Eingeimpft – Presseschau

Dieser Tage (13.9.) kommt ein Film in deutsche Kinos, der meine Impfbefürworter-Filterblase (also 95% der Mitmenschen in Deutschland) im Karée springen lässt: „Eingeimpft“. Es ist schon einiges darüber geschrieben worden, kurz zusammengefasst geht es um ein junges Paar, dass sich mit der Entscheidung, ihr Kind (später kommt ein zweites dazu) impfen zu lassen oder nicht oder wie. Er ist dafür, sie dagegen. Er ist Dokumentarfilmer und macht einen Film daraus, sie schreibt die passende Musik dazu.

Ich konnte den Film natürlich nicht vorab sehen (bin ja nur ein kleiner anonymer Bloginfluencer), aber genug Namhafte waren zu Vorpremieren eingeladen, der Hype der Berichterstattung schwappt hoch, schlechte Presse ist immer auch gute Presse, ein zweischneidiges Schwert. Die Befürworter des Filmes halten sich vornehm zurück, aber Filmförderung über öffentliche Gelder, Koproduktion via arte und Prädikat „besonders wertvoll“ sollen dem Film Seriösität vermitteln. Schade. Schlimm.

Nachfolgend eine kleine Presseschau (aus dem Netz), die sehr schön die Kritik an dem Film illustriert. Am nervigsten finde ich persönlich aus pädiatrischer Sicht, dass über das Medium Kino eine Selbstverständlichkeit vermittelt wird, es gebe eine fifty-fifty-Entscheidung, ob Impfen oder nicht, und als sei dies ein Selbstbedienungsladen. Die soziale Komponente des Impfens kommt im Film wohl vollends zu kurz, hart formuliert: Hier beschließen zwei gut situierte Wohlstandseltern das Projekt „Impfentscheidung“ spaßig und lustig unters Volk zu bringen – und ruhen sich doch auf dem Herdenschutz der Geimpften aus.

Psychologin Cornelia Betsch in Zeit-Online. „Es werden anlässlich des Films wieder Debatten stattfinden, in denen ein Impfzweifler einem Befürworter gegenübersitzt, was suggeriert, das Verhältnis wäre 50:50. Das verunsichert den Zuschauer. In der echten Welt beträgt es nämlich 5:95.“

Spektrum der Wissenschaft – eine Filmrezension. „Denn der Film bedient alle irrationalen Ängste, die sich mit dem Impfen verbinden, und macht die Impffrage zu einer reinen Gefühls- und Meinungsangelegenheit.“

Der Tagesspiegel. „Sieveking, junger Vater, medizinischer Laie mit relevanter Expertise allein im Filmemachen und Geschichtenerzählen, rollt selbstbewusst ein Thema „ganz von vorn“ auf, zu dem die Ständige Impfkommission beim Robert Koch-Institut (STIKO) solide Empfehlungen erarbeitet, die auf wissenschaftlichen Studien basieren und regelmäßig aktualisiert werden.“

Kommentar von Richard Friebe im TSP – „Wenn rund herum die meisten geimpft sind, ist eine Übertragung wenig wahrscheinlich. Herden-Immunität heißt das. Genau daran erfreuen sich die meisten konsequenten Impfgegner und ihre Familien. Impfgegner kann man nur inmitten Geimpfter sein. Man profitiert von dem, was andere geleistet haben und leisten, und trägt selber ganz bewusst nichts bei. Eine viel bessere Definition des Wortes „asozial“ gibt es nicht.“

Humanistischer Pressedienst  „Fachleute befürchten, dass der 90-Minuten-Streifen gerade das bewirkt, wovor er schützen möchte: Er schürt bei jungen Eltern unsinnige Ängste und beschwört ernste Gefahren für die Gesundheit von Kindern herauf.“

Eine Art wissenschaftliche Rezension – Von 12 namhaften Wissenschaftlern. An tollen Zitaten too many to mention. „Aufgrund weitreichender Konsequenzen von zu geringen Impfquoten – für das Individuum wie für die Gesellschaft – sollten Filme dieser Art nicht nur aus künstlerisch-filmischer Sicht betrachtet, sondern auch nach ihrer wissenschaftlichen Reflektiertheit und Methode bewertet werden. Eine Kennzeichnung von Filmen mit einem ‚Prädikat für wissenschaftlich wertvolle Filme’ könnte eine echte Hilfestellung für Eltern sein, die vor der Impfentscheidung stehen. Ein Prädikat, das diesem Film nicht zugeschrieben werden kann.“

Deutsche Film- und Medienbewertung FBW – „Sieveking scheut vor den privatesten Momenten auch visuell nicht zurück und stellt die Ängste seiner Frau, die vehement gegen das Impfen der Kinder ist – aus Angst damit mehr Schaden anzurichten als Gutes zu bewirken, sowie auch seinen eigenen gedanklichen Zwiespalt klar.“

TV-Movie zum Film – „Dokumentation, die uns ein Thema näher bringen soll, dass in Deutschland für erhitzte Gemüter sorgt: Das Impfen. Auf eine charmante und lustige Art bemüht er sich um dieses Thema und gibt dabei sehr ehrliche und private Einblicke in sein Familienleben.“

Pressetext des Filmverleihs. „Doch schon bald muss er erkennen, wie wichtig es ist, sich schnell zu entscheiden, denn in der Berliner Nachbarschaft brechen die Masern aus, und Jessica ist wieder schwanger.“

