Akademie fordert Impfverpflichtung vor Kita- und Schulbesuch

Jetzt kommt sie wieder in die Diskussion: Die Masern-Impfpflicht, die seit 1.4. in ganz Deutschland vor dem Besuch einer Gemeinschaftseinrichtung wie Kindergarten und Schule empfohlen wird. Im Zuge der Corona-Krise ist sie etwas in Vergessenheit geraten. Wenn jetzt die Kitas wieder schlückchenweise öffnen, dürfte das für die Eltern wieder Thema werden.

Pünktlich hierzu veröffentlichte die Deutsche Akademie für Kinder und Jugendmedizin (DAKJ)* eine aktualisierte Stellungnahme und empfiehlt den „vollständigen Impfschutz nach den STIKO-Empfehlungen als Voraussetzung für den Besuch von Gemeinschaftseinrichtungen für Kinder und Jugendliche.“ Zu lesen ist dies – wie üblich – im offiziellen Organ „Monatsschrift Kinderheilkunde“ (Monatsschr Kinderheilkd 2020. 168:446-451 – Bezahlschranke), online seit Februar.

Der Artikel illustriert erneut die jüngste Geschichte der Impfempfehlungen und der Bemühungen der Fachgesellschaften, die Impfquoten in Deutschland zu steigern. Erinnert wird an die unbestreitbaren Wirkungen von Impfungen und den Benefit, den die STIKO-Empfehlungen für Kinder, insbesondere in Gemeinschaftseinrichtungen, bringen. Die Stellungnahme verweist auf die Ratifizierung des Zusatzprotokolls der Kinderrechtskonvention der Sondertagung der UNO aus 2002 durch die Bundesrepublik, wonach „die Vertragsstaaten das Recht des Kindes auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit“ anerkennen, „mit der Verpflichtung, sich zu bemühen, dass alle Kinder die notwendige ärztliche Hilfe und Gesundheitsfürsorge erhalten“. Explizit wird im Zusatzprotokoll „das Recht auf Impfung gegen verhütbare Krankheiten“ erwähnt.

Die Stellungnahme geht auch auf die Kritik vieler Eltern ein, ist sich den „ideologischen Gründen oder der mangelnden Sorgfalt“ bewußt, aber auch Hindernissen wie „häufige Umzüge, eine hohe Geschwisterzahl, mangelnde Kenntnisse des Gesundheitssystems oder ein anders erschwerter Zugang zu Impfungen“. Wesentlich sei bei der Entscheidungsfindung: „…Vertrauen in Impfung und Impfsystem; eigene Wahrnehmung von Krankheitsrisiken; persönlicher Aufwand für eine Impfung; Kalkulation der gesamten Informationen zu der Impfung und auch das Wissen um den Gemeinschaftsschutz durch die Impfung“.

Eine versäumte Impfung sei kein Beinbruch, so die Stellungnahme, verweist aber mit Nachdruck auf die Expertise des Deutschen Ethikrates von 2019, wonach es „starke Argumente für das Bestehen einer moralischen Verpflichtung seitens der Eltern gibt, ihre minderjährigen Kinder gegen Masern impfen zu lassen“. Die nun vorliegende Stellungnahme der DAKJ fordert jedoch den Nachweis eines „vollständigen nach STIKO-Empfehlungen durchgeführten Impfschutzes“ vor Aufnahme in Krippen, Kindergärten oder Schulen. „Eine alleinige Masern-Impfpflicht könnte sich negativ auf die Akzeptanz der anderen, freiwillig umzusetzenden Standardimpfungen auswirken“.

Einzelne Forderungen (verkürzt):

  • Besuch einer Gemeinschaftseinrichtung nur zulässig, wenn Kinder und Jugendliche über einen altersgemäß vollständigen Impfschutz verfügen
  • Einführung eines niederschwelligen Impf-Informationssystems und eines E-Impfpasses
  • Stärkung des ÖGD (Impfangebot dort, um auch Migranten und Kinder ohne Versicherungsschutz zu erreichen)
  • Länder verpflichten, „Eltern auf ihre Verantwortung hinzuweisen, die sie durch die Impfung des Kindes für ihr Kind und das Gemeinwohl übernehmen“
  • Ärztekammer verpflichten, berufsrechtliche Schritte gegen Ärzte einzuleiten, die mit ihrem Verhalten gegen das Gebot der ärztlichen Sorgfalts- und Qualitätssicherungspflicht verstoßen
  • ÄrztInnen sollen den Zugang zu Impfungen erleichtern durch „Impfungen ohne Termin, Impftage und Recalls. Jede Gelegenheit zum Impfen muss genutzt werden“
  • Förderung der Impfungen von Erwachsenen durch alle dazu fachlich befähigte Arztgruppen

An die Eltern: „… das Recht der elterlichen Sorge zum Wohl des Kindes auszuüben und ihr Kind durch Impfungen vor vermeidbaren schweren Infektionskrankheiten zu schützen. Impfungen stellen für Kinder einen wesentlichen Schutz dar, auf den sie ein Anrecht haben. In der Verantwortung der Eltern liegt es, aktiv diesen Schutz für ihre Kinder einzufordern und auf eine zeitgerechte und sachgemäße Durchführung gemäß aktuellem Standard zu dringen.“

