindergarten und Schule, deren Fieber, Husten, Rotz und Durchfall wir ertragen mussten. Nein Danke.

Oder wie die Große letztens sagte: „Klar ist Impfen Mist und tut weh, aber Kranksein ist noch viel mistiger.“

Bisher gebloggt zur Europäischen Impfwoche:
24.4. Impfungen wirken
25.4. Der aktuelle Impfplan für Säuglinge
26.4. Bücher für das Impfen
27.4. Der Klassiker – House, MD und Impfungen
28.4. Ich erzähle Euch mal von Bellchen
29.4. Nur Mut, liebe Eltern

Nur Mut, liebe Eltern

Impfwoche

Bisher gings vor allem um die Impfungen für Kinder, aber die Geschichte von Bellchen macht klar: Wenn wir Eltern gut geschützt sind, sind dies auch unsere Kinder, die wir vielleicht noch nicht impfen können:

– Mütter übergeben ihren Kindern passive Antikörper, z.B. gegen Keuchhusten, so dass die Neugeborenen (noch) geschützt sind, bis sie dann alt genug sind, selbst geimpft zu werden.

– Je mehr Menschen geimpft sind, desto weniger zirkulieren die Viren in der Population. Der so genannte Herdenschutz. Bedeutet: Nicht nur verbreiten geimpfte Kinder keine oder weniger Erreger, auch die Erzieherinnen, Lehrer und Lehrerinnen und nicht zuletzt wir Eltern selbst sind schließlich Teil der Herde.

– Impfen ist eine soziale Aufgabe. In der Kinderarztpraxis auch eine solidarische: Wir impfen gerne auch die begleitenden Eltern und Großeltern, unsere Kanülen sind die dünnsten, und wir kennen uns von allen Fachärzten am besten bei den aktuell empfohlenen Impfungen aus (oder seid Ihr letztens auch nur gegen Tetanus und Diphtherie geimpft worden, nicht aber mit dem Kombiimpfstoff, der auch den Pertussiserreger enthält?). Eure Kinder sind bestimmt zudem tapferer, wenn sie sehen, dass Mami und Papi geimpft werden.

Also gleichmal checken:

—> Ist die letzte Tetanus/Diphtherie/Pertussis-Impfung schon länger als zehn Jahre her? Gleich impfen lassen (übrigens auch in der Schwangerschaft oder Stillzeit).

—> Steht im Impfpass gar kein Kreuzchen bei einer der obigen Impfungen? Insbesondere bei Pertussis (= Keuchhusten)? Ebenfalls gleich mal impfen lassen. Als Erwachsener ist nur eine Impfung notwendig (nur in Kombination mit atetanus und Diphtherie machbar).

—> Nach 1970 geboren (wahrscheinlich alle bis auf mich 🙂)?
Masernimpfung checken –
Keinmal geimpft = 1x impfen lassen,
1x geimpft = ein zweites Mal impfen lassen,
2x geimpft = alles gut.

Das sind die wichtigsten Impfungen. Toll ist es, wenn man sich jährlich grippeimpfen lässt, auch das reduziert die Viruslast in der Bevölkerung. Die FSME-Impfung für die süddeutschen Bundesländer ist empfehlenswert, muss alle fünf Jahre aufgefrischt werden und dient dem eigenen Schutz. Übrigens: Impfungen gegen Hepatitis müssen nicht aufgefrischt werden, außer man arbeitet im medizinischen Bereich.

Also dann: Sucht den Impfpass, fragt Euren (Kinder-)Arzt und achtet vor allem auf den Keuchhustenschutz, den Kleinen zuliebe.

Ich erzähle Euch mal von Bellchen

Impfwoche

Bellchen haben die Eltern sie immer genannt, das weiß ich noch. Obwohl sie Sibylle hieß, aber das war wohl eine Abwandlung des Namens. Sie kamen jeden Tag, klar. Der Vater war LKW-Fahrer, tageweise konnte er in den beinahe fünf Wochen nicht kommen, die Bellchen auf unserer Station lag. Dafür saß die Mutter oft schon morgens an ihrem Bett, wenn ich nach dem Nachtdienst nochmal über die Station ging, um in jeden Inkubator und jedes Kleinkindbett zu schauen.

Bellchen lag weiter hinten, mit einem anderen Kind in einem Zimmer, nicht vorne in dem großen Intensivzimmer, das war schließlich den Frühgeborenen vorbehalten. Das Problem hatte sie nicht. Bellchen war ganz normal zur Welt gekommen, just in time, bereits ein paar Wochen zuhause gewesen.

Im zweiten Lebensmonat begann es. Zuerst wollte sie nicht mehr die Flasche trinken, war unruhig, dann wieder müde, Alle dachten zunächst, sie habe sich erkältet mitten im Januar. Aber dann kamen die Atemaussetzer. Die Kleine lag im Bett, rotzte, weinte, versuchte zu husten und konnte es nicht. Das Gesicht sei dann ganz rot gewesen, sagten die Eltern, der Mund offen, sie habe erschreckt geschaut, verängstigt, der Speichel lief ihr aus dem Mund, und wenn sie dann doch husten konnte, war es beinahe eine Erleichterung, sagten die Eltern. Vorausgegangen war ein Besuch bei den glücklichen Großeltern, das erste Enkelkind mal anschauen. Leider hatte die Oma zu dem Zeitpunkt diesen ewig langen Reizhusten. Zuviel Zigarrenrauch vom Opa, dachten sie.

Auf Station war es eine Qual. Wir wechselten zwischen Abwarten, Sedierung und Beatmung. In der ganzen Zeit mussten wir Bellchen drei- oder viermal intubieren mit allen Schwierigkeiten des Entwöhnens. Sauerstoffbedarf war ihr zweiter Vorname. Nach der Hälfte der Zeit dachten wir, jetzt hat sie es überstanden, was folgte, war die längste Beatmungszeit von zehn Tagen. Aber am schlimmsten für die Eltern waren die Zeiten, in denen sie nicht ruhiggestellt war, denn da atmete Bellchen unberechenbar entspannt, dann wieder angestrengt, bis die Atemfrequenz eine lange Pause zeigte und die betreuende Schwester zum Bettchen rannte, um der Kleinen in ihrem stillen Hustenreiz beizustehen. Manchmal alle fünf Minuten.

Bellchen überlebte. Alle waren glücklich, als wir sie schließlich entließen. Als die Eltern ein Jahr später mit ihr zu Besuch kamen – das taten viele Eltern – strahlte sie aus ihren Knopfaugen unter dunkler Lockenpracht. Ihr ganzes erstes Lebensjahr nach Entlassung hatte Bellchen monatlich eine schwere Erkältung mit Bronchitis, am Tag des Besuches war sie gerade genesen. Wir freuten uns alle sehr.

Ich war mal auf einer „Fortbildung“ eines ausgewiesenen Impfgegner-Kinderarzt, der stolz berichtete, wie sein damals zweieinhalbjähriger Sohn bei jedem Hustenanfall tapfer blitzeblau wurde – aber „die Krankheit hat ihn damals weit in seiner Entwicklung vorangebracht“.

Keuchhusten ist keine Fördermaßnahme, Keuchhusten ist ein Scheiß.

Der Klassiker – House, MD und Impfungen

Impfwoche

Siehe auch – Kinderdok revisited.

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