Programmkino.de – Filmkritik – „Am Ende muss jeder individuell für sich die Frage beantworten, was er in welcher Form seinem Kind verabreichen will. Die Doku leistet aber in jedem Fall einen wichtigen Beitrag dazu, sich ausführlich über das Thema zu informieren und sich diesem in all seinen Facetten konstruktiv zu nähern.“ – Und: Ein „Wichtiger Hinweis“: „Die impfkritische, sehr subjektive Sicht des Films ist durchaus umstritten und sorgt für viel inhaltliche Kritik – hingewiesen sei daher hier auf eine inhaltliche Aufarbeitung des Films in der Wissenschaftszeitung SPEKTRUM“ mit Verlinkung zum Artikel in Spektrum der Wissenschaft

Die Zeit – über das Buch. „Er überschätzt die Effekte einzelner Studien und zieht deshalb falsche Schlüsse. Seine Erkenntnisse verhalten sich zu denen der Stiko deshalb in etwa so, wie ein Groschenroman zur Schiller-Gesamtausgabe.“

Süddeutsche Zeitung – „Der Film „Eingeimpft“ wirkt auf den ersten Blick nett und ehrlich. Tatsächlich aber sät er unnötig Zweifel und bestärkt damit Impfgegner. Warum die Vorsorge richtig ist.“ (Artikel hinter Paywall)

Spiegel Online – „Er könnte durchaus lustig sein, wenn er nicht so gefährlich wäre. Der Film erzählt eine absurd komische Geschichte darüber, wie seltsam sich geschlechtsreife Großstädter verhalten, wenn sie Kinder kriegen. Ärgerlich nur, dass der Berliner Regisseur David Sieveking, der darin seine eigenen Familienkonflikte ausschlachtet, unter der komödienhaften Oberfläche Halbwahrheiten verbreitet und Ängste schürt.“ (Artikel hinter Paywall)

Natalie Grams rezensiert das Buch. „Einzelne Meinungen und Einschätzungen, wie die seiner Partnerin, der Hebamme, der anthroposophischen Kinderärztin, eines Paul-Ehrlich-Instituts-„Aussteigers“, eines einzelnen Forschers in Afrika, über dessen Hypothesen die Wissenschaftsgemeinschaft gerade erst die Diskussion beginnt, zählen für Vater Sieveking mehr als der anerkannte Stand der Wissenschaft. So sät das Buch gewollt oder ungewollt Zweifel an Impfungen und idealisiert ein verzerrtes Konzept des individuellen Impfens jenseits des wissenschaftlichen Evidenzbegriffs.“

Der Deutschlandfunk zum Buch – „Sieveking spricht mit Kinderärzten, mit einer Heilerin, mit Pharmaunternehmen, Behörden, Forschern, mit impfkritischen Eltern und solchen, die nur geimpfte Kinder in der Kita haben wollen. Sie alle kommen in dem Buch zu Wort und alle werden gleich ernst genommen. Eine Kakophonie von Meinungen, in denen sich Sieveking verirrt.“

Nochmal Deutschlandfunk im Gespräch mit Natalie Grams – „Dass Menschen, die sich bisher gar nicht viele Gedanken über das Impfen gemacht haben, die der Empfehlungen der Experten vertraut haben, durch diesen Film irritiert werden und zu dem Gedanken kommen, ach Mensch, da scheinen ja doch irgendwelche Dinge im Verborgenen nicht ganz geklärt zu sein, das Ganze ist irgendwie ein bisschen unnatürlich oder sogar unsicher, vielleicht wird sogar was vertuscht. Sie haben es im Trailer ja angesprochen, und dieses Gefühl bleibt, dieser Subtext wird durch den Film transportiert. Und das sehe ich als Ärztin total kritisch.“

Doccheck.de – „Im Film wird schnell klar, welchen Spielraum Eltern in Deutschland haben. Sie können ihren Kinderarzt selbst auswählen, den Impfzeitpunkt bestimmen und entscheiden, welche Vakzine oder welche Impfungen überhaupt zum Einsatz kommen, eventuell sind Zuzahlungen fällig. Sieveking bewertet dies als aktive, persönliche Entscheidung.“

ZDF-aspekte zum Film – Wie die Impfdebatte polarisiert. Während die Anmoderation noch sehr kritisch wirkt, ist der eigentliche Beitrag positiv eingestellt und geht dabei in keinster Weise auf den Kern des Impfens ein.

BR5-Podcast – „Eingeimpft“ – Wie berechtigt ist die Kritik an diesem Dokumentarfilm? „Kritik am Impfen nimmt zuviel Raum ein“.