Ich hätte mir noch gerne einen Augenmerk auf Soziale Medien, das Phänomen der Filterblasen und der Verbreitung von Fake News gewünscht. Man könnte gut Facebook, Twitter und Co., auch Anbieter von Elternforen verpflichten, zumindest Hinweise oder Stellungnahme zu seriösen Quellen zu synchronisieren. Viele Eltern leiden unter der Vorstellung, Impfgegnerschaft sei eine moderne Lebenseinstellung, der man folgen könne, da die dort verbreiteten Fehlinformationen gleichwertig und gleichzahlig seien zu den wissenschaftlich fundierten. Die grösste Überraschung erntet der/die beratende ÄrztIn stets, wenn darauf hingewiesen wird, dass weiter über 90% der Eltern ihre Säuglinge nach STIKO-Empfehlung impfen lassen, noch immer über 80% dies sogar im Schulalter (wenn die ersten Auffrischungen kommen) folgen.


*DAKJ: Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) e.V. ist der Dachverband der kinder- und jugendmedizinischen Gesellschaften und Fachverbände Deutschlands. Mitglieder sind u.a.: Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin.

(c) Bild kinderdok

5 Gedanken zu “Akademie fordert Impfverpflichtung vor Kita- und Schulbesuch

  1. Ich hätte da gerne noch einen Passus zum Verhalten der Ärzte. Gerade hatten wir den Kinderarzt angerufen mit der Frage, ob für DPT nicht vielleicht eine Auffrischung notwendig sei (wir haben da etwas den Überblick verloren…) Im Telefonat wurden wir darauf hingewiesen, dass es auch die HPV-Impfung gäbe – wie immer bei Impfungen kam dann der Rat „bilden Sie sich dazu doch mal eine Meinung und sagen Sie dann Bescheid, ob Sie die wollen“. Wir Eltern haben beide keine medizinische Ausbildung, ich habe keine Ahnung, auf welcher Grundlage ich mir da eine Meinung bilden sollte. Wenn ich zu etwas keine Meinung habe, neige ich allerdings eher dazu, nichts zu tun als etwas zu tun. Wir sind vor Jahren schon von einer „das hier ist die Empfehlung des RKI, das ist die Extremposition“-Ärztin zu einer naturheilkundefreien Praxis gewechselt, aber mit den Fragen der Impfung fühlen wir uns regelmäßig überfordert. Ich fände es klasse, wenn Ärzte da eine klare Meinung hätten und die auch äußern würden.

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    1. Ja, das ist streng genommen auch nicht ok. Schließlich muss Dich der impfende ÄrztIn vorher ausreichend beraten, informieren blablub. Das zumindest kann – aus Praktikabilitätsgründen – auch mit Broschüren oder guten Netzseiten erfolgen. Aber mal so am Tel geht nicht.

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      1. Dürfen Kinderärzte denn bei Impfungen nicht sagen, was sie für richtig halten? Machen sie sich haftbar? Bei allen anderen Themen (Ernährung, Behandlung von Krankheiten) gibt es klare Ansagen („Sie können natürlich auch xy, aber ich würde jetzt…“) – nur bei Impfungen ist es mir nach 16 Jahren Kindergroßziehen immer noch unklar, was unsere Kinderärzte wirklich davon halten. Dabei halte ich die für gut, ich würde in medzinischen Dingen eigentlich immer ihrem Urteil vertrauen.

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        1. Tatsächlich soll „ergebnisoffen“ beraten werden. Dass Du nicht weißt, wie Eure Kinderärzte grundsätzlich zum Impfen stehen, spricht wohl dafür, kommt aber bei Dir als Unsicherheit? Unentschlossenheit? Führungslosigkeit? an.
          ÄrztInnen sind da meist dem Verdacht des „Verordnens“, also eines Paternalismus, unterworfen. Da ich überzeugter Impfbefürworter bin, sage ich das „meinen“ Eltern stets sehr deutlich und sage auch, was ich von Impfgegnern halte.
          m.E. gehts bei diesem Thema nicht um Meinung, sondern wissenschaftliche Erkenntnisse, aber das würden andere von ihren „Meinungen“ auch sagen.

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    2. Ich persönlich bin keine Ärztin, aber Betroffene. Mit ca. 20 wollte ich damals vor 14 Jahren eine HPV Impfung, da mein FA mir davon erzählte. Da ich schon volljährig war, übernahm die Kasse die Kosten nicht und als Studentin waren mir damals 500 € einfach zu viel. Ca. 5 Jahre später rief mich meine FA an einem Donnerstag an, ich sollte UNGEHEND in die Praxis. Keine 2 Wochen später wurde ich operiert- es war tatsächlich Gebärmutterhalskrebs! Die schlimmsten Wochen meines Lebens. Großes Glück, das es so schnell entdeckt wurde.
      Heute ist alles gut.

      Kurz gesagt; HPV ja bitte, auch für Jungs als “ bloße“ Überträger des Virus.

      Beste Grüße

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