Statement von David Sieveking auf Facebook – „Autor, Verlag, Produktion und Filmverleih wünschen sich jedoch eine unvoreingenommene Debatte, vor dem Hintergrund, dass es sich bei EINGEIMPFT um einen Film und ein Buch handelt, die ausschließlich die Entscheidungssuche EINER Familie zeigen, die sich in jahrelanger, grundlegender Recherche intensiv und verantwortungsbewusst mit dem Thema auseinandersetzt und für sich letztendlich eine individuelle Entscheidung trifft.“

Das heute-journal bringt ein kurzes Feature zum Filmstart

ZAPP vom NDR – „Kommen Experten der Impfbefürworter zu Wort, die es durchaus reichlich gibt, dann werden sie sofort mit Zweifeln konterkariert. Nach einem Interview im Paul-Ehrlich-Institut, das für die Zulassung und Kontrolle von Impfstoffen zuständig ist, heißt es in der nächsten Szene „Der Professor Doktor hat gut reden. Was meint er mit erkannten Nebenwirkungen in sehr raren Fällen?“

Sieveking bei Lanz – in Diskussion mit der Kinderarztkollegin Dr. Karella Easwaran

Die GWUP zur Premiere des Films in Köln – „Abgesehen von den stupiden Attacken des „Eingeimpft“-Produzenten (Natalie Grams werde von einem rein „publizistischen Interesse“ umgetrieben, erst hätte sie die Homöopathie „totgeredet“ und jetzt den Film, ihre Motivation sei somit ohnehin klar etc.pp.) erweckte Sieveking den Eindruck, zwar irritiert zu sein von der massiven Kritik – aber verstehen kann oder will er sie nicht.“

Kommentar von Sarah Weiss mit einem Artikel von SWR2-Wissen –  „Übrigens: Wer möchte, dass die eigene Position ernst genommen wird, sollte auch die der anderen ernst nehmen. Während des Masernausbruchs in Berlin gehen Vater und ungeimpfte Tochter zu einer Faschingsparty. Er: verkleidet im Seuchenanzug. Ist das witzig? Nein. Ein Hohn für die verantwortungsbewussten Eltern, die der Party zum Schutz ihres kleinen Babys ferngeblieben sind.“

„Eingeimpft“ im MedWatch-Check Teil 1: Wie fragwürdige Experten Stimmung gegen Impfungen machen – „Die Kritik, dass er diffuse Ängste bedient, sei in Ordnung, sagt Sieveking. „Aber ich glaube, in der Filmdramaturgie ist der Zuschauer schlau genug, das einzuordnen“, sagt er – es spiele „wirklich nur eine untergeordnete Rolle“.

„Eingeimpft“ im MedWatch-Check Teil 2: „Wenn ungeimpfte Kinder sterben, ist das Schicksal“ – wie Verleiher und Produzenten auf die Kritik reagieren.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte – „Der Film behandelt das Thema der individuellen Impfentscheidung in einer Familie und bedient sich der wissenschaftlichen Erkenntnisse nur anekdotisch, er stellt widersprüchliche Szenen und Meinungen – teilweise auch Fehlinformationen und wissenschaftlich widerlegte Hypothesen – nebeneinander, ohne diese einzuordnen. Zuschauerinnen und Zuschauer bleiben am Ende eher ratlos zurück.“

Eingeimpft.de – die offizielle Homepage zum Thema. „Schlimm finden wir, dass im Film aus dieser Angst heraus ein emotionaler Mythos rund um das medizinisch und sozial wichtige Thema Impfen entsteht. Die Entscheidung für oder gegen das Impfen ist aber keine Frage des Gefühls oder der Selbstbestimmung, der persönlichen Zufriedenheit oder des Auslebens einer falsch verstandenen Autonomie.“

to be continued…

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Susannchen – jawoll, Werbung!

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Dass ich Glaubuli und andere homöopathische Behandlung in der Praxis aktiv ablehne, dürfte sich mittlerweise rumgesprochen haben. Vermutlich verliere ich heuer auch wieder ein paar Leser, wenn das Thema erneut auf die Agenda kommt („Immer das Gleiche, ich will mal was anderes lesen, was? Homöopathie finde ich toll, etc.“).

Dabei habe ich bisher versäumt, auf Susannchen explizit einzugehen, auch wenn sie hie und da schon in den Artikeln auftauchte. Susannchen ist die „Familienseite des Informationsnetzwerkes Homöopathie“, welches sich zur Aufgabe gestellt hat, sachlich und zunächst wertfrei über Homöopathie aufzuklären. Wer die Erläuterungen objektiv liest und an sich heranlässt, dem öffnen die Beiträge genug die Augen. Fakten werden illustriert, nicht Meinungen breitgetreten.

flyer-titelSusannchen nun wird aktiver: Für uns Kinderärzte gibt es den Spitzenflyer, mit dem jede/r aktiv in der eigenen Praxis aufklären kann. Wir sollten nicht einfach danebenstehen, die Schultern zucken und die Eltern und Apotheker machen lassen (ganz zu schweigen von den Heilpraktikanten). Aktiv Postion beziehen, denn wir Kinder- und Jugendärzte sind die Experten für die Behandlung der Kids. Wünsche ich mir mehr öffentliche Position seitens unseres Berufsverbandes? Ja.

Den Schwung Flyer, den ich mir bestellt hatte, ist jedenfalls weggegangen wie geschnitten Brot. Hat mich sicher auch ein paar Familien gekostet, aber was soll´s: Bei Jameda ist man dann eben der Kinderarzt der Umgebung mit einer „4“ in „Alternative Heilverfahren“, auch wenn ich mich explizit nur gegen Glaubuli ausspreche. Phyto-, Ordnungs- und Klimatherapie und dergleichen mehr vermittelt der verantwortungsvolle Arzt automatisch ohne grosses Esoterikstudium.
Leider musste Susannchen den restlichen Shop aufgeben, in dem auch Poster, „Visitenkärtchen“ und Aufkleber zu bekommen waren, der DSVGO sei dank. Downloads incl. Memes gibt es aber weiter.

Dann gibt es Artikel zu lesen:
Impfungen
Pseudomedizin
Tiere und Homöopathie
… und natürlich ausreichendes zur Homöopathie allgemein.

Jetzt schnell nochmals eine Runde Flyer bestellen, am Montag beginnt nach dem Urlaub wieder die Arbeit, und es sind noch soviele über Glaubuli aufzuklären.

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Spahn bewegt sich in einem Paralleluniversum


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„Kinder- und Jugendärzte kritisieren Spahn-Pläne

BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach: „Spahn-Vorschlag ist unausgegoren, schadet unseren Patienten und wird Ärztemangel verschärfen!“

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte lehnt den Vorschlag von Gesundheitsminister Jens Spahn ab, Kinder- und Jugenärzte zu längeren offenen Praxisöffnungszeiten zu verpflichten.

BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach: „Die Idee, Kinder- und Jugendärzten verpflichtende offene Sprechstunden vorzuschreiben, zeugt von kaum noch zu überbietender Ahnungslosigkeit. Wir Kinder- und Jugendärzte arbeiten heute schon an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit. Dank des Babybooms in Deutschland versorgen wir Hunderttausend Kinder mehr als noch vor acht Jahren und viel mehr als die veraltete Bedarfsplanung berechnet hat. Und wir versorgen sie gut!!! Eltern mit akut kranken Kindern bekommen in den allermeisten Fällen einen Termin am selben Tag, wenn sie vorher anrufen und kurz ihren Vorstellungsgrund beschreiben. Der Anruf erlaubt es uns, die Patienten so einzubestellen, dass lange Wartezeiten vermieden werden, dass Kinder mit ansteckenden Krankheiten gleich in einen Raum geleitet werden, wo sie andere Kinder nicht anstecken. Die Spahn-Idee bedeutet Chaos pur: Eltern kommen in die Praxen und müssen lange warten, der Kinder- und Jugendarzt oder die -ärztin steht einem Kind gegenüber, von dem er oder sie nicht weiß, warum es in die Praxis gekommen ist, ob es andere Kinder ansteckt etc.
Wir haben Schwierigkeiten, junge Mediziner für die Niederlassung zu gewinnen. Die Spahn-Idee wird auch noch die letzten Ärzte davon abhalten, eine Praxis zu übernehmen. Wir haben Minister Spahn mehrmals Gespräche angeboten, um ihm die Situation in den Kinder- und Jugendarztpraxen zu erklären. Der Minister hat uns bis heute nicht angehört, wir haben ein Papier zur Bedarfsplanung entwickelt, aus dem Ministerium hat niemand darauf reagiert. Wir sind entsetzt, dass wir einen Bundesgesundheitsminister haben, der mit derart unausgegorenen Ideen an die Öffentlichkeit geht. Wir kündigen hiermit Widerstand gegen die Spahn-Pläne an.“
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Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V.

Noch ein paar erweiternde Fakten aus meiner Praxis (es wird vielen Kollegen so gehen):

– Letzte Woche ca. vierzig echte Sprechstunden-Stunden, das ist der Sommer. Im Winter klettern wir gerne auf 60-70 Wochenstunden hoch. Ausgenommen davon sind Arbeitszeiten für administrative Arbeiten, please add 1-2 Stunden am Abend. (Achja, und Notdienst am Wochenende gibts auch ab und zu)
– Wir haben eine große „Versorgerpraxis“ mit ungefähr 150% über dem Fallgruppendurchschnitt, d.h. ein Kinderarzt versorgt ca. 1000 Patienten pro Quartal, wir liegen ca. bei 1400-1500 Patienten pro Zulassung.
– Eltern, die bei uns anrufen, erhalten bei einer Akuterkrankung in jedem Fall am gleichen Tag einen Termin. Die fMFA sind geschult und entscheiden, ob evtl. ein Termin in einem oder zwei Tagen ebenfalls ausreicht.
– Wartezeiten bei uns für Vorsorgetermine: ca. 2 Monate, für Impfungen ein Monat. Oft impfen wir aber auch spontan, wenn eine aktuelle Impfung ansteht.

– Eine offene Sprechstunde würde das System konterkarieren:
a) De facto gibt es in Hausarztpraxen bereits offene Sprechstunden: Es kommen bereits jetzt 4-5 Patienten ohne Termin, diese würden sich auch nicht an eine „geplante“ offene Sprechstunde halten.
b) Eine offene Sprechstunde füllt sich schnell, wir sehen das im Notdienst – niemand kann die anlaufenden Patienten just in time abarbeiten, bedeutet, dass Patienten, die dann zur Bestellsprechstunde eintreffen, Wartezeiten haben.
c) Offene Sprechstunde bedeutet automatisch Wartezeit für die Kinder, das macht mit kranken Kindern keinen Spass. In unserer Bestellsprechstunde haben wir Wartezeiten in der Praxis von maximal 20 Minuten.
d) Offene Sprechstunde bedeutet Risiko für Infektionen. Eine gute fMFA kann bereits am Telefon die ansteckenden von den gesunden Kindern trennen und diese entsprechend einplanen.

Außerdem
– Ein Geldanreiz für eine offene Sprechstunde wird keinen Arzt locken. Warum auch? Wir können nur einen Porsche fahren (Wo läge der Anreiz? Statt 35 Euro Flatratemedizin pro Patient und Quartal dann 36,49 Euro?)
– Es gibt doch gar keine Nachwuchsärzte, die ein Mehr an ambulanten Sprechstunden abdecken könnten. Politische Verordnungen wie oben schrecken junge Ärzte noch mehr ab, hausärztlich tätig zu werden.
– Unser Gesundheitssystem ist ein „Mitnahme“-System: Viele Patienten verstopfen die haus- und fachärztlichen Termine mit unnötigen Vorstellungen oder Zweit- oder Drittvorstellungen.
– Es fehlt an medizinischer Bildung: Vielleicht setzt sich Herr Spahn mal mit Frau Kollegin von der Bildung zusammen und plant eine Task Force, wie man bereits Kindern und Jugendlichen in der Schule medizinisches Grundwissen und Fakten- statt Meinungscheck vermittelt.
– Medizinische Beratung (!) darf niederschwelliger werden: Warum nicht wieder Kindergarten- oder Schulkrankenschwestern einstellen, die Schulungen, aber auch kleine medizinische Versorgungen durchführen können?

Wir freuen uns bereits auf die offene Sprechstunde im Gesundheitsministerium – ab sofort von 9 bis 10 Uhr, tagtäglich, mit Pflichtanwesenheit des Herrn Minister.

(c) Bild bei Olaf Kosinsky (kosinsky.eu) Licence: CC BY-SA 3.0
via Wikimedia Commons

 

Addendum:

Herr Spahn hat auf einen Tweet von mir geantwortet… und zeigt, dass er weiter der Illusion verhaftet ist, Ärzte brauchen nur Geldanreize, dann machen sie alles mit. Nene, Herr Minister, mit uns nicht:

 

Wochenendkarriere

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Eltern machen sich Sorgen, wenn ihre Kinder krank sind. Niemand versteht das besser, als ein Kinderarztvater. Das Folgende erlebte dieses Kind am Wochenende:

Sunja-Marie (2,5 Jahre) hat am Samstag Nachmittag zweimal erbrochen. Die Eltern fuhren mit ihr daraufhin in die nahegelegene Kinderklinik, trafen dort – schließlich war es schon 23:23 Uhr – auf den diensthabenden Arzt der Kinderklinik (Zweites Jahr Pädiatrie).
Untersuchung des Kindes. Eintrag des Kollegen: „Guter AZ, Gastroenteritis. Kind weint viel bei Untersuchung. Keine spezifische Therapie.“
Die Eltern fahren nach Hause. Sunja-Marie liegt um kurz vor 1 Uhr nachts in ihrem Bett.

Am nächsten Tag, Sonntag, isst sie „nichts“, so die Eltern. Auf genaueres Nachfragen am Montag (siehe weiter unten) trank sie morgens eine Flasche Kuhmilch. Aus der Flasche. Kuhmilch. Noch im Bett.
Bis zum Mittag wollte sie nichts essen.
Das Mittagessen verschmäht sie, sie bekommt noch ein Flasche Milch.

Da das Kind auch am Abend „nichts“ gegessen hat, denken die Eltern, man könne mal Fieber messen. Sie hat „Fieber“ (wieder die Eltern am Montag, siehe unten), genauer „Achtunddreißigzwo, im Po“.
Man fährt wieder in die nahegelegene Kinderklinik, diesmal etwas früher am Abend, immerhin 20:15 Uhr, sie treffen auf die diensthabende Kollegin aus der Niederlassung.
Untersuchung des Kindes. Eintrag der Kollegin auf dem Vertretungsschein: „Kind esse nicht. Erbrechen am Vortag. Brüllt während der gesamten Untersuchung. Kein pathologischer Befund. Temperatur normal.“
Die Eltern fahren nach Hause. Schlafen gegen 23 Uhr.

Montag.
Die Eltern fahren mit Sunja-Marie in unsere Praxis. Ohne Termin. Hier verbringen sie zwei Stunden, da zwischen 9 Uhr und 11 Uhr am Montagmorgen üblicherweise in Kinderarztpraxen der Punk abgeht. Allerdings mit geplanten Terminen.
Die Eltern berichten alles, wie oben beschrieben. Auf meine Frage, was ich heute für sie tun kann, da schon zwei Kollegen am Wochenende das Kind gesehen haben: „Sie hat heute morgen nur ein halbes Toast gegessen. Und eine Flasche Milch. Außerdem nochmal checken, ob alles in Ordnung ist.“
Untersuchung des Kindes. Nicht angenehm für Sunja-Marie. Sie möchte keine Ärzte mehr sehen, möchte nicht mehr untersucht werden. Sie macht einen sehr vitalen (also abwehrigen, brüllenden, zornigen) Eindruck. Ich finde nichts Pathologisches an ihr.

Gespräch mit den Eltern über Krankheitsverläufe bei Kleinkindern, mangelndem Appetit, Fehlernährung im Kinderkrippenalter und Versicherung, dass das Kind vermutlich kerngesund sei.

Vater: „Dann kommen wir vielleicht am Mittwoch nochmal. Zur Sicherheit.“

 

(c) Bild bei pxhere (CC0 Lizenz)

Quickblogging von heute

My Real Facepalm

Was hatten alle diese Kinder gemeinsam?

– Dreijähriger mit eitrig laufender Mittelohrentzündung
– Fünfjährige mit Ohrenschmerzen (Trommelfell nur rot, Kind aber unter Tränen)
– Viereinhalbjähriger mit Bindehautentzündung
– Vierzehn Monate mit 39,2 Grad Fieber (und Erkältung)
– 12jährige mit Sonnenbrand, also Verbrennung I. Grades am ganzen Rücken

… Na?

Eine/n Mutter/Vater, die/der nach der Anamnese, Untersuchung, Therapie und Beratung die rethorische Fragen stellte:
„Aber heute nachmittag ins Freibad, das geht schon?“

(c) Bild bei Flickr/Joe Loong (unter CC Lizenz BY-SA 2.0)

One more thing

hooikoorts / hayfever

Der junge Mann leidet. Die Augen jucken, die Nase läuft, rot sind die Hautstellen unter beidem (medizinisch: periorbital und nasolabial). Der Heuschnupfen hat zugeschlagen, dieses Jahr die dritte Saison in Folge, damit erfüllt er alle Kriterien der chronischen Erkrankung. Die letzten zwei Jahre habe sie sich wohl so durchgerettet, jetzt soll der Arzt Abhilfe schaffen.

Ich untersuche ihn, mache mir ein Bild, finde keine Lungenbeteiligung (Asthma im dritten Jahr wäre richtig Sch…), die Mutter berichtet von der familiären Belastung mit Allergien (es ist immer der Vater, immer der Vater). Ich hole aus, berate zu begleitenden Maßnahmen wie Fenstergeschlossenhalten in der Nacht, Auswaschen der Haare, Kleidung in die Wäsche und dergleichen und spreche über die Akuttherapie. Augentropfen, Nasentropfen, wahlweise -spray, zunächst ein einfaches Antiallergikum, man muss sich auch steigern können. Ich verweise auf die Regelmäßigkeit und Konsequenz der Behandlung, auf das vorbeugende Prinzip: Nicht warten, bis die Allergie je Tag explodiert, sondern morgens gleich Prophylaxe betreiben, wenn die Wetter-App Sonnenschein verkündet.

Rezepte werden verteilt, ein Pollenflugkalender, die Bitte, sich nach der Saison wieder zusammen zu setzen, um eine mögliche Behandlung, eine Hyposensibilisierung, eine „Allergieimpfung“ zu besprechen. Und sich ja zu melden, wenn der „Etagenwechsel“ einsetzt, mehr Husten, Atemnot, Kurzatmigkeit, die Lunge beteiligt ist.

Soweit, so gut.

Merke: Die Behandlung ist erst beendet, wenn der Patient die Praxis verlässt. In der Arztpraxis kommt die entscheidende Frage stets beim Verabschieden, wenn die Klinke schon in der Hand liegt, die berühmte Columbo-Frage: „One more thing. Eine Frage noch.“
Und so auch hier: Wir verabschieden uns schon, Hände werden geschüttelt, da bleibt die Mutter in der Tür stehen. „Eine letzte Frage noch, Herr kinderdok. Ich dachte“, sagt die Mama, „wir versuchen es doch erst einmal mit … Globuli. Ist das ok?“

Keine Ahnung, ob meine Stimmung heute nicht die passende war, ob meine Empathie beim Patienten davor aufgebraucht wurde, ob mir der Junge einfach nur leid tat, jedenfalls:
„Denken Sie wirklich, dass Sie Ihren Sohn in diesem Jahr wirklich mit Zucker behandeln möchten? Wenn Sie ihn jetzt ansehen, wie die Nase läuft, die Augen jucken? Sie haben erzählt, Sie mussten ihn letzte Woche zweimal aus der Schule abholen und beim Fussballturnier am Wochenende habe er auch das Spiel abgebrochen. Ganz ehrlich: Die Verschleppung einer Behandlung, die jede Leitlinie empfiehlt und in jedem seriösen Lehrbuch nachzulesen ist, wäre ein Kunstfehler und eine unnötige Gesundheitsgefährdung.
Nein, Frau Hansen, ich denke, Globuli sind nicht ok!“

 

(c) Bild bei flickr/Marko Raaphorst (CC Lizenz BY 2.0)

Siehe auch: Susannchen

Der Fünf-Minuten-Grippeappell

Wir ertrinken in Patienten, in besorgten Eltern, in Husten, Schnupfen, Fieber, „so krank war er noch nie“, „wird denn das gar nicht besser“ und „wir machen uns Sorgen“. Das Personal ist am Limit, selbst dezimiert wegen eigener Rotzenasen oder eigener -kinder, die Kindergärten machen Kleingruppenunterricht oder schließen komplett, weil die Erzieherinnen fehlen. Die Schulen verlangen Krankenatteste wegen der Grippewelle, als merke man dasnichtauchso bei dem Hustengeräuschepegel im Unterricht. Geplante Termine wie Impfungen oder Vorsorgeuntersuchungen versuchen wir auf ruhigere Monate zu verschieben, wenn das geht (aber Säuglings-Us kannst Du eben nur jetzt machen), damit die Gesunden sich bei uns nichts holen, die erhaltenen Termine zu Impfungen und Vorsorgen werden nicht wahrgenommen (aber auch nicht abgesagt), die Kinder waren eben kurzfristig krank (und das Telefon wohl defekt). Die fMFA schichten mit Früh- und Spätdienst, teils mit „Kernzeit“, um den größten Run abzufedern, wir Docs schaffen sogutesebengeht durch, in den letzten drei bis vier Wochen mit einer Wochenarbeitszeit von ca. 50-60 Stunden. Die ersten drei Tage der Woche sind die schlimmsten, kein Feierabend vor 20 Uhr, Montag kommen die „vom Wochenende krank“ und die „Kinder-Krank-Schein“-Nachfrager, Dienstag die Verschobenen vom Montag, Mittwoch die Vertretungen, Donnerstag ebbt es kurz ab und Freitag schließlich die „vor dem Wochenende, falls es schlimmer wird“. Alle sind sie krank, keine Frage, am Telefon versuchen die fMFA, in der Triage die dringlichsten Fälle herauszufiltern, aber wer will das am Telefon schon entscheiden? Sie versuchen, allen Termine zu geben, heute oder gleich morgen, vielleicht erst um Neunzehnvierzig (was sollen wir schon machen), bitten um Geduld und Entschuldigung, bekommen Verständnis und Ungeduld. Auch wenn sich die Fälle wiederholen, auch wenn die Eltern nach den berühmten drei Tagen erneut kommen, weil „immer noch nicht besser“ („ja, aber eine Grippe dauert nun mal sieben bis zehn Tage“ – „ja, schon, aber  können Sie nicht doch ein Antibiotikum…?“), auch wenn für *jede* Familie ihr *eigenes* Kind das wichtigste ist und der Drehpunkt aller Krankheiten:

Leute…! Es. Sind. Alle. Krank. Und alle wollen Rettung.

Und Leute…! Es wird besser. Es wird immer besser. Jedes. Jahr.

(c) Bild bei Flickr/William Brawley (Creative Commons CCBY2.0)

Spielen um halb zwei

Final night

Mutter: „Herr Dokter, ich habe ein Problem mit meinem Sohn, der hat eine Schlafstörung.“
Der junge Mann ist dreieinhalb Jahre alt.
Mutter: „Wissen Sie, der geht nach dem Fernsehen um 21 Uhr ins Bett. Da trinkt er noch seine Flasche, dann steht er um elfe wieder auf und kommt zu mir rüber und weckt mich, dass er jetzt spielen will.“
Ich: „Und dann?“
Mutter: „Dann will er puzzeln, oder er macht den Fernseher an oder die Rolladen hoch. Ich weiß gar nicht, was ich machen soll.“
Ich: „Was machen Sie denn, damit er das lässt?“
Mutter: „Ich spiele dann kurz mit ihm, er will das ja so. Aber Fernsehen oder Rolladen, da schimpf ich dann schon. Letztens lag ich im Bett und da hat er an meinen Augenwimpern gezupft, dann hat er gesagt, Mama, Du hast die Augen auf, los, spiel mit mir. So was…“
Ich: „Was kann ich da tun?“
Mutter: „Der hat doch was. Solche Schlafstörungen sind doch nicht normal.“
Ich: „Ich bin ja kein Pädagoge, sondern auch nur Vater, aber ist das vielleicht eine Frage der Erziehung?“
Mutter: „Meinen Sie? Achso…“

(c) Bild bei Flickr/Matt (CC Lizenz)

Servicewüste Kinderarztpraxis

Telefon

 

Vater: „Ja, hallo, meine Frau ist krank, und kann nicht auf meinen Sohn aufpassen, deshalb muß ich zuhause bleiben und brauche eine Krankschreibung.“
fMFA: „Was hat denn Ihr Sohn?“
Vater: „Nichts, der ist gesund, aber meine Frau ist krank.“
fMFA: „Oh, Sie haben die Kinderarztpraxis Dr. kinderdok gewählt.“
Vater: „Ja, das weiß ich, ich brauche eine Krankschreibung, für den Arbeitgeber, dass ich zuhause bleiben kann.“
fMFA: „Aber Ihr Sohn ist nicht krank.“
Vater: „Das sagte ich schon. Meine Frau ist krank. Und. Ich. Muss. Deswegen. Zuhause. Bleiben.“
fMFA: „Tut mir leid, aber wir können nur eine Bescheinigung für den Arbeitgeber rausschreiben, wenn Ihr Kind krank ist und Sie deswegen zuhause bleiben müssen.“
Vater: „Meine Frau ist krank.“
fMFA: „Ich habe das verstanden, aber solange Ihr Sohn nicht…“
Vater: „Wissen Sie was? Mein Sohn ist krank. Ich brauche eine Bescheinigung, dass ich zuhause bleiben kann. Für den Arbeitgeber.“
fMFA: „… und was hat Ihr Sohn. Wann haben Sie denn Zeit vorbeizukommen, um ihn untersuchen zu lassen?“
Vater: „Geht´s noch? Jetzt soll ich auch noch vorbeikommen?“

(c) Foto bei Flickr/Idaponte (unter CC BY-SA 2.0)

Die Katze geht zum Arzt, nicht zum Heilpraktikant

Unsere Katze hat immer wieder diese kleinen schwarzen Punkte unter dem Kinn, sieht aus wie Mohnkrümel oder schwarze Schuppen. Es scheint, zu jucken, denn gerne schabt sie mit dem Kinn auf der Couch herum. Nach einiger Zeit wird es besonders wüst: Die Haare gehen an der Stelle aus, vor zwei Monaten war ein Mundwinkel richtig wund geworden.

Der Tierarzt nennt das salopp „Katzenakne“, keine Ahnung, ob das stimmt, bei meinen Kindern google ich nicht irgendwelche Krankheiten, sondern verlasse mich auf den Experten. Als der Tierarzt mitbekam, dass ich was mit Medizin mache, murmelte er etwas von Autoimmunerkrankung, „nicht so schlimm“, und dass Cortison ja immer helfe, oder nicht?

Das war dann auch so: Die ein- bis zweimonatliche Spritze tat Wunder, die Hautveränderungen gingen zurück, die Katze war wieder glücklich. Der Behandlungsversuch zuvor mit antibiotischer Salbe scheiterte am Gefauche der Dame und dem Unvermögen des therapierenden Herrchens. Antibiotische Salbe bei Autoimmunerkrankung? Ok, wohl für die Superinfektion.

Im Wartezimmer kam ich ins Gespräch, eine Dame erzählte mir, sie gehe immer zuerst zu dem Tierheilpraktiker im Nachbarort. Eine schöne Praxis gebe es da, in schönen Farben und schönen Gerüchen, man merke, die Tiere fühlten sich gleich viel wohler. Da werden die Tiere auf dem Schoß der „Eltern“ untersucht, sagte sie, nicht, wie hier, auf einem kalten nackten Tisch. Sie zeigte auf ihren bereits grauhaarigen Yorkshire-Terrier, der müde hechelnd unter ihrem Stuhl saß. Es war ein heißer Tag. Der Tierheilpraktiker könne sicher auch was für unsere Katze tun, meinte sie. Und wo man das Geld nun ausgebe, sei doch egal, meinte sie.

Fand ich nicht. Wer ein Haustier hat, weiß, wie teuer ärztliche Behandlungen sein können. Es gibt zwar Tierkrankenversicherungen, aber, Hand aufs Herz, wer schließt die schon ab, wenn man nicht gerade einen Araberhengst im Schuppen stehen hat? So bleibt einem die Überraschung, wenn die Arzthelferin nach der EC-Karte fragt.

Und jetzt soll ich das Geld für Heilpraktikanten ausgeben? Da ist die Erstverschlechterung meiner Begeisterung inklusive. Katzen sind doch Einflüsterungen von außen sowieso nicht zugänglich. Denkt wirklich jemand, dass eine Katze auf Placebos reinfällt? Ein Hund vielleicht, ok, der freut sich über alles, was Frauchen oder Herrchen ihm Gutes tut, da ist die Placebo-by-proxy-Wirkung schon in der Tierart implementiert. Aber Katzen? Da die immer das Gegenteil von dem machen, was wir wollen, müsste ich ja am Ende statt „Similia similibus curentur“ „Contrarium contrario curentur“ anwenden (und man lege mich bitte nicht auf die richtige Deklination fest).

Vielleicht hilft ja Chiropraxie oder Osteopathie bei der Katzenakne? Der Gemütliche Riese aus Norddeutschland (RIP) hätte vielleicht auch das bei unserer Tigerin eingerenkt. Jedenfalls erschlüge sicher sein Charisma unsere Überzeugung. Im Fernsehen war es auf jeden Fall gut anzusehen. Spaß beiseite. Aber es denkt wohl niemand, das Schröpfen bei den Fellungeheuern irgendwas bewirkt, oder? Wie soll der Heilpraktikant denn da auch ein ordentliches Vakuum aufbauen?

Dann vielleicht die Akupunktur. Unsere Katze ist immer hellauf begeistert, wenn sie die Cortisonspritze oder ihre Impfungen bekommt. Ihr Instinkt meldet das schon fünf Minuten vorher an. Wenn dann die Tierärztin mit dem Besteck klappert, wird aus dem wilden Tiger endgültig die Feldmaus, die wir immer schon in ihr vermutet haben. Also dann Akupunkturnadeln? Und wer will die wiederfinden nach getaner Arbeit? Obwohl, man könnte die Nadel mit Fähnchen …

Ich gehe also weiterhin zu Dr. Engel (doch, so ungefähr heißt der tatsächlich) mit seiner Grummelstimme und dem sterilen Metallbeckenuntersuchungstisch mit Abflusseinrichtung. Der hat das – denke ich mal – auch richtig studiert. Der Tierheilpraktiker aus dem Nachbarort hat vielleicht schnell 2.000 Euro in die Hand genommen, ist von Haus aus Bankkaufmann und „mit Tieren groß geworden“. Wenigstens folgen beide ihrer Berufung. Aber ich muss nicht allem hinterher rennen.

Kurzer Faktencheck

(Der Faktencheck wurde der Infoplattform www.tierheilpraktiker.net entnommen. Ergänzen sollte ich, dass der Hinweis auf Praktika, d.h. die Arbeit direkt am Tier nicht bei allen Ausbildungsanbietern zu finden ist.)

Interessant in diesem Zusammenhang fand ich auch die beiden Artikel „Aber bei Kindern und Tieren hilfts doch auch“ und „So wirken Placebos bei Tieren“.

(c) Bild bei Werner Mandl/Flickr unter CC-Lizenz

Dieses Posting erschien ursprünglich bei DocCheck Blogs.

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